#Knospenlage und Knospendeckung.# Wie Querschnitte durch Knospen

lehren, fügen sich die Laubblattanlagen in verschiedener Weise

den engen Raumverhältnissen in der Knospe: #Knospenlage#

(Vernation). Sie können flach ausgebreitet oder auch der Länge nach

zusammengelegt, gefaltet, gerollt (Fig. 103 _l_) oder zerknittert

sein. Andererseits sieht man die aufeinanderfolgenden Blattanlagen

entweder mit ihren Rändern sich nicht erreichen oder nur berühren

oder, was gewöhnlicher ist, mit ihnen übereinander greifen (Fig.

103 _k_): #Knospendeckung# (Ästivation). Sie heißt im ersten Falle

#offen# (aperte Ä.), im zweiten #klappig# (valvate Ä.), im dritten

deckend oder dachziegelig (imbrikate Ä) (Fig. 103 _k_). Wenn alle

Blätter einer Knospe mit dem einen Rande das nächste Blatt decken,

an dem anderen Rande vom vorhergehenden Blatte gedeckt werden oder

umgekehrt, so heißt die Knospendeckung #gedreht# (kontorte Ä.).

[Illustration: Fig. 103. Querschnitt durch eine Laubknospe von Populus

nigra. Die Knospenschuppen _k_ zeigen dachziegelige Deckung, die

Laubblätter _l_ haben eingerollte Knospenlage; zu jedem Laubblatt

gehören zwei Nebenblätter _ss_. Vergr. 15. Nach STRASBURGER.]

β) +Die Sproßachse. A. Äußerer Bau.+ Der Stengel wächst erst in

einiger Entfernung vom Vegetationspunkte durch Streckung ausgiebig

in die Länge. Zugleich lösen sich hier die jugendlichen Blätter von

der Knospe. Bezeichnend für den Stengel, namentlich der Luftsprosse,

ist, daß dieses Streckungswachstum nicht auf ein kurzes Stengelstück

dicht hinter der Knospe beschränkt bleibt, sondern auch noch in

Stengelstücken stattfindet, die viele Zentimeter (bis über 50 cm) von

der Knospe entfernt sind. Freilich ist es in den aufeinanderfolgenden

Stengelzonen nicht gleich stark. Es kann überhaupt so gering sein, daß

die Blätter des Sprosses auch im fertigen Zustande aneinanderstoßen,

ohne freie Stammteile zwischen sich zu lassen. Meist aber ist es so

stark und zugleich so verschieden verteilt, daß die Ansatzstellen der

Blätter von nackten Stengelstücken getrennt werden (Fig. 115). Die

zwischen den Befestigungsstellen der Blätter dabei sich ausbildenden,

zylindrischen Stengelstücke nennt man #Stammglieder#, #Stengelglieder#

oder #Internodien#, die Stengelzonen dagegen, an denen die Blätter

befestigt sind, #Knoten#, #Nodi#. Das Streckungswachstum des Stengels

ist in den Knoten viel geringer als in den Internodien und in diesen

oft auf schmale Zonen, z. B. auf die Basis der Internodien, beschränkt,

so bei den Gräsern (interkalares Wachstum); infolgedessen gibt es

alsdann nicht mehr eine einheitliche Streckungszone im Stengel, sondern

deren mehrere, die von ausgewachsenen Stengelstücken getrennt werden.

Die Knoten können angeschwollen sein (siehe Labiaten).

Bei den Luftsprossen sind die Internodien meist dünn, bei den

Erdsprossen dagegen oft sehr dick.

Die Länge der aufeinanderfolgenden Internodien an einer Achse (z.

B. einem Jahrestrieb) zeigt oft eine bestimmte Gesetzmäßigkeit. Am

häufigsten nehmen an der Hauptachse die Längen der Internodien in

aufsteigender Richtung zunächst zu und dann wieder ab.

+Blattstellung+[65]. Besonders bezeichnend für die Sprosse ist die

#Blattstellung#, d. h. die Verteilung ihrer Blätter. Sie kann recht

verschieden sein. An einem Knoten können ein bis mehrere Blätter

entspringen. Sind mehrere an einem Knoten vorhanden, so bilden sie

einen #Wirtel# oder #Quirl#; sie sind die #Glieder# des Wirtels.

In diesem Falle spricht man von #wirteliger# oder #quirlständiger#

Blattstellung. Ist an jedem Knoten bloß ein Blatt ausgebildet, so liegt

eine #wechselständige# Blattstellung vor.

[Illustration: Fig. 104. Querschnitt durch eine Laubknospe der Konifere

Tsuga canadensis, dicht über dem Sproßscheitel geführt, 5/13 Divergenz.

Vergr. etwa 20. Nach HOFMEISTER.]

[Illustration: Fig. 105. Schema der ⅖-Stellung. Die Blätter ihrer

genetischen Aufeinanderfolge nach mit Zahlen versehen. Nach

STRASBURGER.]

Untersucht man an aufrechten Sprossen mit allseitig ausgebreiteten

Blättern die Verteilung der Blätter, so findet man auffällige,

sehr beachtenswerte und eigenartige Gesetzmäßigkeiten. Unmittelbar

fällt die Regelmäßigkeit der Blattstellungen an Scheitelansichten

von Vegetationspunkten auf (Fig. 99, 104). Man sieht daran, daß

die jüngsten Anlagen in gesetzmäßiger Weise unter Ausnutzung des

vorhandenen Raumes sich den älteren anschließen. Am deutlichsten aber

treten die Stellungsverhältnisse der Blätter hervor, wenn man einen

schematischen #Grundriß# davon entwirft. Zu dem Zwecke zeichnet man,

wie bei einem Gebäudegrundriß die Teile des Gebäudes, so die Lage der

Blätter am Stengel auf eine zur Stengelachse rechtwinklige Ebene ein,

indem man die Blätter durch die schematisierten Querschnittsfiguren

ihrer #Spreiten# andeutet. Die Stengelachse denkt man sich kegelförmig;

so wird es möglich, Organe, die senkrecht über tieferen stehen,

#innerhalb# der unteren aufzuzeichnen. Solche Grundrisse von

Blattstellungen nennt man #Diagramme# (Fig. 105). In ihnen ist das

Zentrum der Stengelvegetationspunkt; die dem Zentrum nächsten Blätter

sind die jüngsten und zugleich obersten Blattanlagen, die nach außen

folgenden die jeweils im Alter nach unten folgenden Blätter. Zweckmäßig

deutet man jeden Knoten durch einen Kreis an; auf die größeren dieser

konzentrischen Kreise trägt man die älteren, auf die kleineren die

jüngeren Blätter ein, mehrere Blätter an jedem Knoten natürlich auf

die Peripherie #eines# Kreises. Übrigens bilden solche Diagramme oft

ähnliche Figuren wie Querschnitte durch die Stengelknospe in der Nähe

des Vegetationspunktes, die man bei Vergrößerung betrachtet (Fig. 99,

104).

#An radiären aufrechten Sprossen werden die Blätter möglichst

gleichmäßig rings um den Stengel verteilt. Durch diese Gesetzmäßigkeit

wird erreicht, daß die ausgewachsenen Blätter sich nur wenig

beschatten, also das Licht möglichst ausnutzen können.# Diese

Verteilung ist so gleichmäßig, daß der Winkel, den die Medianen am

Stengel #aufeinanderfolgender# und in diesem Sinne benachbarter Blätter

miteinander einschließen (z. B. in Fig. 105, Blatt 1 und 2, 2 und 3

usw.), überall oben und unten am Stengel in der Regel der gleiche ist.

Man nennt ihn #Divergenzwinkel# oder, wenn man ihn in Bruchteilen des

Stengelumfanges ausdrückt, #Divergenz#. Er ist bei verschiedenen Arten

verschieden.

[Illustration: Fig. 106. Diagramm der dekussierten Blattstellung. Die

punkt. Linien sind die Orthostichen. Nach STRASBURGER verändert.]

[Illustration: Fig. 107. Diagramm der zweizeiligen Blattstellung. Die

punkt. Linien sind die Orthostichen. Nach STRASBURGER verändert.]

Bei #wirteliger# Blattstellung entspricht der Divergenzwinkel der

Blätter #eines# Wirtels (Fig. 106), dem Kreisumfange dividiert

durch die Anzahl der Wirtelblätter, die in der Regel bei allen

Wirteln konstant ist. Die Blätter der aufeinanderfolgenden

Wirtel stehen nicht übereinander, wechseln vielmehr von Wirtel

zu Wirtel miteinander so ab, daß die Glieder des nächst höheren

Wirtels in die Mitten der Lücken zwischen den Gliedern des nächst

tieferen Wirtels fallen (Fig. 99, 106); man sagt, die Blätter

aufeinanderfolgender Wirtel #wechseln ab#, #alternieren#. Folge

dieses regelmäßigen Wechsels und der Gleichheit der Divergenzwinkel

in allen Wirteln ist, daß #sämtliche# Blätter an einem Stengel

mit Quirlstellung in #Längsreihen# angeordnet sind, deren Zahl

doppelt so groß ist wie die Zahl der Blätter #eines# Wirtels (Fig.

106). Diese Längs- oder #Geradzeilen# heißen #Orthostichen#.

Verhältnismäßig häufig ist bei Wirtelstellungen die Ausbildung

zweigliedriger Quirle (Fig. 99, 106). Bei dieser Blattstellung, die

man #dekussiert# nennt, ist der Divergenzwinkel 180° (die Divergenz

also ½), und gibt es vier Orthostichen. Bei dreigliedrigen Wirteln

ist der Divergenzwinkel 120° (die Divergenz ⅓), bestehen sechs

Orthostichen usw.

[Illustration: Fig. 108. Halbschematische Ansicht des Fichtenzapfens

von unten. Schuppen in 8/21-Stellung. _I-VIII_ System gleichartig im

Sinne des Uhrzeigers den Zapfen umlaufender Parastichen, _1-5_ System

entgegengerichtet den Zapfen umlaufender Parastichen. Im übrigen vgl.

den Text.]

Bei #wechselständigen# Blattstellungen kann die Divergenz, auf

dem kürzesten Wege gemessen, ½, ⅓, aber auch z. B. ⅖, ⅜, 5/13

sein. Das Diagramm Fig. 107 führt uns die ½-Stellung, Fig. 148

die ⅓-, Fig. 105 die ⅖-, Fig. 104 die 5/13-Stellung vor. Auch bei

wechselständigen Blattstellungen müssen die Blätter infolge der

Gleichheit der Divergenzwinkel in Längszeilen, Orthostichen, am

Stengel angeordnet sein: bei ⅓-Stellung fällt augenscheinlich

Blatt 4 senkrecht über Blatt 1 (Blatt 5 über 2, 6 über 3, 7 über

1 usw.); bei ⅖-Stellung (Fig. 105) fällt Blatt 6 über Blatt 1,

7 über 2, 8 über 3 usw. Denkt man sich die Ansatzstellen der am

Stengel aufeinanderfolgenden Blätter auf dem #kürzesten# Wege des

Stengelumfanges durch eine Linie verbunden (also in Fig. 105 von

Blatt 1 über 2, 3, 4, 5 usw.), so erhält man eine den Stengel

umlaufende Schraubenlinie, die als #Grundspirale# bezeichnet

wird. Deshalb nennt man die wechselständigen Blattstellungen wohl

auch #Schrauben#- oder #Spiral#stellungen. Jeder Abschnitt der

Grundspirale, den man von Blatt zu Blatt fortschreitend durchlaufen

muß, um von einem Blatte zu dem ersten senkrecht darüberstehenden

zu gelangen (in Fig. 105 z. B. von 1 bis 6, oder 3 bis 8), heißt

#Zyklus# der Grundspirale. Bei ⅓-Stellung besteht der Zyklus aus

drei Blättern; man muß einmal den Stengelumfang durchlaufen, um den

Zyklus zurückzulegen. Bei ⅖-Stellung (wie in Fig. 105) besteht der

Zyklus immer aus fünf Blättern; man muß zweimal den Stengelumfang

umkreisen. Der Zähler des Bruches einer Divergenz gibt also stets

an, wie oft #ein# Zyklus die Sproßachse umkreist; der Nenner

dagegen, wie viele Blätter der Zyklus enthält, infolgedessen auch,

wie viele Orthostichen es gibt und welches Blatt als nächst höheres

in der Orthostiche über einem irgendwie bezeichneten steht. Bei

5/13-Stellung z. B. muß man fünfmal die Sproßachse umkreisen, um

das nächst höhere Blatt zu erreichen, gibt es 13 Orthostichen,

steht über Blatt 3 Blatt 16 (3 + 13), über Blatt 8 Blatt 21 (8 +

13). Da der Nenner des Bruches stets die Anzahl der Orthostichen

angibt, so nennt man die ½-Stellung auch die #zweizeilige#, die

⅓-Stellung die #dreizeilige# usw. Stehen die Blätter am Stengel so

gedrängt, daß sie sich berühren, so fallen nicht die Orthostichen,

sondern mehr oder weniger steil aufsteigende Schraubenlinien auf,

die als #Schrägzeilen# oder #Parastichen# bezeichnet werden. Sie

entstehen durch die Berührung derjenigen Blätter, deren seitlicher

Abstand voneinander an der Sproßachse am kleinsten ist. Sehr

deutlich sieht man die Schrägzeilen z. B. am Fichtenzapfen, wovon

in Fig. 108 eine etwas schematisierte Ansicht von #unten# gegeben

ist. Die Parastichen sind in dieser Grundansicht Schraubenlinien.

Mehrere Systeme untereinander gleichsinnig verlaufender Parastichen

treten deutlich hervor: eines (mit ungebrochenen Linien I-VIII

bezeichnet) umläuft den Zapfen im Sinne des Uhrzeigers; zwei

entgegengerichtete kreuzen dieses; davon ist das eine (mit

gestrichelten Linien 1-5 bezeichnete) flach, das andere (mit fein

punktierten Linien bezeichnete) steil gewunden. Man kann zwei

beliebige sich kreuzende Systeme gleichartiger Parastichen dazu

benutzen, die Divergenzen solcher Blattstellungen zu bestimmen.

Bezeichnet man irgendein Blatt mit 1 (vgl. dazu die Fig. 108),

so erhält man die Nummer des in der Parastiche nächst folgenden

Blattes dadurch, daß man zu 1 die Gesamtzahl der gleichartigen

Schrägzeilen des Systems addiert, die es rings um den ganzen

Stengel gibt. Parastichen mit ungebrochenen Linien gibt es, wie

man ohne weiteres abzählen kann, 8; also ist das nächste Blatt

in dieser Parastiche 1 + 8 = 9, das nächste 9 + 8 = 17 usw.

Gleichartig verlaufende Schrägzeilen von entgegengesetzter Neigung

gibt es z. B. gebrochen gestrichelte 5 (fein punktierte aber 13);

also sind die auf 1 in der gestrichelten Parastiche folgenden

Blätter 1 + 5 = 6, 6 + 5 = 11 usw. (in der punktierten Parastiche

dagegen 1 + 13 = 14, 14 + 13 = 27 usw.). Diese Gesetzmäßigkeit

rührt daher, daß in jedem System gleichartig verlaufender

Parastichen zwischen den benachbarten Blättern #einer# Parastiche

noch so viele Blätter am Stengel befestigt sein müssen, als es

#außer# dieser Parastiche noch weitere Schrägzeilen in dem System

gibt (z. B. in dem System mit ungebrochenen Linien 7; 7 Blätter

liegen also zwischen 1 und dem nächsten Blatt der Parastiche,

demnach muß dieses auf 1 + 7 folgen, also das 9. sein); das gleiche

gilt natürlich auch für die Orthostichen. Nummeriert man in dieser

Weise alle Blätter, so ergeben die aufeinanderfolgenden Zahlen 1,

2, 3, 4 usw. die Grundspirale und die Divergenz. Der Fichtenzapfen

in Fig. 108 hat die Blattstellung 8/21: dementsprechend liegen

die Blätter 1, 22, 43 usw. in einer Orthostiche übereinander.

-- Bestimmt man nun bei den verschiedensten Pflanzen mit

wechselständigen Blattstellungen die Divergenzen, so fällt auf,

daß gewisse Divergenzen ganz besonders häufig sind; sie bilden

die Reihe ½, ⅓, ⅖, ⅜, 5/13, 8/21, 13/34 usw. Diese Brüche haben

merkwürdige Beziehungen zueinander: Zähler und Nenner eines jeden

sind die Summen der Zähler und Nenner der beiden vorausgehenden

Brüche. Die Divergenzen dieser Reihe bewegen sich sämtlich zwischen

½ und ⅓ des Stengelumfanges. Sie weichen um so weniger voneinander

ab, je mehr sie sich vom Anfang der Reihe entfernen, und nähern

sich immer mehr einem Winkel von 137° 30′ 28″. Man hat diese Reihe

als die #Hauptreihe# der Blattstellungen bezeichnet. Daneben gibt

es auch noch andere Reihen ähnlicher Art. Die Hauptreihe ist

aber vielleicht allen anderen Reihen dadurch überlegen, daß bei

ihren Brüchen mit der kleinsten Zahl von Blättern die möglichst

gleichmäßige Verteilung aller an der Sproßachse erreicht wird. Die

Entdecker der Reihen waren CARL SCHIMPER und ALEXANDER BRAUN.

Aufrechte radiäre Stengel mit langen Internodien oder mit breiten

Blättern haben oft wenige Orthostichen, solche mit kurzen

Internodien oder mit schmalen Blättern meist viele. Man findet also

in diesem Falle bei Schraubenstellung stets Divergenzen, die den

höheren Gliedern der Reihen entsprechen.

An geneigten dorsiventralen Stengeln sind die Stellungsverhältnisse

der Blätter relativ einfach. Am häufigsten ist hier ½-Stellung

oder eine ähnliche Anordnung, wobei sich die Blattflächen

parallel zum Horizont stellen; dadurch werden die günstigsten

Verhältnisse für die Beleuchtung geschaffen. Die ½-Stellung wird

überaus häufig durch Drehung der Internodien erreicht, so bei der

verbreiteten dekussierten Blattstellung, die bei geneigten Achsen

durch solche Drehung zu einer zweireihigen Anordnung mit einer

Blattreihe rechts, der anderen links von der Achse wird. Auch bei

wechselständigen Stellungen kommt ähnliches vor und ermöglicht es

den Blattspreiten, das volle Oberlicht auszunutzen. So ist die

Stellung der Laubblätter eine Anpassung an die Lichtbedürfnisse

der Pflanzen. Bei manchen horizontal wachsenden Erdsprossen (z. B.

von Farnen) stehen die Blätter in einer oder zwei Reihen auf der

Oberseite.

Über die Ursachen der Blattstellungsgesetzmäßigkeiten wissen

wir noch gar nichts. SCHWENDENERs Annahme, daß rein mechanische

Ursachen die Anordnung der Blätter bestimmen, hat sich als

unbegründet erwiesen[66]. Jedenfalls brauchen die Blätter durchaus

nicht etwa in der Reihenfolge ihrer Grundspirale oder als Glieder

eines Wirtels gleichzeitig am Scheitel zu entstehen; manchmal

kann sogar eine Seite des Vegetationspunktes in der Erzeugung von

Blattanlagen wesentlich gefördert sein. Ebensowenig nehmen sie

bei Spiralstellungen als Anlagen am Scheitel stets die gleichen

Stellungen ein wie am ausgewachsenen Stengel; ihre Divergenzen an

letzterem werden vielmehr oft erst durch sekundäre Verschiebungen

hergestellt.

+B. Primärer innerer Bau des Stengels+[67]. Der Stengel zeigt eine viel

weitergehende Gewebedifferenzierung als die Langtriebe selbst der am

reichsten gegliederten Thalli. Zu äußerst finden wir als Abschluß eine

typische #Oberhaut# oder Epidermis. Darunter liegt in den Internodien

(die verwickelter gebauten Knoten lassen wir außeracht) meist ein

mehrschichtiger leitbündelfreier Gewebemantel, die #Rinde#, die das

übrige leitbündelhaltige Gewebe des Stengels, den #Zentralzylinder#

(Fig. 109), umschließt.

Wenn sich auch bei manchen Monokotylen eine Rinde von einem

Zentralzylinder nicht unterscheiden läßt, weil die Leitbündel bis

dicht unter die Epidermis gerückt sind, und auch sonst oft eine

scharfe Grenze zwischen beiden fehlt, so scheint es doch praktisch,

an dem viel gebrauchten Begriff Zentralzylinder festzuhalten.

+Die Rinde+ besteht hauptsächlich aus Parenchym, und zwar

bei den grünen Luftsprossen an der Peripherie vorwiegend aus

chlorophyllhaltigem Parenchym, das in dicken Rinden weiter innen in

farbloses (Speicher-)Parenchym übergehen kann; bei den farblosen

Erdsprossen, die oft viel dicker als jene sind, besteht es nur

aus farblosem Parenchym, das, ebenso wie das übrige Parenchym der

Rhizome, reich an Reservestoffen ist. Häufig ist ein Teil der Rinde

als Festigungsgewebe ausgebildet. Die Stengel der Luftsprosse als die

Träger der Blattlast sind namentlich unter dem Einfluß des Windes der

Gefahr der Knickung ausgesetzt; sie müssen allseitig #biegungsfest#

gebaut sein. Dafür sorgt meist Festigungsgewebe, in Form von Lagen oder

Strängen aus Kollenchym oder Sklerenchym, die möglichst peripher, nicht

selten in vorspringenden Kanten des Stengels direkt unter der Epidermis

ausgebildet zu sein pflegen (Fig. 111, _1_ u. _2_).

[Illustration: Fig. 109. Querschnitt durch ein Stengelglied des Mais

(Zea mays). _pr_ Rinde, _pc_ Perizykel, _cv_ Leitbündel, _gc_ Parenchym

des Zentralzylinders. Vergr. 2. Nach SCHENCK.]

[Illustration: Fig. 110. _1_ Längsschnitt durch einen elastischen

Zylinder, vor der Biegung (punktiert) und danach (ausgezogen). _F_ Die

Füllung. Vor der Biegung alle Längskanten gleich lang; nach der Biegung

die Außenkante _a′_ verlängert, die Außenkante _a_ verkürzt. _2_ Bei

ungenügender und unwirksamer Füllung _f_ krümmen sich die Gurtungen _a_

und _a′_ leicht jede für sich, da sie dabei gleichlang bleiben können.

Nach NOLL.]

[Illustration: Fig. 111. Biegungsfeste Konstruktionen des Stengels. _1_

Querschnitt durch einen jungen Sambucussproß. _c_ Kollenchymbündel.

Die innere punktierte Figur ist der Ring von Leitbündeln. _2_ Teil

eines Halmquerschnittes vom Pfeifengras (Molinia coerulea). _Sc_

Sklerenchymrippen, _ScR_ Sklerenchymring als tangentialer Verband

dazwischen. _A_ Grünes Assimilationsgewebe. _MH_ Markhöhle. Nach

NOLL. _3_ Zusammengesetzter Träger, stärker vergr. u. schematisiert.

_g_{′} g_{″}_ Gurtungen. _f_ Füllung (in Form eines Leitbündels).]

Die #Biegungsfestigkeit# wird nämlich bei #sparsamer# Verwendung

von Festigungsmaterial am besten durch seine #periphere# Anordnung

erreicht. Wenn man einen geraden Stab biegt, so wird die konvexe

Seite notwendig verlängert, die konkave verkürzt. Wie die Fig.

110 zeigt, müssen dabei die äußersten Kanten _a_, _a_ und _a′_,

_a′_ des gebogenen Stabes am meisten beeinflußt: _a′_, _a′_

am stärksten gedehnt, _a_, _a_ am stärksten zusammengedrückt

werden, während die Längsstreifen _i_, _i_ und _i′_, _i′_ im

Innern sich nur wenig verlängern oder verkürzen. Wenn man also

nicht den ganzen Stab aus fester Masse aufbauen, sondern mit dem

Festigungsmaterial sparsam umgehen will, so wird man es möglichst

an der Peripherie anbringen müssen; denn hier wird es einerseits

Biegungen den größten Widerstand entgegensetzen, andererseits

bei stärkeren Biegungen infolge seiner Festigkeit weniger leicht

zerrissen oder zerquetscht werden als widerstandsloseres Material.

Allbekannt ist ja, wie groß die Biegungsfestigkeit von Eisenröhren

selbst mit ganz dünnen Wänden, sog. Mannesmannröhren, ist. Einen

hohen Grad von Festigkeit erreicht der Techniker schon dadurch,

daß er an der Peripherie biegungsfester Konstruktionen parallel

zueinander und zur Längsachse des Gebildes einzelne Stäbe aus

Festigungsmaterial, sog. #Gurtungen#, spannt. Von wesentlicher

Bedeutung ist dabei, daß diese #Gurtungen# durch widerstandsfähige,

gleichfalls elastische #Füllungen# (Fig. 111, _1_) in ihrem

wirksamen Abstande und in ihrem Verbande erhalten werden. Jeder

Stab (Gurtung) bildet alsdann mit dem ihm auf der Gegenseite

gegenüberliegenden einen #Träger#; das Material, das quer durch die

Konstruktion hindurch zwischen den Stäben liegt, ist die #Füllung#

dieses Trägers (Fig. 110). Wenn solche Füllungen fehlen, würde

jeder Stab sich einzeln leicht biegen lassen. Sie können aber in

hohlen Gebilden durch #tangentialen# Verband der Gurtungen, sei

es durch Festigungsmaterial, sei es durch anderes ersetzt werden.

Bei größeren biegungsfesten Konstruktionen ersetzt der Techniker

die peripher gespannten Stäbe ihrerseits meist durch Träger,

die wiederum aus zwei Gurtungen und einer Füllung bestehen (die

Eisen-+I+-Träger der Technik).

Wie SCHWENDENER[51] zuerst gezeigt hat, sind die mechanischen

Gewebe, die dem Pflanzenstengel Biegungsfestigkeit verleihen, etwa

so angeordnet, wie es der Techniker tun würde, um sie mit wenig

Aufwand von Festigungsmaterial widerstandsfähig zu machen. Bei

vielen Gewächsen bildet das Festigungsgewebe einen #peripheren

Hohlzylinder#, der direkt auf die Epidermis folgen oder tiefer

ins Gewebe eingesenkt sein kann (Fig. 112 _pc_); bei anderen

ein System entsprechend angeordneter, isoliert nebeneinander

verlaufender Stränge (#System der einfachen Träger# Fig. 111,

_1_), die manchmal einem Hohlzylinder außen noch aufgesetzt sind

(Fig. 111, _2_); bei noch anderen ist jeder dieser peripheren

Stränge selbst wieder in Form eines Trägers gestaltet (Fig. 111,

_3_), dessen Gurtungen alsdann allein aus mechanischem Gewebe

bestehen, dessen Füllung aber meist aus einem Leitbündel gebildet

wird (#System der zusammengesetzten Träger#). Monokotylenstengel

sind im allgemeinen viel vollkommener biegungsfest gebaut als die

Dikotylen- und Gymnospermenstengel in ihren primären Geweben; bei

diesen wird die Festigkeit durch das sekundäre Dickenwachstum

nachträglich noch erhöht. In grüngefärbten Stengeln, die an der

Assimilationsarbeit beteiligt sind, liegen die mechanischen Gewebe

entweder nicht direkt unter der Epidermis, so daß die Peripherie

den lichtbedürftigen grünen Geweben überlassen bleibt, oder sie

teilen sich an der Peripherie mit ihnen in den Raum (Fig. 111, _2_).

Die innerste Zellschicht der Rinde pflegt in oberirdischen

Stengelteilen von Landpflanzen, namentlich wenn sie völlig ausgewachsen

sind, nicht besonders ausgebildet zu sein. In diesem Falle gibt es

also keine scharfe Grenze zwischen Rinde und Zentralzylinder. Sie

kann in ihnen aber auch als #Stärkescheide#, ferner namentlich in den

Erdsprossen von Landpflanzen und in den Stengeln von Wasserpflanzen als

typische #Endodermis# oder als eine Kutis ausgestaltet sein. Ist sie

eine Stärkescheide (_st_ Fig. 112 _A_ und _B_), so zeichnen sich ihre

Zellen durch den Gehalt an großen, leicht beweglichen Stärkekörnern aus.

Vielfach ist eine Stärkescheide nur in jungen Pflanzentrieben

vorhanden, schwindet aber in älteren oder bleibt dort nur auf

bestimmte Stellen beschränkt. Statt gemeinsamer Stärkescheiden

oder Endodermen kann es auch solche um die einzelnen Leitbündel

geben (Fig. 119 _pp_) oder an ihrer Stelle einzelne Zellreihen, die

leicht bewegliche Stärkekörner enthalten.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 11 / 90 段