Diese Gehäuse werden meist von fest zusammenschließenden

#Knospenschuppen#, Niederblättern, gebildet. Manchmal werden

dazu ganze #Primordialblätter# verwendet, die in ungegliedertem

Zustande verblieben sind. Am häufigsten aber gehen die Schuppen

aus dem #Blattgrunde# hervor, der sich entsprechend vergrößert und

ausgestaltet. Das Oberblatt kommt alsdann entweder gar nicht zur

Entwicklung oder sitzt in mehr oder weniger reduziertem Zustande

am Scheitel der Knospenschuppe. Eine im Frühjahr austreibende

Winterknospe der Roßkastanie (Aesculus hippocastanum) zeigt

dies unmittelbar; denn während ihre äußeren Knospenschuppen an

den Spitzen kaum etwas von einem Oberblatte erkennen lassen,

tragen die inneren Knospenschuppen oft schon deutlich eine kleine

Blattspreite. In anderen Fällen sind die Knospenschuppen ihrem

Ursprunge nach Nebenblätter, gehören also auch dem Blattgrunde an

(so bei der Eiche). Nicht selten ist auch das Deckblatt an dem

Schutz seiner Achselknospe beteiligt, indem sein Blattgrund (oder

die Basis seines Blattstieles) nach dem Blattfall am Sproß sitzen

bleibt und kappenförmig die Winterknospe deckt. Bei Robinia ist

dieser Blattgrund die einzige Schutzhülle der Winterknospe.

Die Knospenschuppen werden lederartig dick und hart und färben

sich gewöhnlich braun. Kork- und Haarüberzüge, Harz-, Gummi- und

Schleimausscheidungen sowie eingeschlossene Luftschichten machen

sie zu sehr wirksamen Schutzorganen der Knospen gegen Austrocknung.

Der Abscheidung von Harz usw. dienen eigenartig gestaltete

Haargebilde, die #Leim#- und #Drüsenzotten# oder #Kolleteren#

(vgl. Fig. 56). So scheiden solche auf den Deckschuppen

sitzenden Drüsenzotten in Winterknospen vieler unserer Bäume,

z. B. der Roßkastanie, ein Gemenge von Gummi und Harz ab, das

durch Zersprengung der Kutikula frei wird und sich zwischen die

Deckschuppen ergießt und sie verklebt. Wenn die Knospen im Frühjahr

aufbrechen, so werden die Knospenschuppen gewöhnlich abgeworfen und

bedecken alsdann den Boden. An den Jahrestrieben der Bäume sind

die untersten Internodien, die zwischen den Knospenschuppen lagen,

besonders kurz. Sie lassen die dicht gedrängten #Schuppennarben#

und so die Grenzen der aufeinanderfolgenden Jahrestriebe erkennen.

+2.+ Die +perennierenden Kräuter+ (Stauden) wechselfeuchter Klimate

opfern nicht allein die Blätter, sondern auch zum mindesten #die# Teile

der Laubsprosse, welche höher in die Luft ragen und der Vertrocknung

ausgesetzt sind, mit den daran sitzenden Knospen. Sie überwintern mit

#oberirdischen# Knospen, die #dicht# über der Erde liegen, wo sie

durch Schnee oder fallendes Laub gegen Vertrocknung geschützt werden,

oder „ziehen ganz ein“ und überwintern mit #unterirdischen# Knospen

(#Geophyten#), die in noch viel wirksamerer Weise, von feuchter Erde

umgeben, vor Vertrocknung und zugleich vor dem Erfrieren bewahrt werden

können.

Wo #oberirdische# Erneuerungsknospen vorhanden bleiben, sitzen sie

entweder an oberirdischen, niederliegenden Sproßstücken (z. B.

Saxifraga, Stellaria Holostea, Thymus u. a.) oder an unterirdischen

Sprossen (Rhizomen), so bei unzähligen Pflanzen Mitteleuropas,

z. B. den ausdauernden Rosettenpflanzen, wie Bellis, Taraxacum,

Primula; den Zweijährigen oder Biennen, die mit einer Blattrosette

überwintern, wie z. B. Verbascum, Digitalis und vielen anderen. Wie

bei den Geophyten können auch bei solchen Stauden unterirdische

Speicherorgane für organische Reservestoffe vorkommen (vgl. S. 153).

Bei den Kräutern mit #unterirdischen# Überwinterungsknospen,

den #Geophyten#[105], haben die Teile, die die Knospen tragen,

entsprechend ihrem Leben im Boden und ihren besonderen Aufgaben einen

eigenartigen Bau. Es sind #metamorphosierte# Sprosse: #Wurzelstöcke#

(Rhizome), #Sproßknollen#, #Zwiebeln# oder #metamorphosierte# Wurzeln

(#Wurzelknollen#). Die im Frühjahr austreibenden unterirdischen

Erneuerungsknospen brauchen organische Nahrungsstoffe, und zwar um

so mehr, je länger der Weg ist, den sie bis zur Bodenoberfläche

zurückzulegen haben. Diese Nahrungsstoffe werden in der vorausgehenden

guten Zeit gebildet, ehe die Luftsprosse absterben. Da das

Speicherungsvermögen mit dem Volumen wächst, so wird es begreiflich,

daß die unterirdischen, fast nur aus Speicherparenchym bestehenden

Überwinterungsorgane bei vielen solchen Gewächsen angeschwollen,

dick sind. Solche #Speicherorgane# können Sproßachsen, Blätter oder

Wurzeln sein. Sie entleeren sich bei Beginn der guten Jahreszeit ihrer

Bestimmung gemäß, gehen danach, mit Ausnahme vieler Rhizome, meist

zugrunde und werden oft in sehr eigenartiger Weise durch neue ersetzt.

Speicherorgane von Pflanzen sind es, die wegen ihres Reichtums an

ausnutzbaren organischen Reservestoffen vielen Tieren und uns Menschen

als besonders wertvolle vegetabilische Nahrungsmittel dienen.

a) Die #Wurzelstöcke# und sehr #viele Sproßknollen# sind

#unterirdische# farblose Sprosse. Jene sind verhältnismäßig dünn

oder dick, mit langen oder kurzen Internodien (Fig. 125, 143); die

Sproßknollen (z. B. die Kartoffelknollen, Fig. 201) aber sind sehr

dick. Ihre Blätter (Niederblätter) sind, wie meist an den Erdsprossen,

als Schuppen ausgebildet. Die Reservestoffe werden in den #Sproßachsen#

gespeichert, weshalb diese oft angeschwollen sind. An solchen Schuppen,

dem Vorhandensein regelmäßig verteilter Knospen, dem Fehlen von

Wurzelhauben, endlich an ihrem inneren Bau lassen sich die Rhizome

und unterirdischen Sproßknollen von Wurzeln unterscheiden. Meist sind

die Rhizome, die bei manchen Pflanzen senkrecht oder schräg, bei

anderen horizontal im Boden wachsen und verzweigt oder unverzweigt

sind, dauernd mit Wurzeln bedeckt, während die Sproßknollen nach ihrer

Bildung zunächst gewöhnlich keine Wurzeln ausbilden; doch kommen alle

Übergänge zwischen Rhizomen und Sproßknollen vor.

Fig. 143 stellt den #Wurzelstock# von Polygonatum multiflorum dar,

der auch als Beispiel eines Sympodiums (S. 111) schon angeführt

wurde. Die mit _c_, _d_ und _e_ bezeichneten Stellen entsprechen

den Narben der oberirdischen Triebe dreier vorausgegangener Jahre.

In _b_ ist die Basis des Stengels zu sehen, der in Blüte stand, als

das Rhizom dem Boden entnommen wurde; _a_ ist die Knospe für den

nächstjährigen Trieb.

[Illustration: Fig. 201. Unterer Teil einer Kartoffelpflanze (Solanum

tuberosum). Die mittlere dunklere Knolle ist die in die Erde gesteckte

Mutterknolle, aus der sich die Pflanze entwickelt hat. ⅓ nat Gr. Nach

der Natur mit Benutzung eines BAILLONschen Bildes. Nach SCHENCK.]

[Illustration: Fig. 202. Zwiebel der Tulpe (Tulipa Gesneriana) im

Längsschnitt. _zk_ Achse, _zs_ Zwiebelschuppen, _v_ Terminalknospe, _k_

Anlage einer jungen Zwiebel, _w_ Wurzeln. Nat. Gr. Nach SCHENCK.]

Die Knollen der Kartoffelpflanze, von Colchicum autumnale oder

Crocus sativus sind Beispiele für unterirdische #Sproßknollen#.

Die Knollen der Kartoffelpflanze (Fig. 201) oder des Helianthus

tuberosus sind unterirdische Sprosse mit angeschwollenen

Achsen und reduzierten Blättern. Sie entstehen in Mehrzahl aus

den angeschwollenen Enden verzweigter unterirdischer Triebe,

Ausläufer (Stolonen), und dienen gleichzeitig der Vermehrung der

Mutterpflanze. Die an jeder Kartoffelknolle sichtbaren, regelmäßig

verteilten Vertiefungen bergen Achselknospen (die Augen), die

bestimmt sind, im kommenden Jahr auszutreiben. Die kleinen

schuppenförmigen Blätter, in deren Achseln die Augen entstehen,

sind nur an ganz jungen Knollen kenntlich. Nach Ausbildung der

Knollen geht die Mutterpflanze zugrunde; die in jenen angehäuften

Nahrungsstoffe dienen zum Aufbau der aus den Augen sich

entwickelnden Triebe.

Bei den Herbstzeitlosen (Fig. 812) entsteht die neue Knolle an der

alten, und zwar aus einer Achselknospe seitlich an ihrer Basis,

beim Safran (Fig. 821) aus einer Achselknospe nahe am Scheitel;

daher sitzt bei den Herbstzeitlosen die jüngere Knolle seitlich

neben der alten, während sie beim Safran ihr aufgesetzt erscheint.

Auch der Rettich und das Radieschen sind (unterirdische)

Sproßknollen, allerdings nur aus einem Teil eines einzigen

Internodiums, nämlich des hypokotylen Stengelgliedes der

Keimpflanzen. An der Bildung dieser Knollen nimmt aber auch der

oberste Teil der Keimwurzel teil.

Eine #oberirdische# Sproßknolle, die aus vielen Internodien eines

Laubsprosses hervorgeht und reich an organischen Reservestoffen

ist, ist z. B. der Kohlrabi.

b) Eine #Zwiebel# (z. B. die Küchen-, Tulpen-, Hyazinthenzwiebel) ist

ein unterirdischer Sproß, dessen Achse scheibenförmig (Fig. 202 _zk_)

abgeflacht ist und dessen #fleischig angeschwollene Blätter#, die

Zwiebelschuppen (_zs_), mit organischen Reservestoffen angefüllt sind.

Aus dem Vegetationspunkt der Achse entwickelt sich der oberirdische

Trieb. Eine neue Zwiebel geht aus einer Knospe (_k_) in der Achsel

einer Zwiebelschuppe hervor.

c) Andere krautige Perennen wechselfeuchter Klimate wieder (z. B. die

Georginen und viele Orchideen) bilden #Wurzelknollen# aus (Fig. 203,

204). Sie ähneln den Stammknollen, lassen ihre Wurzelnatur aber an

ihren Wurzelhauben, dem Fehlen von Blattanlagen und dem inneren Bau

erkennen. Eine knollige Hauptwurzel heißt #Rübe# (so bei der Mohrrübe,

Zuckerrübe; beides Bienne mit oberirdischen Erneuerungsknospen).

[Illustration: Fig. 203. Wurzelknollen der Georgine (Dahlia

variabilis). Bei _s_ die unteren Teile der abgeschnittenen Stengel. ⅕

nat. Gr. Nach SCHENCK.]

[Illustration: Fig. 204. Wurzelknollen von Orchis, etwas schematisiert.

_t′_ die alte, _t″_ die neue Wurzelknolle dieses Jahres. _b_

Blütensproß. _k_ Die Achselknospe aus dem Deck- (Nieder-)Blatt _s_

daran, an der die neue Knolle _t″_ entstanden ist. _r_ Adventivwurzeln,

unverdickt. _n_ Die Narbe an der alten Knolle zeigt die Stelle, womit

die alte Knolle an ihrem Muttersproß befestigt war. ¾ nat. Gr.]

Eigenartig sind die Wurzelknollen der Orchideen aufgebaut: sie sind

eiförmig (Fig. 204) oder handförmig gestaltet (Orchis latifolia)

und entstehen stets nur aus #einer# Wurzel, die handförmigen durch

deren Gabelung. Man findet miteinander verbunden eine ältere

(_t′_) und eine jüngere Knolle (_t″_). Die ältere hat bereits

einen Blütensproß (_b_) getragen und ist im Schrumpfen begriffen.

Die jüngere ist an der Basis dieses Sprosses in der Achsel eines

Niederblattes (_s_) an dessen Achselknospe (_k_) entstanden, und

zwar durch Anschwellung einer sproßbürtigen Wurzel dieser Knospe.

Unverzweigte dünne Wurzeln entspringen über den Knollen aus der

Stengelbasis.

Viele Zwiebeln, Knollen und Rhizome haben eine #spezifische

Tiefenlage#, die freilich je nach der Beschaffenheit des Bodens

variieren kann. So liegen z. B. die Rhizome von Paris in 2-5 cm, die

von Arum bei 6-12, von Colchicum bei 10-16, von Asparagus officinalis

bei 20-40 cm Tiefe. Die Samen keimen aber auf oder dicht unter der

Erde. Die Erdsprosse der jungen Pflanzen müssen also tiefer und

tiefer in die Erde eindringen. Dies geschieht zum Teil durch die

Zuwachsbewegung des Stammes (vgl. S. 305), zum Teil aber auch durch

#kontraktile Wurzeln# (Zugwurzeln). Bei Lilium z. B. (Fig. 205) sind

alle Wurzeln stark kontraktil. Ihre Tätigkeit ist am besten aus Fig.

205, _3_ zu erkennen, wo die beiden untersten Wurzeln durch ihre

Kontraktion die Zwiebel so verlagert haben, daß die höheren an ihrer

Basis im Bogen gekrümmt worden sind. Hat die Zwiebel die richtige

Tiefe erlangt, so wird sie durch Wurzelkontraktion jährlich nur um so

viel tiefer gezogen, als sie durch Wachstum des Vegetationspunktes

aufsteigt. In anderen Fällen sind nicht alle Wurzeln kontraktil

(Arum), oder es sind überhaupt nur sehr wenige oder gar nur eine

einzige Kontraktionswurzel ausgebildet (Crocus, Gladiolus, Oxalis

elegans). Handelt es sich bei den bisher geschilderten Fällen durchweg

um #Seitenwurzeln#, die die richtige Tiefenlage sichern, so kann z. B.

bei manchen Rosettenpflanzen die #Hauptwurzel# durch #andauernde#

Kontraktion während ihres sekundären Dickenwachstums dafür sorgen, daß

der Vegetationspunkt jedes Jahr um so viel durch die Wurzel in die

Tiefe gezogen wird, wie er durch Wachstum in die Höhe rückt, so daß die

Rosette stets dem Erdboden anliegen bleibt (Gentiana lutea).

[Illustration: Fig. 205. _1-4_ Keimung von Lilium Martagon.

Verkleinert. Die horizontale Linie stellt die Erdoberfläche vor; die

vertikalen Marken haben Zentimeterabstand. _1_ Keimling mit Samen; _2_

Keimpflanze am Ende des 2. Jahres; _3_ junge Pflanze noch im Absteigen

begriffen; _4_ ausgewachsene Pflanze in der Normaltiefe; _5_ Colchicum

autumnale (etwas verkleinert); punktiert ist die ursprüngliche Lage

der Knolle, ausgezeichnet die neue Lage, die durch Wurzelkontraktion

herbeigeführt wurde; _6_ Kontrahierte Wurzel von Lilium. Vergr. 6fach.

Nach RIMBACH.]

+3.+ Die +annuellen Kräuter+ schließlich geben für die schlechte

Jahreszeit ihre Vegetationsorgane überhaupt auf: sie überdauern diese

in der denkbar sichersten Weise mit ihren trockenen Samen, in denen

ebenfalls Reservestoffe reichlich gespeichert sind. --

Je gleichmäßiger günstig das Klima während des ganzen Jahres für

die Pflanzenwelt ist (wie in feuchten Gebieten der Tropen), um so

mehr überwiegen immergrüne Holzgewächse in der Vegetation, der

freilich immergrüne perennierende Kräuter, oft auch mit Erdsprossen,

nicht völlig fehlen. Umgekehrt, je extremer die Klimaperiodizität

ausgebildet ist, wie z. B. in den Steppen mit schroffer und sehr

langer Trockenzeit oder in Klimaten mit harten Wintern, um so

größer wird in der Vegetation der Prozentsatz an Tropophyten mit

hochgradigen Schutzeinrichtungen und bei den Kräutern an Geophyten und

Annuellen. Letztere treten aber in Gebieten mit sehr kurzen und kalten

Vegetationsperioden, z. B. im Hochgebirge und in der Arktis, wieder

stark zurück.

b) Anpassungen an den Lichtgewinn[100].

Je üppiger sich durch die Gunst des Klimas die Vegetation entfaltet,

um so riesenhaftere Pflanzenformen treten uns in ihr entgegen. In den

tropischen Regenwäldern sind, wie eben schon erwähnt, neben wenigen

niedrigen immergrünen Kräutern kleinere und größere immergrüne

Sträucher ausgebildet, die wieder von zum Teil riesigen ebensolchen

Bäumen (vgl. dazu auch S. 120) überschattet werden. Je höher die

Pflanzengestalten des Waldes sind, um so mehr direktes Sonnenlicht wird

von ihren Blättern aufgefangen, das kleineren Pflanzenformen verloren

geht.

Die Kutikula der Blätter solcher Tropenbäume ist oft besonders

glatt. Sie wirft einen Teil des Sonnenlichtes zurück, wodurch die

Glanzlichter entstehen, die für das Laub der Tropen bezeichnend

sind. Das ist vielleicht eine Schutzeinrichtung gegen zu starke

Bestrahlung. Andere Schutzmittel gegen zu starke Bestrahlung wurden

bei Besprechung der Xerophyten auf S. 145 ff. erwähnt.

Die kleinen und niedrigen #Schattenpflanzen# der Urwälder und auch

unserer Wälder sind angepaßt, die Kohlensäure mit oft #großen#

Blattspreiten in auffallend schwachem Lichte noch hinreichend zu

assimilieren.

Im #Kampfe um das Licht# sind außer Bäumen und Sträuchern zwei

Kormophytengruppen ganz eigenartigen Baues entstanden, die für die

tropischen Regenwälder besonders bezeichnend sind, ohne bei uns ganz zu

fehlen: die #Kletterpflanzen# (#Lianen#) und die #Epiphyten#.

+1. Lianen oder Kletterpflanzen+[106]. Sie vermögen ohne großen

Materialaufwand, ohne säulenförmige Stämme, in kurzer Zeit ihr Laub

dem Schatten, etwa des Waldes, zu entziehen und es an die Peripherie

der Baumkronen oder der sonstigen Vegetationsdecke stärkerem Lichte

darzubieten, indem sie mit dünnen Stengeln an fremden Sprossen,

Baumstämmen und Ästen #emporklettern#. Die tauartigen Stämme der Lianen

sind es, die den Urwald der Tropen in ein vielerorts undurchdringliches

Dickicht verwandeln.

[Illustration: Fig. 206. Stengelstück und Blatt der Erbse (Pisum

sativum). _s_ Stengel, _n_ Nebenblätter, _b_ Blättchen des einfach

gefiederten Blattes, _r_ die zu Ranken ausgewachsenen Blättchen, _a_

der Blüten tragende Achselsproß. ½ nat. Gr. Nach SCHENCK.]

[Illustration: Fig. 207. Stengelstück der Rankenplatterbse (Lathyrus

Aphaca). _s_ Stengel, _n_ Nebenblätter, _b_ Blattranke. ½ nat. Gr.

Nach SCHENCK.]

Das Klettern wird in sehr verschiedener Weise bewerkstelligt, z. B.

durch widerhakenförmige Seitensprosse oder Haare und Stacheln

oder durch beides, oder durch Dornen (#Spreizklimmer#: Galium

Aparine, Kletterrosen, Solanum Dulcamara), oder durch Wurzeln

(#Wurzelkletterer#: Efeu, viele Araceen), oder durch Windebewegungen

(#Schlingpflanzen#: Hopfen, Feuerbohne), oder endlich durch besondere

Befestigungsorgane, die #Ranken# (#Rankenpflanzen#). Die Ranken

sind fadenförmige, unverzweigte oder verzweigte Organe, die, mit

Kontaktreizbarkeit (vgl. S. 312) ausgestattet, fremde Stützen umwickeln

und den Sproß daran befestigen können. Bei vielen Kletterpflanzen

sind es #metamorphosierte Sproßachsen# (Sproßranken), so beim

Weinstock, wilden Wein (Fig. 208) und bei den Passionsblumen, bei

anderen #umgebildete Blätter# (Blattranken), z. B. beim Kürbis, bei

der Gurke und bei Lathyrus Aphaca (Fig. 207), wo die Funktionen der

zur Ranke gewordenen Blattspreite durch die blattartig ausgebildeten

Nebenblätter übernommen worden sind, oder es sind #umgebildete Teile

von Blattspreiten# (z. B. bei der Erbse, Fig. 206), wo sich die oberen

Blättchen des Fiederblattes in eine verzweigte Ranke umgewandelt haben).

Bei gewissen Arten des wilden Weins, Parthenocissus quinquefolia und P.

tricuspidata (Fig. 208), sind die Rankenzweige befähigt, an ihren Enden

Haftscheiben auszubilden und sich mit diesen auch an flachen Stützen zu

befestigen.

[Illustration: Fig. 208. Parthenocissus tricuspidata. _R R_

Sproßranken. ¾ nat. Gr. Nach NOLL.]

[Illustration: Fig. 209. Querschnitt durch den Stamm von Serjania

Laruotteana. _sk_ Teile des zersprengten Sklerenchymringes des

Perizykels, _l_ und _l*_ Bastzonen, _lg_ Holzkörper, _m_ Mark. Vergr.

2. Nach STRASBURGER.]

[Illustration: Fig. 210. Querschnitt durch den Stamm einer Bignoniacee

aus Blumenau. Nat. Gr. Nach SCHENCK.]

Bezeichnend für fast alle Lianen sind ihre ungewöhnlich

weiten Tracheen und Siebröhren, ferner bei den tropischen

Kletterpflanzen #Anomalien des sekundären Dickenwachstums#,

wodurch gefurchte, zerklüftete oder geteilte Holzkörper entstehen,

die die tauförmigen, langen und schwanken Sprosse biegungs- und

torsionsfähig machen. #Gefurchte# Holzkörper sind bei vielen

Bignoniaceen-Lianen ausgebildet. Der Kambiummantel erzeugt zuerst

in gewohnter Weise nach innen Holz, nach außen Bast und bildet

einen normal gebauten Holzzylinder Hierauf beginnt er aber an

einzelnen Stellen nur noch wenig Holz nach innen, um so mehr Bast

nach außen zu bilden. Das hat zur Folge, daß tiefe Bastkeile, die

stufenförmig nach außen an Breite zunehmen, in das äußere Holz

hineinreichen (Fig. 210). Das Kambium ist dabei in Längsstreifen,

breitere an den Holzvorsprüngen, schmälere im Grunde der Bastkeile,

zerfallen. Das fortwachsende Holz muß an diesen Bastkeilen

vorbeigleiten, so daß seitlich zwischen diesen Holzteilen und den

Bastkeilen keine Verbindung besteht. #Mehrere# Holzzylinder sind

verschiedenen tropischen Lianen aus den Sapindaceen-Gattungen

Serjania und Paullinia eigen (Fig. 209). Sie kommen dadurch

zustande, daß die Leitbündel in den primären Stammteilen auf

dem Querschnitte nicht im Kreise angeordnet sind, sondern eine

ringförmige Figur mit mehr oder weniger tiefen Ausbuchtungen

bilden. Letztere werden quer durch den Stamm hindurch durch Kambium

verbunden, worauf mehrere Kambiumringe nebeneinander im Stengel

liegen.

+2. Epiphyten+[107]. Eine andere Gruppe von Kormophyten kann die

Blätter dadurch in stärkeres Licht bringen, daß ihre Vertreter nicht im

Boden wurzeln, sondern sich #von vornherein# in den Kronen der höchsten

Bäume auf ihren Ästen ansiedeln. Solche Pflanzen nennt man #Epiphyten#.

Diese Bäume dienen ihnen nur als #Unterlagen#; sie können deshalb

auch durch anorganische Substrate, z. B. Felsen, ersetzt werden. Zu

epiphytischer Lebensweise sind natürlich nur solche Gewächse geeignet

und befähigt, deren Samen durch Luftströmungen oder durch Tiere immer

wieder auf die Äste der Bäume gebracht werden. Für die epiphytischen

Pflanzen ist offenbar die Beschaffung des nötigen Wassers und der

Nährsalze recht schwierig. Infolgedessen kommen sie nur in warmen

Gebieten mit reichlichem Regenfall und großer Luftfeuchtigkeit, deshalb

also vor allem in den tropischen Regenwäldern, vor. Außerdem findet man

bei ihnen oft eigenartige Einrichtungen, die diesen Schwierigkeiten

begegnen: bei vielen Epiphyten Sproßknollen als Wasserspeicher (z. B.

Orchideen), die bei Regenwetter gefüllt werden, oder Einrichtungen, um

Wasser aufzufangen.

[Illustration: Fig. 211. Dischidia Rafflesiana mit Laub- (_l_) und

Kannenblättern (_k_). _B_ Längsschnitt einer Kanne. _ö_ Öffnung, _st_

Stiel der Kanne, _w_ Wurzel. _A_ ca. ⅓, _B_ ca. 1/2 nat. Gr. Nach

TREUB.]

In unseren Gegenden sind die Epiphyten nur durch rindenbewohnende

Algen, Flechten und Moose vertreten, die vollständige Austrocknung

vertragen. In den Tropen kommen aber auch sehr viele Kormophyten

als Epiphyten vor, z. B. in der Gruppe der Pteridophyten, in den

Familien der Orchideen, Bromeliaceen, Araceen u. a.

Die #Schwierigkeiten der Wasserversorgung# machen es verständlich,

daß die Epiphyten fast sämtlich ausgesprochene Xerophyten

sind (Fig. 196). Sie befestigen sich an ihren Unterlagen mit

#Haftwurzeln#; das sind verhältnismäßig kurze, unverzweigte und

das Licht fliehende Wurzeln, die fremde Gegenstände umklammern und

oft Drähten gleichen. Außer diesen Haftwurzeln werden übrigens

bei vielen Araceen auch viel längere #Nährwurzeln# ausgebildet,

die frei nach unten in die Luft hängen und ohne jede Verzweigung

nach abwärts wachsen, bis sie den Boden erreichen, worin sie

sich verzweigen. Die Mehrzahl aber, die keine Wurzeln bis zum

Erdboden treibt, ist auf das Wasser der Regengüsse angewiesen,

das sie meist mittels besonderer Apparate aufnehmen und sammeln.

Baumbewohnende tropische #Orchideen# und auch einige #Araceen#

besitzen zur Aufnahme von Regen an ihren Luftwurzeln ein besonderes

Gewebe: die mehrschichtige Epidermis ist eine Hülle, #Wurzelhülle#

oder #Velamen#, die in manchen Fällen nicht unbeträchtlich dick

wird. Ihre Zellen, die den lebenden Inhalt einbüßen und in den

Zellwänden meist schrauben- oder netzförmige Verdickungen und

häufig auch Löcher besitzen, sind je nach dem Feuchtigkeitsgrade

der Umgebung mit Luft oder mit Wasser gefüllt. Sie saugen wie

Fließpapier das Wasser auf. Sind die Zellen mit Luft gefüllt, so

erscheint die Hülle weiß; enthalten sie Wasser, so schimmert das

innere Gewebe mit grüner Farbe durch. Bei anderen epiphytischen

Orchideen und Araceen bilden die nach #aufwärts# wachsenden

Luftwurzeln ein reichverzweigtes Geäst, in dem sich durch Verwesung

daraufgefallener Blätter Humus und darin auch Wasser ansammelt.

Namentlich unter den Farnen aber finden sich Epiphyten, deren

Blätter den Humus sammeln: Bei #Asplenium nidus# sitzen die Blätter

dem dichten Stamm in kurzer Rosette an; der trichterförmige Raum

über der Stammknospe, den sie einschließen, füllt sich mit Humus.

Bei #Polypodium#- und #Platycerium#-Arten aber werden besondere

Blätter als „Nischenblätter“, „Mantelblätter“ usw. ausgebildet,

die alle der Sammlung von Humus und von Wasser dienen. Noch weiter

geht in der Umbildung der Blätter die Asclepiadee #Dischidia

Rafflesiana# (Fig. 211): Einige Blätter sind als tiefe #Urnen#

mit engen Mündungen ausgebildet; in die Urnen, in denen das

Transpirationswasser kondensiert wird, wachsen Wurzeln hinein,

verzweigen sich darin und nehmen zusammen mit diesem Wasser

wertvolle stickstoffhaltige Substanzen auf; die Urnen enthalten

nämlich gewöhnlich Kolonien von Ameisen, deren Fäkalien und

abgestorbene Leiber.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 21 / 90 段