Er selbst war bleich, seine dunklen Augen blitzten und er biß sich die

Unterlippe. Augenscheinlich erwartete er nicht gerade kaltblütig den

Major. Ich beobachtete Kulikoff gern in solchen Augenblicken, d. h. in

allen Fällen, wo er sich zeigen mußte. Er war dabei entsetzlich eitel,

aber er brachte doch immer etwas zustande. Ich glaube, selbst zu seiner

Hinrichtung wäre er mit einem gewissen Chik, mit Eleganz gegangen.

Jetzt, als mich alle mit „du“ anredeten und schimpften, verdoppelte er

offenbar absichtlich seine Höflichkeit mir gegenüber, und gleichzeitig

waren seine Worte von einer ganz besonderen Färbung, etwa

überlegen-bestimmt; jedenfalls duldeten sie keinen Widerspruch.

„Wir sind hier in einer eigenen Angelegenheit, Alexander Petrowitsch,

Sie aber sind hier diesmal überflüssig. Gehen Sie jetzt fort und warten

Sie ab ... Sehen Sie, dort in der Küche sind die Ihrigen, gehen Sie

dorthin.“

Durch das offene Fenster erblickte ich in der Küche tatsächlich unsere

Polen. Aber außer ihnen schienen dort noch andere zu sein. Nicht wenig

verwundert begab ich mich zur Küche. Lachen, Schimpfworte und Schnalzen

– das im Ostrogg statt des Auspfeifens üblich war – tönte mir nach.

„Das paßt ihm nicht, glaub’s schon!“ ... „Seht mal, da geht er hin!“ ...

„Putz Katz!“ ...

So hatte man sich bis dahin noch nie zu mir verhalten und daher war es

mir in diesem Augenblick sehr schwer zumut. Im Flur vor der Küche traf

ich T. Er war ein junger Adliger, ohne große Bildung, doch ein fester

und großzügiger Charakter, – derselbe, der B. unterwegs auf dem Rücken

getragen hatte und ihm rührend zugetan war. Er war der einzige von uns

Adligen, mit dem die Sträflinge eine Ausnahme machten: sie hatten ihn

aufrichtig gern, ja sie liebten ihn sogar. Er war kühn, männlich und

stark, und das äußerte sich in jeder seiner Bewegungen.

„Was tun Sie, Goräntschikoff,“ rief er mir zu, „kommen Sie doch her!“

„Aber was ist denn dort los?“

„Sie wollen ihre Ansprüche geltend machen, sehen Sie denn das nicht?

Natürlich werden sie damit nichts erreichen: wer wird denn Arrestanten

Glauben schenken? Man wird die Anstifter suchen und wenn wir unter ihnen

sind, selbstverständlich uns die ganze Schuld in die Schuhe schieben.

Vergessen Sie nicht, wofür wir hierher gekommen sind. Die anderen würde

man nur gelinde prügeln, wir aber kämen sofort vor Gericht. Der Major

haßt uns und es würde ihn freuen, wenn er uns etwas anhaben könnte.

Damit würde er die eigene Schuld auf uns abwälzen.“

„Und von den übrigen würde doch keiner für uns einstehen,“ sagte

M–tzkij, als wir in die Küche eintraten.

„Ja, denen würden wir nicht leid tun!“ meinte auch T.

In der Küche waren außer den Adligen noch viele andere Sträflinge, im

ganzen vielleicht dreißig an der Zahl. Sie alle wollten von dem Vorhaben

der übrigen nichts wissen, oder wenigstens nichts damit zu tun haben –

die einen aus Feigheit, die anderen, weil sie von der völligen

Nutzlosigkeit jedes Ansprucherhebens fest überzeugt waren. Unter ihnen

bemerkte ich auch Akim Akimytsch, den gebotenen Feind aller ähnlichen

Demonstrationen, die dem regelmäßigen Gang des Dienstes und wohl auch

der Sittsamkeit störend entgegentraten. Schweigend und seelenruhig

wartete er den Ausgang der Sache ab, regte sich nicht im mindesten auf,

sondern war im Gegenteil vollkommen überzeugt von dem unfehlbaren

Triumph der Ordnung und des obrigkeitlichen Willens. Auch Issai Fomitsch

war hier; er stand in völliger Verständnislosigkeit da, ließ die Nase

hängen und hörte gierig und ängstlich unserem Gespräch zu. Ihm war

ersichtlich äußerst bänglich zumut. Und auch die übrigen polnischen

Sträflinge hatten sich zu ihren Adligen gesellt. Ferner sah ich daselbst

einige ängstliche Russen, jene, die stets schweigsam waren und

gewissermaßen verprügelt aussahen. Sie wagten nicht, es mit den anderen

zu halten, und warteten traurig ab, womit es enden würde. Endlich waren

dort noch einige von den finsteren und schroffen Charakteren, die sonst

keine schüchternen Menschen waren. Sie hielten aus Eigensinn nicht mit,

und natürlich auch infolge ihrer Überzeugung, daß der ganze Streik nur

ein Unsinn sei und nichts als Schlechtes zur Folge haben könne. Doch

wollte es mir trotzdem scheinen, daß sie sich hier nicht ganz behaglich

fühlten und nicht gerade sehr selbstbewußt dreinschauten. Zwar wußten

sie, daß sie bezüglich des Streiks im Recht waren, was auch die Folge

bestätigte, aber sie empfanden sich doch gleichsam als Abtrünnige, als

Verräter der Genossen, als hätten sie diese dem Platzmajor ausgeliefert.

Unter ihnen befand sich auch Jolkin, jener selbe sibirische Bauer, der

als Falschmünzer in die Kátorga gekommen war und Kulikoff die ganze

Veterinärpraxis abspenstig gemacht hatte. Der Alte aus Starodubowo war

gleichfalls hier und von den Köchinnen waren alle in der Küche

geblieben, – wahrscheinlich in der Erwägung, daß auch sie einen Teil der

Verwaltung ausmachten und es ihnen folglich nicht zustand, gegen die

„Eigenen“ aufzutreten.

„Aber wie,“ begann ich etwas unsicher, mich an M–tzkij wendend, „außer

diesen hier sind doch alle gegangen.“

„Was geht das uns an?“ brummte B. unwirsch.

„Wir würden hundertmal mehr riskieren als sie, wenn wir gingen, und wozu

schließlich? ^Je hais ces brigands.^ Und können Sie denn auch nur einen

Augenblick glauben, daß eine Demonstration zustande kommen wird? Ich

habe keine Lust, auf solchen Blödsinn hereinzufallen.“

„Es wird ja doch nichts draus werden!“ meinte verächtlich ein

starrköpfiger und verbitterter Alter. Almasoff, der neben ihm stand,

pflichtete ihm sofort bei:

„Man wird einem jeden nur so an fünfhundert aufzählen und das wird alles

sein.“

„Der Major ist gekommen!“ rief plötzlich jemand und alle drängten zum

Fenster.

Der Major stürzte in den Ostrogg, wütend, aufgebracht, purpurrot im

Gesicht, die Brille auf der Nase. Schweigend, aber durchaus entschlossen

trat er vor die Front. In solchen Fällen war er stets mutig und verlor

nicht die Geistesgegenwart. Übrigens war er dann aber auch stets

halbbetrunken. Selbst seine schmierige Offiziersmütze mit dem

orangegelben Streifen und die schmutzigen silbernen Epauletten hatten in

diesem Augenblick etwas Unheilverkündendes. Ihm folgte der Schreiber

Djätloff, eine im Ostrogg sehr wichtige Persönlichkeit, denn eigentlich

bestimmte er allein alles, und außerdem hatte er sogar auf den Major

großen Einfluß, – ein schlauer Bursch, der immer nach seinem eigenen

Kopf handelte, doch sonst kein schlechter Mensch war. Die Sträflinge

waren mit ihm zufrieden. Nach ihm kam der Unteroffizier, über dessen

Haupt sich allem Anscheine nach bereits ein Hagelwetter ergossen hatte

und der ein noch zehnmal größeres erwartete, und nach diesem drei oder

vier Wachen, nicht mehr.

Die Sträflinge, die ohne Kopfbedeckung dastanden – wenn ich nicht irre,

seit dem Augenblick, in dem sie nach dem Major geschickt hatten –

richteten sich jetzt alle gerader auf und ordneten sich: ein jeder trat

von einem Fuß auf den anderen, und dann schien alles auf dem Platz zu

erstarren, in der Erwartung des ersten Wortes oder ersten Schreies des

Vorgesetzten.

Der ließ nicht lange auf sich warten: schon nach dem zweiten Wort

gröhlte der Major aus voller Kehle, ja er schien diesmal förmlich zu

kreischen, denn er war gar zu wütend. Durch das Fenster sahen wir nur,

wie er vor der Front hin- und herraste, auf einzelne losstürzte,

ausfragte, schrie. Übrigens konnten wir bei der großen Entfernung weder

seine Fragen noch die Antworten der Sträflinge vernehmen. Nur die

einzelnen Schreie drangen bis zu uns hin:

„Verschwörer! ... Spießruten! ... Aufwiegler! ... Du bist der

Aufwiegler, du, gerade du!“ – Damit stürzte er plötzlich auf einen von

ihnen los.

Eine Antwort hörten wir nicht. Nach einer Minute sahen wir, wie ein

Sträfling vortrat und sich zur Hauptwache entfernte. Nach Verlauf einer

weiteren Minute sahen wir einen zweiten ihm folgen, darauf einen

dritten.

„Alle vors Gericht! Ich werde euch! Wer ist dort in der Küche?“ schrie

er plötzlich gellend, als er uns im Fenster erblickte. „Alle her! Jagt

sie alle her!“

Der Schreiber Djätloff kam in die Küche, wo ihm erklärt wurde, daß man

hier keine Ansprüche mache. Er kehrte sofort zurück und meldete es dem

Major.

„Ah, also die machen keine!“ sagte er um zwei Töne tiefer und sichtlich

erfreut. „Gleichviel, alle her!“

Wir gingen hinaus. Ich fühlte, daß wir uns im Grunde alle schämten, so

herauszutreten. Und wir gingen auch alle mit gesenkten Köpfen.

„Ah, Prokoffjeff! Jolkin gleichfalls, und auch du, Almasoff ... Stellt

euch, stellt euch alle hierher, so, in eine Gruppe,“ sagte der Major

geschäftig, aber mit auffallend milder, weicher Stimme und mit

freundlichem Blick auf uns. „Ah, und auch du, M–tzkij, bist also hier

... Alle aufschreiben. Djätloff! Sofort alle Namen aufschreiben, die

Zufriedenen separat und die Unzufriedenen separat, alle bis auf den

letzten, und das Protokoll sofort mir zuzuschicken! – Ich werde euch

alle ... vors Gericht bringen! Ich werde euch! – ihr Spitzbuben! ...“

Die Drohung mit dem Protokoll verfehlte ihre Wirkung nicht.

„Wir sind ja zufrieden!“ rief plötzlich eine Stimme aus der Gruppe der

Unzufriedenen, doch klang sie nicht sehr entschlossen.

„Ah, also zufrieden! Wer ist zufrieden? Wer zufrieden ist, der trete

vor.“

„Sind zufrieden, alle sind zufrieden!“ hörte man mehrere Stimmen.

„So–o! Also zufrieden! Dann hat euch jemand aufgehetzt? Dann gibt es

hier also Aufwiegler, Empörer? Um so schlimmer für sie! ...“

„Gott, was ist denn das!“ hörte man da plötzlich eine Stimme aus der

Menge.

„Wie, was, wer hat da geschrien?“ brüllte sofort der Major los, und er

stürzte fort in die Richtung, woher dieser Ausruf gekommen war. „Das

warst du, Rastorgujeff! Hast du soeben geschrien? Nach der Wache!“

Rastorgujeff, ein etwas pausbackiger, großer, junger Bursch, trat vor

und begab sich langsam zum Tor. Er war es nicht gewesen, der geschrien

hatte, da aber der Major ihn beschuldigte, widersprach er nicht und

ging.

„Nur das Wohlleben macht euch unzufrieden!“ schrie ihm der Major noch

nach. „Du dicke Fratze, hast in drei Tagen nicht ... Ich werde euch

schon! Die Zufriedenen sollen alle vortreten!“

„Wir sind ja doch zufrieden, Euer Gnaden,“ hörte man finster einige zehn

Stimmen sagen; die übrigen schwiegen hartnäckig.

Der Major hatte nur darauf gewartet. Auch er schien die Sache bald

erledigen zu wollen, und zwar diesmal möglichst einträchtig.

„Ah, jetzt sind plötzlich _alle_ zufrieden!“ sagte er, sich beeilend.

„Das sah ich ja voraus ... das wußte ich! Es stecken natürlich

Aufwiegler dahinter! Ja, es gibt unter ihnen offenbar Hetzer!“ fuhr er,

sich an Djätloff wendend, fort. „Das muß man genauer untersuchen. Jetzt

aber ... jetzt ist es Zeit, zur Arbeit zu gehen. Sofort zum Abmarsch

trommeln!“

Er wohnte selbst dem Abmarsch der Arrestanten bei, die schweigend und

traurig zur Arbeit aufbrachen, schließlich noch zufrieden damit, daß sie

wenigstens ihm aus den Augen kamen.

Gleich darauf begab sich der Major auf die Hauptwache und „erledigte“

die Anstifter, war aber nicht allzustreng. Er beeilte sich ersichtlich

dabei. Einer von ihnen hatte schon um Verzeihung gebeten, erzählten

später die anderen, und da habe er sofort verziehen. Jedenfalls merkte

man es ihm an, daß er nicht ganz so sorglos war und sich vielleicht

sogar seine Schuld eingestand. Eine derartige Demonstration ist immerhin

eine kitzlige Sache, und wenn man auch dieses Ungehaltensein der

Sträflinge kaum eine Demonstration nennen konnte, so war es doch

nichtsdestoweniger ungemütlich, unangenehm. Am peinlichsten war dabei,

daß sich alle zusammen erhoben hatten. Jetzt hieß es, die Sache so

schnell als möglich vertuschen, was es auch koste. Die „Aufwiegler“

wurden bald wieder entlassen. Am nächsten Tage war das Essen besser,

doch leider nicht auf lange Zeit. Der Major kam öfter in den Ostrogg und

fand immer häufiger Unordnung. Unser Unteroffizier ging mit besorgter

Miene und gänzlich aus dem Konzept gebracht umher, als könne er sich vor

Verwunderung immer noch nicht fassen. Was nun die Arrestanten

anbetrifft, so konnten sie sich noch lange nicht beruhigen, nur regten

sie sich nicht mehr in derselben Weise auf, sondern schienen gleichsam

stumm erregt zu sein, gewissermaßen verblüfft und befremdet. Einige

ließen sogar die Köpfe hängen. Andere brummten, wenn sie auch sonst

nicht viel über den ganzen Vorfall sprachen. Manche wiederum

verspotteten sich selbst, taten es in seltsam gereiztem Ton, ganz als

wollten sie sich selbst für ihren „Streik“ strafen.

„Da hast du’s jetzt, Freundchen, beiß jetzt zu!“ sagt einer.

„Deine Scherze mußt du mit Arbeit bezahlen!“ sagt ein anderer.

„Unsereinem wirst du doch nicht ohne Stock was erklären, das weiß man

doch. Dankt Gott, daß er nicht alle durchgeprügelt hat.“

„Nächstens denk mehr und schwatz weniger, das wird besser sein!“ knurrt

jemand bissig den anderen an.

„Was stellst du denn für Lehren hier auf, willst wohl unser Schulmeister

sein?“

„Warum soll ich nicht lehren?“

„Wer bist du denn überhaupt?“

„Ich bin vorläufig noch ein Mensch, aber wer bist du denn, wenn man

fragen darf?“

„Ein Hundeknochen bist du, aber kein Mensch!“

„Na, na, genug geschimpft! Was gackert ihr da wieder!“ schreit man den

Streitenden von allen Seiten zu ...

Am Abend desselben Tages, an dem die Demonstration stattgefunden hatte,

traf ich nach der Rückkehr von der Arbeit Petroff hinter den Kasernen.

Er suchte mich bereits. Als er mir entgegentrat, murmelte er etwas, das

wie ein unbestimmter Ausruf klang, verstummte aber zerstreut und ging

mechanisch neben mir her. Mir lag der ganze Vorfall noch schmerzlich auf

der Seele, und da schien es mir plötzlich, daß Petroff mir einiges

erklären könnte.

„Sagen Sie, Petroff, ärgern sich denn die Ihrigen nicht über uns?“

fragte ich ihn.

„Wer?“ fragte er.

„Die Sträflinge über uns ... uns Adlige?“

„Weswegen sollten sie sich über euch ärgern?“

„Nun, weil wir doch nicht mithielten, als sie die Demonstration

veranstalteten?“

„Ja, aber warum hätten Sie denn mithalten sollen?“ fragte er, als bemühe

er sich, mich zu verstehen. „Sie haben doch eigenes Essen.“

„Ach Gott! Es gibt ja doch auch unter den anderen welche, die eigene

Kost essen, und doch waren sie mitgegangen. Nun, und so hätten auch wir

gehen sollen ... aus Kameradschaft.“

„Ja ... aber was sind Sie uns denn für ein Kamerad?“ fragte er

verwundert.

Ich blickte ihn schnell an: er verstand mich tatsächlich nicht, er

begriff nicht, was ich meinte. Dafür aber verstand ich ihn in diesem

Augenblick vollkommen. Zum erstenmal wurde mir jetzt ein Gedanke klar,

der sich schon lange dunkel in mir geregt und mich verfolgt hatte, ich

begriff mit einem Mal, was ich bis dahin nur unklar geahnt. Ich begriff,

daß man mich niemals als Kamerad anerkennen würde, und wenn ich auch

doppelt und dreifach sibirischer Sträfling wäre, und wenn ich mich auch

in der besonderen Abteilung befunden hätte, zu ewiger Zwangsarbeit

verurteilt. Ich entsinne mich noch lebhaft, welch einen Ausdruck

Petroffs Gesicht in diesem Augenblick hatte. In seiner Frage: „Aber was

sind Sie uns denn für ein Kamerad?“ lag soviel unverfälschte Naivität,

ein so offenherziges Nichtverstehenkönnen! Ich fragte mich: liegt in

diesen Worten nicht Ironie, Bitterkeit, Spott? Doch nein, es war nichts

davon in ihnen: du bist uns einfach kein Kamerad, und das ist alles. Geh

du deines Weges, wir gehen unseres Weges; du hast deine Interessen und

wir unsere.

Und in der Tat, so war es auch. Ich glaubte zuerst, daß man uns jetzt

völlig totmachen würde, daß wir von nun an überhaupt kein Leben mehr im

Ostrogg haben würden. Doch nichts von alledem geschah: nicht den

geringsten Vorwurf, nicht die leiseste Andeutung eines Tadels hörten wir

und es verstärkte sich ihre Feindschaft gegen uns nicht im mindesten.

Bei Gelegenheit wurden wir nur wie gewöhnlich verspottet, so wie wir

auch früher verspottet worden waren, nicht mehr und nicht weniger.

Übrigens waren sie ebensowenig auch über die anderen ungehalten, die

sich an der Demonstration gleichfalls nicht beteiligt und sich in die

Küche zurückgezogen hatten, sowie auch über die nicht, die zuerst gesagt

hatten, daß sie mit allem zufrieden seien. Man verlor darüber nicht

einmal ein Wort. Namentlich letzteres konnte ich nicht begreifen.

VIII.

Die Kameraden

Mich zog es natürlich mehr zu Meinesgleichen, d. h. zu den übrigen

„Adligen“, besonders in der ersten Zeit. Doch von den drei ehemaligen

russischen Adligen, die im Ostrogg lebten – Akim Akimytsch, dem Spion

A–ff und jenem, den man für einen Vatermörder hielt – war Akim Akimytsch

der einzige, den ich näher kannte und mit dem ich mich zuweilen

unterhielt. Um die Wahrheit zu sagen, muß ich gestehen, daß ich mich an

diesen sozusagen nur in der Verzweiflung wandte, in Stunden der größten

Langeweile, und wenn ich außer ihm niemanden sah, an den ich mich hätte

wenden können. Im vorhergehenden Kapitel machte ich zwar den Versuch,

die ganze Ostroggbevölkerung zu klassifizieren, jetzt aber, da ich auf

Akim Akimytsch zu sprechen gekommen bin, jetzt fällt es mir ein, daß man

zu den bereits genannten noch eine Klasse hinzufügen muß. Allerdings

hatte sie nur einen einzigen Vertreter. Das war die Klasse der –

vollkommen gleichgültigen Sträflinge. Vollkommen Gleichgültige, d. h.

solche, denen es ganz gleich war, ob sie in der Freiheit oder in der

Kátorga lebten, konnte es bei uns natürlich überhaupt nicht geben – Akim

Akimytsch aber stellte, glaube ich, eine Ausnahme dar. Er hatte sich im

Ostrogg so eingerichtet, als hätte er beabsichtigt, bis an sein

Lebensende dort zu wohnen: alles, was er besaß, angefangen von der

Matratze, den Kopfkissen, ferner alle seine Küchengeräte, kurz, sein

ganzer Besitz, – alles war so ordentlich, so tadellos aufgebaut, war so

fest und dauerhaft, und schien für eine lange Zeit berechnet. Von

Biwakmäßigem, nur Zeitweiligem war an ihm keine Spur zu bemerken. Ihm

stand noch eine ganze Reihe von Jahren im Ostrogg bevor, doch ist es

nicht anzunehmen, daß er jemals an seine Entlassung aus der Kátorga auch

nur gedacht hätte. Indes – wenn er sich auch mit der Wirklichkeit

ausgesöhnt hatte, so hatte er es doch nicht auf Wunsch seines Herzens

getan, sondern allenfalls aus Subordination, – was bei ihm allerdings

ein und dasselbe war.

Er war ein guter Mensch und half mir auch zuweilen mit Rat und Tat,

namentlich in der ersten Zeit, mitunter aber – es tut mir herzlich leid,

daß es so war –, mitunter aber erweckte er in mir eine so beispiellose

Langeweile, die meine Stimmung noch um ein Erhebliches verschlechterte.

Hatte ich doch sowieso nur aus Langeweile ein Gespräch mit ihm

angeknüpft! Zuweilen lechzte man geradezu nach einem lebendigen Wort,

gleichviel ob es nun bitterböse, gereizt, freundlich oder wütend war:

wir hätten uns dann doch wenigstens gemeinschaftlich über unser

Schicksal geärgert! Er aber schweigt, klebt seine Laternen, oder

erzählt, wie in dem und dem Jahre die Parade verlaufen war, wer sein

Divisionskommandeur gewesen, wie er geheißen, nennt ihn zweimal mit

Namen, Taufnamen, Vaternamen und Familiennamen, und ob er mit der

Truppenschau zufrieden gewesen war oder nicht, erzählt wie die

Schützensignale eine gewisse Veränderung erfahren hatten ... und

ähnliches in Mengen. Und alles das wird mit einer so gleichmäßigen, so

würdevollen Stimme vorgetragen, ganz wie Wasser aus der Regenröhre

tropft. Nie habe ich bemerkt, daß er sich auch begeistert hätte, selbst

dann kaum, wenn er mir erzählte, daß er für die Teilnahme an irgend

einer militärischen Operation im Kaukasus des Ordens der „heiligen Anna“

gewürdigt worden war. Nur seine Stimme nahm bei dieser Mitteilung etwas

ganz ungemein Wichtiges und Solides an; er senkte sie ein wenig, was sie

geradezu geheimnisvoll machte, namentlich wenn er „der heiligen Anna“

aussprach, und etwa drei Minuten darauf wurde er ganz besonders stumm

und würdevoll ... In diesem ersten Jahr hatte ich oft Augenblicke – sie

kamen immer ganz plötzlich –, in denen ich diesen Akim Akimytsch

förmlich zu hassen begann, ohne im Grunde zu wissen weshalb, und in

denen ich mein Schicksal dafür verfluchte, daß es mich gerade mit ihm

Kopf an Kopf auf der Arrestantenpritsche plaziert hatte. Gewöhnlich

machte ich mir bereits nach Verlauf einer Stunde Vorwürfe deswegen ...

Aber das war nur im ersten Jahr – späterhin söhnte ich mich im Herzen

vollkommen mit ihm aus und schämte mich meiner anfänglichen Dummheiten.

Äußerlich haben wir beide stets in Frieden gelebt.

Sämtliche Werke 18 · 第 31 / 35 段