Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet, das ihm

unumwunden die herzliche Freude seiner alten Freundin ausdrückte.

Manches Bittre, was sie gesagt habe, mög er vergessen; sie habe sich,

lebhaft wie sie sei, hinreißen lassen. Im Uebrigen sei noch nichts

Ernstliches und Erhebliches versäumt, und wenn, dem Sprichworte nach,

aus Freude Leid erblühe, so kehre sich's auch wohl um. Sie sehe wieder

hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie persönlich zum Opfer

bringe, bringe sie gern, wenn dies Opfer die Bedingung für das Glück

ihrer Tochter sei.

Schach, als er das Billet gelesen, wog es hin und her, und war

ersichtlich von einer gemischten Empfindung. Er hatte sich, als er in

seinem Briefe von Victoire sprach, einem ihr nicht leicht von irgendwem

zu versagenden, freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem

Gefühle (dessen entsann er sich) einen besonders lebhaften Ausdruck

gegeben. Aber das, woran ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue

gemahnte, das war =mehr=, das hieß einfach Hochzeit, Ehe, Worte, deren

bloßer Klang ihn von alter Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit

mit =wem=? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz sich auszudrücken

beliebt hatte, »durch ein Fegefeuer gegangen war.« »Aber,« so fuhr er in

seinem Selbstgespräche fort, »ich stehe nicht auf dem Standpunkte des

Prinzen, ich schwärme nicht für 'Läuterungsprozesse', hinsichtlich deren

nicht feststeht, ob der Verlust nicht größer ist als der Gewinn, und

wenn ich mich auch persönlich zu diesem Standpunkte bekehren könnte, so

bekehr ich doch nicht die Welt .... Ich bin rettungslos dem Spott und

Witz der Kameraden verfallen, und das Ridikül einer allerglücklichsten

'Land-Ehe', die wie das Veilchen im Verborgenen blüht, liegt in einem

wahren Musterexemplare vor mir. Ich sehe genau, wie's kommt: ich

quittire den Dienst, übernehme wieder Wuthenow, ackre, meliorire, ziehe

Raps oder Rübsen, und befleißige mich einer allerehelichsten Treue.

Welch Leben, welche Zukunft! An =einem= Sonntage Predigt, am =andern=

Evangelium oder Epistel, und dazwischen Whist _en trois_, immer mit

demselben Pastor. Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste Stadt,

vielleicht Prinz Louis in Person, und wechselt die Pferde, während ich

erschienen bin um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. Und er

mustert mich und meinen altmodischen Rock und frägt mich: 'wie mir's

gehe?' Und dabei drückt jede seiner Mienen aus: 'O Gott, was doch drei

Jahr aus einem Menschen machen können.' Drei Jahr .... Und vielleicht

werden es dreißig.«

Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen, und blieb vor einer

Spiegelkonsole stehen, auf der der Brief lag, den er während des

Sprechens bei Seite gelegt hatte. Zwei, drei mal hob er ihn auf und ließ

ihn wieder fallen. »Mein Schicksal. Ja, 'der Moment entscheidet.' Ich

entsinne mich noch, so schrieb sie damals. Wußte sie, was kommen würde?

=Wollte= sie's? O pfui, Schach, verunglimpfe nicht das süße Geschöpf.

Alle Schuld liegt bei =Dir=. Deine =Schuld= ist Dein Schicksal. Und ich

will sie tragen.«

Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen, und ging zu den Carayons.

Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch, das er geführt, von dem

Drucke, der auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine Sprache der alten

Freundin gegenüber war jetzt natürlich, beinah herzlich, und ohne daß

auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau

von Carayon getrübt hätte, besprachen beide was zu thun sei. Schach

zeigte sich einverstanden mit allem: in einer Woche Verlobung, und nach

drei Wochen die Hochzeit. Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das

junge Paar eine Reise nach Italien antreten, und nicht vor Ablauf eines

Jahres in die Heimath zurückkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire

nach Wuthenow, dem alten Familiengute, das ihr, von einem früheren

Besuche her, (als Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und

freundlicher Erinnerung war. Und war auch das =Gut= inzwischen in Pacht

gegeben, so war doch noch das =Schloß= da, stand frei zur Verfügung, und

konnte jeden Augenblick bezogen werden.

Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag

über dem Hause Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübniß die

vorausgegangen war.

Auch Schach legte sich's zurecht. Italien wiederzusehen, war ihm seit

seinem ersten, erst um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte

daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; =der= erfüllte sich nun, und

kehrten sie dann zurück, so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der

geplanten doppelten Wirthschaftsführung allerlei Nutzen und Vortheil

ziehen. Victoire hing an Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er

dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber. Und dann gingen sie durch die

Felder und plauderten. O, sie plauderte ja so gut, und war einfach und

espritvoll zugleich. Und nach abermals einem Jahr, oder einem zweiten

und dritten, je nun, da hatte sich's verblutet, da war es todt und

vergessen. Die Welt vergißt so leicht, und die Gesellschaft noch

leichter. Und dann hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am

Wilhelmsplatz und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse,

die doch schließlich nicht blos seine, sondern auch =ihre= Heimath

bedeuteten. Alles war überstanden und das Lebensschiff an der Klippe des

Lächerlichen =nicht= gescheitert.

Armer Schach! Es war anders in den Sternen geschrieben.

Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht

um, als ihm ein Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen rothen

Siegel ins Haus geschickt wurde. Den ersten Augenblick hielt er's für

ein amtliches Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte mit dem

Oeffnen, um die Vorfreude der Erwartung nicht abzukürzen. Aber woher kam

es? von wem? Er prüfte neugierig das Siegel und erkannte nun leicht, daß

es überhaupt kein Siegel, sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und

nun erbrach er's und ein Bild fiel ihm entgegen, eine radirte Skizze mit

der Unterschrift: _Le choix du Schach_. Er wiederholte sich das Wort,

ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst zurecht finden zu können und

empfand nur ganz allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von Angriff

und Gefahr. Und wirklich, als er sich orientirt hatte, sah er, daß sein

erstes Gefühl ein richtiges gewesen war. Unter einem Thronhimmel saß der

persische Schach, erkennbar an seiner hohen Lammfellmütze, während an

der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten standen und des

Augenblicks harrten, wo der von seiner Höhe her kalt und vornehm

Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde. Der

persische Schach aber war einfach =unser= Schach und zwar in

allerfrappantester Porträtähnlichkeit, während die beiden ihn fragend

anblickenden, und um vieles flüchtiger skizzirten Frauenköpfe,

wenigstens ähnlich genug waren, um Frau von Carayon und Victoire mit

aller Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr und nicht weniger

als eine Karrikatur. Sein Verhältniß zu den Carayons hatte sich in der

Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider und Gegner, deren er nur

zu viel hatte, hatte die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst

ein Genüge zu thun.

Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut stieg ihm zu Kopf, und es

war ihm, als würd er vom Schlage getroffen.

Einem natürlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend, oder

vielleicht auch von der Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht

abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen.

Begegnungen und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine Ruhe

wiedergeben. Was war es denn schließlich? Ein kleinlicher Akt der Rache.

Die Frische draußen that ihm wohl; er athmete freier und hatte seine

gute Laune fast schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz her die

Linden einbiegend, auf die schattigere Seite der Straße hinüberging, um

hier ein paar Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen. Sie vermieden

aber ein Gespräch und wurden sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte

nonchalant und wenn nicht alles täuschte sogar mit hämischer Miene.

Schach sah ihm nach, und sann und überlegte noch, was die Suffisance des

einen und die verlegenen Gesichter der andern bedeutet haben mochten,

als er, einige Hundert Schritte weiter aufwärts, einer ungewöhnlich

großen Menschenmenge gewahr wurde, die vor einem kleinen Bilderladen

stand. Einige lachten, andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen

»was es eigentlich sei?« Schach ging im Bogen um die Zuschauermenge

herum, warf einen Blick über ihre Köpfe weg, und wußte genug. An dem

Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und der absichtlich niedrig

normirte Preis war mit Rothstift groß darunter geschrieben.

Also eine Verschwörung.

Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen Spaziergang fortzusetzen, und

kehrte in seine Wohnung zurück.

Um Mittag empfing Sander ein Billet von Bülow: »Lieber Sander. Eben

erhalte ich eine Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen

Damen gemacht hat. Im Zweifel darüber, ob Sie dieselbe schon kennen,

schließ ich sie diesen Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge

nachzugehn. Sie wissen ja alles, und hören das Berliner Gras wachsen.

Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen 'Schach

von Persien' einigermaßen verdient (denn er ist wirklich so was), aber

der Carayons halber. Die liebenswürdige Victoire! So blosgestellt zu

werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von den Franzosen an, und an

ihrem Guten, wohin auch die Gentilezza gehört, gehen wir vorüber. Ihr

B.«

Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild, das er kannte,

setzte sich an sein Pult und antwortete: »_Mon Général!_ Ich brauche dem

Ursprunge nicht nachzugehen, er ist =mir= nachgegangen. Vor etwa vier,

fünf Tagen erschien ein Herr in meinen Kontor und befragte mich, ob ich

mich dazu verstehen würde, den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand

zu nehmen. Als ich sah, um was es sich handelte, lehnte ich ab. Es waren

drei Blätter, darunter auch _le choix du Schach_. Der bei mir

erschienene Herr gerirte sich als ein Fremder, aber er sprach, alles

gekünstelten Radebrechens unerachtet, das Deutsche so gut, daß ich seine

Fremdheit für eine bloße Maske halten mußte. Personen aus dem Prinz

R.schen Kreise, nehmen Anstoß an seinem Gelieble mit der Prinzessin, und

stecken vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser Annahme, so wird

mit einer Art von Sicherheit auf Kameraden seines Regiments zu schließen

sein. Er ist nichts weniger als beliebt, wer den Aparten spielt, ist es

nie. Die Sache möchte hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig

hervorheben, die Carayons mit hineingezogen wären. Um =ihret=willen

beklag ich den Streich, dessen Gehässigkeit sich in diesem =einem= Bilde

schwerlich erschöpft haben wird. Auch die beiden andern, deren ich

Eingangs erwähnte, werden muthmaßlich folgen. Alles in diesem anonymen

Angriff ist klug berechnet, und klug berechnet ist auch der Einfall, das

Gift nicht gleich auf einmal zu geben. Es wird seine Wirkung nicht

verfehlen, und nur auf das 'wie' haben wir zu warten. _Tout à vous. S._«

In der That, die Besorgniß, die Sander in diesen Zeilen an Bülow

ausgesprochen hatte, sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen.

Intermittirend wie das Fieber, erschienen in zweitägigen Pausen auch die

beiden andern Blätter, und wurden, wie das erste, von jedem

Vorübergehenden gekauft oder wenigstens begafft und besprochen. Die

Frage Schach-Carayon war über Nacht zu einer _cause celèbre_ geworden,

trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte wußte. Schach, so hieß

es, habe sich von der schönen Mutter ab- und der unschönen Tochter

zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich in allerlei Muthmaßungen,

ohne dabei das Richtige zu treffen.

Schach empfing auch die beiden andern Blätter unter Kouvert. Das Siegel

blieb dasselbe. Blatt 2 hieß »_la gazza ladra_« oder die »diebische

=Schach=-Elster,« und stellte eine Elster dar, die, zwei Ringe von

ungleichem Werthe musternd, den unscheinbareren aus der Schmuckschale

nimmt.

Am weitaus verletzendsten aber berührte das den Salon der Frau von

Carayon als Szenerie nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein

Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen Spiel

und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß

Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füßen kniete Schach, wieder in der

persischen Mütze des ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und

eingedrückt. Und darunter stand: »Schach -- matt.«

Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde nur =zu= gut erreicht.

Schach ließ sich krank melden, sah niemand und bat um Urlaub, der ihm

auch umgehend von seinem Chef, dem Obersten von Schwerin, gewährt wurde.

So kam es, daß er am selben Tag, an dem, nach gegenseitigem Abkommen,

seine Verlobung mit Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin

verließ. Er ging auf sein Gut, ohne sich von den Carayons (deren Haus er

all die Zeit über nicht betreten hatte) verabschiedet zu haben.

Vierzehntes Kapitel.

In Wuthenow am See.

Es schlug Mitternacht, als Schach in Wuthenow eintraf, an dessen

entgegengesetzter Seite das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner See

nach rechts und links hin überblickende =Schloß= Wuthenow lag. In den

Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den

Ställen her hörte man noch das Stampfen eines Pferds oder das halblaute

Brüllen einer Kuh.

Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang in einen schmalen Feldweg

ein, der, allmählich ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf führte.

Rechts lagen die Bäume des Außenparks, links eine gemähte Wiese, deren

Heugeruch die Luft erfüllte. Das Schloß selbst aber war nichts als ein

alter, weißgetünchter und von einer schwarzgetheerten Balkenlage

durchzogener Fachwerkbau, dem erst Schachs Mutter, die »verstorbene

Gnädige«, durch ein Doppeldach, einen Blitzableiter und eine prächtige,

nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen

allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte. Jetzt freilich, unter

dem Sternenschein, lag alles da wie das Schloß im Märchen, und Schach

hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der

Schönheit des Bildes.

Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor zu, das sich in einem

flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem

danebenstehenden Gesindehause wölbte. Vom Hof her vernahm er im selben

Augenblick ein Bellen und Knurren und hörte, wie der Hund wüthend aus

seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach rechts und links hin an der

Holzwandung umherschrammte.

»Kusch Dich, Hektor.« Und das Thier, die Stimme seines Herrn erkennend,

begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd auf

die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen.

Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum mit weitem Gezweige. Schach

stieg ab, schlang den Zügel um den Ast, und klopfte halblaut an einen

der Fensterläden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es

lebendig drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine halb

verschlafene Stimme: »Wat is?«

»Ich, Krist.«

»Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.«

»Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.«

Schach hörte jedes Wort und rief gutmüthig in die Stube hinein, während

er den nur angelegten Laden halb öffnete: »Laß Dir Zeit, Alter.«

Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus, und sagte nur immer,

während er hin und her suchte: »Glieks, junge Herr, glieks. Man noch en

beten.«

Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen Schwefelfaden brennen, und

hörte, daß eine Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde. Richtig,

ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein paar

Holzpantinen klappten über den Lehmflur hin. Und nun wurde der Riegel

zurückgeschoben, und Krist, der in aller Eile nichts als ein leinenes

Beinkleid übergezogen hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte vor

manchem Jahr und Tag, als der alte »Gnädge-Herr« gestorben war, den

durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf seinen

jungen Herrn übertragen wollen, aber dieser, der mit Krist das erste

Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt über den See gemacht

hatte, hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen.

»Jott, junge Herr, sunst schrewens doch ümmer ihrst, o'r schicken uns

Baarsch'en o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers

ick wußt' et joa, as de Poggen hüt Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn'

koam' künn'n. 'Jei, jei, Mutter,' seggt ick, 'dat bedüt' wat.' Awers as

de Fruenslüd' sinn! Wat seggt se? 'Wat sall et bedüden?' seggt se,

'Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.'«

»Ja, ja,« sagte Schach, der nur mit halbem Ohr hingehört hatte, während

der Alte die kleine Thür aufschloß, die von der Giebelseite her ins

Schloß führte. »Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.«

Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen, und beide gingen nun einen

mit Fliesen gedeckten schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte

verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin eine geräumige

Treppenhalle, während nach rechts hin eine mit Goldleisten und

Rokokoverzierungen reich ausgelegte Doppelthür in einen Gartensalon

führte, der als Wohn- und Empfangszimmer der verstorbenen Frau Generalin

von Schach, einer sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame gedient

hatte. Hierher richteten sich denn auch die Schritte beider, und als

Krist die halb verquollene Thür nicht ohne Müh und Anstrengung geöffnet

hatte, trat man ein.

Unter dem Vielen, was an Kunst- und Erinnerungsgegenständen in diesem

Gartensalon umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter, den

Schach selber, vor drei Jahren erst, von seiner italienischen Reise mit

nach Hause gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen Leuchter

nahm jetzt Krist vom Kamin und zündete die beiden Wachslichter an, die

seit lange schon in den Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der

verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer Briefe gedient hatten. Die

Gnädige selbst aber war erst seit einem Jahre todt, und da Schach, von

jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so hatte noch alles den

alten Platz. Ein paar kleine Sophas standen wie früher an den

Schmalseiten einander gegenüber, während zwei größere die Mitte der

Längswand einnahmen und nichts als die vergoldete Rokoko-Doppelthür

zwischen sich hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz der

Generalin) und die große Marmorschale, darin alabasterne Weintrauben und

Orangen und ein Pinienapfel lagen, standen unverändert an ihrem Platz.

In dem ganzen Zimmer aber, das seit lange nicht gelüftet war, war eine

stickige Schwüle.

»Mach ein Fenster auf,« sagte Schach. »Und dann gieb mir eine Decke. Die

da.«

»Wullen's sich denn =hier= hen leggen, junge Herr?«

»Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.«

»Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr uns =doa=vunn vertellen deih!

Uemmer so platsch in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix för mi.

'Jott, jnädge Herr,' seggt ick denn ümmer, 'ick gloob de Huut geit em

runner'. Awers denn lachte joa de oll jnädge Herr ümmer, un seggte:

'Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.'«

Während der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte, griff

er zugleich doch nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer,

der in einer Kaminecke stand, und versuchte damit das eine Sopha, das

sich Schach als Lagerstätt ausgewählt hatte, wenigstens aus dem Gröbsten

herauszubringen. Aber der dichte Staub, der aufstieg, zeigte nur das

Vergebliche solcher Bemühungen, und Schach sagte mit einem Anfluge von

guter Laune: »Störe den Staub nicht in seinem Frieden.« Und erst als

er's gesprochen hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin auf, und er

gedachte der Eltern, die drunten in der Dorfkirche in großen

Kupfersärgen und mit einem aufgelötheten Kruzifix darauf in der alten

Gruft der Familie standen.

Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und warf sich aufs Sopha.

»Meinem Schimmel gieb ein Stück Brod und einen Eimer Wasser; dann hält

er aus bis morgen. Und nun stelle das Licht ans Fenster und laß es

brennen .... Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben. Und nun

gute Nacht, Krist. Und schließe von außen zu, daß sie mich nicht

wegtragen.«

»Ih, se wihren doch nich ....«

Und Schach hörte bald darnach die Pantinen, wie sie den Korridor

hinunterklappten. Ehe Krist aber die Giebelthür noch erreicht, und von

außen her zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon schwer und

bleiern auf seines Herrn überreiztes Gehirn.

Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm lastenden Schwere zum Trotz,

empfand er deutlich, daß etwas über ihn hinsumme, ihn streife und

kitzle, und als ein sich Drehen und Wenden und selbst ein

unwillkürliches und halbverschlafenes Umherschlagen mit der Hand nichts

helfen wollte, riß er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen zurück.

Und nun sah er, was es war. Die beiden eben verschweelenden Lichter, die

mit ihrem Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht hatten,

hatten allerlei Gethier vom Garten her in das Zimmer gelockt, und nur

über Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel. Einen

Augenblicke dacht er an Fledermäuse; sehr bald aber mußt er sich

überzeugen, daß es einfach riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren,

die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und her flogen, an die Scheiben

stießen und vergeblich das offene Fenster wieder zu finden suchten.

Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft, um

die Störenfriede wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem Jagen und

Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer schien sich zu

verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum. An

Schlaf war nicht mehr zu denken, und so trat er denn ans offene Fenster

und sprang hinaus, um, draußen umhergehend, den Morgen abzuwarten.

Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die dicht vor dem Salon gelegene

Gartenanlage bestand aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um das herum, in

meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten Beeten, allerlei

Sommerblumen blühten: Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen.

Man sah leicht, daß eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte,

trotzdem Krist zu seinen vielfachen Aemtern auch das eines Gärtners

zählte; die Zeit indeß, die seit dem Tode der Gnädigen vergangen war,

war andrerseits eine viel zu kurze noch, um schon zu vollständiger

Verwilderung geführt zu haben. Alles hatte nur erst den Charakter eines

wuchernden Blühens angenommen, und ein schwerer und doch zugleich auch

erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten, den Schach in immer

volleren Zügen einsog.

Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, und balancirte, während er

einen Fuß vor den andern setzte, zwischen den nur handbreiten Stegen

hin. Er wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit

guter Manier hinter sich bringen. Aber diese Zeit wollte nicht

schwinden, und als er wieder nach der Uhr sah, war erst eine

Viertelstunde vergangen.

Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengänge

zu, die den großen Parkgarten flankirten und von der Höhe bis fast an

den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen. An mancher Stelle waren die

Gänge nach obenhin überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt

ihn eine Weile den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum

in Schritten auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu

Nischen und Tempelrundungen, in denen allerhand Sandsteinfiguren

standen: Götter und Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale

vorübergegangen war, ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kümmern

oder ihrer Bedeutung nachzuforschen; heut aber blieb er stehn und freute

sich besonders aller derer, denen die Köpfe fehlten, weil sie die

dunkelsten und unverständlichsten waren, und sich am schwersten errathen

ließen. Endlich war er den Laubengang hinunter, stieg ihn wieder hinauf

und wieder hinunter und stand nun am Dorfausgang und hörte daß es zwei

schlug. Oder bedeuteten die beiden Schläge halb? War es halb drei? Nein,

es war erst zwei.

Schach von Wuthenow Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes · 第 7 / 11 段