#Bromeliaceen#, bei denen Wurzeln überhaupt fehlen können
(Tillandsia usneoides) oder nur Haftorgane sind. Die Wasseraufnahme
erfolgt hier ausschließlich durch eigenartige schildförmige
Schuppenhaare, die auf den Blättern sitzen. Nicht selten bilden
bei diesen Gewächsen die dicht aneinander schließenden Blattbasen
einen trichterförmigen Hohlraum, in dem sich Wasser sammelt
(#Zisternenepiphyten#).
c) Anpassungen der grünen Kormophyten an besondere Ernährungsweise.
Solche kommen bei den +insektenfressenden+, +fleischfressenden+ oder
+karnivoren+ Pflanzen vor[108]. Das sind Pflanzen, die zwar mit grünen
Blättern organische Substanzen aus Kohlensäure bilden und völlig
autotroph leben können, außerdem aber mit Einrichtungen zum Fangen und
Festhalten kleiner Tiere, vor allem Insekten, ausgestattet sind und
durch ausgeschiedene Enzyme die Beute so weit wie möglich auflösen,
verdauen und als Nahrung resorbieren.
Für den Tierfang bestehen bei den karnivoren Pflanzen die
mannigfaltigsten Einrichtungen. Auf den #Drosera#blättern stehen wie
Schneckenfühler gestaltete, von einem Leitbündel durchzogene Auswüchse
oder Emergenzen, die #Tentakeln# (Fig. 212, 213), deren Drüsenköpfchen
ein klebriges Sekret in Form glänzender Tröpfchen absondern. Insekten
bleiben an diesen Drüsen hängen, kommen bei ihren Befreiungsversuchen
mit noch mehr Drüsen in Berührung und werden dadurch um so fester
gehalten. Durch den Reiz veranlaßt, krümmen sich sämtliche Tentakeln
nach dem Opfer hin, wobei die Blattfläche selbst hohl wird und das
Insekt umfaßt.
Bei der ebenfalls in Deutschland heimischen #Pinguicula# legt sich
einfach der Blattrand um das kleine Tier, das an den winzigen
Hautdrüsen hängen bleibt.
[Illustration: Fig. 212. Blätter von Drosera rotundifolia, links mit
teils eingekrümmten Tentakeln, von oben; rechts mit ausgebreiteten
Tentakeln, von der Seite gesehen. Vergr. 4fach. Nach DARWIN.]
[Illustration: Fig. 213. Digestionsdrüse von Drosera rotundifolia.
Vergr. 60. Nach STRASBURGER.]
[Illustration: Fig. 214. Utricularia vulgaris. Bei _A_ ein Blattstück
mit mehreren Blasen. Vergr. 2. Bei _B_ ein Fiederteil des Blattes mit
Blase. Vergr. 6. Bei _C_ eine Blase im Längsschnitt. Vergr. etwa 28. In
_Cv_ Klappe, _a_ Blasenwandung. _A_, _B_ nach SCHENCK, _C_ nach GOEBEL.]
Die auch bei uns, in stehenden Gewässern, vorkommenden
#Utricularia#-Arten tragen an den zerschlitzten Blättern (Fig. 214)
in grüne Blasen umgewandelte Blattzipfel. Die Blasen sind mit Wasser
gefüllt und besitzen eine kleine viereckige Öffnung, die mit einer
elastischen, nur nach innen sich öffnenden Klappe verschlossen ist.
Berühren kleine Wassertiere, z. B. Krebse, eine der vier hebelartig
wirkenden Borsten, die am unteren Rande des Blasendeckels (Fig. 214
_C_) nach außen hervorstarren, oder den Deckel selbst, so werden
sie durch eine eigenartige „Schluckbewegung“ der Blase, die durch
Entspannung der durch einen Kohäsionsmechanismus (vgl. S. 296)
elastisch gespannten Blasenwände zustandekommt, mit einem Wasserstrom
in die Blase gesogen; darauf springt die Klappe sogleich in ihre
Ausgangsstellung zurück und verwehrt ihnen den Austritt, so daß man
oft viele Tierchen in einer Blase gefangen findet. Haare, die von der
inneren Blasenwand entspringen, besorgen die Resorption der verdauten
tierischen Körper und eines Teiles des Wassers in den Blasen, wodurch
eben die Blasenwände elastisch gespannt und zu der Schluckbewegung
bereit gemacht werden[109].
Stattlicher und noch leistungsfähiger sind die Fangeinrichtungen
ausländischer Karnivoren. Geradezu überraschend ist die Schnelligkeit,
mit der die #Venusfliegenfalle#, #Dionaea#, auf den Torfmooren
Carolinas ihre gezähnten Blatthälften zusammenklappt und das Insekt,
das sich darauf wagt, gefangen nimmt. Fig. 215 stellt ein Dionaeablatt
in offenem Zustande, zum Fange bereit, dar. Ähnlich gebaute Blätter
besitzt die auch bei uns heimische, aber sehr seltene Wasserpflanze
#Aldrovanda#.
[Illustration: Fig. 215. Ein Blatt der Venusfliegenfalle (Dionaea
muscipula). Der schraffierte Teil der Innenfläche, dicht mit
Verdauungsdrüsen besetzt. Vergr. 4fach. Nach DARWIN.]
[Illustration: Fig. 216. Nepenthes robusta. Gewächshauspflanze. 1/9
nat. Gr. Nach SCHENCK.]
[Illustration: Fig. 217. Blattkanne einer Nepenthes. Am Grunde der
Kanne, aus der ein Stück herausgeschnitten gedacht ist, steht die von
den Blattdrüsen ausgeschiedene Flüssigkeit _F_, in der hineingefallene
Tiere verdaut werden. ½ nat. Gr. Nach NOLL.]
Bei anderen ausländischen Karnivoren tritt vorherrschend die Kannenform
als Tierfalle auf, so bei #Nepenthes#, #Cephalotus#, #Sarracenia#,
#Darlingtonia#. Die Kannen entstehen, indem ganze Blätter oder Teile
dieser sich zu krugartigen Behältern ausbilden (vgl. Fig. 216, 217),
die meist von einem Deckel, wohl zur Abhaltung des Regenwassers,
überdacht sind. Bei Nepenthes z. B. geht jede Kanne, wie #Goebel#
nachgewiesen hat, aus einer entsprechend umgeformten Blattspreite
hervor; der Blattgrund verbreitert sich zugleich spreitenförmig; der
Blattstiel, der beide trennt, kann eine Ranke sein. Im Grunde solcher
Kannen steht eine von Drüsen ausgeschiedene wäßrige Flüssigkeit.
Tiere, die bei Nepenthes durch Honigabscheidungen am Rande der Kanne
angelockt werden und den Kannenrand betreten, gleiten aus, fallen in
die Flüssigkeit und werden im Innern der Kannen durch kleine Haare, die
alle nach abwärts gerichtet sind, am Zurückklettern verhindert.
B. Heterotrophe Kormophyten[110].
Neben den grünen Kormophyten, die das #Licht# brauchen, um mittels des
Chlorophylls aus Kohlensäure und Wasser die organischen Substanzen
aufzubauen, und wohl auch stark #transpirieren# müssen, um die
Bodennährsalze in genügender Menge in ihrem Körper anzureichern,
gibt es wie bei den Thalluspflanzen auch solche, die alle oder
einen Teil ihrer organischen Substanzen von außen beziehen, und
zwar meist aus lebenden Organismen (Schmarotzer oder #Parasiten#).
Diese Formen brauchen also kein Licht und keine Transpiration.
Ihrer besonderen Ernährungsweise entspricht ein ganz eigenartiger,
von den grünen Kormophyten völlig abweichender Bau. Er führt vor
Augen, wie sehr die Chlorophyllfunktion mit der Ausgestaltung der
grünen Pflanze in Beziehung steht. Mit dem Zurücktreten oder dem
Verschwinden des Chlorophylls in den Schmarotzern gehen die besonders
für die Assimilation und die Transpiration eingerichteten großen
Blattflächen verloren; die Blätter werden zu unscheinbaren gelblichen
Schuppen oder fehlen ganz. Auch ihre Träger, die Sproßachsen, sind
mehr oder weniger reduziert und gelblich, nicht grün gefärbt. Da
eine lebhafte Transpiration nicht mehr stattfindet, so schwinden
bei vielen Formen auch die Wurzeln. Infolgedessen bleiben auch die
Gefäßteile der Leitbündel schwach entwickelt, und eine Holzbildung
findet höchstens in ganz geringem Umfange statt. Diesem Fortfall
der Assimilationseinrichtungen steht aber die Ausbildung neuer
Einrichtungen gegenüber, die es den Parasiten gestatten, in den Körper
des befallenen Organismus bis zu den Leitungsbahnen einzudringen
und derart in dessen Stoffwechsel einzugreifen, daß er seinen #Wirt#
ausgiebig berauben kann.
[Illustration: Fig. 218. Ein Leguminosenzweig, dicht besetzt mit
hervorbrechenden Blüten des Schmarotzers Pilostyles Ulei Solms
(Rafflesiacee). Nach GOEBEL, Organographie.]
Manche ausländische Schmarotzerpflanzen schließlich, so besonders die
#Rafflesiaceen#, sind derart in parasitischer Lebensweise aufgegangen,
daß ihre Vegetationsorgane äußerlich überhaupt nicht mehr sichtbar
und gar nicht mehr kormophytisch gegliedert sind, sondern als
hyphenähnliche Stränge ganz innerhalb der Wirtspflanze wachsen, aus der
die fremdartigen Blüten des Schmarotzers überraschend hervorbrechen,
z. B. #Pilostyles-Arten# (Fig. 218). Auch die größte der bekannten
Blüten, die bis zu 1 m Durchmesser erreichende Blüte der in Sumatra
lebenden #Rafflesia Arnoldi#, sitzt den Wurzeln ihrer rebenartigen
Nährpflanze, einer Cissus-Art, in dieser Weise unmittelbar auf.
[Illustration: Fig. 219. In der Mitte ein Weidenzweig, umwunden von der
schmarotzenden Cuscuta europaea. An den warzenförmigen Anschwellungen
des Cuscutastengels treten Haustorien in die Weide ein. _b_ Reduzierte
Blättchen. _Bl_ Blütenknäuel. Links: Verbindung des Schmarotzers
(_Cus_) mit einer Wirtspflanze _W_. Die Haustorien _H_ dringen teils in
das Rindenparenchym ein, teils legen sie sich dicht an den Gefäßteil
_v_ und den Siebteil _c_ der Leitbündel an, deren Sklerenchymscheide
_s_ sie zum Teil abheben. Rechts: Keimende Cuscuten: der längste
Keimling auf dem Boden kriechend, indem er vorn auf Kosten des
absterbenden Teils _t_ weiterwächst. Nach NOLL.]
Als Beispiel einer einheimischen parasitisch lebenden Phanerogame
sei hier die zur Familie der Convolvulaceen gehörige #Cuscuta
europaea# behandelt, obgleich der Chlorophyllgehalt ihrer
Sproßachsen, denen die Laubblätter fehlen, noch an die normal
assimilierenden Pflanzen erinnert, wenn er auch nur sehr gering
ist. Rechts unten in Fig. 219 sind Cuscutakeimlinge dargestellt,
wie sie sich im Frühjahr aus dem Samen entwickeln. Schon der
Keimling verzichtet auf die Ernährung mittels der Kotyledonen,
die verkümmert sind; auch sein Keimwürzelchen stirbt immer bald
ab. Das Keimstengelchen aber streckt sich sofort zu einem langen
dünnen Faden, dessen freies Ende sich in weitem Kreise herum
bewegt und dadurch eine in seinem Bereiche wachsende Nährpflanze
auffindet. Ist von dem Orte der Keimung aus keine Wirtepflanze zu
erreichen, so vermag der Keimling eine kurze Strecke weiter zu
kriechen, indem er am hinteren Ende (Fig. 219 _t_) abstirbt und
auf Kosten der diesem Teile entzogenen Nährstoffe am vorderen Ende
sich verlängert. Trifft das freie Fadenende bei seinem Kreisen
aber schließlich auf eine Nährpflanze, z. B. einen Weidenschoß
oder einen Brennesselstengel, so umschlingt er diese wie eine
Schlingpflanze. Nach kurzer Zeit entwickeln sich aus der dem
Wirte angeschmiegten Seite zunächst papillöse Wucherungen der
Epidermis, die in die Gewebe der Wirtspflanze eindringen. Finden
diese #Prähaustorien# dort zusagende Verhältnisse vor, so folgt
ihnen sehr rasch die Ausbildung der eigentlichen Saugorgane,
der #Haustorien# (_H_). Diese brechen aus dem Innern des
Parasiten hervor und besitzen in hohem Grade die Fähigkeit, in
die Wirtspflanze einzudringen. Sie breiten sich scheinbar ohne
Schwierigkeit im fremden Gewebe aus, legen sich eng an dessen
Leitbündel an, während einzelne, aus dem Körper des Haustoriums
hervorsprossende freie Zellreihen wie Pilzfäden in dem zarten
Parenchym vordringen und diesem weitere Nahrung entnehmen. Da, wo
sich das Haustorium an den Gefäß- und Siebteil eines Leitbündels
herangedrängt hat, bilden sich in ihm Elemente des Gefäßteils und
des Siebteils aus, die sich einerseits an die Gefäß- und Siebteile
des Wirtes organisch anschließen, andererseits aber mit den
Leitbündeln des Schmarotzerstengels in Verbindung treten (Fig. 219
links). Wie ein der Wirtspflanze angehöriges Seitenorgan entnimmt
alsdann der Schmarotzer dieser sein Transpirationswasser und seine
sämtlichen Nährstoffe.
Die Samen der ebenfalls bei uns einheimischen schmarotzenden
#Orobanchen# keimen erst bei Berührung mit den Wurzeln der
Wirtspflanze. Ihre Haustorien bleiben auf die Wurzeln ihrer
Nährpflanze beschränkt; es kommen nur die hellgelblichen,
rötlichbraunen oder amethystblauen, spargelartigen Blütensprosse
neben dem Wirte aus der Erde hervor. Auch die Orobanchen enthalten
noch geringe Mengen assimilierender Chromatophoren (Fig. 772).
Beide, Cuscuta und Orobanche, sind gefürchtete Feinde der
Landwirtschaft, die an Kulturgewächsen, erstere als „Teufelszwirn“,
„Flachs- und Kleeseide“, letztere als „Würger“, großen Schaden
anrichten und schwer auszurotten sind.
Ähnlichen Habitus wie die Orobanche-Arten haben einige Formen,
die man zunächst wohl nicht für Parasiten halten wird, weil
sie im Humus des Waldbodens leben: #Orchideen# (#Neottia#,
#Corallorrhiza#, #Epipogon#) und die Pirolacee #Monotropa#. Der
Mangel an Chlorophyll und die Reduktion der Blätter zu Schuppen,
bei Corallorrhiza auch die Reduktion der Wurzeln (vgl. Fig. 220
das wurzellose Rhizom) beweisen aber schon, daß auch diese Formen
organische Substanz von außen beziehen. Sie können aber den Humus
nicht selbst ausnutzen, sondern sind darauf angewiesen, daß
humusbewohnende Pilze, die daraus ihre Nahrung beziehen, in ihre
unterirdischen Gewebe mit einem Teil ihres Myzeliums eindringen;
ein Teil der eingedrungenen Pilzhyphen wird alsdann verdaut. Die
Kormophyten sind also gewissermaßen Parasiten auf Humuspilzen; ihre
verpilzten Wurzeln nennt man Mykorrhizen.
[Illustration: Fig. 220. Rhizom von Corallorrhiza innata. Bei _a_
Blütenschaft, bei _b_ Anlagen neuer Rhizomzweige. Nat. Gr. Nach
SCHACHT.]
Gegenüber diesen Schmarotzern, die in die größte Abhängigkeit von
ihren Nährpflanzen geraten sind, gibt es aber auch solche, die
äußerlich noch sehr selbständig erscheinen, da sie mit großen
grünen Blättern assimilieren können. Trotzdem sind sie zugleich
Parasiten, da sie sich nur dann normal entwickeln, wenn ihr
Wurzelsystem mit fremden Wurzeln oder zur Not auch mit denen der
Artgenossen durch Haustorien verbunden ist („#Halbschmarotzer#“).
So leben z. B. die Santalacee #Thesium# und die Rhinanthaceen
#Rhinanthus#, #Euphrasia#, #Pedicularis#, #Bartschia#, #Melampyrum#
und #Tozzia#, von denen sich die letzte, zumal in den ersten
Entwicklungsstadien, am meisten ausgeprägt parasitisch ernährt.
Auch unsere einheimische, auf Baumkronen schmarotzende #Mistel#
besitzt, wie viele ihrer ebenso lebenden fremdländischen Verwandten
unter den #Loranthaceen#, noch stattliche Blätter, aber reduzierte
Wurzeln und ist so reich an Chlorophyll, daß sie wohl ihren Bedarf
an Kohlehydraten vollständig selbst zu decken vermag.
II. Fortpflanzungsorgane[111].
+A. Bedeutung der Fortpflanzung für den Organismus.+ Gewaltsamer oder
natürlicher Tod ist das Ende jedes Organismus. Für den Fortbestand
aller lebenden Wesen ist also die Fortpflanzung ebenso unbedingt
notwendig wie die Ernährung. Wie im Worte Fortpflanzung schon zum
Ausdruck kommt, ist ihr wichtigstes Merkmal, daß ein Individuum
Teilen von sich, die zu neuen Individuen werden, Fortdauer sichert.
Die einfachste Art der Fortpflanzung liegt bei vielen einzelligen
Pflanzen in der Zweiteilung ihrer Zellen und Trennung der Tochterzellen
voneinander vor. Solchen Formen schließen sich gewisse einfach
organisierte vielzellige Thallophyten (z. B. Spirogyra) aufs engste
an, insofern ihr Körper zu Zeiten in seine Einzelzellen zerfällt, die
alsdann durch wiederholte Teilung ebenso viele neue Tochterindividuen
liefern. Meist aber erfolgt die Fortpflanzung durch die Ausbildung
#besonderer Keime#, die sich von der Mutterpflanze ablösen und später
durch #Keimung# zu neuen Individuen werden. So entstehen junge
Tochterorganismen, #Keimlinge#, die die Entwicklung der Mutterpflanzen
wiederholen.
Während sich bei den Einzelligen und bei einfachen Vielzelligen
eine #jede# Zelle an der Fortpflanzung beteiligen kann, ist bei
allen höher organisierten Pflanzen eine #Arbeitsteilung# zwischen
Vegetationsorganen und #Fortpflanzungsorganen# durchgeführt, d. h.
solchen besonders gestalteten Organen, denen die Aufgabe zufällt,
Keime auszubilden. Diese Arbeitsteilung wird um so auffälliger und
zieht um so mehr Teile des Körpers in den Dienst der Fortpflanzung,
je höher organisiert der Organismus ist. In erster Linie auf
die Verschiedenartigkeit des Baues und der Stellung dieser
Fortpflanzungsorgane gründet sich die Einteilung des Pflanzenreiches in
Klassen, Ordnungen, Familien usw.
+B. Allgemeine Eigenschaften der Keime.+ Auch der Bau der Keime steht
in engster Beziehung zu den Aufgaben, denen sie zu dienen haben.
Bezeichnend für die meisten Keime ist ihre #geringe Größe# im
Verhältnis zu dem Mutterorganismus, der sie hervorbringt; dadurch wird
den Mutterpflanzen ohne allzuviel Materialaufwand die Bildung sehr
zahlreicher Keime und den Keimen die Verbreitung erleichtert.
Bei der Fortpflanzung handelt es sich nicht nur um die Bildung
#eines# neuen Individuums an Stelle des Mutterindividuums, sondern
um eine #Vermehrung# der Individuen. Da viele, manchmal die meisten
Keime überhaupt nicht die zur Keimung und zum Wachstum günstigen
Verhältnisse finden, auch ein großer Teil der Keimlinge abstirbt, ehe
er sich fortpflanzen kann, so würde Ausbildung nur #eines# Keimes
gleichbedeutend mit dem baldigen Untergange der Art sein. So ist
die #ungeheure, anscheinend verschwenderische Menge von Keimen# für
die Fortpflanzung bezeichnend. Ein Hutpilz oder ein Farnkraut kann
Millionen von Keimen bilden; ein Pappelbaum soll nach BESSEY jährlich
28 Millionen solcher reifen.
Weiter muß dafür gesorgt werden, daß die Keime von der Mutterpflanze
#losgelöst# und daß sie danach möglichst weit #verbreitet# werden;
denn an den Stellen, wo sie entstehen, sind meist nicht die
Bedingungen für ihre Keimung und ist kein Raum für die Entwicklung der
Tochterorganismen vorhanden.
Endlich ist es nötig, daß den Keimen vom #Mutterorganismus
Reservestoffe# mitgegeben werden, damit sie sich weiter entwickeln
können, bis sie sich selbst zu ernähren vermögen.
Sehr häufig haben die Keime die Aufgabe, den Organismus über Zeiten,
die ihr Leben gefährden, z. B. über eine Kälte- oder Trockenperiode,
hinüber zu retten. Sie befinden sich alsdann im #Ruhezustand# (S.
186), worin sie viel widerstandsfähiger gegen schädigende Einflüsse
(Austrocknung, Frost, Hitze) sind; #dicke Hüllen# gewähren solchen
Keimen oft außerdem #Schutz#. Die Keimung beginnt bei solchen Keimen
erst nach Eintritt günstiger Lebensbedingungen.
+C. Einteilung der Keime.+ Die entwicklungsfähigen Keime selbst sehr
hochorganisierter Vegetationskörper sind #einzellig# (#Keimzellen#,
#Sporen#) oder #mehrzellig# (#Brutkörper# und #Samen#). Unschwer
lassen sich #zwei# Typen der Fortpflanzung in fast allen Klassen des
Gewächsreiches erkennen.
Der eine zielt auf die Bildung von Keimzellen oder von Brutkörpern
hin, die meist nach ihrer Lostrennung von der Mutterpflanze, #ohne
weiteres#, entweder sofort oder nach einer Ruhezeit, keimen und zu
neuen selbständigen Einzelwesen heranwachsen. Diese Fortpflanzungsweise
hat man die #vegetative#, #ungeschlechtliche# oder #monogene# genannt.
Der zweite bei der Fortpflanzung eingeschlagene Weg ist dagegen viel
umständlicher. Es werden dabei #zweierlei# Keime erzeugt. Sie sind,
jeder für sich, gewöhnlich unfähig, auszukeimen, gehen vielmehr in
kurzer Zeit zugrunde, wenn sie keine Gelegenheit haben, #sich paarweise
zu vereinigen# (#Befruchtung#, #Geschlechtszellen#); erst wenn zwei
Geschlechtszellen miteinander zu #einer# Zelle verschmolzen sind, wird
das Produkt entwicklungsfähig. Diese Art der Fortpflanzung wird als die
#sexuelle#, #geschlechtliche# oder #digene# bezeichnet.
Die meisten Gewächse pflanzen sich auf #beide# Weisen fort; die
sexuelle Fortpflanzung fehlt nur bei niedrig organisierten Gruppen, so
den Bakterien, Cyanophyceen, manchen Algen und Pilzen.
Erst die Befruchtung befähigt, wie gesagt, die Geschlechtszellen zur
Weiterentwicklung. Doch gibt es Ausnahmen, wo eine Geschlechtszelle
auch ohne Befruchtung auskeimt. Erfolgt diese Entwicklung aus einer
solchen Zelle, also monogen, so spricht man von jungfräulicher Zeugung
oder #Parthenogenesis#[112]. Diese ist im Pflanzenreiche bisher
bei Algen, z. B. bei Chara crinita, festgestellt, sowie bei der
Keimbildung aus unbefruchteten Eizellen zahlreicher höher organisierter
Pflanzenfamilien, wie Kompositen, Ranunculaceen, Rosifloren,
Thymelaeaceen, Urticaceen, auch Marsiliaceen.
Bei allen diesen Pflanzen liegt #habituelle# Parthenogenesis vor,
d. h. die Eizellen entwickeln sich ohne Befruchtung ohne weiteres.
In anderen Fällen tritt Parthenogenese erst durch experimentelle
Eingriffe ein: #experimentelle# Parthenogenesis.
In bestimmten Fällen wird die Befruchtung von Geschlechtszellen
durch einen Verschmelzungsvorgang der Kerne benachbarter
#vegetativer# Gewebezellen ersetzt[113]. So ist es bei dem
Prothallium gewisser Kulturformen von Farnkräutern (z. B. von
Dryopteris [Lastrea] und Athyrium). Das Verschmelzungsprodukt
dient alsdann der Fortpflanzung, während die Geschlechtsorgane des
Prothalliums verkümmern.
Ein tieferes Verständnis der Fortpflanzungserscheinungen im einzelnen
kann man erst durch genaueres Studium des Entwicklungsganges der
Pflanzengruppen gewinnen. Diese Aufgabe fällt dem speziellen Teile
unseres Buches zu. Die im folgenden gegebene ganz knappe #Übersicht#
über die Bauvariationen der Keime und der Fortpflanzungsorgane im
Pflanzenreich soll nur die für die allgemeine Morphologie wichtigen
Tatsachen und Probleme hervortreten lassen.
1. Brutkörperbildung.
#Mehrzellige# monogene Fortpflanzungskörper, #Brutkörper#, kommen bei
vielen Moosen vor (z. B. bei Marchantia, wo sie in besonderen Organen,
den Brutbechern, auf dem Thallus, Fig. 446, 447, erzeugt werden);
ferner als #Brutknospen# in weiter Verbreitung bei Farnpflanzen und
Phanerogamen.
Nicht selten lösen sich bei ihnen Seitensprosse ab, die oft durch
besonderen Bau als Fortpflanzungskörper kenntlich sind, so etwa die
unter- oder oberirdischen #Ausläufer# (Stolonen). Letztere wachsen
z. B. aus der grundständigen Blattrosette der Erdbeerpflanzen als
fadenförmige Seitenzweige hervor und tragen Endknospen, die sich
bewurzeln und durch späteres Absterben der Ausläufer selbständig
werden. Solche der vegetativen Vermehrung dienenden Gebilde bei
höheren Pflanzen sind auch viele Knollen und Zwiebeln, ferner die
#Brutknospen#, #Brutzwiebeln# (Bulbillen, Fig. 221) und die sich
loslösenden Überwinterungsknospen (#Hibernakeln#) zahlreicher
Wasserpflanzen (z. B. bei Hydrocharis, Stratiotes).
[Illustration: Fig. 221. Zwiebeltragende Zahnwurz (Dentaria bulbifera)
mit Brutzwiebel _br_. Nat. Gr. Nach SCHENCK.]
Brutknospen können auch an Orten auftreten, wo gewöhnlich
keine Vegetationspunkte vorhanden sind; es sind alsdann
Adventivbildungen. Solche werden besonders häufig an Blättern,
zumal auf Blattspreiten, ausgebildet; z. B. in den Kerben der
Blattränder von Bryophyllum-Arten, auf den Blättern von Cardamine
pratensis. Die Blätter von Begonien, Drosera u. a. entwickeln erst
nach gewaltsamer Lostrennung von der Mutterpflanze Knospen.
Schließlich sei erwähnt, daß manche Pflanzen, z. B. viele krautige
Perennen, ohne besondere vegetative Fortpflanzungskörper auch
dadurch sich ungeschlechtlich vermehren, daß ihre verzweigten
Rhizome durch Verwesung der älteren, absterbenden Teile in die
einzelnen Zweige zerfallen. Auch bei gewissen Meeresalgen kann der
Thallus, z. B. durch die mechanischen Wirkungen der Brandung, in
Stücke zerlegt werden, die zu ebenso vielen Thalli auswachsen; ja
Caulerpa pflanzt sich, wie es scheint, nur auf diese Weise fort.
2. Keimzellenbildung.