Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen war die Wachtstube des

Regiments, wo die jüngeren Kameraden den dienstthuenden Offizier zu

besuchen und sich bis in die Nacht hinein zu divertiren pflegten. Unter

den Gesprächen, die man in Veranlassung der neuen Komödie hier führte,

kamen Spöttereien wie die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung,

und als einer der Kameraden daran erinnerte, daß das neuerdings von

seiner früheren Höhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische

Pflicht habe, sich mal wieder »als es selbst« zu zeigen, brach ein

ungeheurer Jubel aus, an dessen Schluß alle einig waren, »daß etwas

geschehen müsse.« Daß es sich dabei lediglich um eine Travestie der

»Weihe der Kraft«, etwa durch eine Maskerade, handeln könne, stand von

vornherein fest, und nur über das »wie« gingen die Meinungen noch

auseinander. In Folge davon beschloß man, ein paar Tage später eine

=neue= Zusammenkunft abzuhalten, in der nach Anhörung einiger

Vorschläge, der eigentliche Plan fixirt werden sollte.

Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als Tag und Stunde da waren,

waren einige zwanzig Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen:

Itzenplitz, Jürgaß und Britzke, Billerbeck und Diricke, Graf Haeseler,

Graf Herzberg, von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing, und

nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant von Zieten, ein kleines,

häßliches und säbelbeiniges Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft

mit dem berühmten General und beinahe mehr noch durch eine keck in die

Welt hineinkrähende Stimme zu balanciren wußte, was ihm an sonstigen

Tugenden abging. Auch Nostitz und Alvensleben waren erschienen. Schach

fehlte.

»Wer präsidirt?« fragte Klitzing.

»Nur zwei Möglichkeiten,« antwortete Diricke. »Der längste oder der

kürzeste. Will also sagen, Nostitz oder Zieten.«

»Nostitz, Nostitz,« riefen alle durcheinander, und der so durch

Akklamation Gewählte nahm auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz.

Flaschen und Gläser standen die lange Tafel entlang.

»Rede halten: Assemblée nationale ....«

Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern, und klopfte dann erst mit dem

ihm als Zeichen seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch.

»_Silentium, Silentium._«

»Kameraden vom Regiment Gensdarmes, Erben eines alten Ruhmes auf dem

Felde militärischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir haben nicht

nur der Schlacht die Richtung, wir haben auch der Gesellschaft den =Ton=

gegeben), Kameraden, sag ich, wir sind schlüssig geworden: =es muß etwas

geschehn!=«

»Ja, ja. Es muß etwas geschehn.«

»Und neu geweiht durch die 'Weihe der Kraft', haben wir, dem alten

Luther und uns selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu

bewerkstelligen, von dem die spätesten Geschlechter noch melden sollen.

Es muß etwas Großes werden! Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet,

der schreitet zurück. Ein Aufzug also. So viel steht fest. Aber Wesen

und Charakter dieses Aufzuges bleibt noch zu fixiren, und zu diesem

Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin bereit, Ihre Vorschläge

der Reihe nach entgegen zu nehmen. Wer Vorschläge zu machen hat, melde

sich.«

Unter denen, die sich meldeten, war auch Lieutenant von Zieten.

»Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das Wort.«

Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne

wiegte: »Was ich vorzuschlagen habe, heißt =Schlittenfahrt=.«

Alle sahen einander an, Einige lachten.

»Im Juli?«

»Im Juli,« wiederholte Zieten. »Unter den Linden wird Salz gestreut, und

über diesen Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar aufgelöste

Nonnen; in dem großen Hauptschlitten aber, der die Mitte des Zuges

bildet, paradiren Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flöte,

während Katharinchen auf der Pritsche reitet. _Ad libitum_ mit Fackel

oder Schlittenpeitsche. Vorreiter eröffnen den Zug. Kostüme werden dem

Theater entnommen oder angefertigt. Ich habe gesprochen.«

Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der Ruhe gebietende Nostitz endlich

durchdrang. »Ich nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung, und

beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem einzigen und ersten

Meisterschuß gleich ins Schwarze getroffen zu haben. Also

Schlittenfahrt. Angenommen?«

»Ja, ja.«

»So bleibt nur noch Rollenvertheilung. Wer giebt den Luther?«

»Schach.«

»Er wird ablehnen.«

»Nicht doch,« krähte Zieten, der gegen den schönen, ihm bei mehr als

einer Gelegenheit vorgezogenen Schach eine Spezialmalice hegte: »wie

kann man Schach so verkennen! Ich kenn ihn besser. Er wird es freilich

eine halbe Stunde lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen und

sein Normal-Oval in eine bäurische _tête carré_ verwandeln zu müssen.

Aber schließlich wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen

Lohn darin finden, auf vierundzwanzig Stunden der Held des Tages zu

sein.«

Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war von der Wache her ein Gefreiter

eingetreten, um ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben.

»Ah, _lupus in fabula_.«

»Von Schach?«

»Ja!«

»Lesen, lesen!«

Und Nostitz erbrach den Brief und las. »Ich bitte Sie, lieber Nostitz,

bei der muthmaßlich in eben diesem Augenblicke stattfindenden

Versammlung unsrer jungen Offiziere, meinen Vermittler und wenn nöthig,

auch meinen Anwalt machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten, und

war anfänglich gewillt zu kommen. Inzwischen aber ist mir mitgetheilt

worden, um was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln wird, und

diese Mittheilung hat meinen Entschluß geändert. Es ist Ihnen kein

Geheimniß, daß all das, was man vorhat, meinem Gefühl widerstreitet, und

so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen können, wie viel oder

wie wenig ich (dem schon ein =Bühnen=-Luther _contre coeur_ war) für

einen Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß wir diesen Mummenschanz in

eine Zeit verlegen, die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch

nehmen darf, bessert sicherlich nichts. Jüngeren Kameraden soll aber

durch diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt werden, und

jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten. Ich bin

nicht das Gewissen des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. Ihr

Schach.«

»Ich wußt es,« sagte Nostitz in aller Ruhe, während er das Schachsche

Billet an dem ihm zunächst stehenden Lichte verbrannte. »Kamerad Zieten

ist größer in Vorschlägen und Phantastik, als in Menschenkenntniß. Er

will mir antworten, seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn in

diesem Augenblicke heißt es ausschließlich: wer spielt den Luther? Ich

bringe den Reformator unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn. Zum

Ersten, Zweiten und zum .... Dritten. Niemand? So bleibt mir nichts

übrig als Ernennung: Alvensleben, Sie.«

Dieser schüttelte den Kopf. »Ich stehe dazu wie Schach; machen Sie das

Spiel, ich bin kein Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht

mit. Kann nicht und will nicht. Es steckt mir dazu zu viel Katechismus

_Lutheri_ im Leibe.«

Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. »Alles zu seiner Zeit,« nahm er

das Wort »und wenn der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz

wenigstens seine Stunde. Sie nehmen alles zu gewissenhaft, zu feierlich,

zu pedantisch. Auch darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich gut

oder bös. Erinnern Sie sich, daß wir den alten Luther nicht verhöhnen

wollen, im Gegentheil, wir wollen ihn rächen. Was verhöhnt werden soll,

ist das =Stück=, ist die Lutherkarrikatur, ist der Reformator in

falschem Licht und an falscher Stelle. Wir sind Strafgericht, Instanz

aller oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie dürfen uns nicht im Stiche

lassen oder es fällt alles in den Brunnen.«

Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber Alvensleben blieb fest, und eine

kleine Verstimmung schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb

von allgemeinstem Jubel begrüßt) der junge Graf Herzberg erhob, um sich

für die Lutherrolle zu melden.

Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete sich rasch, und ehe zehn

Minuten um waren, waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf Herzberg

den Luther, Diricke den Famulus, Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe,

die Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach als Nonnenmaterial

eingeschrieben, und nur Zieten, dem man sich besonders verpflichtet

fühlte, rückte zur Aebtissin auf. Er erklärte denn auch sofort, auf

seinem Schlittensitz ein »_jeu_ entriren« oder mit dem Klostervogt eine

Partie Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel brach aus, und nachdem

noch in aller Kürze der nächste Montag für die Maskerade festgesetzt,

alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden war, schloß

Nostitz die Sitzung.

In der Thür drehte sich Diricke noch einmal um, und fragte: »Aber wenn's

regnet?«

»Es darf nicht regnen.«

»Und was wird aus dem Salz?«

»_C'est pour les domestiques._«

»_Et pour la canaille_,« schloß der jüngste Cornet.

Elftes Kapitel.

Die Schlittenfahrt.

Schweigen war gelobt worden, und es blieb auch wirklich verschwiegen.

Ein vielleicht einzig dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der

Stadt, daß die Gensdarmes »etwas vorhätten« und mal wieder über einem

jener tollen Streiche brüteten, um derentwillen sie vor andern

Regimentern einen Ruf hatten, aber man erfuhr weder worauf die Tollheit

hinauslaufen werde, noch auch für welchen Tag sie geplant sei. Selbst

die Carayonschen Damen, an deren letztem Empfangsabende weder Schach

noch Alvensleben erschienen waren, waren ohne Mittheilung geblieben, und

so brach denn die berühmte »Sommer-Schlittenfahrt« über Näher- und

Fernerstehende gleichmäßig überraschend herein.

In einem der in der Nähe der Mittel- und Dorotheenstraße gelegenen

Stallgebäude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend

prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern begleiteter Vorreiter

vorauf, ganz also wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit dem

Glockenschlage neun an dem Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu,

jagte weiter abwärts erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die

Behren- und Charlottenstraße hinein und wiederholte diese Fahrt um das

ebenbezeichnete Linden-Quarré herum in einer immer gesteigerten Eile.

Als der Zug das =erste= Mal an dem Carayonschen Hause vorüberkam und das

Licht der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage

fiel, eilte Frau von Carayon, die sich zufällig allein befand,

erschreckt ans Fenster und sah auf die Straße hinaus. Aber statt des

Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete, hörte sie nur, wie mitten im

Winter, ein Knallen großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit

Schellengeläut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu finden im Stande

war, war alles schon wieder vorüber und ließ sie verwirrt und fragend

und in einer halben Betäubung zurück. In solchem Zustande war es, daß

Victoire sie fand.

»Um Gotteswillen, Mama, was ist?«

Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte, war die Spitze der Maskerade

zum =zweiten= Male heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und zu

bessrer Orientirung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon

hinausgetreten waren, waren von diesem Augenblick an nicht länger mehr

im Zweifel, was das Ganze bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und

was. Erst unzüchtige Nonnen, mit einer Hexe von Aebtissin an der Spitze,

johlend, trinkend und Karte spielend, und in der Mitte des Zuges ein auf

Rollen laufender und in der Fülle seiner Vergoldung augenscheinlich als

Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem Luther sammt Famulus und

auf der Pritsche Katharina von Bora saß. An der riesigen Gestalt

erkannten sie Nostitz. Aber wer war =der= auf dem Vordersitz? fragte

sich Victoire. Wer verbarg sich hinter dieser Luther-Maske? War =er= es?

Nein, es war unmöglich. Und doch, auch wenn er es =nicht= war, er war

doch immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele, das er

gutgeheißen oder wenigstens nicht gehindert hatte. Welche verkommne

Welt, wie pietätlos, wie baar aller Schicklichkeit! Wie schaal und ekel.

Ein Gefühl unendlichen Wehs ergriff sie, das Schöne verzerrt und das

Reine durch den Schlamm gezogen zu sehen. Und warum? Um einen Tag lang

von sich reden zu machen, um einer kleinlichen Eitelkeit willen. Und

=das= war die Sphäre, darin sie gedacht und gelacht, und gelebt und

gewebt, und darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das Schlimmste von

allem, an Liebe geglaubt hatte!

»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den Arm der Mutter nahm, und

wandte sich, um in das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen

konnte, wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht und sank auf der

Schwelle des Balkons nieder.

Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und beide trugen sie bis an das

Sopha, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen

wurde. Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die Kissen, und

als die Mutter ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser waschen

wollte, stieß sie sie heftig zurück. Aber im nächsten Augenblick riß sie

der Mama das Flacon aus der Hand und goß es sich über Hals und Nacken.

»Ich bin mir zuwider, zuwider wie die Welt. In meiner Krankheit damals

hab ich Gott um mein Leben gebeten .... Aber wir =sollen= nicht um unser

Leben bitten .... Gott weiß am besten, was uns frommt. Und wenn er uns

zu sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: laß uns noch ....

O, wie schmerzlich ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!«

Frau von Carayon kniete neben dem Sopha nieder und sprach ihr zu.

Denselben Augenblick aber schoß der Schlittenzug zum =dritten= Mal an

dem Hause vorüber, und wieder war es, als ob sich schwarze phantastische

Gestalten in dem glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist es nicht

wie die Hölle?« sagte Victoire, während sie nach dem Schattenspiel an

der Decke zeigte.

Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt rufen zu lassen. In

Wahrheit aber lag ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein und

einer Aussprache mit dem geliebten Kinde.

»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und zitterst. Und siehst so starr.

Ich erkenne meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, Kind, was ist

denn geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter vielen, und ich

weiß Zeiten, wo Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt hättest. Es

ist etwas andres, was Dich quält und drückt; ich seh es seit Tagen

schon. Aber Du verschweigst mir's, Du hast ein Geheimniß. Ich beschwöre

Dich, Victoire, sprich. Du darfst es. Es sei, was es sei.«

Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons Hals, und ein Strom von

Thränen entquoll ihrem Auge.

»Beste Mutter!«

Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie und beichtete ihr alles.

Zwölftes Kapitel.

Schach bei Frau von Carayon.

Am andern Vormittage saß Frau von Carayon am Bette der Tochter und

sagte, während diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen

ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte: »Habe Vertrauen,

Kind. Ich kenn ihn so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach Art

aller schönen Männer, aber von einem nicht gewöhnlichen Rechtsgefühl und

einer untadligen Gesinnung.«

In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von Schach gemeldet, und der

alte Jannasch setzte hinzu, »daß er ihn in den Salon geführt habe.«

Frau von Carayon nickte zustimmend.

»Ich wußte, das er kommen würde,« sagte Victoire.

»Weil Du's geträumt?«

»Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur und rechne. Seit einiger Zeit

weiß ich im voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er

erscheinen wird. Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist oder eine

Neuigkeit vorliegt, über die sich bequem sprechen läßt. Er geht einer

intimen Unterhaltung mit mir aus dem Wege. So kam er nach der Aufführung

des Stücks, und heute kommt er nach der Aufführung der Schlittenfahrt.

Ich bin doch begierig, ob er mit dabei war. War er's, so sag ihm, wie

sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber nicht.«

Frau von Carayon war bewegt. »Ach, meine süße Victoire, Du bist zu gut,

viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner.« Und sie streichelte die

Tochter und ging über den Korridor fort in den Salon, wo Schach ihrer

wartete.

Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich ihr die Hand

zu küssen, was sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr Benehmen

verändert. Sie wies mit einem Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf

einen der zur Seite stehenden japanischen Stühle, schob sich ein

Fußkissen heran, und nahm ihrerseits auf dem Sopha Platz.

»Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in

Erfahrung zu bringen, ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen

gefunden hat oder nicht.«

»Offen gestanden, nein. Ich, für meine Person, fand es wenig passend,

und Victoire fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt.«

»Ein Gefühl, das ich theile.«

»So waren Sie nicht mit von der Partie?«

»Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, es noch erst versichern zu

müssen. Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure

Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst über das Stück und

seinen Verfasser sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso noch

heut. Ernste Dinge fordern auch eine ernste Behandlung, und es freut

mich aufrichtig, Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie zu Haus?«

»Zu Bett.«

»Ich hoffe nichts Ernstliches.«

»Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem

sie gestern Abend befallen wurde.«

»Muthmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit. Ich beklag es von ganzem

Herzen.«

»Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke verpflichtet. In dem

Degoût über die Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste sich ihr die

Zunge; sie brach ihr langes Schweigen, und vertraute mir ein Geheimniß

an, ein Geheimniß, das Sie kennen.«

Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war wie mit Blut übergossen.

»Lieber Schach,« fuhr Frau von Carayon fort, während sie jetzt seine

Hand nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah:

»lieber Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene zu machen

oder gar eine Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die mir am meisten

verhaßt sind, gehört auch Tugendschwätzerei. Ich habe von Jugend auf in

der Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches an meinem eignen

Herzen erfahren. Und wär ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern

verbergen zu wollen, wie könnt ich es vor =Ihnen=?«

Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit ihrem Battisttuch ihre

Stirn berührte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu:

»Freilich es giebt ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die den Spruch

von der Linken, die nicht wissen soll was die Rechte thut, dahin deuten,

daß das Heute nicht wissen soll, was das Gestern that. Oder wohl gar das

Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu diesen Virtuosinnen des Vergessens.

Ich leugne nichts, will es nicht, mag es nicht. Und nun verurtheilen Sie

mich, wenn Sie können.«

Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und seine ganze Haltung

zeigte, welche Gewalt sie noch immer über ihn ausübte.

»Lieber Schach,« fuhr sie fort, »Sie sehen, ich gebe mich Ihrem Urtheil

preis. Aber wenn ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung

oder Anwaltschaft für Josephine von Carayon enthalte, für =Josephine=

(Verzeihung, Sie haben eben selbst den alten Namen wieder

heraufbeschworen) so darf ich doch nicht darauf verzichten, der Anwalt

der =Frau= von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres Namens.«

Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. Sie ließ es aber nicht zu.

»Noch einen Augenblick. Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu sagen

habe. Victoire hat mich gebeten, über =alles= zu schweigen, nichts zu

verrathen, auch =Ihnen= nicht, und nichts zu verlangen. Zur Sühne für

eine halbe Schuld (und ich rechne hoch, wenn ich von einer =halben=

Schuld spreche) will sie die =ganze= tragen, auch vor der Welt, und will

sich in jenem romantischen Zuge, der ihr eigen ist, aus ihrem Unglück

ein Glück erziehen. Sie gefällt sich in dem Hochgefühl des Opfers, in

einem süßen Hinsterben für =den=, den sie liebt, und für =das=, was sie

lieben =wird=. Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire bin, so

bin ich doch nicht schwach genug, ihr in dieser Großmuthskomödie zu

willen zu sein. Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich

erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen,

und ich habe nicht Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten

Tochter zur Liebe meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu

bringen. Mit andern Worten, ich habe nicht Lust ins Kloster zu gehen

oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige zu spielen, auch nicht um

Victoirens willen. Und so muß ich denn auf Legitimisirung des

Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war es, was ich Ihnen

zu sagen hatte.«

Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte sich wieder zu

sammeln, erwiderte, »daß er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben

seine natürliche Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz gedenk er sich

nicht zu entziehen. Wenn ihm =das=, was er jetzt wisse, bereits früher

bekannt geworden sei, würd er um eben die Schritte, die Frau von Carayon

jetzt fordere, seinerseits aus freien Stücken gebeten haben. Er habe den

Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben, und von einer solchen

langgehegten Vorstellung Abschied zu nehmen, schaffe momentan eine

gewisse Verwirrung. Aber er fühle mit nicht mindrer Gewißheit, daß er

sich zu dem Tage zu beglückwünschen habe, der binnen kurzem diesen

Wechsel in sein Leben bringen werde. Victoire sei der Mutter Tochter,

das sei die beste Gewähr seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen

Glücks.«

All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen, aber doch zugleich

auch mit einer bemerkenswerthen Kühle.

Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr nicht nur schmerzlichen,

sondern sie geradezu verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte, war

weder die Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach schwieg,

erwiderte sie spitz: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte, Herr

von Schach, ganz besonders auch für =das=, was sich darin an meine

Person richtete. Daß Ihr 'ja' rückhaltloser und ungesuchter hätte

klingen können, empfinden Sie wohl am eignen Herzen. Aber gleichviel,

mir genügt das 'Ja'. Denn wonach dürst ich denn am Ende? Nach einer

Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich will mich einmal wieder in

gelbem Atlas sehn, der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren

Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten -- denn ein

wenig prinzeßlich werden wir's doch wohl halten müssen, schon um Tante

Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind

dann wieder frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen, in

Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen, was geschehen

=mußte=.«

Schach schwieg.

»Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbniß an. Ueber alles andre werden

wir uns leicht verständigen. Wenn es sein muß, schriftlich. Aber die

Kranke wartet jetzt auf mich, und so verzeihen Sie.«

Frau von Carayon erhob sich und gleich danach verabschiedete sich Schach

in aller Förmlichkeit, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen

gesprochen worden wäre.

Dreizehntes Kapitel.

»_Le choix du Schach._«

In beinah offner Gegnerschaft hatte man sich getrennt. Aber es ging

alles besser, als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden

konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief beitrug, den Schach andern Tags

an Frau von Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in allem Freimuth

schuldig, schützte, wie schon während des Gesprächs selbst,

Ueberraschung und Verwirrung vor, und traf in allen diesen Erklärungen

einen wärmeren Ton, eine herzlichere Sprache. Ja, sein Rechtsgefühl, dem

er ein Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr sagen, als zu sagen

gut und klug war. Er sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied

absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen von Respekt und

Werthschätzung, die so bitter wehe thun, wo das einfache Geständniß

einer herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire sog jedes Wort ein,

und als die Mama schließlich den Brief aus der Hand legte, sah diese

letztre nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glück ausgereicht hatten,

ihrem armen Kinde die Hoffnung, und =mit= dieser Hoffnung auch die

verlorene Frische zurückzugeben. Die Kranke strahlte, fühlte sich wie

genesen, und Frau von Carayon sagte: »wie hübsch Du bist, Victoire.«

Schach von Wuthenow Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes · 第 6 / 11 段