Man hat nun in diesen Wirkungen der Außenwelt auf solche

modifizierbaren Pflanzen ein #direktes# „#Sichanpassen#“ erblicken

wollen und dem Organismus die Fähigkeit zugeschrieben, auf #jede äußere

Einwirkung#, auch auf solche, die ihm in der Natur #nicht# zu begegnen

pflegen, mit einer nützlichen Reaktion zu antworten. So wie an äußere

Faktoren, so soll auch ein Sichanpassen an neue #Funktionen# möglich

sein; jedes „Bedürfnis“ nach einem Organ soll auf die Bildung eines

solchen hinwirken. Und weiter nimmt der Lamarckismus an, daß #jede#

einmal entstandene Veränderung, insbesondere jede durch Außenfaktoren

oder durch „Bedürfnisse“ bewirkte Abänderung auch erblich sei oder

zum mindesten mit der Zeit erblich werden könne. Wenn also eine

Pflanze Generationen hindurch sich immer wieder an das Wasserleben

oder an das Leben im Schatten oder Leben auf Kosten eines anderen

Organismus im obigen Sinne direkt anpaßt, so sollen die so gewonnenen

Baueigentümlichkeiten allmählich fixiert werden; d. h. sie sollen

auch dann auftreten, wenn die Anlässe dazu #nicht mehr# vorhanden

sind. Zu dieser Auffassung ist zunächst zu bemerken, daß die Annahme,

„ein #Bedürfnis# nach einem Organ könne die #Bildung# eines solchen

bewirken“, eine unklare Überlegung ist. Sodann muß man betonen, daß

von einem Erblichwerden solcher Wirkungen äußerer Bedingungen, die wir

Modifikationen genannt haben, schlechterdings #nichts zu bemerken#

ist. Schon aus diesem Grunde ist der Lamarckismus abzuweisen. Zweitens

aber hieße es an ein Wunder glauben, wenn man annehmen wollte, daß

der Organismus von vornherein auf beliebige Außenfaktoren nützlich

reagierte. In der Tat sehen wir auch nicht ganz selten Reaktionen auf

#neue ungewohnte# Reize eintreten, die durchaus „gleichgültig“ oder

gar schädlich erscheinen. So krümmen sich Droseratentakeln auf hohe

Temperatur hin so ein, als wären sie mit einem Insekt in Berührung

gekommen; abgeschnittene Blätter können bei vielen Pflanzen durch

Ausbildung von Wurzeln sich manchmal jahrelang am Leben erhalten, auch

wenn ihnen die Möglichkeit der Sproßbildung abgeht. Wenn andererseits

auf verschiedene Reize, denen gewisse Organismen an ihren verschiedenen

Standorten ausgesetzt sind, wie Wasser, Luft, Licht, Schatten usw., ein

direktes Sichanpassen zu folgen scheint, so kann man diese Erfolge

auch anders deuten. Man kann annehmen, daß solche Organismen schon die

Befähigung, d. h. die #Anlagen besitzen#, die ihnen je nach den äußeren

Bedingungen bald diese, bald jene Entwicklung einzuschlagen erlauben.

Die Außenfaktoren #erzeugen# also nicht solche Befähigungen oder

Anlagen, sondern sie bewirken nur ihre Entfaltung oder Nichtentfaltung.

Wie aber jene Anlagen historisch entstanden sind, warum manche

Lebewesen sie besitzen, andere nicht, warum also z. B. nur manche

#angepaßt# sind, im Wasser in der Gestalt von Wasserpflanzen, auf dem

Lande in der Gestalt von Landpflanzen zu leben, das eben bleibt wie

eine jede andere Anpassung noch immer zu erklären. Und hier versagt der

Lamarckismus völlig.

+2. Der Darwinismus+[123], [125]. DARWIN geht von der Tatsache aus, daß

die beschränkten Lebensbedingungen auf unserer Erde keine unbegrenzte

Vermehrung der Organismenmenge erlauben. Fast jedes Lebewesen liefert

aber während seines Einzeldaseins so viele Keime, daß, wenn alle

aufkämen, schon nach ganz kurzer Zeit die Erde allein von einer Art

übervölkert sein würde. Nur wenige Nachkommen eines Individuums

bleiben aber am Leben, weil nämlich die Umwelt so viele in jedem

Entwicklungsstadium von der Keimzelle an vernichtet. Die Nachkommen

jedes Individuums unterliegen dem „#Kampfe ums Dasein#“ mit der Umwelt,

wozu wir natürlich auch die anderen Organismen der gleichen oder

anderer Arten zu rechnen haben. Wären alle Nachkommen ganz gleich, so

könnte allein der Zufall darüber entscheiden, welche am Leben bleiben.

Solche Zufälle haben auch sicher eine große Bedeutung. Da aber zuweilen

unter den Nachkommen erbliche Verschiedenheiten bestehen, so werden

in der Regel diejenigen in diesem Kampfe bevorzugt sein, die an dem

Platze, wohin sie der Zufall verschlagen hat, durch ihre Besonderheiten

#erhaltungsfähig# oder erhaltungsfähiger als die anderen sind. Es

findet also eine #Auslese# (#Selektion#, #natürliche Zuchtwahl#) statt.

Und wenn nun die ausgelesenen Varianten ihre Eigenschaften an ihre

Nachkommen übertragen, bei denen sich die erblichen Variationen und der

Kampf wiederholen, dann muß die Entwicklung zu immer besser angepaßten

Formen führen. #Entstehen# können Organismen mit ganz beliebigen

Eigenschaften, nützlichen, gleichgültigen oder schädlichen. Da alle

mit schädlichen Eigenschaften früher oder später wieder verschwinden

müssen, bleiben nur solche übrig, die besser angepaßt sind als die

Besiegten, sich aber außerdem auch noch in vielen gleichgültigen

Eigenschaften von diesen unterscheiden können. Nützlichkeit (d. h.

Angepaßtsein) erklärt sich also nach dem Lamarckismus überhaupt

nicht, da dieser das nützliche Reaktionsvermögen der Organismen auch

gegenüber ihnen völlig fremden, neuen Außenverhältnissen als gegeben

hinnehmen muß, nach dem Darwinismus dagegen aus den Vorzügen besser

erhaltungsfähiger erblicher Eigenschaften im Kampfe ums Dasein.

Darin liegt der große Fortschritt der DARWINschen Theorie gegenüber

dem Lamarckismus. Sie wird, wie wir sahen, durch alle Beobachtungen

unterstützt, die wir über die Entstehung neuer erblicher Eigenschaften

bei Organismen bisher gemacht haben, wenn auch bei Annahme des

Darwinismus noch immer mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden bleiben.

Zweite Abteilung.

+Physiologie+[126].

Die Physiologie hat die Aufgabe, die +Lebenserscheinungen+ zu

beschreiben, ihre Abhängigkeit von äußeren Faktoren zu studieren und

sie soweit wie möglich auf ihre Ursachen zurückzuführen. Wie Chemie und

Physik, so forscht also auch die #Physiologie# nach den #Ursachen# des

Geschehens, sie ist eine Wissenschaft mit #kausaler# Fragestellung.

Doch muß sie notwendigerweise auch die #Bedeutung# des Geschehens

für den Organismus mit in Betracht ziehen. Wie in der Fragestellung,

so folgt die Physiologie auch in ihrer Arbeitsmethode der Physik und

Chemie: sie bedient sich in erster Linie des #Experimentes#.

Die +Hauptergebnisse+ der physiologischen Forschung sind folgende:

1. Einen #grundsätzlichen Unterschied# zwischen den Lebenserscheinungen

der Tierwelt und der Pflanzenwelt #gibt es nicht#. Das ist nicht

überraschend, weil schon #morphologisch# Tier und Pflanze nur in ihren

extremen Ausbildungen scharf unterscheidbar sind. Auf #physiologischem#

Gebiet aber hat sich, je weiter die Forschung vorschreitet, desto

deutlicher gezeigt, wie ähnlich das Leben in den beiden Hauptreichen

verläuft. Dementsprechend gibt es eigentlich nur #eine# Physiologie,

die Physiologie der #Organismen#. Ein Lehrbuch der Botanik hat aber

selbstverständlich nur die Physiologie der Pflanzen darzustellen; doch

soll, wo es nützlich erscheint, auf analoge Vorkommnisse im Tierreich

kurz hingewiesen werden.

2. In mancher Hinsicht reagiert die lebende Pflanze nicht anders als

beliebige tote Körper. Trotz ihres hohen Wassergehaltes ist sie im

allgemeinen ein fester Körper und hat die physikalischen Eigenschaften

eines solchen. Schwere, Festigkeit, Elastizität, Leitungsfähigkeit für

Wärme und Elektrizität kommen ihr in gleicher Weise zu wie leblosen

Körpern. So wichtig diese Eigenschaften nun auch für das Bestehen und

für das Leben der Pflanze sind, so bedingen sie doch noch nicht das

Leben selbst.

3. #Die eigentlichen Lebenserscheinungen# scheinen nämlich auf den

ersten Blick recht verschieden zu sein von den Vorgängen, die man

bei leblosen Körpern antrifft. So lange der Organismus in #voller

Lebenstätigkeit# ist, können wir eine #ununterbrochene Kette von

Veränderungen# an ihm wahrnehmen, die sich in dreifach verschiedener

Weise äußern:

I. Ein Organismus besteht selbst dann, wenn eine Vergrößerung durch

Wachstum nicht mehr erfolgt, keineswegs aus einer gleichbleibenden

Stoffmasse. Während die äußere Form konstant bleibt, finden im

Innern fortwährend Veränderungen statt; neue Stoffe werden von außen

aufgenommen, werden im Innern umgewandelt und auch wieder nach außen

abgegeben. Der Organismus besitzt einen #Stoffwechsel#.

II. Gewöhnlich aber verläuft dieser Stoffwechsel nicht in der Weise,

daß die Stoffaufnahme der Stoffabgabe gleichkommt, sondern es wird

#mehr# aufgenommen als abgegeben; die Masse nimmt zu, der Organismus

#wächst#. Wachstum kennen wir auch an chemischen Ausfällungen

(Niederschlägen) oder an Kristallen. Hier pflegt es indes so zu

verlaufen, daß eine wesentliche Veränderung der Form nicht erzielt

wird (bei Kristallen), oder daß die Gestaltsveränderung eine zufällige,

keine gesetzmäßige ist (Niederschläge). Der Organismus aber nimmt

unter #gesetzmäßiger# Gestaltsveränderung ganz bestimmte, immer

wiederkehrende Formen an; er macht eine #Entwicklung# durch, und

diese führt früher oder später zur Entstehung von neuen Organismen,

Tochterindividuen; es tritt Fortpflanzung ein. Wachstum, Entwicklung

und Fortpflanzung sind für die Lebewesen ungemein charakteristische

Vorgänge.

Manche Niederschläge haben unter #Umständen# eine gewisse

#äußerliche# Ähnlichkeit mit Pflanzen. Bringt man z. B. in eine

mit Gelatine versetzte Lösung von gelbem Blutlaugensalz und

Kochsalz etwas Kupfervitriol, dem Zucker zugegeben wurde, so

bildet sich ein Niederschlag von Ferrocyankupfer, der zusehends

wächst und in seiner Gestalt an Pflanzen erinnert. Es fehlt dieser

„#künstlichen Pflanze#“ aber nicht nur die innere Struktur der

wirklichen Pflanze, sondern vor allem auch die Fortpflanzung und

die #gesetzmäßige# Entwicklung.

III. Endlich zeigen die Organismen #Bewegungsvermögen#; sie ändern

entweder im #ganzen# den Ort, oder sie bringen kleinere oder größere

#Teile# in andere Lagen. Da auch Anorganismen und tote Organismen

Bewegungen ausführen können, so ist für die Lebewesen nur die #Art

und Weise#, wie die Bewegung zustande kommt und unterhalten wird,

charakteristisch.

In der Natur treten die drei genannten Prozesse, der Stoffwechsel,

die Entwicklung und die Bewegungen, fast stets gleichzeitig auf. Der

#Stoffwechsel# ist ohne Stoffbewegungen undenkbar, die #Entwicklung#

ist immer mit stofflichen Veränderungen und mit Bewegungen verknüpft,

die #Bewegungen# endlich können ohne Stoffwechsel und ohne

Gestaltswechsel nicht stattfinden. Dennoch können wir in unserer

Darstellung die drei Prozesse gesondert betrachten und die Physiologie

in drei Abschnitte einteilen, nämlich:

Die Lehre vom Stoffwechsel oder die chemische Physiologie, auch

wohl Physiologie der Ernährung genannt.

Die Lehre von der Entwicklung, Physiologie der Gestaltung,

Formwechsel.

Die Lehre von den Bewegungen.

4. Diese Lebenserscheinungen sind durchaus an das #Protoplasma#

gebunden und beruhen auf der eigentümlichen Art, wie diese Substanz

auf Einflüsse der Außenwelt reagiert, d. h. vor allem auf ihrer

#Reizbarkeit# und #Regulationsfähigkeit#.

a) +Reizbarkeit.+ Bei den Reaktionen des Organismus ist in der Regel

der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht so durchsichtig wie

bei physikalischen und chemischen Vorgängen. Das rührt daher, daß wir

kaum jemals die #nächsten#, sondern meist nur ganz indirekte Folgen

einer äußeren Einwirkung zu #sehen# bekommen. Auch kann je nach dem

Zustand des Protoplasmas ein und derselbe Faktor ganz verschiedenartige

Wirkung haben. Hierfür ein Beispiel:

Befestigt man einen biegsamen Stab in horizontaler Lage an #einem

Ende#, so wird sich das freie Ende durch das Gewicht des Stabes

bis zu einem bestimmten Punkte abwärts biegen. Dasselbe tut jeder

Pflanzenteil, und bei toten Pflanzenteilen bleibt es dabei. Hat

man zu dem Versuche jedoch einen lebendigen, wachsenden Stengel

benutzt, dann zeigt sich nach einiger Zeit in diesem eine Wirkung

der Schwerkraft, die im Vergleich zu ihrer rein physikalischen

Wirkungsweise durchaus überrascht: Der wachsende Teil des Stengels

#richtet sich durch eigene Tätigkeit wieder auf#; er krümmt sich

dem Zug der Schwere entgegen. Macht man den Versuch mit einer

Pfahlwurzel, so wird diese, unter Entfaltung von Kraftäußerungen,

die ihr Eigengewicht erheblich übertreffen, sich senkrecht abwärts

krümmen; ein Rhizom von Scirpus dagegen würde in der Horizontallage

weiterwachsen und würde auch seine wachsende Spitze wieder

wagerecht stellen, wenn man es aus dieser Lage gebracht hätte.

Bei diesen drei Versuchen sind die physikalischen Bedingungen

jedesmal die gleichen: Die Erdschwere wirkt auf einen horizontalen

Pflanzenteil. Das Resultat aber fällt so verschieden wie nur

möglich aus.

Man muß in solchen Fällen annehmen, daß zwar die Einwirkung von außen

#zunächst stets den gleichen Effekt# hat wie in Anorganismen -- in

unserem Beispiele würde also die #Schwerkraft# stets zunächst einmal

eine #Druck#wirkung bedingen --, daß aber diese primäre Veränderung

#innere Tätigkeiten der Pflanze# veranlaßt, wobei vielfach der

Außenfaktor als #auslösendes# Moment aufzutreten scheint. Solche

Vorgänge werden erst verständlich, wenn wir den #Organismus# mit einem

#Mechanismus# vergleichen. Der Zusammenhang zwischen dem schwachen

Fingerdruck, den wir auf den Abzugsbügel eines Gewehres ausüben, und

der Flugbewegung des Geschosses ist nicht einfach. Der Druck bewirkt

zunächst die Entspannung einer Feder; die frei gewordene Energie

treibt einen Schlagbolzen auf die Zündmasse; diese explodiert und

bringt das Pulver zur Explosion; die dabei entstehenden Gase erst

schleudern das Projektil aus dem Lauf. Es leuchtet ein, daß die Kraft

des Schlagbolzens keinerlei Beziehung zur Kraft des Fingerdruckes hat,

den der Schütze ausübt, und daß ebensowenig eine Beziehung zwischen

der Größe der Expansionskraft des Pulvers und der Schlagbolzenkraft

besteht. Es werden vorhandene Energien, die der gespannten Feder

und die des Pulvers, ausgelöst. Solche #Auslösungen#, vor allem

Auslösungen, die einander folgen, die eine Kette von Prozessen bilden,

treten uns bei #allen Lebenserscheinungen entgegen#; sie sind freilich

nicht so einfach und übersichtlich wie bei den Mechanismen, weil

sie sich durchweg im #Protoplasma# abspielen. Auslösungen, die in

der lebenden Masse aufgespeicherte Spannkraft in kinetische Energie

verwandeln, seien als #Reizerscheinungen#, der auslösende Faktor als

„#Reiz#“ bezeichnet (vgl. aber S. 322).

So wie die Leistung einer Maschine nur verständlich wird, wenn man

ihren Bau kennt, so ist auch die Kenntnis des äußeren und inneren Baues

der Pflanze Vorbedingung für physiologische Studien. Es hat sich aber

gezeigt, daß das Verständnis der Funktion aus dem Bau bei der Pflanze

nicht annähernd in dem Maße erzielt werden kann wie bei der Maschine;

es handelt sich im Organismus eben nicht um ein Ineinandergreifen von

Rädern oder anderen Mechanismen, sondern wesentlich um eine Folge

#chemischer# Reaktionen.

b) #Regulationen.# Maschinen können aber nicht nur das Wesen der

#Auslösung# versinnbildlichen, sondern sie können auch noch die

zweite weitverbreitete Eigenschaft des Organismus klarmachen, nämlich

seine #Regulationsfähigkeit#. So wie an einer Maschine z. B. die

Geschwindigkeit #automatisch# auf einer gewissen Höhe erhalten

wird, so sehen wir auch in der Pflanze bei zahllosen Prozessen eine

#Selbststeuerung# eintreten, die Qualität und Quantität eines jeden

Geschehens regelt. Wenn es auch in der anorganischen Welt nicht an

regulatorisch verlaufenden Vorgängen fehlt, so treten uns doch diese

nicht in der Häufigkeit entgegen wie im Organismus. #Deshalb kann

man die Regulationsfähigkeit neben der Reizbarkeit als ein besonders

wichtiges Merkmal der lebenden Wesen betrachten.#

Wenn nun auch die Lebenserscheinungen bisher noch nirgends gründlich

aufgehellt sind, so kann uns das doch nicht an der Überzeugung hindern,

daß sie sich lediglich durch ihre außerordentlich große Komplikation

von den Vorgängen in der leblosen Natur unterscheiden und im #Prinzip#

einer physikalisch-chemischen Erklärung zugänglich sind.

5. Die Lebenstätigkeit der Pflanze vollzieht sich nur, wenn zahlreiche

Bedingungen, die sog. #allgemeinen# Lebensbedingungen, erfüllt sind,

die man in zwei Gruppen, #innere# und #äußere# Ursachen, einzuteilen

pflegt[127]. Die inneren Ursachen des Lebens sind an das Protoplasma

geknüpft. Sein Bau, seine Organisation bedingen nicht nur, daß das

Geschehen im Organismus die Charakterzüge des Lebendigen an sich trägt,

sondern daß es auch je nach der Abstammung der betreffenden Plasmamasse

#spezifisch verschieden# ausfällt. Demnach ist das Vorhandensein einer

lebenden Plasmamasse die #fundamentalste Lebensbedingung#. Alle anderen

Lebensbedingungen können wir nach Wunsch schaffen oder wegnehmen;

das Protoplasma dagegen können wir nicht synthetisch herstellen, es

entsteht nur im Organismus durch die Tätigkeit schon existierenden

Plasmas.

Das Protoplasma kann aber nur bei ständiger Wechselwirkung mit der

Außenwelt etwas leisten. Dabei fällt der Außenwelt eine dreifache Rolle

zu: sie liefert erstens das Material zum Aufbau des Pflanzenkörpers;

sie wirkt zweitens als auslösendes Moment (#Reiz#, S. 184); sie

versorgt endlich die Pflanze mit der nötigen Energie, mag diese als

chemische Energie mit den Stoffen von außen aufgenommen werden oder in

Form von Ätherschwingungen eindringen.

Unter den äußeren Faktoren, die für das Leben von Wichtigkeit sind,

kann man die #notwendigen# oder unentbehrlichen von den #entbehrlichen#

unterscheiden. Als unentbehrliche Bedingungen für die Lebenstätigkeit

nennen wir vor allem eine gewisse Temperatur und das Vorhandensein

bestimmter Stoffe sowie das Fehlen anderer, die schädigend oder tödlich

wirken (#Gifte#); dagegen ist das Licht keine solche #allgemeine#

Lebensbedingung. Manche Pflanzen verlangen freilich wenigstens für

ihre oberirdischen Organe direktes Sonnenlicht; andere meiden dies und

suchen den Schatten auf (Schattenpflanzen); wieder andere können ihren

ganzen Lebenszyklus in vollkommener Dunkelheit durchmachen.

Die notwendigen Faktoren sind ferner an ganz #bestimmte# Grenzen

gebunden. Ein Zuviel von ihnen (Überschreiten des „Maximums“) wirkt

ebenso schädlich auf die Pflanze wie ein Zuwenig (Überschreiten des

„Minimums“), und oberhalb des Minimums sieht man die Lebensäußerungen

an Intensität zunehmen bis zum „Optimum“ und oberhalb von diesem wieder

abnehmen. Die drei Punkte, Minimum, Maximum und Optimum, die uns bei

der Abhängigkeit #jeder# Lebenserscheinung von einem Außenfaktor

entgegentreten, nennt man die #Kardinalpunkte# der Einwirkung dieses

Faktors (Fig. 259). Sie sind indes #keineswegs Konstanten#; sie

sind vielmehr für die einzelnen Organismen und Lebenserscheinungen

verschieden: sie ändern sich ferner mit der Dauer der Einwirkung des

Faktors, und sie hängen auch vom Zustand der Pflanze sowie von anderen

äußeren Faktoren ab.

Jede Überschreitung des Minimums wie des Maximums eines äußeren

#Faktors# führt früher oder später zum Tod. Dieser kann also z. B.

durch zu hohe (#Hitzetod#) oder zu niedrige Temperatur (#Erfrieren#)

erfolgen; er kann durch ein Zuviel oder Zuwenig an Licht, durch ein

Zuviel oder Zuwenig eines Stoffes bedingt sein; ist z. B. zu wenig

Wasser gegeben, so spricht man zunächst von #Welken# und dann von

#Vertrocknen#; ist ein Stoff in zu großen, schädigenden Mengen gegeben,

von #Vergiftung#.

Die #meisten# Pflanzen werden durch bestimmte niedere Temperaturen

zum #Erfrieren#[128] gebracht, fast #alle# werden durch hohe

Temperaturen, die noch weit vom Siedepunkte des Wassers entfernt

sind, getötet; nur manche Cyanophyceen ertragen die sehr hohe

Temperatur gewisser heißer Quellen.

Empfindliche Pflanzen, insbesondere Pflanzen tropischer Herkunft,

sterben schon bei Temperaturen über Null. Andere werden durch die

Eisbildung im Innern getötet, und wieder andere können mehrfach

im Winter hart gefrieren, ohne Schaden zu nehmen. So erträgt in

Nordsibirien Cochlearia fenestrata eine Temperatur von -46° C

ohne Schädigung, und gewisse Waldbäume halten sogar -60° aus.

Bemerkenswert ist die Widerstandskraft #niederer# Organismen gegen

extreme Kältegrade. So ertrugen in Versuchen PICTETs Diatomeen

längere Zeit eine Temperatur von -200° C.

Durch Steigerung der #Lichtintensität# kann man schließlich wohl

jede Zelle zum Absterben bringen, mag nun das Licht dabei im

einzelnen mehr thermisch oder mehr chemisch wirken. Viele Bakterien

sterben schon im hellen Tageslicht ab, weshalb diesem eine wichtige

hygienische Bedeutung in unseren Wohnräumen zukommt.

Das Lichtbedürfnis wechselt aber nicht nur bei verschiedenen

Pflanzenarten und je nach Gewöhnung auch wieder individuell,

sondern es kann sich das Optimum der Lichtwirkung bei demselben

Einzelwesen mit der Entwicklung verschieben. Viele tropische

Kulturpflanzen, z. B. Kakao und Kaffee, verlangen während ihrer

Jugend Schatten und müssen daher durch besonders angepflanzte

schattenspendende Pflanzen (Albizzia-Arten, Musa) zunächst

geschützt werden, während sie später die volle Tropensonne ertragen

oder gar nötig haben.

Unter den stofflichen Einflüssen kommt oft dem #Wasser# eine

besonders in die Augen fallende Bedeutung zu. Wenn Licht und

Temperatur in optimalem Maße geboten sind, wie das in den

Tropen zutrifft, hängt die Entwicklung der Pflanze vor allem

vom Wasser ab. Ist dieses reichlich geboten, und erfolgen die

Niederschläge auch gleichmäßig über das ganze Jahr verteilt,

dann sehen wir den üppigsten Pflanzenwuchs in der Formation des

tropischen #Regenwaldes# auftreten. Eine regelmäßig wiederkehrende

Trockenperiode bedingt den #sommergrünen Wald#, geringere

Niederschläge lassen die Formation der #Savannen# entstehen und

noch weniger ausgiebige Niederschläge endlich die #Wüsten#[129].

Weitgehende, mit Austrocknung verbundene Wasserentziehung ertragen

nur wenige Pflanzen. -- In vielen Fällen beruht der bei niederer

Temperatur eintretende Tod nicht auf einer direkten #Kältewirkung#,

sondern auf ungenügender Wasserversorgung; die Wurzeln können dem

kalten oder gar gefrorenen Boden nicht so viel Wasser entziehen,

wie die oberirdischen Organe verdunsten.

6. Die Überschreitung des Maximums oder des Minimums der äußeren

Faktoren führt aber keineswegs immer sofort zum Tod. Vielfach kann der

Organismus zunächst in einen Zustand übergehen, den man als #latentes

Leben# bezeichnet. Äußerlich kann man es dem Organismus nicht immer

ansehen, ob er sich im Zustand des #aktiven# Lebens, des #latenten#

Lebens oder des #Todes# befindet. Das latente Leben hat mit dem toten

Zustand das gemeinsam, daß jede Lebens#tätigkeit# unterbleibt; aus dem

latenten Leben kann aber durch geeignete Einwirkungen das aktive Leben

wieder erweckt werden, was beim toten Zustand unmöglich ist.

Nicht immer freilich ist der Eintritt des latenten Lebens einfach die

Folge der Überschreitung der extremen Kardinalpunkte. Vielfach arbeitet

die Pflanze auch aus inneren Ursachen auf die Herstellung latenten

Lebens hin (Samen und Sporen).

Im latenten Leben befinden sich vor allem viele Dauerzustände der

Pflanzen, wie die Samen und Sporen. Sie sind in der Regel viel

widerstandsfähiger gegen Austrocknung, Hitze und Kälte als Organe,

die im aktiven Zustand sind. So ist bekannt, daß Bakteriensporen

im feuchten Zustand eine Zeitlang Temperaturen von 100° und

mehr ertragen können; genau so verhalten sich einige Samen

(Medicago-Arten). Andererseits widerstehen Sporen und Samen in

trockenem Zustand sogar einer Temperatur von -253°[130].

Erster Abschnitt. Stoffwechsel[131].

I. Die stoffliche Zusammensetzung der Pflanze[132].

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 25 / 90 段