unausgesetzt als _deliciae generis humani_ gepriesenen Kaisers, keinen
allzu günstigen Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen
unbequem, den »liebenswürdigsten der Menschen« auch noch zum
»heldischsten« erhoben zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: »Seine
kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir doch, lieber Schach,
als ob Sie französischen Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als
ihnen beizulegen =ist=. Die Franzosen sind kluge Leute. Je mehr Rühmens
sie von ihrem Gegner machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm, und
dabei schweig ich noch von allen möglichen politischen Gründen, die
jetzt sicherlich mitsprechen. 'Man soll seinem Feinde goldene Brücken
bauen', sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn, wer heute mein
Feind war, kann morgen mein Verbündeter sein. Und in der That, es spukt
schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin, so verhandelt
man bereits über eine neue Theilung der Welt, will sagen über die
Wiederherstellung eines morgenländischen und abendländischen
Kaiserthums. Aber lassen wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und
erklären wir uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber einfach aus
dem Rechnungssatze: 'wenn der unterlegene russische Muth einen vollen
Centner wog, so wog der siegreich französische natürlich =zwei='.«
Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch in Berlin, das Andreaskreuz
trug, biß sich auf die Lippen und wollte repliziren. Aber Bülow kam ihm
zuvor und bemerkte: »Gegen 'unter dem Leibe erschossene Kaiserpferde'
bin ich überhaupt immer mißtrauisch. Und nun gar hier. All diese
Lobeserhebungen müssen Seine Majestät sehr in Verlegenheit gebracht
haben, denn es giebt ihrer zu viele, die das Gegentheil bezeugen können.
Er ist der 'gute Kaiser' und damit Basta.«
»Sie sprechen das so spöttisch, Herr von Bülow,« antwortete Schach. »Und
doch frag ich Sie, giebt es einen schöneren Titel?«
»O gewiß giebt es den. Ein =wirklich= großer Mann wird nicht um seiner
Güte willen gefeiert und noch weniger danach benannt. Er wird umgekehrt
ein Gegenstand beständiger Verleumdungen sein. Denn das Gemeine, das
überall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht. Brenkenhof, der,
trotz seiner Paradoxien, mehr gelesen werden sollte, als er gelesen
wird, behauptet geradezu, 'daß in unserm Zeitalter die besten Menschen
die schlechteste Reputation haben müßten'. Der gute Kaiser! Ich bitte
Sie. Welche Augen wohl König Friedrich gemacht haben würde, wenn man ihn
den 'guten Friedrich' genannt hätte.«
»Bravo, Bülow,« sagte der Prinz, und grüßte mit dem Glase hinüber. »Das
ist mir aus der Seele gesprochen.«
Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft. »Alle Könige,« fuhr Bülow
in wachsendem Eifer fort, »die den Beinamen des 'guten' führen, sind
solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe getragen oder doch bis
an den Rand der Revolution gebracht haben. Der letzte König von Polen
war auch ein sogenannter 'guter'. In der Regel haben solche
Fürstlichkeiten einen großen Harem und einen kleinen Verstand. Und geht
es in den Krieg, so muß irgend eine Kleopatra mit ihnen, gleichviel mit
oder ohne Schlange.«
»Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow,« entgegnete Schach, »durch
Auslassungen wie =diese=, den Kaiser Alexander charakterisirt zu haben.«
»Wenigstens annähernd.«
»Da wär ich doch neugierig.«
»Es ist zu diesem Behufe nur nöthig, sich den letzten Besuch des Kaisers
in Berlin und Potsdam zurückzurufen. Um was handelte sich's? Nun,
anerkanntermaßen um nichts Kleines und Alltägliches, um Abschluß eines
Bündnisses auf Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat man in
die Gruft Friedrichs des Großen, um sich, über dem Sarge desselben, eine
halbmystische Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah
unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorüber waren, wußte man, daß der aus
der Gruft Friedrichs des Großen glücklich wieder ans Tageslicht
gestiegene Kaiser, die fünf anerkanntesten _beautés_ des Hofes in eben
so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und
_beauté triviale_, _beauté céleste_ und _beauté du diable_, und endlich
fünftens '_beauté, qui inspire seul du vrai sentiment_'. Wobei wohl
jeden die Neugier angewandelt haben mag, das Allerhöchste '_vrai
sentiment_' kennen zu lernen.«
Siebentes Kapitel.
Ein neuer Gast.
All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der
denn auch eben mit einem ihm bequem liegenden Capriccio über _beauté
céleste_ und _beauté du diable_ beginnen wollte, als er, vom Korridor
her, unter dem halbzurückgeschlagenen Portièrenteppich, einen ihm
wohlbekannten kleinen Herrn von unverkennbaren Künstlerallüren
erscheinen und gleich danach eintreten sah.
»Ah, Dussek, das ist brav,« begrüßte ihn der Prinz. »_Mieux vaut tard
que jamais._ Rücken Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an
Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres Künstlerfreundes bringen
zu wollen. Sie finden noch _tutti quanti_, lieber Dussek. Keine
Einwendungen. Aber was trinken Sie? Sie haben die Wahl. Asti,
Montefiascone, Tokayer.«
»Irgend einen Ungar.«
»Herben?«
Dussek lächelte.
»Thörichte Frage,« korrigirte sich der Prinz und fuhr in gesteigerter
guter Laune fort: »Aber nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben,
die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen auch
=die= der Mittheilsamkeit. Sie bleiben einem auf die Frage 'was Neues'
selten eine Antwort schuldig.«
»Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,« antwortete Dussek, der,
nachdem er genippt hatte, eben sein Bärtchen putzte.
»Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt obenauf?«
»Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht sich, wenn ich sage, 'die
ganze Stadt', so mein ich das Theater.«
»Das Theater =ist= die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun
weiter.«
»Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir sind in unsrem Haupt und
Führer empfindlich gekränkt worden und haben denn auch aus eben diesem
Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt. =Das=
also, hieß es, seien die neuen Zeiten, =das= sei das bürgerliche
Regiment, =das= sei der Respekt vor den preußischen '_belles lettres et
beaux arts_.' Eine 'Huldigung der Künste' lasse man sich gefallen, aber
eine Huldigung =gegen= die Künste, die sei so fern wie je.«
»Lieber Dussek,« unterbrach der Prinz, »Ihre Reflexionen in Ehren. Aber
da Sie gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, die Kunst der
Retardirung nicht übertreiben zu wollen. Wenn es also möglich ist,
Thatsachen. Um was handelt es sich?«
»Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, von dem die Rede war,
=nicht= erhalten.«
Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte:
»_Parturiunt montes nascetur ridiculus mus._«
Aber Dussek war in wirklicher Erregung, und diese wuchs noch unter der
Heiterkeit seiner Zuhörer. Am meisten verdroß ihn Sander. »Sie lachen,
Sander. Und doch trifft es in diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen
wen anders ist die Spitze gerichtet, als gegen das Bürgerthum
überhaupt.«
Der Prinz reichte dem Sprecher über den Tisch hin die Hand. »Recht,
lieber Dussek. Ich liebe solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie kam es?«
»Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Königliche
Hoheit wissen, daß seit lange von einer Dekorirung die Rede war, und wir
freuten uns, alles Künstlerneides vergessend, als ob wir den Orden
mitempfangen und mittragen sollten. In der That, alles ließ sich gut an,
und die 'Weihe der Kraft', für deren Aufführung der Hof sich
interessirt, sollte den Anstoß und zugleich die spezielle Gelegenheit
geben. Iffland ist Maçon (auch =das= ließ uns hoffen), die Loge nahm es
energisch in die Hand, und die Königin war gewonnen. Und nun =doch=
gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen; aber nein, meine
Herren, es ist eine große Sache. Dergleichen ist immer der Strohhalm, an
dem man sieht, woher der Wind weht. Und er weht bei uns nach wie vor von
der alten Seite her. _Chi va piano va sano_, sagt das Sprüchwort. Aber
im Lande Preußen heißt es '_pianissimo_.'«
»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert woran?«
»An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich habe Rüchels Namen nennen hören.
Er hat den Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das
Histrionenthum immer und ewig in der Welt gestanden habe, mit alleiniger
Ausnahme der neronischen Zeiten. Und =die= könnten doch kein Vorbild
sein. Das half. Denn welcher allerchristlichste König will Nero sein
oder auch nur seinen Namen hören. Und so wissen wir denn, daß die Sache
vorläufig _ad acta_ verwiesen ist. Die Königin ist chagrinirt, und an
diesem Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig genügen lassen.
Neue Zeit und alte Vorurtheile.«
»Lieber Kapellmeister,« sagte Bülow, »ich sehe zu meinem Bedauern, daß
Ihre Reflexionen Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens ist das
das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen, in denen wir stecken, und
stecken selber drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Bürgerthum, das keinen
neuen freien Gesellschaftszustand schaffen, sondern sich nur eitel und
eifersüchtig in die bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber damit
schaffen Sie's nicht. An die Stelle der Eifersüchtelei, die jetzt das
Herz unsres dritten Standes verzehrt, muß eine Gleichgiltigkeit gegen
alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt haben. Wer
Gespenster wirklich ignorirt, für den giebt es keine mehr, und wer Orden
ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung
einer wahren Epidemie ....«
»Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung eines neuen Königreichs
Utopien arbeitet,« unterbrach Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig
an, daß die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von Osten
nach Westen immer weiter wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung
von Westen nach Osten hin absterben wird. Im Geiste seh ich vielmehr
immer neue Multiplikationen, und das Erblühen einer Ordens-Flora mit 24
Klassen wie das Linnésche System.«
Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es
müsse durchaus etwas in der menschlichen Natur stecken, das, wie
beispielsweise der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu =dieser= Form
der Quincaillerie hingezogen fühle. »Ja,« so fuhr er fort, »es giebt
kaum einen Grad der Klugheit, der davor schützt. Sie werden doch alle
Kalkreuth für einen klugen Mann halten, ja mehr, für einen Mann, der,
wie wenige, von dem 'Alles ist eitel' unsres Thuns und Trachtens
durchdrungen sein muß. Und doch, als er den rothen Adler erhielt,
während er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wüthend ins
Schubfach und schrie: 'Da liege, bis du =schwarz= wirst.' Eine
Farbenänderung, die sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.«
»Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,« erwiderte Bülow, »und offen
gestanden, ein andrer unsrer Generäle, der gesagt haben soll: 'ich gäbe
den schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder los wäre,' gefällt mir
noch besser. Uebrigens bin ich minder streng, als es den Anschein hat.
Es giebt auch Auszeichnungen, die =nicht= als Auszeichnung ansehn zu
wollen, einfach Beschränktheit oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral
Sidney Smith, berühmter Vertheidiger von St. Jean d'Acre und Verächter
aller Orden, legte =doch= Werth auf ein Schaustück, das ihm der Bischof
von Acre mit den Worten überreicht hatte: 'Wir empfingen dieses
Schaustück aus den Händen König Richards Coeur de Lion, und geben es,
nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute zurück, der,
heldenmüthig wie er, unsre Stadt vertheidigt hat.' Und ein Elender und
Narr, setz ich hinzu, der sich einer =solchen= Auszeichnung =nicht= zu
freuen versteht.«
»Schätze mich glücklich, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören,«
erwiderte der Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen für Sie,
lieber Bülow, und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, daß der Teufel
nicht halb so schwarz ist, als er gemalt wird.«
Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in eben diesem Augenblick
einer der Diener an ihn heran trat und ihm zuflüsterte, daß der
Rauchtisch arrangirt und der Kaffee servirt sei, hob er die Tafel auf,
und führte seine Gäste, während er Bülows Arm nahm, auf den an den
Eßsaal angebauten Balkon. Eine große, blau und weiß gestreifte Marquise,
deren Ringe lustig im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen
worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man,
flußaufwärts, auf die halb im Nebel liegenden Thürme der Stadt,
flußabwärts aber auf die Charlottenburger Parkbäume, hinter deren eben
ergrünendem Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte schweigend in
das anmuthige Landschaftsbild hinaus, und erst als die Dämmrung
angebrochen und eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, nahm man
Platz und setzte die holländischen Pfeifen in Brand, unter denen jeder
nach Gefallen wählte. Dussek allein, weil er die Musikpassion des
Prinzen kannte, war phantasirend an dem im Eßsaale stehenden Flügel
zurückgeblieben, und sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte, die
jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden Tischgenossen und ebenso die
Lichtfunken, die von Zeit zu Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen.
Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht wieder aufgenommen, wohl aber
sich der ersten Veranlassung desselben, also Iffland und dem in Sicht
stehenden neuen Schauspiele zugewandt, bei welcher Gelegenheit
Alvensleben bemerkte, »daß er einige der in den Text eingestreuten
Gesangsstücke während dieser letzten Tage kennen gelernt habe.
Gemeinschaftlich mit Schach. Und zwar im Salon der liebenswürdigen Frau
von Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese habe gesungen und Schach
begleitet.«
»Die Carayons,« nahm der Prinz das Wort. »Ich höre keinen Namen jetzt
öfter als =den=. Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon früher von
beiden Damen erzählt, und neuerdings auch die Rahel. Alles vereinigt
sich, mich neugierig zu machen und Anknüpfungen zu suchen, die sich,
mein ich, unschwer werden finden lassen. Entsinn ich mich doch des
schönen Fräuleins vom Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller
Kinderbälle, des Vorzugs genoß, eine ganz besondre Schaustellung
erwachsener und voll erblühter Schönheiten zu sein. Und wenn ich sage,
'voll erblühter', so sag ich noch wenig. In der That, an keinem Ort und
zu keiner Zeit hab ich je so schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als
auf Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der bewußt oder unbewußt auf
Umsturz sinnenden Jugend, alles, was heute noch herrscht, doppelt und
dreifach anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen, ein
Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist. Aber
gleichviel, meine Herren, es wird sich ein für allemal sagen lassen, daß
Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und dieser interessanten
Erscheinung in ihren Ursachen nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein
Thema für unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund Buchholtz, lieber
Sander, ist mir zu solchem Spiele nicht graziös genug. Uebrigens nichts
für ungut; er ist Ihr Freund.«
»Aber doch nicht so,« lachte Sander, »daß ich nicht jeden Augenblick
bereit wäre, ihn Euer Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei
dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, nicht bloß aus
einem allerspeziellsten, sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen
Grunde. Denn wenn die Kinderbälle, nach Ansicht und Erfahrung Euer
Königlichen Hoheit, eigentlich am besten ohne Kinder bestehen, so die
Freundschaften am besten ohne Freunde. Die Surrogate bedeuten überhaupt
alles im Leben, und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.«
»Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber Sander,« entgegnete der Prinz,
»daß Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können.
_Mais révenons à notre belle Victoire._ Sie war unter den jungen Damen,
die durch lebende Bilder das Fest damals einleiteten, und stellte, wenn
mich mein Gedächtniß nicht trügt, eine Hebe dar, die dem Zeus eine
Schale reichte. Ja, so war es, und indem ich davon spreche, tritt mir
das Bild wieder deutlich vor die Seele. Sie war kaum fünfzehn, und von
jener Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber sie
zerbrechen nie. '_Comme un ange_', sagte der alte Graf Neale, der neben
mir stand, und mich durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach
als eine Karrikatur der meinigen erschien. Es wäre mir eine Freude, die
Bekanntschaft der Damen erneuern zu können.«
»Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein Victoire nicht wieder
erkennen,« sagte Schach, dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig
angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
Blattern befallen, und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser
Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur
Momente, wo die seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen
Schönheitsschleier über sie wirft, und den Zauber ihrer früheren Tage
wiederherzustellen scheint.«
»Also _restitutio in integrum_,« sagte Sander.
Alles lachte.
»Wenn Sie so wollen, ja,« antwortete Schach in einem spitzen Tone,
während er sich ironisch gegen Sander verbeugte.
Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte sie coupiren. »Es hilft
Ihnen nichts, lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich abschrecken
wollten. Aber weit gefehlt. Ich bitte Sie, was ist Schönheit? Einer der
allervaguesten Begriffe. Muß ich Sie an die fünf Kategorien erinnern,
die wir in erster Reihe Sr. Majestät dem Kaiser Alexander und in zweiter
unsrem Freunde Bülow verdanken? =Alles ist schön= und =nichts=. Ich
persönlich würde der _beauté du diable_ jederzeit den Vorzug geben, will
also sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der des _ci-devant_
schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken würde.«
»Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es
bleibt mir doch zweifelhaft, ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der
_beauté du diable_ an Fräulein Victoire wahrnehmen würden. Das Fräulein
hat einen witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick als ein
Widerspruch erscheint, und doch keiner ist, unter allen Umständen aber
als ihr charakteristischer Zug gelten kann. Meinen Sie nicht auch,
Alvensleben?«
Alvensleben bestätigte.
Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren in Fragen über die Maßen
liebte, fuhr, indem er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer
lebhafter werdend fort: »Elegisch« sagen Sie, »witzig-elegisch; ich
wüßte nicht, was einer _beauté du diable_ besser anstehn könnte. Sie
fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei
vorschwebt, ist nur eine Spielart der alleralltäglichsten
Schönheitsform, der _beauté coquette_: das Näschen ein wenig mehr
gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament ein wenig
rascher, die Manieren ein wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit
erschöpfen Sie die höhere Form der =beauté du diable= keineswegs. Diese
hat etwas Weltumfassendes, das über eine bloße Teint- und Rassenfrage
weit hinausgeht. Ganz wie die Katholische Kirche. Diese wie jene sind
auf ein Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in =unserer= Frage
den Ausschlag giebt, heißt Energie, Feuer, Leidenschaft.«
Nostitz und Sander lächelten und nickten.
»Ja, meine Herren, ich gehe weiter und wiederhole 'was ist Schönheit?'
Schönheit, bah! Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen
verzichtet werden, ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten Vorzug
bedeuten. In der That, lieber Schach, ich habe wunderbare Niederlagen
und noch wunderbarere Siege gesehn. Es ist auch in der Liebe wie bei
Morgarten und Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen und die
häßlichen Bauern triumphiren. Glauben Sie mir, das Herz entscheidet,
=nur= das Herz. Wer liebt, wer die Kraft der Liebe hat, ist auch
liebenswürdig, und es wäre grausam, wenn es anders wäre. Gehen Sie die
Reihe der eigenen Erfahrungen durch. Was ist alltäglicher, als eine
schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt zu sehn! Und
nicht etwa nach dem Satze _toujours perdrix_. O nein, es hat dies viel
tiefre Zusammenhänge. Das Langweiligste von der Welt ist die
lymphatisch-phlegmatische _beauté_, die _beauté par excellence_. Sie
kränkelt hier, sie kränkelt da, ich will nicht sagen immer und
nothwendig, aber doch in der Mehrzahl der Fälle, während meine _beauté
du diable_ die Trägerin einer allervollkommensten Gesundheit ist, jener
Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig ist mit
höchstem Reiz. Und nun frag ich Sie, meine Herren, wer hätte mehr davon
als =die= Natur, die durch die größten und gewaltigsten
Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer gegangen ist. Ein paar
Grübchen in der Wange sind das Reizendste von der Welt, das hat schon
bei den Römern und Griechen gegolten, und ich bin nicht ungalant und
unlogisch genug, um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt und eine
Huldigung zu versagen, die der Einheit oder dem Pärchen von Alters her
gebührt. Das paradoxe '_le laid c'est le beau_' hat seine vollkommne
Berechtigung, und es heißt nichts andres, als daß sich hinter dem
anscheinend Häßlichen eine höhere Form der Schönheit verbirgt. Wäre
meine theure Pauline hier, wie sie's leider =nicht= ist, sie würde mir
zustimmen, offen und nachdrücklich, ohne durch persönliche Schicksale
captivirt zu sein.«
Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß er auf einen allseitigen
Ausdruck des Bedauerns wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die
Honneurs des Hauses machte, heute =nicht= anwesend zu sehn. Als aber
Niemand das Schweigen brach, fuhr er fort: »Es fehlen uns die Frauen,
und damit dem Wein und unsrem Leben der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch
wieder auf und wiederhole, daß es mich glücklich machen würde, die
Carayon'schen Damen in dem Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen.
Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem Kreise der Frau von
Carayon angehören, sich zum Interpreten meiner Wünsche machen. Sie
Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.«
Beide verneigten sich.
»Alles in allem wird es das Beste sein, meine Freundin Pauline nimmt es
persönlich in die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen Damen
einen ersten Besuch machen, und ich sehe Stunden eines angeregtesten
geistigen Austausches entgegen.«
Die peinliche Stille, womit auch diese Schlußworte hingenommen wurden,
würde noch fühlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in eben diesem
Moment auf den Balkon hinausgetreten wäre. »Wie schön,« rief er und wies
mit der Hand auf den westlichen, bis hoch hinauf in einem glühgelben
Lichte stehenden Horizont.
Alle waren mit ihm an die Brüstung des Balkons getreten, und sahen
flußabwärts in den Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen
standen schwarz und schweigend die hohen Pappeln und selbst die
Schloßkuppel wirkte nur noch als Schattenriß.
Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit. Am schönsten aber war
der Anblick zahlloser Schwäne, die, während man in den Abendhimmel sah,
vom Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen. Andre lagen
schon in Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille durch irgend
was bis in die Nähe der Villa gelockt sein mußte, denn sobald sie die
Höhe derselben erreicht hatte, schwenkten sie wie militärisch ein und
verlängerten die Front derer, die hier schon still und regungslos und
die Schnäbel unter dem Gefieder verborgen, wie vor Anker lagen. Nur das
Rohr bewegte sich leis in ihrem Rücken. So verging eine geraume Zeit.
Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des Balkons, und
reckte den Hals, als ob er etwas sagen wollte.
»Wem gilt es?« fragte Sander. »Dem Prinzen oder Dussek oder der
Sinumbralampe.«
»Natürlich dem Prinzen,« antwortete Dussek.
»Und warum?«
»Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch Dussek und '_sine umbra_'.«
Alles lachte (der Prinz mit), während Sander allerförmlichst »zum
Hofkapellmeister« gratulirte. »Und wenn unser Freund,« so schloß er, »in
Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an ihnen zu sehen, »woher der Wind
weht,« so wird dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter
Traditionen und nicht mehr aus dem Lande der Vorurtheile zu kommen
scheinen.«
Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl
durch die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung,
und segelte flußabwärts, wie sie bis dahin flußaufwärts gekommen war.
Nur der Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch einmal, als ob er
seinen Dank wiederholen und sich in ceremoniellster Weise verabschieden
wolle.
Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses, und folgte den übrigen,
deren Tête schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden war.