„Sie ist alt ... sie ist krank,“ sagte er, „sie liebte mich mehr als

alles auf der Welt, ich aber weiß hier nicht einmal, ob sie lebt oder

tot ist. Wird es doch schon genug für sie gewesen sein, als sie erfahren

mußte, daß ich Spießruten gelaufen bin ...“ M. war nicht adlig und so

hatte man ihn vor seinem Abgang in die Verbannung körperlich bestraft.

Wenn er sich dieser Bestrafung erinnerte, biß er die Zähne zusammen und

blickte angestrengt zur Seite. In der letzten Zeit suchte er immer

häufiger die Einsamkeit. An einem Vormittag kurz vor zwölf wurde er

plötzlich zum Kommandanten unserer Festung befohlen. Dieser trat ihm mit

einem heiteren Lächeln entgegen.

„Nun, M., was hat dir denn heute Nacht geträumt?“ fragte er ihn.

„Ich erschrak,“ erzählte M. später im Ostrogg, „es war mir, als hätte

man mein Herz durchbohrt.“

„Daß ich einen Brief von meiner Mutter erhielt,“ antwortete er.

„Das ist noch zu wenig!“ entgegnete der Kommandant. „Du bist frei! Deine

Mutter hat für dich gebeten ... ihre Bitte ist erhört worden. Hier ist

ihr Brief, und hier ist auch der Entlassungsbefehl. Du wirst den Ostrogg

sofort verlassen.“

Bleich und noch halb besinnungslos kehrte M. zu uns zurück. Wir

beglückwünschten ihn alle. Mit bebenden Händen drückte er unsere Hände.

Auch von den übrigen Sträflingen kamen sehr viele, um ihn zu

beglückwünschen und sie freuten sich über sein Glück.

Er kam in die Kolonie und blieb in unserer Stadt, wo er bald eine

Anstellung erhielt. In der ersten Zeit kam er oft zum Ostrogg und

brachte uns Nachrichten, von denen ihn und uns besonders die politischen

interessierten.

Von den übrigen vier Adligen, also außer M., T., B. und Sh., waren zwei

noch sehr junge Leute, beide nur auf kurze Zeit verschickt, beide wenig

gebildet, dafür aber ehrlich, einfach und offenherzig. Der dritte,

A–tschukoffskij, war beinahe einfältig, an ihm war jedenfalls nichts

weiter bemerkenswert. Und der vierte, ein gewisser B–m, ein schon

bejahrter Mann, machte auf uns alle einen sehr schlechten Eindruck. Ich

weiß nicht, wie er unter die „Politischen“ gekommen war; er selbst

leugnete es, daß er zu ihnen gehöre. Das war ein roher, kleinlicher

Charakter, mit den Angewohnheiten und der Lebensauffassung eines

Krämers, der durch erfeilschte Kopeken reich geworden war. Er war

gänzlich ungebildet und interessierte sich für nichts, außer für sein

Handwerk. Er war nämlich Maler, aber kein gewöhnlicher, sondern ein

unvergleichlicher, unübertroffener! Bald hatten sich auch die

Vorgesetzten von seinem Talent überzeugt, und verwendeten ihn nur noch

zum Anstreichen und „Bemalen“ der Zimmerwände und -decken. In zwei

Jahren hatte er fast alle Dienstwohnungen neu angestrichen. Die

Einwohner zahlten ihm natürlich auch ein Überflüssiges für seine Mühe,

und so lebte er nicht schlecht. Das beste dabei war, daß man mit ihm

zusammen auch seine anderen Kameraden zur selben Arbeit schickte. Von

diesen, die beständig mit ihm zur Arbeit gingen, erlernten zwei das

Handwerk tadellos. Ja, der eine, T–schewskij, malte bald nicht

schlechter als er. Da befahl auch unser Platzmajor, der vom Staate

gleichfalls freie Wohnung hatte, diesen B–m zu sich und trug ihm auf,

alle Wände und Zimmerdecken schön anzumalen. Hier nun gab sich B–m ganz

besondere Mühe; selbst beim Generalgouverneur sollen die Wände nicht so

schön gewesen sein. Das Haus, das der Major bewohnte, war ein

einstöckiges Gebäude, von Holz natürlich, sehr alt, sehr schäbig von

außen; von innen aber wurde es wie ein Palais angestrichen, worüber der

Major entzückt war ... Er rieb sich die Hände vor Vergnügen und sagte

immer wieder, daß er jetzt unbedingt heiraten müsse.

„Wenn man eine solche Wohnung hat, dann geht es nicht anders, dann muß

man heiraten!“ sagte er in allem Ernst.

Mit B–m war er jetzt überaus zufrieden und durch B–m auch mit den beiden

anderen Adligen, die mit diesem bei ihm arbeiteten. Die Arbeit dauerte

einen ganzen Monat. In dieser Zeit änderte der Major seine Meinung über

uns vollständig und verhielt sich von da an sehr gönnerhaft zu allen

Adligen. Ja, eines Tages ging er sogar so weit, daß er plötzlich den

alten Sh. zu sich rufen ließ.

„Sh–kij,“ sagte er, „ich habe dich beleidigt. Ich habe dich unnütz

prügeln lassen, ich weiß es. Jetzt bereue ich es. Begreifst du, was das

heißt? _Ich, ich, ich_ – bereue es!“

Sh. antwortete, daß er es begreife.

„Begreifst du, daß _ich, ich_, dein Vorgesetzter, dich zu mir habe rufen

lassen, um dich um Verzeihung zu bitten! Fühlst du auch die ganze Große

dieser Tat? Wer bist du vor mir? – Ein Wurm! Sogar noch weniger als ein

Wurm: du bist ein Arrestant! Ich aber bin – von Gottes Gnaden[11] ein

Major! Ein Major! Begreifst du auch, was das heißt?“

Sh. antwortete, daß er auch dieses begreife.

„Nun, dann will ich mich jetzt mit dir aussöhnen. Aber fühlst du auch,

fühlst du es auch vollständig, ganz und gar? Bist du überhaupt fähig, zu

begreifen und zu fühlen? Bedenk doch nur: ich, ich, der Major! ...“ u.

s. w.

Sh. erzählte mir selbst die ganze Szene. So schlummerte denn vielleicht

auch in diesem ewig betrunkenen, unsinnigen und unordentlichen Menschen

noch ein menschliches Empfinden. Wenn man seine Begriffe und seine

Entwicklung in Betracht zieht, so kann man ja eine solche Handlung fast

für eine großmütige Tat ansehen. Übrigens wird wohl auch sein

betrunkener Zustand mit die Veranlassung dazu gewesen sein.

Doch sein schöner Traum verwirklichte sich nicht: es kam nicht zur

Heirat, obschon er sich bis zur Beendung des Anstriches völlig dazu

entschlossen hatte. Anstatt vor den Altar kam er vor ein Gericht und

erhielt den Wink, seinen Abschied zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit

wurden dann alle seine alten Sünden aufgedeckt. Früher war er in der

Stadt, wenn ich mich nicht täusche, Polizeimeister gewesen ... Der

Schicksalsschlag traf ihn vollkommen unerwartet. Im Ostrogg freute man

sich unbeschreiblich über seinen Abgang: als die Nachricht kam, wurde

der Tag sofort zum Fest, zum Triumphtage! Man erzählte, der Major habe

wie ein altes Weib geweint und geschrien, doch war jetzt nichts mehr zu

ändern. Er trat aus dem Dienst, verkaufte seine beiden Schimmel und mit

der Zeit sein ganzes Hab und Gut und soll später in Armut gelebt haben.

Wir begegneten ihm einmal: er trug einen schäbigen Überzieher und eine

Mütze mit einer Kokarde. Haßerfüllt blickte er auf den Arrestantentrupp.

Mit seiner ganzen Zaubermacht war es vorüber, seitdem er den Waffenrock

abgelegt hatte: in diesem war er ein Gewitter, ein Gott gewesen; im

Überzieher aber wurde er plötzlich ganz nichtssagend und erinnerte an

einen alten Diener. Es ist wirklich sonderbar, wieviel bei solchen

Menschen die Uniform ausmacht.

IX.

Die Flucht

Bald nach der Absetzung unseres Platzmajors erlebten wir große

Veränderungen in unserem Ostrogg. Die Kátorga wurde aufgehoben und an

ihrer Stelle eine Arrestantenkompagnie unter Militärverwaltung

eingeführt, nach dem Muster der russischen Arrestantenkompagnien. Das

bedeutete, daß von nun an keine Verbannten der zweiten Klasse mehr in

unseren Ostrogg kamen, sondern nur noch militärische Sträflinge, also

Leute, die nicht aller Rechte beraubt waren, die Soldaten wie alle

anderen Soldaten waren, nur daß sie sich ein Vergehen hatten zu schulden

kommen lassen, dafür bestraft und zu einer verhältnismäßig kurzen Zeit

verurteilt worden waren (sechs Jahre waren das höchste) und nach ihrem

Austritt aus dem Ostrogg wieder in ihre Bataillone als Gemeine

zurückkehren konnten. Nur diejenigen, welche dann zum zweitenmal etwas

verbrochen hatten, wurden wie früher zu zwanzig Jahren verurteilt.

Wir hatten auch vordem schon eine Militärabteilung gehabt, doch hatte

sie nur deshalb bei uns gelegen, weil man sie sonst nirgendwo hatte

unterbringen können. Jetzt aber wurde der ganze Ostrogg zu einer solchen

Militärabteilung. Doch blieben die früher hierher geschickten

Zwangsarbeiter, die aller Rechte beraubt und gebrandmarkt waren, und

deren eine Kopfhälfte von der Stirn bis zum Nacken rasiert wurde, bis

zum Ablauf ihrer Strafzeit in unserem Ostrogg. Neue dagegen kamen nicht

hinzu, die Zahl der vorhandenen verringerte sich mit jedem Jahr, so daß

nach zehn Jahren der letzte seine Frist im Ostrogg abgebüßt haben würde.

Nur die besondere Abteilung blieb bestehen und in diese wurden nach wie

vor schwere Verbrecher aus dem Militär geschickt – „bis zur Einführung

der schwersten Zwangsarbeiten in Sibirien“. So kam es denn, daß sich das

Ostroggleben für uns genau genommen ohne jede Veränderung fortsetzte:

dieselbe Kost, dieselbe Arbeit, fast auch dieselbe Ordnung, nur das

Oberkommando hatte sich verändert und war komplizierter geworden. Wir

hatten jetzt einen Kompagniechef, einen Stabsoffizier und dann noch vier

Leutnants, die abwechselnd im Ostrogg die Wache bezogen. Die Invaliden

wurden durch zwölf Unteroffiziere und einen Oberaufseher ersetzt. Wir

wurden in Abteilungen zu je zehn Mann eingeteilt, für sie wurden

Gefreite aus den Sträflingen ernannt, natürlich nur nominell, und

selbstverständlich gehörte jetzt auch Akim Akimytsch zu den Gefreiten.

Diese ganze neue Institution sowie der ganze Ostrogg mit allen seinen

Aufsehern und Sträflingen unterstand auch jetzt dem Festungskommandanten

als höchstem Befehlshaber. Und das war schließlich alles.

Natürlich regten sich die Sträflinge anfangs mächtig auf, es wurde viel

über die Neuerungen gesprochen, gestritten, man versuchte, das

bevorstehende zu erraten, die neuen Vorgesetzten zu kritisieren. Als man

aber sah, daß in Wirklichkeit alles beim alten blieb, da beruhigte man

sich im Augenblick und unser Leben nahm wieder seinen alten Gang. Doch

die Hauptsache war, daß man uns von unserem früheren Major erlöst hatte:

alle schienen jetzt aufzuatmen und neuen Mut zu schöpfen. Das

Verschüchterte war verschwunden, ein jeder wußte jetzt, daß er im

Notfall mit seinem Vorgesetzten persönlich sprechen, daß man höchstens

aus Versehen einen Unschuldigen bestrafen konnte. Selbst der Branntwein

wurde bei uns unter genau denselben Bedingungen weiterverkauft, wie

früher, obgleich wir doch jetzt an Stelle der gutmütigen Invaliden

Unteroffiziere hatten. Diese Unteroffiziere waren, wie es sich zeigte,

anständige und vernünftige Leute, die ihre Stellung schließlich ganz gut

begriffen. Einige von ihnen zeigten zu Anfang allerdings die Absicht,

als Vorgesetzte aufzutreten, und glaubten in ihrer Unerfahrenheit, mit

den Arrestanten wie mit Soldaten umgehen zu können. Doch auch sie

begriffen bald, daß es sich hier um etwas anderes handelte. Anderen, die

es nicht sobald begreifen wollten, wurde der Standpunkt von den

Sträflingen selbst klargemacht. Mitunter geriet man sogar ziemlich

scharf aneinander: man verleitete z. B. einen Unteroffizier zum

Mittrinken, machte ihn trunken, und nachher „erinnerte“ man ihn daran –

natürlich auf eigene Art –, daß er mit ihnen gezecht hatte und ...

folglich ... Es endete damit, daß die Unteroffiziere sich gleichgültig

zu dem Branntweinverkauf verhielten, oder richtiger, sich bemühten, gar

nicht zu sehen, wie man die Branntweinschläuche durchschmuggelte und

verkaufte. Ja schließlich gingen auch sie, ganz wie früher die

Invaliden, auf den Markt und kauften für die Sträflinge Semmeln,

Rindfleisch und was diese sonst noch brauchten, – alles, was sie ohne

große Verantwortung ihnen verschaffen konnten. Aus welchem Grunde diese

ganze Neuerung eingeführt worden war, vermag ich nicht zu sagen. Es

geschah dies in den letzten Jahren meiner Strafzeit. Zwei Jahre mußte

ich noch unter den neuen Verhältnissen im Ostrogg zubringen ...

Ich denke natürlich nicht daran, alles aus diesem Leben im Ostrogg, von

jedem einzelnen Jahr zu berichten. Wollte ich der Reihe nach alles

erzählen, was ich dort in der Zeit gesehen, erlebt und empfunden habe,

so müßte ich drei-, wenn nicht viermal soviel schreiben, als ich bis

jetzt schon geschrieben habe. Und eine solche Beschreibung würde

schließlich unwillkürlich eintönig wirken. Alle meine Erlebnisse würden

doch zu sehr auf einen Ton gestimmt sein, namentlich wenn der Leser nach

dem bereits Geschriebenen sich schon ein einigermaßen richtiges Bild von

dem Leben unserer sibirischen Sträflinge der zweiten Klasse gemacht hat.

Ich wollte unseren ganzen Ostrogg und alles, was ich in diesen Jahren

dort durchlebt habe, in einem anschaulichen und möglichst klaren Bilde

zeigen, doch ob es mir auch gelungen ist – das weiß ich nicht.

Vielleicht steht es nicht mir zu, darüber zu urteilen. Doch wie dem auch

sei, jedenfalls glaube ich, daß ich hiermit schließen kann; zudem

überkommt mich selbst in der Erinnerung an jenes Leben die alte Qual.

Und dann – wie könnte ich mich jetzt noch aller Einzelheiten in der

richtigen Reihenfolge entsinnen? Die späteren Jahre sind in meinem

Gedächtnis fast wie ausgelöscht. Vieles habe ich sicherlich ganz

vergessen. Ich entsinne mich nur noch, daß alle diese Jahre, die im

wesentlichen einander so ähnlich waren, daß man sie kaum unterscheiden

konnte, träge und langweilig vorüberzogen. Ich weiß nur noch, daß diese

langen, langweiligen Tage so einförmig waren und so langsam vergingen,

wie nach einem Regen das Wasser vom Dach in langsamen Tropfen

herabtropft. Ich weiß noch, daß nur der leidenschaftliche Wunsch nach

Auferstehung, nach Erneuerung, nach neuem Leben mich im Warten stärkte

und mich noch hoffen ließ. Und schließlich erstarkte ich: ich wartete,

ich zählte jeden Tag, und wenn ihrer auch noch Tausende nachblieben, so

zählte ich doch mit Wonne jeden einzelnen ab, begleitete, begrub ihn,

und freute mich beim Anbruch des neuen Tages, daß mir jetzt nicht mehr

tausend, sondern nur noch neunhundertneunundneunzig bevorstanden. Ich

weiß noch, daß ich in dieser ganzen Zeit trotz der Hunderte von

Kameraden, stets einsam war, und daß ich zum Schluß diese Einsamkeit

lieb gewann. In dieser geistigen Einsamkeit durchlebte ich von neuem

mein ganzes Leben, ich untersuchte alles bis zur letzten Einzelheit in

ihm, ich dachte über alles und jedes nach, ich kritisierte meine ganze

Vergangenheit, hielt streng und unerbittlich über mich selbst Gericht,

und in mancher Stunde segnete ich die Vorsehung dafür, daß sie mir diese

Einsamkeit geschickt hatte, ohne die ich niemals zu diesem Gericht über

mich selbst gekommen wäre, zu dieser strengen Kritik meines früheren

Lebens. Und mit welchen Hoffnungen füllte sich mein Herz doch damals!

Ich wollte, ich beschloß, ich schwor mir, daß es in meinem neuen Leben

nicht mehr jene Fehler, jene Fehltritte geben sollte, die früher von mir

begangen worden waren. Ich entwarf ein vollständiges Programm für mein

zukünftiges Leben und ich nahm mir fest vor, ihm treu zu folgen. Ein

blinder Glaube war in mir, daß ich das alles erfüllen würde und auch

erfüllen könnte ... Ich erwartete sehnsüchtig die Freiheit, ich rief sie

schneller herbei: ich wollte mich von neuem erproben, im neuen Kampf.

Bisweilen ergriff mich eine krampfhafte Ungeduld ... Doch ist es mir

schmerzlich, jetzt an meinen Seelenzustand in jener Zeit zu denken.

Natürlich geht das nur mich allein an ... Ich habe es ja nur

geschrieben, weil ein jeder es begreifen und wohl dasselbe durchmachen

wird, der in der Blüte seiner Kraft auf Jahre in ein Gefängnis muß.

Doch wozu davon reden! ... Es ist besser, ich erzähle noch etwas, um

nicht gar so schroff abzuschließen.

Es fällt mir soeben ein, daß man ja verwundert fragen könnte, ob denn

niemand entflohen ist oder niemand in dieser ganzen Zeit wenigstens

einen Fluchtversuch gemacht hat? Ich habe schon gesagt, daß ein

Sträfling, der zwei oder drei Jahre bereits im Ostrogg gewesen ist,

diese Zeit unwillkürlich zu schätzen beginnt und zu der Ansicht kommt,

daß es denn doch klüger ist, auch die anderen Jahre ohne Scherereien,

ohne Wagnisse zu verbüßen und dann gesetzmäßiger Kolonist zu werden.

Doch diese Berechnung hat nur einer, der nicht zu sehr langer Strafzeit

verurteilt ist. Ein zu vielen Jahren Verurteilter dagegen ist fast immer

geneigt, das Wagnis zu versuchen ... Nur schien es bei uns eben nicht

Sitte zu sein, zu entfliehen. Ob man nun zu ängstlich dazu war, oder ob

die militärische Aufsicht gar zu streng oder die Lage unserer Stadt

ungeeignet schien (auf der einen Seite die nackte Steppe, auf der

anderen die Wälder erst in ziemlicher Entfernung) – das ist schwer zu

sagen. Ich glaube, alle diese Gründe wirkten zusammen, und so verging

ihnen die Lust dazu. Es war bei uns tatsächlich ziemlich schwer, zu

entfliehen. Aber dennoch geschah es einmal: zwei von uns wagten es; sie

waren beide zu vielen Jahren verurteilt ...

Nach dem Abgang unseres Majors war A–ff – der für ihn im Ostrogg

spioniert hatte – völlig allein und seines Gönners beraubt. Er war ein

noch junger Mensch, doch sein Charakter festigte sich mit den Jahren und

wurde stärker, bestimmter. Überhaupt war er ein dreister, entschlossener

und sogar reiflich überlegender Mensch. Wenn er auch fortfuhr, bei uns

zu spionieren, und sicherlich mit verschiedenen lichtscheuen Dingen

Handel getrieben haben würde, wenn man ihn wieder in Freiheit gesetzt

hätte, so ist es doch anzunehmen, daß er jetzt nicht mehr so dumm und

unbedachtsam hereingefallen wäre, wie zum erstenmal, als er für seine

Dummheit in den Ostrogg gekommen war. Ich glaube, er hatte sich bei uns

mittlerweile im Ausstellen falscher Pässe geübt; doch will ich es nicht

gar zu positiv behaupten: ich habe es nur von den anderen Sträflingen

erzählen gehört. Man sagt, er habe sich darin schon damals geübt, als er

zum Platzmajor ging, und natürlich wird er daraus den größtmöglichen

Nutzen gezogen haben. Jedenfalls war er ein Mensch, der sich zu allem

entschließen konnte, um sein „Schicksal zu wechseln“. Ich hatte

Gelegenheit, ihn gründlich kennen zu lernen: sein Zynismus ging bis zur

empörendsten Frechheit, bis zum kältesten Spott und erregte in mir

unüberwindlichen Ekel. Ich glaube, wenn er einen Schluck Branntwein

hätte trinken wollen, dieser aber nicht anders als durch die Ermordung

eines Menschen zu erlangen gewesen wäre, so hätte er unfehlbar diesen

Menschen erschlagen – wenn es sich heimlich tun ließ, so daß niemand

etwas davon erfuhr. Im Ostrogg hatte er das Berechnen gelernt.

Auf diesen Menschen nun hatte der Sträfling der besonderen Abteilung

Kulikoff seine Aufmerksamkeit gelenkt.

Von diesem Kulikoff habe ich schon mehrmals gesprochen. Er war nicht

mehr jung, doch leidenschaftlich, zäh, stark und erfreute sich

verschiedener außerordentlicher Fähigkeiten. Es stak viel Kraft in ihm

und er wollte unbedingt noch einmal in Freiheit „leben“. Leute seines

Schlages wollen noch im höchsten Alter „leben“. Wenn ich mich darüber

gewundert hätte, daß bei uns niemand einen Fluchtversuch machte, so

hätte ich dabei zuerst wohl an Kulikoff gedacht. Und richtig: es war

Kulikoff, der sich dazu entschloß. Wer von beiden den größeren Einfluß

auf den anderen besaß – A–ff auf Kulikoff oder dieser auf ihn? – vermag

ich nicht zu sagen, jedenfalls aber waren beide einander wert und

eigneten sich vorzüglich zur Ausführung ihrer Idee. Sehr bald hatten sie

sich angefreundet. Ich glaube, Kulikoff hatte darauf gerechnet, daß A–ff

die falschen Pässe anfertigen würde. A–ff war adlig, gehörte zur guten

Gesellschaft – das verhieß eine gewisse Abwechselung für die zukünftigen

Abenteuer. Wenn man sich nur erst nach Rußland durchschlagen könnte! Wer

weiß es, wie sie sich verabredet und welche Hoffnungen sie gehabt haben;

sicherlich aber gingen diese Hoffnungen über den Horizont der

gewöhnlichen sibirischen Landstreicher hinaus. Kulikoff war ein

gebotener Schauspieler, er konnte viele und die verschiedensten Rollen

im Leben spielen, er konnte mit Recht auf vieles hoffen, zum mindesten

auf Abenteuerlichkeit in seinem Leben. Solche Leute mußten sich im

Ostrogg unwillkürlich wie lebendig begraben fühlen. Und so verabredeten

sich die zwei, zu entfliehen.

Nun war es aber unmöglich, die Flucht ohne einen Eskortesoldaten

auszuführen. Es hieß also, einen Soldaten überreden.

In einem der Bataillone, die in der Festung lagen, diente ein Pole, ein

energischer Mensch, der eigentlich ein besseres Schicksal verdient

hatte, nicht mehr jung, ernst und tapfer. In der Jugend war er sogleich

nach seiner Ankunft in Sibirien aus Heimweh entflohen. Man hatte ihn

wieder eingefangen, bestraft und auf zwei Jahre in die Strafkompagnie

gesteckt. Als er dann wieder ins Bataillon zurückgekehrt war, hatte er

sich bedacht und seine Zeit gewissenhaft abzudienen begonnen. Dafür war

er bald zum Gefreiten befördert worden. Er war ein ehrgeiziger,

selbstbewußter Charakter: er blickte und sprach wie einer, der seinen

eigenen Wert kennt. Ich sah ihn ziemlich oft unter unseren

Eskortesoldaten und auch die Polen hatten mir schon einiges von ihm

erzählt. Es schien mir, daß sein früheres Heimweh sich in ihm mit der

Zeit in versteckten, dumpfen, ewigen Haß verwandelt hatte. Dieser Mensch

konnte sich gleichfalls zu allem entschließen, und Kulikoff täuschte

sich nicht, wenn er ihn zum Spießgesellen erwählte. Sein Familienname

war Koller. Sie verabredeten sich alle drei und bestimmten auch den Tag

dazu. Es war im Juni in der heißen Zeit. Das Klima Sibiriens ist

ziemlich gleichmäßig: im Sommer ist das Wetter fast unveränderlich heiß,

was ja dem Landstreicher sehr zustatten kommt. Natürlich konnten sie

nicht direkt aus der Festung entfliehen: die ganze Stadt liegt gänzlich

frei, ist von allen Seiten offen. Die Wälder beginnen erst in einiger

Entfernung, die für den Flüchtling immerhin ziemlich groß ist. Ferner

mußten sie sich erst umkleiden und zu dem Zweck auf unauffällige Weise

in die Vorstadt gelangen, wo Kulikoff schon seit langer Zeit einen

Zufluchtsort hatte. Ich weiß nicht einmal, ob ihre Freunde dort in der

Vorstadt in das Geheimnis eingeweiht waren. Es ist freilich anzunehmen,

daß sie es waren, obgleich es späterhin nicht ganz zu erweisen war. In

jenem Jahr hatte in einem Winkel der Vorstadt ein junges und recht

hübsches Mädchen, das Wanjka-Tantka genannt wurde, eine besondere

Betätigung begonnen und berechtigte zu großen Hoffnungen, die sie in der

Folge auch teilweise erfüllte. Sie wurde „die Flamme“ genannt. Wie mir

scheint, hatte auch sie hier ihre Hand mit im Spiel, denn Kulikoff war

von ihr schon ein ganzes Jahr lang geplündert worden.

Unsere beiden Flüchtlinge verließen an einem Morgen wie gewöhnlich den

Ostrogg, um sich zur Arbeit zu begeben, hatten es jedoch so

eingerichtet, daß man sie mit dem Sträfling Schilkin, einem Ofensetzer

und Stuckateur, in eine leerstehende Bataillonskaserne schickte, aus der

Soldaten vor längerer Zeit ins Manöver ausgezogen waren. A–ff und

Kulikoff wurden mit Schilkin als Handlanger mitgeschickt. Koller stellte

sich zu ihnen als Eskorte; da aber drei Sträflinge zwei Mann als

Bedeckung erforderten, so wurde dem Koller, als altem Soldaten und

Gefreiten, auf dessen Vorschlag gern nur ein junger Rekrut mitgegeben,

damit dieser das Eskortieren und Bewachen lerne. Daraus ersieht man,

einen wie ungeheuren Einfluß unsere Flüchtlinge auf Koller gehabt haben

müssen, wenn er ihnen aufs Wort geglaubt und sich nach langjährigem und

in der letzten Zeit erfolgreichem Dienst, als kluger, solider und

überlegungsfähiger Mensch der er war, entschlossen hatte, ihnen zu

folgen.

Sämtliche Werke 18 · 第 33 / 35 段