Eigentümlich ist es für die Reduktionsteilung, die man im Gegensatze zu

der gewöhnlichen Mitose oder #typischen# Teilung auch #heterotypische#

Teilung oder #Meiosis# nennt, daß der Kerninhalt in der Prophase,

und zwar im Spiremstadium vorübergehend einseitig zusammengeballt

ist (#Synapsis#, Fig. 231, _2_, _3_). Besonders bezeichnend für den

weiteren Verlauf der Teilung ist aber, daß sich die väterlichen

und mütterlichen Chromosomen paarweise fest, zu den #Gemini#,

aneinanderlegen oder gar vorübergehend vereinigen. Die Zahl dieser

Gemini, in denen die Chromosomen auffällig kurz und dick werden, ist

natürlich halb so groß wie die Zahl der Chromosomen in den Gewebezellen

derselben Pflanze. In dem Zustand der sog. #Diakinese# (_5_, _6_),

der auf die Synapsis folgt, sind die Gemini annähernd gleichmäßig an

der Kernwand verteilt. Nun beginnen Plasmafäden sich von außen der

Kernwandung anzuschmiegen (_6_), worauf die Kernwandung schwindet und

aus den Plasmafäden die Anlage der Kernspindel hervorgeht, die zunächst

mehrpolig ist (_7_), allmählig aber zweipolig (_8_) wird. Die Gemini

werden nun zu einer äquatorialen Kernplatte angeordnet (_8_). Bald

erfolgt hier die Trennung der zu Paaren vereinigten Chromosomen (_9_).

#Bei dieser Trennung werden somit nicht Längshälften von Chromosomen,

sondern ganze Chromosomen voneinander geschieden, die zur Hälfte dem

einen, zur Hälfte dem anderen Tochterkern zugeteilt werden.# Das

hat zur Folge, daß die Zahl der Chromosomen, die jedem Tochterkern

zufällt, nur die Hälfte jener Zahl ist, die die Gewebezellen derselben

Pflanze in ihren Kernen enthalten, und daß beide Tochterkerne teils

männliche, teils weibliche Chromosomen bekommen: Da sich bei der

Bildung der Gemini in der Reduktionsteilung immer #gleichgestaltete#

Chromosomen aneinanderlegen, von denen eines dem Vater, das andere

der Mutter entstammt, und da bei dieser Teilung die Chromosomen sich

voneinander trennen, um regellos in die beiden Tochterkerne einzugehen,

so muß jeder dieser haploiden Tochterkerne einige Chromosomen vom

Vater, die übrigen von der Mutter erben. Welche vom einen, welche vom

anderen Elter stammen, darüber scheint der Zufall zu entscheiden. Die

Bildung der Tochterkerne vollzieht sich wie bei einer gewöhnlichen

Kernteilung (_10_). Rasch folgt aber auf die Reduktionsteilung meist

eine zweite Teilung, die #homöotypische# Teilung, die im wesentlichen

typisch verläuft (_11_, _12_). In der homöotypischen Teilung trennen

sich also Längshälften von Chromosomen wie in der typischen Teilung

voneinander. Ein Unterschied gegenüber der letzteren besteht aber

darin, daß die Chromosomen nicht in der Prophase #dieser# Teilung längs

gespalten werden, sondern, wie es scheint, bereits in der Prophase der

vorausgegangenen Reduktionsteilung, freilich ohne daß die gebildeten

Hälften getrennt werden. So bilden zwei schnell aufeinanderfolgende

Kernteilungen, die hetero- und die homöotypische, ein bezeichnendes

Merkmal der meisten Reduktionsvorgänge.

[Illustration: Fig. 232. In _A_ schematische Darstellung der

Äquationsteilung, in _B_ der Reduktionsteilung. Nach STRASBURGER.]

Der grundsätzliche Gegensatz, der zwischen der typischen Teilung

und der Reduktionsteilung besteht, soll auch schematisch deutlich

gemacht werden. Die Fig. 232 stellt in _A_ eine typische

Kernteilung dar, die also auf Längsspaltung der Chromosomen

beruht. Es sind sechs längsgespaltene, zur Kernplatte angeordnete

Chromosomen eingezeichnet und durch verschiedene Schraffierung

kenntlich gemacht. Die zwei mittleren sind in Frontansicht, die

vier anderen in Seitenansicht gezeichnet. In _Ab_ sieht man die

getrennten Längshälften dieser Chromosomen auf ihrem Wege nach den

Spindelpolen begriffen. Fig. 232 _B_ ist dagegen ein Schema der

Reduktionsteilung. Die sechs in entsprechender Weise wie in Fig.

231 _A_ gekennzeichneten Chromosomen sind in _Ba_ zu drei Gemini

vereinigt. Die beiden seitlichen Gemini sind in Seitenansicht, der

mittlere Geminus ist in Frontansicht gezeichnet. In _Bb_ haben sich

die beiden Chromosomen jedes Geminus getrennt. Sie werden nach den

Spindelpolen geschafft, um hier die Tochterkerne zu bilden. Diese

Teilung ist mit einer Reduktion der Chromosomenzahl von sechs auf

drei in den beiden Tochterkernen verbunden. Im Gegensatz zu der

Reduktionsteilung, die eine Verschiedenheit der Teilungsprodukte

bedingt, weil #sie ganze, untereinander verschiedene#

Chromosomen trennt, wird die typische Kernteilung wohl auch als

#Äquationsteilung# bezeichnet, da sie in den Längshälften der

Chromosomen völlig übereinstimmende Teilungsprodukte liefert.

Über die Fragen, wann und wie die Chromosomen bei der

Reduktionsteilung sich zu Paaren aneinanderlegen oder auch

vorübergehend zu einheitlichen Gebilden vereinigen, sind

die Ansichten noch geteilt. Möglicherweise erfolgt die

Reduktionsteilung überhaupt nicht nach einem einheitlichen Schema.

Meist scheinen sich die Chromosomen dabei paarweise nebeneinander

(Parasyndese), bei manchen Pflanzen dagegen mit den Enden

aneinander zu legen (Metasyndese).

Bei der Wiedertrennung der paarweise miteinander verkoppelten

Chromosomen scheint ein Austausch von Chromosomensubstanz zwischen

den Paarlingen möglich zu sein[121].

+D. Generationswechsel+[122]. Mit der Fortpflanzung ist bei den

Pflanzen meist ein #Generationswechsel#, d. h. im typischen Falle ein

regelmäßiger Wechsel mindestens zweier, durch ihre Fortpflanzungsweise

voneinander verschiedener Generationen verbunden, die häufig

morphologisch ganz verschiedene und selbständige Individuen sind.

Der Entwicklungsgang eines solchen Gewächses setzt sich alsdann

meist aus #zweierlei# Individuen zusammen, die in #regelmäßigem

Wechsel# aufeinanderfolgen, häufig äußerlich und innerlich ganz

verschieden gebaut sind und verschiedene Fortpflanzungsorgane

erzeugen. Die eine Generation pflanzt sich nur vegetativ fort, man

nennt sie #Sporophyt#; die andere, der #Gametophyt#, auch sexuell.

Als typisches Beispiel für einen solchen Generationswechsel sei der

Entwicklungsgang der Farnpflanze erwähnt: Das beblätterte Farnkraut

erzeugt nur ungeschlechtliche Sporen in Sporangien, ist also der

Sporophyt. Die Sporen werden ausgestreut und keimen nicht zu einem

neuen beblätterten Farn, sondern zu einem kleinen, thallösen Gebilde

aus, dem #Prothallium# (Fig. 97), das die Antheridien und Archegonien

ausbildet und sich sexuell fortpflanzt, also der Gametophyt ist. Erst

die befruchtete Eizelle wird wieder zu einer beblätterten Farnpflanze.

Jede der genannten Fortpflanzungszellen der #einen# Generation erzeugt

also nur die #andere# Generation; so folgen Sporophyt und Gametophyt

(desgleichen ungeschlechtliche und geschlechtliche Fortpflanzung) in

#regelmäßigem Wechsel# aufeinander. Sporophyt und Gametophyt können

aber auch gleichen Bau besitzen (z. B. bei der Braunalge Dictyota).

Sehr häufig kommt es vor, daß nicht beide Generationen selbständige

Individuen sind, sondern daß die eine dauernd mit der anderen,

wie ein Schmarotzer mit seinem Wirt, verbunden bleibt. In diesem

Falle läßt sich erst durch genaue Untersuchung feststellen, daß ein

Generationswechsel vorhanden ist. So ist es bei den Moosen und bei

den Samenpflanzen. Bei den Moosen ist nämlich das #Moospflänzchen#

die geschlechtliche Generation, der Gametophyt, der die Antheridien

und Archegonien erzeugt; die gestielte #Mooskapsel#, die mit der

Moospflanze dauernd verbunden bleibt, ist dagegen eine Generation für

sich, der Sporophyt, also nicht, wie es den Anschein hat, ein Glied

der Moospflanze. Bei den Samenpflanzen ist die beblätterte Pflanze wie

die Farnpflanze ein Sporen erzeugender Sporophyt; aus den Sporen gehen

stark reduzierte männliche und weibliche Prothallien hervor, von denen

die ersteren in die Pollenkörner und Pollenschläuche, die letzteren

dauernd in die Samenanlagen der Blüten eingeschlossen bleiben.

Wo ein Generationswechsel im Pflanzenreich vorkommt, pflegt mit ihm

der Kernphasenwechsel verbunden zu sein, so bei vielen Algen, Pilzen,

den Moosen, Farn- und Samenpflanzen. Der aus der befruchteten Eizelle

entstandene Sporophyt ist diploid; der Bildung seiner Sporen geht

die Reduktionsteilung unmittelbar voraus; infolgedessen sind die

Sporen selbst, der daraus sich entwickelnde Gametophyt und seine

Geschlechtszellen haploid. Dementsprechend ist z. B. die beblätterte

Generation der Farn- und Samenpflanzen ebenso wie die Mooskapsel

diploid; das Moospflänzchen, das Farnprothallium und die reduzierten

Prothallien der Samenpflanzen sind dagegen haploid.

Sehr merkwürdig sind einige Fälle, wo aus vegetativen Zellen

der einen Generation #ohne weiteres# sich die andere, dann

also mit #gleicher# Chromosomenzahl entwickeln kann. Bei einer

Form von Athyrium filix femina geht aus solchen vegetativen

Prothallienzellen, deren Kerne diploid sind, ohne Verschmelzung

die diploide Farnpflanze hervor, die unter Ausschaltung der Sporen

und der Reduktionsteilung aus ebenfalls diploiden Zellen des

Blattrandes wieder #diploide# Prothallien erzeugt (#Aposporie#).

Nach YAMANOUCHI kann aber auch (bei Nephrodium molle) aus einer

#haploiden# Prothallialzelle #ohne# Verschmelzungsvorgänge eine

haploide Farnpflanze entstehen. Ferner kann man auf experimentellem

Wege durch Regeneration aus zerschnittenen Mooskapselstielen, die

als Sporophytengewebe diploid sind, eine #diploide# Moospflanze,

also einen diploiden Gametophyten erziehen, der auch diploide und

gleichwohl befruchtungsfähige Geschlechtszellen hervorbringt. Durch

Befruchtung entstehen tetraploide Mooskapseln, die wiederum auf

dem Wege der Regeneration selbst tetraploide Moospflanzen liefern

können. Eine direkte Beziehung zwischen der Chromosomenzahl und der

Ausbildung der Generation besteht also offenbar nicht[112], [113].

Vierter Abschnitt. Die Deszendenzlehre und die Entstehung der

Anpassungen.

+A. Die Deszendenztheorie+[123]. Eine der allerwichtigsten

theoretischen Fragen der Morphologie ist die, wie die organischen

Formen unserer Erde und ihre morphologischen Baueigentümlichkeiten

entstanden sind. Die frühere Annahme, die Einzelarten seien selbständig

und unabhängig voneinander erschaffen worden (Schöpfungstheorie), ist

allmählich, namentlich infolge der Vertiefung unserer morphologischen

Kenntnisse und unter dem Einflusse der Werke DARWINs, durch die

#Deszendenztheorie# völlig verdrängt worden, wie schon in der

Einleitung hervorgehoben wurde; d. h. durch die Vorstellung, daß die

Organismen, die jetzt die Erde bewohnen, aus anderen und oft einfacher

gebauten sich entwickelt haben, die in früheren Erdepochen gelebt haben

(vgl. S. 1 ff.). Die Deszendenz- oder Abstammungslehre durchdringt

heute als eine grundlegende Theorie der Biologie die morphologische

Forschung in allen ihren Teilen so vollständig, daß es für den

Morphologen unerläßlich ist, sich mit den zahlreichen Indizienbeweisen

vertraut zu machen, wodurch sie uns geradezu aufgezwungen wird.

Solche Beweise liefert vor allem die Systematik, die Morphologie, die

Pflanzen- und Tiergeographie und die Paläontologie.

1. #Systematische Beweise.# Nach der Schöpfungstheorie sind die Arten

unabhängig voneinander erschaffen worden und im wesentlichen konstante,

d. h. nur so wenig veränderliche Gebilde, daß aus einer Art nicht

andere Arten, sondern höchstens Varietäten als mehr oder weniger

erbliche Abänderungen hervorgehen können. Diese Lehre fordert also

scharfe #Grenzen# zwischen den Spezies und deutliche #Unterschiede#

im Wesen der Arten und in dem der Varietäten. Dem Systematiker, der

sich in das Studium irgendwelcher Lebewesen vertieft, fällt es aber

immer wieder auf, daß sich überhaupt keine Merkmale auffinden lassen,

wodurch sich Varietäten durchgreifend von Arten unterscheiden. Das Maß

der morphologischen Verschiedenheiten zwischen den Arten einer Gattung,

den Varietäten #einer# Art oder zwischen Arten und Varietäten ist eben

ganz und gar unbestimmt. Auch hat sich im Laufe der Zeit gezeigt,

daß die Arten gar keine selbständigen morphologischen #Einheiten#

sind, sondern in vielen Fällen sehr umfangreiche #Formenkreise# von

„Kleinarten“ (z. B. in den Gattungen Erophila, Rubus, Rosa, Hieracium,

Quercus), deren scharfe Abgrenzung gegen andere Arten, d. h. andere

solche Formenkreise, zudem oft sehr schwierig, ja manchmal kaum

möglich ist. Auch sind die erblich konstanten Kleinarten oft viel

weniger voneinander verschieden als viele sog. Varietäten. So ist es

oft lediglich Sache des Geschmackes, des „systematischen Taktes“, ob

man eine Form als Art oder Varietät auffassen und wie man eine Art

umgrenzen will. Denn auch die Regel, an die man früher wohl glaubte,

die Kreuzungen zwischen den unabhängig voneinander erschaffenen

Arten seien unfruchtbar, zwischen den Varietäten einer Art aber

fruchtbar, hat sich als nicht richtig erwiesen; es gibt fruchtbare und

unfruchtbare Bastarde zwischen zwei Varietäten und zwischen zwei Arten.

Aber nicht nur Übergänge zwischen Arten kommen vor, sondern oft selbst

zwischen Gattungen oder gar Familien, so daß es manchmal auch hier der

Willkür des Systematikers überlassen bleibt, die Grenzen zu ziehen.

Alle diese Tatsachen werden nur verständlich, wenn man annimmt, daß

die Arten nicht selbständig erschaffen, sondern erblich veränderlich

sind, d. h. daß aus einer Spezies durch erbliche Umwandlungen andere

hervorgehen können, durch stärkere Veränderungen aus den Arten einer

Gattung neue Gattungen, schließlich aus einer Familie andere Familien.

Ohne diese Annahme bleibt es auch völlig unbegreiflich, daß es möglich

ist, die Organismen überhaupt in Gruppen niederer und höherer Ordnung

(Arten, Gattungen, Familien, Klassen usw.) zu bringen, die sich teils

einander koordinieren (wie die Arten einer Gattung, die Gattungen einer

Familie), teils einander subordinieren lassen (wie die Gattungen der

Familie, die Arten der Gattung), und daß die Gruppen der ausgestorbenen

Organismen, die in früheren Erdepochen lebten, zwischen die der

lebenden meist zwanglos eingeordnet werden können. Alle Schwierigkeiten

fallen sofort weg, wenn man die Organismen als blutsverwandt betrachtet

und das natürliche System als den Ausdruck der näheren und ferneren

Verwandtschaft, also gewissermaßen als eine genealogische Anordnung

(#Stammbaum#) der Lebewesen ansieht.

[Illustration: Fig. 233. Blütendiagramme von Scrophulariaceen. _A_

Verbascum nigrum, _B_ Digitalis purpurea, _C_ Gratiola officinalis,

_D_ Veronica Chamaedrys. _A_, _C_, _D_ nach EICHLER. Die unfruchtbaren

Staubgefäße sind durch schwarze Punkte, vollständig geschwundene durch

Sterne angedeutet.]

2. #Morphologische Beweise.# Unverständlich für die Schöpfungstheorie,

sofort einleuchtend bei Annahme der Deszendenzlehre sind ferner

einerseits die #gemeinsamen#, morphologischen #Baupläne#, die den

Angehörigen einer systematischen Gruppe, einer Gattung, einer Familie,

einer Klasse, in gewissem Sinne sogar allen Organismen der Erde (im

zelligen Bau, Protoplasma) zugrunde liegen, andererseits das Vorkommen

von einzelnen Eigenschaften bei einer Gruppe, bei der man sie nach

ihrem Bauplan eigentlich gar nicht erwarten sollte (z. B. die Spermien

im Pollenschlauch der Zykadeen). Die großen Gruppen der Moose, Farne

und Gymnospermen haben bei allen morphologischen Verschiedenheiten

doch im wesentlichen den gleichen Entwicklungsgang, den gleichen

Generationswechsel und die gleichen Geschlechtsorgane. Nur mit der

Annahme der Blutsverwandtschaft kann man ferner verstehen, daß so

oft die Organe verschiedener Arten bei genauerer morphologischer

Untersuchung trotz gleichem Bau und gleichen Funktionen doch

verschiedenen Grundformen entsprechen, also nur analog sind, daß sie

umgekehrt aber auch dann einander homolog gefunden werden, wenn sie

völlig verschieden gebaut sind und ganz verschiedenen Funktionen

dienen, oder daß auch die Organe eines und desselben Organismus trotz

ganz verschiedenem Bau und verschiedenen Funktionen doch so oft

homolog sind. Dornen und Ranken z. B. sind „umgewandelte“ Blätter,

Nebenblätter, Sproßachsen oder Wurzeln; die Keimblätter, Nieder-,

Hoch-, Kelch-, Kronblätter, die Staubgefäße und die Fruchtblätter einer

Pflanze sind sämtlich nichts anderes als „umgewandelte“ Laubblätter.

Alle diese Umwandlungen und Weiterbildungen von Organen haben offenbar

während der phylogenetischen Entwicklung stattgefunden. Ebenso

weisen die funktionslos gewordenen, reduzierten Organe, die man bei

manchen Formen findet, auf die Abstammung von solchen Formen hin,

bei denen die Organe noch wohl ausgebildet waren: In der Familie der

Scrophulariaceen (Fig. 233) finden wir Formen mit fünf Staubgefäßen

bei Verbascum bis zu solchen mit nur zwei halben bei Calceolaria;

in der Gattung Scrophularia ist eines der fünf zwar noch vorhanden,

aber reduziert; bei Digitalis fehlt das reduzierte; bei Gratiola

sind nur zwei fruchtbare vorhanden, außerdem noch zwei reduzierte,

bei Veronica nur zwei fruchtbare, bei Calceolaria nur zwei halbe.

Reduzierte, #nutzlose# Organe sind aber für die Schöpfungstheorie

schwer verständlich. Gelegentlich beobachtet man wohl auch, daß bei

einer Form plötzlich eine fremdartige Eigenschaft auftaucht, die man

nur als einen #Rückschlag# (Atavismus) zu längst verloren gegangenen

Eigenschaften von Vorfahren auffassen kann, z. B. Fruchtbarwerden

reduzierter Staubgefäße, Auftreten von reduzierten oder fruchtbaren

Staubgefäßen an Stellen, wo solche in der phylogenetischen Entwicklung

verloren gegangen waren. Auf eine Blutsverwandtschaft der Organismen

deutet ferner die weitgehende Ähnlichkeit der Embryonen selbst #sehr#

verschiedener Organismen hin, wofür namentlich das Tierreich viele

auffallende Beispiele liefert; weiter die Tatsache, daß manchmal die

Embryonen viel höher gegliedert sind als die ausgebildeten Organismen

(so bei manchen reduzierten Organismen, z. B. vielen Parasiten), und

daß die Jugendblätter an den Keimlingen mancher Gewächse, die an

extreme Lebensbedingungen einseitig angepaßt sind, den Folgeblättern

nicht so einseitig angepaßter Arten der gleichen Gattung entsprechen

(z. B. bei Acacia, vgl. Fig. 140). Ja nicht selten wiederholt eine Art

mehr oder weniger in ihrer ontogenetischen Entwicklung die Entwicklung,

die man aus sonstigen Gründen als ihre phylogenetische ansehen muß

(#biogenetisches Grundgesetz#).

3. #Geographische Beweise#. Geographische Schranken, Hindernisse für

freie Wanderung (wie z. B. hohe Gebirge, Meere für Landpflanzen oder

Ländermassen für Meeresorganismen) stehen mit den Verschiedenheiten

der Flora und Fauna der einzelnen Wohngebiete, Länder, Kontinente

und Meere in auffälligem Zusammenhang. Die Organismenwelten zweier

Kontinente sind durchschnittlich in Familien, Gattungen usw. um

so verschiedener, je schwieriger die Verbindungen sind und früher

waren, weil die Formen in einem jeden solchen Land sich selbständig

phylogenetisch weiter entwickelten. Zwei Gebiete haben dagegen um

so mehr gemeinsame Formen, je leichter ein Formenaustausch möglich

war. Sehr allgemeine Regel ist, daß die Bewohner eines Gebietes mit

denen desjenigen nächsten Gebietes am engsten verwandt sind, aus dem

sich die Einwanderung aus geologischen und geographischen Gründen mit

Wahrscheinlichkeit annehmen läßt. Das gilt z. B. für die Kap Verdischen

Inseln und das afrikanische Festland, für die Galapagosinseln oder

Juan Fernandez und die Nachbargebiete von Amerika. Je abgeschlossener

aber ein Wohnbezirk, etwa eine Insel, von der übrigen Welt ist, um so

reicher pflegt sie an ihm eigentümlichen Formen, #Endemismen#, zu sein.

Das sind teils solche Formen, die sich von anderen nicht endemischen

oft nur wenig unterscheiden und offenbar aus ihnen in solchen Gebieten

erst nach deren Abschließung entstanden sind, ohne sich darüber

hinaus haben ausbreiten zu können (#progressive# Endemismen), teils

auch solche, die als Reste früher weiter verbreiteter Formen in dem

Gebiet ohne Verwandte sind, vielfach als Zeugen untergegangener Floren

angesehen werden können und in diesem Falle hohes Alter aufweisen

(#Reliktendemismen#).

4. #Paläontologische Beweise.# Die Paläontologie endlich zeigt uns, daß

Arten in der Geschichte unseres Planeten völlig erlöschen, andere dafür

auftauchen, ferner daß nicht selten in benachbarten Erdschichten die

Formen sich zu Formenreihen fortschreitender Organisationshöhe anordnen

lassen, und daß die Formengruppen, deren Arten wir als die am reichsten

gegliederten ansehen, erst verhältnismäßig spät in der Erdgeschichte,

die Angiospermen z. B. erst in der Kreidezeit, erschienen sind. Vor

allem aber hat diese Wissenschaft uns heute fehlende, ausgestorbene

Zwischenglieder zwischen Gattungen, Familien und Klassen kennen

gelehrt, d. h. Formen, die in ihren Baueigentümlichkeiten zwischen

diesen vermitteln. Daß sie nicht häufiger sind, hängt offenbar mit

der großen Unvollständigkeit unserer geologischen Urkunden zusammen.

Auf botanischem Gebiete ist die wichtigste dieser Zwischengruppen

die der Pteridospermeen oder Cycadofilices. Das sind Gewächse der

Karbonformation, die zwischen Farnen und Zykadeen vermitteln, d. h.

Blätter wie Farne, Samen aber wie die Zykadeen und anatomischen Bau

teils wie jene, teils wie diese gehabt haben.

5. #Direkte Beweise für die Veränderlichkeit der Arten.# Alle diese

verschiedenartigen Indizienbeweise gewinnen aber noch dadurch ganz

wesentlich an Bedeutung, daß es gelungen ist, die Inkonstanz mancher

Arten direkt zu beobachten. Bei sorgfältiger Untersuchung sehen

wir nämlich in der freien Natur, viel häufiger aber in der Kultur,

bei Organismen gelegentlich erbliche Veränderungen auftreten, die

den systematischen Wert von Varietäten oder Arten haben. Auch ist

es im Experimente auf verschiedenen Wegen geglückt, solche erblich

konstanten Veränderungen, also die Erzeugung neuer Formen zu erzwingen.

Derartige Beobachtungen sind zugleich deshalb sehr wertvoll, weil sie

uns Einblicke in das Problem der Artbildung, der Entstehung neuer

morphologischer Eigenschaften erlauben.

+B. Entstehung der Anpassungen.+ Alle bisherigen Beobachtungen weisen

darauf hin, daß die erblichen Änderungen der Organismen bald diese,

bald jene Eigenschaften betreffen und in kleineren oder wohl auch

größeren Sprüngen, und zwar ganz regellos erfolgen. Daraus erklärt sich

die große Mannigfaltigkeit der organischen Formen. Diese sprunghaften

Veränderungen können bald schädlich, bald gleichgültig, bald nützlich

für den Organismus sein. Sind sie so schädlich, daß der Organismus

damit nicht mehr lebensfähig ist, so verschwinden derartige Varianten

meist ebenso schnell, wie sie entstanden sind (z. B. Keimlinge, die

die Eigenschaft verloren haben, Chlorophyll auszubilden). Wieweit

solche erblichen Veränderungen unter dem Einflusse äußerer erfaßbarer

Bedingungen entstehen, bleibt im einzelnen noch zu erforschen.

Seitdem man sich auf den Boden der Deszendenzlehre gestellt hat, hat

man erkannt, daß eine besondere Erklärung noch die Entstehung der

für die Organismen so bezeichnenden #Anpassungsmerkmale# bedarf. Mit

der Erkenntnis, daß die Lebewesen regellos erblich abändern, ist ja

noch keinerlei Einsicht in die auffällige Tatsache gewonnen, daß der

Organismus vielfach so ausgesprochen an seine Umwelt, ferner ein

Organ in seinem Bau mehr oder weniger an seine Funktionen angepaßt

ist und nützlich reagiert. Dieser #Zustand# der Anpassung, dieses

erbliche #Angepaßtsein# muß phylogenetisch irgendwie entstanden sein;

wie, darauf geben uns alle Beobachtungen und Versuche bis jetzt keine

unmittelbare Antwort. Erklärungen hat man auf ganz verschiedenem

Wege versucht. Die wichtigsten Hypothesen in dieser Hinsicht sind der

#Lamarckismus# und der #Darwinismus#.

+1. Der Lamarckismus+[124] geht von der Tatsache aus, daß manche

Organismen je nach der Umgebung, in der ihre Keimzellen auskeimen

und sich zum fertigen Organismus entwickeln, verschiedene Gestalt

annehmen, ohne daß diese Lebewesen dadurch die Fähigkeit verlören,

sich in anderer Umgebung dieser entsprechend zu entwickeln. So gibt

es Pflanzen, die sowohl auf dem Lande wie im Wasser leben können (man

nennt sie #amphibische#) und die je nach den Außenbedingungen, in

denen sie sich entwickeln, verschiedene Formen annehmen. Auf dem Lande

ausgesät, nehmen sie Gestalt und inneren Bau typischer Landpflanzen

an; bei Kultur im Wasser gleichen sie typischen Wasserpflanzen. Manche

Pflanzen bilden bei Trockenkultur xerophile Merkmale aus, bei Kultur in

feuchter Luft dagegen hygrophile. Diese Befähigung, in verschiedener

Umgebung mit Ausbildung verschiedener Merkmale zu reagieren, nennt

man #Modifikationsfähigkeit#. Solche Modifikationen (vgl. Physiologie

S. 285) sind nicht in dem Sinne erblich, daß die Samen z. B. einer

amphibischen Pflanze, die sich im Wasser zur Wasserpflanze entwickelt

hat, bei Aussaat auf dem Lande nun ebenfalls die Wasserform lieferte.

Vielmehr entsteht auf dem Lande #immer# die Land-, im Wasser #stets#

die Wasserform, von welcher Form auch immer die Samen entnommen sein

mögen.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 24 / 90 段