[Illustration: Fig. 152. _A_ Fächel im Seitenriß, _B_ in Grundansicht.

_C_ Sichel im Seitenriß, _D_ in Grundansicht. _E_ Dichasium in

Grundansicht und Ableitung der Wickel (blaue Linie) und Schraubel (rote

Linie) daraus. _F_ Grundansicht der Schraubel. _G_ Grundansicht der

Wickel. _1-9_ Ordnungen aufeinanderfolgender Tochterachsen. (_A-D_

nach EICHLER, das übrige nach KARSTEN, verändert.) Um das Verständnis

zu erleichtern, sind in _A-D_ und _F_, _G_ die aufeinanderfolgenden

Tochterachsen je nächst niederer Ordnungen mit verschiedenen Farben

wiedergegeben. Das an jeder Tochterachse befestigte Deckblatt hat die

gleiche Farbe erhalten wie diese Achse, an der es entstanden ist.]

In einem Sproßsysteme sind nicht selten verschiedene

Verzweigungsarten miteinander verbunden. So können etwa auf dem

razemös verzweigten Keimsproß zymös verzweigte Seitensprosse

folgen. In besonders mannigfaltiger und wechselnder Verbindung sind

die verschiedenen Verzweigungsarten bei den Blütenständen vereinigt

(vgl. speziellen Teil).

b) Die Wurzel[80].

#Den Wurzeln#, die meist in der Erde (Erdwurzeln), seltener in der Luft

(Luftwurzeln) leben, #fehlen immer die Blätter#. Dadurch haben sie ein

ganz anderes Aussehen als die Sprosse, selbst als die Erdsprosse. Ihre

Aufgabe ist, die Pflanze im Boden zu befestigen, aus dem Boden Wasser

und Bodensalze aufzunehmen und zum Sproßsystem hinzuleiten. Auch ihre

Funktionen sind also völlig andere als bei den meisten Sprossen, die

hauptsächlich der Kohlensäureassimilation dienen.

+1. Vegetationspunkt.+ Die Wurzel verlängert sich an der Spitze.

Sie zeigt #Scheitelwachstum# mittels eines kegelförmigen

#Vegetationspunktes#. Der Vegetationskegel bedarf für seine

dünnwandigen embryonalen Zellen eines besonderen Schutzes; denn er wird

bei dem Wachstum der Wurzel wie ein Nagel zwischen die scharfkantigen

Bodenpartikelchen vorwärts getrieben. Dieser Schutz wird von einem

besonderen Organe aus parenchymatischen Dauerzellen, der #Wurzelhaube#

oder #Kalyptra#, übernommen, die die Spitze der Wurzel wie ein Däumling

den Finger umhüllt, so daß der eigentliche Vegetationspunkt im #Innern#

des Gewebes der Wurzelspitze, also interkalar, liegt. Die Verschleimung

der äußeren Zellmembranen der Haube erleichtert zugleich bei den

Erdwurzeln das Vorwärtsdringen im Boden. Die Wurzelhaube sieht man

meist erst auf medianen Längsschnitten durch die Wurzelspitzen (Fig.

153, 154); doch gibt es auch Fälle (Pandanus), wo man sie schon an der

unversehrten Wurzel als eine ihren Scheitel deckende Kappe wahrnehmen

kann.

[Illustration: Fig. 153. Medianer Längsschnitt durch die Wurzel des

Farnes Pteridium creticum. _t_ Scheitelzelle, _k_ Haubeninitiale, _k^n_

Wurzelhaube. Vergr. 240. Nach STRASBURGER.]

Die besonders auffälligen Kappen an den Enden der Wasserwurzeln

unserer Wasserlinsen (Lemna-Arten) und mancher Hydrocharitaceen

gehören dagegen ihrem Ursprung nach nicht zur Wurzel; sie bilden

sich vielmehr aus einer die Wurzelanlage umgebenden Hülle, etwa aus

Sproßgewebe, und werden demgemäß als #Wurzeltaschen# bezeichnet.

Wurzeln ohne Wurzelhaube sind eine sehr seltene Erscheinung; sie

kommen z. B. vor bei den eben erwähnten Wasserlinsen, bei denen die

Wurzeltasche die Funktionen der Wurzelhaube übernimmt. Ebenso fehlt

eine Wurzelhaube der rasch absterbenden Wurzel des parasitisch

lebenden Teufelszwirns (vgl. S. 162).

In Zeiten der Ruhe, wo die Erdwurzeln nicht weiterwachsen, werden

die Wurzelhauben verkorkt; ihre parenchymatischen Zellen wandeln

sich in Kutisgewebe um, das die Wurzelspitzen wirksam nach außen

abschließt.[81]

Der Vegetationspunkt der Wurzel wird, wie schon gesagt, aus

Meristemzellen aufgebaut, von denen sich die basalwärts gelegenen in

Dauerzellen des Wurzelkörpers, die an der Spitze in die Dauerzellen der

Wurzelhaube umwandeln.

Bei den meisten Pteridophyten haben die Wurzeln wie die Sprosse eine

dreischneidige Scheitelzelle (_t_ Fig. 153) von der Gestalt einer

dreiseitigen Pyramide.

Außer den Segmenten, die sie parallel zu ihren drei inneren

Seitenwänden nach dem Wurzelkörper hin abgibt, bildet sie solche

auch nach außen (_k_). Letztere bauen die Wurzelhaube auf, indem

sie sich weiter teilen.

Die Vegetationspunkte der Phanerogamenwurzeln besitzen dagegen keine

Scheitelzellen. Sie bestehen aus gleichwertigen embryonalen Zellen, die

oft in regelmäßigen Schichten angeordnet sind.

Als Beispiel sei auf den Vegetationskegel einer Gramineen-Wurzel

(Fig. 154) hingewiesen: Die Meristemschichten, die das Dauergewebe

des #Wurzelkörpers# liefern, sondern sich hier in eine äußere

Zellschicht, das #Dermatogen# (_d_), in mehrere zentrale Schichten,

die einen Gewebestrang für sich bilden und sämtlich oder teilweise

in den Zentralzylinder der Wurzel übergehen, das #Plerom# (_pl_),

und in mehrere zwischen Dermatogen und #Plerom# gelegene Schichten,

das #Periblem#. Die Schichten des Dermatogens (_d_ Fig. 154) und

Periblems (_pr_) vereinigen sich am Scheitel zu einer einzigen

Zellschicht. Außerhalb davon liegt die Zellschicht, die die

#Wurzelhaube# bildet, das #Kalyptrogen# (_k_).

Bei vielen anderen Wurzeln (bei der Mehrzahl der Dikotylen)

wird dagegen die Wurzelhaube durch Vermehrung der Schichten des

Dermatogens gebildet, das auch an der Spitze des Scheitels vom

Periblem getrennt sein kann; bei manchen nimmt auch das Periblem,

ja unter Umständen selbst das Plerom an der Bildung der Haube teil,

so bei vielen Leguminosen und bei den Gymnospermen. Bei diesen sind

Periblem, Dermatogen und Kalyptrogen am Scheitel überhaupt nicht

gesondert; der Pleromzylinder schließt aber fast stets mit deutlich

abgegrenzten Initialen ab.

[Illustration: Fig. 154. Medianer Längsschnitt durch die Wurzelspitze

der Gerste. _k_ Kalyptrogen, _d_ Dermatogen, _c_ dessen verdickte

Außenwand, _pr_ Periblem, _pl_ Plerom, _en_ Endodermis, _i_ mit Luft

sich füllende Interzellularen, _a_ Zellreihe, aus der das zentrale

Gefäß hervorgehen wird, _r_ abgestoßene Zellen der Wurzelhaube, _s_

große, leicht bewegliche Stärkekörner in den Haubenzellen. Vergr. 180.

Nach STRASBURGER u. KOERNICKE.]

+2. Äußerer Bau des Wurzelkörpers.+ Die embryonalen Zellen wandeln

sich an der Basis des Vegetationskegels unter starker Größenzunahme

allmählich in Dauerzellen um. Hiermit geht eine ausgiebige Verlängerung

des Wurzelkörpers Hand in Hand. Durch dieses Streckungswachstum, das

also erst hinter dem Vegetationskegel einsetzt und bei den Erdwurzeln

im Gegensatze zu den Luftsprossen auf eine sehr kurze, höchstens 5-10

mm lange Zone dicht hinter dem Vegetationspunkt beschränkt ist, wird

die Wurzel zu einem zylindrischen, fadenförmigen, farblosen Gebilde.

Bei Luftwurzeln kann die Streckungszone aber viele Zentimeter lang

werden. Ihre geringe Länge bei den Erdwurzeln hängt offenbar mit

der Lebensweise dieser Wurzeln im Boden zusammen.

In einiger Entfernung von der Wurzelspitze, etwa da, wo das

Streckungswachstum erlischt, entstehen an den Erdwurzeln wichtige

Anhangsgebilde der Wurzeln, die #Wurzelhaare#[82] (_r_ in Fig.

155 und Fig. 51): lokale schlauchförmige, sehr dünnwandige und

schleimüberzogene Ausstülpungen der lebenden Epidermiszellen. Besonders

an Keimpflanzen, die in feuchtem Raume kultiviert werden, z. B. vom

Weizen, kann man sie in ungeheuer großer Menge (bei Zea mays etwa

420 pro qmm) mit bloßem Auge als zarten Flaum auf der Oberfläche der

Wurzeln gut erkennen. Ihre Länge schwankt je nach den Pflanzenarten

zwischen 0,15 und 8 mm. Sie vergrößern in sehr wirksamer Weise die

Oberfläche der Wurzeln (bei Pisum z. B. um das zwölffache). Diese Haare

dringen zwischen die Bodenpartikelchen ein, ja verwachsen sogar mit

ihnen. Im Boden bewahren sie infolgedessen nicht Zylinderform, wie in

feuchter Luft, sind vielmehr hin und her gekrümmt und an der Spitze

abgeplattet, keulig oder lappig (Fig. 237). Sie dienen der Wasser- und

Bodensalzaufnahme, haben aber nur wenige Tage Lebensdauer. In dem Maße,

wie spitzenwärts neue Wurzelhaare hinzukommen, sterben die älteren ab,

so daß immer nur ein begrenzter Teil der jungen Wurzel (einige Zenti-

oder Millimeter) von ihnen bedeckt ist. Der ältere kahle Teil dient

lediglich noch der Leitung, nicht mehr der Aufnahme von Wasser. An

ihm ist sehr häufig eine Querrunzelung der Oberfläche erkennbar, die

durch eine nachträgliche #Kontraktion# dieser Wurzelteile bedingt wird.

Durch diese Kontraktion verkürzt und spannt sich die Wurzel wie ein

gespannter Bindfaden straff und verankert den Sproß wesentlich fester

im Boden (vgl. Fig. 205, _6_).

Manchen Pflanzen fehlen die Wurzelhaare, vor allem solchen, die

besonders leicht Wasser aufnehmen können, so vielen Wasser- und

Sumpfpflanzen. Die Wurzeln mancher Wasserpflanzen, z. B. von Nuphar

luteum, bilden aber dann Haare, wenn sie in den Boden eindringen;

die Wurzeln von Sumpfpflanzen, wie Carex paludosa, wenn es an

Wasser fehlt. Bei gewissen Wasserpflanzen, z. B. bei Hydrocharis,

tragen aber auch die Wasserwurzeln reichlich Wurzelhaare.

[Illustration: Fig. 155. Keimpflanze der Hainbuche (Carpinus betulus).

_h_ Hypokotyl, _c_ Kotyledonen, _hw_ Hauptwurzel, _sw_ Seitenwurzeln,

_r_ Wurzelhaare, _e_ Epikotyl, _l_ und _l′_ Laubblätter.

Nat. Gr. Nach NOLL.]

+3. Primärer innerer Bau der Wurzel.+ Haben sich die embryonalen Zellen

des Vegetationspunktes in Dauerzellen umgewandelt, so sind in der

Wurzel die gleichen Gewebearten wie in der Sproßachse, und zwar auch

meist in radiär symmetrischer Anordnung gesondert.

Der äußere Abschluß wird an jüngeren Teilen der Wurzel durch die

dünnwandige #Epidermis# gebildet, die samt ihren Anhangsgebilden, den

Wurzelhaaren, der Stoffaufnahme dient. #Bezeichnend für sie ist der

Mangel der Spaltöffnungen und der Kutikula#. Die Epidermis der Wurzel

stirbt aber mit den Wurzelhaaren bald ab. Wo letztere verschwunden

sind, nimmt ein Kutisgewebe, nämlich die äußerste Rindenschicht, deren

Zellwände mehr oder weniger verkorken, als #Exodermis# (Fig. 156 _cx_)

die Oberfläche ein[83].

In einer solchen Exodermis werden oft unverkorkte Zellen

ausgespart, die als Durchlaßzellen gelten. Sie sind in bestimmten

Fällen regelmäßig zwischen den verkorkten verteilt und kleiner als

diese.

Das übrige Gewebe kann man wieder in Rinde und Zentralzylinder

einteilen.

Die #Rinde# der Erdwurzeln wird von farblosem Gewebe gebildet,

das fast immer parenchymatisch ist und nur in den inneren Teilen

Interzellularen enthält. In manchen Fällen erweitern sich die letzteren

zu Luftlücken oder Luftkanälen. In der Rinde vieler Luftwurzeln kommt

dagegen Chlorophyll vor. Manchmal werden Festigungsgewebe ausgebildet

(Fig. 159, _2_), die die Epidermis oder Exodermis verstärken und die

Wurzeln biegungs- und druckfest machen. Die innerste Rindenschicht

pflegt eine #Endodermis#[84] zu sein (Fig. 156 _e_, 157 _e_, 158 _S_,

160 _s_), die eine scharfe Grenze zwischen Rinde und Zentralzylinder

zieht. Sie besteht aus rechteckig prismatischen, gewöhnlich etwas

gestreckten Zellen, die auf Querschnitten die dunklen CASPARYschen

Punkte in den radialen Wänden zeigen. Durch diese Membranstreifen (vgl.

S. 49) scheint ein gewisser Abschluß des Zentralzylinders gegen die

primäre Rinde erreicht zu werden; die tangentialen Wände der jungen

Endodermis aber erlauben dem Wasser den Durchtritt aus der Rinde in den

Zentralzylinder und umgekehrt.

[Illustration: Fig. 156. Querschnitt durch eine Wurzel der

Küchenzwiebel (Allium Cepa), _ep_ Reste der Epidermis, _ex_ Exodermis,

_c_ Rinde, _e_ Endodermis, _cc_ Zentralzylinder. Vergr. 45. Nach M.

KOERNICKE.]

[Illustration: Fig. 157. Querschnitt durch die Wurzel von Acorus

Calamus. _m_ Mark, _s_ Gefäßstränge, _v_ Siebstränge, _p_ Perizykel,

_e_ Endodermis, _c_ Rinde. Vergr. 90. Nach STRASBURGER.]

In etwas älteren Wurzelteilen werden die Endodermiszellen durch

Suberinlamellen verkorkt und, bei vielen Monokotylen, außerdem

durch tertiäre Verdickungsschichten meist einseitig nach dem

Zentralzylinder zu verdickt (Fig. 160). Treten solche Veränderungen

frühzeitig auf, so bleiben bestimmte, vor den Gefäßsträngen des

Leitbündels gelegene Endodermiszellen, die _Durchlaßzellen_, davon

ausgeschlossen (_d_ Fig. 160).

Die äußerste parenchymatische Zellschicht des #Zentralzylinders# der

Wurzeln (Fig. 157 _p_, 158 _pc_, 160 _p_), also die Schicht direkt

unter der Endodermis, bildet den #Perizykel#, der meist einschichtig

ist, in seltenen Fällen auch fehlen kann. Im Zentralzylinder verlaufen

in gerader Längsrichtung die Leitungsbahnen, die als Gefäß- und als

Siebstränge ausgebildet sind und bei #allen Wurzeln ein radiales#

Leitbündel[61] bilden (vgl. S. 85). Die Gefäß- und Siebstränge sind

also in das übrige Gewebe des Zentralzylinders #radial nebeneinander#

und zwar so eingebettet, daß sie voneinander durch eine bis

mehrere Zellschichten (meist Leitparenchym) getrennt bleiben. Die

plattenförmigen Gefäßstränge sind in der Wurzel umgekehrt wie in

den kollateralen Leitbündeln des Stengels orientiert: im Stengel

haben sie ihre engsten Gefäße innen, die weitesten außen, in der

Wurzel dagegen die weitesten Gefäße innen, die engsten am Umkreis

des Leitbündels. Von außen nach innen folgen also Ring-, Schrauben-,

Netz- und Tüpfelgefäße aufeinander. Auch die Phloëmprimanen liegen

peripher, am Außenrande der Siebstränge, die rundlichen Querschnitt

haben. Nach der Zahl der vorhandenen Xylemstränge wird die Wurzel als

diarch, triarch usw., schließlich als polyarch bezeichnet. So ist die

in Fig. 157 dargestellte Wurzel oktarch, die der Fig. 160 pentarch.

Die Gefäßstränge stoßen in der Mitte der Wurzel entweder zusammen,

wie in Fig. 158 u. 160; oder es ist dort, wie die Fig. 157 zeigt, ein

zentraler Strang aus Parenchym oder Sklerenchym, oft auch aus beidem

vorhanden. Die meisten Wurzeln werden vor allem auf #Zugfestigkeit# in

Anspruch genommen. So ist das Festigungsgewebe hauptsächlich in das

Zentrum der Wurzel verlegt, wo es durch seine geschlossene Masse die

Wurzeln am besten vor Zerreißung schützt (Fig. 159).

[Illustration: Fig. 158. Querschnitt durch das radiale Leitbündel der

Wurzel von Ranunculus acer. _R_ Rindenparenchym, _S_ Endodermis, _pc_

Perizykel, _ph_ Phloëm, _px_ Xylemprimanen, _G_ Tüpfelgefäße. Vergr.

200. ROTHERT frei nach DIPPEL.]

[Illustration: Fig. 159. Mechanisches Gewebe der Wurzel. _1_ Zentral

angeordnet für Zugfestigung. _2_ Neben dem zentralen Strang ein

peripherer Mantel _P_ für Druck- und Biegungsfestigung (Stützwurzel).

Nach NOLL.]

Für ein Organ, das zugfest sein soll, ist es an und für sich

ziemlich gleichgültig, wo auf dem Querschnitt die Festigungsmassen

liegen. Immerhin ist ihre Vereinigung im Zentrum zu einem einzigen

Strang jeder anderen Anordnung überlegen. Wären nämlich statt

dessen z. B. viele entsprechend dünnere Stränge an der Peripherie

verteilt, so würden einzelne bei einem einseitigen Zuge der Gefahr

der Zerreißung ausgesetzt sein.

[Illustration: Fig. 160. Radiales Leitbündel der Wurzel von Allium

ascalonicum. _s_ Endodermis mit verdickten Innenwänden, _d_

Durchlaßzellen, _p_ Perizykel, _g_ großes zentrales Gefäß. ROTHERT

nach HABERLANDT.]

[Illustration: Fig. 161. Übergang des radialen Wurzelleitbündels in

die kollateralen Stengelbündel, schematisiert: nach Beschreibungen

VAN TIEGHEMs und CHAUVEAUDs. Weiß: Rinde und Mark. Schwarz

punktiert: Phloëm. Weiß punktiert auf Schwarz: Xylem. Weitere

Erklärung im Text.]

Es bleibt noch zu erörtern, wie die Sieb- und Gefäßstränge des

radialen Wurzelbündels in die Sieb- und Gefäßstränge der anders

gebauten Stengelbündel übergehen[85]. Das geschieht meist an der

Grenze der Keimwurzel und des Keimstengels; es sei nur für den

häufigsten Fall, für Pflanzen mit kollateralen Stengelbündeln,

kurz beschrieben. Das Wesentliche dieses Überganges besteht darin,

daß die Gefäßstränge des radialen Wurzelbündels sich in der

Übergangszone je um ihre eigene Längsachse, und zwar um annähernd

180° drehen (vgl. Fig. 161); dadurch werden aus den #exarchen#

Gefäßsträngen der Wurzel (vgl. S. 90) die #endarchen# Stränge des

Stengels. Die ältesten Xylemprimanen der Wurzel beteiligen sich

nach CHAUVEAUD an dieser Bewegung nicht, sondern werden aufgelöst.

Aus dem radialen Wurzelbündel werden nun dadurch eine Anzahl

kollateraler Bündel gebildet, daß die Sieb- und Gefäßstränge,

die in der Wurzel nebeneinander liegen, sich gegeneinander

verlagern. Diese Verlagerung vollzieht sich bei den verschiedenen

Arten verschieden. Zwei Haupttypen lassen sich nach VAN TIEGHEM

unterscheiden: 1. Die #Gefäß#stränge verlaufen, abgesehen von ihrer

Drehung, geradlinig aus der Wurzel in den Stengel; die Siebstränge

der Wurzel aber spalten sich durch einen radialen Spalt je in zwei

Hälften; die Hälften weichen tangential auseinander und legen sich

#vor# die benachbarten gedrehten Gefäßteile, wo sie sich je mit

der Hälfte des nächst benachbarten Siebstranges vereinigen (Fig.

161 _A_). 2. Die #Sieb#stränge der Wurzel verlaufen geradlinig in

den Stengel; aber die Gefäßteile (Fig. 161 _B_) spalten sich durch

einen radialen Spalt in je zwei Hälften; diese Hälften drehen sich

darauf je um 180° mit den Primanen als Drehpunkt, weichen, ähnlich

wie bei den Siebsträngen unter 1, tangential auseinander und legen

sich alsdann #hinter# die benachbarten Siebstränge, wo sie sich je

mit der Hälfte des nächst benachbarten Gefäßstranges vereinigen.

Eine Abart dieses verbreitetsten Typus kommt durch gleichzeitige

Spaltung auch der Siebstränge (wie bei 1) zustande, so daß im

Stengel doppelt so viele kollaterale Bündel wie Gefäßstränge (oder

Siebstränge) in der Wurzel entstehen.

+4. Verzweigung der Wurzel.+ Durch Verzweigungen, die immer wieder

Wurzeln (gleichnamige Organe) sind, wird es der Wurzel ermöglicht, den

Bodenraum nach allen Richtungen zu durchdringen und überall daraus

Wasser und Bodensalze aufzunehmen.

#Dichotome# Verzweigung durch Gabelung der Vegetationskegel in je

zwei Schenkel findet sich typisch bloß bei einigen Farnpflanzen

(Lycopodinae).

Im übrigen verzweigen sich die Wurzeln #seitlich# (Fig. 155). Und

zwar werden die Seitenwurzeln im Gegensatze zu den Seitenzweigen am

Sprosse meist erst in einiger Entfernung vom Vegetationspunkte der

Mutterwurzel, wo das Gewebe des Urmeristems bereits in Dauergewebe

übergeht, im #Innern# des Gewebekörpers der Mutterwurzel, #endogen#

(Fig. 162, 163), angelegt. Ihre Vegetationspunkte bilden sich

nämlich bei den Pteridophyten aus der innersten Rindenschicht,

bei den Phanerogamen dagegen aus der äußersten Zellschicht des

Zentralzylinders, d. h. aus dem Perizykel der Mutterwurzel, indem hier

Gruppen von Parenchymzellen sich zu teilen und in embryonalen Zustand

zurückzukehren beginnen. Die Seitenwurzelanlagen müssen also immer

die ganze Rinde ihrer Mutterwurzel durchbrechen. Demgemäß sind sie

nicht selten an der Austrittsstelle von dem vorgestülpten Rande der

durchbrochenen Rinde der Mutterwurzel wie von einem Kragen umgeben. Sie

entstehen in dieser Weise zunächst spitzenwärts fortschreitend, also

in akropetaler Reihenfolge. Sie pflegen auch in solcher, ihrem Alter

entsprechenden Reihenfolge zu Wurzeln auszuwachsen. Später werden sie

aber noch durch solche Seitenwurzeln vermehrt, die zwischen den bereits

vorhandenen selbst an älteren Wurzelteilen hervorkommen.

[Illustration: Fig. 162. Wurzelquerschnitt von Vicia Faba mit

Seitenwurzelanlage _r_, etwas schematisiert, _e_ Endodermis, _p_

Perizykel, _d_ Rinde, _g_ Gefäßstrang, _v_ Siebstrang des radialen

(tetrarchen) Leitbündels. Vergr. 40.]

[Illustration: Fig. 163. Teil eines Längsschnittes durch eine Wurzel

von Amarantus mit Anlage einer Seitenwurzel. _e_ Endodermis, vor der

Seitenwurzelanlage bereits resorbiert, _d_ angrenzende Rinde, _p_

Perizykel, _sp_ Schraubentracheïde, _r_ Seitenwurzelanlage. Vergr. etwa

200. Nach PH. VAN TIEGHEM.]

Die Seitenwurzeln bilden immer #gerade Reihen# an der Mutterwurzel[86].

Diese Anordnung wird dadurch bedingt, daß die Nebenwurzeln entweder

vor den längs verlaufenden Gefäßsträngen der Mutterwurzel (Fig.

162) oder vor den Leitparenchymplatten entstehen, die die Xylem-

und Phloëmstränge trennen. Die Zahl der Seitenwurzelreihen ist also

entweder gleich der Zahl der Xylemstränge oder doppelt so groß.

Die Seitenwurzeln haben den gleichen Bau wie die Hauptwurzel. Ihre

Gefäß- und Siebstränge setzen sich an entsprechende Stränge der

Mutterwurzel an.

+5. Sproßbürtige Wurzeln.+ Außer an Wurzeln entstehen Wurzeln sehr

oft auch an #ungleichnamigen# Organen, d. h. an Teilen des Sprosses,

ebenfalls meist endogen aus Dauergewebe; bei den Farnen schon aus dem

embryonalen Gewebe der Sproßvegetationspunkte. Man nennt solche Wurzeln

je nach dem Orte ihrer Entstehung stengelbürtig oder blattbürtig.

Bei Sumpf- und Wasserpflanzen entspringen sie vielfach an den

unteren Stengelknoten zwischen den Blättern. Ein bevorzugter Ort

ihrer Entstehung, soweit die äußeren Bedingungen es zulassen,

sind überhaupt Stengelknoten; sie können das mit den unteren

Sproßpartien absterbende Hauptwurzelsystem ersetzen[87]. Besonders

zahlreich sind sie an den Unterseiten der im Boden wachsenden

Sproßteile (Rhizome, Fig. 143) oder kriechender Sprosse.

Abgeschnittene und in feuchten Boden gesteckte Sprosse oder

Sproßstücke bilden alsbald Wurzeln an ihrer Basis; solche brechen

auch aus der Basis mancher entsprechend behandelter Blätter, so der

Begonienblätter, hervor[88]. Die sproßbürtigen Wurzeln bezeichnet

man wohl auch als Adventivwurzeln.

Kommen vorhandene Wurzelanlagen nicht zur Entwicklung, so nennt man

sie schlafend. Solche ruhenden Anlagen von stengelbürtigen Wurzeln

sind z. B. an jedem Weidenzweige vorhanden; ihre Weiterentwicklung

läßt sich durch Feuchtigkeit und Verdunkelung leicht anregen.

+6. Aussehen der Wurzelsysteme.+ Die Seitenwurzeln irgendeiner Ordnung

wachsen in der Regel schwächer und sind dünner als die Mutterwurzeln,

an denen sie entstanden sind. So wird das ganze Wurzelsystem typisch

#razemös#. Die Nebenwurzeln letzter Ordnung bleiben gewöhnlich

sehr kurz und haben nur eine begrenzte Lebensdauer; man nennt sie

#Saugwürzelchen#.

Das Wurzelsystem erhält sein Gepräge, wie das Sproßsystem, weiter

dadurch, daß Haupt- und Seitenzweige ganz verschiedene Lage zueinander

und im Raume annehmen, und zwar durch verschiedene Art von Geotropismus

(vgl. S. 299 ff.).

Viele #Dikotylen# (z. B. Lupine, Eiche) und #Gymnospermen# (Edeltanne)

haben eine radiäre #Hauptwurzel# oder Pfahlwurzel, die schon als

Keimwurzel den Hauptstamm nach unten fortsetzt und senkrecht nach

unten, orthotrop, in die Erde wächst (Fig. 155). An ihr entstehen

ebenfalls radiäre Seitenwurzeln I. Ordnung, die horizontal oder

schräg, also plagiotrop, in das Erdreich eindringen. Die an ihnen

entspringenden Seitenwurzeln II. Ordnung pflegen von denen I. Ordnung

allseits ausstrahlend das Erdreich rings um diese zu durchwachsen, so

daß also die Äste des Wurzelsystems den Boden nach allen Richtungen

möglichst gleichmäßig durchziehen und bei weitergehender Verzweigung

keinen Kubikzentimeter unausgenutzt lassen. Bei anderen Dikotylen und

Gymnospermen kann das Wurzelsystem auch mehr oberflächlich bleiben

(z. B. bei der Kartoffelpflanze und bei der Kiefer).

Den #Monokotylen# pflegt die Hauptwurzel zu fehlen, da sie schon am

Keimling zugrunde geht. An ihre Stelle treten zahlreiche sproßbürtige

Wurzeln aus der Stengelbasis, die senkrecht oder schräg oder horizontal

in den Boden eindringen. Sie verzweigen sich monopodial und tragen

Seitenwurzeln I. Ordnung, diese Seitenwurzeln II. Ordnung usw., die

das Erdreich in allen möglichen Richtungen durchwachsen können.

Hauptsächlich in horizontaler Richtung breitet sich das Wurzelsystem

z. B. beim Getreide über immer größer werdende Areale aus.

Addiert man die Längen #sämtlicher# Wurzeln einer Pflanze, so bekommt

man unerwartet hohe Werte; so kann die Gesamtwurzellänge bei einer

Getreidepflanze Hunderte von Metern sein.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 16 / 90 段