Der Einfluß verschiedener Beleuchtungsstärke auf die

Wachstumsgeschwindigkeit wurde früher dahin gedeutet, daß „#Licht

das Wachstum hemmt, Dunkelheit es fördert#“. Es gibt aber nur

wenige einwandfreie Versuche, die über den Erfolg einer bestimmten

konstanten Beleuchtungsstärke bei konstanter Temperatur berichten.

In vielen Fällen muß jedoch diese alte Darstellung auch heute noch

als #wahrscheinlich# gelten, wenn auch in dem eingehend studierten

Fall von Avenakeimsprossen sich ergeben hat, daß das Licht am 1. Tag

eine fördernde, erst späterhin eine hemmende Wirkung ausübt. Wird ein

Avenakeimling eine Zeitlang bei konstanter Beleuchtung kultiviert und

dann in eine höhere, aber ebenfalls konstante Beleuchtung gebracht, so

zeigt sich auch hier die gleiche doppelte Wirkung des Lichtes, zuerst

Förderung und dann Hemmung des Wachstums. Umgekehrt wirkt eine Abnahme

der Beleuchtungsstärke: nach anfänglicher Abnahme folgt eine Zunahme

des Wachstums.

Viel öfter ist in den letzten Jahren der Einfluß eines #Lichtwechsels#

auf das Längenwachstum studiert worden. Es hat sich gezeigt, daß

ebenso eine Zunahme wie eine Abnahme der Beleuchtung das bisher

gleichförmige Wachstum ungleichförmig macht. In manchen Fällen tritt

bei Beleuchtungszunahme zuerst Wachstumsbeschleunigung, dann Hemmung

ein, manchmal aber wird auch der umgekehrte Erfolg beobachtet. Meist

tritt bei dieser „#Lichtwachstumsreaktion#“ (BLAAUW) nicht nur #ein#

Wellenberg und #ein# Wellental auf, sondern es folgen einander mehrere

Wellen von abnehmender Amplitude, bis dann der stationäre Zustand

erreicht wird, der noch genauer zu erforschen ist.

Sehr groß sind die #formativen# Erfolge[209] des Lichtes, doch

verhalten sich die einzelnen Organe dabei sehr verschieden. Das tritt

nirgends deutlicher in Erscheinung als bei dauernder Verdunkelung.

Wie eingangs bemerkt, kann eine solche bei Autotrophen nur bei

genügender Versorgung mit Reservestoffen längere Zeit durchgeführt

werden und bedingt dann ein völlig verändertes Wachstum und deshalb

ein ganz fremdartiges Aussehen der Pflanzen. Diese als #Etiolement#

oder #Vergeilung# bezeichnete Erscheinung kommt dadurch zustande,

daß einzelne Organe im Wachstum gefördert, andere gehemmt werden.

Bei Dikotylen findet man z. B. die Stengel stark überverlängert

und schlaff. Überverlängert sind auch die Blattstiele, während die

Blattspreiten klein bleiben und lange in der Knospenlage verharren

(Fig. 260). Da im Dunkeln zwar die gelben Chloroplastenfarbstoffe,

nicht aber der Chlorophyllfarbstoff gebildet werden kann, so erscheinen

die Blätter etiolierter Pflanzen gelb, während die chloroplastenarmen

Stengel #weiß# aussehen. Etiolement kommt aber auch bei nichtgrünen

Pflanzen vor: gewisse Hutpilze z. B. verlängern bei Verdunkelung ihren

Stiel ganz beträchtlich unter gleichzeitiger Verkleinerung der Hüte.

Auch im inneren Bau bestehen beträchtliche Differenzen zwischen der

etiolierten und normalen Pflanze. In etiolierten Pflanzen sind die

Gewebe wenig differenziert, es fehlen die verdickten Zellen.

Die Überverlängerung gewisser Organe bei gleichzeitiger Reduktion

anderer hat in der Natur bei allen im Dunkeln austreibenden Samen

und Rhizomen eine große ökologische Bedeutung. Die nur am Licht

funktionierenden Teile werden zunächst noch nicht ausgebildet, die

Baustoffe für sie, insbesondere auch für das Chlorophyll gespart;

die starke Streckung der anderen Organe, die vorzugsweise auf

Wassereinlagerung beruht, hat den Effekt, daß die lichtbedürftigen

Teile möglichst bald aus der Dunkelheit herausbefördert werden.

[Illustration: Fig. 260. Zwei gleichalte Keimpflänzchen des weißen

Senfs (Sinapis alba). _E_ Im Dunkeln erwachsen, etioliert. _N_ Bei

gewöhnlicher Tagesbeleuchtung gewachsen, normal. Nach NOLL.]

Auch ohne zu dem Extrem völliger Verdunkelung zu greifen, kann man

weitgehende formative Erfolge durch verschiedene Beleuchtungsstärke

erzielen. Am genauesten sind solche bei den Farnprothallien durch

die Studien von KLEBS bekannt geworden. Er fand:

1. Bei schwachem Licht (Osramlampe von 27 MK) bilden die

Prothallien oft mehr als 2 mm lange, unverzweigte Fäden #ohne jede

Zellteilung#.

2. Bei etwas stärkerem Licht bleibt die Gestalt des Prothalliums

die gleiche, aber es treten Querwände auf.

3. Bei etwa 250 MK hört der Zellfaden auf und wird durch die

Zellfläche ersetzt. Bei passender Beleuchtungsstärke kann schon die

zweite Zelle des Prothalliums zur Flächenbildung übergehen; die

Fadenbildung wird also völlig unterdrückt.

4. Bei 500-1000 MK endlich treten Zell#körper# auf.

Weitere formative Erfolge der Beleuchtungsstärke treten uns in

der Gestalt und im Bau der Laubblätter entgegen. Schattenblätter

weisen einen ganz anderen Bau auf als die in voller Sonne

erwachsenen Blätter der gleichen Spezies. Sie sind dünner, ihre

„Palisadenzellen“ verjüngen sich nach unten trichterförmig, lassen

weite Interzellularen zwischen sich und treten auch nur in #einer#

Reihe auf, während am Licht die Palisaden höher werden und auch in

mehreren Schichten sich ausbilden können.

[Illustration: Fig. 261. Taraxacum officinale. _1_ in der Ebene, _2_ im

Hochgebirge kultiviert. Beide gleichmäßig verkleinert. Nach BONNIER.]

Die Pflanzen der Alpen, die das Sonnenlicht länger, intensiver und

in anderer Zusammensetzung erhalten als die der Ebene, weichen

auch in ihrem ganzen Habitus (Fig. 261) weit von diesen ab. Ihre

Vegetationsorgane sind gedrungen, ihre Blüten groß und intensiv

gefärbt. Indes sind neben dem Licht auch andere Faktoren bei dieser

Abänderung beteiligt.

Wo im Laufe der Entwicklung zweierlei Blätter produziert werden,

wie z. B. bei Campanula rotundifolia, manchen Wasserpflanzen usw.,

da zeigen sich die Jugendblätter an die schwache, die Folgeblätter

an eine hohe Beleuchtungsstärke gebunden (S. 270). Auch die

definitive Größe einer Pflanze #kann# von der Beleuchtung abhängen.

Die Fig. 262 zeigt die große Periode von Avena bei verschiedenen

Beleuchtungen. Sie läßt ohne weiteres erkennen, daß in starkem

Licht die Pflanzen viel kleiner bleiben als in schwachem Licht.

Die Wirkung der verschiedenen Strahlenarten[210], aus denen das weiße

Tageslicht besteht, ist nicht die gleiche. Wenn Licht die Streckung des

Stengels hemmt, so sind dabei die kurzwelligen blauen und violetten

Strahlen wirksam, während sich rote Strahlen wie Dunkelheit verhalten.

Bei den Farnprothallien wird durch #rotes# Licht das Wachstum wie

durch Dunkelheit gefördert, aber die Zellteilung gehemmt, während

umgekehrt die blauen und violetten Strahlen das Wachstum hemmen,

aber die Teilung fördern. Da das Licht nicht nur als Wachstumsreiz,

sondern auch als Energiequelle tätig ist, so ist die Komplikation

der Erscheinungen einigermaßen verständlich. -- Ultraviolettes Licht

schädigt die Pflanze, Radium- und Röntgenstrahlen wirken hemmend auf

Wachstumsvorgänge ein, können aber wie Gifte (S. 257) in kleinen Mengen

das Wachstum fördern[211].

Neben der Intensität und der Qualität des Lichtes hat auch

seine #Richtung# eine große Bedeutung für die Ausgestaltung des

Pflanzenkörpers. #Einseitig# einfallendes Licht führt zu Krümmungen

(Phototropismus, vgl. S. 307). Aber auch auf Polarität und Symmetrie

hat das Licht Einfluß. So kann z. B. bei niedrig organisierten Pflanzen

an der Zelle, von der die Entwicklung ausgeht, die stärker beleuchtete

Seite zur Spitze, die andere zur Basis werden. Oder es kann ein

ursprünglich radiärer Vegetationspunkt durch einseitige Beleuchtung zu

einem bilateralen oder dorsiventralen werden. Endlich kann auch ein

Organ, nachdem es längst aus dem embryonalen Stadium herausgetreten

ist, noch durch einseitige Lichtwirkung dorsiventral werden, z. B.

indem es bloß auf der Schattenseite Wurzeln bildet. -- Und wenn es

gelingt, experimentell die äußere Symmetrie umzugestalten, so ist damit

in der Regel auch der innere Bau verändert.

[Illustration: Fig. 262. Große Periode des Wachstums der

Avenakoleoptile nach SIERP. Die Abszisse gibt die Zeit in halben Tagen

an, die Ordinaten den Zuwachs. Kurve _a_ bei Dunkelheit, _b, c_ .. bei

zunehmender Beleuchtungsstärke.]

Bei der Keimung der Sporen von Equisetum wird die Richtung der

ersten Scheidewand und damit die Lage von #Basis# und #Spitze#

durch die Lichtrichtung bestimmt. Ein ähnlicher Einfluß des

Lichtes auf die Polarität zeigt sich bei den Eizellen von Fucus

und Dictyota. -- Antithamnion cruciatum (eine Floridee) bildet

in zerstreutem Licht aufeinanderfolgende Auszweigungen ungefähr

in gekreuzter Stellung aus; bei einseitigem Lichteinfall aber

stellen sie sich alle senkrecht zu den Strahlen in eine Ebene.

Weitere Beispiele für solche durch einseitige Beleuchtung

induzierte #Dorsiventralität# liefern die Zweige vieler Laubmoose,

die Thalli der meisten Lebermoose und endlich die Prothallien

der Farne, Gebilde, die ohne solche einseitige Lichtwirkung

teils radiär, teils bilateral werden. So wird z. B. an den

Farnprothallien und bei Marchantia die #Oberseite# durch die

stärkere Beleuchtung bestimmt. Während nun bei Farnprothallien

nach Umkehrung der Beleuchtungsrichtung der Neuzuwachs sich den

neuen Lichtverhältnissen anpaßt, also die bisherige Oberseite

zur Unterseite wird, ist der Marchantienthallus, wenn einmal die

Dorsiventralität induziert ist, nicht mehr veränderlich. -- Als

Beispiel einer durch Beleuchtung induzierten Dorsiventralität

bei höheren Pflanzen seien die Sprosse des Efeus und anderer

Wurzelkletterer genannt, deren Kletterwurzeln auf der beschatteten

Seite entstehen.

+3. Schwerkraft.+ Dem #Lichte# können wir die Pflanze leicht entziehen;

die Schwerkraft aber wirkt überall auf sie ein. Was wir da ändern

können, ist nur die Richtung. Fällt die Schwerkraftrichtung mit der

Richtung der Hauptwurzel und des Hauptsprosses zusammen, so bemerken

wir keinerlei Einfluß: bildet sie aber einen Winkel mit diesen Organen,

so treten ähnlich wie bei einseitig einfallendem Lichte #Krümmungen#

auf (s. Geotropismus). Davon abgesehen, ist vor allem ein Einfluß der

Schwerkraft auf die #Polarität# der Pflanzen konstatiert. Nirgends

freilich in dem Maße, daß es gelänge, durch Umkehrung (Inversstellung)

einer Pflanze etwa den Sproß in eine Wurzel zu verwandeln. Nicht einmal

an der undifferenzierten Eizelle läßt sich durch die Schwerkraft die

Polarität verändern. Sie wird fast überall durch innere Ursachen

bedingt, und die Schwerkraft kann nur modifizierend eingreifen.

Werden abgeschnittene Weidenzweige in einem feuchten Raum

aufgehängt, so bilden sich Wurzeln vorzugsweise nahe dem

unteren Ende, und von den angelegten Knospen treiben nur die

höchst stehenden aus (Fig. 263, _1_). Werden die Zweige aber in

verkehrter Lage aufgehängt, so sind es die gleichen (jetzt nach

unten schauenden) Knospen, die austreiben, und am basalen (nach

oben schauenden) Ende bilden sich die größten Wurzeln (Fig. 263,

_2_). Somit zeigt also der Versuch, daß in erster Linie innere

Ursachen für den polaren Gegensatz bestehen. Da aber bei den

invers gestellten Zweigen die Wurzelbildung #erheblich# nach

abwärts, die Sproßbildung aufwärts verschoben ist, so muß auch die

Schwerkraft mitbeteiligt sein. Nur ausnahmsweise ist es gelungen,

durch Inversstellung eine vollkommene und eine dauernde Umkehrung

der Polarität einer Pflanze zu erzielen. In den meisten Fällen

sterben inverse Pflanzen bald ab; wo sie aber längere Zeit am

Leben bleiben, zeigen sie schwere Störungen in ihrem anatomischen

Bau[212].

Auch an schräg oder horizontal gelegten Zweigen macht sich ein

Einfluß der Schwerkraft auf die inneren Dispositionen geltend.

Letztere bringen es mit sich, daß die obersten Knospen am stärksten

austreiben und sich zu Langtrieben entwickeln. Aus der Vertikallage

gebrachte Zweige zeigen die basalen Knospen gefördert, die apikalen

gehemmt. Bogig gekrümmte lassen die stärkst wachsenden Triebe am

höchsten Punkt auftreten. #In der Reben- und Obstzucht# wird durch

Verbiegung der Äste auf die Bildung schwächer wachsender Sprosse

(Kurztriebe) hingewirkt, die erfahrungsgemäß leichter Blüten

produzieren.

[Illustration: Fig. 263. Ein Zweig einer Weide, _1_ in normaler Lage,

_2_ in inverser Lage im feuchten Raum treibend. Nach VÖCHTING.]

+4. Mechanische Einflüsse.+ Druck und Zug wirken in zweierlei Weise

auf das Wachstum, einmal rein mechanisch, außerdem auch als Reiz.

#Mechanische Widerstände# verlangsamen zunächst das Wachstum der Zellen

und heben es schließlich ganz auf. Da aber das Flächenwachstum der

Zellwand noch weiter geht, schwindet ihre Spannung schließlich ganz.

Nach völliger Entspannung der Zellhaut aber wirkt der ganze Innendruck

der Zelle auf die Widerlage ein, in manchen Fällen wird unter solchen

Umständen der osmotische Wert des Zellsaftes noch vergrößert. So kommt

es, daß Wurzeln Felsen sprengen können. Ist das Hindernis nicht zu

überwinden, so veranlaßt die plastische Nachgiebigkeit der Membranen

ein enges Anschmiegen an dasselbe; Wurzeln und Wurzelhaare, die in

enge oder flache Hohlräume eindringen, füllen diese daher oft so

vollkommen aus, als ob sie als flüssige Masse hineingegossen worden

wären. -- Von einem starken mechanischen #Zug# sollte man erwarten, daß

er durch Unterstützung und Förderung der Dehnung das Längenwachstum

beschleunige. Tatsächlich macht sich aber eine #Reizwirkung# geltend,

der Zug hat zunächst geradezu eine #Verzögerung# des Wachstums zur

Folge, und erst später treten Beschleunigungen bis 20% auf.

Von anderen Reizwirkungen mechanischer Einflüsse nennen wir noch

folgende: An gekrümmten Wurzeln treten Seitenwurzeln ausschließlich

auf den Konvexseiten auf; die Ursache liegt wahrscheinlich

in den #Spannungsverhältnissen#, die an den antagonistischen

Seiten bestehen (Fig. 264). -- Die Anlage der Haustorien von

Cuscuta und die Ausbildung der Saugnäpfe an den Ranken mancher

Parthenocissus-Arten (Fig. 207) wird durch #Berührungsreiz#

ausgelöst.

Steigern sich mechanische Einflüsse bis zur Verwundung, so treten

entweder einfache Heilungserscheinungen (S. 140) oder Restitutionen (S.

245) auf.

[Illustration: Fig. 264. Junge Lupine mit bogig gewachsener

Hauptwurzel. Die Seitenwurzeln _s_ ausschließlich auf den Konvexflanken

entwickelt. Nach NOLL.]

+5. Stoffliche Einflüsse.+ Die Gegenwart der nötigen Nährstoffe in

genügender Menge ist ebenso wie die Abwesenheit von Giften formale

Bedingung für jedes Wachstum. Wenn auch, wie wir wissen, jeder

einzelne Nährstoff unentbehrlich ist, durch eine Überfülle der

anderen nicht ersetzt werden kann, so darf man doch für #bestimmte

Vorgänge# einem einzelnen eine besondere Wichtigkeit zuschreiben. --

Da die Streckung ganz überwiegend auf #Wassereinlagerung# beruht,

so ist die Bedeutung der #Wasserzufuhr# für die wachsende Pflanze

ohne weiteres einleuchtend. Nur die turgeszente Pflanze wächst, und

der Wassergehalt des Bodens beeinflußt weitgehend die Größe der

Pflanze und ihrer Zellen. Im trockenen Boden entstehen Zwerge[213].

Manche Pflanzen aber besitzen Wasserspeicher und sind dadurch etwas

unabhängiger von direkter Wasseraufnahme; sie wachsen auf Kosten des

gespeicherten Wassers. Vielfach kann auch das Wasser älteren Teilen

entnommen werden, die dann vertrocknen, während an der Spitze Wachstum

stattfindet; so bei der im Keller treibenden Kartoffel. Ganz anders

wie der Wassergehalt des #Bodens# wirkt der Feuchtigkeitsgehalt der

#Luft#. Durch ihn wird Form und anatomischer Bau weitgehend geändert.

In feuchter Atmosphäre entwickeln sich lange Internodien und lange

Blattstiele, die Blattfläche wird groß, aber sie bleibt dünn, und

ihr Rand ist wenig ausmodelliert, die Behaarung tritt zurück. Die

Gewebedifferenzierung ist sehr gering. Es besteht also in mehrfacher

Hinsicht Annäherung an die etiolierte Pflanze. Eine lokale Überfüllung

der Pflanze mit Wasser, wie sie nach Hemmung der Transpiration z. B.

durch Überzüge von Paraffinöl auftritt, führt zur Anschwellung der

Zellen und somit zur Intumeszenzbildung. Umgekehrt wird durch trockene

Luft die anatomische Differenzierung sehr gefördert; die Kutikula

wird verstärkt, Kollenchym, Sklerenchym und Gefäße werden vermehrt,

kurz es entstehen vielfach Abänderungen, die in feuchter Luft auf

Transpirationssteigerung, in trockener auf Transpirationshemmung

hinauslaufen, also zweckmäßige Abänderungen. Anpassungen.

Eine sehr auffallende Reizwirkung wird durch die #dauernde Berührung

mit flüssigem Wasser# bei denjenigen Pflanzen erzielt, die eine solche

überhaupt ertragen können; zweifellos handelt es sich da freilich

nicht um eine einfache stoffliche Wirkung des Wassers, sondern um eine

kombinierte Wirkung vieler Faktoren: neben dem Wasserüberfluß dürfte

z. B. die Aufhebung der Transpiration, doch auch die Änderung der

Beleuchtung und der Sauerstoffzufuhr wichtig sein.

#Amphibische# Pflanzen, d. h. solche, die befähigt sind, sowohl

auf dem Lande wie im Wasser zu leben, entwickeln im Wasser oft

ganz andere Formen als in der Luft. Dies tritt zumal in der

Gestalt der Blätter hervor, die im Wasser häufig lineal und

sitzend oder aber fein zerschlitzt, an der Luft dagegen gestielt

und mit breiter Spreite ausgebildet werden (vgl. Fig. 140). Aber

auch Blattstiele und Internodien zeigen im Wasser oft ein anderes

Wachstum als in der Luft, und es erinnert ihr Verhalten im Wasser

an die Überverlängerung im Finstern. Das ist besonders der Fall

bei untergetauchten Wasserpflanzen, von denen gewisse Teile die

Oberfläche erreichen müssen (Stengel von Hippuris, Blattstiele

von Nymphaea). Diese Pflanzenteile sind durch verschieden starke

Streckung unter Wasser imstande, ihre Länge der Höhe des über ihnen

stehenden Wasserspiegels anzupassen, in flachem Wasser kurz zu

bleiben, in tiefem sehr lang zu werden.

Auch die #Gewebe# der Wasserformen zeigen manche Abweichungen von

denen der Landformen: in den Stengeln fehlen die verdickten Zellen,

und auch die Leitbündel sind reduziert; die Blätter erinnern an

Schattenblätter. In schroffstem Gegensatz zu den Wasserpflanzen

stehen solche Landpflanzen, die bei geringer Wasserzufuhr bzw. bei

starker Transpiration entstanden sind; hier sind die Leitbündel

sehr kräftig entwickelt, und in der Epidermis werden Einrichtungen

ausgebildet, die wir unter den Mitteln zum Schutz vor zu großer

Transpiration kennen gelernt haben.

Neben den eigentlichen Nährstoffen, die zum Aufbau der Pflanzensubstanz

Verwendung finden, verdient auch der Sauerstoff genannt zu werden.

Obwohl sein Eintritt in die Pflanze mit einer Verminderung der

organischen Substanz verbunden ist, ist er -- bzw. die durch ihn

bewirkte Atmung -- doch ganz unentbehrlich für das Wachstum. Bei den

Aërobionten wenigstens steht das Wachstum nach Sauerstoffentziehung

völlig still; auch eine Verminderung oder Vermehrung des normalen

Sauerstoffgehaltes der Luft beeinflußt es schon.

Aber auch Reize mannigfacher Art gehen von Stoffen aus, die auf die

Pflanze einwirken.

Da sind zunächst die Gifte zu nennen, Stoffe, die schon in sehr

geringer Konzentration das Wachstum und schließlich überhaupt das

Leben sistieren. So tötet Kupfervitriol Algen, zumal Spirogyren,

aber auch Erbsen in Wasserkultur, schon in der Verdünnung

1 : 25000000. Auffallenderweise wirken aber viele Gifte in starker

Verdünnung geradezu stimulierend auf das Wachstum und bewirken

eine bessere Ausnützung der Nährstoffe. Chemische Reizung anderer

Art spielt vor allen Dingen bei der Keimung vieler Samen, Sporen

und Pollenkörner sowie bei der Entwicklung der Früchte eine große

Rolle. Viele parasitische Pilze und auch parasitische Phanerogamen

(Orobanche, Lathraea) werden durch noch unbekannte, von ihren

Wirten ausgehende Stoffe zum Wachstum gereizt. Bei Algen und Pilzen

kann namentlich durch hohe Konzentration gewisser Nährstoffe eine

beträchtliche Gestaltsveränderung hervorgerufen werden.

+6. Einflüsse fremder Organismen.+ Pilze und Bakterien, die

parasitisch in einer Pflanze leben, veranlassen nicht selten

weitgehende Deformationen in ihr, die man #Gallen#[214] nennt. In

einfacheren Fällen entsteht dabei nur eine Vergrößerung der Zellen,

in komplizierteren treten qualitative Veränderungen der Organe ein.

Noch viel auffallender sind die Gallenbildungen, die durch Tiere, vor

allem Insekten an den Pflanzen hervorgebracht werden. Es entstehen

Wucherungen, die dem Parasiten zur Wohnung und Nahrung dienen und die

in ihrem Bau oft als durchaus #nützlich für den Parasiten# erscheinen:

wir treffen Schutzschichten, Nährschichten und Deckelbildungen, die für

die Pflanze selbst ganz ohne Bedeutung sind.

Die von dem Rostpilz Aecidium Euphorbiae infizierte

Zypressenwolfsmilch (Euphorbia Cyparissias) wird unfruchtbar,

bleibt unverzweigt, erhält kürzere aber breitere Blätter und

erscheint in ihrem ganzen Aussehen so verändert, daß man

sie kaum wieder erkennt. Blattläuse können Vergrünungen der

befallenen Blütensprosse veranlassen, wobei statt Blumenblättern

laubblattähnliche Gebilde entstehen. Besonders eigenartig sind #die

Gallen# (#Cecidien#), deren Bildung durch Pilze und vornehmlich

durch Tiere (Würmer und Arthropoden) bedingt wird. Der Eingriff

dieser Organismen in die normale Entwicklung der befallenen Pflanze

ist mehr oder weniger bedeutend, je nachdem er die embryonale

Substanz der Vegetationspunkte oder ein schon angelegtes, jedoch

noch in Ausbildung begriffenes, oder endlich ein schon fertiges

Glied des Pflanzenkörpers trifft. Es können #histoide# Gallen

entstehen, bei welchen es sich um Produkte abnormer Gewebebildung

handelt, oder #organoide#, die auf Umbildung oder Neubildung der

Glieder des Pflanzenkörpers beruhen. Die letzteren sind besonders

lehrreich. Die Larve der Gallmückenart Cecidomyia rosaria, die über

dem Vegetationspunkt der befallenen Weidensprosse sich entwickelt,

veranlaßt die Verbildung der ganzen Sprosse, die Entstehung

jener Gallen, die als Weidenrosen bekannt sind und Blattschöpfe

aus stark veränderten Blättern und gestauchten Achsenteilen

darstellen. Verschiedene Fliegen (Diptera) legen ihre Eier in noch

unfertige Blätter und regen um so stärkere Anschwellungen und

Rollungen an, je jünger die Blätter im Augenblick der Infektion

waren. Unverändert in seiner Gesamtausbildung bleibt hingegen

das Blatt der Eiche, das erst im schon weit entwickelten Zustand

von Gallwespen der Gattung Cynips angestochen wird; hier wird

nur eine lokale Wucherung des Blattgewebes gebildet, die zur

Bildung der kugeligen gelben oder roten, an den Seitenrippen der

Blattunterseite sitzenden Gallen führt.

Auch „Symbionten“, d. h. friedlich zusammenlebende Organismen, von

denen nicht der eine die Rolle des Wirtes, der andere die des Parasiten

spielt, können sich formativ beeinflussen. Das sieht man z. B. bei den

Flechten.

Es ist wahrscheinlich, daß bei der Beeinflussung durch fremde

Organismen neben der Verwundung #stoffliche# Wirkungen die Hauptrolle

spielen. Freilich konnte bisher nur in seltenen Fällen eine der

Gallbildung ähnliche Deformation schon durch Einwirkung toter, aus

dem Gallenbewohner extrahierter Substanzen erzielt werden. Auch

Parasiten, die keine Gallbildung zur Folge haben, wirken durch ihre

Gifte stofflich auf die Wirtpflanze ein. Umgekehrt kann die Wirtpflanze

durch Bildung von Antikörpern den Parasiten schädigen oder ihn

ganz am Eindringen hindern. So hat HEINRICHER gezeigt, daß manche

Birnsorten leicht, andere schwer von der Mistel infiziert werden, und

er hat wahrscheinlich gemacht, daß eine einmalige Infektion mit dem

Schmarotzer den Wirt bei künftigen Infektionen widerstandsfähiger

macht. Es kommen also auch im Pflanzenreich #Immunitätserscheinungen#

vor, sie sind aber hier bei weitem nicht so eingehend untersucht wie

bei Tieren[215].

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 36 / 90 段