+7. Rückblick auf die äußeren Faktoren.+ Es hat sich gezeigt, daß

eine Menge von äußeren Faktoren in einfacheren Fällen nur auf die

Wachstumsgeschwindigkeit, in komplizierteren dagegen auch auf die

schließliche Gestalt der Pflanze von Einfluß ist. Wir pflegen die

Gestalt der Pflanze, die uns gewöhnlich in der Natur entgegentritt,

als ihre #normale# Gestalt zu bezeichnen. Jede Abweichung von dieser,

die unter dem Einfluß äußerer Faktoren entsteht, nennen wir eine

#Modifikation# dieser normalen Gestalt. Es ist aber klar, daß auch

die Normalform lediglich der Ausdruck ganz bestimmter Außenfaktoren

ist, nämlich derjenigen, die gewöhnlich die Pflanzen während ihrer

Entwicklung treffen. Mit anderen Worten, Normalform und Modifikation

sind beide gleich gesetzmäßige Bildungen. Nicht die Modifikation,

sondern nur die Konstellation von Außenbedingungen, unter denen sie

entstanden ist, ist abnorm. Wenn auch manche dieser Veränderungen für

die betroffene #Pflanze# ganz bedeutungslos sind oder gar, wie das

bei den Gallen betont wurde, nur für den Veranlasser der Veränderung

von Nutzen sind, so ist doch eine große Zahl von Reaktionen auf äußere

Reize derart, daß die Pflanze einen Nutzen von ihnen hat. So haben

wir z. B. die Überverlängerung beim Etiolement, die charakteristische

Ausbildung der amphibischen Pflanzen im Wasser bzw. auf dem Lande, die

Steigerung des Transpirationsschutzes bei Zunahme der Lufttrockenheit

usw. usw. als nützliche Reaktionen, als #Anpassungen# zu bezeichnen,

Woher es kommt, daß die Pflanze oft mit Anpassungen reagiert, ist

an dieser Stelle nicht zu besprechen (S. 179). Im Gegensatz zu den

Anpassungen nennen wir solche Modifikationen, die für die Pflanze

nutzlos oder gar schädlich sind #Mißbildungen#.

B. Innere Faktoren.

Auf innere Faktoren müssen wir stets dann schließen, wenn eine

Veränderung am Organismus bei #Konstanz aller Außenfaktoren# eintritt.

Wir können die Innenfaktoren bei weitem nicht so gut analysieren

wie die Außenfaktoren, und deshalb ist die Zurückführung mancher

Erscheinungen auf „innere Ursachen“ oft nicht viel mehr als ein

Geständnis unserer Unkenntnis.

+1. Anlagen.+ #Innere# Ursachen sind zunächst einmal die „#Anlagen#“,

die eine Pflanze von ihren Eltern mitbekommen hat; diese bewirken, daß

aus der Spore eines Pilzes immer wieder dieser Pilz, aus dem Samen der

Bohne wieder eine Bohne hervorgeht. Sie bewirken auch im einzelnen, daß

eine bestimmte „Art“ bei gleichen Außenbedingungen in allen Individuen

die gleichen Eigenschaften hat, wie z. B. Blütenfarbe, Blattgestalt,

Größe usw. Den Bestand einer Spezies an Anlagen kann man im allgemeinen

nicht experimentell verändern, ja man kann ihn nicht einmal ohne

weiteres durch Beobachtung feststellen; erst das Vererbungsexperiment

gibt über ihn Aufschluß. Deshalb kann auch erst bei Behandlung der

Vererbung mehr von den „Anlagen“ gesagt werden (S. 280).

+2. Korrelationserscheinungen+[216]. Wenn auch äußere Faktoren einen

weitgehenden Einfluß auf den inneren Bau der Pflanzen haben, so findet

die Gewebedifferenzierung doch auch bei ganz #konstanten# äußeren

Bedingungen statt -- sie ist also durch innere Ursachen bewirkt. Was

für Ursachen das im einzelnen sind, die eine embryonale Zelle in

eine bestimmte Entwicklungsrichtung hineindrängen, das wissen wir

nicht. Nur eins ist uns ganz sicher bekannt: aus #jeder Zelle des

Vegetationspunktes kann noch alles werden, alle Zellen sind ihren

Anlagen nach gleich#. Daß die eine sich so, die andere sich anders

entwickelt, ist einzig und allein durch die Wechselbeziehungen oder

#Korrelationen# bedingt, die zwischen den Zellen bestehen. Heben wir

diese Beziehungen auf, heben wir den Zusammenhang zwischen den Zellen

auf, so sehen wir bei den Erscheinungen der Restitution (S. 245) in

der Tat ganz andere Leistungen von den Zellen vollführt, als sie im

Zusammenhang zuvor zeigten. Und nicht nur embryonale Zellen, auch

ausgewachsene können noch nach Aufhebung des Zusammenhangs mit den

Nachbarzellen neue Leistungen übernehmen und dann auch neue Gestalten

ausbilden. So können bei Restitutionsprozessen Zellen, die ausgewachsen

waren und die bald abgestorben wären, wieder jung werden, und wir

sehen z. B. aus einer #Epidermiszelle# (Fig. 256) die ganze Fülle von

Zellarten sich bilden, die für die betreffende Pflanze charakteristisch

sind. Es ist klar, daß ein Organismus, bei dem solche gegenseitige

Beeinflussung der Zellen fehlt, nicht die Arbeitsteilung aufweisen

kann, wie wir sie bei den höheren Pflanzen zu sehen gewohnt sind.

Es sind also, mit anderen Worten, die #Korrelationen# mit zu den

„#Regulationen#“ zu rechnen, ohne die ein Organismus undenkbar ist.

Nicht nur zwischen den Zellen, auch zwischen den äußeren Organen

der Pflanze bestehen solche Korrelationen. Nimmt man diese auch für

gewöhnlich nicht wahr, so treten sie doch sofort zutage, wenn man

entweder ein Organ entfernt und nun die Reaktion des isolierten Organs

sowie der Pflanze, von der es genommen ist, studiert, oder wenn man ein

Organ künstlich an einen Platz bringt, an dem es vorher nicht war.

Im ersten Fall können zunächst einmal sog. #Kompensationen#

auftreten: Durch Entfernung #eines# Organs werden andere #größer#.

Die Blätter, die am Vegetationspunkt entstehen, verhindern ältere

Blätter, ihre maximale Größe zu erreichen; wird der Vegetationspunkt

entfernt, so nimmt demnach (z. B. beim Tabak) die Blattgröße zu. Das

#Austreiben einzelner# Achselknospen #verhindert# zahlreiche andere am

Streckungswachstum; werden aber die dominierenden Sprosse entfernt,

so treiben die bisher ruhenden Knospen sofort aus. Man wird daraus

schließen, daß #auch# in der #normalen Entwicklung# die Größe der

Organe durch korrelative Einflüsse der Nachbarorgane mit bestimmt

wird. In anderen Fällen sehen wir einen mehr #qualitativen# Erfolg

der Entfernung eines Organs. Wird der Gipfel einer Tanne entfernt,

so tritt einer der nächststehenden Seitenzweige an seine Stelle: er

nimmt den aufrechten Wuchs des Hauptsprosses an und ordnet auch seine

Nadeln so an, wie der Hauptsproß das tut. Wir dürfen also vermuten,

daß für gewöhnlich die schräge Lage und die dorsiventrale Anordnung

der Benadelung am Seitenzweig sich unter dem Einfluß des Hauptsprosses

vollzieht. In diesen und in zahllosen anderen Fällen korrelativer

Beeinflussung ist es übrigens keineswegs notwendig, ein Organ zu

#entfernen#; meist genügt es, wenn es z. B. durch Eingipsung oder durch

andere Mittel in seiner normalen Funktion gestört wird.

Daß an isolierten Organen je nach Umständen neue Wurzeln, neue Sprosse

entwickelt werden, ist bei der Besprechung der Restitution S. 246

ausgeführt worden. #So wie jede Zelle ursprünglich zu vielfacher

Gestaltung befähigt ist, so sind es auch die Glieder. Nur die

gegenseitige Beeinflussung hindert sie an so vielseitiger Betätigung.#

Korrelationen können endlich noch dadurch nachgewiesen werden, daß

man ein Organ an eine neue Stelle verpflanzt. Mit den Methoden der

#Transplantation#, die aus der Praxis der Gärtnerei hervorgegangen

sind, gelingt es bei manchen Pflanzen leicht, einen abgetrennten

Teil an eine Wunde anwachsen zu lassen. Man nennt den zugefügten das

„Pfropfreis“, den anderen Komponenten die „Unterlage“. Das Reis kann

der gleichen Spezies entstammen wie die Unterlage oder von einer

verwandten Pflanze entnommen sein. Bei solchen Transplantationen können

auch korrelative Beeinflussungen auftreten. Eine solche ist z. B. schon

darin gegeben, daß durch die Verwachsung die Restitution sowohl an der

Unterlage wie am Reis unterbleibt. Es adoptiert gewissermaßen der eine

Teil die Wurzeln des anderen, der andere die Sprosse des ersten, und

damit entfällt die Notwendigkeit, solche Organe neu zu bilden.

Die künstliche Verwachsung spielt ähnlich wie die künstliche

Vermehrung eine große Rolle in der Gärtnerei, bei der #Veredelung#.

Es werden abgetrennte knospentragende Teile einer Pflanze, das sog.

#Edelreis#, auf einer bewurzelten Pflanze, der sog. Unterlage,

zur Verwachsung gebracht, weil es so rascher als durch künstliche

Vermehrung oder gar durch Samen gelingt, hochwüchsige Exemplare

einer Rasse oder Art herzustellen.

In der gärtnerischen Praxis haben sich verschiedene Methoden für

die Verbindung der Pflanzenteile bei der Veredelung herausgebildet,

von denen hier nur die wichtigsten erwähnt sein mögen. Unter

#Pfropfen# versteht man solche Transplantationen, bei denen

mit #Knospen besetzte Zweige# mit dem #abgestutzten# Stamm der

Unterlage zur Verwachsung gebracht werden. Es wird dabei beachtet,

daß wenigstens stellenweise die Kambialregionen der zu verbindenden

Teile aufeinander stoßen. Man pfropft im übrigen entweder #in den

Spalt#, #in die Rinde# oder #in die Seite#. Im ersten Falle wird

das Ende der Unterlage längs gespalten, und in den Spalt wird

entweder ein einziges Pfropfreis eingesetzt, das dann so stark sein

kann wie die Unterlage, oder es wird auf jeder Seite peripherisch

ein Reis zur Verwachsung gebracht; unter allen Umständen wird die

Basis des Pfropfreises keilförmig zugespitzt. Bei dem Pfropfen

in die Rinde wird das flach zugeschnittene Edelreis zwischen die

durch einen Längsspalt klaffend gemachte Rinde und den Splint

eingeschoben (Fig. 265 _I_). Bei dem Pfropfen in die Seite

werden die Edelreiser, keilartig zugeschnitten, in seitliche

Einkerbungen der Unterlage eingesetzt. -- Wird die Unterlage schräg

abgeschnitten und über ihr ein ebenfalls schräg zugeschnittenes

Pfropfreis von gleicher Dicke so angesetzt, wie das Fig. 265 _II_

zeigt, so spricht man wohl von #Kopulieren#. -- Eine besondere Art

der Transplantation ist das #Okulieren# (Fig. 165 _III_), wobei

nicht ein Zweigstück, sondern eine #Knospe#, ein „#Auge#“, unter

die Rinde der Unterlage eingeschoben wird. Das Edelauge bleibt im

Zusammenhang mit einem schildförmigen Rindenstück, das sich leicht

vom Splint ablöst, wenn die Pflanzen „im Saft“ sind. Durch einen

+T+-förmigen Schnitt wird dann die Rinde der Unterlage gelockert,

das Rindenschild des Edelauges eingeschoben und das Ganze dicht

abgeschlossen. Auf das „treibende Auge“ okuliert man im Frühjahr,

auf das „schlafende“, erst im nächsten Jahr austreibende Auge, im

Sommer.

[Illustration: Fig. 265. Verschiedene Veredelungsweisen. _I_ Pfropfen.

_II_ Kopulieren. _III_ Okulieren. In allen Figuren bedeutet _W_

Unterlage (Wildling) _E_ Edelreis bzw. Edelauge. Nach NOLL.]

Die Verwachsung erfolgt mit Hilfe eines an beiden Pflanzenteilen

entstehenden Wundgewebes, des sog. #Kallus# (vgl. S. 140). In dem

Kallus bilden sich nachträglich Gefäße und Siebröhren aus und

verbinden die gleichartig funktionierenden Elemente beider Stücke.

-- Derartige Verwachsungen sind aber nur bei nahe verwandten

Pflanzen möglich. So lassen sich die zu den Amygdalaceen gehörigen

Obstbäume leicht verbinden, also Pfirsich, Aprikose, Mirabelle,

Pflaume und Schlehe untereinander, ebenso die Pomaceen Birne und

Quitte, Quitte und Weißdorn, nicht aber Apfel mit Pflaume oder gar,

wie auch behauptet worden ist, mit Eiche u. dgl.

Die Polarität, die sich bei der Restitution so bemerkbar macht,

tritt auch bei künstlich herbeigeführter #Verwachsung# sehr

auffallend zutage. Ungleichnamige Pole einer Pflanze sind

leicht zum Verwachsen zu bringen, gleichnamige verwachsen nicht

oder schwieriger, und ihre Verbindung trägt dann dauernd einen

schadhaften Charakter.

Unterlage und Pfropfreis beeinflussen sich in mannigfacher Weise. So

gewinnen z. B. Teile einjähriger Pflanzen, wenn sie auf ausdauernde

gepfropft werden, eine längere Lebensdauer. Ebenso läßt sich auch der

entgegengesetzte Erfolg, Verkürzung der Lebensdauer durch Pfropfung,

erzielen. Aber auch qualitative Erfolge können eintreten, die im

Extrem so weit gehen, daß eine Laubknospe durch Aufpfropfung auf eine

passende Unterlage zu einem Blütensproß umgewandelt werden kann. Die

#spezifischen Eigenschaften# der beiden Komponenten bleiben indes bei

der Transplantation erhalten; gewisse als „Chimären“ bezeichnete Fälle

scheinen dem auf den ersten Blick zu widersprechen, doch zeigt sich

bei näherer Betrachtung, daß auch bei ihnen, obwohl sie äußerlich als

#Mittel#bildungen zwischen den beiden Pfropfsymbionten erscheinen,

dennoch keine „Vermischung“ zweier Spezies vorliegt.

+Chimären+[217]. In unseren Gärten finden sich unter dem Namen Laburnum

Adami und Crataegomespilus einige Pflanzen, die in mehrfacher Hinsicht

an #Bastarde# (S. 278) erinnern, die aber zweifellos nicht durch

sexuelle Vereinigung der Mutterpflanzen entstanden sind. #Laburnum

Adami# (Fig. 266) ist eine Mittelbildung zwischen Laburnum vulgare

und Cytisus purpureus und bildet sehr häufig Zweige aus, die man als

„Rückschläge“ zu Laburnum vulgare betrachten muß, seltener solche,

die ganz wie Cytisus purpureus aussehen. Als #Crataegomespilus# oder

Bronveauxhybriden werden einige Mittelformen zwischen Crataegus

monogyna und Mespilus germanica bezeichnet, die ebenfalls sehr häufig

Rückschläge zu den Stammformen bilden. Von den Bronveauxhybriden

ist nun der Ursprung bekannt. Man weiß, daß die Mittelformen -- es

existieren deren mehrere differente -- in der Nähe einer Pfropfstelle

von Mespilus auf Crataegus zuerst in einem Garten in Bronveaux bei

Metz entstanden sind. Daß Laburnum Adami ähnlichen Ursprungs ist,

muß jetzt als sicher gelten. Man hat demnach die beiden Pflanzen

als „#Pfropfhybriden#“ betrachtet, d. h. als Bastarde die nicht

durch Verschmelzung von Sexualzellen, sondern durch eine irgendwie

beschaffene Beeinflussung vegetativer Zellen hervorgebracht worden sind.

HANS WINKLER hat solche „Pfropfbastarde“ experimentell hergestellt.

Er pfropfte Solanum nigrum (Nachtschatten) auf Solanum Lycopersicum

(Tomate) und schnitt nach erfolgter Verwachsung den Stengel

des Pfropfreises quer durch die Pfropfstelle ab. Unter den

Adventivsprossen, die sich unmittelbar aus der Verwachsungsstelle

der beiden Komponenten bildeten, befanden sich auch ausgesprochene

Mittelbildungen zwischen Tomate und Nachtschatten. Und zwar traten

zunächst solche Formen auf, die aus verwachsenen #Längshälften# der

beiden aufeinander gepfropften Pflanzen bestanden; WINKLER nannte

sie #Chimären#. Später aber stellten sich auch andere, #äußerlich

einheitlich# erscheinende Mittelbildungen ein (Fig. 267), die zunächst

als die gesuchten Pfropfbastarde gedeutet wurden. Nähere Untersuchung

zeigte aber, daß auch sie als #Chimären# zu betrachten sind, da

sie aus verwachsenen, #sonst aber unveränderten Teilen der Tomate

und des Nachtschattens bestehen#. Es sind aber nicht Längshälften,

die miteinander verwachsen sind, sondern Innen- und Außenschichten

derart, daß die #Schichten# des Vegetationspunktes (vgl. S. 75 u.

269) aus Geweben verschiedener Spezies aufgebaut sind. Man nennt sie

„#Periklinalchimären#“ (Mantelchimären); im Gegensatz dazu heißen die

der Länge nach verwachsenen Chimären „Sektorialchimären“.

Auch Cytisus Adami und die Crataegomespili sind Periklinalchimären;

#echte# Pfropf#bastarde#, bei denen durch Pfropfung eine Vermischung

der Arteigenschaften in der einzelnen Zelle erfolgt wäre, sind bisher

noch nicht bekannt.

[Illustration: Fig. 266. Laburnum Adami Poit. (Cytisus Adami Hort.)

mit Rückschlagszweigen in seine beiden Stammformen: Laburnum vulgare

(links) und Cytisus purpureus (rechts). Nach NOLL.]

[Illustration:

Solanum nigrum

Solanum tubingense

Solanum proteus

Solanum

Gaertnerianum

Solanum

Koelreuterianum

Solanum

Lycopersicum]

Fig. 267. Pfropfchimären zwischen Solanum nigrum und Solanum

Lycopersicum. Nebst den Eltern. Original von H. WINKLER. Dargestellt

ist jeweils ein Blatt, eine Blüte und eine Frucht sowie ein Schema des

Vegetationspunktes. In letzterem sind die von Solanum nigrum stammenden

Schichten grün, die von der Tomate herrührenden gelb gehalten.]

Solanum tubingense hat das Dermatogen der Tomate, das Innere

des Nachtschattens; bei Solanum Kölreuterianum ist es gerade

umgekehrt; bei S. proteus sind die #zwei# äußeren Lagen von der

Tomate, die übrigen vom Nachtschatten, und bei S. Gaertnerianum ist

es wahrscheinlich umgekehrt (Fig. 267). Entsprechend stammt bei

Cytisus Adami das Dermatogen von Cytisus purpureus, das Innere

von Laburnum vulgare. Bei #einer# der Bronveauxhybriden, der forma

„Asnieresii“, ist ein Crataeguskern von einer Mispelepidermis

bedeckt, die andere Form „Dardari“ hat zwei oder mehr

Mantelschichten von Mespilus. Diese Angaben beziehen sich auf den

Bau des Vegetationspunktes und der aus diesem entstehenden Achsen.

Die Blätter dagegen können nur bei Formen mit einschichtigem Mantel

Chimären sein; wo aber der Mantelsymbiont zweischichtig auftritt,

da muß er nach NOACK[218] das #ganze# Blatt aufbauen, da dieses nur

aus Epidermis und Hypodermis des Vegetationspunktes sich herleitet.

Demnach können diese Blätter keine Periklinalchimären sein;

auffallenderweise zeigen sie aber doch Zwischenbildungen zwischen

den Komponenten.

Wenn es gelingt, aus der einzelnen Schicht Adventivsprosse zu

erzielen, so haben diese den reinen Speziescharakter dieser Schicht

ohne jede Spur eines Einflusses des anderen Symbionten. -- Über die

Entstehung der Periklinalchimären wissen wir noch nichts sicheres,

doch ist kaum daran zu zweifeln, daß die Vegetationspunkte der

Adventivsprosse aus Zellen der beiden Komponenten sich aufbauen,

und zwar derart, daß die eine Spezies die Bildung des Kernes, die

andere die des Mantels übernimmt.

III. Der Entwicklungsgang und seine Abhängigkeit von äußeren und

inneren Faktoren.

Der Entwicklungsgang besteht in einer Folge von Vorgängen, die sich

bei einer bestimmten Spezies immer wieder in der gleichen Weise zu

wiederholen pflegt. Doch lehren schon gelegentliche Beobachtungen in

der Natur, erst recht aber Versuche, daß diese Folge veränderungsfähig

sein #muß#. Die Aufgabe der Entwicklungsphysiologie ist es, den

Entwicklungsgang experimentell zu beherrschen und so Einblick in

seine Ursachen zu gewinnen. Von großer Wichtigkeit ist es auch, die

Teilprozesse der Entwicklung voneinander zu unterscheiden und durch

ihre ungleiche Abhängigkeit von Außenfaktoren voneinander zu trennen.

Wenn wir auch sehr viele Einzelheiten eines Entwicklungsganges

heute noch nicht experimentell beherrschen, so drängen uns doch

die bisherigen Erfolge die Überzeugung auf, #daß der typische

Entwicklungsgang nur eine von vielen Möglichkeiten ist, die stets dann

eintritt, wenn ein bestimmter Komplex von Ursachen gegeben ist#, und

daß jede Abweichung von diesem Ursachenkomplex auch in der Entwicklung

der Pflanze ihren Ausdruck findet.

Alle Umgestaltungen aber fallen um so extremer aus, je jünger die

Zellen sind, die beeinflußt werden. Wird bereits die embryonale

Substanz eines Vegetationspunktes von ihrem normalen Entwicklungsgang

abgelenkt, so kann ein ganz anderes Gebilde an Stelle des erwarteten

treten. Oder es bilden sich Mittelformen von mehr oder weniger

monströser Gestalt aus. Die embryonale Substanz der Vegetationspunkte

ist noch zur Bildung aller Anlagen befähigt, die den Formenkreis

der Spezies umfassen, und so kann z. B. an Stelle einer Blüte ein

vegetativer Sproß entstehen, ja in seltenen Fällen kann sogar der

Vegetationspunkt einer Wurzel sich unmittelbar als Sproß weiter

entwickeln. Hingegen werden schon angelegte Blätter in ihrer

Veränderung sich vornehmlich innerhalb des Formenkreises der

Blattmetamorphose halten, Blumenblätter beispielsweise an Stelle von

Staubblättern oder Fruchtblättern sich bilden. Je später der ändernde

Einfluß auf die Anlage sich geltend macht, um so unvollkommener wird

ihre Umwandlung sein.

Die Entwicklung der Organismen vollzieht sich nicht in ewig gleicher

Tätigkeit, in andauernd gleichem Wachstum. Vielmehr sehen wir überall,

meist periodisch, Veränderungen auftreten. So wechseln Perioden der

Ruhe mit solchen der Wachstumstätigkeit; und während der letzteren

sehen wir periodisch Zellteilungen auftreten, periodisch andere

Blattformen und Sproßformen entstehen und Fortpflanzungsorgane sich

bilden, periodisch auch kleinere und größere Teile absterben, bis

schließlich der Tod des ganzen Organismus erfolgt.

A. Ruhe und Wachstumsbeginn[219].

Es ist schon früher ausgeführt worden, daß wir drei verschiedene

Zustände in der Pflanze unterscheiden: den des aktiven Lebens,

den des latenten Lebens und den des Todes. Es wurde auch erwähnt,

daß im latenten Leben alle Lebensäußerungen stillstehen: alle

Stoffwechseltätigkeit, selbst die Atmung, ist sistiert, und von

Wachstum und Bewegung ist nichts zu bemerken. Im Gegensatz zum toten

Zustand aber bleibt bei latentem Leben die Entwicklungs#fähigkeit#

gewahrt.

+Ruhezustände.+ Solches latentes Leben treffen wir bei den Samen,

bei manchen Sporen der niederen Pflanzen, aber auch bei vielen

ausgewachsenen Teilen und Knospen in ungünstiger Jahreszeit

(Kälteperioden, Trockenperioden). Es wird aber nicht #unbegrenzt# von

der Pflanze ertragen, selbst Samen und Sporen, die es am vollkommensten

zeigen, büßen früher oder später die Entwicklungsfähigkeit ein, sie

sterben. -- In anderen Fällen sehen wir nicht #alle# Lebensfähigkeit

unterdrückt, sondern einzig und allein das Wachstum sistiert. So z. B.

bei unbefruchteten Eizellen.

Auf den ersten Blick möchte man glauben, daß die Ruhezustände während

der ungünstigen Jahreszeit unmittelbar von dieser veranlaßt werden.

Tatsächlich tritt aber auch bei vielen tropischen Bäumen #periodisch#

ein Wachstumsstillstand ein; bei andauernd günstiger Temperatur und

Wasserzufuhr sehen wir die Blattbildung nicht kontinuierlich vor

sich gehen, sondern von Ruhepausen unterbrochen, so daß im Laufe

eines Jahres mehrfaches Austreiben erfolgt. Und bei den einheimischen

Pflanzen ist der Eintritt der Ruheperiode keineswegs durch die zu

niedere Temperatur bedingt. Viele Bäume hören schon im Mai oder Juni

mit der Blattentfaltung völlig auf. Auch zeigen unsere Bäume, in ein

tropisches Klima versetzt, vielfach eine ähnliche Periodizität wie dort

einheimische Pflanzen. Diese Erscheinungen werden noch nicht von allen

Forschern gleichartig gedeutet. Auf der einen Seite wird angenommen,

daß jede Periodizität im Wachsen der Pflanze durch eine Periodizität

in der Außenwelt bedingt sei, die freilich nicht nur in der Zufuhr von

Wärme und Wasser, sondern auch z. B. in der Aufnahme von Nährsalzen

gegeben sein kann. Auf der anderen Seite nimmt man eine Periodizität

aus #inneren# Ursachen an, die sich in Ländern mit wechselnden

Jahreszeiten diesen anpaßt: die Bäume verlegen bei uns die Ruhezeit

in den Winter, in anderen Ländern in die trockene Jahreszeit. Das ist

durchaus nicht bei allen Pflanzen so. Es gibt bei uns einige Kräuter,

wie z. B. Senecio vulgaris, die das ganze Jahr hindurch wachsen, wenn

nur die äußeren Bedingungen es zulassen, und in den Tropen fehlt es

erst recht nicht an dauernd wachsenden Pflanzen.

Eichen-, Buchen-, Apfel- und Birnbäume behalten in dem

subtropischen Klima von Madeira ihre Ruheperiode bei; unter den

noch gleichmäßiger günstigen Verhältnissen gewisser Tropengegenden,

wie in den Bergen Javas, besteht eine Ruheperiode fort, aber sie

verschiebt sich bei verschiedenen Individuen, ja sogar an den Ästen

eines und desselben Baumes zeitlich derart, daß Eichen, Magnolien,

Obst- und Mandelbäume wie gewisse dort einheimische Bäume zu

gleicher Zeit belaubte und blattlose Zweige tragen.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 37 / 90 段