Gattung #Saprolegnia#. Diese Pilze besitzen einen einzelligen,
verzweigten, chlorophyllfreien Vegetationskörper. Sie finden sich in
der Natur gewöhnlich auf toten Insekten, die ins Wasser gefallen sind,
und ihr Thallus durchwuchert zunächst den Insektenleib. Nach einiger
Zeit wächst er aber auch allseits aus diesem heraus in das Wasser. Das
Ende dieser ausstrahlenden Fäden wird in der Regel durch eine Querwand
abgegliedert, und sein Inhalt zerfällt in viele Schwärmsporen, die dann
austreten, sich bewegen und schließlich an einem anderen Orte zu einer
neuen Saprolegnia auskeimen. Später bilden sich an der alten Pflanze
Eier und Spermazellen, und die ersteren entwickeln sich wenigstens bei
manchen Spezies erst nach der Befruchtung weiter. Mit der Ausbildung
der befruchteten Eier pflegt die Tätigkeit des Saprolegniapflänzchens
beendet zu sein, es geht allmählich zugrunde.
G. KLEBS hat nun gezeigt, daß man diesen Entwicklungsgang von
Saprolegnia völlig verändern kann; unter anderem ist es gelungen, die
Entwicklung in folgender Weise zu lenken:
1. Der Thallus kann jahrelang rein vegetativ weiter wachsen, wenn stets
für frische, gute Nährstoffe gesorgt wird.
2. Ein derartig gut ernährter Thallus geht bei Übertragung in reines
Wasser rasch und vollständig in der Bildung von Sporangien auf.
3. In Lösungen von Leucin (0,1%) und Hämoglobin (0,1%) erfolgt zuerst
kräftiges Wachstum, dann Bildung von Geschlechtsorganen; Schwärmsporen
werden nicht gebildet. Diese treten aber auf, und zwar #nach# den
Geschlechtsorganen, wenn man verdünntes Hämoglobin (0,01%) verwendet.
Es zeigt sich also, daß ganz bestimmte, wohl zu definierende
Bedingungen für vegetatives Wachstum, andere für die Bildung
von Geschlechtsorganen, wieder andere für das Auftreten von
ungeschlechtlicher Fortpflanzung existieren.
+Bedingungen der Blütenbildung+[232]. Bei den #Phanerogamen# tritt
die ungeschlechtliche Vermehrung durch besondere Brutknospen usw.
stark zurück gegenüber der geschlechtlichen Fortpflanzung. Diese aber
ist an die Ausbildung von Blüten geknüpft. Das Auftreten von Blüten
scheint in der Regel an ein bestimmtes Alter gebunden. Es liegen aber
Beobachtungen genug vor, daß auch schon an ganz jungen Exemplaren
Blüten auftreten #können#. Demnach ist zu erwarten, daß die Bildung
der Blüten geradeso wie andere Organbildung durch ganz bestimmte
Bedingungen gekennzeichnet ist. In einzelnen Fällen ist es denn auch
gelungen, diese näher zu erforschen. Für Sempervivum Funkii z. B. hat
KLEBS folgendes festgestellt:
1. Bei lebhafter Kohlenstoffassimilation in hellem Licht und bei
starker Aufnahme von Wasser und Nährsalzen wächst die Pflanze
#unbegrenzt# rein vegetativ.
2. Bei lebhafter Kohlenstoffassimilation in hellem Licht, aber
bei #Einschränkung der Wasser#- und der #Nährsalz#aufnahme tritt
Blütenbildung auf.
3. Bei einer mittleren Wasser- und Nährsalzaufnahme hängt es von der
Intensität der Beleuchtung ab, ob Blühen oder vegetatives Wachsen
eintritt. Bei schwächerer Lichtintensität (bzw. bei Verwendung von
#blauem# Licht) erfolgt nur Wachsen, bei stärkerer Beleuchtung (bzw.
bei Verwendung #roten# Lichts) Blühen.
KLEBS unterscheidet bei der Blütenbildung von Sempervivum drei Phasen:
1. die Herstellung des Zustandes der Blühreife, 2. die Bildung
der mikroskopisch nachweisbaren Blütenanlagen, 3. die Streckung
der Infloreszenz. Diese drei Phasen sind an ganz verschiedene
Bedingungen geknüpft und hängen deshalb in ganz verschiedener Weise
von den Außenfaktoren ab. Die Blühreife ist bedingt durch ein
starkes Überwiegen der #C-Assimilation# über die Prozesse, bei denen
Kohlehydrate konsumiert werden, wie Atmung und vegetatives Wachstum. Da
hohe Temperatur die Atmung steigert, Nährsalze das vegetative Wachstum
fördern, so ergibt sich neben starker Beleuchtung niedrige Temperatur
und Einschränkung der Nährsalze als notwendig für die Erzielung der
Blühreife. Schon bestehende Blühreife kann durch hohe Temperatur
vernichtet werden, sie kann durch niedere Temperatur selbst im Dunkeln
lange konserviert und noch gesteigert werden. Wirkt somit in diesem
Fall das Licht anscheinend nur, insofern es die Assimilation der CO_{2}
bedingt, so hat es bei der zweiten Phase eine ganz andere Bedeutung:
eine gewisse #Dauer# der Beleuchtung ist hier ganz unerläßlich, und
zwar sind ausschließlich die #langwelligen# Strahlen wirksam, während
kurzwellige sogar den Zustand der Blühreife wieder vernichten. -- In
der Natur ist der blühreife Zustand schon im Herbst erreicht, es fehlt
aber an einer genügend langen und intensiven Beleuchtung. Wird eine
#Dauer#belichtung mit Osramlampen, die reich an roten Strahlen sind,
durchgeführt, so tritt die Blütenbildung um Monate verfrüht ein; je
intensiver die Lichtquelle ist, desto kürzer kann die Belichtung sein.
Je früher im Winter man diese Bestrahlung durchführt, desto länger muß
sie sein; gegen Ende des Winters ist durch die dauernde Abkühlung der
Zustand der Blühreife so weit gediehen, daß eine kurze Bestrahlung
die Blüte bewirkt. Pausen, die in die Dauerbelichtung eingeschaltet
werden können, dürfen nicht zu lang sein, sonst heben sie die Wirkung
der Lichtperiode auf. -- Die letzte Phase der Streckung endlich hängt
wieder wie die erste nur von der ernährenden Wirkung des Lichtes ab;
dementsprechend kann sie bei genügender Vorernährung auch im Dunkeln
wenigstens zum Teil eintreten.
Eine ähnlich tiefdringende Analyse der Bedingungen des Blühens
liegt bei anderen Objekten bisher noch nicht vor, doch lassen
zahlreiche Beobachtungen und Versuche erkennen, daß allgemein das
#Licht#, die #Temperatur#, die #Nährsalze# in erster Linie von
Bedeutung für die Blütenbildung sind. Da dieselben Faktoren auch im
vegetativen Leben unentbehrlich sind, so ist es nur das Maß, in dem
sie gegeben sind, und vor allem ihre #relative# Menge, die darüber
entscheidet, ob eine bestimmte Knospe zur Blüte wird oder vegetativ
wächst.
Die Bedeutung des #Lichtes# für die Blütenbildung ergibt sich z.
B. aus der lange bekannten Tatsache, daß der Efeu nur an hellem
Standort, nicht aber im Schatten des Waldes blüht, obwohl er
an letzterem Orte gut gedeiht. Das gleiche beweisen VOECHTINGs
Versuche mit Mimulus Tilingii. Diese Pflanze stellt bei einer
gewissen niederen Lichtintensität, die ihr #vegetatives# Wachsen
#noch gut# erlaubt, die Blütenbildung gänzlich ein. Entsprechende
Versuche hat KLEBS z. B. mit Veronica chamaedrys ausgeführt,
und er gibt an, daß bei allen Pflanzen, die keine nennenswerten
Massen von Reservestoffen führen, eine Lichtverminderung die
Blütenbildung unterdrückt. Er betrachtet die vom Licht bewirkte
Kohlenstoffassimilation als in erster Linie maßgebend für die
Blütenbildung. -- Bei einer gewissen Lichtintensität, die zur
Ausbildung normaler Blüten nicht mehr ausreicht, entstehen bei
manchen Pflanzen kleistogame Blüten.
Auch die #Temperatur# spielt offenbar eine wichtige Rolle. Eine
andauernd hohe Temperatur verhindert das Blühen. So wachsen
Pflanzen unserer Klimate in den Tropen eventuell dauernd vegetativ
(Kirsche), und zweijährige einheimische Pflanzen, wie Rübe,
Digitalis, kann man auch im zweiten Jahr am Blühen hindern, wenn
man sie im Winter warm hält und weiter wachsen läßt. So ist es
KLEBS gelungen, die Rübe mehrere Jahre lang rein vegetativ zu
erhalten. Auch Glechoma, Sempervivum wuchsen, wenn sie an der
Winterruhe verhindert waren, jahrelang vegetativ.
Endlich sind noch die #Nährsalze# zu erwähnen. Keimpflanzen können
durch Nährsalzentziehung zu kümmerlichen Hungerpflänzchen gemacht
werden, bei denen oft nach wenigen winzigen Laubblättern schon die
Blütenbildung beginnt. Auch Versuche von MOEBIUS haben gezeigt,
daß Gräser und Borrago bei geringer Salzzufuhr besser blühen als
bei starker Düngung. Die Erhöhung der Fruchtbarkeit der Obstbäume,
die man durch Beschneiden der Wurzeln erzielt, dürfte ebenfalls
auf einer Einschränkung der Nährsalzaufnahme beruhen. Daß aber
nicht alle Nährsalze in gleicher Weise wirken, hat besonders
BENECKE betont, der nachweisen konnte, daß Verminderung der
#Stickstoffnahrung#, Vermehrung des #Phosphors# zur Blütenbildung
führt.
Werden, nachdem die Blütenbildung begonnen hat, wieder die
Bedingungen für vegetatives Wachstum hergestellt, so kann ein
schon zur Blüte prädisponierter Sproß zu vegetativem Wachstum
zurückkehren. So bleiben, wenn Mimulus Tilingii in schwaches
Licht gebracht wird, die bereits angelegten Blütenknospen
unentwickelt, und ruhende Achselknospen der Brakteen entwickeln
sich zu Laubsprossen. Es tritt eine Gestaltung der Pflanze ein, die
außerordentlich stark vom gewohnten Aussehen abweicht.
+Geschlechtsbestimmung.+ Die große Mehrzahl der Blüten sind
#Zwitterblüten#, produzieren also sowohl männliche als auch
weibliche Sexualzellen. -- In anderen Fällen sehen wir
eingeschlechtige Blüten allein oder neben den zweigeschlechtigen
auftreten. Schon der Umstand, daß dann die weiblichen Blüten meist
an anderen Stellen der Pflanzen sich finden als die männlichen,
weist darauf hin, daß jede dieser Formen ihre spezifischen
Bildungsbedingungen hat; welche diese sind, ist freilich unbekannt.
Ein Problem der Entwicklungsphysiologie wird die
Geschlechtsbestimmung aber ganz besondere dann, wenn wir es mit
sog. #zwei#häusigen Pflanzen zu tun haben, d. h. mit solchen, die
in nur männlichen oder nur weiblichen Exemplaren vorkommen. Vgl. S.
284.
+Die Befruchtung.+ Wenn Eizelle und Spermazelle verschmolzen sind,
umgibt sich das Produkt allgemein mit einer Membran. Bei niederen
Pflanzen entsteht so eine Zygospore oder Oospore, die gewöhnlich
erst nach einer Ruheperiode keimt. Bei den höheren Pflanzen tritt
sofort Wachstum und Zellteilung ein; es entsteht ein Embryo, der bei
Moosen und Farnen alsbald in bestimmter Weise sich weiter entwickelt,
während er bei den Phanerogamen nach kurzer Zeit in einen Ruhezustand
verfällt. Zuvor geht von ihm aber noch eine Fülle von Reizwirkungen
aus, die namentlich bei den Angiospermen hoch entwickelt sind. Die
Samenanlage, in der der Embryo eingeschlossen ist, fängt an zu wachsen,
sie vergrößert sich beträchtlich und erhält eine ganz charakteristische
Struktur; sie wird zum Samen, der in der Regel erst nach Ablauf
einer Ruheperiode keimt. Aber auch der Fruchtknoten fängt nach der
Befruchtung lebhaft zu wachsen an und entwickelt sich zur Frucht.
Diese durch die Embryobildung ausgelösten Wachstums- und
Gestaltungsvorgänge in Samenanlage, Fruchtknoten und
eventuell auch noch in anderen Teilen der Blüte sind als
#Korrelations#erscheinungen zu deuten; denn falls die Befruchtung
verhindert wird, unterbleiben meist alle die Veränderungen, die aus
der Blüte eine reife Frucht hervorgehen lassen: es tritt vielmehr
eine andere korrelative Wirkung, die Abstoßung des ganzen, nun
nutzlosen Organs, ein. Einzelne Pflanzen, zumal solche, die schon
lange in Kultur genommen sind, können freilich eine Ausnahme
machen; bei fast allen Varietäten von Bananen, bei der echten
kernlosen Mandarine und den als Sultaninen bezeichneten Rosinen z.
B. unterbleibt die Bildung der Embryonen; trotzdem aber entwickeln
sich die Früchte. Der Anstoß zu dieser Entwicklung kann auch hier
entweder von der bloßen Bestäubung der Narbe oder doch von der
Befruchtung der Samenanlagen ausgehen, welch letztere dann aber
früher oder später verkümmern, ohne der sonstigen Entwicklung der
Frucht Eintrag zu tun. In manchen Fällen entwickeln sich sog.
„taube“ Früchte aber auch ganz ohne den Anstoß der Bestäubung, wie
die #parthenokarpen#[233] Früchte der Feige, der Gurke und gewisser
Apfel- und Birnsorten.
Auch von Pollenkörnern und Pollenschläuchen, die sich auf der Narbe
befinden, können Einflüsse ausgehen, die weithin geleitet werden.
So tritt nach Bestäubung der Narbe der Orchideen vielfach ein
Verschwellen der Narbe und des Gynostemiums ein, und es wird auch
das Perianth plötzlich in seinem Wachstum gehemmt und zum Welken
gebracht. Wie FITTING[234] zeigen konnte, geht diese Wirkung von
löslichen, organischen, hitzebeständigen Substanzen aus, die leicht
von der ungekeimten Pollenmasse getrennt werden können.
Mag nun eine einfache Spore oder ein komplizierter Embryo die Folge der
Befruchtung sein, so unterscheidet sich dieses Produkt von den Zellen,
die es bildeten, stets dadurch, daß es doppelte Kernmassen, also die
doppelte Anzahl von Chromosomen aufweist (S. 172). Deshalb ist eine
bald früher, bald später eintretende Reduktionsteilung, die wieder die
einfache Zahl der Chromosomen herstellt, stets die notwendige Folge der
Befruchtung.
2. Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung.
Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung ist nicht ohne weiteres zu
erkennen. Viele Pflanzen kommen in der Natur oder in der Kultur ganz
ohne sie aus und begnügen sich mit vegetativer Fortpflanzung.
Auf niedere Pflanzen, die noch gar keine sexuelle Fortpflanzung
besitzen, ist schon hingewiesen (S. 165). Von höheren Pflanzen
bringen z. B. die kultivierten Bananen, manche Dioscoreaceen, der
Kalmus, Spielarten der Weinrebe, der Apfelsinen, Gartenerdbeeren
überhaupt keine sexuellen Nachkommen mehr hervor. Der Knoblauch,
der an Stelle der Blüten kleine Zwiebelchen bildet, die weiße
Lilie und der durch Wurzelknöllchen sich vermehrende Ranunculus
Ficaria u. a. bilden, falls sie ungestört ihre #vegetativen#
Vermehrungsorgane zu entwickeln vermögen, kaum noch keimfähige
Samen aus. Solche können aber unter Umständen, so z. B. manchmal
an abgeschnittenen Blütenständen jener Pflanzen, noch gewonnen
werden. Für gewöhnlich vermehren sie sich ausschließlich durch
ungeschlechtliche Sprossung. Irgend eine #Degeneration#, die man
früher bei ausschließlich vegetativer Vermehrung für unvermeidlich
hielt, ist dabei nicht zu bemerken[235].
Wenn demnach die monogene Fortpflanzung für die Erhaltung der Art
genügt, so muß doch die digene irgend etwas bieten, was die monogene
nicht leistet; es wäre sonst unbegreiflich, daß die digene überhaupt
entstanden ist, da sie ja viel komplizierter eingerichtet ist und viel
weniger sicher zum Ziel führt als die vegetative Fortpflanzung.
Bei einseitiger Betrachtung der Algen und Pilze könnte man
glauben, die sexuelle Fortpflanzung führe zur Ausbildung besonders
widerstandsfähiger Keime, die demnach eine längere Ruhezeit unter
ungünstigen Vegetationsverhältnissen überdauern können; denn
tatsächlich sind die Zygosporen und Oosporen häufig sehr viel
resistenter als die Schwärmsporen und Konidien. Aber schon bei den
Farnen kehrt sich das Verhältnis um, die befruchtete Eizelle muß
sofort die Bedingungen zur Weiterentwicklung finden, widrigenfalls sie
zugrunde geht; dagegen ertragen die ungeschlechtlichen Sporen eine
lange Ruhe.
Sehr häufig finden wir bei der digenen Fortpflanzung, daß die
#einzelne# Sexualzelle entwicklungs#un#fähig ist. Erst durch die
Verschmelzung wird früher oder später die Entwicklung ausgelöst.
Demnach liegt #eine# Bedeutung der Befruchtung in der Aufhebung einer
bestehenden Wachstumshemmung. Man kann sich aber nicht vorstellen,
daß das ihre ursprüngliche und wesentliche Bedeutung ist. Viel
wahrscheinlicher ist es, daß die Sexualzellen erst allmählich
die Entwicklungsunfähigkeit erworben haben, weil durch diese die
Verschmelzungsmöglichkeit gesichert wurde. Wenn jede Sexualzelle sofort
nach ihrer Bildung wüchse, so würde sie in der Mehrzahl der Fälle zu
wachsen beginnen, ehe sie mit einer anderen Sexualzelle verschmelzen
konnte.
Diese Auffassung wird gestützt durch das Verhalten mancher Algen,
bei denen nicht selten die Sexualzellen auch ohne Verschmelzung
zu keimen vermögen; insbesondere können sich die #Eizellen#
bei ihnen ohne Befruchtung weiter entwickeln. Im Anschluß an
ähnliche Vorgänge im Tierreich nennt man diese Erscheinung
#Parthenogenesis#. Bei den primitiven Algen ist Parthenogenesis
möglich, weil hier die Entwicklungsunfähigkeit der Eizelle #noch
nicht# erworben ist oder weil sie durch verschiedene Einwirkungen
leicht behoben werden kann. So tritt z. B. bei der Alge Protosiphon
durch hohe Temperatur parthenogenetische Entwicklung ein, und bei
den Eiern niederer Tiere (Echinodermen) findet sich das gleiche z.
B. nach Behandlung mit Lösungen von einer gewissen Konzentration.
Man wird vielleicht vermuten dürfen, daß in den Fällen, wo die
Entwicklung nur nach Befruchtung erfolgt, eine in der Spermazelle
enthaltene #Substanz# die Entwicklung anregt.
Es fehlt freilich auch bei höheren Pflanzen nicht an Vorkommnissen,
die man als Parthenogenesis[236] bezeichnen kann. So entwickelt
sich die Eizelle mancher Kompositen, ferner bei Alchimillen,
Thalictrum purpurascens, Wickstroemia indica, Ficus hirta, Marsilia
Drummondii und Chara crinita ohne vorhergehende Befruchtung. Von
den eben besprochenen Vorkommnissen unterscheiden sich aber diese
Fälle dadurch, daß die betreffenden Eizellen in der Chromosomenzahl
ihrer Kerne wie vegetative Zellen sich verhalten, diploid (S. 172)
sind und überhaupt nicht für die Befruchtung eingerichtet zu sein
scheinen (vgl. den speziellen Teil).
Wir kommen also zu der Überzeugung, daß in der Aufhebung einer
bestehenden Entwicklungshemmung das Wesentliche der sexuellen
Fortpflanzung nicht bestehen kann. Somit werden wir es in der
#Verschmelzung der Substanz zweier Zellen, in der dadurch bedingten
Mischung väterlicher und mütterlicher Eigenschaften# zu suchen haben.
In diesem Punkt liegt jedenfalls der Hauptunterschied zwischen den
beiden Fortpflanzungsarten: die #vegetativ erzeugte Nachkommenschaft
besteht aus unvermischten Abkömmlingen, die sexuell erzeugte
aus Mischlingen#. Der in den Nachkommen entfaltete Komplex von
Eigenschaften weicht deshalb bei #vegetativer# Vermehrung von dem der
Stammform #in der Regel# nicht ab. Die Varietäten, Sorten und Rassen
vieler Kulturpflanzen können deshalb in der Regel nur durch Pfropfung
oder Stecklingsbildung vermehrt werden. Im Gegensatz zu den vegetativen
Abkömmlingen wird der #sexuelle# Nachkomme gewöhnlich der Mutterpflanze
#nicht völlig# ähnlich sein können, sondern die Eigenschaften #beider#
Eltern in sich vereinigen müssen. Je abweichender diese voneinander
waren, desto größer wird der sichtbare Erfolg der Vermischung ausfallen.
F. Vererbung, Variabilität, Artbildung.
+Vererbung+[237]. Unter Vererbung versteht man die allbekannte
Erscheinung, daß die Eigenschaften der Eltern sich bei den Nachkommen
wieder finden. Eine solche Vererbung tritt uns ebenso bei der
Zweiteilung einer Zelle, der einfachsten Form der Fortpflanzung,
entgegen wie beim komplizierten Sexualakt. Daß die Tochterzellen der
Mutterzelle gleichen, bedarf keiner Erklärung: ein Problem wird die
Vererbung erst dann, wenn aus kleinen Teilen eines kompliziert gebauten
Mutterorganismus, aus #Keimen#, die Nachkommen durch #Entwicklung#
hervorgehen. Man schreibt solchen #Keimen# bestimmte „#Anlagen#“ oder
„#Gene#“ zu, die es bewirken, daß ein Organismus in ganz bestimmter,
spezifischer Weise auf äußere Faktoren reagiert. Daß diese Anlagen an
die Chromosomen der Zellkerne gebunden sind, ist wahrscheinlich; über
die Art und Weise aber, wie sie den Entwicklungsgang beeinflussen,
wissen wir nichts.
Auch in den Sexualzellen der höheren Pflanzen müssen solche Anlagen
vorhanden sein, und zwar sowohl in den männlichen wie in den
weiblichen. Demnach muß also die befruchtete Eizelle die doppelte
Anzahl von Anlagen besitzen -- und dennoch geht nur ein einziger
Organismus aus ihr hervor. Doch nicht nur in den Keimzellen, sondern in
#allen Zellen# der Pflanze finden sich wenigstens #ursprünglich# die
gleichen Anlagen; das zeigen uns die Erscheinungen der Restitution.
Zweifellos sind die Probleme der Vererbung am interessantesten bei der
sexuellen Fortpflanzung, wo vor allem die Frage nach dem Anteil der
#beiden# Eltern an der Gestaltung der Nachkommen von Bedeutung ist.
Diese Frage aber kann nur an den #Bastarden# gelöst werden, weil die
einzelnen Individuen einer #reinen Art# die gleichen Anlagen haben.
+Bastarde+[238]. In der Regel ist eine erfolgreiche Vereinigung
der Sexualzellen nur dann möglich, wenn sie beide der gleichen
„Art“ angehören. Unter Umständen können aber auch Sexualzellen
differenter Rassen, Arten, ja selbst Gattungen verbunden werden. Die
Produkte solcher Befruchtung werden #Bastarde# (auch #Hybriden# oder
#Blendlinge#) genannt. Man bezeichnet sie auch als #Heterozygoten#, aus
zwei ungleichen Sexualzellen entstandene Individuen, im Gegensatz zu
den #Homozygoten#, die aus Sexualzellen mit ganz identischen Anlagen
entstehen. Je näher sich die Formen stehen, desto leichter bilden sie
im allgemeinen auch Hybriden, doch ist das keine durchgängige Regel.
Seitdem man weiß, daß nicht nur die #Eizelle#, sondern auch der
#Embryosackkern# mit einer Spermazelle verschmilzt, kann man auch
die sog. #Xenienbildung# verstehen. Xenien sind aus verschmolzenen
#heterozygotischen# Kernen entstandene #Bastardendosperme#.
Manche Familien neigen sehr zur Bastardbildung (Solanaceen,
Caryophyllaceen, Iridaceen usw.), andere bilden nur schwierig oder
überhaupt keine Bastarde (Papilionaceen, Koniferen, Convolvulaceen
usw.). Auch verwandte Gattungen und Arten verhalten sich oft recht
verschieden; Arten von Dianthus, Nicotiana, Verbascum, Geum sind
leicht, die Arten von Silene, Solanum, Linaria, Potentilla dagegen
schwer untereinander zu bastardieren. Eine Hybridisierung von nahe
verwandten Arten will oft nicht gelingen, während fernerstehende
gekreuzt werden können.
Auch in der freien Natur findet man Bastarde; insbesondere in den
Gattungen Salix, Rubus, Hieracium und Cirsium ist das der Fall.
Daß hybride Formen hier nicht häufiger sind, liegt einmal am
Mangel zeitlicher oder räumlicher Gelegenheit zur Bastardierung,
andererseits aber auch daran, daß der Pollen der eigenen Art bei
gemischter Bestäubung meist allein zur Wirkung kommt.
Bastarde kann man oft daran erkennen, daß sie #Zwischenformen der
beiden verschiedenen Stammeltern sind#; sie halten entweder zwischen
beiden genau die Mitte, z. B. Nicotiana rustica ♀ × Nic. paniculata
♂ und Sorbus Aria × aucuparia (Fig. 269), oder gleichen in manchen
Eigenschaften mehr dem Vater, in anderen mehr der Mutter. Selten nur
kommt es vor, daß der Bastard bis auf verschwindende Merkmale wieder
ganz dem Vater (gewisse Erdbeerbastarde) oder ganz der Mutter ähnlich
ist. In weitaus den meisten Fällen fällt der Bastard ganz gleich
aus, einerlei ob die Pflanze _A_ Vater oder Mutter ist; in einzelnen
Fällen aber ist der Bastard _A_ ♀ × _B_ ♂ von _A_ ♂ × _B_ ♀ deutlich
verschieden.
Häufig ist die Durchdringung der Eigenschaften bei den Bastarden
eine vollständige. Hat die #eine# Art ganzrandige Blätter,
die andere Art gefiederte, so kann der Bastard eine Mittelform,
nämlich eichenähnlich (Fig. 269) gebuchtete Blätter besitzen.
Hat die väterliche Art rote Blüten, die mütterliche aber gelbe,
so kann der Bastard orangefarbige Blüten hervorbringen. Wird
eine frühblühende Form mit einer spätblühenden gekreuzt, so kann
die Blütezeit des Bastards in der Mitte liegen usw. -- Es gibt
aber auch, freilich seltener, eine andere Art von Bastarden,
die man #Mosaikbastarde# genannt hat, bei denen Teile mit
den Eigenschaften der Mutter abwechseln mit solchen, die die
Eigenschaften des Vaters aufweisen.
[Illustration: Fig. 269. _1_ Sorbus aucuparia, _2_ Sorbus Aria und
_3_ ihr Bastard. Nach SCHLECHTENDAL, LANGETHAL und SCHENCK. (Flora v.
Deutschl. 5. Aufl. von HALLIER.)]
Bei Bastarden treten auch bemerkenswerte #neue Eigenschaften
auf, verringerte Fruchtbarkeit, größere Neigung zu Abänderungen#
(#Varietätenbildung#) und oft eine #üppigere Gestaltung#
(„#luxurierendes Wachstum#“).
Die Fruchtbarkeit ist oft so weit herabgesetzt, daß Bastarde zum
Teil überhaupt nicht blühen (Rhododendron, Epilobium) oder doch
unfruchtbar sind (daher „Blendlinge“) und sich sexuell nicht
fortpflanzen; die Unfruchtbarkeit ist im allgemeinen um so größer,
je weiter die Stammeltern in der Verwandtschaft auseinander
standen; andere, wie Salix- und gewisse Hieraciumbastarde, bleiben
dagegen fruchtbar.