+7. Arbeitsteilung zwischen den Thalluszweigen.+ Am reichsten

gegliedert ist der Thallus in einigen Abteilungen der Schlauchalgen

(Siphoneen), der braunen und der roten Meeresalgen (Phaeophyceen und

Rhodophyceen). Die äußere Gliederung mancher solcher mit Haftscheiben,

Haftlappen oder verzweigten Strängen befestigten Formen, die zum

Teil sehr groß werden können (der Thallus der Braunalge Macrocystis

wird über 45 m lang), erinnert auffallend an die des Sprosses der

Kormophyten, so z. B. bei der roten Meeresalge Delesseria sanguinea

(Fig. 88): an zylindrischen, verzweigten Thallusästen sitzen

Seitenzweige, die blattähnlich gestaltet sind. Der Thallus hat bei

vielen solchen Formen außer der Ausbildung eines Haftorgans (einer

Haptere) und der Zweige eine weitere #Arbeitsteilung# zwischen seinen

Gliedern eintreten lassen: einige Zweige sind zylindrisch und dienen

dazu, das Wachstum und die Verzweigung des Thallus als Langtriebe

fortzusetzen und die übrigen Triebe zu tragen. Die letzteren dagegen

sind zu blattartigen #Assimilationsorganen# (Assimilatoren) mit

begrenztem Wachstum, zu Kurztrieben, geworden. Ja, diese Kurztriebe

zeigen manchmal unter sich nochmals eine Arbeitsteilung. Solche Formen

sind morphologisch von höchstem Interesse, weil sie uns zeigen, wie die

Blätter der Kormophyten aus Kurztrieben entstanden sein könnten.

Die Ausbildung blattähnlicher Kurztriebe an den Körpern von

thallösen Pflanzen ist offenbar #selbständig# in jeder der

genannten Reihen entstanden, nämlich da, wo Thallusstücke zu

besonderen Assimilationsorganen wurden. Alle diese Gebilde nahmen

annähernd gleiche Form, eben die Blattform, an. Die blattartigen

Triebe der Siphoneen und Braunalgen sind, mit anderen Worten, denen

der Rotalgen nicht homolog, sondern nur analog.

+8. Innerer Bau der Thalli.+ Alle diese Thalli, mögen sie gegliedert

oder ungegliedert sein, können aus einem einzigen Protoplasten

bestehen (z. B. Schlauchalgen: Caulerpa, Fig. 348) oder, wie es

meist der Fall ist, aus vielen Zellen sich zusammensetzen. Bestehen

sie aus vielen Zellen, so sind diese entweder in einer Reihe zu

einem Zellfaden (Fig. 84), in einer Fläche oder zu einem Zellkörper

angeordnet. Die einfachsten mehrzelligen Thalli setzen sich aus

lauter gleichförmigen und in gleicher Weise teilungsfähigen Zellen

zusammen. Sobald ein Vegetationspunkt sich ausbildet, tritt aber

eine #Sonderung# ein zwischen #embryonalen#, teilungsfähigen, und

#Dauerzellen#. Die äußersten Spitzen der apikalen Vegetationspunkte

werden bei vielzelligen Thalli fast stets von einer einzigen Zelle,

der #Scheitelzelle#, eingenommen, die bei manchen Formen nur wenig von

den anderen Zellen abweicht, so bei der Fadenalge Cladophora glomerata

(Fig. 84). An den vielzelligen Langtrieben der büschelig verzweigten

braunen Meeresalge Cladostephus verticillatus fallen die großen

kuppenförmig gestalteten Scheitelzellen aber sofort auf (Fig. 89).

Jede solche an der Spitze fortwachsende Scheitelzelle teilt sich

durch quere, einander parallele Wände, die von ihrem unteren

Ende scheibenförmige #Segmente# abschneiden. Diese teilen sich

in #gesetzmäßiger# Weise weiter zunächst durch Längswände,

hierauf durch Querwände in eine größere Anzahl zunächst noch

embryonaler Zellen. Aus bestimmten Randzellen der Segmente

wachsen, spitzenwärts fortschreitend, die #Seitenzweige# (meist

als Kurztriebe) hervor, die das Aussehen der Pflanze bestimmen

(Fig. 89). Auch flache #bandartige# Körper können eine ähnlich

gestaltete, nur entsprechend abgeflachte Scheitelzelle besitzen,

so die in Fig. 90 dargestellte braune Meeresalge Dictyota

dichotoma[60]. Von ihr (Fig. 90 _A_) werden durch grundwärts

vorgewölbte Querwände flache Segmente abgeschnitten, die sich

weiterhin durch Längswände teilen. Gelegentlich wird die

Scheitelzelle aber auch durch eine Längswand in zwei nebeneinander

liegende gleichgroße Scheitelzellen geteilt (_B_, _a_, _a_), deren

jede einen Seitenzweig bildet. Dadurch kommen die Gabelungen des

Körpers zustande.

Die Dauerzellen des Thallus sind fast immer, selbst bei den am

reichsten gegliederten Thalli, nur Parenchymzellen. Ist der Thallus

ein vielzelliger Körper, so kann wohl eine Sonderung eintreten in

peripher gelegenes chlorophyllreiches Assimilationsparenchym, in

Speicherparenchym, das an Reservestoffen reich und farblos ist, und in

Leitparenchym aus langgestreckten Zellen.

Eine Veranlassung zur Ausbildung einer typischen Epidermis fehlt

bei den vielzelligen Algen, da sie im Wasser eines Schutzes

gegen Austrocknung nicht bedürfen und durch Schleimüberzüge vor

zu starkem Wasserverlust bewahrt bleiben, wenn sie bei der Ebbe

etwa an die Luft gelangen. Doch besitzen die Algen an ihren

Oberflächenzellen schon eine äußere Zellmembranlamelle, die

sich mit Chlorzinkjod braun färbt. Für genügende Festigung des

Thallus, besonders bei den in der Brandung wachsenden Arten,

wird durch starke Verdickung der Wände in den äußeren Zellagen,

unter Umständen auch durch Inkrustationen mit kohlensaurem Kalk

gesorgt. Beim Blasentang (Fucus vesiculosus) sind zudem besondere

mechanische, durch ihre Dickwandigkeit, große Dehnbarkeit und

Elastizität ausgezeichnete Zellen vorhanden. Den relativ höchsten

Grad innerer Differenzierung zeigen die ebenfalls zu den braunen

Algen gehörenden Laminarien. In den stammartigen Achsen, die bei

diesen Pflanzen sehr dick werden, läßt sich Rinde, Zentralkörper

und ein lockeres Mark unterscheiden. Die Rinde enthält vielfach

Schleimgänge, das Mark sogar Züge siebröhrenartiger Zellen, die

vielleicht der Stoffleitung dienen; solche Zellen kommen übrigens

auch bei manchen Rhodophyceen vor. Die Laminarienachsen wachsen

durch fortgesetzte Teilung der Rindenzellschicht in die Dicke. Die

Produkte dieser Teilungstätigkeit bilden eine Art sekundäres Gewebe

mit konzentrischen Zonen, die an Jahresringe der Samenpflanzen

erinnern.

Die Thalli der #Flechten# kommen durch Verflechtung von Pilzhyphen

zustande und können parenchymatische Struktur annehmen. Bei vielen

Arten werden die peripherischen Schichten durch sehr dichte

Verfilzung der Hyphen und sehr starke Verdickung der Hyphenwände zu

schützenden Rinden über den assimilierenden Algen.

[Illustration: Fig. 89. Endtrieb von Cladostephus verticillatus. Vergr.

30. Nach N. PRINGSHEIM.]

[Illustration: Fig. 90. Der Vegetationspunkt von Dictyota dichotoma und

seine Gabelung. _a_ Die Scheitelzellen. Nach E. DE WILDEMAN. Vergr. ca.

500.]

[Illustration: Fig. 91. Riccia fluitans. Nat. Gr. Nach SCHENCK.]

[Illustration: Fig. 92. Blasia pusilla. _r_ Rhizoide. Vergr. 2. Nach

SCHENCK.]

+b) Moose+[61]. Im äußeren und inneren Bau der Moospflanzen

(Bryophyten) kommt wie bei den Algen wieder zum Ausdruck, daß sie

Kohlensäure assimilieren. Es gibt zunächst Lebermoosarten, deren

Körper bandartig ist, sich gabelig verzweigt und auffällig dem Körper

von Algen, wie Dictyota (Fig. 83), gleicht, so das Lebermoos Riccia

fluitans (Fig. 91). Bei dem Lebermoos Blasia pusilla (Fig. 92) ist

der bandartige Körper, der, wie viele andere thallöse Moose, eine

#Mittelrippe# besitzt, seitlich gelappt, als ob blattartige Gebilde

sich zu sondern begännen. Die am reichsten gegliederten Lebermoose,

wie Plagiochila asplenioides (Fig. 93), und alle Laubmoose tragen

solche an einem zylindrischen, verzweigten Stengel als besondere

Assimilationsorgane. Seitenzweige sitzen an den Mutterachsen #unter#

den Blättern. Auch diese dorsiventralen, bilateralen oder radiären

sproßähnlichen Körper, die bei den Laubmoosen oft Polster bilden,

sind den Sprossen der höheren Pflanzen nur analog. Man faßt sie wohl

am besten als hoch differenzierte Thalli auf. Den Moosen, die im

Gegensatze zu den meisten Algen in der Regel Luftorganismen sind,

fehlen nämlich noch die Wurzeln; sie befestigen sich am Boden nur durch

#Rhizoiden#: einzellige, an ihrer Basis mit einer Querwand abgegrenzte

Haare oder verzweigte Zellfäden, die den Körper auch mit Wasser

versorgen. Viele Formen können aber noch mit der #ganzen# Oberfläche

ihrer Vegetationsorgane Wasser aufnehmen.

Liegt der Thallus der Unterlage auf, so ist er wie bei entsprechend

lebenden Flechten meist dorsiventral ausgebildet und zeigt bei vielen

Lebermoosen oft nur an seiner dem Lichte ausgesetzten Oberseite

reicheren Chlorophyllgehalt (Fig. 95). Die Rhizoiden entspringen

alsdann ausschließlich der Unterseite.

Auch bei den Moosen, die immer vielzellig sind, wird die Spitze

des stets apikalen Vegetationspunktes oft von einer einzigen

#Scheitelzelle# eingenommen.

[Illustration: Fig. 93. Plagiochila asplenioides mit jalousieähnlich

übereinander greifenden Blättern. Nat. Gr. Nach SCHENCK.]

[Illustration: Fig. 94. Schema des Vegetationspunktes von Metzgeria

furcata im Augenblick der Verzweigung. Von der Rückenfläche gesehen.

_a_ Die Scheitelzelle der Mutterachse, _b_ des Tochterzweiges. Vergr.

ca. 370. Nach KNY.]

[Illustration: Fig. 95. Oberflächenansicht und Querschnitt des Thallus

der Marchantia polymorpha. In _A_ eine Atemöffnung von oben, in _B_

im Querschnitt, _e_ Epidermis, _s_ Randzellen der Atemöffnung, _l_

Luftkammer, _a_ Assimilationszellen, _o_ Ölkörper, _w_ Wassergewebe.

Vergr. 240. Nach STRASBURGER und KOERNICKE.]

Diese Zelle hat bei bandartigen Lebermoosen, wie Metzgeria und

Aneura, ebenso schon bei ähnlich gestalteten Algen, #keilförmige#

Gestalt (Fig. 94) und ist meist #zweischneidig#, seltener

vierschneidig. Die zweischneidige gibt durch aufeinanderfolgende,

abwechselnd nach rechts und links geneigte und schräg aufeinander

stehende Wände nach #zwei# Seiten hin Segmente ab, die durch

weitere Teilungen den Pflanzenkörper aufbauen; die vierschneidige

gibt dagegen auch noch nach oben und unten Segmente ab. Die

scheinbar rein gabelige Verzweigung der Lebermoose mit solchen

Vegetationspunkten ist auf die frühzeitige Anlage neuer

Scheitelzellen aus der randständigen Hälfte junger Segmente

(Fig. 94 bei _b_) zurückzuführen. Bei den aufrecht wachsenden,

radiär gebauten Thalli der Laubmoose hat die Scheitelzelle die

Gestalt einer #dreiflächig# zugespitzten Pyramide. Man kann sie

#dreischneidig# nennen. Auch die Blattanlagen der Laubmoose wachsen

zuerst mit einer Scheitelzelle, und zwar mit einer zweischneidigen,

zeigen also #Spitzen#wachstum; später wachsen sie interkalar.

Die #Dauergewebe# sind wesentlich vollkommener als bei den Algen

gesondert. Das ist durch das Landleben bedingt, das andere

Lebensbedingungen für die Moose als z. B. für die Algen brachte. Zur

Abgrenzung einer Epidermis kommt es gleichwohl auch bei den Moosen

nur ausnahmsweise, wenn auch die oberirdischen Teile von einer Art

Kutikula überzogen sind. Doch setzt sich am Thallus der Marchantien

eine äußerste Zellschicht von dem nächst inneren Gewebe deutlich ab.

Sie ist von Öffnungen (Fig. 95) durchbrochen, die als Atemöffnungen

bezeichnet werden und gleich den Spaltöffnungen der höheren Gewächse

Luftspalten sind. Auch haarähnliche, Schleim absondernde Bildungen in

Form von Papillen oder blattähnlichen Schuppen sind bei den Moosen weit

verbreitet.

Typische Spaltöffnungsapparate mit zwei Schließzellen, die eine

Spalte umschließen, findet man aber, wie GOEBEL[61] gezeigt hat,

beachtenswerterweise im Thallus der Lebermoosgattung Anthoceros;

freilich sind die Spaltöffnungen hier keine Luft-, sondern

Schleimspalten.

Ein eigenartiger kapillarer Apparat im Dienste der Wasserversorgung

ist bei den Torfmoosen (Sphagnaceen) ausgebildet. Die Rinde der

Stämmchen besteht aus drei bis vier Schichten inhaltsleerer

Zellen, die begierig Wasser aufsaugen, weil ihre ring- und

schraubenförmig verdickten Längs- und Querwände mit runden Löchern

versehen sind. In den Blättern liegen solche Zellen einzeln in den

Maschen eines einschichtigen Netzes aus langgestreckten, lebenden,

chlorophyllhaltigen Zellen.

Manche Lebermoose verfügen auch schon über besondere, der Stoffleitung

dienende Stränge aus langgestreckten Zellen, die ihren Körper, bei

bandartigen Formen in der Mittelrippe, durchziehen. Gegen das umgebende

Gewebe deutlich abgegrenzt treten uns die Leitstränge aber erst bei den

Laubmoosen entgegen.

Einen relativ einfach gebauten Leitstrang (_l_) dieser Art

im Stämmchen von Mnium undulatum führt im Querschnitt die

Fig. 96 vor. Am vollkommensten ist er in den Stämmchen der

Polytrichaceen ausgebildet. Dort verläuft ein zentraler Strang aus

langgestreckten, dünnwandigen und plasmaleeren, der Wasserleitung

dienenden, aus dickwandigen, der Festigung dienenden Zellen und aus

gestreckten Zellen, die Eiweiß und Kohlehydrate enthalten. Auch

die einschichtige Blattspreite besitzt oft einen mehrschichtigen

Mittelnerv, der einen Leitstrang der geschilderten Art enthalten

kann. Dieser setzt sich dann in das Gewebe des Stengels hinein bis

zu einem Leitstrang fort. Ferner kommen bei einigen Laubmoosen auch

mechanische Zellen vor, die langgestreckt und zugespitzt sind und

völlig Sklerenchymfasern gleichen.

[Illustration: Fig. 96. Querschnitt durch das Stämmchen, von Mnium

undulatum. _l_ Leitstrang, _c_ Rinde, _e_ die äußerste Zellschicht der

letzteren, _f_ Blattflügel, _r_ Rhizoiden. Vergr. 90. Nach STRASBURGER.]

+c) Gametophyt der Kormophyten+[61]. Auch in den Entwicklungsgang

der Kormophyten, für die die Ausbildung des Kormus bezeichnend

ist, ist ein thallöser Vegetationskörper eingeschaltet: Bei ihnen

nämlich wechseln regelmäßig zwei Generationen von Vegetationskörpern

miteinander ab, von denen nur die eine, die Sporenpflanze

(#Sporophyt#), als Kormus, die andere aber, die Geschlechtspflanze

(#Gametophyt#), als meist sehr einfach gegliederter und gebauter

Thallus ausgebildet ist (#Prothallium#). Diese Generation lebt bei

den Farnpflanzen meist selbständig als ein grünes, mit in der Regel

einzelligen Rhizoiden am Boden befestigtes, flaches Gebilde (Fig. 97),

das nur einige Zentimeter lang wird und einem kleinen Lebermoosthallus

gleicht, aber auch aus verzweigten Zellfäden bestehen kann.

[Illustration: Fig. 97. Aspidium filix mas. Prothallium von der

Unterseite. _rh_ Rhizoiden. Vergr. ca. 8. Nach SCHENCK.]

B. Der Kormus[62].

Die Vegetationsorgane des Sporophyten der Farnpflanzen (Pteridophyten)

und der Samenpflanzen, die wir #Kormus# nennen wollen, gliedern sich,

wie schon gesagt, noch viel weiter als die Thalli, nämlich in Sprosse

und Wurzeln, die Sprosse in Sproßachsen und Blätter. Stengel, Blätter

und Wurzeln sind die #Grundformen# des Kormus. Der Kormus zeigt in

seinem äußeren und inneren Bau augenscheinliche Anpassungen an das

Landleben.

Ebenso wie bei sehr vielen Thalli wird beim Kormus die Oberfläche

durch #Verzweigungen# fast stets bedeutend vergrößert. Die Sproßachse

bildet Seitensprosse (Seiten-, Tochterzweige), die Wurzel Seitenwurzeln

(Neben-, Tochterwurzeln). Durch die Verzweigung, die bei vielen

Gewächsen schon früh an der Keimpflanze beginnt; entsteht ein #Sproß#-

und ein #Wurzelsystem#.

Den Ausdruck Kormus gebraucht man meist als gleichbedeutend mit

Sproß und versteht darunter einen beblätterten Stengel #ohne# die

Wurzeln. Auch den beblätterten Moosen schreibt man dann vielfach

einen Sproß oder Kormus zu. Diese Auffassung stammt aus einer Zeit,

wo man den Entwicklungsgang der Moose noch nicht genau kannte. Wir

haben jetzt Grund zu der Annahme, daß der „Sproß“ der Moose mit

den Sprossen der Farn- und Samenpflanzen #nicht# homolog ist. Also

ist es zweckmäßiger, bei den Moosen, wie bei den „beblätterten“

Algen, noch nicht von Sproß oder Kormus zu sprechen. Es steht wohl

nichts im Wege, den Begriff Kormus weiter zu fassen als den Begriff

Sproß und mit diesem Ausdruck die in Sproß und Wurzeln gegliederten

#Vegetationsorgane der Kormophyten# zu bezeichnen. Übrigens gibt es

Übergänge zwischen Wurzeln und Sprossen (z. B. die Wurzelträger von

Selaginella), wie auch zwischen Blättern und Sprossen (z. B. bei

Utricularia).

1. Bau des typischen Kormus.

Wir wollen zunächst solche Kormi betrachten, denen wir typischen Bau

zusprechen können. Die Besonderheiten der Grundformen treten nur in

typischer Ausbildung, wie wir sie etwa bei unseren Bäumen oder vor

allem bei vielen einheimischen Kräutern finden, deutlich zutage. Die

Grundorgane können nämlich mancherlei Umbildungen erfahren, die so weit

gehen können, daß ihre Unterschiede sich in extremen Fällen mehr oder

weniger verwischen.

a) Der Sproß[63].

Der Sproß, der bei Landpflanzen ganz in der Luft oder teilweise in

der Luft (als #Luftsproß#), teilweise in der Erde (als #Erdsproß#,

Fig. 143) lebt, letzteres bei sehr vielen ausdauernden krautigen

Gewächsen (vgl. Fig. 125, 143), besteht aus dem #Stengel#, den man

auch #Sproßachse# nennt, und aus den #Blättern#, die am meist grünen

Luftsprosse hauptsächlich als grüne #Laubblätter# (Laubsproß), an

den farblosen (weißen) Erdsprossen (#Wurzelstöcken# oder #Rhizomen#)

aber als blasse Schuppen ausgebildet sind. Die Sproßachse ist der

Träger der Blätter, sorgt für die Vergrößerung des Sproßsystems:

für die Verlängerung des Stengels, für die Neubildung von Blättern

und von Seitenzweigen, stellt die Verbindung der Blätter mit den

Wurzeln her und dient der Stoffleitung zwischen diesen Organen. Die

Sproßachse der meisten Erdsprosse dient ferner noch der Speicherung von

Reservestoffen. Die Laubblätter sind wie die blattähnlichen Kurztriebe

der thallösen Pflanzen die #Assimilationsorgane# und zugleich die

#Transpirationsorgane# der Kormophyten. Diesen Funktionen entspricht

der äußere und innere Bau der Laubblätter und des Stengels.

α) +Der Vegetationspunkt.+ Der #Sproß# zeigt #Scheitelwachstum#

mittels eines apikalen #Vegetationspunktes#, der sich an der äußersten

Spitze, dem #Scheitel# des Stengels, befindet. Da der Vegetationspunkt

gewöhnlich klein, dem bloßen Auge kaum sichtbar ist, so bekommt man

ihn erst zu Gesicht, wenn man Längsschnitte durch den Sproßscheitel

bei Lupenvergrößerung betrachtet (Fig. 98). Man sieht alsdann, daß er

flach (Fig. 99) oder vorgewölbt (Fig. 98 _v_), manchmal auch steil

kegelförmig ist (#Vegetationskegel# Fig. 100, 102), und daß an seiner

Oberfläche, #exogen#, seitlich oder unterhalb seiner Spitze Höcker

oder Wülste (_f_) dicht gedrängt in großer Zahl vorspringen: die

#Blattanlagen# und zwischen ihnen die Anlagen der Seitenzweige (_g_).

Die Blattanlagen entstehen in _akropetaler_ Reihenfolge, sind daher um

so größer, je weiter sie vom Scheitel entfernt sind. Ihre Gestalt wird

auf Querschnitten durch den Vegetationspunkt besonders deutlich (Fig.

99).

[Illustration: Fig. 98. Sproßscheitel einer Samenpflanze. Bei _v_

Vegetationspunkt, _f_ Blattanlagen, _g_ Seitenzweiganlagen. Vergr. 40.

Nach STRASBURGER.]

[Illustration: Fig. 99. Scheitelansicht eines Sproßvegetationspunktes

von Evonymus japonica. Vergr. 12. Nach STRASBURGER.]

Der Vegetationspunkt und die ganz jugendlichen Blattanlagen, die sich

immer nur aus den #embryonalen# Teilen des Scheitels bilden, bestehen

aus embryonalem Gewebe. Bei den meisten Farnen und den Schachtelhalmen

liegt an der Spitze des Vegetationspunktes eine Scheitelzelle (Fig. 100

t). Sie ist dreischneidig, hat also die Gestalt einer #dreiseitigen

Pyramide# (eines Tetraëders) mit vorgewölbter Grundfläche als

Außenseite.

Die Scheitelzelle (Fig. 100 _t_ und 101 _A_) an den Hauptsprossen

des Ackerschachtelhalmes (Equisetum arvense) kann als Beispiel

dienen. Sie erscheint, vom Scheitel aus gesehen (Fig. 101 _A_),

als gleichseitiges Dreieck, in dem neue Scheidewände nacheinander

nach drei Seiten, parallel zu jeder der Seitenwände (_p_), angelegt

werden. Jedes Segment (_S′_, _S″_) wird durch Scheidewände (_m_)

weiter zerlegt. Bei den Farnpflanzen mit Scheitelzellen beginnen

auch die Blattanlagen (_f_, _f′_, _f″_) meist noch ihre Entwicklung

mit einer solchen, und zwar mit einer zweischneidigen (_f_).

Weiterhin büßen sie aber die Scheitelzelle meist ein und vollenden

ihre Ausbildung durch „Randwachstum“ mittels vieler gleichwertiger

zweischneidiger Randzellen. Ein solches Randwachstum findet

sich z. B. bei den Blattanlagen von Equisetum. Auch die Anlagen

der Seitenknospen (_g_) bilden sich aus #einer# Zelle, die zur

Scheitelzelle der Anlage wird.

[Illustration: Fig. 100. Medianer Längsschnitt durch den

Sproßvegetationspunkt des Schachtelhalms Equisetum arvense. Die

Erklärung der Buchstaben im Text. Vergr. 240. Nach STRASBURGER.]

[Illustration: Fig. 101. _A_ Scheitelansicht des Vegetationskegels

von Equisetum arvense. _B_ Optischer Durchschnitt desselben

Vegetationskegels unterhalb der Scheitelzelle. _l_ Seitenwände der

Segmente. Die Erklärung der übrigen Buchstaben im Text. Vergr. 240.

Nach STRASBURGER.]

[Illustration: Fig. 102. Medianer Längsschnitt durch den

Vegetationskegel von Hippuris vulgaris (Tannenwedel). _d_ Dermatogen,

_pr_ Periblem, _pl_ Plerom, _f_ Blattanlagen. Vergr. 240. Nach

STRASBURGER.]

Bei den Bärlappgewächsen (Lycopodiaceen) unter den Pteridophyten

und bei den Phanerogamen gibt es keine solche Scheitelzelle am

Vegetationspunkte. Hier treten an die Stelle der Scheitelzelle mehrere

gleichwertige embryonale Zellen, die oft regelmäßig in schalenförmigen

Schichten angeordnet sind (Fig. 102).

Die äußerste Zellschicht, die den Vegetationspunkt deckt, als

einfache Zellschicht auch die jungen Blattanlagen überzieht und

sich im Gegensatze zu den anderen Schichten meist nur durch

antikline Wände teilt, heißt #Dermatogen# (_d_), weil sie meist

ausschließlich die Epidermis der Pflanze liefert; die Zellen, mit

denen der zentrale Gewebestrang des Stengels, der Zentralzylinder,

im Vegetationspunkt endet, heißen #Plerom# (_pl_), die zwischen

beiden gelegenen Zellschichten #Periblem# (_pr_). Plerom und

Periblem lassen sich aber oft nicht unterscheiden. An solchen

Vegetationspunkten ohne Scheitelzellen entstehen die Blätter und

die Seitenzweige als #vielzellige# Höcker (Fig. 102). Ihre Anlage

pflegt durch örtliche Vermehrung der äußersten Periblemschichten

eingeleitet zu werden, während das Dermatogen sich auch hier nur

rechtwinklig zur Oberfläche teilt. An den Anlagen der Blätter

beteiligt sich außer dem Dermatogen nur das Periblem, an den

Anlagen der Seitenzweige auch noch das Plerom[64].

Da auch für diese Vegetationspunkte die Regel der rechtwinkligen

Schneidung der jungen Zellwände gilt, so bilden die Zellhäute in

ihrer Gesamtheit auf Längsschnitten durch die Spitzen mancher

kegelförmiger Vegetationspunkte auffallend symmetrische Figuren:

die Periklinen sowohl wie die Antiklinen je eine Schar von Parabeln

mit gemeinsamem Brennpunkte (Fig. 268). Die Elemente der einen

Schar sind entgegengesetzt gerichtet wie die der anderen und

schneiden diese annähernd rechtwinklig (SACHS). Auf Querschnitten

durch solche Scheitel bilden die Periklinen aber konzentrische

Kreise.

#Knospe.# Auf die Entwicklungsvorgänge, wodurch am Scheitel des

Sprosses aus embryonalem Gewebe neue Glieder angelegt werden, folgt

deren Größenzunahme, äußere und innere Ausbildung. Dieses Wachstum

pflegt meist mit einer ausgiebigen Streckung der Blattanlagen zu

beginnen. Dabei #eilen# die Blattanlagen also in ihrem Wachstum dem

Wachstume der Stengelspitze #voraus#, und zwar wachsen ihre Unterseiten

besonders stark. Infolgedessen schließen die älteren über dem

Vegetationspunkt domartig zusammen (Fig. 98) und decken die jüngeren.

Auf diese Weise bilden die größeren und älteren Blattanlagen einen

sehr wirksamen Schutz des zarten Vegetationspunktes und der jüngsten

Blattanlagen gegen Austrocknung, indem sie mit dem Vegetationspunkte

eine #Knospe# bilden. Die Knospe ist also nichts anderes als das

jugendliche, noch nicht fertig entwickelte Ende eines Sprosses.

Lehrbuch der Botanik für Hochschulen · 第 10 / 90 段