dieses „endlich“ vollzog sich doch nur mühsam und qualvoll, und gar zu
langsam. Genau genommen brauchte ich fast ein ganzes Jahr dazu, und das
war die schwerste Zeit meines Lebens. Deswegen hat sie sich mir auch so
deutlich eingeprägt. Ich glaube sogar, daß ich mich jeder Stunde dieses
Jahres in der richtigen Reihenfolge erinnern kann. Auch viele andere
Sträflinge konnten sich an dieses Leben nicht gewöhnen. Ich weiß noch,
wie oft ich mich in der ersten Zeit fragte: „Wie mag es in ihnen wohl
aussehen? Sollten sie wirklich ruhig sein?“ Und diese Fragen
beschäftigten mich fortwährend. Ich begriff, daß sie alle sich hier
nicht zu Hause fühlten, sondern wie etwa auf einem Posthof, wie in einem
Biwak, oder auf einer Etappe. Selbst die zu lebenslänglicher
Zwangsarbeit Verurteilten, selbst die fühlten sich hier wie auf der
Durchreise und sehnten sich fort, und sicherlich träumte ein jeder von
ihnen von etwas für ihn fast Unmöglichem. Diese beständige Unruhe, die
sich, wenn auch stumm, so doch sichtbar äußerte, diese seltsame
Heftigkeit und Ungeduld, die manchmal ganz unwillkürlich geäußerten
Hoffnungen, die mitunter so unbegründet waren, daß sie fast einem
Produkt der Fieberphantasie glichen, und – was am auffälligsten war –
nicht selten bei den anscheinend praktischsten Charakteren zutage
traten, – alles das verlieh diesem Ort ein so ungewöhnliches Aussehen,
ein so seltsames Gepräge, daß vielleicht gerade dieser Zug seine
charakteristischste Eigenheit darstellte. Man fühlte es eben schon auf
den ersten Blick, daß es außerhalb des Ostrogg etwas Ähnliches nicht
gab. Hier waren alle Phantasten, und das fiel einem sofort auf:
Phantasten bis zur Krankhaftigkeit – das fühlte man und gerade diese
Verschwärmtheit gab dem Ostrogg ein düsteres, mürrisches Aussehen, so
ein ungesundes Aussehen. Die übergroße Mehrzahl war schweigsam, bösartig
bis zu einem fast auf alles sich erstreckenden Haß, und liebte es nicht,
ihre Hoffnungen zur Schau zu tragen. Einfachheit und Offenherzigkeit
wurden verachtet. Je aussichtsloser die Hoffnungen waren, und je mehr
der betreffende selbst diese Aussichtslosigkeit fühlte, um so
hartnäckiger und verschämter verbarg er sie in seinem Innersten, sich
lossagen aber von ihnen und auf sie verzichten, das vermochte er doch
nicht. Wer weiß, vielleicht schämte sich innerlich so mancher seiner
Träume. Im russischen Charakter liegt soviel Positivität und
Nüchternheit des Blicks, soviel innerer Spott, in erster Linie über sich
selbst ... Vielleicht nun war gerade diese beständige, verborgene
Unzufriedenheit mit sich selbst die Ursache der gereizten Unduldsamkeit
dieser Menschen in ihrer täglichen Berührung miteinander, dieser
Unversöhnlichkeit und dieser Spottlust in ihrem Verkehr untereinander.
Und wenn zum Beispiel einer von den Naiveren und Unbeherrschteren aus
ihrer eigenen Mitte einmal etwas laut aussprach, was sie heimlich alle
dachten, wenn er seine Hoffnungen und Gedanken ausmalte, so wurde er
sofort grob zurechtgewiesen und verspottet. Mich däucht aber, daß die
heftigsten Verfolger in solchen Fällen stets diejenigen waren, die in
ihren eigenen Träumen und Hoffnungen vielleicht noch viel weiter gingen.
Auf die Naiven und Offenherzigen sah man bei uns allgemein wie auf die
flachsten Dummköpfe herab und behandelte sie geringschätzig. Ein jeder
war dermaßen mürrisch, eigenliebig und ehrgeizig, daß er einen
gutmütigen Menschen, der keinen Ehrgeiz besaß, einfach verachtete.
Außer diesen naiven und etwas einfältigen Schwätzern teilten sich die
anderen, d. h. die Schweigsamen, in Gute und Böse oder in Finstere und
Heitere. Der Finsteren und Bösen gab es natürlich unvergleichlich mehr,
und wenn sich unter ihnen auch einige befanden, die von Natur Schwätzer
waren, so waren sie dann ausnahmslos ruhelose Klatschbasen und gehässige
Neider. Sie hatten sich in alle fremden Angelegenheiten zu mischen, von
ihren eigenen Geheimnissen dagegen verrieten sie den anderen nichts. Das
war eben nicht Mode, nicht „angenommen“. Die Guten – nur eine kleine
Schar – waren still, hegten stumm ihre Hoffnungen und waren natürlich
weit mehr als die Finsteren zum Glauben an die Erfüllung ihrer Wünsche
geneigt. Übrigens fällt es mir soeben ein, daß es im Ostrogg noch eine
Abteilung von völlig Verzweifelten gab. Zu denen gehörte auch der Alte
aus dem Dorf Starodubowo, doch gab es solcher im ganzen nur sehr wenige.
Äußerlich war der Alte anscheinend ruhig – ich habe schon von ihm
gesprochen –, doch glaube ich, nach einigen Anzeichen, daß sein
Seelenzustand furchtbar war. Aber er hatte schließlich doch seine
Rettung gefunden: das war das Gebet und der Glaube an sein Märtyrertum.
Der andere alte Sträfling, von dem ich gleichfalls schon gesprochen
habe, der über dem Bibellesen wahnsinnig geworden war und sich mit einem
Ziegelstein auf den Major gestürzt hatte, gehörte wahrscheinlich
gleichfalls zu den Verzweifelten, zu denen, die die letzte Hoffnung
verlassen hatte – und da man ganz ohne Hoffnung nicht leben kann, so
hatte er sich als Rettung ein freiwilliges, fast künstliches Märtyrertum
erdacht. Nach seiner Erklärung habe er sich ohne jeglichen Groll oder
Haß auf den Major gestürzt, einzig in dem Wunsch, Qualen zu erdulden.
Wer kann es wissen, welch ein psychologischer Vorgang sich in seiner
Seele vollzogen hatte! Ohne ein bestimmtes Ziel, ohne nach diesem Ziel
ständig zu streben, lebt kein einziger „lebendiger“ Mensch. Verliert der
Mensch Ziel und Hoffnung, so verwandelt er sich nicht selten vor lauter
Langeweile in ein Ungeheuer ... Bei uns war das Ziel aller aber: die
Freiheit und die Entlassung aus der Kátorga.
Da bemühe ich mich nun, die ganze Einwohnerschaft unseres Ostrogg in
verschiedene Klassen einzuteilen, doch ist denn das überhaupt möglich?
Die Wirklichkeit ist so unendlich verschiedenartig, im Vergleich mit
allen, selbst den raffiniertesten Ergebnissen des abstrakten Denkens,
und duldet keine verallgemeinernden und scharf begrenzenden
Unterschiede. Die Wirklichkeit strebt zur Auflösung in Einern. Auch bei
uns war das Leben ein besonderes, gleichviel welch eines, aber es war
doch eines für sich, und nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ein
besonderes Leben.
In der ersten Zeit meines Ostrogglebens war es mir ganz unmöglich, und
ich hätte es auch gar nicht verstanden, die ganze innere Tiefe dieses
Lebens zu erfassen, und so quälten mich alle seine äußeren Erscheinungen
mit unsäglicher Last. Zuweilen begann ich, diese Menschen, die doch
nicht weniger litten, als ich, förmlich zu hassen. Ich beneidete sie
sogar, und zwar beneidete ich sie deshalb, weil sie doch immerhin unter
ihresgleichen waren, sich gegenseitig verstanden, und in ihrer
Sträflingsgenossenschaft lebten, obwohl im Grunde diese Genossenschaft
unter Stock und Spießrute, dieses gewaltsame Zusammenleben mich nicht
mehr als alle anderen anekelte. Genau genommen sah ein jeder vom anderen
fort, irgendwohin zur Seite. Ich sage nochmals, daß dieser Neid, der
mich in trüben Augenblicken erfaßte, seinen guten Grund hatte. Man sagt
allerdings, daß der Adlige, der Gebildete, es in unseren Gefängnissen
ebenso schwer habe, wie jeder einfache Bauer, nur ist das leider
durchaus nicht der Fall. Ich habe diese Behauptung oder Annahme oft
genug gehört und in letzter Zeit sogar gelesen. Der Grundgedanke ist ja
schließlich richtig und human: alle sind Menschen. Nur ist diese
Auffassung gar zu theoretisch. Hier sind viele praktischen Bedingungen
aus dem Auge gelassen, deren Bedeutung man nur in der Wirklichkeit
ermessen kann. Ich sage es nicht deshalb, weil der Adlige und Gebildete,
wie man annimmt, empfindlicher, zartfühlender und entwickelter ist. Die
Seele und ihre Empfindsamkeit läßt sich nicht in Klassen einteilen oder
auf ein gleichmäßiges Niveau bringen. Selbst die sogenannte Bildung ist
in diesem Fall kein Maßstab. Ich bin als erster zu bezeugen bereit, daß
ich in der allerungebildetsten und niedergedrücktesten Umgebung, gerade
unter diesen Leidenden, Züge von zartester seelischer Entwicklung
wahrgenommen habe. Im Ostrogg kannte man einen Menschen bisweilen
jahrelang und glaubte von ihm, er sei ein Tier und kein Mensch, und man
verachtete ihn. Und plötzlich kommt dann ein zufälliger Augenblick, in
dem sein Inneres in ungewolltem Ausbruch sich aufdeckt – und dann sieht
man in ihm einen solchen Reichtum, soviel Gefühl und Herz, ein so
scharfes Verständnis und ein so persönliches Leiden, daß man erst jetzt
sehend zu werden meint, nachdem man im ersten Augenblick seinen eigenen
Ohren und Augen nicht getraut hat. Und andererseits, wie oft findet man
das Umgekehrte: da sieht man Bildung mit unendlich niedriger Gesinnung
vereint, mit einem Zynismus, daß es einem übel wird, und wie nahe dieser
Mensch einem auch stehen mag, man findet dafür doch keine
Entschuldigung, doch keine Rechtfertigung im Herzen.
Ich will nicht einmal auf den Unterschied der Lebensbedürfnisse
eingehen, auf die Lebensweise überhaupt, die Nahrung u. s. w., einen
Unterschied, der für den Menschen aus der oberen Gesellschaftsschicht
natürlich größer und folglich schwerer zu verwinden ist, als für den
einfachen Landbauer oder Leibeigenen, der nicht selten in der Freiheit
gehungert hat, im Ostrogg dagegen sich täglich sattessen kann. Ich will
zugeben, daß einem Menschen mit nur etwas stärkerem Willen alles das
nichts ausmacht im Vergleich mit anderen Unannehmlichkeiten, obschon das
Abgewöhnen der Lebensangewohnheiten durchaus keine so nebensächliche
Kleinigkeit und längst nicht das Leichteste ist. Es gibt aber Dinge, vor
denen alle diese äußeren Unannehmlichkeiten völlig in den Hintergrund
treten und man weder den Schmutz ringsum, weder die Enge, noch die
einförmige, unsaubere Kost beachtet. Selbst der größte Feinschmecker,
das verzärteltste Muttersöhnchen wird, wenn er im Schweiße seines
Angesichts gearbeitet hat, wie noch nie zuvor in der Freiheit, auch
Schwarzbrot und seinen Kohl mit Schaben essen. An so etwas kann man sich
noch gewöhnen, wie es ja auch im humoristischen Arrestantenliede von dem
einmal reich gewesenen Herrn heißt, der in den Ostrogg geraten war:
„Gibt man mir auch nur Kraut mit heißem Wasser,
So fresse ich doch alles auf mit Haut und Haar.“
Nein, wichtiger als alles andere ist, daß von den einfachen Leuten jeder
Neuangekommene bereits nach den ersten zwei Stunden dasselbe wird, was
alle anderen sind: ein mit allen Gleichberechtigter in der
Ostrogggenossenschaft, der sich hier wie jeder andere „_bei sich zu
Hause_“ fühlt. Er wird von allen verstanden und versteht selbst alle, er
ist mit allen bekannt und alle halten ihn für den _Ihrigen_, der zu
ihnen gehört. Ganz anders ist es dagegen mit dem _Adligen_, dem
Gebildeten. Wie gerecht, gut und klug er auch sein mag, er wird dennoch
jahrelang von allen anderen gehaßt und verachtet werden. Man versteht
ihn nicht, und vor allen Dingen – man glaubt ihm nicht. Er ist weder
Freund noch Kamerad, und wenn er es auch schließlich – nach Jahren –
erreicht, daß man ihn nicht mehr beleidigt, so ist er ihnen doch nie ein
Kamerad und wird ewig qualvoll seine Einsamkeit und Fremdheit empfinden.
Diese Ausscheidung als Fremder geschieht von seiten der Arrestanten
zuweilen ohne jedes böse Gefühl, völlig unbewußt. Du bist eben nicht
einer von uns – und das ist alles. Es gibt nichts Schlimmeres, als nicht
in der eigenen Gesellschaftsklasse leben zu können. Der Bauer oder der
Tagelöhner, der von Taganrog nach der Hafenstadt Petropawlowsk geschickt
wird, findet dort sogleich einen ebensolchen russischen Bauern oder
Arbeiter, mit dem er sich schon nach zwei Stunden vorzüglich versteht,
und in kürzester Zeit haben sie sich friedlich in derselben Strohhütte
eingelebt. Nicht so der Vornehme. Ihn trennt die größte Kluft vom
einfachen Volk, und das zeigt sich erst dann in seinem ganzen Umfange,
sobald der Vornehme plötzlich selbst infolge äußerer Umstände seine
früheren Vorrechte verliert und gleichfalls „einfaches Volk“ wird. Mag
man auch sonst täglich mit dem Volk in Berührung gekommen sein, vierzig
Jahre lang womöglich, – gleichviel ob im Dienst, amtlich, oder ganz
einfach freundschaftlich, als Wohltäter, oder in gewissem Sinne Vater
des Volkes – das Wesen dieses Unterschiedes wird man so nicht kennen
lernen: es wird immer nur eine optische Täuschung sein und weiter
nichts.
Ich weiß es sehr gut, daß alle, aber auch alle, die diese meine
Behauptung lesen, sagen werden, ich übertreibe. Ich aber bin überzeugt,
daß ich die Wahrheit sage, denn nicht aus Büchern und nicht spekulativ
habe ich mich davon überzeugt, sondern in der Wirklichkeit, und ich habe
mehr als genug Zeit gehabt, meine Beobachtungen auf ihre Richtigkeit hin
zu prüfen. Vielleicht wird manch einer in der Folge erfahren, wie
richtig sie sind.
Die Ereignisse bestätigen außerdem noch meine Beobachtungen schon vom
ersten Schritt an, was mich nicht wenig erregte und nachträglich
krankhaft auf mich einwirkte. In dieser ersten Zeit schlenderte ich ganz
allein auf dem Hof umher. Ich befand mich damals in einem solchen
Zustande, daß ich nicht fähig war, selbst jene unter den übrigen
wahrzunehmen, die mich in der Folge sogar lieb gewannen, wenn sie sich
auch nie mit mir auf die gleiche Stufe stellten. Gewiß fand auch ich
Kameraden unter den übrigen Adligen, aber diese Kameradschaft vermochte
doch nicht, mich von dem quälenden Druck zu befreien.
Ich will hier einen von jenen Fällen angeben, die mir meine Fremdheit
und die Eigentümlichkeit meiner Stellung im Ostrogg am deutlichsten
zeigten.
Einst – es war im ersten Sommer, schon im August – in der ersten
Nachmittagsstunde eines klaren, heißen Tages, als wir wie gewöhnlich vor
der Nachmittagsarbeit ein wenig ruhten, erhob sich plötzlich die ganze
Kátorga wie ein Mann und stellte sich auf dem Ostrogghof auf. Ich war
bis dahin völlig ahnungslos gewesen. In dieser ganzen Zeit hatte ich
mich dermaßen in mich selbst vertieft, daß ich kaum noch bemerkte, was
um mich her vorging. Im Ostrogg indes hatte es schon seit drei Tagen
dumpf gegärt. Vielleicht aber hatte diese Gärung schon viel früher
begonnen, wie ich es mir später überlegte, als mir unwillkürlich wieder
einiges aus den Gesprächen der Sträflinge einfiel, das ich nur mit
halbem Ohr gehört und weiter nicht beachtet hatte. Desgleichen erinnerte
ich mich, daß die Sträflinge in der letzten Zeit besonders mürrisch,
finster und erbost gewesen waren. Ich schrieb es anfangs der schweren
Arbeit, den langweiligen, endlosen Sommertagen, den unwillkürlichen
Gedanken an Wälder und „Freiheit“ zu, und den kurzen Nächten, in denen
man sich kaum ausschlafen konnte. Vielleicht hatte jetzt alles das zu
einem Ausbruch geführt, doch der einzige Grund desselben, den die
Sträflinge angaben, war – die Kost. Schon seit mehreren Tagen hatte man
sich laut über das Essen beklagt, man war ungehalten gewesen, namentlich
wenn man zum Mittag- und zum Abendessen in der Küche zusammenkam. Man
war unzufrieden mit den Köchinnen, versuchte es sogar mit einer
Veränderung des Küchenpersonals: man wählte einen neuen Koch, doch wurde
dieser sogleich wieder „gewirbelt“ und der alte zurückgerufen. Kurz,
alle Geister befanden sich in einer gewissen Unruhe.
„Die Arbeit ist zum Knochenbrechen und dabei werden wir nur mit Fell und
Fett gefüttert,“ brummt jemand in der Küche.
„Wenn dir das nicht behagt, so bestell doch Kuchen für dich,“ bemerkt
ein anderer, dem Kuchen das schönste zu sein scheint.
„Ach was, Kohl mit Schweinespeck liebe ich sehr, Brüder,“ meint ein
dritter, „denn ... was ich sagen wollte – es schmeckt mir.“
„Aber wenn du dein Lebtag nichts als Schweinespeck zwischen die Zähne
kriegst, wird es dir dann auch noch schmecken?“
„Es ist jetzt doch Fleischzeit,“ sagt ein vierter, „wir dort in der
Ziegelei müssen uns quälen und plagen, nachher aber will man doch was
essen! Was aber ist denn dieses Zeugs für ein Fraß!“
„Ist das überhaupt genießbar, frage ich euch! Hab ich nicht recht?“
„Ja, das Futter ist schlecht.“
„Und der Achtäugige stopft sich dabei natürlich die Taschen.“
„Das ist nicht deine Sache.“
„So–o? Mein Bauch ist doch wohl meine Sache, denke ich! ... Seht, wenn
wir uns allesamt zusammentäten und unsere Forderung vorbrächten, dann
wäre die Sache im Nu erledigt.“
„Forderung?“
„Jawohl!“
„Dann bist du wohl für solche Forderungen noch wenig gedroschen worden.“
„Es ist schon wahr,“ fügt brummig ein anderer hinzu, der bis dahin
geschwiegen hat, „aber sag du uns mal zuerst, was du denn bei der
Gelegenheit eigentlich sagen willst?“
„Ich werde schon sagen! Wenn alle mithalten würden, dann würde ich schon
mit allen zusammen sagen! Einfach Hunger und nichts weiter! Bei uns hat
der eine seine eigene Kost, ein anderer aber hat nichts als
Staatsverpflegung.“
„Seht doch diesen Neidhammel! Dir scheint ja fremdes Gut merklich in die
Augen zu stechen!“
„Laß dich nicht nach Fremdem gelüsten, steh früher auf und verschaffe
dir Eigenes.“
„Verschaffe! Wo soll man sich denn was verschaffen, wo nichts zu
verschaffen ist!“
„Nein, wirklich, Brüder, wozu sitzen wir hier? Sie haben uns doch lange
genug geschunden, werden uns noch das Fell ganz und gar abziehen. Warum
sollen wir nicht einmal auftreten?“
„Warum? Für dich muß man alles immer noch durchkauen, bevor man es dir
in den Mund stopft, selbst durchzukauen scheinst du nicht zu können!
Weil wir in der Kátorga sind – hast du nun kapiert?“
„Und der Achtäugige hat den Nutzen davon. Hat sich noch ein Paar Graue
gekauft.“
„Und den Wein, den spart er auch gerade!“
„Vor kurzem hat er sich mit dem Veterinär beim Kartenspiel geprügelt.
Haben die ganze Nacht gespielt. Fedjka erzählte.“
„Daher schmeckt auch der Kohl nicht mehr.“
„Ach, ihr Schafsköpfe! ... Daraus wird grade was!“
„Wir müssen eben alle Mann vortreten, sehen wir doch zu, was er dann zu
seiner Rechtfertigung sagen wird. Wir müssen alle nur darauf bestehen!“
„Rechtfertigung! Noch was! Er wird dir nur dein Gebiß in die Gurgel
schlagen und damit ist es für ihn erledigt.“
„Und dann kommt man doch vors Gericht ...“
Mit einem Wort, alle waren erregt. Wir hatten in der letzten Zeit
allerdings sehr schlechtes Essen erhalten, und nun kam noch all das
andere hinzu. Die Hauptveranlassung war aber entschieden die allgemeine
wehmütige Stimmung und die beständige geheime Qual. Die Zwangsarbeiter
sind schon ihrer Natur gemäß streitsüchtig und empörerisch, doch kommt
es sehr selten vor, daß sie sich gemeinsam in größerer Anzahl
oder gar alle Mann erheben. Der Grund ist ihre beständige
Meinungsverschiedenheit. Das fühlt auch ein jeder von ihnen – und daher
kam es, daß es bei uns in der Kátorga mehr Streit als Taten gab. Diesmal
aber sollte die allgemeine Aufregung nicht im Sande verlaufen.
Es begann damit, daß man sich in Gruppen versammelte, in den Kasernen
stritt, schimpfte, das ganze Sündenregister unseres Majors vortrug, und
nichts vergaß, was ihn noch verhaßter machen könnte. Einige waren ganz
besonders wütend. Bei allen ähnlichen Gelegenheiten treten stets Hetzer
und Rädelsführer auf, die an sich, nicht nur im Ostrogg allein, sondern
überall ein und dieselben sind. Sie sind ein ganz besonderer Typ, ein
hitziger Menschenschlag, den es nach unbedingter Gerechtigkeit verlangt
und der in der naivsten und ehrlichsten Weise von der bedingungslosen,
unbeschränkten und vor allem sofortigen Erfüllung derselben überzeugt
ist. Sie sind nicht dümmer als andere, es gibt sogar sehr Kluge unter
ihnen, nur sind sie zu feurig, um schlau und berechnend zu sein. Gewiß
gibt es auch bei derartigen Aufständen mitunter Führer, die die Masse
geschickt zu lenken und die Sache zu gewinnen verstehen, doch bilden
diese bereits einen anderen Typ. Der Volksführer, das ist der geborene
Führer des Volkes – ein Typus, der bei uns ziemlich selten ist. Diese
dagegen, von denen ich hier rede, diese Schürer und Rädelsführer der
kleinen Aufstände, die verspielen fast stets ihre Sache und bevölkern
dafür später die Gefängnisse. Sie verspielen durch ihre Hitzigkeit, doch
haben sie gerade durch diese Hitzigkeit ihren Einfluß auf die Masse. Und
schließlich – man folgt ihnen gern. Ihr Feuer und ihr ehrlicher Unwille
wirken auf alle, und zu guterletzt schließen sich ihnen auch die
Unentschlossensten an. Ihr blinder Glaube an das Gelingen verführt
selbst die eingefleischtesten Skeptiker, obgleich dieser Glaube zuweilen
so unbegründet, so kindisch naiv ist, daß man sich nur darüber wundern
kann, wie die Menschen ihnen haben folgen können. Die Hauptsache ist
aber, daß sie als Erste vorangehen, und ohne Furcht zu verspüren ... Sie
stürmen wie die Stiere mit gesenkten Hörnern darauf los, oft sogar ohne
Kenntnis der Sache, ohne Vorsicht, vor allem ohne jenen praktischen
Jesuitismus, mittels dessen nicht selten der niedrigste und schmutzigste
Mensch die Sache durchführt, das Ziel erreicht und trocken aus dem
Wasser kommt. Sie jedoch stürzen geradeaus drauflos und brechen sich
unfehlbar die Hörner. Im gewöhnlichen Leben sind sie gallige, launige,
reizbare und unduldsame Leute. Am häufigsten sind es entsetzlich
beschränkte Menschen, was übrigens zum Teil ihre Kraft ausmacht. Das
ärgerlichste an ihnen ist jedoch, daß sie, anstatt geradeaus auf das
Ziel loszusteuern, oft auf Nebenwege rennen, und anstatt die Hauptsache
im Auge zu behalten, sich von Nebensachen ablenken lassen. Das ist es,
woran sie scheitern. Aber sie sind der Masse verständlich und darin
liegt ihre Kraft ... Übrigens muß ich noch kurz erklären, was ein
solcher „Streik“ eigentlich ist.
* * * * *
In unserem Ostrogg gab es mehrere, die wegen eines solchen „Streiks“
verschickt worden waren. Sie nun ereiferten sich auch jetzt am meisten
von allen. Namentlich einer von ihnen, ein gewisser Martynoff, der
früher Husar gewesen war, ein hitziger, unruhiger und mißtrauischer
Mensch, sonst aber sehr ehrlich und sehr wahrheitsliebend. Der andere
war Wassilij Antonoff, ein gewissermaßen kaltblütig sich erregender
Mensch mit dreistem Blick und hochmütigem, sarkastischem Lächeln,
auffallend entwickelt und gleichfalls ehrlich und wahrheitsliebend.
Doch, ich kann sie ja nicht alle aufzählen. Es gab ihrer eine ganze
Menge. Petroff war überall, blieb bei jeder kleinen Gruppe stehen, hörte
gespannt zu, sprach selbst wenig, war aber sichtlich erregt und als
erster zur Stelle, als man sich auf dem Hof aufzustellen begann.
Unser Ostroggunteroffizier, der bei uns den Dienst eines Feldwebels
hatte, erschien sofort und war nicht wenig erschrocken. Als die Leute
sich alle in Reih und Glied aufgestellt hatten, baten sie ihn höflich,
den Major zu benachrichtigen, daß die Kátorga ihn bezüglich einiger
Punkte persönlich zu sprechen und um etwas zu bitten wünsche. Gleich
nach dem älteren Unteroffizier erschienen auch alle Invaliden, die sich
den Sträflingen gegenüber, auf der anderen Seite des Hofes, aufstellten.
Der Auftrag, der dem Unteroffizier zuteil wurde, war allerdings
unerhört, und entsetzte diesen geradezu. Doch die Meldung verweigern,
das durfte er nicht. Erstens konnte, wenn die „ganze Kátorga“ sich
erhoben hatte, weiß der Teufel was noch alles daraus entstehen. Alle
unsere Vorgesetzten waren bezüglich der Kátorga vom ersten bis zum
letzten auffallend ängstlich. Und zweitens, selbst, wenn sich
alle sofort wieder besonnen hätten und bis auf den letzten
auseinandergegangen wären, selbst dann hätte der Unteroffizier von dem
Geschehenen den Vorgesetzten benachrichtigen müssen. Bleich und fast
zitternd begab er sich sofort eilig zum Major, ohne auch nur einen
Versuch gemacht zu haben, die Sträflinge vorher auszufragen oder sie zu
ermahnen. Er sah vielleicht auch ein, daß man mit ihm jetzt überhaupt
nicht geredet hätte.
Völlig ahnungslos war auch ich hinausgegangen und hatte mich gleichfalls
in Reih und Glied gestellt. Alle Einzelheiten der Sache erfuhr ich erst
später. In jenem Augenblick aber glaubte ich, daß es sich um nichts
anderes als um eine Zählung handelte. Da ich aber keine Wachen sah,
wunderte ich mich und blickte um mich. Alle Gesichter waren erregt und
alle sahen gereizt aus. Einige waren sogar bleich, alle waren besorgt
und schweigsam in der Erwartung dessen, was und wie man mit dem Major
reden würde. Auch bemerkte ich, daß viele mich sehr verwundert ansahen,
doch wandten sie sich schweigend wieder von mir ab. Es schien sie
ersichtlich zu befremden, daß ich mich mit ihnen zusammen aufgestellt
hatte. Offenbar glaubten sie nicht, daß ich gleichfalls, zusammen mit
ihnen, „Streik machen“ wolle. Bald aber wandten sich alle fast
gleichzeitig wieder nach mir um und blickten mich fragend an.
„Wozu bist du denn hier?“ fragte mich plötzlich grob und laut Wassilij
Antonoff, der etwas weiter von mir stand und mich sonst immer höflich
mit „Sie“ angeredet hatte.
Ich sah ihn verständnislos an, immer noch bemüht zu begreifen, was das
alles zu bedeuten hatte; doch begann ich schon zu erraten, daß etwas
Besonderes vor sich ging.
„Ja, was hast du denn hier zu stehen? Pack dich in die Kaserne,“ sagte
ein junger Bursch der Militärabteilung, mit dem ich bis dahin noch nie
gesprochen hatte, ein sonst stiller und guter Junge. „Das hier ist nicht
deine Sache.“
„Aber es stellen sich doch alle auf,“ entgegnete ich, „ich glaubte, daß
man eine Zählung vornehmen wolle.“
„Also der ist auch herausgekrochen!“ rief jemand.
„Ei seh, na seh!“ ein anderer.
„Fliegenknacker!“ sagte ein dritter mit unbeschreiblicher Verachtung.
Diese neue Bezeichnung für uns Adlige rief allgemeines Lachen hervor.
„Den geht doch die Küche nichts an,“ meinte jemand.
„Die sind überall im Paradies. Hier ist Kátorga, sie aber stopfen sich
mit Weißbrot und kaufen noch ihre Spanferkel dazu. Du futterst doch
eigene Kost, was hast du hier zu suchen?“
„Es ist dies hier kein Platz für Sie in diesem Augenblick,“ sagte
plötzlich Kulikoff, freundlich auf mich zutretend; er erfaßte meinen Arm
und führte mich aus den Reihen.