Um sechs Uhr morgens langten sie in der Kaserne an. Außer ihnen war dort

niemand. Nachdem sie ungefähr eine Stunde gearbeitet hatten, sagten

Kulikoff und A–ff dem Schilkin, daß sie in die Werkstätte gehen würden,

erstens um dort jemand zu sprechen, und zweitens um bei der Gelegenheit

auch noch ein Werkzeug von dort mitzunehmen, das ihnen hier fehlte. Mit

Schilkin mußte man schlau umgehen und so natürlich als möglich. Er war

Moskauer, Ofensetzer von Beruf, ein Typ der Moskauer Kleinbürger,

schlau, hinterlistig, klug und wenig gesprächig. Äußerlich war er ein

schwächliches und ausgemergeltes Kerlchen. Man sollte meinen, daß die

Natur ihn dazu bestimmt hatte, bis an sein Lebensende in Rock und Weste

nach Moskauer Art zu gehen, doch siehe, das Schicksal hatte es anders

gewollt, und er hatte sich nach langen Irrfahrten bei uns in der

besonderen Abteilung auf ewig niedergelassen, als einer der größten

militärischen Verbrecher. Womit er sich diese Laufbahn verdient hatte,

ist mir unbekannt; eine besondere Unzufriedenheit mit ihr ist mir jedoch

nie an ihm aufgefallen. Er führte sich ruhig und gleichmäßig auf, und

betrank er sich zuweilen auch wie ein Schuster, so benahm er sich doch

selbst im Rausch noch gut. Er wußte natürlich nichts von dem Vorhaben

der anderen, doch mußten sie vorsichtig sein, denn er hatte scharfe

Augen. Es versteht sich wohl von selber, daß Kulikoff ihm durch einen

Wink zu verstehen gab, weshalb sie eigentlich gingen: doch nur um den

Branntwein, der schon seit gestern dort verborgen sei, abzuholen! Das

rührte Schilkin: er ließ sie ohne jeden Argwohn fortgehen und blieb mit

dem jungen Rekruten zurück, Kulikoff, A–ff und Koller jedoch begaben

sich geradenwegs in die Vorstadt.

Es verging eine halbe Stunde: sie kehrten nicht zurück. Das machte

Schilkin plötzlich stutzig und er begann nachzudenken. Jetzt entsann er

sich, daß Kulikoff bei auffallend guter Laune gewesen war und A–ff

zweimal mit ihm geflüstert hatte, wenigstens hatten sie sich beide

wiederholt zugeblinzelt, – das hatte er bemerkt und dessen entsann er

sich jetzt deutlich. Auch Koller war anders gewesen als sonst: warum

hatte er zum Beispiel vor dem Fortgehen dem Rekruten eine solche Predigt

gehalten: was er in seiner, Kollers, Abwesenheit zu tun habe? Das war

zum mindesten von Koller etwas unnatürlich. Mit einem Wort, je mehr

Schilkin sich die Sachlage vergegenwärtigte, um so verdächtiger erschien

sie ihm. Inzwischen verging die Zeit, die drei aber kehrten noch immer

nicht zurück, und Schilkins Unruhe wuchs mit jeder Minute ... Er begriff

nur zu gut, wieviel er dabei selbst zu fürchten hatte, denn auf ihn

konnte sehr leicht der Verdacht der Vorgesetzten fallen. Man konnte

denken, daß er die Kameraden wissentlich habe entlaufen lassen, nach

gemeinsamer Abmachung, und daß dieser Verdacht, wenn er nicht sofort von

dem Vorgefallenen Mitteilung machte, noch an Wahrscheinlichkeit gewinnen

würde. Er durfte also keine Zeit verlieren. Jetzt erinnerte er sich

auch, daß Kulikoff und A–ff in der letzten Zeit ganz besonders eng

miteinander befreundet gewesen, daß sie oft die Köpfe zusammengesteckt

und getuschelt hatten, und fern von allen anderen hinter den Kasernen

hin- und hergegangen waren. Ja, es fiel ihm sogar ein, daß er schon

früher sich etwas in Bezug auf die beiden gedacht hatte ... Forschend

blickte er auf seinen Eskortesoldaten: der stand, auf sein Gewehr

gestützt, gähnte und reinigte sich in der unschuldigsten Weise mit dem

Finger die Nase, so daß Schilkin ihn nicht einmal der Mitteilung seiner

Gedanken für würdig hielt, sondern dem Burschen einfach befahl, ihm in

die Militärwerkstätte zu folgen. Dort mußte er sich erkundigen, ob sie

dagewesen waren. Er ging hin, fragte, doch niemand hatte sie dort

gesehen. Jetzt gab es für Schilkin keinen Zweifel mehr.

„Wären sie nur in die Vorstadt gegangen,“ dachte er, „um dort zu trinken

und sich zu amüsieren, wie Kulikoff das zuweilen tut, so hätten sie sich

doch nicht unter einem falschen Vorwand aus dem Staube gemacht. Dann

hätten sie es mir doch gesagt!“

So verließ denn Schilkin die Werkstätte und begab sich – nicht zu seiner

Arbeit zurück, sondern direkt in den Ostrogg.

Es war schon fast neun Uhr, als er beim Feldwebel erschien und diesem

meldete, was vorgefallen war. Der Feldwebel erschrak und wollte ihm

zuerst kaum glauben. Schilkin hatte es ihm allerdings nur als Verdacht,

als Möglichkeit mitgeteilt. Dann aber eilte der Feldwebel doch zum

Major, der Major sofort zum Festungskommandanten, und nach einer

Viertelstunde waren alle notwendigen Maßregeln getroffen. Der

Generalgouverneur wurde gleichfalls benachrichtigt. Es waren wichtige

Verbrecher und man konnte sich ihretwegen aus Petersburg viele

Unannehmlichkeiten holen.

A–ff wurde zu den „Politischen“ gerechnet – obgleich er doch nur andere

Politische anzuzeigen versucht hatte –, und Kulikoff gehörte zur

besonderen Abteilung, war also ein „Erzverbrecher“, und dazu noch ein

militärischer. Bis dahin war es noch nie vorgekommen, daß jemand aus der

besonderen Abteilung entflohen wäre. Nun kam noch hinzu, daß nach der

Vorschrift jeder Arrestant der „besonderen“ von zwei Soldaten begleitet

werden mußte, oder wenn ihrer mehr waren, von je einem – diese

Vorschrift war aber im vorliegenden Fall nicht eingehalten worden. Kurz,

die Sache war sehr unangenehm. Man sandte sofort reitende Boten in alle

umliegenden Dörfer, Kosaken wurden zur Verfolgung ausgesandt, man

schrieb an alle benachbarten Kreise und Gouvernements – mit einem Wort,

man war sehr besorgt und tat sein Möglichstes.

Währenddessen herrschte bei uns im Ostrogg eine Aufregung anderer Art.

Die Sträflinge erfuhren, je nachdem, wie sie von der Arbeit

zurückkehrten, sogleich das große Ereignis. Die Kunde davon hatte sich

schon im ganzen Ostrogg verbreitet, und alle hatten sie mit einer

ungeheuren, heimlichen Freude vernommen. Bei jedem schien das Herz zu

erbeben ... Abgesehen davon, daß dieser Zwischenfall die Monotonie des

Ostrogglebens unterbrach, fand auch die Flucht, und noch dazu eine

solche Flucht, in jeder Seele einen vertrauten Widerhall – in allen

Herzen regte sich so etwas wie Hoffnung, Verwegenheit, da doch jetzt die

Möglichkeit, „sein Schicksal zu wechseln“, durch sie bewiesen war!

„Aber es _sind_ doch zwei entflohen, warum soll man es denn nicht

können! ...“ Und ein jeder wurde bei diesem Gedanken mutiger und blickte

herausfordernd die anderen an. Wenigstens wurden alle plötzlich ungemein

stolz, und sogar auf die Unteroffiziere blickte man jetzt merklich von

oben herab. Natürlich erschienen sofort alle Offiziere, sogar der

Festungskommandant kam angefahren. Unsere Sträflinge aber benahmen sich

sehr selbstbewußt und schauten fast mit einer gewissen Verachtung, mit

einem schweigsamen, strengen Ernst drein, als hätten sie damit sagen

wollen:

„Wir verstehen eine Sache anzufassen!“

Man hatte selbstverständlich einen allgemeinen Besuch der Vorgesetzten

und eine peinliche Durchsuchung vorausgesehen, und daher alles Verbotene

schnell und sorgfältig versteckt. Man wußte, daß Vorgesetzte in solchen

Fällen hinterher sehr klug zu sein pflegen. Und so geschah es auch:

alles wurde durchwühlt, durchsucht, und das Ergebnis war – daß man

nichts fand. Zur Nachmittagsarbeit wurden die Sträflinge unter

verstärkter Eskorte ausgeschickt. Am Abend kamen die Wachthabenden alle

Augenblicke in den Ostrogg. Die Sträflinge wurden einmal mehr als

gewöhnlich gezählt; und bei der Gelegenheit verzählte man sich dann noch

einmal. Dadurch entstand große Verwirrung; schließlich wurden alle auf

den Hof hinausgetrieben und von neuem gezählt. Und dann wurde in jeder

Kaserne noch einmal gezählt ... Kurz, es gab viel Scherereien.

Aber die Sträflinge fragten nicht viel danach, alle blickten sie

auffallend selbstbewußt drein, und wie es in solchen Fällen gewöhnlich

geschah, benahmen sie sich an diesem ganzen Abend außerordentlich

gesetzt – einfach musterhaft! Jede Miene drückte aus: „Ihr könnt uns

doch nichts anhaben!“

Die Vorgesetzten glaubten natürlich, daß sich im Ostrogg noch

Spießgesellen oder wenigstens Mitwisser befanden, und so ward den

Unteroffizieren befohlen, die Ohren offen zu halten. Doch die Sträflinge

machten sich darüber nur lustig.

„Das ist doch kein Unternehmen, bei dem man Mitwisser hinterläßt!“

„So etwas wird vorsichtig und im stillen gemacht, nicht aber an die

große Glocke gehängt.“

„Und sind denn Kulikoff und A–ff Leute, die ihre Spur nicht zu

verwischen verstehen? Sie haben es meisterhaft ausgeführt, alles klappt

bei ihnen! Diese Jungen können was, die gehen selbst durch feste Türen!“

Mit einem Wort – Kulikoff und A–ff waren die Helden des Tages, alle

schienen förmlich stolz auf sie zu sein. Wußte man doch, daß die

Erinnerung an ihre Tat bis zu den fernsten Nachkommen der Zwangsarbeiter

fortbestehen, ja daß sie den ganzen Ostrogg überleben würde!

„Ein meisterhafter Streich!“ sagten die einen.

„Da haben sie nun immer geglaubt, daß von hier niemand entfliehen würde!

Da haben sie’s jetzt, man ist _doch_ entflohen! ...“ sagten andere.

„Entflohen!“ rief ein dritter aus, und blickte sich mit einer gewissen

Autorität im Kreise um.

„Aber _wer_ ist denn entflohen! ... Etwa so einer wie du?“

Zu jeder anderen Zeit würde der Sträfling, an den diese verächtlichen

Worte gerichtet waren, unbedingt seine Ehre verteidigt haben. Diesmal

aber schwieg er bescheiden.

„Es ist ja wahr, nicht alle sind wie Kulikoff und A–ff. Zeig erst, wer

du bist ...“

„Nein, wirklich, Brüder, wozu leben wir eigentlich hier?“ unterbricht

das Schweigen ein vierter, der ruhig am Küchenfenster sitzt, die Wange

in die Hand stützt und, mit einem innerlich selbstzufriedenen Gefühl,

etwas singend spricht. „Was tun wir hier? Wir leben, ohne Menschen zu

sein, wir sind begraben, ohne gestorben zu sein ...“ und er seufzt.

„Das geht nicht so einfach ... Das kann man nicht wie einen Stiefel vom

Fuß abziehen. Was seufzest du?“

„Aber da haben wir doch Kulikoff ...“ mischt sich ein Heißsporn ein, ein

junger Gelbschnabel.

„Kulikoff!!“ ruft sofort ein anderer mit verächtlichem Blick auf den

dummen Milchbart. – „Kulikoff!!“

Das heißt soviel als: gibt es denn viele Kulikoffs?

„Nun, und auch A–ff, Brüder, ist doch ein gewandter Junge, weiß der

Teufel!“

„Ha! der krempelt selbst den Kulikoff zwischen den Fingern um!“

„Wer weiß, wie weit sie jetzt schon sind, – was meint ihr?“

Und sofort begann man, über die Frage zu sprechen, wie weit sie wohl bis

jetzt gekommen sein mochten. In welcher Richtung mochten sie sich

entfernt haben? Welcher Weg wäre der beste? Welches Dorf das nächste?

Einige kannten die Umgegend, ihnen nun hörte man mit Interesse zu. Man

sprach auch von den Einwohnern der benachbarten Dörfer und meinte, daß

sie nicht sehr „günstig“ seien. In der Nähe der Stadt sei das Landvolk

zu gerieben. Die würden den Flüchtlingen keinen Beistand leisten,

sondern sie einfangen und ausliefern.

„Mit diesem Bauernvolk, Brüder, ist in hiesiger Gegend nichts zu wollen:

echte Bauern.“

„Dumm.“

„Ein Sibirier ist nicht dumm. Sieh dich nur vor, daß er dich nicht

totschlägt.“

„Nun ja, aber unsere ...“

„Versteht sich, hier handelt es sich doch nur darum, wer dem anderen

über ist. Auch die Unsrigen sind nicht dumm.“

„Nun, wenn wir nicht sterben, werden wir wohl noch von ihnen hören.“

„Was, glaubst du, daß man sie fangen wird?“

„Ich glaube, daß man sie nie im Leben fängt!“ meint ein Hitzkopf und

schlägt mit der Faust auf den Tisch.

„Hm! Es kommt darauf an.“

„Ich aber, Brüder, denke,“ mischt sich Skuratoff ein, „daß man mich,

wenn ich Landstreicher wäre, nie und nimmer fangen würde!“

„Jawohl, dich!“

Gelächter erschallt. Einige aber stellen sich, als wollten sie nichts

hören.

Skuratoff ist schon in seinem Element.

„Nie und nimmer würde man mich fangen!“ bekräftigt er energisch. „Ich,

Brüder, ich habe das schon oft bei mir gedacht und mich über mich selber

gewundert: ich glaube, ich würde durch jeden Spalt kriechen; aber fangen

würden sie mich nicht.“

„Hab keine Bange: wirst schon hungrig werden und den Bauer um Brot

betteln.“

Allgemeines Gelächter.

„Brot? – Du lügst!“

„Was schnatterst du da! Du hast ja doch selbst mit Onkel Wassei den

Kuhtod erschlagen[12] und bist dafür hierher gekommen.“

Das Gelächter verstärkt sich. Die Ernsten blicken mit größerem Unwillen

drein.

„Das lügst du!“ schreit Skuratoff, „das hat dir Mikitka von mir

vorgelogen, und nicht einmal von mir, sondern von Wasjka, ich aber wurde

so mit hineingezogen! Ich bin Moskauer und von Kindesbeinen an in der

Landstreicherei bewandert. Als mir unser Unterdiakon noch das Lesen

beibrachte, zog er mich bisweilen schmerzhaft am Ohr: sag, schrie er,

‚erbarme dich mein, Herr, in deiner großen Barmherzigkeit‘, und so

weiter, – ich aber sagte: ‚und führe mich auf die Polizei, Herr, in

deiner großen Barmherzigkeit‘, und so weiter ... Und das war so meine

Handlungsweise von Kindesbeinen an.“

Wieder lachten alle. Das aber war ja alles, was Skuratoff wünschte. Es

war ihm ganz unmöglich, keinen Unsinn zu schwatzen. Doch bald hörte man

nicht mehr auf sein Geschwätz und wandte sich wieder ernsten Gesprächen

zu. Es redeten mehr die Alten und die Sachkenner. Die Jüngeren und

Bescheidenen freuten sich nur, mit den Blicken an ihnen hängend, und

streckten die Köpfe vor, um ihnen zuzuhören. Es hatte sich eine große

Versammlung in der Küche gebildet. Unteroffiziere waren natürlich nicht

zugegen, sonst hätte man nicht so offen gesprochen. Unter den besonders

freudigen Gesichtern bemerkte ich einen Tataren, Mametka mit Namen, eine

äußerst komische Erscheinung mit braunem Gesicht und breiten

Backenknochen. Er sprach fast überhaupt nicht russisch und verstand auch

nicht, was man sprach, steckte aber dennoch seine Nase in den Kreis der

Zuhörer und hörte, hörte mit wahrer Wonne zu.

„Nun, was, Mametka, jakschí?“ fragte ihn der von allen verlassene

Skuratoff, ob es ihm gefiele.

„Jakschí! Uch, jakschí!“ antwortete sofort belebt und Skuratoff mit

seinem komischen Kopf eifrig zunickend Mametka: „Jakschí!“

„Man wird sie doch nicht einfangen? Jok?“

„Jok, jok!“ Und Mametka nickte wieder eifrig mit dem Kopfe und bewegte

diesmal sogar die Arme dazu.

„Also es bleibt dabei, die Sache ist erledigt und abgetan?“

„Ja, ja, jakschí!“ bestätigte Mametka wieder kopfnickend.

„Nun, dann also jakschí!“

Und Skuratoff geht, nach einem geschickten Schlag auf Mametkas Mütze,

sodaß diese ihm auf die Augen fällt, in der vergnügtesten Stimmung zur

Küchentür hinaus, den armen Mametka in einiger Verwunderung

zurücklassend.

Eine ganze Woche dauerte die strenge Aufsicht im Ostrogg. Indessen mühte

man sich vergeblich, der Flüchtlinge habhaft zu werden. Ich weiß nicht,

durch wen die Sträflinge von den Streifzügen der Häscher benachrichtigt

wurden, doch wußten sie alles. In den ersten Tagen lauteten die

Nachrichten immer noch günstig für die Flüchtlinge: es war nichts von

ihnen zu sehen noch zu hören, sie waren spurlos verschwunden. Die

Sträflinge spotteten nur über die Häscher. Niemand beunruhigte sich mehr

wegen der Entlaufenen.

„Nichts werden sie finden, nichts einfangen!“ wurde selbstzufrieden oft

genug gesagt.

„Gut, wenn sie noch die Abdrücke ihrer Absätze sehen werden!“

„Gepfiffen, die werden grad wiederkommen!“

Auch hatte man bei uns erfahren, daß alle Bauern der Umgegend aufgeboten

waren, um beim Kesseltreiben behilflich zu sein, daß alle verdächtigen

Wälder und Schluchten umzingelt wurden.

„Unsinn!“ sagte man bei uns spöttisch. „Sie haben sicherlich jemand

gefunden, bei dem sie sich vorläufig aufhalten!“

„Versteht sich!“ meinten auch andere. „Die werden doch nicht dumm sein:

die haben doch alles schon früher vorbereitet.“

Man ging noch weiter in den Vermutungen; ja man äußerte sogar die

Ansicht, daß die Flüchtlinge sich vielleicht noch in der Vorstadt

aufhielten, sich vielleicht irgendwo in einem Keller versteckt hatten,

bis die Aufregung sich gelegt und ihnen die Haare gewachsen waren – „sie

können ja dort sechs Monate sitzen, sogar ein ganzes Jahr, und dann erst

brechen sie auf ...“

Alle befanden sich in einer gewissermaßen romantischen Stimmung. Da

verbreitete sich plötzlich, am achten Tage nach der Flucht, das Gerücht,

daß man ihnen auf der Spur sei. Natürlich wurde diese sinnlose

Behauptung mit Verachtung zurückgewiesen. Am Abend aber wurde es noch

bestätigt. Die Sträflinge gerieten in Aufregung. Am nächsten Tage sprach

man schon am Morgen in der ganzen Stadt, daß man sie bereits gefangen

habe und zurückbringe. Nach dem Mittag erfuhr man Näheres: Man sei ihrer

in einem siebzig Werst entfernten Dorfe habhaft geworden, hieß es. Und

endlich wußte man alles ganz genau. Der Feldwebel erklärte, als er vom

Major kam, daß man sie am Abend bestimmt in die Hauptwache beim Ostrogg

einliefern würde. Jetzt konnte man nicht mehr zweifeln. Es ist schwer,

den Eindruck zu schildern, den diese Nachricht auf die Sträflinge

machte. Zuerst schienen sie alle wütend zu sein, dann aber wurden sie

traurig, bis sich schließlich gewisse Anzeichen von Spottlust bemerkbar

machten. Ja, man spottete, aber nicht mehr über die Häscher, sondern

über die Eingefangenen. Zuerst lachten nur einige, dann aber fast alle,

ausgenommen nur wenige Ernste und Charakterfeste, die unabhängig dachten

und die man nicht so leicht von ihrer Ansicht abbringen konnte. Diese

blickten mit einer gewissen Verachtung auf die leichtsinnige Masse und

behielten ihre Gedanken für sich.

So kam es denn, daß man im selben Maße, wie man Kulikoff und A–ff früher

in den Himmel gehoben hatte, sie jetzt wiederum klein machte; ja man

schien es mit Genugtuung zu tun, als hätten jene alle durch irgend etwas

beleidigt. Man sagte mit verächtlicher Miene, sie hätten zu großen

Appetit gehabt und seien deswegen nach Brot ins Dorf gegangen, das aber

war die größte Erniedrigung für einen Landstreicher. Doch waren diese

Erzählungen unrichtig: sie hatten sich in einen Wald geflüchtet, der

Wald war umzingelt worden, worauf sie, als sie keine Rettungsmöglichkeit

mehr sahen, sich selbst ergeben hatten – es war ihnen einfach nichts

anderes übrig geblieben.

Als man sie nun kurz vor Abend tatsächlich brachte, an Händen und Füßen

gefesselt, begleitet von vielen Gendarmen, da eilte die ganze Kátorga

zum Palissadenzaun, um durch die Spalten zu sehen, was mit ihnen

geschah. Natürlich sahen sie nichts, außer dem Wagen des Majors und der

Equipage des Festungskommandanten vor der Wache. Die Flüchtlinge wurden

in einem besonderen Arrestzimmer untergebracht, eingeschmiedet, und

sollten am nächsten Tage verhört werden. Der Spott und die Verachtung

der Sträflinge vergingen aber schon bald ganz von selbst. Man erfuhr die

näheren Umstände der Gefangennahme, man erfuhr auch, daß ihnen nichts

anderes zu tun übrig geblieben war, und so interessierte man sich mit

aufrichtiger Teilnahme nur noch für ihr ferneres Schicksal.

„Man wird ihnen mindestens tausend aufzählen,“ meinten die einen.

„Was Tausend!“ sagten andere, „totschlagen wird man sie, aber nicht

Tausend! A–ff wird vielleicht noch mit Tausend davonkommen, Kulikoff

aber wird totgeprügelt, denn ihr müßt doch nicht vergessen, Brüder, daß

er doch zur ‚Besonderen‘ gehört!“

Indessen hatten beide Parteien nicht das Richtige erraten. A–ff erhielt

nur fünfhundert, da man seine sonst gute Aufführung in Betracht zog und

da es sein erstes Vergehen war. Kulikoff wurde, glaube ich, zu

tausendfünfhundert verurteilt und noch ziemlich milde bestraft. Sie

hatten beide, als kluge Burschen, sich vor Gericht nicht widersprochen,

sondern bestimmt und deutlich erklärt, daß sie direkt aus der Festung

entflohen seien, ohne irgendwo unterzuschlüpfen. Am meisten tat mir

Koller leid: er verlor alles, seine letzten Hoffnungen, wurde am

strengsten bestraft – mit zwei Tausend, wenn ich nicht irre – und dann

noch als Arrestant irgendwohin in einen anderen Ostrogg fortgeschickt.

A–ff wurde sehr nachsichtig bestraft; offenbar schonte man ihn; auch

halfen ihm die Ärzte. Er aber spielte den Mutigen, und erzählte laut im

Lazarett, daß er jetzt erst die Taufe bestanden habe, jetzt sei er zu

allem bereit und würde noch ganz andere Dinge anstiften. Kulikoff benahm

sich wie gewöhnlich: wohlerzogen, vornehm, und als er nach der Strafe in

den Ostrogg zurückkehrte, tat er, als hätte er sich nie aus ihm

entfernt. Aber nicht so blickten die Sträflinge auf ihn: obgleich

Kulikoff immer und überall sich gut aufzuführen verstand, schienen die

Sträflinge innerlich doch aufgehört zu haben, ihn nach alter Art zu

achten. Sie gingen mit ihm jetzt mehr wie mit einem ihnen

Gleichstehenden um. Ja, mit diesem mißglückten Fluchtversuch erlosch

Kulikoffs Ansehen. Der Erfolg bedeutet so viel bei den Menschen.

X.

Die Entlassung aus dem Ostrogg

Die Flucht ereignete sich erst im letzten Jahr meiner Kátorga.

Dieses letzten Jahres erinnere ich mich fast ebenso deutlich, wie meines

ersten im Ostrogg, namentlich der letzten Monate, Wochen und Tage. Doch

wozu soll ich von den Einzelheiten erzählen: ich will nur sagen, daß

dieses letzte Jahr trotz meiner ganzen Ungeduld, es endlich hinter dem

Rücken zu haben, dennoch leichter war, als alle vorhergehenden Jahre.

Hinzu kam, daß ich jetzt unter den Sträflingen schon Freunde hatte, die

endgültig zur Überzeugung gekommen waren, daß ich ein guter Mensch sei.

Viele von ihnen waren mir sogar aufrichtig zugetan. Der Pionier

Bakluschin weinte beinahe, als er mich und meinen Kameraden aus dem

Ostrogg geleitete, und als wir dann noch einen ganzen Monat in der Stadt

in einem der Regierungsgebäude leben mußten, kam er fast jeden Tag zu

uns, nur um uns wieder zu sehen. Aber es waren unter ihnen auch einige,

die sich bis zum Schluß unfreundlich zu mir verhielten, denen es – weiß

Gott, warum – sogar schwer gefallen wäre, auch nur ein Wort zu mir zu

sagen. Es schien förmlich eine Mauer zwischen uns zu stehen.

In dieser letzten Zeit hatte ich größere Vergünstigungen, als in allen

anderen Jahren. In der Stadt waren unter den Offizieren Bekannte von

mir, sogar alte Schulkameraden, mit denen ich die früheren Beziehungen

erneuerte. Durch sie konnte ich jetzt auch in den Besitz von mehr Geld

gelangen, konnte Briefe in die Heimat schicken und sogar Bücher

erhalten. Mehrere Jahre schon hatte ich kein Buch gelesen. Es dürfte

wohl jedem, der so etwas nicht selbst durchgemacht hat, schwer sein,

sich vorzustellen, einen wie eigenartigen Eindruck das erste, im Ostrogg

gelesene Buch auf mich machte. Ich begann am Abend zu lesen, nachdem man

unsere Kaserne bereits geschlossen hatte, und ich las die ganze Nacht

hindurch, bis zum Sonnenaufgang. Es war nur eine Nummer einer

Zeitschrift. Wie eine Nachricht aus dem Jenseits kam sie mir vor. Das

war ja doch mein ganzes früheres Leben, das sich jetzt klar und grell

vor mir erhob, und ich bemühte mich, aus dem Gelesenen zu erraten, um

wieviel ich zurückgeblieben war. Hatten sie viel dort ohne mich

durchlebt? Was regt jetzt die Gemüter dort auf? Mit welchen Fragen

beschäftigen sie sich jetzt? Ich dachte über jedes Wort nach, ich las

zwischen den Zeilen, ich vermutete in jedem Satz einen geheimnisvollen

Sinn, Anspielungen auf Früheres. Ich suchte die Spuren von all dem, was

früher, zu meiner Zeit, die Geister erregt hatte, und es tat mir so weh,

an dieser Wirklichkeit sehen zu müssen, in welchem Maße ich in dem neuen

Leben ein Fremder geworden war, ein abgeschnittenes, vergessenes Stück

Leben. Jetzt mußte man sich an das Neue gewöhnen, sich mit der neuen

Generation bekannt machen. Gierig las ich einen Artikel, unter dem der

Name eines meiner Bekannten, eines mir früher nahe gewesenen Menschen

stand ... Doch schon stieß ich auf neue Namen: es waren neue Größen

erschienen. Fieberhaft wollte ich mehr von ihnen erfahren, sie näher

kennen lernen, und es ärgerte mich entsetzlich, daß ich so wenig Bücher

erhalten konnte, daß es so schwer war, sich welche zu verschaffen.

Früher, unter dem „Achtäugigen“, wäre es geradezu sehr gefährlich

gewesen, Bücher im Ostrogg zu haben. Bei einer Durchsuchung wären sie

ihm unfehlbar in die Hände gefallen, und dann hätte er ohne weiteres

gefragt: „Woher hast du die Bücher? Von wem? Du unterhältst hier also

Beziehungen? ...“ Was aber hätte ich auf diese Fragen antworten können?

Und so vertiefte ich mich, da ich ohne Bücher leben mußte, in mich

selbst, stellte mir Fragen, versuchte sie zu lösen, quälte mich

bisweilen mit ihnen ... Doch wer kann das alles wiedergeben! ...

Sämtliche Werke 18 · 第 34 / 35 段