Die Anlage eines Seitenzweiges kann 1. aus dem Gewebe der

Sproßachse dicht oberhalb der Blattanlage und nach ihr (Fig. 147

_I_) oder vor der Blattanlage entstehen; im letzteren Falle wölbt

sich die Blattanlage aus dem basalen Gewebe an der Unterseite der

Zweiganlage hervor (Fig. 147 _III_); 2. kann die Zweiganlage aus

dem Gewebe der ganz jugendlichen Blattanlage sich bilden (Fig. 147

_II_). Bei dorsiventralen Sprossen von Blütenpflanzen gibt es auch

extraaxilläre Seitenknospen seitlich von den Blattanlagen.

An dem Längsschnitte durch einen Vegetationspunkt in Fig. 98 sieht

man die jüngste Anlage eines Seitensprosses (_g_) bereits in der

Achsel einer der allerobersten Blattanlagen sich vorwölben. In den

Achseln nächstälterer Blatthöcker sind die Sproßanlagen, da sie in

akropetaler Folge entstehen, schon größer und beginnen ihrerseits

Blatthöcker hervorzubringen. Solche in den Blattachseln erzeugte

Knospen werden als #Achsel-# (oder Seiten-) #Knospen#, die aus ihnen

hervorgehenden Sprosse als #Achselsprosse# bezeichnet; die Knospe, die

das fortwachsende Ende eines Sprosses abschließt, heißt im Gegensatz

dazu End- oder Terminalknospe. Das Blatt, in dessen Achsel eine Knospe

steht, ist ihr Tragblatt, Stützblatt oder #Deckblatt# (Fig. 149 _db_).

Die durch die Mittelrippe dieses Blattes und die zugehörige Mutterachse

gelegte Ebene heißt die #Mediane# des Blattes. Im allgemeinen steht

die Achselknospe in der #Mediane# ihres Deckblattes: nur selten ist

sie seitlich dagegen verschoben. Regel ist bei den Angiospermen, daß

#jedes# Laubblatt eine Achselknospe trägt und daß nur eine Achselknospe

in der Achsel ihres Deckblattes entsteht; bei manchen Gymnospermen

dagegen bilden nicht alle Blätter Achselknospen aus.

Doch gibt es auch Fälle, wo auf die erste Achselknospe die

Bildung anderer, der #Beiknospen#, folgt. Entweder stehen

diese übereinander (#seriale# Beiknospen), so z. B. bei

Lonicera, Robinia, Gleditschia, Gymnocladus, oder nebeneinander

(#kollaterale# Beiknospen), z. B. bei manchen Liliaceen, wie

Allium- und Muscari-Arten.

[Illustration: Fig. 148. _A_ Cuphea lanceolata (Lythracee). Der

(vegetative) Achselsproß in der Achsel des linken unteren Blattes nicht

verschoben; der des rechten unteren Blattes (eine Blüte bildend) dem

Sproß bis zu dem nächst oberen Blattpaar angewachsen. ½ nat. Größe.

_B_ Samolus Valerandi (Primulacee). Die Tragblätter _t_ an den

Achselsprossen _a_ emporgerückt. Fruktifizierende Pflanze. Jeder

Achselsproß schließt mit einer Frucht ab. Nat. Größe. Nach SCHENCK.

_C_ Blatt der ostasiatischen Cornacee Helwingia: Der kleine männliche

Blütenstand mit dem Laubblatt bis zur Mitte der Spreite verwachsen.

Nach SIEBOLD und ZUCCARINI.]

Interkalare Wachstumsvorgänge in dem Gewebe an der Basis der

Achselknospe können #Verschiebungen# bewirken, wodurch die

ursprünglichen Beziehungen zwischen Deckblatt und Achselknospe

geändert werden. So gibt es Fälle, wo die Knospen den Achseln

ihrer Deckblätter durch Streckung des Gewebes der #Mutter#achse

unterhalb der Achselknospen entrückt werden, die einzelne Knospe

also viel höher am Stengel als ihr Deckblatt befestigt ist (Fig.

148 _A_). Das Deckblatt kann auch durch #eigenes# basales Wachstum

unterhalb der auf ihm sitzenden Knospe diese mitnehmen, so daß der

Achselsproß auf ihm sitzt (Fig. 148 _C_); oder es wird selbst von

der sich streckenden Basis des #Achselsprosses#, wie in Fig. 148

_B_, mitgenommen und scheint ihm anzugehören.

Daß schon am Vegetationspunkte die Anlagen der Seitenzweige

sichtbar werden, ist bei den Phanerogamen Regel. Treten

Seitensproßanlagen erst in größerer Entfernung vom Scheitel auf,

so läßt sich meist nachweisen, daß embryonale Substanz für ihre

Bildung an den entsprechenden Orten aufgespart blieb.

Sproßanlagen, die in solcher Weise an #vorbestimmten# Stellen meist

noch jugendlicher Pflanzenteile entstehen, werden als #normale#

bezeichnet und solchen gegenübergestellt, die #beliebigen# anderen

Stellen jüngerer oder älterer Pflanzenteile, nämlich Stämmen, Wurzeln

und Blättern, entspringen und meist aus wieder teilungsfähig gewordenem

Dauergewebe hervorgehen. Solche Anlagen pflegt man als #adventive#

Bildungen zusammenzufassen. Adventivsprosse können auch inneren oder

#endogenen# Ursprung haben; sie müssen in solchem Falle die äußeren

Gewebe der Mutterpflanze durchbrechen, um nach außen zu gelangen. An

Stamm- und an Wurzelteilen auftretende Adventivsprosse sind vornehmlich

endogenen, die an Blättern erzeugten exogenen Ursprungs.

Adventivsprosse brechen oft als Wurzelbrut aus den Wurzeln von

Kräutern (z. B. bei Convolvulus arvensis, Rumex Acetosella) oder

von Sträuchern (Rubus, Rosa, Corylus) oder von Bäumen (Populus,

Ulmus, Robinia) hervor, werden selbst an den Blättern mancher

Gewächse, so des Schaumkrautes (Cardamine partensis), der

Brunnenkresse (Nasturtium officinale), verschiedener Farnkräuter

hervorgebracht. Bei anderen Pflanzen regt erst eine Verwundung

des Pflanzenkörpers ihre Bildung an. So treten sie häufig als

Stockausschlag an den Stümpfen gefällter Bäume auf. Gärtner

verwerten vielfach Adventivknospen, die an abgeschnittenen

Stammstücken, Wurzelstücken oder abgeschnittenen Blättern

(Stecklingen) entstehen, um Pflanzen zu vermehren[78]. Gehen

die Knospen nicht aus vorhandenen Vegetationspunkten, sondern

aus Dauergewebe durch Neubildung hervor, so spricht man von

#Restitution# (vgl. Physiologie).

[Illustration: Fig. 149. _A_ Grundriß (Diagramm) und _B_ Seitenriß

einer Seitenknospe von einer Monokotyle mit ⅓-Blattstellung. _M_

Mutter- (Abstammungs-) Achse, _db_ Deckblatt daran. _t_ Tochterachse,

_vb_ adossiertes Vorblatt daran. Verbindungslinie _db-t-m_ Richtung

der Mediane der Seitenknospe, punktierte Linie: Richtung der

Transversalebene. _h_: was an der Tochterachse als hinten, _v_: was

daran als vorn bezeichnet wird.]

+b) Blattstellungsanschluß der Seitenknospen.+ Will man die

Stellungsverhältnisse an einem Seitenzweige beliebiger Ordnung

untersuchen, so orientiert man ihn #stets# so, daß #sein# Deckblatt

nach #vorn# (Fig. 149 _db_), d. h. nach dem Beobachter hin gerichtet,

seine Mutterachse (_m_) aber nach #hinten#, d. h. von ihm weggewendet

ist, und zugleich in der Weise, daß die Mediane des Deckblattes mit

der Mediane des Beschauers zusammenfällt. Die Mediane des Deckblattes

ist alsdann zugleich die #Mediane des axillären Seitensprosses#

(vgl. Fig. 149 _t_). Die Ebene, die man durch die Längsachse des

Seitensprosses senkrecht zu seiner Mediane legen kann, heißt die

#Transversalebene# des #Seitensprosses# (vgl. Fig. 149 _A_). An

dem Seitenzweige nennt man alles #vorn# (_v_), was zwischen seiner

Transversalebene und seinem Deckblatt gelegen ist, #hinten# (_h_),

was zwischen seiner Transversalebene und #seinem# Muttersproß gelegen

ist, seitlich #rechts#, was sich an ihm rechts, #links#, was sich an

ihm links von seiner Mediane befindet. #Median# heißt ferner alles,

was am Seitenzweig in die Mediane, #transversal#, was in Richtung der

Transversalen fällt, #diagonal# endlich, was schräg nach vorn oder

hinten (also zwischen der Medianen und der Transversalen) an ihm liegt.

An den Seitenknospen pflegen die #untersten# Blätter, die direkt auf

das Deckblatt folgen, unabhängig von der Anordnung der höheren Blätter

eine ganz bestimmte Stellung zu dem Deckblatt und zu der Mutterachse

einzunehmen. Sie vermitteln den #Anschluß# der Blattstellung des

Seitenzweiges zu der am Muttersprosse. Bei den Monokotylen gibt es

#ein# solches Blatt (Fig. 149 _vb_), bei den Dikotylen meist deren

#zwei# von bezeichnender Stellung, die #Vorblätter#. Es sind häufig

Nieder- oder Hochblätter. Bei den Monokotylen steht das Vorblatt

median an der der Mutterachse zugekehrten oder hinteren Seite des

Zweiges. Man nennt es deshalb #adossiert#. Häufig kommen ihm zwei als

Kiele bezeichnete Seitennerven zu, dagegen fehlt der Mittelnerv (Fig.

149 _A_). Es dürfte durch Verwachsung zweier seitlicher Vorblätter

entstanden sein[79]. Bei den Dikotylen stehen die beiden Vorblätter (α

und β) an den Achselknospen gewöhnlich rechts und links transversal,

worauf die anderen Blätter oft in abweichenden Stellungen folgen.

Die Seitenknospen können im übrigen die gleiche oder eine andere

Blattstellung wie die Mutterachse zeigen.

Liegt schraubige Blattstellung vor, so ist die Grundspirale bei

manchen Gewächsen an den Seitenknospen gleichläufig (homodrom), bei

anderen gegenläufig (antidrom) zu der an den Muttersprossen.

+c) Ausbildung des Sproßverzweigungssystems.+ Jedes Sproßsystem erhält

sein Aussehen, seinen #Habitus#, abgesehen von der Wuchsrichtung

seiner Hauptachse, durch die Zahl der Ordnungen von Seitenachsen, die

zur Ausbildung gelangen, durch die Stellung der zu #Seitenzweigen

austreibenden# Knospen an ihren Mutterachsen sowie durch die

Wachstumsintensität und die Orientierung der Seitenzweige verschiedener

Ordnungen im Verhältnis einerseits zu ihresgleichen und andererseits

zu ihren Mutterachsen. Auch die Verschiedenheiten im Aussehen der

Sproßsysteme lassen oft deutliche Beziehungen zur Lebensweise der

Pflanzen erkennen.

1. #Wuchsrichtung der Hauptachse des Sproßsystems.# Das Sproßsystem

erhält sein Gepräge zunächst durch die Wuchsrichtung der Hauptachse.

Erhebt sich die Hauptachse senkrecht vom Boden, so nennt man

die Pflanze #aufrecht#, den Sproß #orthotrop#. In diesem Falle

pflegt die Hauptachse bei freiem Wuchse des Systems ihre mehr

oder weniger plagiotropen und dorsiventralen Seitenzweige in

#radiärer# Verteilung auszubilden. Wächst die Hauptachse schräg

oder horizontal, also #plagiotrop#, so sind die Seitenzweige daran

meist dorsiventralsymmetrisch angeordnet; bleibt die Hauptachse

samt den Seitenzweigen auf der Oberfläche des Bodens oder

horizontal unter dem Boden, ohne sich zu erheben, so entstehen

#kriechende# Pflanzen, deren Sprosse meist, und zwar auf ihren

Unterseiten, bewurzelt sind. Bei kriechenden Pflanzen pflegen die

Seitenzweige den Flanken der Sprosse zu entspringen; erheben sich

solche Seitenzweige senkrecht vom Boden, so verhalten sie sich

hinsichtlich ihrer Verzweigung oft wie aufrechte Pflanzen.

2. #Sproßfolge.# Ist schon der Vegetationspunkt der Hauptachse (d.

h. also der Keimlingsachse) nach entsprechender Erstarkung der

Pflanze zur Bildung der Fortpflanzungsorgane befähigt, so wird die

Pflanze #einachsig# (haplokaulisch) genannt. Einachsig ist der

Mohn, der schon seinen ersten, aus dem Keim hervorgegangenen Sproß

mit einer Blüte abschließt. Meist kommt aber erst Achsen zweiter,

dritter, vierter oder n-ter Ordnung die Fähigkeit zu, eine Blüte

auszubilden. Alsdann ist die Pflanze zweiachsig (diplokaulisch),

dreiachsig (triplokaulisch) oder n-achsig. Eine dreiachsige Pflanze

ist der große Wegerich, Plantago major, der an seiner ersten Achse

nach den Niederblättern nur Laubblätter, an den Achsen zweiter

Ordnung nur Hochblätter trägt und aus den Achseln der letzteren

die mit Blüten abschließenden Achsen dritter Ordnung erzeugt. An

unseren Bäumen sind erst Sprosse n-ter Ordnung befähigt, Blüten

zu bilden. In den meisten Verzweigungssystemen gibt es viele

Seitensprosse, die sich nicht bis zu den blütenbildenden Ordnungen

weiter verzweigen. Entweder treten sie als #Bereicherungssprosse#

auf, so bei vielen einjährigen Pflanzen, oder sie entfalten sich

als #Erneuerungs#- oder #Innovationssprosse# alljährlich am

Pflanzenstock, wie bei den mehrjährigen Gewächsen. So pflegt in

der Sproßordnung verzweigter Pflanzen eine Arbeitsteilung zwischen

den Seitensprossen vorzukommen, die sich oft auch in der Stellung

und in der Ausgestaltung der Seitensprosse zu erkennen gibt; die

Seitensprosse sehen verschieden aus, je nachdem sie vornehmlich

im Dienste der Ernährung, der Speicherung oder der Fortpflanzung

stehen.

3. #Stellungen der austreibenden Knospen.# Nur selten treiben sämtliche

Seitenknospen, die an einer Mutterachse entstanden sind, sofort aus

und werden zu Seitensprossen; das ist z. B. bei Kräutern der Fall.

Regel ist indes, daß viel mehr Seitenknospen angelegt werden, als zur

Entfaltung kommen, daß also nur ein ganz kleiner Teil zu Sprossen

auswächst. Die übrigen bleiben ruhende, #schlafende Augen# oder

verkümmern frühzeitig. Entfaltung aller Knospen wäre für die Pflanze

eine ganz unnötige, ja sogar schädliche Materialverschwendung. Die

Zweige würden sich gegenseitig so stark beschatten, daß ein Teil

absterben müßte.

Fast jeder Baum besitzt, namentlich im unteren Teile seiner

Jahrestriebe, solche „schlummernde Augen“, die kürzere oder längere

Zeit entwicklungsfähig bleiben und zur Entfaltung nur unter

besonderen Bedingungen gelangen. Bei der Eiche, Rotbuche u. a.

können schlummernde Knospen bis 100 Jahre alt werden. Vielfach sind

es daher Sprosse aus solchen Knospen und nicht Adventivsprosse, die

aus alten Stämmen hervorbrechen.

Das Austreiben der Seitenknospen kann regellos stattfinden oder

bestimmten Regeln unterworfen sein, akropetal oder basipetal erfolgen.

An reich verzweigten Sproßsystemen sind die peripheren bevorzugt; denn

hier besteht die größte Aussicht, die Blätter in günstiges Licht zu

bringen.

Fast alle einheimischen Bäume beschränken sich während #einer#

Vegetationsperiode darauf, die im Frühling aus den Winterknospen

hervorgegangenen Zweige an ihren Spitzen zu verlängern und ruhende

Knospen an diesen Ästen auszubilden. Meist erst bei Beginn einer

neuen Wuchsperiode lassen sie alsdann auf einmal Seitenzweige

aus den obersten Knospen, die im vergangenen Jahre an den Ästen

angelegt wurden, hervorgehen; etwa in einem echten oder Scheinquirl

(Araukarie, Tanne) oder meist so, daß die obersten Seitenknospen

zu Langtrieben, einige darunter befindliche zu Kurztrieben (Birne,

Apfel) werden. Bei anderen, namentlich aufrechten Sprossen treibt

von allen daran angelegten Knospen in streng gesetzmäßiger Weise

jede zweite oder dritte oder vierte usw. aus und zwar so, daß die

austreibenden Zweige seitlich oder longitudinal gleichen Abstand

voneinander erhalten.

Die Verteilung der austreibenden Knospen, ob wechselständig

oder quirlständig, bewirkt Unterschiede im Aussehen der

Verzweigungssysteme. Bei gegenständiger Stellung der Knospen kommt

eine Art unechte Gabelverzweigung zustande, wie bei der Roßkastanie

und dem Flieder.

4. #Richtung und Wachstumsintensität der Seitenzweige im Verhältnis zu

ihresgleichen.# Die seitlichen Winkel, die an orthotropen Ästen die

Längsachsen benachbarter Seitenzweige #gleicher# Ordnung miteinander

bilden, können bei einer Pflanzenart ziemlich beständig sein (z. B. bei

der Araukarie, Tanne).

Dagegen ist die Wachstumsintensität der Seitenachsen an einer

Mutterachse oft recht verschieden. Oft bildet sich nämlich nur ein Teil

der Zweige als #Langtriebe#, der Rest zu gestauchten #Kurztrieben# aus,

vielfach als Ausdruck einer Arbeitsteilung zwischen den Seitenzweigen.

Die Kurztriebe haben meist kürzere Lebensdauer, pflegen sich nicht zu

verzweigen und nehmen bei Bäumen am Aufbau des bleibenden Gerüstes

keinen Anteil: so bei der Lärche, die die Kurztriebe in Gestalt dichter

Nadelbüschel an ihren älteren Langtrieben trägt, und bei den Kiefern.

5. #Richtung und Wachstumsintensität der Seitenzweige im Verhältnis

zu ihren Mutterachsen. Verschiedene Arten seitlicher Verzweigung.#

Auch die Neigungswinkel der Seitenachsen zu ihrer Mutterachse pflegen

im allgemeinen bei einer Spezies ziemlich konstant, also für die Art

bezeichnend zu sein. Sie sind meist kleiner, selten größer als 90°.

Die Seitenachsen, die an einer Mutterachse entstanden sind, können

weniger intensiv als diese oder ebenso schnell, oft aber auch viel

schneller als die Mutterachse wachsen. Im letzten Fall sind sie also

gegenüber der Mutterachse #gefördert#. Die Mutterachse kann sogar

nach der Bildung von Seitenzweigen ihr Wachstum ganz einstellen und

einem oder mehreren Seitenzweigen die Ausbildung neuer Seitenzweige,

die Fortsetzung der Verzweigung überlassen. Es leuchtet ein, daß

die entstehenden Verzweigungssysteme durch solche Unterschiede im

Wachstum der Tochter- und Mutterachsen völlig verschiedenes Aussehen

erhalten müssen. Diese Differenzen haben Anlaß zur Unterscheidung

verschiedener Arten seitlicher Verzweigung gegeben, deren Kenntnis

für das Verständnis des morphologischen Aufbaues der höheren Pflanzen

unerläßlich ist. Besonders leicht kann man ihre Unterschiede an den

#Blütenständen# oder #Infloreszenzen# der Samenpflanzen beobachten

(vgl. speziellen Teil). Bezeichnend für viele Infloreszenzen ist

nämlich, daß die Achselknospen #aller# Hochblätter austreiben;

dadurch werden die Infloreszenzen im Gegensatze zu den vegetativen

Sproßsystemen zu außerordentlich dichten Zweigsystemen.

a) Wächst die Hauptachse stärker als die Seitenachsen I. Ordnung,

diese stärker als die an ihnen entstehenden Seitenzweige II. Ordnung

usw., oder wachsen die jeweiligen Mutterachsen ebenso stark wie ihre

Tochterachsen, so spricht man von +razemöser+ Verzweigung. Im ersteren

Falle geht eine #echte Hauptachse# (ein #Monopodium#) durch das ganze

Verzweigungssystem hindurch (vgl. das auch hierfür gültige Schema,

Fig. 82 _b_). Diese typisch #monopodiale# Verzweigung ist z. B. bei

der Tanne und anderen Koniferen mit pyramidenförmigen Gesamtumrissen

ausgebildet: der radiäre Hauptsproß wächst unter dem Einflusse der

Schwerkraft (vgl. S. 299) senkrecht nach oben, orthotrop; die meist

dorsiventralen Seitenzweige I. Ordnung strahlen in horizontaler oder

schräger Richtung vom Hauptsprosse allseitig aus. Wachsen auch die

Seitenzweige I. Ordnung steil aufrecht, wie z. B. bei der Zypresse und

bei vielen Sträuchern, so ist oft kein deutlicher Längenunterschied

zwischen der Hauptachse und den Seitenachsen I. Ordnung vorhanden. Das

Verzweigungssystem hat in diesem Falle ovalen oder runden Umriß.

b) Erlischt das Wachstum in den Mutterachsen rasch und geht es auf

die Tochtersprosse über, so liegen +zymöse+ Verzweigungen vor. Sie

sehen verschieden aus, je nachdem #mehrere# gleichmäßig wachsende

Seitenachsen gleicher Ordnung oder nur #eine# Seitenachse das

Verzweigungssystem fortsetzen. Im letzteren Falle ist eine #scheinbare#

Hauptachse, ein #Sympodium#, ausgebildet.

Bei vielen zymösen Verzweigungen wachsen die jeweiligen

Mutterachsen nicht nur langsamer als die Tochterachsen, sondern

ihre Spitzen sterben sogar ab oder werden abgeworfen, wie bei

vielen unserer Laubbäume, z. B. den Weiden, der Linde.

I. Setzen #mehr als zwei# Seitenzweige gleicher Ordnung die

Verzweigung fort, so spricht man von #Pleiochasium#. Diese

Seitenzweige pflegen dem oberen Ende ihres Muttersprosses genähert

zu sein und allseits, bei manchen Pflanzen quirlartig, schräg nach

außen in den Raum zu strahlen (z. B. Verzweigung von Euphorbia).

II. Setzen #zwei# Seitenzweige gleicher Ordnung, die in spitzen

oder rechten Winkeln einander gegenüber zu stehen pflegen, die

Verzweigung fort, so entsteht ein #Dichasium#. Schematisch zeigt

es Fig. 150 (vgl. dazu die dichasiale Infloreszenz Fig. 536).

Die Seitenzweige breiten sich aber nicht, wie in dem Schema, in

einer #Ebene# aus, sondern allseits im #Raume#. Dies wird dadurch

erreicht, daß die Verzweigungsebenen in den aufeinanderfolgenden

Seitenzweigordnungen nicht zusammenfallen, sondern rechte Winkel

miteinander bilden. So kann nur der Grundriß (Fig. 152 _E_)

Aufschluß über die wahre Anordnung der Zweige des Sproßsystems

geben. Ein solches Verzweigungssystem, das z. B. auch bei der auf

unseren Bäumen wachsenden Mistel vorkommt, kann den Anschein einer

Dichotomie erwecken.

III. Setzt immer bloß #ein# Seitenzweig die Verzweigung fort, so

liegt ein #Monochasium# vor. Oft stellt sich dieser Seitenzweig

in die Verlängerung seines Muttersprosses, indem er dessen Spitze

zur Seite drängt (Fig. 151). So entsteht ähnlich, wie es bei der

dichotomen Verzweigung des Sprosses der Fall sein kann (S. 104

ff.), ein Verzweigungssystem mit einer #Scheinachse# (Sympodium),

die sich aus Seitensprossen verschiedener Ordnungen zusammensetzt.

Ein solches Verzweigungssystem kann einem monopodialen sehr

ähnlich sehen, namentlich wenn die #Scheinachse#, wie so oft,

senkrecht emporwächst, die im Wachstume zurückbleibenden Enden der

Zweige, die die Scheinachse zusammensetzen, dagegen Seitenzweigen

ähnlich sich horizontal oder schräg stellen. Von Seitenzweigen

unterscheiden sich solche Zweige aber #stets dadurch, daß ein

Deckblatt an ihrer Basis fehlt, dafür aber ein Blatt ihnen

gegenüber am Sympodium befestigt ist#, nämlich #das Deckblatt des

geförderten Tochtersprosses# (vgl. dazu Fig. 151). Nicht selten ist

das Sympodium weiter sympodial verzweigt. Stämme und Äste vieler

unserer Laubhölzer sind solche Sympodien, so bei der Linde oder

der Rotbuche. An ihrem Stamme und an ihren Ästen ist aber von dem

sympodialen Aufbaue nichts mehr zu erkennen. Dauernd erkennbar

bleibt dagegen der sympodiale Aufbau vielfach an unterirdischen

Stengelteilen, so an denen von Polygonatum multiflorum (Fig.

143). Jedes Jahr erhebt sich die jeweilige Endknospe dieses

unterirdischen Stammes als Sproß über den Boden, während eine

Achselknospe das Rhizom im Boden fortsetzt.

[Illustration: Fig. 150. Schema des Dichasiums. _H_ Keimlingsachse,

_1_, _2_, _3_ Tochterachsen 1., 2., 3. Ordnung.]

[Illustration: Fig. 151. Schema des Monochasiums vgl. Fig. 152.]

Je nach der Stellung der Seitensprosse verschiedener Ordnung

zueinander entstehen monochasiale Verzweigungssysteme von sehr

verschiedenem und sehr bezeichnendem Aufbaue. Sehr oft setzt sich

die Verzweigung schon aus der Achsel eines #Vorblattes# fort.

A. Entweder fallen die Medianen #aller# Seitensprosse #in eine und

dieselbe Ebene#, nämlich in die Medianebene des Seitensprosses I.

Ordnung; sie stehen also #median#.

α) Alle aufeinanderfolgenden Seitenzweige fallen median nach #vorn

von ihren# Mutterachsen, d. h. zwischen die Mutterachse und das

Deckblatt der #Mutter#achse (vgl. S. 107 ff.), in der Seitenansicht

des Verzweigungssystems also auf ein und dieselbe Seite: #Sichel#

(Fig. 152 _C_, _D_).

β) Die aufeinanderfolgenden Seitenzweige fallen sämtlich median

nach #hinten# von #ihren# Mutterachsen (vgl. S. 107 ff.), in der

Seitenansicht also abwechselnd nach links und rechts: #Fächel#

(Fig. 152 _A_, _B_).

B. Die Mediane #jedes# Seitensprosses (I., II., III. usw. Ordnung)

steht immer #transversal#, d. h. seitlich rechts oder links

zur Mediane des Deckblattes für #seinen# Muttersproß. Solche

Verzweigungssysteme lassen sich natürlich nur in Grundrissen

veranschaulichen.

α) Die #aufeinanderfolgenden# Seitenachsen stehen stets

#nach der gleichen Seite# transversal zu den Medianen ihrer

Muttersproßdeckblätter, #entweder# nach rechts #oder# nach links:

#Schraubel# (Fig. 152 _F_).

β) Die #aufeinanderfolgenden# Seitenachsen stehen #abwechselnd#

nach rechts und links transversal zu den Medianen ihrer jeweiligen

Muttersproßdeckblätter: #Wickel# (Fig. 152 _G_).

Schraubel und Wickel lassen sich aus dem Grundriß des Dichasiums

leicht ableiten (Fig. 152 _E_) und dadurch in ihrer Eigenart

verstehen.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 15 / 90 段