»Auch ich. Er ist von der strafenden Hand Gottes am schwersten

heimgesucht worden und eben deshalb auch der poetischste und

interessanteste. Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst,

Verleugnung Christi, Laster aller Art. Und ich fürchte mit Recht. Aber

groß wie seine Schuld, so groß war auch seine Sühne, ganz dessen zu

geschweigen, daß auch hier wieder der unschuldig Ueberlebende die Schuld

voraufgegangener Geschlechter zu büßen hatte. Das Loos und Schicksal

aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie fehlen und irren, dem

Alltäglichen entziehn. Und so sehen wir denn den schuldbeladenen Orden,

all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet, schließlich in einem

wiedergewonnenen Glorienschein zu Grunde gehen. Es war der Neid, der ihn

tödtete, der Neid und der Eigennutz, und schuldig oder nicht, mich

überwältigt seine Größe.«

Victoire lächelte. »Wer Sie so hörte, lieber Schach, könnte meinen,

einen nachgebornen Templer in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein

mönchischer Orden, und mönchisch war auch sein Gelübde. Hätten Sie's

vermocht als Templer zu leben und zu sterben?«

»Ja.«

»Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch kleidsamer war, als die

Supra-Weste der Gensdarmes.«

»Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen mich. Glauben Sie mir,

es lebt etwas in mir, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt.«

»Um es zu halten?«

Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie rasch in wieder scherzhafter

werdendem Tone fort: »Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden auf dem

Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen Personen, die den Beinamen

des '=Schönen=' führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, nicht aus

Neid. Aber die Schönheit, das muß wahr sein, macht selbstisch, und wer

selbstisch ist, ist undankbar und treulos.«

Schach suchte zu widerlegen. Er wußte, daß sich Victoirens Worte, so

sehr sie Piquanterien und Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen =ihn=

gerichtet haben konnten. Und darin traf er's auch. Es war alles nur _jeu

d'esprit_, eine Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren. Und

doch, alles was sie gesagt hatte, so gewiß es absichtslos gesagt worden

war, so gewiß war es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus

gesprochen worden.

Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang erreicht, und Schach

hielt, um auf Frau von Carayon und Tante Marguerite, die sich beide

versäumt hatten, zu warten.

Als sie heran waren, bot er der Frau von Carayon den Arm, und führte

=diese= bis an das Gasthaus zurück.

Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann nach über den Tausch, den

Schach mit keinem Worte der Entschuldigung begleitet hatte. »Was war

das?« Und sie verfärbte sich, als sie sich, aus einem plötzlichen

Argwohn heraus, die selbstgestellte Frage beantwortet hatte.

Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr, und

man gab es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen kühl

geworden und der Wind, der den ganzen Tag über geweht hatte, nach

Nordwesten hin umgesprungen war.

Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus, »um nicht gegen dem Winde zu

fahren.«

Niemand widersprach. So nahm sie denn den erbetenen Platz, und während

jeder in Schweigen überdachte, was ihm der Nachmittag gebracht hatte,

ging es in immer rascherer Fahrt wieder auf die Stadt zurück.

Diese lag schon in Dämmer als man bis an den Abhang der Kreuzberghöhe

gekommen war und nur die beiden Gensdarmenthürme ragten noch mit ihren

Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor.

Fünftes Kapitel.

Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt.

Berlin, den 3. Mai. _Ma chère Lisette._

Wie froh war ich, endlich von Dir zu hören, und so Gutes. Nicht als ob

ich es anders erwartet hätte; wenige Männer hab ich kennen gelernt, die

mir so ganz eine Garantie des Glückes zu bieten scheinen, wie der

Deinige. Gesund, wohlwollend, anspruchslos, und von jenem schönen

Wissens- und Bildungsmaß, das ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig

vermeidet. Wobei ein »Zuviel« das vielleicht noch gefährlichere ist.

Denn junge Frauen sind nur zu geneigt, die Forderung zu stellen »Du

sollst keine andren Götter haben neben mir.« Ich sehe das beinah täglich

bei Rombergs, und Marie weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten

wenig Dank, daß er über Politik und französische Zeitungen die Visiten

und Toiletten vergißt.

Was mir allein eine Sorge machte, war Deine neue masurische Heimat, ein

Stück Land, das ich mir immer als einen einzigen großen Wald mit hundert

Seen und Sümpfen vorgestellt habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat

könne Dich leicht in ein melancholisches Träumen versetzen, das dann

immer der Anfang zu Heimweh oder wohl gar zu Trauer und Thränen ist. Und

davor, so hab ich mir sagen lassen, erschrecken die Männer. Aber ich

sehe zu meiner herzlichen Freude, daß Du auch =dieser= Gefahr entgangen

bist, und daß die Birken, die Dein Schloß umstehn, grüne Pfingstmaien

und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du

mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu den Dingen, die mich immer

neugierig gemacht haben, und die kennen zu lernen mir bis diesen

Augenblick versagt geblieben ist.

Und nun soll ich Dir über =uns= berichten. Du frägst theilnehmend nach

all und jedem, und verlangst sogar von Tante Margueritens neuester

Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu hören. Ich könnte Dir

gerade =davon= erzählen, denn es sind keine drei Tage, daß wir

(wenigstens von diesen Verwechslungen) ein gerüttelt und geschüttelt Maß

gehabt haben.

Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr von =Schach= mit uns machte,

nach Tempelhof, und zu der auch das Tantchen aufgefordert werden mußte,

weil es ihr Tag war. Du weißt, daß wir sie jeden Dienstag als Gast in

unsrem Hause sehn. Sie war denn auch mit uns in der »Kürche«, wo sie,

beim Anblick einiger Heiligenbilder aus der katholischen Zeit her, nicht

nur beständig auf Ausrottung des Aberglaubens drang, sondern sich mit

eben diesem Anliegen auch regelmäßig an Schach wandte, wie wenn dieser

im Konsistorium säße. Und da leg ich denn (weil ich nun mal die Tugend

oder Untugend habe, mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) während

des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich auszulachen. _Au

fond_ freilich ist es viel weniger lächerlich, als es im ersten

Augenblick erscheint. Er hat etwas konsistorialräthlich Feierliches, und

wenn mich nicht alles täuscht, so ist es gerade dies Feierliche, was

Bülow so sehr gegen ihn einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied

der Meinungen.

Und beinah klingt es, als ob ich mich in meiner Schilderung Bülow

anschlösse. Wirklich, wüßtest Du's nicht besser, Du würdest dieser

Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen können, wie sehr ich ihn

schätze. Ja, mehr denn je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht

fehlt. Aber in meiner Lage lernt man milde sein, sich trösten, verzeihn.

Hätt ich es =nicht= gelernt, wie könnt ich leben, =ich=, die ich so gern

lebe! Eine Schwäche, die (wie ich einmal gelesen) alle diejenigen haben

sollen, von denen man es am wenigsten begreift.

Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, und es drängt mich, Dir davon

zu erzählen.

Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt. Als wir den Gang aus dem

Dorf in die Kirche machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig, es war

arrangirt, und zwar durch =mich=. Ich ließ beide zurück, weil ich eine

Aussprache (Du weißt =welche=) zwischen beiden herbeiführen wollte.

Solche stillen Abende, wo man über Feld schreitet, und nichts hört als

das Anschlagen der Abendglocke, heben uns über kleine Rücksichten fort

und machen uns freier. Und sind wir erst =das=, so findet sich auch das

rechte Wort. Was zwischen ihnen gesprochen wurde, weiß ich nicht,

jedenfalls nicht =das=, was gesprochen werden sollte. Zuletzt traten wir

in die Kirche, die vom Abendroth wie durchglüht war, alles gewann Leben,

und es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege tauschte Schach, und

führte =mich=. Er sprach sehr anziehend, und in einem Tone, der mir

ebenso wohlthat, als er mich überraschte. Jedes Wort ist mir noch in der

Erinnerung geblieben, und giebt mir zu denken. Aber was geschah? Als wir

wieder am Eingange des Dorfes waren, wurd er schweigsamer, und wartete

auf die Mama. Dann bot er =ihr= den Arm, und so gingen sie durch das

Dorf nach dem Gasthause zurück, wo die Wagen hielten und viele Leute

versammelt waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz, denn ich konnte

mich des Gedankens nicht erwehren, daß es ihm peinlich gewesen sei, mit

=mir= und an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen. In seiner

Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen kann, ist es ihm

unmöglich, sich über das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein

spöttisches Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche. So selbstbewußt er

ist, so schwach und abhängig ist er in diesem =einen= Punkte. Vor

niemandem in der Welt, auch vor der Mama nicht, würd ich ein solches

Bekenntniß ablegen, aber =Dir= gegenüber mußt ich es. Hab ich Unrecht,

so sage mir, daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe, so halte

mir eine Strafpredigt in allerstrengsten Worten, und sei versichert, daß

ich sie mit dankbarem Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit

unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern. Es ist ein Satz, daß

Männer nicht eitel sein dürfen, weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir

scheint dies übertrieben. Ist aber der Satz dennoch richtig, so bedeutet

Schach eine Ausnahme. Ich hasse das Wort »ritterlich« und habe doch kein

anderes für ihn. =Eines= ist er vielleicht noch mehr, diskret,

imponirend, oder doch voll natürlichen Ansehns, und sollte sich mir

=das= erfüllen, was ich um der Mama und auch um meinetwillen wünsche, so

würd es mir nicht schwer werden, mich in eine Respektsstellung zu ihm

hinein zu finden.

Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr gescheidt gehalten, und ich

meinerseits habe nur schüchtern widersprochen. Er hat aber doch die

beste Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes. Ich

empfinde dies jedesmal, wenn er seine Fehde mit Bülow führt. So sehr ihm

dieser überlegen ist, so sehr steht er doch hinter ihm zurück. Dabei

fällt mir mitunter auf, wie der Groll, der sich in unserm Freunde regt,

ihm eine gewisse Schlagfertigkeit, ja, selbst Esprit verleiht. Gestern

hat er Sander, dessen Persönlichkeit Du kennst, den Bülowschen Sancho

Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst,

und ich find es nicht übel.

Sanders Publikationen machen mehr von sich reden, denn je; die Zeit

unterstützt das Interesse für eine lediglich polemische Litteratur.

Außer von Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach und Phull erschienen,

die von den Eingeweihten als etwas Besonderes und nie Dagewesenes

ausgepriesen werden. Alles richtet sich gegen Oesterreich, und beweist

aufs neue, daß wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen darf.

Schach ist empört über dies anmaßliche Besserwissen, wie er's nennt, und

wendet sich wieder seinen alten Liebhabereien zu, Kupferstichen und

Rennpferden. Sein kleiner Groom wird immer kleiner. Was bei den

Chinesinnen die kleinen Füße sind, sind bei den Grooms die kleinen

Proportionen überhaupt. Ich meinerseits verhalte mich ablehnend gegen

beide, ganz besonders aber gegen die chinesisch eingeschnürten Füßchen,

und bin umgekehrt froh, in einem bequemen Pantoffel zu stecken. Führen,

schwingen werd' ich ihn nie; das überlasse ich meiner theuren Lisette.

Thu' es mit der Milde, die Dir eigen ist. Empfiehl mich Deinem theuren

Manne, der nur den =einen= Fehler hat, Dich mir entführt zu haben. Mama

grüßt und küßt ihren Liebling, ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz,

vergiß in der Fülle des Glücks, die Dir zu Theil wurde, nicht =ganz=

Deine, wie Du weißt auf ein bloßes Pflichttheil des Glückes gesetzte

=Victoire=.

Sechstes Kapitel.

Bei Prinz Louis.

An demselben Abend, an dem Victoire von Carayon ihren Brief an Lisette

von Perbandt schrieb, empfing Schach in seiner in der Wilhelmstraße

gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet von der Hand des Prinzen Louis.

Es lautete:

»Lieber Schach. Ich bin erst seit drei Tagen hier im Moabiter Land und

dürste bereits nach Besuch und Gespräch. Eine Viertelmeile von der

Hauptstadt, hat man schon die Hauptstadt nicht mehr und verlangt nach

ihr. Darf ich für morgen auf Sie rechnen? Bülow und sein verlegerischer

Anhang haben zugesagt, auch Massenbach und Phull. Also lauter

Opposition, die mich erquickt, auch wenn ich sie bekämpfe. Von Ihrem

Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im

Interimsrock und um fünf Uhr. Ihr =Louis=, Prinz von Pr.«

Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach, nachdem er Alvensleben und

Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am

rechten Flußufer, umgeben von Wiesen und Werftweiden, und hatte die

Front, über die Spree fort, auf die Westlisière des Thiergartens.

Anfahrt und Aufgang waren von der Rückseite her. Eine breite, mit

Teppich belegte Treppe führte bis auf ein Podium und von diesem auf

einen Vorflur, auf dem die Gäste vom Prinzen empfangen wurden. Bülow und

Sander waren bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten sich

entschuldigen lassen. Schach war es zufrieden, fand schon Bülow mehr als

genug, und trug kein Verlangen die Zahl der Genialitätsleute verstärkt

zu sehen. Es war heller Tag noch, aber in dem Speisesaal, in den sie von

dem Vestibul aus eintraten, brannten bereits die Lichter und waren

(übrigens bei offenstehenden Fenstern) die Jalousien geschlossen. Zu

diesem künstlich hergestellten Licht, in das sich von außen her ein

Tagesschimmer mischte, stimmte das Feuer, in dem in der Mitte des Saales

befindlichen Kamine. Vor eben diesem, ihm den Rücken zukehrend, saß der

Prinz, und sah, zwischen den offenstehenden Jalousiebrettchen hindurch,

auf die Bäume des Thiergartens.

»Ich bitte fürlieb zu nehmen,« begann er, als die Tafelrunde sich

arrangirt hatte. »Wir sind hier auf dem Lande, das muß als

Entschuldigung dienen, für alles was fehlt. '_A la guerre, comme à la

guerre._' Massenbach, unser Gourmé, muß übrigens etwas derart geahnt,

respektive gefürchtet haben. Was mich auch nicht überraschen würde.

Heißt es doch, lieber Sander, Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr

guter Verlag die Freundschaft zwischen Ihnen besiegelt.«

»Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen wage, Königliche Hoheit.«

»Und doch =müßten= Sie's eigentlich. Ihr ganzer Verlag hat keine Spur

von jenem '_laisser passer_,' das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller

gesättigten Leute ist. Ihre Genies (Pardon, Bülow) schreiben alle wie

Hungrige. Meinetwegen. Unsre Paradeleute geb ich Ihnen Preis, aber daß

Sie mir auch die Oesterreicher so schlecht behandeln, das mißfällt mir.«

»Bin =ich= es, Königliche Hoheit? Ich, für meine Person, habe nicht die

Prätension höherer Strategie. Nebenher freilich, möcht ich, so zu sagen

aus meinem Verlage heraus, die Frage stellen dürfen: »war Ulm etwas

Kluges?«

»Ach, mein lieber Sander, was ist klug? Wir Preußen bilden uns beständig

ein, es zu sein; und wissen Sie, was Napoleon über unsre vorjährige

thüringische Aufstellung gesagt hat? Nostitz, wiederholen Sie's!.... Er

will nicht. Nun, so muß ich es selber thun. '_Ah, ces Prussiens_' hieß

es, '_ils sont encore =plus= stupides, que les Autrichiens_'. Da haben

Sie Kritik über unsere vielgepriesene Klugheit, noch dazu Kritik von

einer allerberufensten Seite her. Und hätt er's damit getroffen, so

müßten wir uns schließlich zu dem Frieden noch beglückwünschen, den uns

Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert, indem er für ein

Mitbringsel unsre Ehre preisgab. Was sollen wir mit Hannover? Es ist der

Brocken, an dem der preußische Adler ersticken wird.«

»Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft unsres preußischen Adlers

ein besseres Vertrauen,« erwiderte Bülow. »Gerade =das= kann er und

versteht er von alten Zeiten her. Indessen =darüber= mag sich streiten

lassen; worüber sich aber =nicht= streiten läßt, das ist der Friede, den

uns Haugwitz gebracht hat. Wir brauchen ihn wie das tägliche Brot und

mußten ihn haben, so lieb uns unser Leben ist. Königliche Hoheit haben

freilich einen Haß gegen den armen Haugwitz, der mich insoweit

überrascht, als dieser Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von

jeher Gnade vor Eurer Königlichen Hoheit Augen gefunden hat.«

»Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht ernsthaft, und stell ihm

außerdem noch in Rechnung, daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er

eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie wissen doch, sein Vater

war =Friseur= und seiner Frau Vater ein =Barbier=. Und nun kommt eben

diese Frau, die nicht nur eitel ist bis zum Närrischwerden, sondern auch

noch schlechte französische Verse macht, und fragt ihn, was schöner sei:

'_L'hirondelle =frise= la surface des eaux_' oder '_l'hirondelle =rase=

la surface des eaux_?' Und was antwortet er? 'Ich sehe keinen

Unterschied, meine Theure; _l'hirondelle =frise=_ huldigt =meinem= Vater

und _l'hirondelle =rase=_ dem =Deinigen=.' In diesem Bonmot haben Sie

den ganzen Lombard. Was mich aber persönlich angeht, so bekenn ich Ihnen

offen, daß ich einer so witzigen Selbstpersiflage nicht widerstehen

kann. Er ist ein Polisson, kein Charakter.«

»Vielleicht, daß sich ein Gleiches auch von Haugwitz sagen ließe, zum

Guten wie zum Schlimmen. Und wirklich, ich geb Eurer Königlichen Hoheit

den =Mann= preis. Aber =nicht= seine Politik. Seine Politik ist gut,

denn sie rechnet mit gegebenen Größen. Und Eure Königliche Hoheit wissen

das besser als ich. Wie steht es denn in Wahrheit mit unsren Kräften?

Wir leben von der Hand in den Mund und warum? weil der Staat Friedrichs

des Großen nicht ein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem

Lande ist. Unser Land ist nur Standquartier und Verpflegungsmagazin. In

sich selber entbehrt es aller großen Ressourcen. Siegen wir, so geht es;

aber Kriege führen dürfen nur solche Länder, die Niederlagen ertragen

können. Das können wir =nicht=. Ist die Armee hin, so ist alles hin. Und

wie schnell eine Armee hin sein kann, das hat uns Austerlitz gezeigt.

Ein Hauch kann uns tödten, gerad auch =uns=. 'Er blies, und die Armada

zerstob in alle vier Winde.' _Afflavit Deus et dissipati sunt._«

»Herr von Bülow,« unterbrach hier Schach, »möge mir eine Bemerkung

verzeihn. Er wird doch, denk ich, in dem Höllenbrodem, der jetzt über

die Welt weht, nicht den Odem Gottes erkennen wollen, nicht =den=, der

die Armada zerblies.«

»=Doch=, Herr von Schach. Oder glauben Sie wirklich, daß der Odem Gottes

im Spezialdienste des Protestantismus, oder gar Preußens und seiner

Armee steht?«

»Ich hoffe, ja.«

»Und ich fürchte, =nein=. Wir haben die 'propreste Armee', das ist

alles. Aber mit der 'Propretät' gewinnt man keine Schlachten. Erinnern

sich Königliche Hoheit der Worte des großen Königs, als General Lehwald

ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? 'Propre

Leute' hieß es. 'Da seh' er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, =aber

beißen='. Ich fürchte, wir haben jetzt zu viel Lehwaldsche Regimenter

und zu wenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und

Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere, die, der großen Prallheit

und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen.

Alles Unnatur. Selbst das Marschiren-können, diese ganz gewöhnliche

Fähigkeit des Menschen, die Beine zu setzen, ist uns in dem ewigen

Paradeschritt verloren gegangen. Und Marschiren-können ist jetzt die

erste Bedingung des Erfolges. Alle modernen Schlachten sind mit den

Beinen gewonnen worden.«

»Und mit =Gold=,« unterbrach hier der Prinz. »Ihr großer Empereur,

lieber Bülow, hat eine Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für

allerkleinste. Daß er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein Meister in

der Kunst der Bestechung. Und wer hat uns die Augen darüber geöffnet? Er

selber. Lesen Sie, was er unmittelbar vor der Austerlitzer Bataille

sagte. 'Soldaten' hieß es, 'der Feind wird marschiren und unsre Flanke

zu gewinnen suchen; bei dieser Marschbewegung aber wird er die seinige

preisgeben. Wir werden uns auf diese seine Flanke werfen, und ihn

schlagen und vernichten.' Und genau so verlief die Schlacht. Es ist

unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung der Oesterreicher auch

schon ihren Schlachtplan errathen haben könnte.«

Man schwieg. Da dies Schweigen aber dem lebhaften Prinzen um vieles

peinlicher war als Widerspruch, so wandt er sich direkt an Bülow und

sagte: »Widerlegen Sie mich.«

»Königliche Hoheit befehlen und so gehorch ich denn. Der Kaiser wußte

genau was geschehen werde, =konnt= es wissen, weil er sich die Frage

'was thut hier die =Mittelmäßigkeit=' in vorausberechnender Weise nicht

blos gestellt, sondern auch beantwortet hatte. Die höchste Dummheit, wie

zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung wie die höchste

Klugheit, -- das ist eine von den großen Seiten der echten und

unverfälschten Stupidität. Aber jene 'Mittelklugen', die gerade klug

genug sind, um von der Lust 'es auch einmal mit etwas Geistreichem zu

probiren', angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind allemal am

leichtesten zu berechnen. Und warum? Weil sie jederzeit nur die Mode

mitmachen und heute kopiren, was sie gestern sahn. Und das alles wußte

der Kaiser. _Hic haeret._ Er hat sich nie glänzender bewährt, als in

dieser Austerlitzer Aktion, auch im Nebensächlichen nicht, auch nicht in

jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen,

die so recht eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.«

»Ein Beispiel.«

»Eines für hundert. Als das Centrum schon durchbrochen war, hatte sich

ein Theil der russischen Garde, vier Bataillone, nach ebenso viel

gefrorenen Teichen hin zurückgezogen, und eine französische Batterie

fuhr auf, um mit Kartätschen in die Bataillone hineinzufeuern. In diesem

Augenblick erschien der Empereur. Er überblickte sofort das Besondere

der Lage. 'Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?' Und er befahl mit

Vollkugeln auf das =Eis= zu schießen. Eine Minute später und das Eis

barst und brach, und alle vier Bataillone gingen _en carré_ in die

morastige Tiefe. Solche vom Moment eingegebenen Blitze hat nur immer das

Genie. Die Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei nächster

Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn Kutusow auf Eis wartet, wird er

plötzlich in Wasser oder Feuer stecken. Oesterreich-russische Tapferkeit

in Ehren, nur nicht ihr Ingenium. Irgendwo heißt es: 'In meinem

Wolfstornister, Regt sich des Teufels Küster, Ein =Kobold=, heißt

'Genie' -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser

'Kobold und Teufelsküster' nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um dies

Manko zu kassiren, bedient man sich der alten, elenden Trostgründe:

Bestechung und Verrätherei. Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund

seiner Niederlagen an der einzig richtigen Stelle, nämlich =in sich

selbst= zu suchen, und auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf

ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten Platz.«

»Und wer wollt ihm darüber zürnen?« antwortete Schach. »Er that das

seine, ja mehr. Als die Höhe schon verloren und doch andrerseits die

Möglichkeit einer Wiederherstellung der Schlacht noch nicht geschwunden

war, ging er klingenden Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor; sein

Pferd ward ihm unter dem Leibe erschossen, er bestieg ein zweites, und

eine halbe Stunde lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der

Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen selbst haben es in

enthusiastischen Ausdrücken anerkannt.«

Schach von Wuthenow Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes · 第 3 / 11 段