Die Dicke der Palisadenschicht ist bei den Blättern mancher Bäume,

z. B. der Rotbuche, verschieden: in den „Schattenblättern“ viel

geringer als in den „Sonnenblättern“. Ein #direkter# Einfluß der

Belichtung liegt da aber nach den Untersuchungen NORDHAUSENs[73]

nicht vor. Es gibt auch Pflanzen (z. B. Lactuca scariola), die nur

in stark beleuchteten Laubblättern Palisaden ausbilden.

In manchen Blättern kommen an Stelle der Palisadenzellen Schichten

von Zellen vor, deren Elemente nicht senkrecht, sondern parallel

zur Oberfläche, längs oder quer gestreckt sind, so z. B. bei vielen

Monokotylen. In den Nadeln der Kiefer und bei anderen Pflanzen

findet man ferner an Stelle der Palisaden große plattenförmige

Zellen, deren innere Oberfläche durch Einfaltungen der Zellmembran

bedeutend vergrößert ist (Faltenparenchym, Fig. 133 _A_, _B fp_,

_C_).

An das Palisadenparenchym schließt ein viel chlorophyllärmeres

Parenchym aus vorwiegend unregelmäßig gestalteten Zellen mit weiten

Interzellularen an, das #Schwammparenchym# (Fig. 132 _sp_), das bis an

die Epidermis der Unterseite (_ep″_) reicht. Die weiten Interzellularen

stehen mit den Spaltöffnungen in der Epidermis der Blattunterseite

in unmittelbarer Verbindung und dienen dem Gastransport zu den

Palisadenzellen.

[Illustration: Fig. 133. Nadel von Pinus silvestris quer und längs.

_A_ Querschnitt, _B_ medianer Längsschnitt. Vergr. 160. _e_ Epidermis,

_st_ Spaltöffnung darunter, _fp_ Assimilationsfaltenparenchym,

_h_ Harzkanäle, das dünnwandige Drüsenepithel (_el_) von einer

Sklerenchymscheide umgeben. _C_ Stück der Zellmembranen aus dem

Faltenparenchym. Vergr. 380.]

HABERLANDT berechnet für einen Quadratmillimeter Blattfläche

bei Ricinus communis durchschnittlich im Palisadenparenchym

der Oberseite 403200, im Schwammparenchym der Unterseite

92000 Chlorophyllkörner. Somit würden in diesem Falle 82% der

Chlorophyllkörner der Blattoberseite, 18% der Blattunterseite

angehören.

Nicht selten liegt auch im Mesophyll farbloses #Wassergewebe# (Fig.

131 _W_).

#Epitheme und Wasserspalten#[74]. Bei gewissen Familien der

Mono- und Dikotylen bildet das Mesophyll der Blattlamina lokal

zwischen besonders angeschwollenen Leitbündelendigungen und

der Epidermis eigenartige Gewebepfropfen aus. Sie bestehen aus

kleinen lebenden Zellen mit farblosem Zellsaft, die mit Wasser

gefüllte Interzellularen zwischen sich lassen. Diese Gewebepfropfen

nennt man #Epitheme#. Sie vermitteln die Ausscheidung von

Wasser in tropfbar flüssiger Form. Dabei verhalten sie sich

der Hauptsache nach passiv; sie sind nur Stellen geringsten

Filtrationswiderstandes. Über solchen Epithemen, in die Tracheïden

münden, liegen in der Epidermis eigenartig ausgebildete

Spaltöffnungsapparate: die #Wasserspalten# (Fig. 134), die

größer als die Luftspalten sind. Ihre beiden Schließzellen sind

entweder lebend und können den Spalt, gleich den Luftspalten,

öffnen und schließen, oder sie verlieren (in anderen Fällen)

frühzeitig den lebenden Inhalt; der Spalt zwischen ihnen steht dann

unverändert weit offen. Die für die Schließzellen der Luftspalten

so bezeichnenden Verdickungsleisten werden bei den Wasserspalten

gewöhnlich nicht ausgebildet. Die ausgeschiedene Flüssigkeit

ist oft reich an kohlensaurem Kalke, der alsdann, wie an den

Blatträndern vieler Steinbrech- (Saxifraga-) Arten, in weißen

Schüppchen die Wasserspalten überdeckt.

Vielfach haben junge Blätter an ihren Spitzen und den Spitzen

ihrer Zähne über Epithemen Wasserspalten, die am fertigen Blatte

vertrocknet sind. Selbst bei submersen Pflanzen, bei denen keine

Luftspalten ausgebildet werden, kommen an den Blattspitzen nicht

selten Wasserspalten vor. Sie pflegen frühzeitig abzusterben,

werden auch wohl mit dem angrenzenden Gewebe zerstört, so daß

offene Grübchen, die Apikalöffnungen, entstehen, durch die Wasser

und darin gelöste Stoffe hervorgepreßt werden.

Auch in vielen Nektarien innerhalb und außerhalb der Blüten wird

die zuckerhaltige Flüssigkeit aus Wasserspalten („Nektarspalten“)

ausgeschieden.

+Funktionen der Blattspreiten.+ Die Blattspreiten sind, wie schon

gesagt, die wichtigsten Ernährungs-, d. h. Assimilations- und zugleich

die Transpirationsorgane der Kormophyten. Ihr äußerer und innerer Bau,

ihre Anordnung und ihre Richtung zum Lichteinfall entsprechen diesen

Funktionen. Die Zerlegung der Kohlensäure ist an das Licht, außerdem an

das grüne Chlorophyll gebunden. So versteht man die grüne Farbe, die in

der Regel sehr große Oberflächenentwicklung der Blattspreiten, ihre bei

geringer Dicke flächenförmige Ausbildung und ihren meist dorsiventralen

Bau. Je größer die Oberfläche ist, um so mehr chlorophyllhaltige

Zellen werden ohne gegenseitige Beschattung dem Lichte ausgesetzt,

um so leichter kann die Kohlensäure aus dem spärlichen Vorrate der

Luft aufgenommen werden, und um so lebhafter wird zugleich die

Verdunstung der Spreite, ihre Transpiration, sein müssen. Da schon

wenige chlorophyllreiche Zellschichten das von außen in das Blatt

einströmende Licht so verändern, daß es in tieferen Schichten der

Kohlensäurezerlegung nicht mehr ausreichend zu dienen vermag, so ist

das Assimilationsgewebe vorzugsweise oberseits gelegen. Die Kohlensäure

der Luft wird aber hauptsächlich von der #Unterseite# des Blattes

durch die Spaltöffnungen aufgenommen; infolgedessen kann sie um so

schneller durch die weiten Interzellularen des Schwammparenchyms, das

im wesentlichen ein Durchlüftungsgewebe ist, zu den assimilatorisch

besonders tätigen oberen Gewebeschichten vordringen, je dünner das

Blatt ist.

[Illustration: Fig. 134. Wasserspalte am Blattrande der Kapuzinerkresse

(Tropaeolum majus) nebst angrenzenden Epidermiszellen. Vergr. 240. Nach

STRASBURGER.]

Das reich verzweigte Leitbündelnetz ermöglicht es, die Assimilate

von allen Teilen des Blattes schnell nach den Stengeln abzuleiten,

nachdem sie aus den Mesophyllzellen zu den feineren Verästelungen

des Nervennetzes hingeschafft worden sind; zugleich versorgt es durch

seine feine Zerteilung, die im Gegensatze zu dem wasser#leitenden#

Stengel für die wasser#abgebende# Blattspreite bezeichnend ist, auf

kürzestem Wege alle Teile der transpirierenden Blattspreite mit Wasser.

Schließlich erhöht die Aderung auch noch die Festigkeit der Spreite.

Wie wir sahen, sind die Blätter am Stengel so angeordnet, daß die

Blattspreiten, die an aufrechten Sprossen nahezu horizontal stehen,

ohne allzu starke gegenseitige Beschattung dem Lichte möglichst

ausgesetzt werden. Viele Blätter besitzen außerdem Bewegungsvermögen

und können ihre Spreiten gegen das einfallende Licht einstellen.

Häufig, so namentlich an dorsiventralen plagiotropen Zweigen, fügen

sich die Blattspreiten, die sämtlich ihre Oberseiten gegen das Licht

wenden, bei Betrachtung von oben mehr oder weniger dicht zu einem

#Blattmosaïk# aneinander.

+b) Der Blattstiel+ ist meist stengelartig ausgebildet. Sein innerer

Bau gleicht alsdann dem der Hauptrippe der Spreite oder wohl auch der

Sproßachse. Die Leitbündel sind jedoch bei den Angiospermen oft in

einem nach oben offenen Bogen angeordnet; typisches Assimilationsgewebe

fehlt dem Stiele ganz. Der Blattstiel dient dazu, die Blattspreite von

der Stengelachse weg in den Raum hinaus, also dem Licht entgegen zu

strecken. Sind Blattstiele vorhanden, so führen Teile von ihnen auch

meist die Einstellung der Spreiten gegen das Licht aus.

[Illustration: Fig. 135. Unpaarig gefiedertes Blatt von Phaseolus

mit Blattstielgelenken (Polstern). _hg_ Polster des Blattstiels

(Hauptgelenk), _fg_ Gelenk eines der Fiederblätter. ¼ nat. Gr.]

Manchmal werden die Einstellungsbewegungen durch besondere örtliche

Anschwellungen an der Basis oder an der Spitze oder an beiden

Stellen des Blattstieles ausgeführt, die wie #Gelenke# arbeiten:

#Blattkissen# oder #Blattpolster#, so besonders bei vielen

Leguminosen (Fig. 135).

An den Jahrestrieben der Holzgewächse kommt das Blattmosaïk außer

durch die Blattbewegungen nicht selten auch durch die verschiedene

#Länge# der Blattstiele (und durch die verschiedene Größe der

Blattspreiten) zustande: die unteren Blätter haben viel längere

Stiele (und größere Spreiten) als die oberen; so sehr auffallend

z. B. beim Ahorn oder der Roßkastanie. Auch bei solchen Gewächsen,

bei denen die Laubblätter eine Rosette bilden, kann man dies

beobachten, so besonders schön an den schwimmenden Rosetten der

Wassernuß (Trapa natans).

Gestielte Blattspreiten, die bei den Dikotylen weit häufiger als

bei den Monokotylen sind, setzen sich von den Blattstielen entweder

scharf ab, oder sie laufen an ihnen herab, so daß die Stiele

geflügelt erscheinen.

+c) Der Blattgrund+[75]. Ist der Blattgrund des Laubblattes in

besonderer Weise ausgebildet, so trägt er meist zum Schutze der Knospe

und des nächst jüngeren Blattes dadurch bei, daß er auch dann noch die

Knospe umhüllt, wenn die Blattspreite sich von der Knospe losgelöst und

entfaltet hat.

Vielfach werden aus dem Blattgrunde #Nebenblätter# oder #Stipulae#

gebildet, in typischen Fällen in Zweizahl, also je eines zu beiden

Seiten des zugehörigen Blattes. Sie können ganz unscheinbar (Fig. 126

_nb_) oder ansehnlich (Fig. 136), gelblich oder grün gefärbt sein.

Haben sie nur die Knospen zu schützen, so sind sie meist gelblich oder

bräunlich gefärbt, im Innern viel einfacher als die Blattspreiten

gebaut und fallen frühzeitig ab.

Wenn sich aber die Nebenblätter an der Kohlensäureassimilation der

Pflanze beteiligen (Fig. 207), so sind sie grün gefärbt und wie die

Blattspreiten gebaut.

Die Nebenblätter sind sehr verschieden ausgebildet. Bei vielen

Gewächsen sind es zwei freie Blättchen (Fig. 126 _nb_). Bei

anderen sind sie je mit ihrem #einen# Rande dem Blattstiel

angewachsen (#Vaginalstipeln#, Fig. 136 _A_), bei wieder anderen

in verschiedener Weise #miteinander# verwachsen, nämlich

entweder zu einem zungenförmigen Gebilde in oder oberhalb der

Blattachsel (zu der #Axillarstipel#, Fig. 136 _B_) oder zu einem

dem Blatte opponierten Gebilde (zu der #opponierten Stipel#).

Bei gegenständiger Blattstellung können die Nebenblätter der

Blattpaare paarweise mit ihren einander zugekehrten Rändern zu

#Interpetiolarstipeln# (Fig. 137) verwachsen. Die Nebenblätter

können aber auch an ihren #beiden# Blatträndern miteinander

verwachsen und den Stengel als vollständig geschlossene Tüte

umfassen, die den Stengel und die nächst jüngere Blattanlage in der

Knospe umhüllt; die Tüte ist aus einer opponierten Stipel bei dem

in Zimmern oft kultivierten Ficus elastica hervorgegangen, wo sie

durch das neu sich entfaltende Blatt aufgeschlitzt und an ihrem

Grunde abgesprengt wird; bei den Polygonaceen ist sie dagegen eine

Axillarstipel, die, von den Blättern an ihrer Spitze durchbrochen,

als trockene Scheide (Ochrea, Fig. 676) am Stengel zurückbleibt.

[Illustration: Fig. 136. Nebenblätter an den Blattstielbasen von

Jugendblättern der Seerose (Nymphaea alba). _A_ Vaginalstipeln, _B_

Axillarstipel. Vergr. 12. Nach GLÜCK.]

[Illustration: Fig. 137. Stengelknoten von Paronychia argentea

(Caryophyllacee). Rechts und links: ein Blattpaar. Vorn und hinten: je

eine interpetiolare Stipel. Vergr. 5. Nach GLÜCK.]

Bei manchen Arten von Galium, wo die Nebenblätter vollständig dem

Oberblatt gleichen, glaubt man vier-, bei anderen sechs- oder

achtblättrige Blattquirle vor sich zu haben, während tatsächlich

nur zwei Blätter in dekussierter Stellung mit einer je nach der Art

verschiedenen Zahl von Nebenblättern den Wirtel bilden: nur zwei

dieser Blattgebilde nämlich tragen Achselknospen.

Sehr häufig bei Monokotylen, seltener bei den Dikotylen (z. B.

Umbelliferen) ist aus dem Blattgrund eine #Scheide# geworden. Bei den

Gräsern ist sie (Fig. 138 _v_) auf der einen Seite gespalten, bei den

Riedgräsern dagegen völlig geschlossen. Die Scheide der Gräser, die den

unteren Teil des noch wachsenden und weichen Internodiums schützt und

stützt, setzt sich am Grunde der ungestielten Blattspreite in einen

häutigen Auswuchs, die #Ligula# (_l_), fort; an ihrer Basis aber ist

sie unmittelbar oberhalb des Stengelknotens zu einem „Gelenk“ (dem

Gras„knoten“) angeschwollen (Fig. 138 _k_).

Die Ligula entspricht nach GLÜCK den miteinander verwachsenen

Spitzen der Vaginalstipeln, aus denen die Blattscheide

hervorgegangen ist.

+Heterophyllie und Anisophyllie.+ Manche Pflanzen bilden verschieden

gestaltete Laubblätter aus, entweder in verschiedenen Zonen des

Stengels (#Heterophyllie#, Fig. 139, 140) oder in einer und derselben

Zone auf den beiden Seiten des dorsiventralen Sprosses (#Anisophyllie#,

Fig. 141). Mit Anisophyllie ist oft Asymmetrie der Blattspreiten

verbunden. Heterophyllie zeigen viele Wasserpflanzen mit bandförmigen

oder zerteilten untergetauchten Wasserblättern, die an das Leben im

Wasser angepaßt sind, und mit viel weniger zerteilten, gestielten

Luftblättern (Fig. 139). Die Blätter, die der Efeu zur Zeit der

Blütenreife entwickelt, sind wesentlich anders gestaltet als die, die

er vorher ausgebildet hat. Noch auffälliger ist dieser Unterschied

bei Eucalyptus globulus, der zunächst ovale und sitzende, später

sichelförmige Blätter ausbildet. Häufig sind die untersten Blätter von

Keimpflanzen (#Jugend#- oder #Primärblätter#) einfacher geformt als die

übrigen (Folgeblätter).

[Illustration: Fig. 138. _A_ Stengel und Blattstück einer Graminee.

Nach SCHENCK.

_B_ Gras„knoten“ im Längsschnitt, etwas schematisiert. _h_ Halm, _v_

Blattscheide, _k_ Anschwellung der Blattscheide über dem Stengelknoten,

_s_ Stück der Blattspreite, _l_ Ligula. Nat. Gr.]

[Illustration: Fig. 139. Batrachium aquatile. Wasserhahnenfuß. _ub_

Untergetauchte Blätter, _sb_ schwimmende Blätter, _b_ Blüte, _f_

Fruchtanlage. Verkleinert. Nach SCHENCK.]

[Illustration: Fig. 140. Keimpflanze von Acacia pycnantha. Die

Keimblätter schon abgeworfen. _1-6_ Jugendblätter, _1-4_ einfach-,

die folgenden doppelt gefiedert. An den Blättern _5_ und _6_ sind die

Blattstiele bereits senkrecht abgeflacht. Bei den folgenden Blättern

(_7_, _8_, _9_) sind sie als Phyllodien ausgebildet. _n_ Nektarien an

den Phyllodien. Vergr. ca. ½. Nach SCHENCK.]

+B. Die Keimblätter.+ Die Keimblätter oder #Kotyledonen#, die gestielt

oder ungestielt sein können, sind fast immer viel einfacher gestaltet

als die Laubblätter, wenn sie auch oft im wesentlichen dieselbe

Gliederung wie diese erkennen lassen.

Sie können dauernd von der Samenschale umschlossen und unter der

Erde verborgen bleiben (#hypogäische#). In diesem Falle sind

sie gewöhnlich fleischige Reservestoffbehälter und bauen sich

hauptsächlich aus Speicherparenchym auf. Die #epigäischen#, die

die Samenschale sprengen und über der Erde erscheinen, pflegen zu

ergrünen und alsdann einige Zeit wie die Laubblätter Kohlensäure

zu assimilieren. Bei den Monokotylen, wo nur #ein# Keimblatt

ausgebildet wird, verläßt gewöhnlich nur der Scheidenteil des

Kotyledo den Samen; er kann unterirdisch und farblos bleiben oder

aus der Erde hervorwachsen und ergrünen.

+C. Die Nieder- und Hochblätter+ sind in ihren Anlagen von

Laubblattanlagen nicht zu unterscheiden, stehen aber fertig ausgebildet

in ihrer Gliederung den Laubblättern bedeutend nach, haben gewöhnlich

Schuppenform und keinen Stiel. Sie bilden sich durch Vergrößerung

von Primordialblättern, und zwar vornehmlich aus deren Blattgrund

aus, während die Spreite mehr oder weniger unentwickelt bleibt (Fig.

126, _1-6_, 142). Die Niederblätter, farblose oder grüne Schuppen,

gehen am Luftsprosse oft der Bildung der Laubblätter voraus (Fig.

125 _nd_). Sie sind ferner als farblose, größere oder kleinere, oft

kaum sichtbare und meist kurzlebige Schuppen vielfach die einzigen

Blattgebilde der Rhizome, denen, entsprechend ihrem Leben im Dunkeln,

die Laubblätter meist fehlen (Fig. 125 _ws_, 143). Die Hochblätter

dagegen, von gleichem Bau und gleicher Beschaffenheit wie die

Niederblätter des Luftsprosses, manchmal aber andersfarbig, pflegen

oben am Stengel auf die Laubblätter als Deckblätter oder #Brakteen#

für die Blüten und Blütensprosse zu folgen. Der innere Bau beider

Blattarten ist wesentlich einfacher als der der Laubblätter. Nieder-

und Hochblätter sind an der Ernährung der Pflanze nicht oder kaum

beteiligt, sondern meist Schutzorgane für die jungen Blattspreiten oder

die Stengelknospen. Sie sind aber meist durch Zwischenformen mit den

Laubblättern verbunden (Fig. 126, 142).

[Illustration: Fig. 141. Anisophyllie der dorsiventralen Sprosse von

Selaginella Martensii; auf der Oberseite des Stengels zwei Reihen sehr

kleiner asymmetrischer grüner Blätter, auf jeder Flanke eine Reihe viel

größerer asymmetrischer Laubblätter. Etwas vergr.]

[Illustration: Fig. 142. Helleborus foetidus. Laubblatt (_l_) und

Übergänge zum Hochblatt (_h_). Verkl. Nach SCHENCK.]

[Illustration: Fig. 143. Rhizom von Polygonatum multiflorum. _a_ Knospe

für den nächstjährigen oberirdischen Trieb, _b_ Narbe des diesjährigen

Triebes, _c_, _d_ und _e_ Narben der drei vorausgegangenen Jahre. _w_

Wurzeln. Auf ¾ verkleinert. Nach SCHENCK.]

Daß die Niederblätter und Hochblätter der Hauptsache nach als

Hemmungsbildungen von Laubblättern aufzufassen sind, lehrt nicht

nur ihre Entwicklungsgeschichte, sondern auch die Möglichkeit,

ihre Anlagen zu Laubblättern werden zu lassen. So gelang es

GOEBEL, Blattanlagen, welche Niederblätter erzeugt hätten, zur

Laubblattbildung dadurch zu bewegen, daß er die Sprosse entgipfelte

und entblätterte. Unterirdische Stengel, die man zwingt, sich

im Tageslichte zu entwickeln, bilden Laubblätter aus denselben

Anlagen, die unter der Erde zu Niederblättern geworden wären. Im

inneren Bau sind Nieder- und Hochblätter aber nicht ausschließlich

Hemmungsbildungen von Laubblättern, sondern zeigen oft diesen

gegenüber besondere Differenzierungen, die mit ihren Aufgaben

zusammenhängen können[76].

+3. Lebensdauer der Blätter.+ Die Blätter haben bei vielen Gewächsen

eine kürzere Lebensdauer als die Sproßachsen, an denen sie entstanden

sind. In diesem Falle werden sie bei den meisten Bäumen und Sträuchern

von den Sproßachsen abgestoßen (#Blattfall#) oder verfaulen am Stengel

(bei Erdsprossen); an den Luftsprossen der Kräuter sterben sie meist

mit den Stengeln ab. #Blattnarben# am Stengel geben die Stellen an,

wo früher Blätter gesessen haben. Pflanzen, deren Laubblätter mehrere

Vegetationsperioden tätig bleiben, nennt man #immergrün# im Gegensatze

zu den #sommergrünen#, bei denen sie nur #eine# Vegetationsperiode

dauern.

Der Blattfall der phanerogamen Holzgewächse wird durch eine

parenchymatische #Trennungsschicht# vermittelt, die am Grunde

des Blattstiels meist erst kurz vor dem Blattfall, mit oder ohne

vorausgehende Zellteilungen, ausgebildet wird. Alle mechanischen

Gewebe des Blattstiels sind an dieser Stelle sehr reduziert;

verholzt sind dort nur die Gefäße. Die Blattablösung erfolgt in der

Trennungsschicht meist durch Abrundung der Zellen gegeneinander

und durch Verschleimung ihrer Mittellamellen, während die Gefäße

und die Siebröhren zerrissen werden. Die Blattnarbe wird dadurch

abgeschlossen, daß die äußersten Zellschichten der Wundfläche sich

in (verholzendes) Kutisgewebe umwandeln, worunter meist noch durch

ein Korkkambium eine Korkschicht gebildet wird, die sich an die

Korkschicht des Stengels anschließt.

δ) +Die Verzweigung der Sprosse+[65] u. [77]. Je mehr Laubblätter

der Sproß im Sonnenlichte ausbreiten kann, um so mehr organische

Substanz vermag er im Assimilationsvorgange zu bilden. In dieser

Hinsicht ist, wie leicht ersichtlich, ein verzweigtes Sproßsystem einem

aufrechten Einzelsprosse weit überlegen. Jenes kann Blattflächen dem

ungeschwächten Lichte allseits über einen größeren Raum darbieten.

Wie bei den thallösen Pflanzen kommen die Verzweigungen der Sprosse

in #zweierlei# Weise zustande: entweder, doch nur selten, durch

Gabelung, #Dichotomie#, einer Mutterachse in #zwei# Tochterachsen, oder

meist durch seitliche Neubildungen von Tochterachsen an einer weiter

wachsenden Mutterachse, also durch #seitliche Verzweigung#.

+A. Die dichotome Verzweigung.+ Sie ist auf die Sprosse einiger

Lycopodiaceen beschränkt.

Bei solchen Bärlappgewächsen gabelt sich ein Sproß folgendermaßen

in zwei gleichwertige Teile: Der kreisförmige Querschnitt des

Vegetationspunktes, der gewöhnlich keine Scheitelzelle mehr

erkennen läßt, wird elliptisch. Den beiden Brennpunkten der Ellipse

entsprechend wölben sich die zwei neuen Vegetationskegel vor (Fig.

144). Die aufeinanderfolgenden Gabelungen können in rechtwinkligen

Ebenen zueinander stattfinden; in diesem Falle breitet sich das

Verzweigungssystem nicht in einer Ebene, wie in dem Schema (Fig. 82

_a_), sondern allseits im #Raume# aus.

Nicht selten weicht bei diesen Gewächsen, z. B. bei Selaginella,

das Verzweigungssystem in seinem Aussehen stark von dem Typus

dadurch ab, daß immer nur der #eine# Gabelast jedes Zweigpaares

#einer# Ordnung weiter wächst und sich wieder gabelt oder, wie

man auch sagt, die #Verzweigung fortsetzt# (Fig. 145). Stellen

sich alsdann alle die Zweigstücke, die jedesmal die Verzweigung

fortsetzen, annähernd in #eine# Richtung ein, die anderen aber

schräg dazu, so entsteht ein Verzweigungssystem, das einem

razemösen (Fig. 82 _b_) zum Verwechseln ähnlich werden kann. Doch

wird es nicht von einer einheitlichen Hauptachse, sondern von

einer #nur scheinbaren# Hauptachse durchzogen, an der jedes Stück

eine Tochterachse des vorausgehenden ist. Eine solche Scheinachse

bezeichnet man zum Unterschied von der echten Hauptachse

(Monopodium) als #Sympodium#, die Verzweigung als sympodiale

Verzweigung auf dichotomer Grundlage.

Übrigens kann man bei den Bärlappgewächsen alle Übergänge von

dichotomer zu seitlicher Verzweigung beobachten. Viele Arten

bilden bei der Gabelung eines Vegetationspunktes sofort zwei

Vegetationspunkte von verschiedener Größe aus, von denen der

kleinere sehr schnell gegen den größeren seitlich verschoben wird

(Fig. 146).

[Illustration: Fig. 144. Ein in zwei gleichstarke Gabeläste (_p′_

und _p″_) sich fortsetzender Sproß (_p_) von Lycopodium alpinum, im

Längsschnitt. _b_ Blattanlage, _c_ Rinde, _f_ Leitbündel. Vergr. 60.

Nach HEGELMAIER.]

[Illustration: Fig. 145. Sympodium auf dichotomer Grundlage.]

[Illustration: Fig. 146. Ein in zwei ungleiche Gabeläste (_p′_ und

_p″_) sich teilender Sproß von Lycopodium inundatum. _b_ Blattanlagen.

Vergr. 40. Nach HEGELMAIER.]

+B. Die seitliche Verzweigung.+ +a) Ort der Entstehung der

Seitenknospen.+ An dem aus Sproßachse und Blättern bestehenden

Sprosse bilden sich Seitenzweige auch bei seitlicher Verzweigung

in der Regel #nur# an der Sproßachse oder an der untersten Basis

der Blattanlagen aus, und zwar meist schon am Vegetationspunkte des

Muttersprosses in akropetaler Reihenfolge als Auswüchse an seiner

Peripherie, also #exogen# wie die Blattanlagen (Fig. 98 _g_). Die

Orte der Seitensproßentstehung sind in der Regel #fest bestimmt#. Bei

Pteridophyten entspringen sie oft neben den Blatthöckern, bei den

Samenpflanzen aber in der Regel da, wo die Oberseite der höckerförmigen

Blattanlage in das Gewebe des Vegetationspunktes übergeht, mit anderen

Worten in der #Blattachsel#, bald mehr auf der Basis der Blattanlage,

bald mehr am Stengel.

[Illustration: Fig. 147. Schema für die entwicklungsgeschichtlichen

Beziehungen zwischen Achselsproß und Blattanlage; im Längsschnitt. Nach

GOEBEL.]

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 14 / 90 段