Achtes Kapitel.

Schach und Victoire.

Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, daß in Berlin bekannt wurde,

der König werde noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen, um

auf dem Tempelhofer Felde eine große Revue zu halten. Die Nachricht

davon weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse, weil die

gesammte Bevölkerung nicht nur dem Frieden mißtraute, den Haugwitz mit

heimgebracht hatte, sondern auch mehr und mehr der Ueberzeugung lebte,

daß im Letzten immer nur unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit

beziehungsweise unsre Rettung sein werde. Welch andre Kraft aber hatten

wir als die Armee, die Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging,

immer noch die friedericianische war.

In solcher Stimmung sah man dem Revuetage, der ein Sonnabend war,

entgegen.

Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen an darbot, entsprach der

Aufregung, die herrschte. Tausende strömten hinaus, und bedeckten vom

Halleschen Thor an die bergansteigende Straße, zu deren beiden Seiten

sich die »Knapphänse«, diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren

Körben und Flaschen etablirt hatten. Bald danach erschienen auch die

Equipagen der vornehmen Welt, unter diesen =die= Schachs, die für den

heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war.

Im selben Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke,

früher Offizier, der, als naher Anverwandter Schachs, die Honneurs und

zugleich den militärischen Interpreten machte. Frau von Carayon trug ein

stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe, während

von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer Schleier im Winde

flatterte. Neben dem Kutscher saß der Groom und erfreute sich der Huld

beider Damen, ganz besonders auch der ziemlich willkürlich accentuirten

englischen Worte, die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete.

Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs angemeldet worden, aber lange

vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen, altberühmten

Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim und Möllendorff, ihre

Janitscharenmusik vorauf. Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps,

Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt in einer immer dicker

werdenden Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und

klapperten, die zum Theil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings

wieder bei Valmy und Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer Jubel

begleitete den Anmarsch, und wahrlich, wer sie so heranziehen sah, dem

mußte das Herz in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen. Auch die

Carayons theilten das allgemeine Gefühl, und nahmen es als bloße

Verstimmung oder Altersängstlichkeit, als der alte Herr von der Recke

sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte: »Prägen wir uns diesen

Anblick ein, meine Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung eines alten

Mannes, wir werden diese Pracht nicht wiedersehen. Es ist die

Abschiedsrevue der friedericianischen Armee.«

* * * * *

Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkältet und blieb

in ihrer Wohnung zurück, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr,

ein Vergnügen, das sie jederzeit geliebt hatte, zu keiner Zeit aber mehr

als damals, wo sich zu der künstlerischen Anregung auch noch etwas von

wohlthuender politischer Emotion gesellte. Wallenstein, die Jungfrau,

Tell erschienen gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs »politischer

Zinngießer«, der, wie Publikum und Direktion gemeinschaftlich fühlen

mochten, um ein Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse zu

lärmenden Demonstrationen geeignet war.

Victoire war allein. Ihr that die Ruhe wohl und in einen türkischen

Shawl gehüllt, lag sie träumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, den

sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke

nur flüchtig gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer freilich,

als sie von der Revue wieder zurückgekommen war.

Es war ein Brief von Lisette.

Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und las eine Stelle, die sie

schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ».... Du mußt

wissen, meine liebe Victoire, daß ich, Pardon für dies offne Geständniß,

mancher Aeußerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben

schenke. Du suchst Dich und mich zu täuschen, wenn Du schreibst, daß Du

Dich in ein Respektsverhältniß zu S. hineindenkst. Er würde selber

lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen,

ja, verzeihe, so piquirt werden konntest, als er den Arm Deiner Mama

nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie denn auch

andres noch, was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich lerne

Dich plötzlich von einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht

kannte, von der argwöhnischen nämlich. Und nun, meine theure Victoire,

hab ein freundliches Ohr für das, was ich Dir in Bezug auf diesen

wichtigen Punkt zu sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst Dich

ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die

durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen

Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall

überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und entweder

Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen =gegen= ihn fallen

lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, 'ja, das Ritterliche',

fügst Du hinzu, 'sei so recht eigentlich seine Natur', und im selben

Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer

Handelsweise, die, träfe sie zu, das Unritterlichste von der Welt sein

würde. Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist entweder ein Mann von

Ehre, oder man ist es nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei

gutes Muthes, und halte Dich ein für allemal versichert, =Dir lügt der

Spiegel=. Es ist nur =Eines=, um dessentwillen wir Frauen leben, wir

leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber =wodurch= wir es gewinnen, ist

gleichgiltig.«

Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. »Es räth und tröstet sich

leicht aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie

großmüthig. Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.«

Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen.

In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein

zweites Mal, ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten

es Beate und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort? Eine

Neugier überkam sie. Sie ging also leise bis an die Thür und sah auf den

Vorflur hinaus. Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu

thun sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und bat ihn einzutreten.

»Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.«

»Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein

prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch

ziemlich scharf ....«

»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade

heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der

Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen) und diese

Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich

zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfänglich

Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles, was

Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich auch aus

Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.«

»Die nun mein Erscheinen =doch= wiederum stört. Aber nicht auf lange,

nur gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer

Anfrage, mit der ich übrigens leichtmöglicherweise zu spät komme, wenn

Alvensleben schon gesprochen haben sollte.«

»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht Dinge sind, die Mama

für gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.«

»Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist ein Auftrag, der sich an

Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim

Prinzen, _cercle intime_, zuletzt natürlich auch Dussek. Er sprach vom

Theater (von was andrem sollt er) und brachte sogar Bülow zum Schweigen,

was vielleicht eine That war.«

»Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.«

»Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon, um wenigstens

in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein.«

»Immer schlimmer, immer größere Ketzereien. Ich werde Sie vor das

Großinquisitoriat der Mama bringen. Und wenigstens der Tortur einer

Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.«

»Ich wüßte keine liebere Strafe.«

»Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der Prinz ....«

»Er will Sie sehen, =beide=, Mutter und Tochter. Frau Pauline, die, wie

Sie vielleicht wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine

Einladung überbringen.«

»Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen

werden.«

»Was mich nicht wenig überrascht. Und Sie können, meine theure Victoire,

dies kaum im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gnädger

Herr, und ich lieb ihn _de tout mon coeur_. Es bedarf keiner Worte

darüber. Aber er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten, oder,

wenn Sie mir den Vergleich gestatten wollen, ein Licht, das mit einem

Räuber brennt. Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler

Fürstlichkeiten, in Kriegs- und in Liebesabenteuern gleich hervorragend

zu sein, oder es noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd ein

Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei grundsatzlos und rücksichtslos,

sogar ohne Rücksicht auf den Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste

ist. Sie kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline?«

»Ja.«

»Und ....«

»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist etwas andres als

sie verurtheilen. Mama hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu

kümmern und zu grämen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage Sie, lieber

Schach, was würd aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, wenn wir

uns innerhalb unsrer Umgangs- und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern

aufwerfen und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels

hin prüfen wollten? Etwa durch eine Wasser- und Feuerprobe. Die

Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie verwirft,

ist verwerflich. Außerdem liegt hier alles exzeptionell. Der Prinz ist

ein Prinz, Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... bin ich.«

»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, Victoire?«

»Ja. Die Götter balanciren. Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt:

'wem genommen wird, dem wird auch gegeben'. In meinem Falle liegt der

Tausch etwas schmerzlich, und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu

haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten

vorüber, und freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines Alters und

Geschlechts erschrecken, das darf ich. An dem Abende bei Massows, wo man

mir zuerst huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, eine

Sklavin. Oder doch abhängig von hundert Dingen. Jetzt bin ich frei.«

Schach sah verwundert auf die Sprecherin. Manches, was der Prinz über

sie gesagt hatte, ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen oder

Einfälle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich geröthet, und ein

aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer

trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte jedoch sich in den leichten

Ton, in dem ihr Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und sagte:

»Meine theure Victoire scherzt. Ich möchte wetten, es ist ein Band

Rousseau, was da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit dem

Dichter.«

»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer, der mich =mehr=

interessirt.«

»Und =wer=, wenn ich neugierig sein darf?«

»Mirabeau.«

»Und warum =mehr=?«

»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste bestimmt immer

unser Urtheil. Oder doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein

spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. 'Ah, das

schöne Kind,' hieß es tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles hin,

hin wie .... wie ....«

»Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht aussprechen.«

»Ich =will= es aber, und würde den Namen meines Gefährten und

Leidensgenossen zu meinem =eigenen= machen, wenn ich es könnte. Victoire

=Mirabeau= de Carayon, oder sagen wir Mirabelle de Carayon, das klingt

schön und ungezwungen, und wenn ich's recht übersetze, so heißt es

Wunderhold.«

Und dabei lachte sie voll Uebermuth und Bitterkeit. Aber die Bitterkeit

klang vor.

»Sie dürfen =so= nicht lachen, Victoire, nicht =so=. Das kleidet Ihnen

nicht, das verhäßlicht Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, --

=verhäßlicht= Sie. Der Prinz hatte doch Recht, als er enthusiastisch von

Ihnen sprach. Armes Gesetz der Form und der Farbe. Was allein gilt, ist

das ewig Eine, daß sich die Seele den Körper schafft oder ihn

durchleuchtet und verklärt.«

Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit verließ sie, und ein Frost

schüttelte sie. Sie zog den Shawl höher hinauf, und Schach nahm ihre

Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drängte nach ihrem Herzen.

»Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie wüthen nutzlos gegen sich selbst,

und sind um nichts besser als der Schwarzseher, der nach allem Trüben

sucht und an Gottes hellem Sonnenlicht vorüber sieht. Ich beschwöre Sie,

fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und

Liebe. War ich denn blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich

demüthigen wollten, in eben diesem Worte haben Sie's getroffen, ein für

allemal. Alles ist Märchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, ja

Wunderhold!«

Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es

sich in Trotz zu waffnen suchte.

Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung.

* * * * *

Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr draußen antwortete. Victoire,

die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück und trat ans

Fenster und sah auf die Straße.

»Was erregt Dich?«

»Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.«

»Du hörst zu fein.«

Aber sie schüttelte den Kopf, und im selben Augenblicke fuhr der Wagen

der Frau von Carayon vor.

»Verlassen Sie mich .... Bitte.«

»Bis auf morgen.«

Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken werde, der Begegnung mit Frau von

Carayon auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer

und Korridor.

Alles war still und dunkel unten, und nur von der Mitte des Hausflurs

her fiel ein Lichtschimmer bis in die Nähe der obersten Stufen. Aber das

Glück war ihm hold. Ein breiter Pfeiler, der bis dicht an die

Treppenbrüstung vorsprang, theilte den schmalen Vorflur in zwei Hälften,

und hinter diesen Pfeiler trat er und wartete.

Victoire stand in der Glasthür und empfing die Mama.

»Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich Dich erwartet!«

Schach hörte jedes Wort. »Erst die Schuld und dann die Lüge,« klang es

in ihm. »Das alte Lied.«

Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen ihn und nicht gegen

Victoire.

Dann trat er aus seinem Versteck hervor und schritt rasch und

geräuschlos die Treppe hinunter.

Neuntes Kapitel.

Schach zieht sich zurück.

»Bis auf morgen,« war Schachs Abschiedswort gewesen, aber er kam nicht.

Auch am zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte sich's

zurechtzulegen, und wenn es nicht glücken wollte, nahm sie Lisettens

Brief und las immer wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte.

»Du darfst Dich, ein für allemal, nicht in ein Mißtrauen gegen Personen

hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen.

Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich

den Fall überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und

entweder Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn

fallen lassen mußt.« Ja, Lisette hatte Recht und doch blieb ihr eine

Furcht im Gemüthe. »Wenn doch alles nur ....« Und es übergoß sie mit

Blut.

Endlich am vierten Tage kam er. Aber es traf sich, daß sie kurz vorher

in die Stadt gegangen war. Als sie zurückkehrte, hörte sie von seinem

Besuch; er sei sehr liebenswürdig gewesen, habe zwei-, dreimal nach ihr

gefragt, und ein Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren Veilchen und

Rosen, die das Zimmer mit ihrem Dufte füllten. Victoire, während ihr die

Mama von dem Besuche vorplauderte, bemühte sich, einen leichten und

übermüthigen Ton anzuschlagen, aber ihr Herz war zu voll von

widerstreitenden Gefühlen, und sie zog sich zurück, um sich in zugleich

glücklichen und bangen Thränen auszuweinen.

Inzwischen war der Tag herangekommen, wo die »Weihe der Kraft« gegeben

werden sollte. Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen, ob die

Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten? Es war eine bloße Form,

denn er wußte, daß es so sein werde.

Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach saß den Carayons gegenüber

und grüßte mit großer Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb es, und er

kam nicht in ihre Loge hinüber, eine Zurückhaltung, über die Frau von

Carayon kaum weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit indessen,

den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager getheilte Publikum führte,

war so heftig und aufregend, daß beide Damen ebenfalls mit hingerissen

wurden und momentan wenigstens alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem

Heimweg kehrte die Verwunderung über Schachs Benehmen zurück.

Am andern Vormittage ließ er sich melden. Frau von Carayon war erfreut,

Victoire jedoch, die schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. Er

hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet, um einen bequemen

Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit

eines ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen. Er küßte der

Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser

sein Bedauern auszusprechen, sie bei seinem letzten Besuche verfehlt zu

haben. Man entfremde sich fast, anstatt sich fester anzugehören. Er

sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er es mit tieferer

Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe. Sie sann darüber

nach, aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte, wandte sich das Gespräch

dem Stücke zu.

»Wie finden Sie's?« fragte Frau von Carayon.

»Ich liebe nicht Komödien,« antwortete Schach, »die fünf Stunden

spielen. Ich wünsche Vergnügen oder Erholung im Theater, aber keine

Strapaze.«

»Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeußerliches, und beiläufig ein

Mißstand, dem ehestens abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit

erheblichen Kürzungen einverstanden. Ich will Ihr Urtheil über das

Stück.«

»Es hat mich =nicht= befriedigt.«

»Und warum nicht?«

»Weil es alles auf den Kopf stellt. =Solchen= Luther hat es Gott sei

Dank nie gegeben, und wenn solcher je käme, so würd er uns einfach dahin

zurückführen, von wo der echte Luther uns seinerzeit wegführte. Jede

Zeile widerstreitet dem Geist und Jahrhundert der Reformation; alles ist

Jesuitismus oder Mysticismus, und treibt ein unerlaubtes und beinah

kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte. Nichts paßt. Ich wurde

beständig an das Bild Albrechts Dürers erinnert, wo Pilatus mit

Pistolenhalftern reitet oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in

Soest, wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der

Schüssel liegt. In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein

allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus von

Anfang bis Ende.«

»Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole, das =Stück=?«

»Luther ist das Stück. Das andre bedeutet nichts. Oder soll ich mich für

Katharina von Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich keine

war.«

Victoire senkte den Blick und ihre Hand zitterte. Schach sah es, und

über seinen _faux pas_ erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich

überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem

angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von

Iffland, vom Dichter selbst, und schloß endlich mit einer übertriebenen

Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß

Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe, wo er diese Lieder

am Klavier begleiten durfte.

All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber so freundlich es klang,

so fremd klang es auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus, daß

es nicht =die= Sprache war, die sie fordern durfte. Sie war bemüht, ihm

unbefangen zu antworten, aber es blieb ein äußerliches Gespräch bis er

ging.

Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von

dem schönen Stücke gehört, »das so schön sei, wie noch gar keins,« und

so wollte sie's gerne sehn. Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm sie

mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich sehr gekürzt worden war,

blieb auch noch Zeit daheim eine halbe Stunde zu plaudern.

»Nun Tante Marguerite,« fragte Victoire, »wie hat es Dir gefallen?«

»Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unsrer

gereinigten Kürche.«

»Welchen meinst Du, liebe Tante?«

»Nun =den= von der chrüstlichen Ehe.«

Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und sagte dann: »Ich dachte,

dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem, also

z. B. in der Lehre vom Abendmahl.«

»O nein, meine liebe Victoire, =das= weiß ich ganz genau. Mit oder ohne

Wein, das macht keinen so großen Unterschied; aber ob unsre

_prédicateurs_ in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, =das=,

mein Engelchen, ist von einer würklichen _importance_.«

»Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz Recht,« sagte Frau von

Carayon.

»Und das ist es auch,« fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort,

»was das Stück =will=, und was man um so deutlicher sieht, als die

Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist. Oder doch zum wenigstens

viel hübscher, als sie würklich war. Ich meine die Nonne. Was aber

nichts schadet, denn er war ja auch kein hübscher Mann, und lange nicht

so hübsch als =er=. Ja werde nur roth, meine liebe Victoire, so viel

weiß ich auch.«

Frau von Carayon lachte herzlich.

»Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister von Schach ist würklich

ein =sehr= angenehmer Mann, und ich denke noch ümmer an Tempelhof und

den aufrechtstehenden Ritter .... Und wißt Ihr denn, in Wülmersdorf soll

auch einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und von wem ich es

habe? Nun? Von _la petite Princesse Charlotte_.«

Zehntes Kapitel.

»Es muß etwas geschehn.«

Die »Weihe der Kraft« wurde nach wie vor gegeben, und Berlin hörte nicht

auf in zwei Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch war,

war =für=, alles was freisinnig war, =gegen= das Stück. Selbst im Hause

Carayon setzte sich diese Fehde fort, und während die Mama theils um des

Hofes, theils um ihrer eignen »Gefühle« willen überschwänglich

mitschwärmte, fühlte sich Victoire von diesen Sentimentalitäten

abgestoßen. Sie fand alles unwahr und unecht, und versicherte, daß

Schach in jedem seiner Worte Recht gehabt habe.

Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber doch immer nur, wenn er sicher

sein durfte, Victoiren in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er bewegte

sich wieder viel in den »großen Häusern,« und legte, wie Nostitz

spottete, den Radziwills und Carolaths zu, was er den Carayons entzog.

Auch Alvensleben scherzte darüber, und selbst Victoire versuchte, den

gleichen Ton zu treffen. Aber ohne daß es ihr glücken wollte. Sie

träumte so hin, und nur eigentlich traurig war sie nicht. Noch weniger

unglücklich.

Unter denen, die sich mit dem Stück, also mit der Tagesfrage

beschäftigten, waren auch die Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon

ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein =Für= oder =Wider=

einzulassen. Sie sahen alles ausschließlich auf seine komische Seite hin

an, und fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters, in Katharina von

Boras, »neunjähriger Pflegetochter« und endlich in dem beständig Flöte

spielenden Luther, einen unerschöpflichen Stoff für ihren Spott und

Uebermuth.

Schach von Wuthenow Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes · 第 5 / 11 段