+Wachstumsgeschwindigkeit.+ -- Aus der Tatsache, daß in verschiedenen

Organen ganz verschieden lange Zonen im Wachstum begriffen sind,

kann man entnehmen, daß die Angaben über den Gesamtzuwachs eines

solchen Organs, wie sie S. 243 gemacht wurden, keinen Schluß auf

die eigentliche #Wachstumsgeschwindigkeit#, d. h. den Zuwachs der

#Längeneinheit# in der #Zeiteinheit# zulassen. Bei den Sprossen von

Bambusa z. B. ist die wachsende Zone viele Zentimeter, bei Botrytis

nur 0,02 mm lang; wenn also Bambusa bei gleichen Außenverhältnissen

etwa einen 20mal so großen Zuwachs in der Minute erfährt als Botrytis,

so ist doch ihre Wachstumsgeschwindigkeit eine viel geringere. Zur

Charakterisierung der Wachstumsgeschwindigkeit sind demnach Angaben der

Verlängerung pro Minute in Prozenten der Wachstumszone nötig. Da ergibt

sich dann eine Geschwindigkeit von 83% bei Botrytis, von nur 1,27%

bei Bambusa; im Maximum hat man 220% bei gewissen Pollenschläuchen

beobachtet, während manche noch immerhin ansehnlich wachsende Sprosse

nur 0,5% ergeben.

+Größe der Pflanze.+ Aus der Wachstumsgeschwindigkeit und der Größe

der wachsenden Zone kann man die definitive Verlängerung eines

Pflanzenteiles erst dann bestimmen, wenn man auch die #Wachstumsdauer#

kennt. Durch die Variation dieser Faktoren ist die #Größe der Pflanze#

wie auch ihrer Teile bestimmt, die, wie jedermann weiß, zwar in

mannigfacher Weise von äußeren Faktoren abhängt, aber doch eine

#spezifisch verschiedene# ist. Eine bestimmte Größe gehört so gut zu

den spezifischen Eigenschaften eines Organismus wie seine Blattgestalt

usw.; auch ist die ganze Organisation einer Pflanze derart, daß sie nur

mit einer gewissen Größe verträglich ist.

2. Die Phasen des Wachstums.

Bei den einfachsten Pflanzen, niederen Algen, Pilzen, Bakterien,

besteht die Entwicklung lediglich im Wachstum der Zelle mit

darauffolgender Teilung. Diese Fälle sind in der Morphologie zur

Genüge besprochen. Bei komplizierten Pflanzen findet sich zwar auch

stets Zellenwachstum und häufig genug Zellteilung, aber beide Prozesse

erscheinen unter das Gesamtwachstum untergeordnet, und dieses setzt

sich vielfach aus drei verschiedenen, wenn auch zeitlich meist nicht

scharf getrennten Phasen zusammen, der #embryonalen Anlage der Organe#,

der #Streckung und der inneren Ausgestaltung#.

+a) Embryonale Anlage.+ -- Das embryonale Wachstum erfolgt

normalerweise an +Vegetationspunkten+, und neue Vegetationspunkte

entstehen im allgemeinen unmittelbar aus schon vorhandenen; nur

bei den Wurzeln erfolgt die Ausbildung der Vegetationspunkte der

Seitenglieder etwas #verspätet# aus Resten des Vegetationspunktes,

die embryonalen Charakter beibehalten haben. Die charakteristischen

Züge der Organbildung an Vegetationspunkten sind schon in der

Morphologie behandelt. Dort wurde auch auf S. 64 und 65 die #Symmetrie#

und die #Polarität# besprochen; auch diese werden häufig schon am

Vegetationspunkt ausgebildet; ja die Polarität, der Gegensatz zwischen

Basis und Spitze, wird bei den höheren Pflanzen schon in der Eizelle

angelegt und bleibt, einmal entstanden, gewöhnlich dauernd erhalten.

Hier aber muß noch betont werden, daß nicht alle Vegetationspunkte von

ihresgleichen abstammen. Nicht nur durch die normale Organogenese,

sondern auch durch #Restitution# kann die Entwicklung der Pflanze

vonstatten gehen.

Unter +Restitution+[206] versteht man die #Neubildung# von Organen,

die in der Regel nach #Verstümmelung# einer Pflanze auftritt und die

an Orten erfolgen kann, wo an der unverletzten Pflanze keinerlei

Wachstumstätigkeit eingetreten wäre. Man kann zwei Fälle von

Restitution unterscheiden, je nachdem die Ersatzbildung aus der

Wundfläche oder in einer gewissen Entfernung von ihr entsteht.

Die Wiederherstellung des verlorenen Organs von der Wundfläche aus

findet sich bei niederen Pflanzen, z. B. bei Algen und Pilzen, nicht

ganz selten, dagegen ist sie bei höheren Pflanzen von ganz beschränktem

Vorkommen. Nur Gewebe, die noch embryonal sind, aber bei weitem nicht

alle embryonalen Gewebe, sind dazu befähigt. Am häufigsten sind

derartige Restitutionen am Vegetationspunkt der Wurzel beobachtet;

hier wird nach Abtragung der Spitze durch einen Querschnitt diese

wieder gebildet, wenn der Schnitt nicht weiter als etwa 0,5 mm von

der Kuppe des Vegetationspunktes entfernt war. Längsgespaltene

Wurzelvegetationspunkte pflegen sich derart zu ergänzen, daß eine

solche Wurzel dann zwei Spitzen erhält. An Sproßvegetationspunkten

kommt diese Art von Restitution nicht vor, an Blattanlagen ist sie sehr

selten.

Dagegen ist die andere Art von Restitution ganz außerordentlich

verbreitet im Pflanzenreich. Hier wird für das verlorene Organ

dadurch Ersatz geschaffen, daß #in der Nähe der Wunde# ein neues

gebildet wird oder ein in der Anlage schon vorhandenes auswächst.

Auch für diese Art der Restitution liefern Algen und Pilze, vor allem

aber die Laub- und Lebermoose, zahlreiche Beispiele, die hier nicht

angeführt werden können. Wir beschränken uns auf die Betrachtung

der Blütenpflanzen. Ganz besonders verbreitet ist bei diesen die

Befähigung zur #Wurzelbildung#. Bei den Pelargonien, bei der Weide und

bei vielen anderen Pflanzen hat man es durch Abtrennen der Sprosse

in der Hand, an jeder beliebigen Stelle Wurzeln entstehen zu lassen;

bei anderen Pflanzen sind es bevorzugte Orte, wie die älteren Knoten,

an denen sie sich entwickeln. Nach der Wurzelbildung ergänzt sich

aber der #Stengel# zu einer vollen Pflanze, wenn entweder vorhandene

Blattachselknospen austreiben oder wenn neue Sproßvegetationspunkte

auftreten. Auch abgeschnittene #Blätter# haben sehr oft die Fähigkeit,

sich zu bewurzeln, doch ist mit dieser nur selten auch das Vermögen der

Sproßbildung verbunden. Selbst aus abgeschnittenen #Wurzeln# können --

wenn sie imstande sind, Knospen zu erzeugen -- neue Pflanzen entstehen.

Außer an Stengeln, Blättern, Wurzeln hat man auch schon an Ranken,

Blüten und Früchten, vielfach unter Neubildung von Vegetationspunkten,

Knospen, auftreten sehen. Wird der Vegetationspunkt einer Blütenpflanze

zerstört, so kann aus dem Meristem #oberhalb der jüngsten# Blattanlagen

ein Ersatzvegetationspunkt geschaffen werden. Ist hier die Restitution

auf ganz embryonale Zellen beschränkt, so sehen wir in anderen Fällen

ältere, zum Teil schon ausgewachsene Zellen wieder anfangen zu wachsen

und sich zu teilen, also wieder embryonal werden. Vielfach bildet sich

so zunächst ein besonderes Gewebe an der Wunde: der #Kallus#; im Innern

dieser Zellwucherung treten dann Sproßanlagen auf. In wieder anderen

Fällen sehen wir ausgewachsene Zellen, mögen das nun Parenchymzellen

oder Epidermiszellen sein, direkt, d. h. ohne Kallusbildung, zu

Vegetationspunkten werden. So stellt z. B. die Fig. 256 die Entstehung

eines Begoniensprosses aus einer Epidermiszelle des Blattes dar.

[Illustration: Fig. 256. Querschnitt durch das Blatt von #Begonia#.

Vergr. 200. Bildung eines Adventivsprosses aus einer Epidermiszelle

nach HANSEN. _a_ Die Epidermiszelle hat sich einmal durchgeteilt. _b_

Aus der Epidermiszelle ist ein vielzelliges Meristem geworden.]

Nicht nur äußerlich sichtbare Organe, sondern auch #Gewebe# können

sich aus #ausgewachsenen# Parenchymzellen bilden. So werden z. B.,

wenn die Leitbahnen unterbrochen worden sind, aus dem Parenchym

neue Gefäße gebildet, die wieder eine Verbindung herstellen. Nicht

immer freilich wird das entfernte oder unterbrochene Gewebe wieder

gebildet; häufig kommt es zu #Ersatz#bildungen. So wird in der

Regel die Epidermis durch Kork ersetzt, und nur ausnahmsweise kommt

es zu ihrer echten, mit der Bildung von Spaltöffnungen verbundenen

Wiederbildung.

Hier anzuschließen wäre auch die Neubildung der Epidermis, wie sie

im normalen Verlauf der Entwicklung bei bestimmten Araceen sich

einstellt, die Löcher in ihren Blattspreiten entstehen lassen.

Bei Monstera deliciosa sterben einzelne Stellen der Spreite

ganz junger Blätter ab. Um diese Stellen tritt das Mesophyll in

Teilung ein und bildet aus der äußersten Zellschicht eine sekundäre

Epidermis, die nunmehr die Löcher auskleidet und an die primäre

Epidermis der beiden Blattflächen anschließt. -- Auch sonst finden

sich in der normalen Entwicklung vielfach Vorgänge, die man als

Restitutionen betrachten kann; z. B. die wiederholte Korkbildung

(S. 139).

Neben der Tatsache, daß Restitution eintritt, interessiert auch die

Frage, wo sie sich einstellt. Und da zeigt sich dann vielfach, daß

die #Polarität#, die an der intakten Pflanze auffällt, sich auch

an der restituierenden geltend macht. So pflegen an Stengeln die

Sprosse am Apikalende, die Wurzeln am Basalende aufzutreten, während

an der Wurzel genau die entgegengesetzte Verteilung besteht. Auch

bei niedrig organisierten Pflanzen zeigt sich oft eine Polarität in

den Restitutionsprozessen. Wird z. B. ein Zellfaden einer Cladophora

in Einzelzellen zerlegt, so bildet jede an der Basis ein farbloses

Rhizoid, an der Spitze einen grünen Faden.

[Illustration: Fig. 257. Blatt von #Begonia# als Steckling behandelt.

Mit den Restitutionssprossen. Nach STOPPEL.]

An Laubblättern tritt bei Restitutionen dieser Gegensatz von Basis

und Spitze nicht zutage. Das mag damit zusammenhängen, daß das

restituierende Blatt nicht in die Neubildung eingeschaltet wird;

es entsteht vielmehr an der Blattbasis eine völlig neue Pflanze,

worauf das Blatt selbst abstirbt. In einzelnen Fällen treten auch die

Neubildungen auf der ganzen Blattfläche ein (Torenia); manchmal läßt

sich aber der Ort ihrer Entstehung durch Einschnitte in die Lamina

beeinflussen: bei Begonia z. B. (Fig. 257) bilden sich die jungen

Pflänzchen oberhalb der Schnitte.

Die besprochenen Erscheinungen der Restitution haben eine große

Bedeutung für die Gärtnerei, da sie gestatten, Pflanzen ohne

Zuhilfenahme von Samen rasch zu vermehren. Bei dieser #künstlichen

Vermehrung# werden abgetrennte Teile von Pflanzen benutzt, um

aus ihnen wieder vollständige Pflanzen zu erzielen. Das gelingt

bei manchen Pflanzen leicht, bei anderen ist es schwieriger, bei

wieder anderen ist es überhaupt nicht möglich. Das einfachste

Verfahren ist die Fortpflanzung durch #Stecklinge#, d. h. das

Einsetzen abgeschnittener Zweige in Wasser, Sand oder Erde, wo sie

sich bewurzeln (Oleander, Pelargonien, Tradescantien, Fuchsien,

Weiden usw.). Durch abgetrennte Blätter werden hauptsächlich

die Schiefblätter (Begonien) vermehrt. Selbst im Zusammenhang

mit ihrer Mutterpflanze erzeugen die Blätter mancher Gewächse

jungen Nachwuchs (Bryophyllum). Auch aus Wurzeln und Wurzelstücken

können einzelne Pflanzen vermehrt werden, wie z. B. der Löwenzahn

(Taraxacum).

+b) Streckung.+ Um in Funktion treten zu können, müssen sich die

embryonalen Anlagen vergrößern und entfalten; das geschieht durch

den Prozeß der Streckung in höchst eigenartiger, haushälterischer

Weise. Die Vergrößerung erfolgt nämlich vor allem durch Einlagerung

von Wasser („Schwellwasser“), das von außen aufgenommen werden kann.

Organische Substanz muß nur zum Flächenwachstum der Zellhaut aufgewandt

werden. Dagegen bedarf es keiner Vermehrung des #Protoplasmas# bei

der Streckung; es wird also gerade die besonders kostbare N-haltige

Substanz gespart. In dieser Hinsicht besteht ein großer Unterschied

im Wachstum der Pflanzen gegenüber dem typischen Tier, dem eine der

„Streckung“ entsprechende Größenzunahme abgeht.

Schon die embryonale Zelle des Vegetationspunktes enthält in der

Zellhaut und dem Protoplasma reichliche Wassermengen; die gesamte

organische Substanz ist ja mit Wasser imbibiert. Bei fortgesetzter

Wasseraufnahme von außen tritt aber eine Sonderung zwischen dem

wasserdurchtränkten Protoplasma und den mit wäßriger Lösung gefüllten

Vakuolen auf, und schließlich kommt es durch Verschmelzen der

Vakuolen zur Ausbildung des einzigen zentralen „Saftraumes“ und des

peripheren Plasmaschlauches (vgl. S. 9, Fig. 3). Daß der Saftraum der

Sitz osmotischer Kräfte ist, wurde schon früher (S. 191) ausgeführt;

der Turgordruck aber ist eine unentbehrliche Bedingung für das

Flächenwachstum der Zellhaut.

Zellen, deren Turgeszenz (S. 191) durch Wasserentzug aufgehoben

ist, zeigen kein Wachstum mehr. Man nimmt deshalb an, daß die

mechanische Dehnung der Zellhaut ihr Wachstum erleichtert oder

erst ermöglicht. Man darf aber nicht glauben, daß irgendeine

Proportionalität zwischen Wachstum und Dehnung existiere. Auch

läßt sich die Dehnung durch den Turgordruck keineswegs durch eine

beliebige mechanische Dehnung ersetzen. Das Protoplasma spielt

eben beim Flächenwachstum der Zellhaut stets die Hauptrolle, und

mit seiner Betätigung muß es wohl zusammenhängen, daß manchmal

Zellhäute bei sehr schwacher Spannung ausgiebig wachsen.

Über die Vorgänge beim Zellhautwachstum, die man als Apposition

und Intussuszeption bezeichnet, ist S. 29 das Nötige gesagt

worden. Bei Flächenwachstum ohne Substanzaufnahme („plastische

Dehnung“), dem dann gewöhnlich Lamellenanlagerung folgt, ist die

Turgordehnung eine leichtverständliche Voraussetzung des Wachstums;

bei Intussuszeptionswachstum erscheint uns der Turgordruck weniger

notwendig.

Wenn durch Wachstum der Zellhaut erneute Wasseraufnahme ermöglicht

wird, muß der Zellsaft zunächst verdünnt werden. Tatsächlich

tritt eine solche Verdünnung nicht ein, weil das Protoplasma der

wachsenden Zelle fortwährend die Konzentration des Zellsaftes zu

#regulieren# vermag. Durch Überführung von Zucker in organische

Säuren kann der osmotische Wert erheblich vergrößert werden;

würde z. B. Oxalsäure aus Glykose gebildet, so könnte er auf das

Dreifache seines früheren Wertes steigen. Umgekehrt kann er z. B.

durch völlige Verbrennung von Zucker bei der Atmung ganz erheblich

verringert werden.

Neben der Streckung in der Längsrichtung existiert auch eine

Streckung in der Querrichtung (#Dickenwachstum#). Der Durchmesser

der fertigen Wurzel, des fertigen Stengels z. B. ist größer, oft

beträchtlich größer als unmittelbar am Vegetationspunkt. Man

unterscheidet, wie S. 121 auseinandergesetzt ist, ein primäres

vom sekundären Dickenwachstum. Nur das primäre Dickenwachstum ist

ein reines Streckungswachstum; beim sekundären werden durch ein

interkalares Meristem, das Kambium, zunächst neue embryonale Zellen

geschaffen, die erst allmählich in Streckung übergehen.

#Gewebespannung.# Die Streckung der Zellen in die Länge und Weite

erfolgt in einem Querschnitt eines Organs nicht immer gleichmäßig und

gleichzeitig. Sehr verbreitet findet sich z. B. bei wachsenden Stengeln

die Erscheinung, daß das Mark ein stärkeres Streckungsbestreben

hat als die peripherischen Gewebe. Da eine Kontinuitätstrennung

zwischen beiden nicht eintreten kann, kommt es zu #Spannungen#

(„#Gewebespannung#“); das Mark dehnt die Rindengewebe, diese

komprimieren das Mark: die tatsächliche Länge des Organs ist eine

aus antagonistischen Bestrebungen resultierende. Trennt man die

Gewebe künstlich, so nimmt jedes seine spezifische Länge an, das Mark

verlängert sich, die Rinde kontrahiert sich: die Spannung hört auf.

Diese in wachsenden Organen weit verbreitete Gewebespannung

kann man in folgender Weise demonstrieren. Löst man in einem

Sonnenblumensproß mit Hilfe des Korkbohrers das Mark eine Strecke

weit aus seinem Zusammenhang mit den Nachbargeweben, so tritt es

nach Entfernung des Bohrers an der Schnittfläche weit hervor (Fig.

258, _1_). Wird ein Sproß der Länge nach gespalten, so krümmen

sich die beiden Hälften nach außen, da das Mark sich verlängert,

die Epidermis sich verkürzt. Selbst an hohlen Sprossen, z. B.

den Blütenschäften des Löwenzahns (Taraxacum), besteht eine

Spannung zwischen inneren und äußeren Gewebeschichten. Wird ein

Taraxacum-Stengel der Länge nach gespalten, so krümmen sich seine

Teile nach außen (Fig. 258, _2a_), und diese Krümmungen nehmen noch

erheblich zu (Fig. 258, _2b_) wenn das Objekt in Wasser gelegt wird.

Auch in Blättern und Wurzeln finden sich Gewebespannungen. Die

Spannungen müssen nicht ausschließlich in der Längsrichtung

eintreten; es gibt auch Querspannungen. So wird z. B. die Rinde von

Bäumen, die sekundär in die Dicke wachsen, in tangentialer Richtung

ganz beträchtlich gedehnt; sie kontrahiert sich also nach Loslösung

vom Holzkörper.

Die Gewebespannungen bilden sich in geringer Entfernung vom

Vegetationspunkt mit dem Beginne der Streckung allmählich aus, und

sie verschwinden im allgemeinen wieder in der ausgewachsenen Zone.

In einigen Fällen bleiben sie aber #dauernd# erhalten (S. 297). Sie

sind von großer Bedeutung für die wachsenden Gewebe; sie vermehren die

schon durch die Turgeszenz der Einzelzellen bedingte Festigkeit. Die

Gewebespannung hat auch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Turgeszenz der

Einzelzelle; das zeigt sich am deutlichsten beim typischen Stengel:

wie der Zellsaft durch den osmotischen Druck die Zellhaut dehnt, so

expandiert das schwellende Mark die Rindenpartien. Wie aus der Dehnung

der Zellhaut, so resultiert auch aus der der Rinde ein vermehrter

Widerstand gegen Deformationen, also eine vergrößerte Festigkeit.

[Illustration: Fig. 258. _1_ Sproß von Helianthus annuus nach

Entfernung der Blätter; Mark mit dem Korkbohrer von der Peripherie

getrennt. _2_ Blütenstand von Taraxacum. Stiel der Länge nach übers

Kreuz gespalten. _a_ Sofort nach dem Spalten, _b_ nach Einlegen in

Wasser.]

Die Gewebespannung wird dadurch aufgehoben, daß sämtliche Zellen

schließlich die mittlere Länge dauernd annehmen, die ihnen durch

die antagonistischen Bestrebungen diktiert wird. Manchmal aber

zeigen gewisse Zellen, nachdem sie ihre größte Länge erreicht

haben, ein ganz beträchtliches, mit Änderung ihrer Form verbundenes

#Kontraktions#bestreben. Sehr verbreitet kommt das z. B. bei

Wurzeln vor, wo die Zellen der Rinde und die zentralen Partien

durch zwischenliegende Gewebe, die sich kontrahieren, in Falten

gelegt werden. Die Bedeutung dieser Wurzelkontraktion (S. 154), die

eine Verkürzung der ausgewachsenen Teile um 10-70% herbeiführen

kann, ist sehr groß. Sie bewirkt es z. B., daß die Blätter vieler

„Rosettenpflanzen“ trotz des andauernden Längenwachstums des Stammes

doch immer dem Boden angedrückt bleiben; sie bedingt und reguliert

das Eindringen vieler Knollen und Zwiebeln in eine bestimmte Tiefe der

Erde; sie erhöht schließlich auch die Befestigung der Pflanze im Boden,

da durch straffe Wurzeln eine größere Stabilität erzielt wird als durch

schlaffe.

+c) Innere Ausbildung.+ Die Zellen des typischen Vegetationspunktes

des Sprosses und der Wurzel behalten andauernd ihre Wachstums- und

Teilungsfähigkeit. Man nennt sie embryonale Zellen. Alle Organe, die

mit solchen Zellen versehen sind, haben im Prinzip die Befähigung zu

unbegrenztem Wachstum. Embryonale Gewebe finden sich nicht nur am

Vegetationspunkt, sondern auch in den sekundären Meristemen (S. 40).

Ein Teil der embryonalen Zellen, in Organen mit begrenztem Wachstum

sogar #alle#, verwandelt sich in #somatische Zellen#, #Dauergewebe#,

die bald mit Wachstum und Teilung aufhören und früher oder später dem

Tode verfallen (S. 272).

Die innere Ausbildung der Organe beginnt direkt hinter dem

Vegetationspunkt und dauert sehr verschieden lang. Während Haare

vielfach außerordentlich rasch fertiggestellt werden, wird die

definitive Ausgestaltung von inneren Geweben oft erst nach Abschluß

der Streckung vollendet; falls sekundäres Dickenwachstum eintritt, ist

sie überhaupt nie abgeschlossen. #Die Ausbildung von „Dauergeweben“#

aus den Ur- und Folgemeristemen ist im morphologischen Teil schon

geschildert.

II. Die Faktoren der Entwicklung.

Wenn wir den Versuch machen, die Faktoren zu besprechen, die von

Einfluß auf die #Entwicklung# sind, so kann es sich da immer nur um

#Beispiele# handeln, die uns in möglichst charakteristischer Weise den

Einfluß eines einzelnen solchen Faktors vor Augen führen sollen. An

Vollständigkeit ist weder in der Aufzählung der Faktoren noch ihrer

Wirkung gedacht. Wie in anderen Fällen, so können wir auch hier die

Faktoren in zwei Gruppen bringen: #äußere und innere#.

A. Äußere Faktoren.

Als #äußere# Faktoren treten uns alle die Kräfte und Stoffe entgegen,

die wir schon beim Stoffwechsel als physiologisch wirksam kennen

gelernt haben, oder die bei den Bewegungen eine Rolle spielen.

Gewisse äußere Faktoren sind schon S. 185 genannt und als #allgemeine

Lebensbedingungen# bezeichnet worden; ohne diese gibt es überhaupt

keine Entwicklung. Neben der allgemeinen (formalen) Bedeutung können

aber dieselben Faktoren auch noch eine andere Bedeutung für das

Wachstum haben. Durch Wechsel in ihrer Intensität, Qualität, eventuell

auch Richtung, können quantitative, ja sogar auch qualitative

Änderungen in den Organen der Pflanzen hervorgerufen werden. Wir nennen

diese Wirkungen „#formativ#“ und stellen leicht fest, daß überall der

Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ein sehr komplizierter ist.

+1. Temperatur+[207]. Wie beim Stoffwechsel, so konstatieren wir auch

jetzt, daß eine gewisse Temperatur unerläßliche formale Bedingung für

das Wachstum ist.

Eine zu niedere Temperatur (etwa 0° oder weniger) und ebenso eine zu

hohe (40-50° oder mehr) heben das Wachstum völlig auf. Zwischen dem

Minimum und dem Maximum liegt dann, meist nicht in der Mitte, sondern

dem Maximum genähert bei etwa 22-37° das Optimum (Fig. 259). Im

einzelnen zeigen aber die Pflanzen, die verschiedene Klimate bewohnen,

recht große Differenzen in der Lage der Kardinalpunkte (vgl. S. 185)

der Temperatur. Daß auch die verschiedenen Individuen der gleichen

Art große Unterschiede in der Abhängigkeit ihres Streckungswachstums

von der Temperatur aufweisen, erkennt man z. B. an der ungleichen

Entwicklung der Knospen der Roßkastanien im Frühjahr. Aber auch

am einzelnen Individuum unterliegen die Wachstumsprozesse der

verschiedenen Organe einer ganz differenten Beeinflussung durch die

Temperatur.

[Illustration: Fig. 259. Abhängigkeit des Wachstums von der Temperatur

nach TALMA. Die Abszisse gibt die Temperatur. Die Kurven geben den

#Zuwachs# der Wurzeln von Lepidium sativum an, und zwar die ausgezogene

Linie in 3½ Stunden, die gestrichelte in 7 Stunden und die

punktierte in 14 Stunden. Man sieht, daß das Optimum mit der Dauer des

Versuchs auf niedrigere Temperaturen rückt.]

Bei Pflanzen tropischer Klimate kann beispielsweise das Minimum bei

+10° C liegen, während unsere, oft die Schneedecke durchbrechenden,

ersten Frühjahrspflanzen ebenso wie die Bewohner der Hochalpen und

der polaren Regionen bei Temperaturen wenig über 0° noch kräftig

wachsen. -- Zahlreiche unserer Frühlingspflanzen zeigen, daß die

Blütenentfaltung durch niedrigere Temperaturen gefördert werden

kann als die Laubblattentfaltung.

+2. Licht+[208]. Das Licht ist wenigstens #nicht allgemein# eine so

unentbehrliche Wachstumsbedingung wie die Temperatur. Es gibt Pflanzen

(Bakterien und Pilze), die ihre ganze Entwicklung normal auch im

Dunkeln vollziehen können. Wenn das bei der grünen Pflanze nicht der

Fall ist, so liegt das zum Teil schon daran, daß hier das Licht ja zur

Herstellung wichtiger Baustoffe unentbehrlich ist. Sind aber solche

Pflanzen reichlich mit Reservestoffen versehen (Samen, Rhizome), so

können sie meistens ohne Licht lange Zeit wachsen. Dabei nehmen sie

freilich abnorme Gestalten an, von denen S. 252 noch die Rede sein

soll. Es fehlt aber nicht an Organen, denen wenigstens vorübergehend

eine gewisse Lichtmenge geboten werden muß, damit sie überhaupt ihre

Entwicklung beginnen können (Samen und Sporen, S. 267). Andererseits

gibt es für jedes Organ eine gewisse Lichtstärke, die das Wachstum

sistiert. Diese ist bei Schattenpflanzen geringer als bei Lichtpflanzen.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 35 / 90 段