fortzusetzen und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fuß des
Schloßhügels herum, bis er in Front des Schlosses selber war. Und nun
sah er hinauf, und sah die große Terrasse, die von Orangeriekübeln und
Cypressenpyramiden eingefaßt, bis dicht an den See hinunterführte. Nur
ein schmal Stück Wiese lag noch dazwischen, und auf eben dieser Wiese
stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach jetzt umschritt, einmal,
vielemal, als würd er in ihrem Bann gehalten. Es war ersichtlich, daß
ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern Kreis gemahnte, denn er
murmelte vor sich hin: könnt' ich heraus!
Das Wasser, das hier so verhältnißmäßig nah an die Schloßterrasse
herantrat, war ein bloßer todter Arm des Sees, nicht der See selbst. Auf
diesen See hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine
höchste Wonne gewesen.
»Ist ein Boot da, so fahr ich.« Und er schritt auf den Schilfgürtel zu,
der die tief einmündende Bucht von drei Seiten her einfaßte. Nirgends
schien ein Zugang. Schließlich indeß fand er einen überwachsenen Steg,
an dessen Ende das große Sommerboot lag, das seine Mama viele Jahre lang
benutzt hatte, wenn sie nach Karwe hinüberfuhr, um den Knesebecks einen
Besuch zu machen. Auch Ruder und Stangen fanden sich, während der flache
Boden des Boots, um einen trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem
Binsenstroh überdeckt war. Schach sprang hinein, löste die
Kette vom Pflock und stieß ab. Irgend welche Ruderkünste zu
zeigen war ihm vor der Hand noch unmöglich, denn das Wasser war so
seicht und schmal, daß er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben
würde. Bald aber verbreiterte sichs und er konnte nun die Ruder
einlegen. Eine tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach, und
Schach hörte nichts als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des
Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgürtel brach. Endlich aber war
er in dem großen und eigentlichen See, durch den der Rhin fließt, und
die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich an einem Gekräusel der sonst
spiegelglatten Fläche deutlich erkennen. In diese Strömung bog er jetzt
ein, gab dem Boote die rechte Richtung, legte sich und die Ruder ins
Binsenstroh und fühlte sofort, wie das Treiben und ein leises Schaukeln
begann.
Immer blasser wurden die Sterne, der Himmel röthete sich im Osten und er
schlief ein.
Als er erwachte, war das mit dem Strom gehende Boot schon weit über die
Stelle hinaus, wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog. Er
nahm also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft
ein, um aus der Strömung heraus und an die verpaßte Stelle
zurückzukommen, und freute sich der Anstrengung die es ihn kostete.
Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber dem First des Wuthenower
Herrenhauses hing die Sonne, während drüben am andern Ufer die Wolken im
Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
warfen. Auf dem See selbst aber begann es sich zu regen, und ein die
Morgenbrise benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach
vorüber. Ein Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln that ihm wohl,
denn er fühlte deutlich, wie der Druck, der auf ihm lastete, sich dabei
minderte. »Nahm er es nicht zu schwer? Was war es denn am Ende? Bosheit
und Uebelwollen. Und wer kann sich =dem= entziehn! Es kommt und geht.
Eine Woche noch, und die Bosheit hat sich ausgelebt.« Aber während er so
sich tröstete, zogen auch wieder andre Bilder herauf, und er sah sich in
einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften vorfahren, um ihnen
Victoire von Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er hörte
deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer Tochter, der schönen
Radziwill, zuflüsterte: »_Est-elle riche?_« »_Sans doute._« »_Ah, je
comprends._«
Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen bog er wieder in die kurz
vorher so stille Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und
bewegtes Leben herrschte. Die darin nistenden Vögel kreischten oder
gurrten, ein paar Kibitze flogen auf, und eine Wildente, die sich
neugierig umsah, tauchte nieder, als das Boot plötzlich in Sicht kam.
Eine Minute später, und Schach hielt wieder am Steg, schlang die Kette
fest um den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes Umwegs die Terrasse
hinauf, auf deren oberstem Absatz er Krists Frau, der alten Mutter
Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer Ziege das erste
Grünfutter zu bringen.
»Tag, Mutter Kreepschen.«
Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen im Gartensalon vermutheten
jungen Herrn (um dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall
gelassen hatte, bloß damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stören
sollte) jetzt von der Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu
sehn.
»Jott, junge Herr. Wo kümmen's denn her?«
»Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.«
»Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?«
»Beinah. Mücken und Motten waren's. Ich hatte das Licht brennen lassen.
Und der eine Fensterflügel war auf.«
»Awers worümm hebbens denn dat Licht nich utpuust? Dat weet doch
jed-een, wo Licht is, doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten. Ick weet
nich! Un mien oll Kreepsch, he woahrd ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un
nich en Oog to.«
»Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen, im Boot, und ganz gut und
ganz fest. Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt, dann bringt Ihr
mir wohl was Warmes. Nicht wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.«
»Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; Füer is ümmer dat ihrst.
Versteiht sich, versteiht sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks;
man blot de oll Zick, de geiht för. Se jloben joar nich, junge Herr, wie
schabernacksch so'n oll' Zick' is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp
hätt, ob et feif is o'r söss. Un wenn't söss is, denn wohrd se falsch.
Un kumm ick denn un will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat se
denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier in't Krüz, dicht bi de
Hüft'. Un worümm? Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben deih.
Awers nu kummen's man ihrst in uns Stuw, un setten sich en beten dahl.
Mien oll Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schütt't em wat in.
Awers keen Viertelstunn mihr, junge Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un
ook wat dato. De oll Semmelfru von Herzberg wihr joa all hier.«
Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens gute Stube getreten. Alles
darin war sauber und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthümlicher
Geruch herrschte vor, der von einem Pfeffer- und Koriander-Mixtum
herrührte, das die Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die
Sophaecken gesteckt hatte. Schach öffnete deshalb das Fenster, kettelte
den Haken ein, und war nun erst im Stande, sich all der Kleinigkeiten zu
freun, die die »gute Stube« schmückten. Ueber dem Sopha hingen zwei
kleine Kalenderbildchen, Anekdoten aus dem Leben des Großen Königs
darstellend, »Du, du« stand unter dem einen, und »_Bon soir, Messieurs_«
unter dem andern. Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum hingen zwei
dicke Immortellenkränze mit schwarzen und weißen Schleifen daran,
während auf dem kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras stand.
Das Hauptschmuckstück aber war ein Schilderhäuschen mit rothem Dach, in
dem früher, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen gehaust und
seinen Futterwagen an der Kette herangezogen hatte. Jetzt war es leer,
und der Wagen hatte stille Tage.
Schach war eben mit seiner Musterung fertig, als ihm auch schon gemeldet
wurde »daß drüben alles klar sei.«
Und wirklich, als er in den Gartensalon eintrat, der ihm ein Nachtlager
so beharrlich verweigert hatte, war er überrascht, was Ordnungssinn und
ein paar freundliche Hände mittlerweile daraus gemacht hatten. Thür und
Fenster standen auf, die Morgensonne füllte den Raum mit Licht und aller
Staub war von Tisch und Sopha verschwunden. Einen Augenblick später
erschien auch schon Krists Frau mit dem Kaffee, die Semmeln in einen
Korb gelegt, und als Schach eben den Deckel von der kleinen Meißner
Kanne heben wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken herauf.
»Was ist denn =das=?« fragte Schach. »Es kann ja kaum sieben sein.«
»Justement sieben, junge Herr.«
»Aber sonst war es doch erst um elf. Und um zwölfe dann Predigt.«
»Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. Un ümmer den dritt'n Sünndag is et
anners. Twee Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt, denn is't um
twölwen, wiel he joa ihrst in Radensleben preestern deiht, awers den
dritten Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt, denn is et all um
achten. Un ümmer, wenn uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen
Ollschen von dröwen abstötten seiht, denn treckt he joa sien Klock. Und
dat's ümmer um seb'n.«
»Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?«
»Na, wie sall he heten? He heet ümmer noch so. Is joa ümmer noch de oll
Bienengräber.«
»Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer ein sehr guter Mann.«
»Joa, dat is he. Man blot, he hett keene Teihn mihr, ook nich een', un
nu brummelt un mummelt he ümmerto, un keen Minsch versteiht em.«
»Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter Kreepschen. Aber die Leute haben
immer was auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich will hingehen
und mal wieder nachsehen, was mir der alte Bienengräber zu sagen hat,
mir und den andern. Hat er denn noch in seiner Stube das große Hufeisen,
dran ein Zehnpfundgewicht hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn ich
nicht aufpaßte.«
»Dat woahrd he woll noch hebben. De Jungens passen joa all nich upp.«
Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn nicht länger zu stören, und
versprach ihm ein Gesangbuch zu bringen.
Schach hatte guten Appetit und ließ sich die Herzberger Semmeln
schmecken. Denn seit er Berlin verlassen, war noch kein Bissen über
seine Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, um in die Gartenthür
zu treten und sah von hier aus über das Rondeel und die
Buchsbaumrabatten und weiter dahinter über die Baumwipfel des Parkes
fort, bis sein Auge schließlich auf einem sonnenbeschienenen
Storchenpaar ausruhte, das unten, am Fuße des Hügels, über eine mit
Ampfer und Ranunkel roth und gelb gemusterte Wiese hinschritt.
Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei Betrachtungen; aber es
läutete gerade zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf hinunter,
um, von dem herrschaftlichen Chorstuhl aus zu hören, »was ihm der alte
Bienengräber zu sagen habe.«
Bienengräber sprach gut genug, so recht aus dem Herzen und der Erfahrung
heraus, und als der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder leer war,
wollte Schach auch wirklich in die Sakristei gehen, dem Alten danken für
manches gute Wort aus längst vergangener Zeit her, und ihn in seinem
Boot über den See hin zurückbegleiten. Unterwegs aber wollt er ihm alles
sagen, ihm beichten, und seinen Rath erbitten. Er würde schon Antwort
wissen. Das Alter sei allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-, so
doch bloß schon von Alters wegen. »Aber,« unterbrach er sich mitten in
diesem Vorsatze, »was soll mir schließlich seine Antwort? hab ich diese
Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie nicht in mir selbst? Kenn ich
nicht die Gebote? Was mir fehlt, ist bloß die Lust, ihnen zu gehorchen.«
Und während er so vor sich hinredete, ließ er den Plan eines
Zwiegesprächs fallen, und stieg den Schloßberg wieder hinauf.
Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche nichts abgehandelt, und
=doch= schlug es erst zehn, als er wieder oben anlangte.
Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal, zweimal, und sah sich die
Bilder aller der Schachs an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden
umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen in der Armee gewesen, alle
trugen sie den Schwarzen Adler oder den Pour le Merite. =Das= hier war
der General, der bei Malplaquet die große Redoute nahm, und =das= hier
war das Bild seines eigenen Großvaters, des Obersten im Regiment
Itzenplitz, der den Hochkirchner Kirchhof mit vierhundert Mann eine
Stunde lang gehalten hatte. Schließlich fiel er, zerhauen und
zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und dazwischen hingen die
Frauen, einige schön, am schönsten aber seine Mutter.
Als er wieder in dem Gartensalon war, schlug es zwölf. Er warf sich in
die Sopha-Ecke, legte die Hand über Aug und Stirn und zählte die
Schläge. »Zwölf. Jetzt bin ich zwölf Stunden hier, und mir ist als wären
es zwölf Jahre .... Wie wird es sein? Alltags die Kreepschen, und
Sonntags Bienengräber oder der Radenslebensche, was keinen Unterschied
macht. Einer wie der andre. Gute Leute, versteht sich, alle gut .... Und
dann geh ich mit Victoire durch den Garten, und aus dem Park auf die
Wiese, dieselbe Wiese, die wir vom Schloß aus immer und ewig und ewig
und immer sehn, und auf der der Ampfer und die Ranunkeln blühn. Und
dazwischen spazieren die Störche. Vielleicht sind wir allein; aber
vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger neben uns her und singt
in einem fort: 'Adebaar, Du Bester, bring mir eine Schwester.' Und meine
Schloßherrin erröthet und wünscht sich das Schwesterchen =auch=. Und
endlich sind elf Jahre herum, und wir halten an der 'ersten Station,' an
der ersten Station, die die 'stroherne Hochzeit' heißt. Ein sonderbares
Wort. Und dann ist auch allmählich die Zeit da, sich malen zu lassen,
malen zu lassen für die Galerie. Denn wir dürfen doch am Ende nicht
fehlen! Und zwischen die Generäle rück ich dann als Rittmeister ein, und
zwischen die schönen Frauen kommt Victoire. Vorher aber hab ich eine
Konferenz mit dem Maler und sag ihm: 'Ich rechne darauf, daß Sie den
=Ausdruck= zu treffen wissen. Die Seele macht ähnlich.' Oder soll ich
ihm geradezu sagen: 'machen Sie's gnädig'.... Nein, nein!«
Fünfzehntes Kapitel.
Die Schachs und die Carayons.
Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die Carayons erfuhren nichts
von dem, was die halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, erschien
Tante Marguerite, fand Victoiren »um dem Kinn etwas spitz« und warf im
Laufe der Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es sollen ja
Karrikatüren erschienen sein?«
Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen
zuzählte, die nur immer von allem »gehört haben«, und als Victoire
fragte: »=was= denn, liebe Tante?« wiederholte sie nur: »Karrikatüren,
liebes Kind. Ich weiß es ganz genau.« Und damit ließ man den
Gesprächsgegenstand fallen.
Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter, daß sie von den Spott-
und Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung
brachten; aber für den =Dritt=betheiligten, für Schach, war es ebenso
gewiß ein Unglück und eine Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau von
Carayon, als deren schönster Herzenszug ein tiefes Mitgefühl gelten
konnte, nur die kleinste Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die
ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet worden war, so würde
sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand genommen, aber
ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme gespendet haben; ohne
jede Kenntniß jedoch von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrirte
sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von dem Augenblick
an, wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr, über seinen
»Wort- und Treubruch«, als den sie's ansah, in den heftigsten und
unschmeichelhaftesten Ausdrücken.
Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge hörte. Denselben Abend
noch, an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich
Alvensleben bei den Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft
peinlich war, zog sich zurück, Frau von Carayon aber ließ bitten und
empfing ihn mit besondrer Herzlichkeit.
»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber Alvensleben, wie sehr ich mich
freue, Sie nach so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine Welt von
Dingen hat sich seitdem zugetragen. Und ein Glück, daß Sie standhaft
blieben, als man Ihnen den Luther aufzwingen wollte. Das hätte mir Ihr
Bild ein für allemal verdorben.«
»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich einen Augenblick, ob ich
ablehnen sollte.«
»Und weshalb?«
»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar =vor=her abgelehnt hatte.
Nachgerade widersteht es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen
zu treten. Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich einfach als
seinen Abklatsch bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst neulich
wieder zurief: 'Hüten Sie sich, Alvensleben, daß Sie nicht als
Schach II. in die Rang- und Quartierliste kommen'.«
»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind eben doch anders.«
»Aber nicht besser.«
»Wer weiß.«
»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner schönen Frau von Carayon
einigermaßen überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde, wenn er davon
hörte, seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden würde.«
»Seine Wuthenower Tage?«
»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht
davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in
sein altes Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich
behauptete, daß es halb Wurmfraß und halb Romantik sei.«
»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen.« Sie
wollte mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das
Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher
Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der
Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste
wußte. Wirklich, es war der Frau von Carayon auch in der
zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn
gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete hören zu
wollen.
Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges
nunmehr los und ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten,
in Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu
machen. Denn eine Flucht war es.
Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht
oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig.
»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird
eintreffen und über alles Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du
wirst sehn, daß Du Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr
nachgegeben hast, als recht und billig war.«
Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen.
»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist
eitel und hochfahrend, und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends
überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins Ridiküle. Glaube mir, er
will Einfluß haben und zieht sich im Stillen irgend einen politischen
oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was mich aber am meisten
verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel
besonnen, und fängt an sein Schach- oder Schachenthum für etwas ganz
Besondres in der Weltgeschichte zu halten.«
»Und thut damit nicht mehr, als was =alle= thun .... Und die Schachs
sind doch =wirklich= eine alte Familie.«
»Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er über seinen
Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier
überall. Aber was soll =uns= das? Oder zum wenigsten was soll es =Dir=? An
mir hätt er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter,
der kleinen Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du
Victoire, Du; Du bist nicht blos meine Tochter, Du bist auch
Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!«
Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an.
»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dir's nicht. Hast Du mich
doch selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße
Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater
ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem
er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt
hat, eine willkommene Waffe gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in
die Hand giebt. Schach, Schach! Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte
nicht und =will= sie nicht kennen, aber ich wette diese meine Broche
gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das ganze Geschlecht auf die
Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts übrig
bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle
devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich =diese=
Leute kennen!«
»Aber, Mama ....«
»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel
und nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch
im Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder
ging. _Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon!_ Sie hatten ihre
Schlösser, beiläufig =wirkliche= Schlösser, so blos armselig an der
Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern
fielen unter der Guillotine, weil sie treu und frei zugleich waren und
uneingeschüchtert durch das Geschrei des Berges für das Leben ihres
Königs gestimmt hatten.«
Immer verwunderter folgte Victoire.
»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von
Jüngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen von =heute=. Denn ich
weiß wohl, das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen
derer, die schon gestern da waren, gleichviel =wie=. Nein, ich will von
alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins Land und an
den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog, und eine
lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen
die Carayons, _ces pauvres et malheureux Carayon_, mit vor Jerusalem und
eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an
ihren Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie
hieß auch Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte,
dessen erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und
endlich König von Cypern war, da waren wir mit einem Königshause
versippt und verschwägert, mit den Lusignans, aus deren großem Hause die
schöne Melusine kam, unglücklichen aber Gott sei Dank unprosaischen
Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir ganz andere Dinge gesehn
haben, will sich dieser Schach abwenden und sich hochmüthig zurückziehn?
=Unsrer= will er sich schämen? Er, Schach. Will er es als Schach, oder
will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es denn mit
beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und Wuthenow
ist eine Lehmkathe.«
»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern
Seite hin. Und da =find= ich es auch.«
Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie
leidenschaftlich. »Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine
Mama. Und nur =Eines= ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte
Dich =auch= lieben! Schon um Deiner Demuth willen.«
Victoire lächelte.
»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt und ausgeschieden seiest,
beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du =bist= nicht so
verarmt. Und auch er ....«
Sie stockte.
»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und Alvensleben hat mir erzählt, in
welch enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner
Schönheit auf dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das ist nicht hin,
davon blieb Dir, und jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen
Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu
verpflichtet ist, so ist =er='s! Aber er sträubt sich, denn so hautain
er ist, so konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher Aufmerker. Er
hört auf das, was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut (=wir=
müssen's), so heiß ich das Feigheit und _lâcheté_. Aber er soll mir Rede
stehn. Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demüthigen, so
gewiß er =uns= demüthigen wollte.«
Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer
zurück, setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb.