es anders, als es liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen
überraschen, und in bloßen Andeutungen zu sprechen, wie Du gelegentlich
liebst, widerstreitet mir. Ich mag auch nicht philosophiren. Aber =das=
laß Dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns, und was Ursach
scheint, ist meist schon wieder Wirkung und Folge. Glaube mir, Deine
kleine Hand wird das Band =nicht= knüpfen, das Du knüpfen möchtest. Es
geht nicht, es kann nicht sein. Ich weiß es besser. Und warum auch?
Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur =Dich=.«
Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen einer alten Dame, Schwester des
verstorbenen Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden Dienstag ein für
allemal zu Mittag geladen war, und unter »zu Mittag« pünktlicherweise
zwölf Uhr verstand, trotzdem sie wußte, daß bei den Carayons erst um
drei Uhr gegessen wurde. Tante =Marguerite=, das war ihr Name, war noch
eine echte Koloniefranzösin, d. h. eine alte Dame, die das damalige,
sich fast ausschließlich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem
Munde sprach, das ü dem i vorzog, entweder »Kürschen« aß, oder in die
»Kürche« ging, und ihre Rede selbstverständlich mit französischen
Einschiebseln und Anredefloskeln garnirte. Sauber und altmodisch
gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben kleinen Seidenmantel,
und hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei den alten
Koloniedamen so allgemein war, daß Victoire einmal als Kind gefragt
hatte: »Wie kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten so 'ich weiß
nicht wie' sind?« Und dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem
Seidenmantel Tante Margueritens gehörten auch noch ein Paar seidene
Handschuhe, die sie ganz besonders in Ehren hielt, und immer erst auf
dem obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mittheilungen, an denen sie's nie
fehlen ließ, entbehrten all und jedes Interesses, am meisten aber dann,
wenn sie, was sie sehr liebte, von hohen und höchsten Personen sprach.
Ihre Spezialität waren die kleinen Prinzessinnen der königlichen
Familie: _la petite princesse Charlotte, et la petite princesse
Alexandrine_, die sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten
französischen Erzieherin sah, und mit denen sie sich derartig liirt
fühlte, daß, als eines Tages die Brandenburger Thorwache beim
Vorüberfahren von _la princesse Alexandrine_ versäumt hatte, rechtzeitig
ins Gewehr zu treten und die Trommel zu rühren, sie nicht nur das
allgemeine Gefühl der Empörung theilte, sondern das Ereigniß überhaupt
ansah, als ob Berlin ein Erdbeben gehabt habe.
Das war das Tantchen, das eben eintrat.
Frau von Carayon ging ihr entgegen und hieß sie herzlich willkommen,
herzlicher als sonst wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr
Erscheinen ein Gespräch unterbrochen worden war, das selbst fallen zu
lassen, sie nicht mehr die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite fühlte
sofort heraus, wie günstig heute die Dinge für sie lagen, und begann
denn auch in demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die
Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt hatte, sich dem hohen Adel
königlicher Residenzien zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der
»Allerhöchsten Herrschaften«. Ihre Mittheilungen aus der Adelssphäre
waren ihren Hofanekdoten in der Regel weit vorzuziehn, und hätten ein
für allemal passiren können, wenn sie nicht die Schwäche gehabt hätte,
die doch immerhin wichtige Personalfrage mit einer äußersten
Geringschätzung zu behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte
beständig die Namen, und wenn sie von einer Escapade der Baronin
Stieglitz erzählte, so durfte man sicher sein, daß sie die Gräfin Taube
gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten denn auch das heutige
Gespräch, Neuigkeiten, unter denen =die=, »daß der Rittmeister von
Schenk vom Regiment Garde du Corps der Prinzessin von Croy eine Serenade
gebracht habe« die weitaus wichtigste war, ganz besonders als sich nach
einigem Hin- und Herfragen herausstellte, daß der Rittmeister von Schenk
in den Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du Corps in das
Regiment Gensdarmes, und die Prinzessin von Croy in die Prinzessin von
Carolath zu transponiren sei. Solche Richtigstellungen wurden von Seiten
der Tante jedesmal ohne jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, und
solche Verlegenheit kam ihr denn auch =heute= nicht, als ihr, zum Schluß
ihrer Geschichte, mitgetheilt wurde, daß der Rittmeister von Schenk
_alias_ Schach noch im Laufe dieses Nachmittags erwartet werde, da man
eine Fahrt über Land mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier wie
er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine liebe Verwandte des Hauses
an dieser Ausfahrt mit theilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die von
Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen und von einem
unwillkürlichen Zupfen an ihrem Taftkleide begleitet wurde.
Um Punkt drei war man zu Tische gegangen und um Punkt vier --
_l'exactitude est la politesse des rois_, würde Bülow gesagt haben --
erschien eine zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür in der
Behrenstraße. Schach, der selbst fuhr, wollte die Zügel dem Groom geben,
beide Carayons aber grüßten schon reisefertig vom Balkon her, und waren
im nächsten Moment mit einer ganzen Ausstattung von Tüchern, Sonnen- und
Regenschirmen unten am Wagenschlag. Mit ihnen auch Tante Marguerite, die
nunmehr vorgestellt und von Schach mit einer ihm eigenthümlichen
Mischung von Artigkeit und Grandezza begrüßt wurde.
»Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire.«
»Nehmen wir Tempelhof,« sagte diese.
»Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das undunkelste Ziel von der Welt.
Namentlich heute. Sonne und wieder Sonne.«
In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße hinunter, erst auf das
Rondel und das Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der zum
Kreuzberg hinaufführte, zu langsamerem Fahren nöthigte. Schach glaubte
sich entschuldigen zu müssen, aber Victoire, die rückwärts saß und in
halber Wendung bequem mit ihm sprechen konnte, war, als echtes
Stadtkind, aufrichtig entzückt über all und jedes, was sie zu beiden
Seiten des Weges sah, und wurde nicht müde Fragen zu stellen und ihn
durch das Interesse, das sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten amüsirten
sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten, die zwischen den
Sträuchern und Gartenbeeten umher standen, und entweder eine
Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert Papilloten im Winde
flatterten und klapperten.
Endlich war man den Anhang hinauf, und über den festen Lehmweg hin, der
zwischen den Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf Tempelhof
zu. Neben der Straße stiegen Drachen auf, Schwalben schossen hin und
her, und am Horizonte blitzten die Kirchthürme der nächstgelegenen
Dörfer.
Tante Marguerite, die, bei dem Winde der ging, beständig bemüht war,
ihren kleinen Mantelkragen in Ordnung zu halten, übernahm es
nichtsdestoweniger den Führer zu machen, und setzte dabei beide
Carayonsche Damen ebenso sehr durch ihre Namensverwechselungen, wie
durch Entdeckung gar nicht vorhandener Aehnlichkeiten in Erstaunen.
»Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer Kürchthürm! Aehnelt er nicht
unsrer Dorotheenstädtschen Kürche?«
Victoire schwieg.
»Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe Victoire, nein, um seinem Corps
de Logis.«
Beide Damen erschraken. Es geschah aber was gewöhnlich geschieht, =das=
nämlich, das alles das was die Näherstehenden in Verlegenheit bringt,
von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit
aufgenommen wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu lang in der Welt
alter Prinzessinnen und Hofdamen gelebt, um noch durch irgend ein
Dummheits- oder Nicht-Bildungszeichen in ein besondres Erstaunen gesetzt
werden zu können. Er lächelte nur und benutzte das Wort
»Dorotheenstädtische Kirche«, das gefallen war, um Frau von Carayon zu
fragen »ob sie schon von dem Denkmal Kenntniß genommen habe, das in
ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
Grafen von der Mark errichtet worden sei?«
Mutter und Tochter verneinten. Tante Marguerite jedoch, die nicht gerne
zugestand, etwas =nicht= zu wissen oder wohl gar nicht gesehen zu haben,
bemerkte ganz ins allgemeine hin. »Ach, der liebe, kleine Prinz. Daß er
so früh sterben mußte. Wie jämmerlich. Und ähnelte doch seiner
hochseligen Frau Mutter um beiden Augen.«
Einen Augenblick war es, als ob der in seinem Legitimitätsgefühle stark
verletzte Schach antworten und den »von seiner hochseligen Mutter«
geborenen »lieben kleinen Prinzen« aufs schmählichste dethronisiren
wollte, rasch aber übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee, wies also
lieber um doch wenigstens etwas zu thun, auf das eben sichtbar werdende
grüne Kuppeldach des Charlottenburger Schlosses hin, und bog im nächsten
Augenblick in die große, mit alten Linden bepflanzte Dorfgasse von
Tempelhof ein.
Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. Er gab dem Groom die Zügel und
sprang ab, um den Damen beim Aussteigen behülflich zu sein. Aber nur
Frau von Carayon und Victoire nahmen die Hülfe dankbar an, während Tante
Marguerite verbindlich ablehnte, »weil sie gefunden habe, daß man sich
auf seinen eigenen Händen immer am besten verlassen könne.«
Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt, und der von einem
Staketenzaun eingefaßte Vorplatz war denn auch an allen seinen Tischen
besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit. Als man aber eben schlüssig
geworden war, in dem Hintergarten, unter einem halboffenen
Kegelbahnhäuschen, den Kaffee zu nehmen, ward einer der Ecktische frei,
so daß man in Front des Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstraße
verbleiben konnte. Das geschah denn auch, und es traf sich, daß es der
hübscheste Tisch war. Aus seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es
auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig noch an allem
Laubschmucke fehlte, so saßen doch schon die Vögel in seinen Zweigen und
zwitscherten. Und nicht =das= blos sah man; Equipagen hielten in der
Mitte der Dorfstraße, die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und
Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde herein kamen, zogen an der
Wagenreihe vorüber. Zuletzt kam eine Heerde, die der Schäferspitz von
rechts und links her zusammenhielt, und dazwischen hörte man die
Betglocke, die läutete. Denn es war eben die sechste Stunde.
Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie waren, oder vielleicht auch
=weil= sie's waren, enthusiasmirten sich über all und jedes, und
jubelten, als Schach einen Abendspaziergang in die Tempelhofer Kirche
zur Sprache brachte. Sonnenuntergang sei die schönste Stunde. Tante
Marguerite freilich, die sich »vor dem unvernünftigen Viehe« fürchtete,
wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu
weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirth aufs eindringlichste versichert
hatte, »daß sie sich um den Bullen nicht zu fürchten brauche,« nahm sie
Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während
Schach und Frau von Carayon folgten. Alles, was noch an dem
Staketenzaune saß, sah ihnen nach.
»Es ist nichts so fein gesponnen,« sagte Frau von Carayon und lachte.
Schach sah sie fragend an.
»Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und niemand Geringeres als Tante
Marguerite hat uns heute Mittag davon erzählt.«
»Wovon?«
»Von der Serenade. Die Carolath ist eine Dame von Welt und vor allem
eine Fürstin. Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, 'daß Sie
der garstigsten _princesse_ vor der schönsten _bourgeoise_ den Vorzug
geben würden.' Jeder garstigen Prinzeß sag ich. Aber zum Ueberfluß ist
die Carolath auch noch schön. _Un teint de lys et de rose._ Sie werden
mich eifersüchtig machen.«
Schach küßte der schönen Frau die Hand. »Tante Marguerite hat Ihnen
richtig berichtet, und Sie sollen nun alles hören. Auch das Kleinste.
Denn, wenn es mir, wie zugestanden, eine Freude gewährt, einen solchen
Abend unter meinen Erlebnissen zu haben, so gewährt es mir doch eine
noch größere Freude, mit meiner schönen Freundin darüber plaudern zu
können. Ihre Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich so voll
guten Herzens sind, machen mir erst alles lieb und werth. Lächeln Sie
nicht. Ach daß ich Ihnen alles sagen könnte. Theure Josephine, Sie sind
mir das Ideal einer Frau: klug und doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel,
espritvoll und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, die mein =Herz=
darbringt, gelten nach wie vor nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswürdigsten
und Besten. Und das ist Ihr höchster Reiz, meine theure Freundin, daß
Sie nicht einmal wissen, wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie
über mich üben.«
Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und das Auge der schönen Frau
leuchtete, während ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber nahm sie
den scherzhaften Ton wieder auf und sagte: »Wie gut Sie zu sprechen
verstehen. Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus der Verschuldung
heraus.«
»Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's bei der Verschuldung, die nach
Sühne verlangt. Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich gestern. Ich
hatte vergessen, daß Ihr Empfangsabend war, und erschrak fast, als ich
Bülow sah, und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. Wie kommt er
nur in Ihre Gesellschaft?«
»Er ist der Schatten Bülows.«
»Ein sonderbarer Schatten, der dreimal schwerer wiegt als der
Gegenstand, der ihn wirft. Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll ihn
noch übertreffen, weshalb ich neulich spöttisch erzählen hörte, 'Sander,
wenn er seine Brunnenpromenade vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau
herum.' Und =dieser= Mann Bülows Schatten! Wenn Sie lieber sagten, sein
Sancho Pansa ....«
»So nehmen Sie Bülow selbst als Don Quixote?«
»Ja, meine Gnädigste .... Sie wissen, daß es mir im allgemeinen
widersteht, zu medisiren, aber dies ist _au fond_ nicht medisiren, ist
eher Schmeichelei. Der gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher
Enthusiast, und nun frag ich Sie, theuerste Freundin, läßt sich von
Bülow dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist excentrisch, nichts weiter, und
das Feuer, das in ihm brennt, ist einfach das einer infernalen
Eigenliebe.«
»Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist verbittert, gewiß; aber ich
fürchte, daß er ein Recht hat, es zu sein.«
»Wer an krankhafter Ueberschätzung leidet, wird immer tausend Gründe
haben, verbittert zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft,
und predigt die billigste der Weisheiten, die Weisheit _post festum_.
Lächerlich. An allem, was uns das letzte Jahr an Demüthigungen gebracht
hat, ist, wenn man ihn hört, nicht der Uebermuth oder die Kraft unserer
Feinde schuld, o nein, dieser Kraft würde man mit einer größeren Kraft
unschwer haben begegnen können, wenn man sich unsrer Talente, will also
sagen, der Talente Bülows rechtzeitig versichert hätte. Das unterließ
die Welt, und daran geht sie zu Grunde. So geht es endlos weiter. Darum
Ulm und darum Austerlitz. Alles hätt ein andres Ansehen gewonnen, sich
anders zugetragen, wenn diesem korsischen Thron- und Kronenräuber,
diesem Engel der Finsterniß, der sich Bonaparte nennt, die Lichtgestalt
Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten wäre. Mir widerwärtig. Ich
hasse solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe,
wie von lächerlichen Größen, ich aber halte zu dem fridericianischen
Satze, daß die Welt nicht sicherer auf den Schultern des Atlas ruht, als
Preußen auf den Schultern seiner Armee.«
Während dieses Gespräch zwischen Schach und Frau von Carayon geführt
wurde, war das ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle
gekommen, von der aus ein Fußpfad über ein frisch gepflügtes Ackerfeld
hin sich abzweigte.
»Das ist die Kürche,« sagte das Tantchen und zeigte mit ihrem Parasol
auf ein neugedecktes Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp und
Gezweig hervorschimmerte. Victoire bestätigte, was sich ohnehin nicht
bestreiten ließ, und wandte sich gleich danach nach rückwärts, um die
Mama durch eine Kopf- und Handbewegung zu fragen, ob man den hier
abzweigenden Fußpfad einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte
zustimmend, und Tante und Nichte schritten in der angedeuteten Richtung
weiter. Ueberall aus dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier,
noch ehe die Saat heraus war, schon ihr Furchennest gebaut hatten, ganz
zuletzt aber kam ein Stück brachliegendes Feld, das bis an die
Kirchhofsmauer lief, und, außer einer spärlichen Grasnarbe, nichts
aufwies, als einen trichterförmigen Tümpel, in dem ein Unkenpaar
musizirte, während der Rand des Tümpels in hohen Binsen stand.
»Sieh, Victoire, das sind Binsen.«
»Ja, liebe Tante.«
»Kannst Du Dir denken, _ma chère_, daß, als ich jung war, die Binsen als
kleine Nachtlichter gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf
einem Glase schwammen, wenn man krank war oder auch bloß nicht schlafen
konnte ....«
»Gewiß,« sagte Victoire. »Jetzt nimmt man Wachsfädchen, die man
zerschneidet, und in ein Kartenstückchen steckt.«
»Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher waren es Binsen, _des joncs_.
Und sie brannten auch. Und deshalb erzähl' ich es Dir. Denn sie müssen
doch ein natürliches Fett gehabt haben, ich möchte sagen etwas
Kienenes.«
»Es ist wohl möglich,« antwortete Victoire, die der Tante nie
widersprach, und horchte, während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin,
in dem das Musiziren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach aber
sah sie, daß ein halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im vollen
Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen weißen Spitz sich neckte, der
bellend und beißend an der Kleinen empor sprang. Dabei warf die Kleine,
mitten im Lauf, einen an einem Strick und einem Klöppel hängenden
Kirchenschlüssel in die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf, daß
weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr weh thun konnte. Zuletzt aber
blieb sie stehn und hielt die linke Hand vor die Augen, weil die
niedergehende Sonne sie blendete.
»Bist Du die Küsterstochter?« fragte Victoire.
»Ja,« sagte das Kind.
»Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder komm mit uns und schließ uns
die Kirche wieder auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die
Herrschaften da.«
»Gerne,« sagte das Kind und lief wieder vorauf, überkletterte die
Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und
Hagebuttensträuchern, die hier so reichlich standen, daß sie, trotzdem
sie noch kahl waren, eine dichte Hecke bildeten.
Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam über
verfallene Gräber weg, die der Frühling noch nirgends mit seiner Hand
berührt hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und nur unmittelbar neben
der Kirche war eine schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt.
Victoire bückte sich, um hastig davon zu pflücken, und als Schach und
Frau von Carayon im nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg des
Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter
die Veilchen.
Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und saß wartend auf
dem Schwellstein; als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich rasch
und trat, allen vorauf, in die Kirche, deren Chorstühle fast so schräg
standen, wie die Grabkreuze draußen. Alles wirkte kümmerlich und
zerfallen, der eben sinkende Sonnenball aber, der hinter den nach Abend
zu gelegenen Fenstern stand, übergoß die Wände mit einem röthlichen
Schimmer und erneuerte, für Augenblicke wenigstens, die längst blind
gewordene Vergoldung der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der
katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es konnte nicht ausbleiben,
daß das genferisch reformirte Tantchen aufrichtig erschrak, als sie
dieser »Götzen« ansichtig wurde, Schach aber, der unter seine
Liebhabereien auch die Genealogie zählte, fragte bei der Kleinen an, ob
nicht vielleicht alte Grabsteine da wären?
»Einer ist da,« sagte die Kleine. »Dieser hier,« und wies auf ein
abgetretenes, aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild, das
aufrecht in einen Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert war. Es
war ersichtlich ein Reiteroberst.
»Und wer ist es?« fragte Schach.
»Ein Tempelritter,« erwiderte das Kind, »und hieß der Ritter von
Tempelhof. Und diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten machen, weil
er wollte, daß er ihm ähnlich werden sollte.«
Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil das Aehnlichkeitsbedürfniß des
angeblichen Ritters von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen
traf.
»Und er baute diese Kirche,« fuhr die Kleine fort, »und baute zuletzt
auch das Dorf, und nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof hieß.
Und die Berliner sagen »Templow«. Aber es ist falsch.«
All das nahmen die Damen in Andacht hin, und nur Schach, der neugierig
geworden war, fragte weiter »ob sie nicht das ein oder andre noch aus
den Lebzeiten des Ritters wisse?«
»Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber nachher.«
Alle horchten auf, am meisten das sofort einen leisen Grusel verspürende
Tantchen, die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: »Ob es alles so
wahr ist, wie die Leute sagen, das weiß ich nicht. Aber der alte
Kossäthe Maltusch hat es noch mit erlebt.«
»Aber was denn, Kind?«
»Er lag hier vor dem Altar über hundert Jahre, bis es ihn ärgerte, daß
die Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, und ihm das
Gesicht abschurrten, wenn sie zum Abendmahl gingen. Und der alte
Maltusch, der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem Vater
erzählt, er hab es noch mit seinen eigenen Ohren gehört, daß es noch
mitunter so gepoltert und gerollt hätte, wie wenn es drüben über
Schmargendorf donnert.«
»Wohl möglich.«
»Aber sie verstanden nicht, was das Poltern und Rollen bedeutete,« fuhr
die Kleine fort. »Und so ging es bis das Jahr, wo der russische General,
dessen Namen ich immer vergesse, hier auf dem Tempelhofer Felde lag. Da
kam einen Sonnabend der vorige Küster und wollte die Singezahlen
wegwischen und neue für den Sonntag anschreiben. Und nahm auch schon das
Kreidestück. Aber da sah er mit einem Male, daß die Zahlen schon
weggewischt und neue Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem
Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben waren. Alles altmodisch
und undeutlich, und nur so grade noch zu lesen. Und als sie
nachschlugen, da fanden sie: 'Du sollst Deinen Todten in Ehren halten
und ihn nicht schädigen an seinem Antlitz.' Und nun wußten sie, wer die
Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf, und mauerten ihn in diesen
Pfeiler.«
»Ich finde doch,« sagte Tante Marguerite, die, je schrecklicher sie sich
vor Gespenstern fürchtete, desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt,
»ich finde doch, die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben thun.«
Und dabei wandte sie sich ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab,
und ging mit Frau von Carayon, die, was Gespensterfurcht anging, mit dem
Tantchen wetteifern konnte, wieder dem Ausgange zu.
Schach folgte mit Victoire, der er den Arm gereicht hatte.
»War es wirklich ein Tempelritter?« fragte diese. »Meine
Tempelritter-Kenntniß beschränkt sich freilich nur auf den =einen= im
'Nathan,' aber wenn unsre Bühne die Kostümfrage nicht =zu= willkürlich
behandelt hat, so müssen die Tempelritter durchaus anders ausgesehen
haben. Hab ich Recht?«
»=Immer= Recht, meine liebe Victoire.« Und der Ton dieser Worte traf ihr
Herz und zitterte darin nach, ohne daß sich Schach dessen bewußt gewesen
wäre.
»Wohl. Aber wenn kein Templer, was =dann=?« fragte sie weiter und sah
ihn zutraulich und doch verlegen an.
»Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Oder
vielleicht auch erst aus den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen
Namen: Achim von Haake.«
»So halten Sie die ganze Geschichte für ein Märchen?«
»Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht in allem. Es ist erwiesen,
daß wir Templer in diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren
vorgothischen Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage
zurückreichen. So viel ist glaubhaft.«
»Ich höre so gern von diesem Orden.«