Adlige in unserem Ostrogg. Mit einigen von ihnen verkehrte ich recht
freundschaftlich und sogar sehr gern; aber leider war mir ein Verkehr
nicht mit allen möglich. Die Besseren von ihnen waren – ich weiß nicht,
was! Allenfalls könnte man sie krank nennen und im höchsten Grade
reserviert und unduldsam. Mit zweien von ihnen sprach ich späterhin
überhaupt nicht mehr. Gebildet waren nur drei: B., M. und der alte Sh.,
der früher irgendwo Professor der Mathematik gewesen war, – ein guter,
freundlicher Mensch, ein großer Sonderling, doch trotz der Bildung ein
äußerst beschränkter Geist. Ganz anders waren M. und B. Mit M. stand ich
mich stets sehr gut. Niemals stritten wir uns, ich achtete ihn, aber ihn
zu lieben, mich ihm anzuschließen – das hätte ich nie vermocht. Er war
ein unendlich mißtrauischer und verbitterter Mensch, der sich jedoch
erstaunlich zu beherrschen wußte. Diese gar zu große Selbstbeherrschung
nun war es gerade, was mir nicht gefiel: man fühlte unwillkürlich, daß
er niemals und vor keinem einzigen Menschen seine Seele ganz aufdecken
würde. Vielleicht irrte ich mich auch. Sonst war er eine starke und
durchaus edle Natur. Diese außergewöhnliche, sogar ein wenig jesuitische
Gewandtheit und Vorsicht im Umgang mit Menschen verriet natürlich seinen
heimlichen, großen Skeptizismus. Und dennoch litt diese Seele
gerade unter ihrer Zweiheit: dem Skeptizismus und dem tiefen,
unerschütterlichen Glauben an einige seiner Überzeugungen und
Hoffnungen. Doch ungeachtet seiner großen Lebenskunst verharrte er die
ganze Zeit in unversöhnlicher Feindschaft mit B. und mit dessen Freunde
T. B. war ein kranker Mensch, jedenfalls zur Schwindsucht geneigt,
reizbar und nervös, doch im Grunde selten gut und sogar großzügig. Seine
Reizbarkeit stieg zuweilen bis zur größten Unduldsamkeit und
Launenhaftigkeit. Ich ertrug seinen Charakter zuletzt nicht mehr und
brach meinen Verkehr mit ihm ab, hörte aber nie auf, ihn zu lieben,
während ich M., mit dem ich mich nie stritt, nie zu lieben vermochte.
Als ich B. die Freundschaft gekündigt hatte, mußte ich auch auf seinen
Freund T. verzichten. (Ich habe von ihm schon im vorhergehenden Kapitel
gesprochen, – er war derselbe, der mich am Tage der Demonstration in die
Küche zurückrief.) Das tat mir nun sehr leid. Dieser T. war freilich ein
ungebildeter Mensch, doch dafür unglaublich gut, mutig, ehrlich – mit
einem Wort, ein prächtiger junger Mann. Der Grund für unser Zerwürfnis
lag einfach darin, daß er seinen Freund B. dermaßen liebte und
hochschätzte, daß er alle, die mit B. die Freundschaft brachen, sogleich
für seine eigenen Feinde hielt. Auch mit M. brach er später B.s wegen.
Übrigens waren sie alle psychisch krank, verbittert, reizbar,
mißtrauisch. Aber das ist ja auch begreiflich – sie hatten es dort sehr
schwer, viel schwerer als wir Russen. Sie waren weit entfernt von ihrer
Heimat und einige von ihnen waren zu langer Zeit verurteilt, zu zehn, zu
zwanzig Jahren. Doch der Hauptgrund ihres Unglücks war, daß sie
unendlich voreingenommen auf ihre ganze Umgebung blickten, in den
übrigen Sträflingen nichts als tierische Roheit sahen und in ihnen
keinen einzigen guten Zug, nichts Menschliches wahrnehmen konnten und
nicht einmal wollten – auf diesen unglücklichen Gesichtspunkt waren sie
durch die Macht der Verhältnisse verwiesen worden. Da ist es denn auch
begreiflich, daß die Qual sie zu ersticken drohte. Zu den Tscherkessen,
den Tataren und Issai Fomitsch waren sie sehr freundlich und
liebenswürdig, alle anderen aber wurden mit Ekel von ihnen gemieden. Nur
der eine Greis aus Starodubowo hatte ihre Achtung erworben.
Bemerkenswert ist dabei, daß kein einziger der russischen Sträflinge
während dieser ganzen Zeit, die ich im Ostrogg verbrachte, sich über
ihre Nation, ihren Glauben oder ihre Denkweise absprechend geäußert
hätte, wie es in unserem einfachen Volk zuweilen bezüglich der
Ausländer, namentlich der Deutschen, vorkommt, allerdings nur äußerst
selten. Übrigens macht man sich auch über die Deutschen bisweilen nur
etwas lustig: der deutsche biedere Bürger hat für den einfachen Russen
etwas überaus Komisches. Mit den polnischen Adligen gingen dagegen die
Sträflinge viel besser um, als mit uns russischen Adligen. Jene aber
schienen das nie bemerken und zugeben zu wollen.
Ich sprach von T. Er hatte, als sie aus ihrem früheren Verbannungsort in
unseren Ostrogg marschiert waren, den schwächlichen, bald völlig
erschöpften B. fast die ganze Zeit getragen. Zuerst waren sie nach U.
verbannt gewesen, wo sie es, nach ihren Worten, gut gehabt hatten, d. h.
viel besser als in unserem Ostrogg. Da hatten sie aber mit anderen
Verbannten, die in einer anderen Stadt lebten, eine Korrespondenz
angeknüpft – eine ganz unschuldige –, worauf die Vorgesetzten es für
nötig befunden hatten, sie unter die scharfen Augen der höheren
Vorgesetzten in unsere Festung zu schicken. Ihr dritter Kamerad war Sh.
Bis zu ihrer Ankunft war M. allein im Ostrogg gewesen. Der wird nicht
wenig in seinem ersten Gefängnisjahr gelitten haben.
Dieser Sh. war derselbe ewig betende Greis, von dem ich schon einmal
gesprochen habe. Alle unsere politischen Verbrecher waren junge Leute,
einige sogar sehr jung; nur Sh. allein hatte die fünfzig bereits
überschritten. Er war ein durchaus ehrlicher, aber doch etwas
eigentümlicher Mensch. B. und T. mochten ihn äußerst wenig, ja sie
sprachen nicht einmal mit ihm, was sie damit begründeten, daß er
eigensinnig und albern sei. Ich weiß nicht, inwieweit sie in diesem Fall
recht hatten. In einem Ostrogg, wo soviel Menschen gegen ihren Willen
zusammengepfercht leben müssen, kann man sich, wie ich glaube, leichter
entzweien und sich gegenseitig hassen, als in der Freiheit. Es kommt
hier gar zu vieles noch hinzu. Freilich war Sh. in der Tat ein ziemlich
stumpfer und vielleicht sogar unangenehmer Mensch. Alle seine anderen
Kameraden waren gleichfalls nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen.
Ich stritt mich zwar nie mit ihm, doch trat ich ihm auch nie näher. Sein
Fach, die Mathematik, schien er allerdings zu kennen. Ich erinnere mich
noch, wie er sich in seiner halbrussischen Sprache vergeblich bemühte,
ein ganz besonderes, von ihm selbst erfundenes astronomisches System zu
erklären. Die anderen Polen hatten mir aber schon gesagt, daß er es auch
einmal veröffentlicht habe, von der wissenschaftlichen Welt jedoch nur
ausgelacht worden sei. Eigentlich glaube ich, daß er geistig nicht ganz
normal war. Er konnte tagelang ununterbrochen knieend beten, wodurch er
sich unter den Sträflingen allgemeine Achtung erworben hatte, die man
ihm noch bis an sein Ende zollte. Er starb an einer schweren Krankheit
in unserem Lazarett – vor meinen Augen. Die Achtung der Sträflinge hatte
er übrigens sogleich nach seiner Ankunft im Ostrogg erworben.
Auf dem Marsch von U. bis in unsere Festung hatte man die Sträflinge
nicht rasiert, sie waren mit struppigen Bärten angekommen, so daß unser
Platzmajor, als man sie ihm so vorgeführt hatte, ob solcher Mißachtung
der Subordination in rasende Wut geraten war.
„Was sind das für Sträflinge?“ soll der Major sofort losgebrüllt haben,
„das sind ja Landstreicher, Räuber!“
Sh., der damals noch schlecht Russisch verstand und geglaubt hatte, daß
man sie frage, was sie sind, Landstreicher oder Räuber, hatte darauf
geantwortet:
„Wir sind keine Landstreicher, wir sind politische Verbrecher.“
„Wa–a–as! Du wirst noch grob! Wirst noch grob?“ brüllte der Major. „Auf
die Hauptwache! Hundert Rutenhiebe, sofort, unverzüglich!!“
Der Greis wurde gezüchtigt. Er streckte sich widerspruchslos hin, biß
die Zähne in den Arm und ertrug die Strafe ohne einen Schrei oder ein
Gestöhn, ohne sich zu rühren. B. und T. hatten inzwischen den Ostrogg
betreten, wo M., der sie beim Tor erwartet hatte, ihnen sogleich um den
Hals gefallen war, obschon er sie bis dahin noch niemals gesehen. Erregt
durch den Empfang auf der Wache, hatten sie ihm von Sh. erzählt. Ich
entsinne mich noch, wie M. mir diesen Augenblick schilderte:
„Ich war außer mir,“ sagte er, „ich wußte nicht, was mit mir geschah,
ich zitterte wie im Fieber, während ich Sh. vor dem Tor erwartete. Er
mußte von der Wache, wo er bestraft wurde, direkt in den Ostrogg kommen.
Da öffnete sich plötzlich das Tor: Sh. trat ein und ging, bleich, mit
blutleeren, bebenden Lippen, ohne den Blick zu erheben, durch die
versammelte Schar der ihn erwartenden Sträflinge, die bereits erfahren
hatten, daß ein Adliger gezüchtigt wurde, – er ging geradeaus in die
Kaserne, ging zu seinem Pritschenplatz, kniete, ohne ein Wort zu sagen,
nieder und begann zu beten. Die Sträflinge waren verwundert und sogar
gerührt ... Als ich diesen Greis sah,“ fuhr M. fort, „der in der Heimat
Weib und Kind zurückgelassen hatte, als ich diesen Greis im Silberhaar,
schmachvoll gezüchtigt, im Gebet auf den Knien sah, – da hielt ich es
nicht aus, ich stürzte hinter die Kaserne und war zwei Stunden lang wie
bewußtlos, ich war wie wahnsinnig ... Die Sträflinge achten ihn seit der
Zeit sogar sehr und gehen stets ehrerbietig mit ihm um. Besonders gefiel
ihnen, daß er während der Züchtigung nicht geschrien hatte.“
Hier muß ich aber, um die Wahrheit nicht in ein schiefes Licht zu
rücken, eine Bemerkung machen: nach diesem einen Fall darf man sich über
die Behandlung der verschickten Adligen, gleichviel ob sie Russen oder
Polen oder sonst wer sind, von seiten der sibirischen Vorgesetzten keine
Vorstellung machen. Dieses Beispiel zeigt nur, daß man bisweilen auch
auf einen schändlichen Menschen stoßen kann, und wenn nun zufällig
dieser Mensch an einem Ostrogg Kommandeur ist, so wird das Leben des
Verbannten, falls dieser ihm aus irgend einem Grunde nicht gewogen ist,
allerdings ein entsetzliches sein. Andererseits aber läßt es sich auch
nicht leugnen, daß in Sibirien die höchsten Vorgesetzten, von denen der
Ton und die ganze Stimmung aller übrigen Kommandeure abhängt, bezüglich
der verbannten Adligen sehr feinfühlig sind, und daß diese gewöhnlich
viel nachsichtiger behandelt werden, als die anderen Sträflinge. Die
Gründe hierfür sind leicht erklärlich: diese höheren Vorgesetzten sind
erstens selbst Adlige, zweitens ist es schon früher oft vorgekommen, daß
ein Adliger sich nicht gutwillig unter die Ruten gestreckt und sich auf
die Exekutoren gestürzt hat. Und drittens – und dieses scheint der
Hauptgrund zu sein – kam schon vor langer Zeit, vor etwa fünfunddreißig
Jahren, eine große Anzahl Adliger nach Sibirien, und diese Verbannten
hatten sich in den dreißig Jahren so zu verhalten gewußt, daß sie die
Sympathie ganz Sibiriens erwarben, und daher blickte denn auch die
Obrigkeit zu meiner Zeit gleichsam aus alter Gewohnheit ganz
unwillkürlich mit anderen Augen auf die adligen Verbannten, als auf die
Sträflinge aus den unteren Volksschichten. Nach ihrem Beispiel hatten
sich auch die niedrigeren Kommandeure mit denselben Augen zu sehen
gewöhnt, da sie eben Auffassung und Ton stets von oben annahmen, ihm
gewissermaßen gehorchten und sich ihm unterordneten. Freilich gab es
auch unter den Kommandeuren welche, die im Geheimen die höheren
Verhaltungsmaßregeln bekrittelten und äußerst zufrieden gewesen wären,
wenn man ihnen erlaubt hätte, nach eigenem Gutdünken zu handeln, was man
denn doch nicht so ganz tat. Ich habe allen Grund, dieses anzunehmen,
und zwar glaube ich es aus folgendem zu ersehen.
Die zweite Klasse der Kátorga, in der auch ich mich befand und die aus
den Festungsgefangenen unter militärischem Kommando gebildet wurde, war
unvergleichlich schwerer, als die beiden anderen Klassen, die dritte
(die Fabrikklasse) und die erste (die Bergwerkklasse). Nicht nur für die
Adligen war sie schwerer, sondern auch für alle anderen Arrestanten:
eben aus dem Grunde, weil das Oberkommando und die ganze Ordnung
dieser Klasse – ausschließlich militärisch und daher den
Arrestanten-Strafkompagnien in Rußland sehr ähnlich war. Das
militärische Oberkommando ist viel strenger, alles ist enger begrenzt,
man ist beständig in Ketten, beständig unter Eskorte, beständig unter
Schloß und Riegel. In den zwei anderen Klassen dagegen ist das alles
nicht so streng. Wenigstens erzählten das unsere Sträflinge, von denen
mehrere die Dinge aus eigener Erfahrung kannten. Sie wären stets mit
Freuden in die erste Klasse eingetreten, die sonst für die schwerste
gehalten wird, und sogar sehr oft gaben sie diesem Wunsch Ausdruck. Von
den Arrestanten-Strafkompagnien in Rußland aber sprachen alle, die in
ihnen gewesen waren, mit wahrem Entsetzen und versicherten uns, daß es
in ganz Rußland keine schwerere Strafe gebe, als in diese
Arrestanten-Strafkompagnien, wie sie in einigen unserer Festungen
bestehen, zu kommen, und daß unser Leben in Sibirien im Vergleich mit
jenem dort geradezu ein Paradies sei. Daher glaube ich mit Recht
annehmen zu dürfen, daß man (wenn man bereits in unserem Ostrogg – trotz
des militärischen Oberkommandos, unter den Augen des Generalgouverneurs
und schließlich angesichts solcher, zuweilen vorkommender Fälle, daß
einige unbeteiligte, doch immerhin offiziöse Personen aus Neid oder aus
Diensteifer heimlich an Ort und Stelle zu denunzieren bereit waren – die
Verbrecher besseren Standes nachsichtiger behandelt, als die
gewöhnlichen) in der ersten und dritten Arrestantenklasse die Adligen
noch viel milder behandelt wird und daß ich nach unserem Ostrogg auch
sehr wohl über das ganze übrige Sibirien urteilen kann. Alle Gerüchte
und Erzählungen, die ich über die Sträflinge der zwei anderen Klassen
gehört habe, bestätigen meine Annahme. In der Tat gingen die
Vorgesetzten mit uns Adligen aufmerksamer und vorsichtiger um.
Erleichterungen in der Arbeit oder Vorzüge in der Verpflegung kamen
natürlich nie vor: wir hatten dieselben Arbeiten, dieselben Fesseln,
dieselben Ketten, – mit einem Wort, äußerlich war alles genau so wie bei
den übrigen. Und es war ja auch nicht gut möglich, Erleichterungen zu
verschaffen. In dieser Stadt gab es damals – in jener _kaum vergangenen
alten_ Zeit – soviel Denunziationen, soviel Intrigen, soviel einander
Gruben grabende Freunde, daß es nur zu begreiflich war, wenn das
Oberkommando Angaben fürchtete. Welch eine Beschuldigung wäre aber
damals furchtbarer gewesen, als daß man mit den Sträflingen adliger
Herkunft Nachsicht übe! So kam es denn, daß jeder Vorgesetzte solche
Nachsicht zu zeigen sich fürchtete und wir ebenso gehalten wurden, wie
alle anderen, – nur die Körperstrafe bildete eine Ausnahme. Man hätte
uns ohne Weiteres züchtigen können, wenn wir es verdient hätten. Das
verlangte die Pflicht und die allgemeine Gleichheit der Sträflinge. Aber
nichtsdestoweniger hätte man uns doch nicht so mir nichts dir nichts
durchgeprügelt. Den anderen dagegen wurde eine solche Behandlung
zuweilen zuteil, namentlich von seiten einiger geringeren Vorgesetzten,
die mit Vorliebe aus eigener Macht Anordnungen trafen und gern sich als
Bevollmächtigte wichtig taten. Wir wußten, daß unser Festungskommandant,
als er den Vorfall mit dem bejahrten Sh. erfahren, sich ernstlich über
den Major geärgert hatte. Man erzählte bei uns, er habe ihm anempfohlen,
sich mit seinen Händen etwas mehr in acht zu nehmen. Ferner wußte man
bei uns auch, daß selbst der Generalgouverneur (der sonst ziemliches
Zutrauen zum Major besaß und ihm vielleicht sogar wohlgeneigt war, da er
in ihm einen guten Befehlsvollstrecker und nicht unbegabten Menschen
sah), nachdem ihm nun dieses eigenmächtige Verfahren zu Ohren gekommen
war, gleichfalls einen Verweis erteilt hatte. Der Major schrieb sich die
Lehre hinter die Ohren. Wie gern er auch zum Beispiel M. etwas angetan
hätte, den er auf Grund der Verleumdungen A–ffs haßte, – so konnte er
ihn doch auf keine Weise züchtigen lassen, obschon er krampfhaft einen
Vorwand suchte. Von der Bestrafung Sh.s erfuhr bald die ganze Stadt, und
die öffentliche Meinung wandte sich scharf gegen den Major. Viele hatten
ihn zur Rede gestellt und ihm sehr unangenehme Vorwürfe gemacht. Ich
entsinne mich jetzt auch wieder meiner ersten Begegnung mit dem
Platzmajor. Uns, d. h. mich und noch einen anderen Adligen, der mit mir
marschierte, hatte man bereits in Tobolsk vor diesem unangenehmen
Menschen gewarnt. Die damals dort angesiedelten Adligen, die schon seit
fünfundzwanzig Jahren in der Verbannung lebten, uns mit großer
Herzlichkeit empfingen, und mit denen wir während der ganzen Zeit, die
wir dort auf dem Transporthof verbrachten, in Beziehung standen, warnten
uns dringlich vor unserem zukünftigen Vorgesetzten und versprachen alles
zu tun, was sie nur könnten, um uns vor seinen Verfolgungen zu sichern.
Und in der Tat, die drei Töchter des Generalgouverneurs, die aus Rußland
hingekommen und damals beim Vater zum Besuch waren, hatten von ihnen
Briefe erhalten und, wie ich glaube, zu unseren Gunsten mit dem Vater
gesprochen. Aber was konnte schließlich der Generalgouverneur tun? Er
hat dem Major vielleicht nur gesagt, er möge etwas rücksichtsvoller mit
uns umgehen. – Ungefähr um drei Uhr nachmittags kamen wir beide in der
Stadt an und die Eskorte führte uns sofort zu unserem Major. Während wir
im Vorzimmer auf ihn warteten, wurde nach dem Unteroffizier in den
Ostrogg geschickt. Kaum war dieser erschienen, als auch der Platzmajor
heraustrat. Sein rotes, finniges und böses Gesicht machte auf uns einen
äußerst unangenehmen Eindruck, – ganz als wäre eine wütende Spinne auf
eine arme Fliege losgestürzt, die sich in ihrem Netz gefangen hat.
„Wie heißt du?“ fragte er meinen Kameraden. Er sprach schnell, schroff,
wie gehackt und wollte augenscheinlich auf uns Eindruck machen.
Mein Freund nannte seinen Namen.
„Und du?“ fuhr er fort, zu mir gewandt. Seine Brillengläser glänzten.
Ich antwortete.
„Unteroffizier! Sofort in den Ostrogg führen, in der Wache nach Zivil
rasieren, unverzüglich, den halben Kopf. Morgen andere Fesseln
anschmieden. Was sind das für Mäntel? Woher habt ihr die erhalten?“
fragte er plötzlich, jetzt erst unsere grauen Kapots mit dem gelben
Kreise auf dem Rücken bemerkend, die man uns in Tobolsk gegeben hatte
und in denen wir vor seinen erlauchten Augen erschienen waren. – „Das
ist eine neue Art! Das ist sicher eine neu eingeführte Form ... die
vorläufig noch projektiert wird ... aus Petersburg ...“ sprach er halb
vor sich hin, indem er zuerst mich, dann meinen Freund hin- und
herdrehte. „Haben sie sonst nichts mitgebracht?“ fragte er plötzlich den
Gendarmen, der mit uns gekommen war.
„Nur eigene Kleider, Euer Gnaden,“ meldete der Gendarm, der sich im Nu
stramm aufgerichtet hatte, fast zusammenzuckend vor Schreck. Alle
kannten den Major, oder hatten von ihm gehört, allen flößte er Furcht
ein.
„Alles ihnen abnehmen. Nur die Wäsche können sie behalten, aber auch nur
die weiße; bunte, falls sie welche haben, konfiszieren. Alles übrige in
der Auktion verkaufen. Das Geld in die Kasse. Der Arrestant hat kein
Eigentum,“ fügte er mit strengem Blick auf uns hinzu. „Nehmt euch in
acht, daß ihr euch gut führt! Daß mir nichts von euch zu Ohren kommt!
Sonst – kör–per–liche Züch–tigung! Für das geringste Vergehen – Hie–be!
...“
Dieser Empfang machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich an jenem
ganzen Abend fast krank war. Allerdings kam auch das noch hinzu, was ich
im Ostrogg sah. Aber von meinem Eintritt habe ich ja schon gesprochen.
Ich sagte vorhin, daß man uns Adligen vor den anderen Sträflingen nicht
die geringste Vergünstigung oder Arbeitserleichterung gewährte oder zu
gewähren wagte. Einmal aber versuchte man es dennoch: B. und ich wurden
ganze drei Monate täglich als Schreiber in die Verwaltungskanzlei
geschickt. Doch das geschah heimlich und war von der Militärverwaltung
veranlaßt worden. Das heißt, es wußten darum freilich auch noch andere,
die es gerade wissen mußten, doch taten sie, als waren sie völlig
ahnungslos. Das geschah noch unter dem Kommandeur G–ff.
Dieser Oberstleutnant G–ff kam uns wie vom Himmel geschickt, blieb aber
nur kurze Zeit bei uns – ein halbes Jahr, wenn ich mich nicht irre, oder
noch weniger – dann kehrte er nach Rußland zurück. Er machte auf alle
Sträflinge einen mächtigen Eindruck: man liebte ihn nicht nur, man
vergötterte ihn förmlich. Wie er es fertigbrachte, vermag ich nicht zu
sagen, aber er eroberte alle Herzen in einem Augenblick. „Ein Vater ist
er uns, ein leiblicher Vater! Jetzt brauchen wir keinen anderen Vater
mehr!“ sagten die Sträflinge von ihm, solange er die Militärabteilung
befehligte. Ich glaube, er war ein großer Damenfreund und echter
Lebemann; als Erscheinung nicht groß von Wuchs, mit dreistem,
selbstbewußtem Blick. Gleichzeitig jedoch war er sehr freundlich gegen
die Sträflinge, fast sogar liebevoll, und er hatte sie auch wirklich wie
ein Vater gern. Weshalb er sie so liebte, weiß ich nicht, jedenfalls
aber konnte er keinen Sträfling sehen oder an sich vorübergehen lassen,
ohne ihm ein freundliches, ermunterndes Wort zu sagen, ohne mit ihm zu
scherzen; und, was die Hauptsache war, es war dabei nicht die leiseste
Spur von Vorgesetztenfreundlichkeit zu sehen, oder auch nur etwas, das
ihre Ungleichheit angedeutet hätte. Er war wie der beste Freund. Doch
trotz dieses instinktiven Demokratismus in ihm, hat sich kein einziger
Sträfling jemals vor ihm etwas zu schulden kommen lassen, sei es durch
Unehrerbietigkeit oder gar Familiarität. Im Gegenteil. Wenn der
Sträfling ihm begegnete, verklärte sich nur sein ganzes Gesicht, und,
die Mütze in der Hand, wartete er lächelnd, bis jener sich ihm näherte.
Und wenn er nun gar mit ihm sprach – so war das ja weit mehr, als wenn
ein anderer ihn reich beschenkt hätte! Es gibt zuweilen so volkstümliche
Leute. Er schaute wie ein kühner Bursche drein und hatte etwas
Aufrichtiges und Mutiges in seinem Gang. „Unser Adler!“ nannten ihn
bisweilen die Sträflinge.
Große Arbeitserleichterungen konnte er ihnen zwar nicht gewähren: er
hatte nur die allgemeinen Arbeiten zu bestimmen, die sowohl unter ihm
wie unter all seinen Vorgängern und Nachfolgern immer ein und dieselben
blieben, und nach der einmal gegebenen Vorschrift ausgeführt werden
mußten. Nur wenn er mitunter einen Trupp bei der Arbeit antraf und sah,
daß die Arbeit bereits beendet war, so schickte er sie früher als vor
dem Trommelzeichen nach Hause. Vor allem gefiel sein Zutrauen zu den
Leuten, das Fehlen kleinlicher Pedanterie und namentlich einiger
kränkender Behandlungsformen, wie sie an manchen Vorgesetzten so
unangenehm waren. Hätte er tausend Rubel verloren, und hätte ein
Sträfling sie gefunden, – so würde er sie ihm unfehlbar wiedergebracht
haben, und wenn er auch der größte Dieb von allen gewesen wäre. Ja, ich
bin überzeugt, daß er es getan hatte. Nun kann man sich denken, wie sehr
es die Sträflinge erregte, als sie eines Tages erfuhren, daß ihr
„Adler-Kommandeur“ sich mit unserem verhaßten Platzmajor tödlich
entzweit hatte. Das war noch im ersten Monat nach seiner Ankunft bei
uns. Unser Major hatte einmal mit ihm im selben Regiment gestanden.
Jetzt hatten sie nach langer Trennung als alte Freunde ihr Wiedersehen
gefeiert und gehörig gezecht. Plötzlich aber waren sie aneinander
geraten. Es war zu einem Streit gekommen und G–ff wurde sein Todfeind.
Es hieß sogar, daß sie bei der Gelegenheit handgemein geworden wären,
was bei dem Major weiter nicht erstaunlich war, da er in der
Betrunkenheit sehr oft tätlich wurde. Als die Sträflinge dieses
erfuhren, kannte ihre Freude keine Grenzen.
„Wie könnte wohl der Achtäugige mit einem solchen Mann in Frieden leben!
Jener ist ein Adler, unser Major aber ist ...“ es folgte gewöhnlich ein
Wort, das für die Wiedergabe nicht ganz geeignet ist. Geradezu
fieberhaft interessierte man sich für den Ausgang der Prügelei, und ich
glaube, wenn das Gerücht von dem stattgefundenen Kampfe sich als unwahr
erwiesen hätte – was es vielleicht auch war –, so hätte dies den
Sträflingen großen Verdruß bereitet.
„Nein, sicherlich hat der Kommandeur ihn verhauen, – er ist kleiner und
gewandter, jener aber soll sich, wie man hört, aus Angst vor ihm unter
das Bett verkrochen haben.“
Bald aber fuhr G–koff fort und der Ostrogg versank wieder in Trübsinn.
Doch waren unsere Offiziere alle sehr sympathisch. Solange ich im
Ostrogg war, erhielten wir drei- oder viermal neue Kommandeure der
Militärabteilung, – „aber solch einen, wie unser Oberstleutnant G–koff
war, werden wir nie wiedersehen; – der war ein Adler, ein Adler und
Verteidiger!“ sagten die Sträflinge.
Dieser G–koff hatte uns Adlige sichtlich gern, und auf ihn war es auch
zurückzuführen, daß man B. und mir in der Kanzlei Arbeit verschaffte.
Nach seiner Abreise arbeiteten wir dort regelmäßig weiter; die Offiziere
verhielten sich alle sehr sympathisch zu uns, namentlich einer von
ihnen. Wir gingen täglich hin, schrieben Aktenstücke ab, unsere
Handschrift verbesserte sich sogar, als plötzlich von oben der Befehl
kam, uns sofort wieder zu unserer früheren Zwangsarbeit zu verwenden: es
hatte jemand bereits Gelegenheit gehabt, zu denunzieren! Übrigens waren
wir ganz froh darüber: diese Kanzleiarbeit war uns beiden mittlerweile
entsetzlich langweilig geworden! Hierauf gingen wir etwa zwei ganze
Jahre fast stets zusammen zu derselben Arbeit, größtenteils in die
Werkstätte. Bei der Arbeit schwatzten wir gewöhnlich; wir sprachen von
unseren Hoffnungen, Überzeugungen ... B. war ein prächtiger Mensch, nur
waren seine Ansichten mitunter recht wunderlich und eigenartig. Es kommt
oft vor, daß bei einer gewissen Art Menschen, sogar sehr klugen
Menschen, vollkommen paradoxe Begriffe sich entwickeln, von denen sie
nicht abzubringen sind. Für diese Begriffe aber hat der Mensch soviel im
Leben gelitten, er hat sie so teuer erkauft, daß es ihm gar zu
schmerzlich, wenn nicht fast unmöglich wäre, sich von ihnen loszureißen.
B. hörte wie unter Schmerzen jeden meiner Widersprüche an und antwortete
mir beißend scharf. Vielleicht war er auch mehr im Recht, als ich – ich
weiß es nicht. Zum Schluß aber gingen wir auseinander, was mir sehr leid
tat und sehr naheging: wir hatten schon soviel miteinander geteilt.
M. wurde mit den Jahren immer finsterer und verschlossener. Der Schmerz
verzehrte ihn. Früher, in der ersten Zeit, die ich im Ostrogg
verbrachte, war er viel mitteilsamer, seine Seele trat doch immerhin
öfter und mehr hervor. Damals, als ich kam, lebte er schon das dritte
Jahr im Ostrogg. Anfangs interessierte er sich für vieles von dem, was
während dieser Jahre in der Welt geschehen war, und von dem er keine
Ahnung hatte. Er fragte mich aus, hörte gespannt zu, regte sich auf. Mit
der Zeit aber fing er an, sich gleichsam zu konzentrieren, sich in sein
Innerstes zurückzuziehen. Die Kohlen bedeckten sich von selbst mit
Asche, seine Verbitterung wuchs.
„^Je hais ces brigands!^“ sagte er oft zu mir mit haßerfülltem Blick auf
die Sträflinge, die ich bereits näher kennen gelernt hatte, und alles
was ich zu deren Gunsten vorbrachte, war vollkommen in den Wind
gesprochen. Er begriff überhaupt nicht, was ich sprach, mitunter aber
gab er mir auch zerstreut recht, doch schon am nächsten Tage sagte er
dann wieder: „^Je hais ces brigands.^“
Mit ihm sprach ich ziemlich oft französisch, was jedoch einen der
Arbeitsaufseher, den Pionier Dranischnikoff, aus unbekanntem
Gedankengang veranlaßte, uns Grützköpfe und Spitzbuben zu nennen. Nur in
einem Fall belebte sich M.: wenn er von seiner Mutter sprach.