+Entwicklungsbeginn.+ Der Schluß des Ruhezustandes, der Wiederbeginn

des Wachstums, ist vielfach lediglich mit der Herstellung der

allgemeinen Wachstumsbedingungen gegeben. In anderen Fällen aber

ist der Ruhezustand ein sehr fester. Die Herstellung der üblichen

Wachstumsbedingungen genügt dann nicht, um ihn zu überwinden, doch

läßt er sich manchmal durch besondere Reizmittel #abkürzen#.

Die Keimung der Samen erfolgt in der Regel nach Herstellung der

allgemeinen Wachstumsbedingungen, vor allem also der #nötigen

Temperatur#, Zufuhr von Sauerstoff und Wasser; doch fehlt es nicht an

Beispielen, die spezielle Reize erfordern. Solche spezielle Reize heben

auch die Entwicklungshemmung der Eizellen auf; für gewöhnlich werden

sie mit der Befruchtung gegeben; doch können manche Eizellen auch ohne

Befruchtung, z. B. durch Einwirkung von Chemikalien, zur Entwicklung

angeregt werden (vgl. auch S. 277 Parthenogenesis).

Manche Samen machen eine längere Ruheperiode durch, ehe sie zu

keimen beginnen. Zum Teil liegt das daran, daß sie erst nach der

Loslösung von der Mutterpflanze voll ausreifen [„Nachreife“[220]],

zum Teil aber auch daran, daß sie nur langsam Wasser aufnehmen. Vor

allem fallen bei der Keimung große individuelle Differenzen auf.

Es können einzelne Samen einer Pflanze oft jahrelang unverändert

im Boden liegen, während gleichalte längst gekeimt haben; das

hängt gewöhnlich mit der sog. Hartschaligkeit zusammen, d. h.

mit einer außerordentlich erschwerten Quellungsfähigkeit der

Schale. Diese scheint auch einen Grund dafür abzugeben, daß die

Samen vieler Wasserpflanzen[221] in reinem Wasser nicht keimen

können, während nach Zusatz von Säuren und Alkalien die Keimung

beginnt. In einzelnen Fällen aber können auch völlig in Wasser

gequollene Samen nicht keimen, solange ihnen nicht gewisse #Stoffe#

oder #Licht#[222] geboten werden. Bei den sog. „#Lichtkeimern#“

sind meistens die roten oder gelben Strahlen wirksamer als

die stark brechbaren, und es genügt oft eine erstaunlich

kurze Belichtungszeit (Lythrum Salicaria 1/10 Sekunde bei 370

Hefner-Kerzen). Nicht selten vermögen eine gewisse hohe Temperatur

oder chemische Einflüsse das Licht zu ersetzen. Chemische Reize

spielen die Hauptrolle bei gewissen Parasiten (Orobanche, Tozzia),

die nur in der Nähe ihrer Nährpflanzen keimen. -- Als Gegenstück zu

den #Lichtkeimern# mögen noch die #Dunkelkeimer# genannt sein (z.

B. Amarantus), bei denen gerade das Licht die Keimung hindert oder

verzögert.

Auch bei Sporen kann die Keimung entweder durch besondere Reize

oder schon durch Herstellung der formalen Wachstumsbedingungen

eingeleitet werden.

Ein auffallender und recht fester Ruhezustand findet sich bei

unseren Laubbäumen. In einer bestimmten Jahreszeit, im Herbst oder

früher, können ihre Knospen in keiner Weise zum Treiben gebracht

werden (Stadium der Vollruhe). Späterhin aber (Nachruhe) bewirken

nicht nur höhere Temperatur, sondern auch zahllose Reize (Frost,

Wärme, Trockenheit, Dunkelheit, Beleuchtung, Ätherdämpfe, Azetylen,

Tabakrauch, Verwundung, Wasserinjektion usw.) eine beträchtliche

Verkürzung der Ruheperiode[223]; fast ebensogut kann aber auch kurz

nach eingetretener Wachstumshemmung, in der #Vorruhe#, getrieben

werden. Mit diesen Verhältnissen muß die gärtnerische #Frühtreiberei#

rechnen.

+Restitutionsreiz+[224]. Wie bei den besprochenen Fällen von

Wachstumsbeginn, so kann man auch bei den #Restitutionen# nach den

Ursachen ihres Beginnens fragen. Und hier scheint die Antwort sehr

einfach zu sein; sehen wir doch diese Erscheinungen in der Regel nach

Verwundungen eintreten. Schon der Umstand, daß manchmal im Laufe

der #normalen# Entwicklung Prozesse auftreten, die auffallend an

Restitutionen erinnern, muß uns aber vorsichtig machen. So können z. B.

in den Blattkerben von Bryophyllum junge Pflänzchen sich entwickeln,

und bei gewissen Begonien entstehen nicht nur am abgeschnittenen Blatt,

sondern auch auf der intakten Lamina Sproßbildungen. Durch Experimente

ist denn auch für viele echte Restitutionen festgestellt worden, daß

nicht die Entfernung eines Organs, sondern vielmehr die Störung seiner

normalen Funktion ihre Bildung auslöst (S. 260).

+Polarität.+ Die befruchtete Eizelle der Blütenpflanzen bildet, sowie

ihre Wachstumshemmung aufgehoben ist, sofort zwei #verschiedene#

Vegetationspunkte, einen, der den Sproß, einen anderen, der die Wurzel

erzeugt. Entsprechende #polare# Differenzierungen, Ausgestaltung

von Basis und Spitze finden sich auch bei viel einfacher gebauten

Pflanzen. Wenn auch schon gezeigt worden ist, daß in manchen Fällen ein

#äußerer# Faktor bestimmt, welcher Teil der jungen Pflanze Basis und

welcher Spitze wird, so ist doch bei allen höheren Pflanzen das polare

Wachstum eine durchaus #spezifische#, auf inneren Ursachen beruhende

Erscheinung: so wenig wir eine apolare kuglige Alge zu polarem Wachstum

veranlassen können, so wenig gelingt es, eine polar gebaute höhere

Pflanze apolar wachsen zu lassen.

Die in der Eizelle entstandene Polarität bleibt auch im großen

und ganzen dauernd erhalten. Bei einzelnen Pflanzen aber sehen

wir aus inneren Gründen eine Veränderung eintreten. So bilden

sich bei Platycerium- und Adiantum-Arten unter den Farnen,

Neottia nidus avis unter den Orchideen Sprosse direkt aus dem

Wurzelvegetationspunkt. Bei den Natterzungen (Ophioglossum), deren

vegetative Vermehrung ganz auf der Bildung von Wurzelsprossen

beruht, rücken die Sproßanlagen fast bis auf die Wurzelspitze. Auch

der Scheitel mancher #Farnblätter# (Adiantum Edgeworthii)

vermag unmittelbar in der Bildung einer Sproßanlage aufzugeben.

+Symmetrie.+ Jeder Vegetationspunkt baut dann in der für ihn

charakteristischen Weise das betreffende Organ weiter und sorgt

zugleich für Anlage von Seitenorganen, die in einer ganz bestimmten

Verteilung (radiär, bilateral, dorsiventral) auftreten. So sehen wir

also eine gewisse #Symmetrie# schon am Vegetationspunkt gegeben, und

diese kann wenigstens in vielen Fällen durch rein innere Ursachen

bestimmt werden; in anderen Fällen haben äußere Faktoren einen

maßgebenden Einfluß.

B. Wachstum und Zellteilung.

Auch das in Gang gesetzte Wachstum verläuft nicht immer gleichmäßig.

Wohl sehen wir manche Algenzellen, wie Vaucheria, oder Pilze,

wie Saprolegnia, eine gegebene Zelle durch Spitzenwachstum immer

weiter verlängern. In der großen Mehrzahl der Fälle aber ist dieser

Verlängerung ein Ziel gesetzt, indem nach Überschreitung einer gewissen

Größe durch #Teilung# das Normalmaß der Zelle wieder hergestellt

wird. Dieses ist freilich kein konstantes. Es hängt nicht nur von

äußeren, sondern maßgebend auch von inneren Umständen ab. So sehen

wir z. B. meistens unmittelbar am Vegetationspunkt die Teilungen

rasch eintreten, während sie später bei andauerndem Wachstum seltener

werden. Dementsprechend nimmt die Zellgröße vom Vegetationspunkt bis

in die Zone der Dauergewebe im allgemeinen recht beträchtlich zu. Von

großer Bedeutung für die Zellgröße ist auch die Kernmasse, die sie

enthält. Es ist in einigen Fällen durch gewisse Eingriffe gelungen,

das Doppelte oder gar Vierfache der normalen Kernmasse in einer Zelle

anzusammeln, und es zeigte sich, daß vielfach alle Derivate solcher

Zellen beträchtlich größer waren als die Norm[154].

Immerhin kann man aber ein #mittleres# Maß der Zelle als eine erbliche

Eigentümlichkeit jeder Pflanzenspezies betrachten. Und wenn man

verschieden große Arten vergleicht, so fällt es auf, daß die Zellgröße

nicht so variiert wie die Außendimensionen; mit anderen Worten: große

Pflanzen sind in erster Linie (nicht ausschließlich) durch eine große

#Zahl# von Zellen bedingt[225].

Was im einzelnen die Ursachen der Teilung sind, ist noch wenig

bekannt[226]. Zweifellos handelt es sich um eine recht komplizierte

Folge von Erscheinungen; sehen wir doch, daß häufig nicht nur das

Protoplasma, sondern auch der Zellkern bei diesem Prozeß eine Rolle

spielt, insofern als er die Teilung einleitet.

Zweifellos spielen zunächst äußere Faktoren eine große Rolle.

So haben wir schon gesehen, daß die Intensität und Qualität des

Lichtes z. B. bei Farnprothallien einen maßgebenden Einfluß auf

die Zellteilung ausübt (S. 252). Daneben wirken auch innere

Faktoren, vor allem das #Alter# der Zelle mit: während die junge

Zelle teilungsfähig ist, nimmt diese Fähigkeit mit dem Alter mehr

und mehr ab -- doch können Außeneinflüsse von neuem die Teilung

ermöglichen; das sieht man vor allem bei den Restitutionen. Wie

HABERLANDT[227] gezeigt hat, sind es die aus verwundeten oder auch

nur mechanisch etwas geschädigten Zellen stammenden Stoffe, die

von neuem zur Teilung anregen. Auch bei der Plasmolyse entstehen

solche Stoffe, vielleicht durch Zerreißung von Plasmafäden, und

auch körperfremde Gifte können im gleichen Sinne wirken. -- In

den Sproßvegetationspunkten der höheren Pflanzen und auch bei

manchen Algen ist eine gewisse Periodizität der Zellteilung[228]

nachgewiesen, sie tritt z. B. bei Spirogyra des Nachts ein,

offenbar weil sie vom Licht gehemmt wird. Bei Wurzeln aber

finden wir zu allen Tageszeiten Kernteilungen, doch nicht gleich

viele. Ein Maximum liegt in den Vormittagsstunden. Hier müssen

noch unbekannte Außenfaktoren oder innere Ursachen bei dieser

Periodizität mitwirken.

Nicht nur die Tatsache, #daß# eine neue Zellwand auftritt,

auch die #Richtung#, in der sie entsteht, ist ein Problem der

Entwicklungsphysiologie. Man hat schon lange bemerkt, daß die Stellung

der neuen Scheidewände auffallende Ähnlichkeit mit dem Verhalten

dünner gewichtsloser Flüssigkeitslamellen (z. B. Seifenlamellen)

zeigt. Diese haben die Tendenz, sich auf die kleinste mögliche Fläche

zusammenzuziehen, und setzen sich deshalb im allgemeinen möglichst

unter rechtem Winkel an etwa vorhandene Wände an. Trotz der großen

Ähnlichkeit in der Anordnung von Zellwänden einerseits und Flächen

„minimae areae“ andererseits darf man doch nicht behaupten, die junge

Zellwand werde aus den gleichen Ursachen wie jene in die beobachteten

Lagen gebracht; denn die Zellwand ist nie flüssig.

Sehr auffällig ist das Prinzip der rechtwinkligen Schneidung

im Vegetationspunkt der Phanerogamen gewahrt. Hier treten uns,

wenn wir das von SACHS herrührende Schema eines Längsschnittes

betrachten (Fig. 268), die Zellwände in zwei #Systemen von

Parabeln# entgegen, die sich rechtwinklig durchschneiden und einen

gemeinsamen Brennpunkt besitzen. Das erste System (_I-VI_ in Fig.

268) verläuft mehr oder weniger parallel mit der Oberfläche des

Vegetationspunktes; wir nennen diese Zellwände #Periklinen#. Die

senkrecht zu ihnen stehenden Wände (_I-II_) heißen #Antiklinen#.

Die Zellen des Vegetationspunktes sind noch alle gleich. Erst in einer

gewissen Entfernung von ihm beginnt der Prozeß der Differenzierung.

Die Zellen nehmen ungleiche Funktion und Hand in Hand damit ungleiche

Formen an. Während die embryonalen Zellen noch befähigt sind,

jedes beliebige Gewebe zu erzeugen, nimmt diese Befähigung mit dem

Fortschreiten der Differenzierung ab, die Zellen werden mehr und

mehr in eine bestimmte Entwicklung gedrängt (Determination). Im

allgemeinen ist aber bei der Pflanze die Determination keine so feste,

wie beim Tier. Das sieht man vor allem aus der weiten Verbreitung der

Restitution.

[Illustration: Fig. 268. Schema eines Sproßvegetationspunktes. Nach

SACHS.]

Was im einzelnen die Ursachen der Differenzierung und der

Determination sind, ist unbekannt. Daß aber die Korrelationen bei

diesen Prozessen eine große Rolle spielen, ist S. 259 ausgeführt

worden.

C. Weitere periodische Änderungen in der vegetativen Gestaltung.

#Während der Wachstumstätigkeit# treten uns vielfach auch noch

ganz andere periodische Erscheinungen entgegen. So sieht man z. B.

periodische Änderungen in der #Ausgestaltung# der Blätter und Stengel,

die nicht nur quantitativer, sondern auch qualitativer Art sind; es

wechseln Laubblätter mit Nieder- und Hochblättern, Laubsprosse mit

Rhizomen ab, wobei der Übergang ein allmählicher oder ein sprungweiser

sein kann. Bei diesen Erscheinungen tritt uns wieder die Korrelation

des Wachstums, von der S. 259 die Rede war, entgegen. Die Existenz oder

besser: die #Tätigkeit# einer gewissen Menge von Laubblättern übt auf

die weiter am Vegetationspunkt entstehenden Anlagen einen Einfluß dahin

aus, daß diese zu Niederblättern, Knospenschuppen werden. Entfernt man

die Laubblätter im Frühsommer, so bilden sich aus diesen Anlagen keine

Niederblätter, sondern Laubblätter. In entsprechender Weise wirkt die

Entfernung von Laubsprossen oft auf die unterirdischen Rhizome ein;

sie veranlaßt diese aus dem Boden herauszuwachsen und an Stelle von

Niederblättern Laubblätter zu bilden.

Außer Laub- und Niederblattbildung treffen wir bei manchen Pflanzen

auch noch eine andere Art von Heterophyllie. Vielfach treten in der

Jugend Blätter anderer Gestalt auf als später, und manchmal gelingt

es, eine Pflanze zur erneuten Produktion der Jugendform zu zwingen,

wenn die äußeren Bedingungen, unter denen sie sich bildete, wieder

hergestellt werden. So folgen z. B. bei Campanula rotundifolia auf

die schmalen Folgeblätter wieder runde Jugendblätter, wenn die

Beleuchtungsintensität herabgesetzt wird. In ähnlicher Weise sind

auch bei manchen Wasserpflanzen die Wasserblätter Jugendformen,

die Schwimmblätter und die Luftblätter Folgeformen. Auch hier kann

künstlich die Jugendform wieder hervorgerufen werden. Das ist aber

nicht immer so. Manchmal wird der Vegetationspunkt selbst so stark

alteriert, daß er nur noch Folgeblätter zu produzieren vermag.

Die „Schattenblätter“ (S. 253) unserer Laubbäume gelten heute in

erster Linie als Jugendblätter, denn sie hängen nicht so sehr direkt

von der Beleuchtungsstärke ab, als von der Stellung am Sproß. Jeder

Sproß beginnt mit Schattenblättern und bildet erst später Lichtblätter.

Offenbar sind also Ernährungseinflüsse bei Ausbildung dieser

Blattformen maßgebend.

Wie das Blatt, so kann auch der Stengel weitgehende Umbildung erfahren.

So sehen wir ihn im Laubsproß aufrecht wachsen, im Rhizom horizontal

im Boden oder auf dem Boden kriechen: bei den Windepflanzen streckt er

seine Internodien über das sonst übliche Maß, bei Rosettenpflanzen ist

er ungewöhnlich gestaucht; auch im Dickenwachstum haben wir weitgehende

Differenzen: im Extrem erscheint der Stengel als Knolle. Alle diese

verschiedenen Gestalten oder Wachstumsweisen sind die Folgen ganz

bestimmter Einwirkungen, sie lassen sich demnach wenigstens zum Teil

willkürlich erzielen, auch zu einer Zeit und an einem Ort, wo sie in

der „normalen“ Entwicklung nicht erwartet werden können.

Als ein Beispiel für die Beeinflußbarkeit des Stengels wollen wir die

Knollenbildung bei der Kartoffel betrachten. Wie Fig. 201 darstellt,

entwickeln sich gewöhnlich die Knollen am Ende von horizontalen

Ausläufern, die ihrerseits aus der Basis des Laubtriebes im Boden

entspringen. Die Knollenbildung erfolgt durch starkes Dickenwachstum

am Ende der Ausläufer unter Sistierung des Längenwachstums. Wird aber

der Laubtrieb rechtzeitig entfernt, so gehen statt der Knollen aus

den Enden der Ausläufer gestreckte aufrechte Zweige hervor, die über

den Boden gelangen und grüne Laubblätter erzeugen. Man kann also den

typischen Entwicklungsgang der Kartoffel offenbar so abändern, daß es

gar nicht zur Knollenbildung kommt. Andererseits lassen sich auch die

Knollen #willkürlich an ganz anderen Orten erzeugen#; so kann z. B. bei

niederer Temperatur die #Hauptachse# einer bestimmten Kartoffelsorte

ganz kurz bleiben und sich sofort in eine Knolle verwandeln; bei

anderen Sorten können Knollen nahe der #Spitze der Laubsprosse#, also

in der Luft erzwungen werden, wenn man die Sproßspitze verdunkelt. Noch

plastischer als die Kartoffel hat sich die Basellacee Boussingaultia

baselloides erwiesen: hier kann man jede beliebige Knospe in eine

Knolle umgestalten, und wenn Knospen fehlen, können Internodien oder

Wurzeln knollig anschwellen. Es sieht so aus, als ob die Produktion

einer gewissen Menge von Reservestoffen als Reiz wirke, dem die Bildung

eines Reservestoffbehälters folge.

D. Lebensdauer[229].

Eine weitere hier zu besprechende Erscheinung äußert sich im Werden

und Vergehen, in der #Lebensdauer# der Pflanze. Es gibt Pflanzen, wie

Stellaria media, Senecio vulgaris, die in wenigen Wochen ihre ganze

Entwicklung von der Samenkeimung bis zur Samenreife durchlaufen, bei

denen auch jeder Same sofort keimen kann, so daß mehrere Generationen

ohne Ruhe und unbekümmert um die Jahreszeit in einem Kalenderjahre

auftreten. Mit der Ausbildung einer gewissen Anzahl von Samen stirbt

die Pflanze ab; die Samen sorgen aber für die Forterhaltung ihres

Typus. Ähnlich, aber doch mehr an die Jahreszeiten gebunden, sind

zahlreiche „einjährige Pflanzen“; an sie schließen sich andere einmal

fruchtende (monokarpische) Pflanzen an, bei denen der Ausbildung der

Samen ein zwei- bis vieljähriges Stadium rein vegetativen Wachstums

mit oder ohne eingeschobene Ruhezeiten vorausgeht. Vermutlich liegt

bei ihnen allen in der Fruchtbildung die Ursache des Absterbens der

Vegetationsorgane; denn man kann durch Verhinderung des Samenansatzes

ihr Leben bedeutend verlängern. In einem Gegensatz zu ihnen stehen die

Pflanzen, deren Prototyp unsere Bäume sind, die mehrfach fruchten,

bei denen der Fortbestand des einzelnen Exemplars nicht mit der

Samenbildung erlischt. Bei allen mehrjährigen Typen tritt nun neben der

Jahresperiode noch eine andere Periodizität zutage: Ein Baum hat im

ersten Jahre, als Keimpflanze, eine viel geringere Wachstumsintensität

als manche Annuelle; er „erstarkt“ aber allmählich, und sein

Längenwachstum, sein Dickenwachstum, selbst die Elementarorgane seines

Holzkörpers nehmen immer mehr an Größe zu. Manche Bäume erreichen ein

hohes Alter und sind an sich zu unbegrenztem Leben befähigt. Von einem

gewissen Höhepunkt ihrer Entwicklung an, werden aber ihre Jahrestriebe

wieder kleiner, offenbar weil der Stoffaustausch zwischen Wurzeln und

Blättern sich immer schwieriger gestaltet. Schließlich stirbt der Baum

aus diesem Grunde oder weil Parasiten oder sonstige von außen kommende

Störungen ihm ein Ende bereiten. Sorgt man dafür, daß in der Nähe der

Vegetationspunkte der Sprosse immer neue Wurzeln sich bilden, so werden

die Sprosse mit stets gleicher Intensität wachsen, und unter diesen

Umständen ist ein Ende des Wachstums nicht abzusehen. Man kann dieses

Experiment nicht bei jedem Baum ausführen, weil nicht alle leicht

Wurzeln bilden; mit der Weide aber gelingt es leicht, wenn man Zweige

als Stecklinge behandelt. Ist somit der Tod für den Vegetationspunkt

abwendbar, so treten uns bei ausgewachsenen Zellen ganz andere

Verhältnisse entgegen. Lange bevor der ganze Baum zugrunde geht, sind

ihm schon einzelne Teile im Tode vorausgegangen. So werden die Blätter

abgestoßen, nachdem sie ein oder mehrere Jahre funktioniert haben.

Manchmal werden auch ganze Äste abgeworfen. In anderen Fällen freilich

gehen sie ohne Abstoßung zugrunde und zerfallen allmählich am Ort ihrer

Entstehung. Aber auch alle älteren Gewebe des Stammes gehen dem Tod

entgegen; die peripherischen werden in Borke verwandelt, fallen ab oder

bilden eine schützende Hülle für die übrigen Teile; im Zentrum geht das

Holz in Kernholz über, wobei die letzten lebenden Elemente absterben.

Nur die Vegetationspunkte und die Kambien sowie ihre jüngsten Derivate

sind an einem älteren Baume noch am Leben. -- So sehen wir also,

daß jede Zelle, die ihren embryonalen Charakter verloren hat, aus

Gründen, die wir nicht kennen, nach kürzerer oder längerer Frist dem

Tode verfällt. Dieses Absterben aber läßt sich im allgemeinen nicht

aufhalten. Trotzdem können wir nicht sagen, daß der Tod #notwendig#

sei. Nur dadurch, daß #gewisse# Zellen sich entwickeln, sterben andere

ab; #der Tod ist also eine Korrelationserscheinung#. Entfernen wir

bei restitutionsfähigen Pflanzen, bevor die Dauergewebszellen zu alt

geworden sind, die Vegetationspunkte, so können ausgewachsene und

somit normalerweise dem Tode verfallene Zellen wieder embryonal werden

und weiter leben. Bei niederen Pflanzen, denen der Gegensatz von

embryonalen und ausgewachsenen Zellen fehlt, die nur aus embryonalen

Zellen bestehen, kann demnach das Wachstum ein unbegrenztes sein, der

Tod kann hier nur durch ungünstige Außenfaktoren herbeigeführt werden.

Es fehlt indes nicht an Beispielen dafür, daß #innere# Faktoren tödlich

wirken; so ist z. B, eine gelegentlich beobachtete Pflanzenrasse, die

kein Chlorophyll bilden kann, dem Tod verfallen. In der Vererbungslehre

sind vielfach letale Faktoren bekannt geworden, d. h. innere Anlagen,

die -- wenn sie zur Entfaltung kommen -- den Tod des Organismus

herbeiführen (vgl. S. 288, Oenothera).

Am besten bekannt oder abgeschätzt ist das Alter von Bäumen[230],

über deren Anpflanzung zum Teil geschichtliche Daten vorliegen,

während das Alter anderer Bäume oft Jahrhunderte weit über

die geschichtliche Zeit zurückreicht. Die berühmte Linde bei

Neuenstadt am Kocher in Württemberg ist annähernd 700 Jahre alt,

eine Littauer Linde von 25,7 m Umfang hatte 815 Jahresringe, und

ein Taxus in Braburn (Kent) wurde bei 18 m Umfang auf 2880 Jahre

geschätzt. Sequoia gigantea, der Mammutbaum Kaliforniens, wird

nach H. MAYR 4000 Jahre alt. Berühmt durch ihr Alter ist auch eine

Wasserzypresse (Taxodium mexicanum) auf dem Friedhofe von St. Maria

Tule bei Oaxaca in Mexiko (Fig. 603). Einer der ältesten Bäume

Deutschlands dürfte eine ungefähr 1200jährige Eiche sein, die auf

dem Gut Ivenak in Mecklenburg steht und in Brusthöhe einen Umfang

von fast 13 m hat. -- Auch Bryophyten erreichen oft ein hohes

Alter; die an der Spitze fortwachsenden verkalkten Gymnostomumrasen

und die Stengel der metertief ins Torfmoor hinabreichenden

Sphagnaceen zählen ihr Dasein sicher nach vielen Jahrhunderten.

E. Fortpflanzung.

Über die Organe, die der Fortpflanzung dienen, ist das Nötige schon in

der Morphologie gesagt; hier sind nur die Bedingungen und die Bedeutung

der Erscheinung zu berücksichtigen und dann die Eigenschaften der

Nachkommen zu besprechen.

1. Die Bedingungen der Fortpflanzung[231].

In der Natur scheint die Fortpflanzung mit einer gewissen Notwendigkeit

auf das vegetative Wachstum zu folgen. Sie tritt gewöhnlich ein,

wenn das vegetative Wachstum nachläßt, wenn die Pflanze ein

gewisses Alter erreicht hat. Tatsächlich läßt sich aber zeigen,

daß diese Aufeinanderfolge nicht notwendig ist, daß der natürliche

Entwicklungsgang nur dann eintritt, wenn ganz bestimmte Bedingungen

gegeben sind, und daß er durch andere Einflüsse sehr stark abgeändert

wird.

Die Hauptfrage, die wir hier zu studieren haben, ist diese: unter

welchen Bedingungen findet das vegetative Wachstum, unter welchen

die Bildung von Fortpflanzungsorganen statt? Da diese Frage noch

verhältnismäßig wenig studiert ist, so läßt sich nicht gut eine

allgemeine Antwort auf sie geben. Wir müssen uns also darauf

beschränken, an einigen Beispielen das Wesentlichste klar zu machen.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 38 / 90 段