Bastarde auch von nahe verwandten Arten bilden häufig kräftigere

Vegetationsorgane, blühen früher, länger und reichlicher als die

Stammeltern; dabei sind die Blüten oft größer, prächtiger und zur

Füllung geneigt. Dieses luxurierende Wachstum und die gesteigerte

Neigung zu Abänderungen #machen die Bastarde ganz besonders

wertvoll für die Gärtnerei und die Landwirtschaft#.

+Vererbung von Bastarden+[239]. Dem ersten Forscher, der Bastarde

experimentell zu wissenschaftlichen Zwecken erzog, JOSEPH GOTTLIEB

KÖLREUTER (1761), waren diese aus ganz anderen Gründen von Interesse

als uns heutzutage. Sie waren ihm ein unwiderleglicher Beweis für

die #Sexualität der Pflanzen#, an der man so oft gezweifelt hatte.

Heute sind die #Vererbungsfragen#, die sich an die Bastarde knüpfen,

in erster Linie wichtig. Für das Studium der Vererbung aber sind

Artbastarde viel zu kompliziert. Dagegen ist es bei Benutzung nächst

verwandter Formen zuerst 1866 GREGOR MENDEL in Brünn gelungen, gewisse

#Gesetzmäßigkeiten# zu entdecken, die unbeachtet blieben und erst,

nachdem sie dann 1900 gleichzeitig von DE VRIES, CORRENS und TSCHERMAK

wiederentdeckt worden waren, die wissenschaftliche Welt bewegten. Um zu

diesen Gesetzen oder Regeln zu gelangen, mußte MENDEL die Bastarde in

#mehreren# aufeinander folgenden Generationen verfolgen und mußte alle

auftretenden Individuen #statistisch# betrachten.

1. #Uniformität der Bastarde#. In der #ersten Generation# sind alle

Bastardpflanzen untereinander völlig gleich. Im Einzelfall können

sie dabei entweder eine genaue #Mittelbildung# zwischen den Eltern

vorstellen (#intermediäre Vererbung#), oder sie können ganz oder

vorwiegend dem #einen# Elter gleichen (#dominierende Vererbung#).

[Illustration: Fig. 270. Mirabilis Jalapa alba und rosea nebst ihrem

Bastard in erster und zweiter Generation. Schema nach CORRENS.]

Ein Beispiel für intermediäre Vererbung liefern die Bastarde von

Mirabilis Jalapa rosea und alba, zwei Rassen der Wunderblume, die sich

nur darin unterscheiden, daß die eine rote, die andere weiße Blüten

besitzt. Der Bastard hat hellrote Blüten (Fig. 270). -- Der andere

Fall wird z. B. vom Bastard zwischen zwei Brennesseln geliefert,

Urtica pilulifera und Dodartii, von denen die erste scharf gesägte,

die zweite nur schwach gezackte Blätter besitzt. Hier ist die erste

Bastardgeneration nicht von Urtica pilulifera zu unterscheiden,

da alle Pflanzen mit scharf gesägten Blättern vorsehen sind (Fig.

271). Es bedurfte einer besonderen, gründlichen Untersuchung von

CORRENS, um nachzuweisen, daß wenigstens in der Jugend ein kleiner

Unterschied zwischen diesen Bastardpflanzen und reiner pilulifera

besteht. In diesem Falle sagt man, Urtica pilulifera „#prävaliert#“

oder „#dominiert#“, während Dodartii sich „#rezessiv#“ verhält. --

Welche Merkmale bei der Kreuzung prävalieren werden, läßt sich nicht

voraussagen, sondern nur durch Erfahrung bestimmen; meist sind es

phylogenetisch #ältere# Merkmale, die prävalieren.

[Illustration: Fig. 271. Der Bastard von Urtica pilulifera und Urtica

Dodartii in drei Generationen nebst den Eltern. Schema nach CORRENS.]

2. #Spaltungsregel.# In der zweiten Generation der Bastardpflanzen, die

durch Bestäubung der Blüten erster Generation mit ihrem eigenen Pollen

oder dem von gleichen Pflanzen entsteht, tritt nun aber eine #große

Überraschung# auf. Die zweite Generation ist nicht mehr gleichförmig,

sondern besteht aus #verschiedenen# Pflanzen. In den einfachen Fällen

von Mirabilis oder Urtica, wo die Eltern nur in einem #einzigen#

Merkmal sich unterschieden, ist die Gesetzmäßigkeit der #zweiten#

Bastardgeneration leicht zu erkennen: es treten bei Mirabilis dreierlei

Pflanzen in ganz bestimmten Zahlenverhältnissen auf, nämlich 50%, die

so aussehen wie die I. Bastardgeneration, 25% die der #einen# und

25% die der #anderen# Elternpflanze gleichen. Es blühen demnach 50%

rosa, 25 rot und 25 weiß. Der Bastard ist also wenigstens zum Teil,

hier zur Hälfte, wieder auseinander gefallen, indem ein Viertel reine

Vaterpflanzen, ein anderes Viertel reine Mutterpflanzen und nur noch

die Hälfte Bastarde sind. Daß diese Deutung richtig ist, ergibt die

III. und alle folgenden Generationen, in denen bei weiter fortgesetzter

Inzucht in der Tat alle Nachkommen der in Generation II weiß oder rot

blühenden Pflanzen #unverändert# bleiben, während die Nachkommen der

rosablütigen weiter im gleichen Verhältnis zerfallen. Diesen Zerfall

nennt man das #Spalten# der Bastarde. In den folgenden Generationen

treten die Mischlinge mit rosa Blüten der Zahl nach natürlich immer

mehr gegen die roten und weißen Pflanzen zurück, so daß sie in der 8.

Generation nur noch 0,75% ausmachen; dieser kleine Rest aber „spaltet“

weiter.

Bei #Dominanz# des einen Merkmals gestaltet sich das Spalten, wie

das Schema der Fig. 271 für Urtica zeigt, etwas anders. In der II.

Generation gleichen 25% Urtica Dodartii; da sie auch in den folgenden

Generationen unverändert bleiben, so sind sie #reine# U. Dodartii. 75%

aber gleichen Urtica pilulifera. Sie sind indes nicht einheitlich;

ein Drittel von ihnen ist reine Urtica pilulifera, zwei Drittel sind

Mischlinge, die in den folgenden Generationen in der gleichen Weise

spalten wie in der II., also im Verhältnis 3 : 1.

Theoretisch sucht man seit MENDEL die Spaltungsregel durch die Annahme

zu verstehen, daß in den Mischlingen #beiderlei Anlagen# unverändert

weiter bestehen und sich bei der Ausbildung der Geschlechtszellen zu

gleichen Teilen auf diese verteilen. Die #Geschlechtszellen# der rosa

blühenden Mischlinge besäßen demnach keinen Mischlingscharakter mehr,

sondern hätten sich in rein „rote“ und rein „weiße“ Geschlechtselemente

geschieden. Bei der Befruchtung wird dann die zu neuen Mischlingen

führende Verbindung rot × weiß (weiß ♀ × rot ♂, rot ♀ × weiß ♂) doppelt

so oft möglich sein als die Verbindung rot × rot oder weiß × weiß.

In sehr anschaulicher Weise werden die Tatsachen der Vererbung durch

#Symbole# dargestellt. Man bezeichnet die einzelnen Anlagen oder Gene

mit Buchstaben. Hat also eine bestimmte Pflanze die Gene _A_, _B_,

_C_, _D_,... _X_, so wird ein durch Reinzucht erzeugter Nachkomme

die „Erbformel“ _AA_, _BB_, _CC_, _DD_... _XX_ besitzen, denn er hat

ja jeweils von Vater und Mutter die gleichen Anlagen mitbekommen.

Unterscheiden sich aber die zwei geschlechtlich verschiedenen

Keimzellen in #einem# Gen, so wird in diesem dann der Nachkomme

heterozygot sein. Nennen wir die Anlage für Rotfärbung bei Mirabilis R

(rot), so wird durch r das entsprechende nichtrote, also #weiße# Gen

bezeichnet.

In diesem Fall könnte man ebensogut der Anlage für #weiß# den

großen Buchstaben geben und rot als #nicht# weiß mit kleinen

Buchstaben bezeichnen. Wenn aber #Dominanz# besteht, bezeichnet man

stets das dominierende Merkmal mit großem, das rezessive Merkmal

mit kleinem Buchstaben.

Indem man dann alle Merkmalspaare, in denen Gleichheit besteht,

wegläßt, nimmt das Symbol für die Vererbung folgende Gestalt an:

Eltern RR (rot) rr (weiß)

Deren Geschlechtszellen {♂ 100% R ♂ 100% r

{♀ 100% R ♀ 100% r

Bastard I. Generation Rr (rosa)

Dessen Geschlechtszellen {♂ 50% R 50% r

{♀ 50% R 50% r

Deren Kombinationen RR, Rr, rR, rr.

Aus der letzten Zeile kann man also die Spaltung, die in der II.

Generation eingetreten ist, direkt ablesen: 25% RR müssen rot, 25% rr

weiß blühen; beide sind Homozygoten; 50% aber sind Heterozygoten rR,

blühen rosa und spalten weiter. Wenn aber rot über weiß dominierte, so

würde man ebenfalls aus dieser Zeile ablesen können, daß 25% weiße und

75% rote Blüten in der II. Generation auftreten müssen, und daß von

letzteren ⅓ homozygotisch, ⅔ heterozygotisch sind.

3. #Autonomie der Merkmale.# Waren die Eltern in #zwei# Merkmalen statt

in #einem# voneinander verschieden, liegen also statt Monohybriden

sog. Dihybriden vor, so zeigt es sich, daß die einzelnen Merkmale beim

Spalten unabhängig voneinander sich verteilen können (#Autonomie# der

Merkmale). Dementsprechend können #neue Kombinationen# der Merkmale in

den Nachkommen auftreten, was ebenso für die Pflanzenzüchtung wie für

das Verhalten der Pflanze in der Natur von großer Bedeutung ist. Aus

der Kreuzung einer Maissorte mit #glatten, weißen# und einer zweiten

mit #runzligen#, #blauen# Körnern erhält man als #neue# Kombinationen

glatte blaue und runzlige weiße Körner.

Dieses Resultat läßt sich leicht aus der nachstehenden symbolischen

Darstellung entnehmen. Da glatt über runzlig dominiert, bezeichnen

wir glatt mit G, runzlig mit g; da blau über weiß dominiert,

schreiben wir B blau und b weiß.

Eltern: Gb gB

I. Generation: Gg Bb

glatt, blau

Keimzellen: GB Gb gB gb

#Kombinationen dieser Keimzellen#:

--------|--------+---------+----------

GB | GB | GB | GB

GB | Gb | gB | gb

glatt | glatt | glatt | glatt

blau | blau | blau | blau

--------+--------+---------+----------

Gb | Gb | Gb | Gb

GB | Gb | gB | gb

glatt | glatt | glatt | glatt

blau | weiß | blau | weiß

--------+--------+---------+----------

gB | gB | gB | gB

GB | Gb | gB | gb

glatt | glatt | runzlig | runzlig

blau | blau | blau | blau

--------+--------+---------+----------

gb | gb | gb | gb

GB | Gb | gB | gb

glatt | glatt | runzlig | runzlig

blau | weiß | blau | weiß

Man entnimmt diesem Schema, daß eine Spaltung in folgenden

Verhältnissen eingetreten ist:

9 glatt blau: 3 glatt weiß: 3 runzlig blau: 1 runzlig weiß,

auch zeigt das Symbol, daß nur 4 von den 16 Kombinationen

homozygotisch sind, nämlich

GB Gb gB gb

GB Gb gB gb.

Die 12 anderen sind Heterozygoten und spalten in der Folge.

Das wichtigste Resultat, das man diesen Vererbungsforschungen entnehmen

kann, ist: #daß zwei Organismen bei ganz verschiedenem Gehalt an

Anlagen doch ganz gleich aussehen können; nicht das Aussehen, sondern

nur die Vererbungsanalyse kann also den Gehalt an Anlagen aufdecken#.

+Rückkreuzung.+ Das Ergebnis einer Rückkreuzung eines Bastardes

mit einer der Stammarten läßt sich am einfachsten unter Verwendung

unserer Symbole verstehen. Wenn wir eine Pflanze AA mit einem Bastard

Aa kreuzen, so bildet AA nur einerlei Geschlechtszellen A, während

der Bastard Aa Geschlechtszellen A und a bildet. Demnach werden in

50% der Fälle A mit A, in anderen 50% A mit a zusammenkommen. Die

Hälfte der Pflanzen sind wieder Bastarde, die andere Hälfte artreine

Mutterpflanzen.

+Geschlechtsbestimmung+[240]. Es hat sich nun gezeigt, daß die

Vererbung des Geschlechtes bei diözischen Pflanzen, von der S. 275

schon die Rede war, nach der MENDELschen Regel, genauer nach dem

eben erörterten Schema der Rückkreuzung erfolgt. In Versuchen von

CORRENS wurde die #monözische# Bryonia alba mit der #diözischen#

Bryonia dioeca gekreuzt. Bryonia dioeca-Weibchen mit dem Pollen von

Bryonia alba belegt, ergaben ausschließlich #Weibchen#; dagegen

ergab die Kreuzung alba ♀ × dioeca ♂ 50% Männchen und 50% Weibchen.

CORRENS deutet dieses Resultat so: es bestehen bei diözischen

Pflanzen zwei Sippen, die nur durch Kreuzung sich erhalten können.

Bei der Kreuzung #dominiert# das Merkmal #männlich#; #weiblich# ist

#rezessiv#. Die Weibchen müssen im Geschlechtsfaktor homozygotisch

sein (aa), die Männchen heterozygotisch (Aa). Es müssen sich in

der Hälfte der Fälle die Faktoren aa kombinieren und das gibt

Weibchen; in der anderen Hälfte aber A und a, und das gibt, weil

A dominiert, Männchen. Bei den Versuchen mit Bryonia kommt zu dem

geschlechtsbestimmenden Faktor A noch ein zweiter hinzu, den wir Z

nennen und der aus einer monözischen eine diözische Pflanze macht.

Die Erbformeln sind also:

Bryonia alba zzaa Geschlechtszellen za

„ dioeca Männchen ZZAa „ ZA und Za

„ „ Weibchen ZZaa „ Za.

Die beiden reziproken Kreuzungen lauten dann so:

dioeca ♀ + alba ♂ = Za + za = Zzaa; #alle weiblich#

alba ♀ + dioeca ♂ = {za + ZA = ZzAa; 50% männlich

{za + Za = Zzaa; 50% weiblich.

Die Annahme, daß die weibliche Pflanze homozygot mit der Erbformel

aa, die männliche heterozygot mit der Erbformel Aa ist, macht

auch verständlich, warum in der Natur die Männchen annähernd in

gleicher Menge vorzukommen pflegen wie die Weibchen. Da man ferner

im allgemeinen nicht in der Lage ist, einen Einfluß auf die Paarung

der Gameten auszuüben, so kann man das Verhältnis der beiden

Geschlechter nicht ändern. In einigen Fällen ist das CORRENS aber

doch geglückt, z. B. bei Melandrium. Wird hier die Narbe mit wenig

Pollen bestäubt, so erhält man 43% ♂ Pflanzen, wird aber viel

Pollen aufgetragen, so treten nur 30% ♂ auf. CORRENS erklärt dieses

Resultat so: Die Pollenkörner mit der Anlage a, die also Weibchen

geben, sind raschwüchsiger. Bei Aufbringen von viel Pollen findet

eine Konkurrenz zwischen Eizellen und Pollenschläuchen statt, und

die raschwüchsigen Schläuche haben mehr Wahrscheinlichkeit, zur

Paarung zu kommen, als die langsam wachsenden. Auch in anderen

Eigenschaften, wie z. B. Resistenz gegen Alkohol und gegen

Austrocknung, unterscheiden sich die zweierlei Pollenkörner.

+Gültigkeit der Mendelschen Regeln.+ -- Diese Regeln sind nun nicht

nur auf die Bastarde im gewöhnlichen Sinne des Wortes beschränkt,

sondern sie beherrschen die Vererbung im Tierreich und Pflanzenreich

weitgehend. Daß es keine Vererbung gäbe, die anderen Gesetzen

unterliegt, kann man zur Zeit gewiß nicht sagen, denn es sind

tatsächlich auch schon gut untersuchte Fälle bekannt, die sich #nicht#

nach den Mendelschen Regeln richten[241]. Wohl aber kann man betonen,

daß schon viele Erscheinungen, die anfangs den Mendelschen Regeln zu

widersprechen schienen, bei näherer Betrachtung sich ihnen völlig

unterordneten.

Auch manche auf den ersten Blick schwer verständliche Tatsache wird

durch die Mendelschen Regeln erklärt. So hat man z. B. beobachtet, daß

der Bastard zwischen einem weißblühenden und einem hellgelbblühenden

Löwenmäulchen nicht etwa eine sehr hellgelbe Blüte, sondern eine #rote#

Blüte besitzt. In der zweiten Generation treten Spaltungen ein; es

entstehen auf 3 rote 6 blaßrote, 3 hellgelbe und 4 weiße Pflanzen. Wir

können die Erklärung dieses Falles hier nicht bringen und benützen ihn

nur, um darauf hinzuweisen, daß die rote Farbe zweifellos die Farbe

der #Stammform# ist, von der sowohl die weißen wie die hellgelben

Formen abstammen. Bei der Bastardierung können also #Ahnenmerkmale#

(#Atavismen#) auftreten. Und das trifft nicht nur in diesem Beispiel

zu, sondern ist eine häufige Erfahrung der Züchter.

+Die Chromosomen als Träger der Gene+[242]. Die Hypothese, daß

die Chromosomen die Träger der Gene sind, nimmt mehr und mehr an

Wahrscheinlichkeit zu. Bei der Befruchtung bringt die Eizelle genau

ebenso viele Chromosomen mit, wie die männliche Zelle, und der

diploide Organismus baut also seine Zellkerne aus väterlichen und

mütterlichen Chromosomen in gleicher Zahl auf. Bei der Ausbildung

neuer Sexualzellen aber erfolgt die #Reduktionsteilung#, bei der

nach den Gesetzen des Zufalls die väterlichen und die mütterlichen

Chromosomen auf die Tochterzellen verteilt werden. So wird die

wichtige Tatsache, daß die Geschlechtszellen immer #rein# sind,

nie Bastardnatur haben, in der einfachsten Weise erklärt. Im

Bastard ist #keine Vermischung# der Gene eingetreten, sie blieben

nebeneinander liegen; in den Geschlechtszellen werden sie wieder

getrennt. Wenn wirklich die Chromosomen die Gene tragen, dann kann

es in einem Organismus nur so viele unabhängig spaltende Gene

geben, als Chromosomen vorhanden sind. Indes ist die Zahl der

Chromosomen viel zu gering, als daß man annehmen könnte, jedes

trage nur ein einziges Gen. Alle Gene aber, die in einem Chromosom

vereinigt sind, spalten für #gewöhnlich nicht#, sie sind aneinander

#gekoppelt#. In der Tat kennt man Faktoren genug, die in der Regel

miteinander gekoppelt bleiben, und für ein tierisches Objekt,

die Fliege Drosophila, ist durch MORGAN und seine Schule bis ins

einzelne hinein festgestellt, daß wirklich nur so viele unabhängig

spaltende Gruppen von Genen existieren, als Chromosomen vorhanden

sind.

+Variabilität+[243]. Unter #Variabilität# versteht man die Tatsache,

daß die Individuen, die zu einer Spezies gehören, nicht alle gleich

sind. Vielfach ist die Variabilität überhaupt nur eine #scheinbare#,

weil man die Spezies nicht eng genug begrenzt hat. So existieren bei

Rosen, Brombeeren, Draba verna usw. viele einander nahestehende Arten

nebeneinander. Der Eindruck, daß hier eine „variierende“ Art vorliege,

ist völlig falsch; jede der „elementaren Arten“, aus denen sich die

„Sammelart“ zusammensetzt, erweist sich als konstant, macht keine

Übergänge zu den anderen elementaren Arten.

Von solchen Fällen ist hier natürlich ganz abzusehen. Wir halten uns

ausschließlich an möglichst eng begrenzte Arten, wenn möglich an die

Nachkommenschaft einer sich selbst bestäubenden Pflanze, eine sog.

#reine Linie# (JOHANNSEN). Und da zeigt sich, daß auch sie variiert.

Wir können den Vorgang der Veränderung, die #Variationen#, auf zwei

Ursachen zurückführen und demnach auch mit zweierlei Namen benennen:

Modifikationen und Mutationen. Dazu kommen bei #Kreuzung# noch die

Kombinationen.

#Modifikationen.# Darunter versteht man Variationen, die durch

äußere Faktoren erzeugt sind. Es ist (S. 250 ff.) darauf hingewiesen

worden, daß zahllose Außenfaktoren die Gestalt der Pflanze weitgehend

beeinflussen. Groß sind z. B. die Unterschiede, die zwischen der

Landform und der Wasserform einer amphibischen Pflanze oder der

Ebenenform und der alpinen Form einer Art bestehen. Die in Fig.

261 (S. 253) abgebildeten Pflanzen sind Teile, eines und desselben

Individuums, 1 wurde in der Ebene, 2 im Hochgebirge erzogen. Um die

ganze Modifikationsfähigkeit einer Pflanze kennen zu lernen, muß man

sie unter allen Kulturmethoden erziehen, unter denen sie überhaupt

existieren kann; solche Versuche hat namentlich KLEBS in größerem

Maßstabe mit Erfolg ausgeführt. Wenn es möglich wäre, zwei Pflanzen

gleicher Abstammung unter ganz identischen äußeren Umständen zu

erziehen, so müßten diese ununterscheidbar sein. Tatsächlich gelingt

das nie, und dementsprechend weisen die homozygotischen Individuen

einer reinen Linie auch bei möglichst gleichartiger Kultur doch

zahlreiche quantitative Unterschiede auf. Betrachten wir z. B. die

Samen einer reinen Linie von Bohnen, so können wir diese nach dem

Gewicht in verschiedene Kategorien bringen und feststellen, wie

viele Exemplare zu jeder Kategorie gehören. Das Resultat einer

solchen Untersuchung gibt die Kurve Fig. 272. Es zeigt sich, daß

diejenigen Gewichtskategorien am häufigsten vertreten sind, die dem

#Durchschnitts#gewicht am nächsten stehen, und daß, je weiter eine

Kategorie vom Durchschnitt entfernt ist, desto weniger Individuen

zu ihr gehören. Das gleiche Resultat haben fast alle statistischen

Aufnahmen von Variationen ergeben. Die #Variationskurven#, die man

erhalten hat, stimmen immer mehr oder minder genau mit der sog.

#Zufallskurve# überein. Das erscheint begreiflich; denn es sind stets

#mehrere# äußere Faktoren tätig, die entweder eine Vergrößerung oder

Verkleinerung der Größe, der Zahl oder des Gewichts bewirken können.

Nur der Zufall entscheidet, welche Einwirkung stattfindet. Dann werden

sehr selten alle Faktoren auf Verkleinerung, ebenfalls sehr selten

alle Faktoren auf Vergrößerung hinwirken, und am häufigsten werden

Kombinationen eintreten müssen, die ein mittleres Maß bewirken.

Sät man einen Samen einer reinen Linie aus, so ist es gleichgültig,

ob man von einem kleinen, mittleren oder großen ausgeht. Die

Variationskurve der nächsten Generation sieht nicht anders aus als

die, von der man ausging. Auch die durch Kultur im Hochgebirge

erzielten Veränderungen (Fig. 262) sind nicht erblich. Somit sind diese

Modifikationen durchaus #keine erblichen# Veränderungen; sie dauern nur

so lange oder wenig länger, als ihre Ursachen wirken.

[Illustration: Fig. 272. Variationskurve der Gewichte der Samen einer

reinen Linie von #Bohnen#. (Johannsens Linie K.). Nach BAUR.]

Die Erfahrungen der Praxis scheinen diesem Resultat zu widersprechen.

Bei dem sog. #Selektionsverfahren# greift man eine Pflanze mit

besonderen Eigenschaften aus einer großen Menge heraus und sieht

vielfach in ihren Nachkommen die gleichen Eigenschaften wieder

auftreten. Das liegt daran, daß man in diesem Fall aus #einem Gemisch

von verschiedenen Rassen oder Linien# eine einzelne #isoliert# hat, die

ihre charakteristischen Eigenschaften auf ihre Nachkommen überträgt.

Bei wirklich reinem Ausgangsmaterial hat die #Selektion keinen Erfolg#.

#Kombinationen.# Reine Linien können sich nur bei Selbstbestäubung

oder vegetativer Vermehrung erhalten. Tritt dagegen Fremdbestäubung

zwischen den einzelnen Linien einer Art ein, so werden homozygotische

Individuen selten, Heterozygoten die Regel sein. Diese werden die

Eigenschaften teils nur des einen, teils des anderen, teils auch

beider Eltern besitzen; sie werden also verschieden aussehen. Diese

Form von Variation ist #äußerlich# oft von der Modifikation nicht zu

unterscheiden, denn auch sie kann in Form der Zufallskurve auftreten;

#innerlich# aber unterscheidet sie sich sehr wesentlich von ihr, denn

sie ist #erblich#. Die Nachkommen variieren nach den MENDELschen

Regeln. Diese Form der Variation wird #Kombination# genannt.

Unter #Mutationen#[244] endlich versteht man Variationen, die sich

von den Kombinationen dadurch unterscheiden, daß sie keinesfalls

durch Bastardierung entstehen, die ihnen aber darin gleichen, daß

sie erblich sind. Mit Sicherheit können Mutationen nur im Experiment

erkannt werden, wenn in den Nachkommen einer #reinen Linie# Individuen

auftreten, die eine neue Eigenschaft besitzen oder eine Eigenschaft

des Mutterorganismus nicht besitzen, und wenn ihre Nachkommen die

Abweichung beibehalten. In der Tat hat man im Experiment das Auftreten

solcher Mutationen sehr häufig beobachtet. BAUR fand z. B. bei seinen

Antirrhinumkulturen im Durchschnitt 2‰ mutierte Sämlinge. Aber auch für

viele in der Natur gefundene Variationen ist die Wahrscheinlichkeit

groß, daß sie als Mutationen betrachtet werden dürfen. So z. B. das

Chelidonium laciniatum, eine Mutation von Chelidonium majus mit

gezackten Blättern, die zuerst 1590 in Heidelberg gefunden wurde (Fig.

273); Fragaria monophylla, eine zuerst im Jahre 1761 beobachtete

Erdbeere, die sich durch einfache Blätter von der Stammform mit

dreizähligen Blättern unterscheidet. Auch die merkwürdige kronblattlose

Nicotiana tabacum virginica #apetala#, die während der Versuche von

KLEBS auftrat, gehört hierher. Viele solcher Mutationen sind nicht

#einmal#, sondern mehrfach aufgetreten. Das gleiche hat man bei den

in #Kulturen# entstehenden Mutanten beobachtet. Alle diese Formen

unterscheiden sich von den Mutterformen nur in einem #einzigen#

Merkmal. Und in weitaus den meisten Fällen verhält sich dieses

Merkmal bei der Kreuzung mit der Stammform #rezessiv#; doch fehlt

es nicht an Mutationen, die sich als #dominant# erwiesen haben. Bei

Selbstbestäubung bleiben die Mutanten unbegrenzt konstant.

[Illustration: Fig. 273. Habitus von Chelidonium majus (_1_) und von

Chelidonium majus laciniatum (_2_). Nach LEHMANN.]

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 40 / 90 段