[Illustration: Fig. 236. Schema der Plasmolyse an einer jungen Zelle

aus dem Rindenparenchym des Blütenstiels von Cephalaria leucantha

(Compositae). _m_ Zellhaut, _pl_ Protoplasma, _v_ Vakuole. _I_ in

Wasser. _II_ in 4%iger Salpeterlösung. _III_ in 6%iger Salpeterlösung.

_IV_ in 10%iger Salpeterlösung. Nach DE VRIES.]

Die Ausdrücke osmotischer Druck, Turgordruck, Saugkraft werden in

der Literatur vielfach in verschiedenem Sinn gebraucht. Sie sind

hier durchweg im Anschluß an URSPRUNG[136], dessen Ausführungen uns

klar und folgerichtig scheinen, gefaßt. Besonders betont sei noch,

daß manche Chemiker von einem osmotischen Druck auch bei Lösungen

sprechen, die nicht durch eine semipermeable Membran von Wasser

getrennt sind, die also einen #meßbaren# Druck #nicht# erzeugen.

Diese Ausdrucksweise will kaum etwas anderes bedeuten, als daß eben

die Lösung den betreffenden osmotischen Druck erzeugen #kann#, wenn

sie durch eine semipermeable Wand von Wasser getrennt ist.

Die Abhebung der Protoplasten von der Zellwand erfolgt nicht

so glatt, wie die schematische Figur 236 das darstellt. In

Wirklichkeit pflegt das Plasma durch feine Fäden mit der Haut

verbunden zu bleiben; diese reißen später durch. Es ist wohl

möglich, daß, wie HANSTEEN ausführt, das Protoplasma ursprünglich

gar nicht scharf von der Zellhaut getrennt ist und daß die bei

der Plasmolyse entstehende Oberfläche eine künstliche ist, die

keineswegs dieselben Eigenschaften zu haben braucht wie die

ursprüngliche Hautschicht.

Die Plasmolyse kann durch Überführung der Zelle in reines Wasser

wieder rückgängig gemacht werden. Es tritt dann wieder die alte

Turgeszenz ein. Tötet man aber das Protoplasma, so verliert es

seine Semipermeabilität, und die Herstellung der Turgeszenz ist

unmöglich. Besonders anschaulich tritt eine derartige Veränderung

des Protoplasmas durch Abtöten bei Zellen mit gefärbtem Zellsaft

(z. B. rote Rüben) vor Augen, weil hier dann sofort der Farbstoff

in die Umgebung übertritt, während solche Zellen im lebenden

Zustand tagelang im Wasser liegen können, ohne es zu färben.

Der Salpeterwert der Zelle ist zunächst einmal #spezifisch#

verschieden. Besonders hohe Werte finden sich z. B. bei den

Grasknoten (0,5-1,0 Mol.) und bei Wüstenpflanzen (3,0 Mol.). Die

höchsten Werte aber treten in Pflanzen auf, die wie die Meeres-

und Strandpflanzen in Salzlösungen oder wie viele Pilze in

konzentrierten Zuckerlösungen gedeihen. In beiden Fällen muß, um

eine Turgeszenz zu ermöglichen, der osmotische Wert des Zellsaftes

den der Außenlösung #übersteigen#, und er paßt sich stets dem

letzteren an; er ist nicht ein für allemal gegeben, sondern er

ist #regulationsfähig#[140]. Man begreift, daß Zellen mit so

hochkonzentriertem Zellsaft sofort platzen, wenn sie aus ihrer

bisherigen Umgebung in reines Wasser oder in schwächere Lösungen

überführt werden.

Außerdem ist aber der Salpeterwert auch bei den einzelnen Organen

einer Pflanze verschieden. Das zeigt z. B. die folgende Tabelle

(nach BLUM):

Fagus Urtica

Mol. Mol.

Epidermis Blattunterseite 0,365 0,498

Schwammparenchym 0,571 0,635

Palisadenparenchym +1,017+ +1,015+

Äußere Rinde (Stengel) 0,671 0,472

Kambium 0,634 0,548

Holzmarkstrahl 0,938 --

+Wasseraufnahme vielzelliger Pflanzen.+ Bei vielen niederen Pflanzen

beteiligen sich #alle# lebenden Zellen an der Wasseraufnahme; bei

anderen komplizierteren dagegen grenzen nur die „#Außenzellen#“

an die wasserhaltige Umgebung an, und sie allein können demnach

der Wasseraufnahme dienen. Beim Kormus ist die Wasseraufnahme --

wenigstens bei den typischen „Landpflanzen“ -- auf die Epidermiszellen

der #Wurzeln# beschränkt. Die oberirdischen Teile sind schon durch

die mehr oder minder stark entwickelte #Kutikula# ungeeignet für

die Wasseraufnahme, so daß sie in der Natur nie so viel Wasser

aufnehmen, als die Pflanze nötig hat. Die Wurzel dagegen ist durch

ihre äußere Gestalt wie durch die feinere Struktur ihrer Oberhaut

hervorragend zur Wasseraufnahme geeignet. Der Umstand, daß das Wasser

im gewöhnlichen Boden in unsichtbar feiner Verteilung auftritt und

von den Oberflächenkräften der Bodenpartikelchen festgehalten wird,

macht eine große Oberfläche der aufnehmenden Wurzel notwendig. Eine

solche wird einerseits durch eine reiche Verzweigung des Wurzelsystems,

andererseits durch die Ausbildung von Wurzelhaaren hergestellt, die mit

den kleinsten Bodenteilchen verwachsen (Fig. 237).

[Illustration: Fig. 237. Die Spitze eines Wurzelhaars mit Bodenteilchen

verwachsen. Vergr. ca. 240. Nach NOLL.]

Durch die zahllosen feinen Seitenwürzelchen und die aus ihnen

entspringenden Wurzelhaare ist die Pflanze mit dem Boden verbunden und

kann das kapillar in diesem festgehaltene Wasser aufnehmen, sobald

sich in den Haaren durch Wasserverlust ein #Saugvermögen# eingestellt

hat. Auch einem Boden, der sich schon trocken anfühlt, vermag die

Pflanze noch Wasser zu entziehen. Bei dauernder Wasseraufnahme aus

so trockenen Böden erfolgt schließlich Welken der Pflanze; aber auch

in welkem Zustand geht die Wasseraufnahme noch fort, freilich nie so

weit, daß auch die letzten Spuren dem Boden entzogen werden könnten.

Weiter als unsere typischen Landpflanzen gehen nach FITTING die

#Wüstenpflanzen#, weil ihre Zellsäfte ungewöhnlich hohe Konzentration

besitzen und deshalb ein sehr starkes osmotisches Saugvermögen

entwickeln können[141].

Es leuchtet ein, daß Zellen mit hohem Salpeterwert eine höhere

#Saugkraft# entwickeln #können# als solche mit niedrigem

Salpeterwert. Allein die Bestimmung des Salpeterwertes gibt #kein

Maß# für die in der Zelle #tatsächlich bestehende# Saugkraft ab;

diese hängt ja von der Wassersättigung ab.

+Andere Arten der Wasseraufnahme.+ Manche Pflanzen nehmen das

Wasser #nicht# aus dem Boden auf; sie gehören vor allem zu zwei

ganz verschiedenen ökologischen Gruppen: zu den #Epiphyten# und zu

den #Wasserpflanzen#. Über die morphologischen und anatomischen

Eigentümlichkeiten, die eine Aufnahme von Regen oder Tau durch

oberirdische Organe ermöglichen, ist schon S. 157 berichtet.

Bewegung des Wassers in der Pflanze.

Eine Bewegung des Wassers von der Wurzel nach den oberirdischen Teilen

muß schon aus dem Grund erfolgen, weil Wasser zum Aufbau neuer Zellen

in den wachsenden Teilen unentbehrlich ist. Tatsächlich braucht aber

die Pflanze ungemein viel mehr Wasser, als das zu ihrem Aufbau nötige,

weil sie große Wassermassen in Dampfform, geringere in tropfbar

flüssiger Form an den oberirdischen Teilen abgibt. Der erste Vorgang

ist unter dem Namen #Transpiration#, der zweite als #Guttation# bekannt.

#Transpiration#[142].

Wie jede freie Wasserfläche, wie jeder mit Wasser gequollene Körper,

z. B. Gelatine, Leim, muß auch die Pflanzenzelle Wasser an die

Luft abgeben, solange diese nicht völlig dunstgesättigt ist. Die

Wasserabgabe ist bei manchen Pflanzenteilen (z. B. bei Wurzeln, bei

submersen Teilen, bei Schattenpflanzen), wenn sie trockener Luft

ausgesetzt werden, so groß, daß sie kollabieren, schlaff, welk werden

und schließlich vertrocknen. Anders verhalten sich z. B. die Blätter

unserer gewöhnlichen Landpflanzen. An ihnen ist zunächst nichts

von Wasserabgabe zu bemerken. Doch auch sie welken, wenn es lange

nicht regnet, wenn also die Wasseraufnahme aus dem Boden erschwert

ist. Unterbindet man ihnen die Wasserzufuhr völlig, indem man sie

abschneidet, so tritt das Welken schneller ein. Stellt man aber

die abgeschnittenen Zweige in Wasser, so nehmen sie dieses mit der

Schnittfläche auf und welken nicht. Daß sie für gewöhnlich an ihrem

Standort #nicht# welken, beruht also offenbar darauf, daß Wasser in

demselben Maß von unten her nachgeschoben wird, wie es oben verdunstet.

Es läßt sich denn auch die Abgabe von Wasserdampf mit einfachen Mitteln

nachweisen.

In sehr anschaulicher Weise wird die Transpiration durch Verfärbung

von sog. #Kobalt#papier demonstriert; Filtrierpapier, das mit einer

Lösung von Kobaltchlorür getränkt ist, zeigt im Zustand völliger

Trockenheit eine blaue Farbe; bei Wasserzutritt wird es rot. Legt

man nun ein Stückchen blaues Kobaltpapier z. B. auf ein Blatt

und bedeckt es zur Abhaltung der atmosphärischen Feuchtigkeit

mit einer Glasplatte, so weist die beginnende Rotfärbung auf

Transpiration hin, zugleich lassen sich aus der geringeren oder

größeren Geschwindigkeit des Eintretens und Fortschreitens der

Farbenänderung Schlüsse auf die Quantität des abgegebenen Wassers

ziehen. Exakte Nachweise in dieser Hinsicht kann freilich nur die

Wägung bringen. Sie muß an einer Pflanze ausgeführt werden, deren

Blumentopf durch passende Umhüllung völlig an jeder Wasserabgabe

verhindert ist. Es zeigt sich, daß die Wasserdampfabgabe der

Pflanze in der Regel so groß ist, daß schon im Verlaufe einer

Viertelstunde ein Gewichtsverlust eintritt, der beträchtlich genug

ist, um ihn ohne jede Schwierigkeit auf einer gewöhnlichen Wage

feststellen zu können. Über die Größe der Transpiration, die man

zweckmäßigerweise auf die Einheit der transpirierenden Fläche

beziehen wird, läßt sich nichts Allgemeines aussagen, da sie von

vielen äußeren Umständen, z. B. von Temperatur, Licht, Wasserzufuhr

usw., außerdem auch von der Struktur der Pflanze abhängt.

Der Vorgang der Transpiration vollzieht sich in folgender Weise.

Eine der Luft exponierte #Zelle# muß von dem Quellungswasser ihrer

Zellhaut dauernd Wasser an die Luft abgeben; dieser Prozeß würde bis

zur Lufttrockenheit der Zellhaut weitergehen, wenn nicht von innen

her Nachschub erfolgte. Ein solcher tritt nun aber in der Tat aus

dem Protoplasma ein. Die nicht völlig gesättigte Zellhaut übt einen

Zug auf das Wasser des Protoplasmas aus, und das Protoplasma sucht

Deckung für den Verlust aus dem Saftraum. So pflanzt sich also die

Wasserbewegung bis ins Zellinnere fort und bewirkt eine Verringerung

des Turgordruckes. Damit ist dann eine Saugkraft in dieser Zelle

hergestellt und die Bedingung zur Wasseraufnahme aus einer Nachbarzelle

gegeben, die selbst nicht transpiriert; und so setzt sich die

Wasserabgabe von der verdunstenden Oberflächenzelle in die Tiefe

der Gewebe fort. Die Größe der Transpiration hängt vor allem davon

ab, wie groß die Wasserdurchlässigkeit der #Zellhaut# ist. Handelt

es sich um eine gewöhnliche Zellulosewand, so ist die Transpiration

demnach groß; ist aber die Zellwand mit Wachs und Kutikula bedeckt

oder mit Kutikularsubstanz imprägniert, so gibt sie wenig Wasser ab.

Vergleichende Versuche mit Kobaltpapier lassen dementsprechend an

geeigneten Objekten leicht erkennen, wie die Transpiration mit der

Zunahme der Dicke der Kutikularschichten abnimmt, bis sie schließlich

so gut wie ganz verschwindet. Ähnlich wie Kutikularschichten wirken

Korkhäute. Jedermann weiß, wie lange Zeit Äpfel oder Kürbisse, d. h.

Früchte mit wohl ausgebildeter Kutikula, oder Kartoffelknollen, die mit

einer Korkhaut versehen sind, ohne Wasseraufnahme turgeszent bleiben.

Wenn aber die Laubblätter im allgemeinen derartige #Schutzmittel gegen

Transpiration# nicht in dem Maße besitzen, so ist das kein Nachteil

für die Pflanze; denn die Transpiration ist #nicht# etwa ein #Übel#,

sondern sie ist #nötig#, einerseits weil sie die #Temperatur# der

Pflanze herabsetzt, die in der prallen Sonne leicht #lebensgefährlich

hoch# werden könnte, andererseits weil sie eine #rasche# Bewegung der

sehr verdünnten Nährsalze bewirkt und endlich weil sie diese verdünnten

Lösungen eindickt. So haben wir denn auch Einrichtungen kennen gelernt

(S. 144), die man als #Förderungsmittel# für die Transpiration

bezeichnen kann. Dahin gehört vor allem die große Flächenausdehnung der

Blätter.

Nun ist aber die Transpiration nicht auf unmittelbar an die Luft

grenzende Zellen beschränkt; auch zahllose Binnenzellen können

Wasserdampf abgeben, wenn sie an Interzellularräume angrenzen. Die

lufterfüllten Interzellularen müßten freilich nach kurzer Zeit

völlig wasserdampfgesättigt sein, wenn sie ringsum abgeschlossen

wären. In Wirklichkeit aber finden sich, wie wir gesehen haben,

Kommunikationswege zwischen der Atmosphäre und den Interzellularen,

von denen die wichtigsten die #Spaltöffnungen# (S. 43) sind. Aus

ihnen kann der Wasserdampf austreten, und so wird erzielt, daß die

Wasserdampfsättigung der Interzellularenluft keine vollständige ist.

Den aus den Spaltöffnungen austretenden Wasserdampf kann man leicht mit

Kobaltpapier nachweisen. Legt man dieses gleichzeitig auf Ober- und

Unterseite eines Blattes, das nur auf der Unterseite Spaltöffnungen

führt, so zeigt sich, daß hier rasche Farbenänderung eintritt, während

an der Oberseite die blaue Farbe lange Zeit erhalten bleibt.

Diese Ausführungen zeigen, daß man zwischen #kutikulärer# und

#stomatärer# Transpiration unterscheiden kann. Bei der typischen

Landpflanze spielt zweifellos die stomatäre Transpiration die

Hauptrolle; bei Pflanzen, die feuchte Lokalitäten bewohnen, nimmt aber

auch die kutikuläre Transpiration beträchtliche Dimensionen an. Die

Spaltöffnungen sind zwar außerordentlich feine Poren in der Epidermis

-- vgl. S. 43 --, aber sie sind in sehr großer Zahl vorhanden und

zudem außerordentlich zweckmäßig angeordnet. NOLL hat berechnet, daß

ein einziges mittelgroßes Kohlblatt mit etwa 11 Millionen, ein Blatt

der Sonnenblume mit etwa 13 Millionen Luftspalten versehen ist. Die

Transpiration erfolgt also durch zahllose, zwar sehr enge, aber sehr

dicht stehende Öffnungen in der Kutikula, die selbst so gut wie kein

Wasser durchläßt. BROWN und ESCOMBE aber haben gezeigt, daß durch eine

solche siebartig durchlöcherte Membran, die über den transpirierenden

Mesophyllzellen ausgespannt ist, unter Umständen ebensoviel Wasser

diffundieren kann, wie wenn die Mesophyllzellen frei der Luft exponiert

wären. Wenn das richtig ist, muß man fragen, warum denn die Pflanze

überhaupt einen derartig komplizierten Apparat aufbaut und nicht die

freie Transpiration aus ungeschützten Zellen vorzieht. Der Grund

liegt darin, daß die Spaltöffnungen nicht nur die Transpiration

fördern, sondern auch ganz aufheben können, daß sie die Transpiration

+regulieren+, was einer Kutikula nicht möglich ist. Die Weite der

eigentlichen Spalte kann nämlich durch Vorgänge in den Schließzellen

verändert werden; ist die Spalte geschlossen, so ist die Transpiration

fast Null, ist die Spalte weit geöffnet, so erfolgt maximale

Transpiration. Da nun Öffnen und Schließen der Spalten nach Bedürfnis

der Pflanzen erfolgt, so haben wir es in den Spaltöffnungen mit Organen

zu tun, die in wunderbar zweckmäßiger Weise reagieren. Die Öffnung

der Spalten wird vielfach durch Beleuchtung und durch einen gewissen

Feuchtigkeitsgrad der Luft verursacht; umgekehrt wirken Verdunklung

oder trockene Luft auf ein Schließen der Spalten hin.

[Illustration: Fig. 238. Spaltöffnung von Helleborus spec. im

Querschnitt. Die dicken Linien zeigen die Form der Schließzellen

bei geöffnetem Spalt, die feineren Linien bei geschlossenem Spalt.

Nach SCHWENDENER. Der Saftraum der Zellen im geschlossenen Zustand

wurde hier schraffiert; er ist sichtlich kleiner als bei geöffneten

Schließzellen.]

Die Bewegungen der Schließzellen sind #Reizbewegungen# und erfolgen

#durch Turgordruck#. Vermöge der eigenartigen Verdickungen

der elastischen Zellwände der Schließzellen (S. 45) führen

Druckschwankungen in ihnen nämlich zu Gestaltsveränderungen, derart,

daß eine Steigerung des Turgordruckes die Krümmung der Zellen vermehrt,

eine Abnahme sie vermindert. Der erste Vorgang hat demgemäß das Öffnen,

der zweite den Verschluß der Spalten zur Folge, wie das aus der

Abbildung Fig. 238 ohne weiteres hervorgeht (vgl. auch Fig. 47-49).

Eine Zunahme des Turgordruckes könnte schon dadurch zustande kommen,

daß der osmotisch wirksame Inhalt der Schließzellen mehr Wasser

aufzunehmen in die Lage käme; tatsächlich erfolgt er aber dadurch, daß

bei Zunahme der Beleuchtung und der Luftfeuchtigkeit der #osmotische

Wert# der Schließzellen ganz beträchtlich zunimmt. Dieser Wert nimmt

umgekehrt bei Verdunklung und Trockenheit ab.

Der maximale osmotische Wert der Schließzellen kann auf 1

Mol., ja selbst auf 2 Mol. NaCl steigen gegenüber 0,15 Mol.

der gewöhnlichen Epidermiszellen. Bei Wasserentziehung (durch

Austrocknung oder Zuckerlösung) oder durch Verdunklung sinkt der

osmotische Wert der Schließzellen unter Umständen noch unter den

der Epidermiszellen[143].

Die Spaltöffnungen sind vorzugsweise auf den Blattflächen zu finden,

#die Blätter sind demnach als Organe der Transpiration# (und

Assimilation S. 215) #zu betrachten#. Die Leistungen der Blätter im

Verdunsten von Wasser sind denn auch außerordentlich überraschend[144].

Eine kräftige Pflanze, beispielsweise eine Sonnenblume von Manneshöhe,

verdunstet an einem hellen Tage über ein Liter Wasser, und man hat

festgestellt, daß ein Morgen mit Kohlpflanzen in 4 Monaten zwei

Millionen Liter, ein solcher mit Hopfen 3-4 Millionen Liter Wasser

verdunstet. Für eine einzeln stehende Birke mit etwa 200000 Blättern

berechnete VON HÖHNEL das verdunstete Wasser an einem heißen,

trockenen Tage auf etwa 300-400 Liter, im Tagesdurchschnitt auf 60-70

Liter. Ein Hektar Buchenhochwald verdunstet im Durchschnitt 20000

Liter täglich. Auf je 100 g Blattsubstanz berechnet, verbraucht in

einer Vegetationsperiode die Rotbuche 75 Liter, die Tanne aber nur

7 Liter. Im Durchschnitt verdunstet eine Pflanze für jedes Gramm

Trockensubstanz, das sie in ihren oberirdischen Teilen bildet, 250-900

g Wasser.

Die Flächenentwicklung und die feinere Organisation des Blattes

(Zahl und Weite der Spaltöffnungen, Ausbildung von Kutikula und

Behaarung) beeinflussen die Wasserabgabe außerordentlich stark;

deshalb versteht man es, daß verschiedene Pflanzen sehr ungleich

stark transpirieren. Aber auch ein und derselbe Sproß transpiriert

nicht immer gleichmäßig; das kommt daher, daß äußere und innere

Ursachen einerseits physiologische Folgen haben, indem sie die

#Weite der Spaltöffnungen# verändern, und daß sie andererseits die

Transpiration auch rein #physikalisch# ebenso beeinflussen wie

die Verdunstung eines freien Wasserspiegels. Wärme, Trockenheit

und Bewegung der Luft steigern die Verdunstung #physikalisch#,

während Beleuchtung und Feuchtigkeit sie #physiologisch# fördern.

Beide Momente wirken zusammen dahin, daß am Tage die Verdunstung

im allgemeinen stärker ist als des Nachts. Pflanzen, die, wie

Impatiens parviflora, an heißen trockenen Tagen leicht welken,

werden daher nachts wieder frisch.

Vergleicht man die Transpiration eines Blattes mit der Evaporation

einer gleichen Fläche reinen Wassers, die unter gleichen

Außenverhältnissen steht wie das Blatt, so gibt das Verhältnis

Transpiration : Evaporation, das immer kleiner als 1 ist und als

#relative# Transpiration[145] bezeichnet wird, ein Maß für die

#physiologisch# wirksamen Momente im Blatt, vor allem also für die

regulierende Tätigkeit der Stomata.

Dieser Begriff muß indes noch mit Vorsicht verwendet werden, denn

SIERP hat gezeigt, daß bei steigender Windgeschwindigkeit die

Evaporation der freien Wasserfläche ganz anderen Gesetzmäßigkeiten

folgt als die Wasserabgabe durch multiperforate Membranen, die

#relative Transpiration# also bei verschiedenen Außenbedingungen

auch #ohne organische Regulationen# ganz ungleiche Werte haben

kann. Der Einfluß des Windes, der in den Studien von BROWN und

ESCOMBE ganz zurücktrat, ist erst neuerdings voll gewürdigt

worden; er ist um so wichtiger, als die Luft in der Natur niemals

so unbewegt ist, daß eine Diffusion aus einem Blatt in der Weise

vor sich geht, wie BROWN und ESCOMBE das annahmen. -- Während bei

ganz ruhiger Luft auch die Gestalt des Blattes und die Gestalt

der ganzen Pflanze für die Größe der Transpiration von Bedeutung

sein könnten, ist bei bewegter Luft stets nur die transpirierende

#Fläche# wirksam (SIERP).

Über die Öffnungsweite[146] der Spaltöffnungen orientiert man

sich durch direkte Beobachtung mit dem Mikroskop, Anwendung von

Kobaltpapier (S. 195) oder durch die „Infiltrationsmethode“:

sind die Stomata geöffnet, so dringen Flüssigkeiten wie

Petroleum, Alkohol usw. leicht ein und injizieren das ganze

Interzellularensystem, das Blatt wird also durchsichtig. Legt man

quer über ein Blatt einen Streifen schwarzen Papiers, so schließen

sich unter diesem die Spaltöffnungen. Nach Behandlung mit Alkohol

ergibt sich das Bild der Fig. 239. Sehr anschaulich wird das

Offensein der Spaltöffnungen auch mit der „Gasdiffusionsmethode“

demonstriert. Werden z. B. rote, anthozyanhaltige Blätter mit

offenen Spalten in ammoniakhaltige Luft gebracht, so tritt in

wenigen Sekunden eine Blaufärbung ein, die bei geschlossenen

Spalten ausbleibt. In neuester Zeit ist ganz besonders das von

DARWIN zuerst konstruierte Porometer ausgiebig zu Messungen über

die Öffnungsweite der Stomata benutzt worden. Es besteht aus

einer kleinen Glasglocke (Fig. 240 _G_), die mit Leim einem Blatt

(_B_) aufgedichtet wird. Die Luft im Innern wird durch Saugen

bei _Q_ etwas unter Atmosphärendruck gebracht; ihr Druck kann an

einem Wassermanometer abgelesen werden. Die Geschwindigkeit des

Ausgleiches zwischen dem Atmosphärendruck und dem Druck in der

Glocke gibt ein Maß für den Öffnungszustand der Spaltöffnungen.

Daß die Spaltöffnungen vortrefflich regulatorisch wirken, kann

man daraus entnehmen, daß in unserem Klima die Schwankungen im

Wassergehalt eines Blattes nur etwa 1% betragen[147]. Ein so

geringfügiger Wasserverlust führt freilich schon zum Welken.

[Illustration: Fig. 239. Ein Blatt der Syringe wird in der Mitte

verdunkelt, an den Enden dem Licht exponiert. Nur die beleuchteten

Spaltöffnungen bleiben offen und lassen absoluten Alkohol eindringen.

Nach MOLISCH.]

[Illustration: Fig. 240. Porometer nach DARWIN. _B_ Blatt, _G_

Glasglocke, _T_ Manometer, _Q_ Quetschhahn, _W_ Wasser.]

Erst nach Eintritt des Welkens schließen sich die Stomata; eine

ganz ideale Regulation vermögen sie also nicht auszuüben. Es

konnte mehrfach gezeigt werden[148], daß dem Spaltenverschluß bei

starker Transpiration zunächst eine ganz unzweckmäßige Erweiterung

der Spalten vorausgeht, die ihrerseits das Welken beschleunigt.

Wie alle Regulation hinkt also auch die der Stomata etwas nach.

-- Nach den Angaben einiger Autoren[149] sieht es so aus, als ob

außer den Spaltöffnungen noch ein anderer Faktor die Transpiration

herabzusetzen vermöchte. Abgeschlossene Resultate liegen noch nicht

vor.

Pflanzen #trockener Standorte#, die mit dem aufgenommenen Wasser

haushälterischer verfahren müssen als die typische Landpflanze, zeigen

eine Fülle von Einrichtungen, die sie vor übermäßiger Transpiration

schützen (vgl. S. 144), können andererseits auch einen viel größeren

Wasserverlust ohne Schaden ertragen als unsere einheimische Flora

(LIVINGSTON). Umgekehrt finden sich bei Pflanzen sehr #feuchter

Lokalitäten# Einrichtungen zur Förderung der Transpiration. Gelingt

es dem Blatt durch Wärmeabsorption von außen her oder durch

Wärmeproduktion aus eigenen Mitteln (S. 241) seine Temperatur über die

der Umgebung zu heben, so ist selbst in dunstgesättigter Luft noch

eine Transpiration möglich. In der Guttation liegt endlich ein Mittel

der Pflanze vor, auch nach völligem Aufhören der Transpiration noch

Wasser abzugeben.

#Guttation#[150].

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 27 / 90 段