kluges und gutes Tier, mit dem ich sehr befreundet war. Da aber Hunde im
Volk immer für unreine Tiere gehalten werden, die man überhaupt nicht
beachten sollte, so schenkte bei uns auch dem Scharik fast niemand
irgend welche Aufmerksamkeit. Der Hund schlief auf dem Ostrogghof, lebte
von den Brocken, die man ihm aus der Küche zuwarf, vermochte aber
keinerlei Interesse für sich zu erwecken, obwohl er jeden einzelnen
„persönlich“ kannte und für seinen Herrn hielt. Wenn die Sträflinge von
der Arbeit zurückkehrten, so lief Scharik schon auf den ersten Ruf der
Wache nach dem Gefreiten zum Tor, empfing freudig jeden Trupp, wedelte
mit der Rute, blickte einem jeden erwartungsvoll und freundlich in die
Augen, als erwarte er eine, wenn auch noch so flüchtige Liebkosung. Doch
im Verlauf von mehreren Jahren hatte er noch von keinem einzigen auch
nur die geringste Freundlichkeit erfahren, ausgenommen von mir. Dafür
aber liebte er mich auch am meisten von allen. Ich entsinne mich nicht
mehr, durch welchen Zufall später noch ein anderer Hund in unseren
Ostrogg kam, Bjelka, den dritten aber, Kuljtjäpka, den hatte ich selbst
einmal von der Arbeit noch als kleines Tierchen mitgebracht.
Bjelka war ein seltsames Geschöpf: es hatte ihn einmal jemand überfahren
und daher war sein Rücken in der Mitte eingeknickt, so daß er beim
Laufen, von weitem gesehen, wie zwei Tiere aussah; was für welche das
sein mochten, das ließ sich nicht bestimmen, jedenfalls aber wie zwei
sehr seltsame, weiße, die absonderlich zusammengewachsen sein mußten.
Außerdem war er noch grindig und hatte eiternde Augen, die Rute war fast
ganz unbehaart und beständig eingekniffen. Vom Schicksal mißhandelt,
schien sich das Tier entschlossen zu haben, sich in alles zu ergeben:
niemals bellte es einen an, niemals knurrte es, als hätte es keinen Laut
von sich zu geben gewagt. Bjelka lebte im Gegensatz zu Scharik, der
überall umherlief, fast nur hinter den Kasernen, und erblickte er einen
von uns, so warf er sich, noch bevor man an ihn heran getreten war, zum
Zeichen seiner Ergebenheit und friedlichen Gesinnung auf den Rücken, als
wollte er damit sagen: „Mach mit mir, was du willst, ich aber, wie du
siehst, denke nicht daran, mich zu verteidigen.“ Und fast jeder
Sträfling, vor dem er sich auf den Rücken wälzte, schien es für seine
Pflicht zu halten, ihn mit den Stiefeln zu stoßen.
„So ’ne Mißgeburt!“ sagten sie dazu. Bjelka aber wagte nicht einmal zu
winseln, und nur wenn der Fußtritt gar zu schmerzhaft war, quiente er
mit festem Maul, gleichsam nur innerlich. Ebenso wälzte er sich auch vor
Scharik auf dem Rücken und vor jedem anderen Hunde, wenn er einmal aus
dem Ostrogg hinauslief. Zuweilen sah ich, wie er sich plötzlich auf den
Rücken wälzte und ruhig und ergeben in dieser Stellung verharrte; dann
erblickte man im nächsten Augenblick unfehlbar einen großen Köter, der
auf ihn zugerannt kam, mit langen, schlotternden Ohren, mit Gebell und
Geheul. Doch Hunde lieben bei ihresgleichen Ergebenheit und friedliche
Gesinnung. Der wütende Köter ist sogleich besänftigt, bleibt in einer
gewissen Nachdenklichkeit vor dem auf dem Rücken liegenden Hunde stehen,
bis er dann mit Interesse das ganze Tier beschnuppert. Was mochte wohl
in solchen Augenblicken der zitternde unglückliche Hund denken?
Wahrscheinlich: „Wenn er aber jetzt zubeißt, der Räuber?“ Der große
Köter jedoch verläßt ihn nach aufmerksamer Beschnupperung, da er nichts
Fesselndes an ihm entdeckt zu haben scheint. Bjelka aber dreht sich
wieder um und läuft hinkend einem langen Hundezuge nach, der irgend
einem kleinen Schoßhündchen folgt. Und wenn er auch genau weiß, daß ein
Schoßhündchen niemals mit ihm Freundschaft schließen wird, so ist ihm
doch schon das bloße Mitlaufen ein – Glück in seinem Unglück. An Ehre
und Ehrgeiz hatte er offenbar seit lange aufgehört zu denken. Da ihm
jede Aussicht auf Karriere genommen war, lebte er nur noch, um sein
Dasein zu fristen, wessen er sich auch selbst vollkommen bewußt war. Ich
versuchte einmal, ihn zu streicheln: das war für ihn so neu und
unerwartet, daß er sich plötzlich platt an die Erde drückte, am ganzen
Leibe erzitterte und vor Rührung laut zu heulen begann. Aus Mitleid trat
ich öfter zu ihm, um ihn etwas zu liebkosen. Dafür konnte er mich bald
nicht mehr anders als mit lautem Winseln begrüßen: erblickte er mich
auch nur von weitem, so hub doch schon unfehlbar das weinerliche
krankhafte Winseln an. Eines Tages wurde er auf dem Festungswall von
anderen Hunden zerrissen.
Einen ganz anderen Charakter hatte dagegen Kuljtjäpka. Weshalb ich ihn
eigentlich aus der Werkstätte als noch blinden Nestling mitgenommen
hatte, vermag ich jetzt selbst nicht zu sagen. Es war mir eine angenehme
Zerstreuung, ihn zu füttern, großzuziehen und aufwachsen zu sehen.
Scharik nahm ihn sogleich unter seine Protektion und schlief mit ihm
zusammen. Als Kuljtjäpka größer wurde, erlaubte er ihm, seine Ohren zu
beißen, ihn am Fell zu zerren, und überhaupt mit ihm zu spielen, wie
gewöhnlich alle größeren Hunde mit den jungen zu spielen pflegen.
Sonderbar war nur, daß Kuljtjäpka so gut wie gar nicht in die Höhe
wuchs, sondern nur in die Länge und Breite. Sein Fell war zottig und von
einer unbestimmten hell mausgrauen Farbe; das eine Ohr wuchs nach
unten, das andere nach oben. Von Charakter war er heftig und
begeisterungsfähig, wie schließlich jeder junge Hund, der in der Freude,
den Herrn wiederzusehen, kläfft und quient und winselt, ihm womöglich
das Gesicht lecken will und auch alle seine anderen Gefühle nicht mehr
zurückzuhalten vermag: „wenn du nur meine Begeisterung siehst, Anstand
hat dann nichts mehr zu bedeuten!“ Rief ich: „Kuljtjäpka!“ so kam er,
gleichviel wo er war, plötzlich im Galopp um irgend eine Ecke gelaufen,
wie aus der Erde hervorgezaubert, und stürzte in heller Begeisterung wie
ein geworfener Ball mir entgegen, und nicht selten überpurzelte er sich
unterwegs. Ich hatte diese kleine Mißgeburt unsäglich lieb. Wie es
schien, hatte das Schicksal nichts als Zufriedenheit und Freude für sein
ferneres Leben vorgesehen. Es sollte aber anders kommen: Eines Tages
schenkte ihm der Arrestant Neustrojeff, der sich mit der Anfertigung von
Frauenschuhen und dem Gerben von Fellen beschäftigte, ganz besondere
Aufmerksamkeit. Ihm schien plötzlich etwas an dem Hunde aufzufallen; er
lockte ihn zu sich heran, befühlte sein Fell und rollte ihn hin und her
auf dem Rücken, wozu der ahnungslose Kuljtjäpka vor Vergnügen mit den
Vorderpfoten spielte. Am nächsten Morgen war er verschwunden. Lange
suchte ich ihn, doch vergeblich. Erst nach zwei Wochen erfuhr ich, wo er
geblieben war: Kuljtjäpkas Fell hatte dem Sträfling Neustrojeff gar zu
sehr gefallen. Er hatte ihm dasselbe abgezogen und daraus
Winterhalbstiefel angefertigt, und mit Sammet überzogen, wie sie die
Frau des Auditeurs bei ihm bestellt hatte. Er zeigte sie mir, als sie
fertig waren. Das Fell sah allerdings vorzüglich aus. Armer Kuljtjäpka!
Es gab bei uns viele Sträflinge, die sich mit der Bearbeitung von Fellen
beschäftigten. Sie brachten nicht selten schöne Hunde mit, die aber
schon nach wenigen Minuten wieder verschwanden. Diese Hunde wurden von
ihnen entweder gestohlen oder gekauft. Einmal erblickte ich hinter der
Küchenkaserne zwei Sträflinge, die sich über irgend etwas zu beraten
schienen. Der eine hielt einen prächtigen, großen schwarzen Hund, von
sicherlich guter und teurer Rasse, an einem Strick. Ein treuloser Diener
hatte ihn heimlich unseren Schuhmachern für dreißig Kopeken in Silber
verkauft. Die Sträflinge beabsichtigten, ihn zu erhängen, was ja weiter
nicht schwierig war. Nachher sollte ihm das Fell abgezogen und der
Kadaver in die große tiefe Ausgußgrube, die im entferntesten Winkel des
Ostrogg lag und im Sommer, namentlich an heißen Tagen, entsetzlich
stank, geworfen werden. Selten nur wurde die Grube gereinigt. Der arme
Hund schien zu ahnen, was ihm bevorstand: forschend und unruhig blickte
er von dem einen zum anderen und nur hin und wieder wagte er, mit seiner
buschigen Rute ein wenig zu wedeln, ganz als wolle er uns durch dieses
Zeichen seines Zutrauens zu uns gütiger für ihn stimmen. Ich entfernte
mich schnell, sie aber verrichteten natürlich, was sie vorhatten.
Auch die Gänse hatten sich ganz zufällig bei uns angesiedelt. Wer sie
zuerst gebracht hatte und wem sie gehörten – das weiß ich nicht, eine
Zeitlang aber erfreuten sie sich großer Beliebtheit bei den Sträflingen
und waren sogar in der Stadt bekannt. Sie waren im Ostrogg selbst
ausgebrütet worden und in der Küche großgezogen. Als die junge Brut
herangewachsen war, gewöhnte sie es sich an, zusammen mit den
Sträflingen zur Arbeit auszuziehen. Kaum ertönte der Trommelwirbel, kaum
begab sich der ganze Arrestantentrupp zum Tor, da kamen auch schon
unsere Gänse mit großem Geschrei herbeigelaufen, mit hängenden Flügeln
und vorgestrecktem Halse, und eine nach der anderen hopste über die hohe
Schwelle der Pforte und begab sich unbedingt zur rechten Flanke des
Trupps, wo sie sich dann gleichfalls aufstellten, in der Erwartung der
allgemeinen Arbeitsverteilung. Jedesmal schlossen sie sich dem größten
Trupp an und während der Arbeitszeit weideten sie dann irgendwo in der
Nähe. Und kaum schickte der Trupp sich an, zur Heimkehr aufzubrechen, da
kamen auch schon die Gänse in langer Reihe angewackelt. In der Stadt
sprach man allgemein davon, daß die Gänse mit den Sträflingen zur Arbeit
gingen.
„Seht doch, da gehen die Arrestanten mit ihren Gänsen!“ sagten zuweilen
die uns unterwegs Begegnenden. „Wie habt ihr ihnen das nur beigebracht?“
„Da habt ihr etwas für eure Gänse,“ fügte ein anderer hinzu und reicht
uns ein Almosen. Doch ungeachtet ihrer ganzen Anhänglichkeit, wurden sie
zu einem Fleischtage nach der Fastenzeit sämtlich niedergemacht.
Unseren Ziegenbock Wasjka dagegen würde man um keinen Preis geschlachtet
haben, wenn er nicht ein besonderes Pech gehabt hätte. Auch von dem Bock
weiß ich nicht, wie und durch wen er in den Ostrogg gekommen war: eines
Tages aber befand sich ein kleines, weißes, allerliebstes Böcklein bei
uns. Diesen Wasjka gewannen im Augenblick alle lieb und bald war er
unsere liebste Zerstreuung und sogar aufrichtigste Freude. Man fand
natürlich sofort auch einen Grund, ihn im Ostrogg zu halten: hatte man
einen Pferdestall, so gehörte doch auch ein Bock dazu. Indessen lebte er
nicht im Pferdestall, sondern zuerst in der Küche und späterhin im
ganzen Ostrogg. Er war ein überaus graziöses, mutwilliges und lustiges
Geschöpf. Er kam sofort zu einem gelaufen, wenn man ihn rief, war immer
munter und spaßig, sprang auf Bänke, Tische, und als er Hörner bekam,
spielten die Arrestanten mit ihm „boxen“. Einmal, als seine Hörnchen
schon sichtbar waren, fiel es dem Lesghier Babai ein, während er wie
gewöhnlich abends mit anderen auf der Treppenstufe saß, mit Wasjka zu
spielen. Sie boxten schon ziemlich lange – der Lesghier gleichfalls mit
der Stirn, was für ihn ein angenehmer Zeitvertreib war –, als plötzlich
unser Wasjka auf die oberste Treppenstufe sprang und, kaum daß Babai
fortsah, sich auf seine Hinterbeinchen erhob, die Vorderhufchen an sich
preßte und mit aller Kraft Babai in den Nacken stieß, so daß dieser
kopfüber von der Treppe herabflog, zur unbändigen Heiterkeit aller
Anwesenden und vor allem Babais selbst. Kurz, unser Wasjka wurde von
allen geliebt. Als er heranwuchs, wurde an ihm nach langer, ernster
Beratung eine gewisse Operation vorgenommen, die unsere „Tierärzte“
vorzüglich auszuführen verstanden. „Sonst würde er nach Bock riechen,“
sagten sie. Hierauf wurde aber Wasjka entsetzlich dick. Allerdings wurde
er auch gefüttert, als wäre er zur Mast bestimmt. Mit der Zeit wurde er
ein prächtiger, großer Bock mit langen Hörnern und von unbeschreiblicher
Dicke. Zuweilen fiel er beim Gehen um. Bald hatte er es sich gleichfalls
angewöhnt, mit den Sträflingen zur Arbeit zu gehen, zu deren und aller
Begegnenden Belustigung. Alle kannten den Ostroggbock Wasjka. Oft, wenn
die Sträflinge am Flußufer zu arbeiten hatten, rissen sie die
geschmeidigen Äste der Wasserweide ab, suchten Laub dazu und Blumen auf
dem Wall, und schmückten damit ihren Wasjka: die Hörner wurden mit den
Weidenruten umflochten, mit Blumen geschmückt und der ganze Leib mit
Girlanden umwunden. Kehrte dann der geschmückte Wasjka wie gewöhnlich an
der Spitze des Trupps in den Ostrogg zurück, so marschierten sie ihm
frohgemut nach und schienen vor jedem Vorübergehenden geradezu stolz zu
sein. Ihre Liebe zu diesem Bock ging schließlich so weit, daß sie wie
kleine Kinder auf die Idee kamen, Wasjkas Hörner zu vergolden! Doch
sprachen sie nur davon, ohne den tollen Einfall auszuführen. Übrigens
fragte ich, wie ich mich noch entsinne, bei der Gelegenheit Akim
Akimytsch, unseren besten Vergolder nach Issai Fomitsch, ob es
tatsächlich möglich wäre, dem Bock die Hörner zu vergolden. Er blickte
zuerst aufmerksam den Bock an, überlegte ernstlich und antwortete dann,
daß man es schließlich könne, „aber es wird nicht lange vorhalten, und
zudem wäre es doch ganz unnütz.“ Und dabei blieb es. Wasjka aber hätte
noch lange gelebt und wäre vielleicht nur an Asthma gestorben, wenn das
Schicksal es nicht anders gewollt hätte: als er eines Tages wieder an
der Spitze der Sträflinge in den Ostrogg zurückkehrte, erblickte ihn
plötzlich der Major, der in seinem Wagen gerade dahergefahren kam.
„Halt!“ schrie er sofort. „Wem gehört der Bock?“
Man erklärte es ihm.
„Wie! Im Ostrogg ein Bock ohne meine Erlaubnis! – Unteroffizier!“
Der Unteroffizier erschien und ihm ward befohlen, den Bock sofort zu
schlachten – „sofort!“ – das Fell abzuziehen, auf dem Markt zu
verkaufen, den Erlös der Arrestantenkasse zu überweisen, und das Fleisch
zur Kohlsuppe zu geben. Im Ostrogg sprach man hin und her, beklagte den
armen Wasjka, wagte aber doch nicht, dem Befehl zuwider zu handeln, und
so wurde Wasjka am Rande unserer Ausgußgrube geschlachtet. Das ganze
Fleisch kaufte ein Sträfling ab und zahlte dafür einen Rubel und fünfzig
Kopeken in Silber. Für dieses Geld wurden Kalatschen gekauft, und der
Sträfling, der den Wasjka erstanden hatte, verkaufte das Fleisch
stückweis unter den Arrestanten zu Braten. Das Fleisch war wirklich
selten schmackhaft.
Auch lebte bei uns im Ostrogg eine Zeitlang ein Karagusch, ein
tatarischer Adler, von der mittelgroßen Art der Steppenadler. Jemand
hatte ihn verwundet und ermattet in den Ostrogg gebracht. Die ganze
Kátorga umstand ihn im Kreise: er konnte nicht fliegen, sein rechter
Flügel hing zur Erde und der eine Fuß war verrenkt. Ich weiß noch, wie
wütend er um sich blickte auf die neugierige Schar, wie er seinen
krummen Schnabel aufsperrte, bereit, sein Leben teuer zu verkaufen. Als
man sich aber an ihm sattgesehen hatte und auseinanderging, da humpelte
er fort, hinkend und fast nur auf dem einen Fuß und mit dem gesunden
Flügel schlagend, humpelte bis in den entferntesten Winkel des Ostrogg,
wo er sich in der Zaunecke an die Pfähle drückte. Hier lebte er ungefähr
drei Monate und in dieser ganzen Zeit verließ er nie seinen Platz.
Anfangs kamen die Sträflinge noch ziemlich oft zu ihm, um ihn zu sehen
und den Hund auf ihn zu hetzen. Scharik stürzte voll Eifer auf ihn los,
wagte aber doch nicht, ihm gar zu nah zu kommen, was die Zuschauer nicht
wenig belustigte. „So ein Tier!“ sagten sie kopfschüttelnd, „will sich
doch nicht ergeben!“ Mit der Zeit aber wurde Scharik mutiger und dann
kränkte er ihn tief: die Angst verging immer mehr und bald hatte er es
sehr geschickt heraus, wenn er von den Sträflingen gehetzt wurde, den
Vogel am kranken Flügel zu fassen. Der Adler verteidigte sich nach
Möglichkeit mit dem Schnabel, und blickte wild und stolz wie ein
verwundeter König, in der Zaunecke verschanzt, auf seine neugierigen
Beobachter. Schließlich wurde er ihnen langweilig: alle vergaßen ihn,
doch fand ich zu meiner Verwunderung täglich ein frisches Stück rohes
Fleisch und eine Scherbe von einer zerschlagenen Schüssel mit frischem
Wasser. So mußte denn doch jemand für ihn sorgen. Anfangs wollte er
überhaupt nicht fressen, mehrere Tage hungerte er, bis er dann doch
Vernunft annahm und zu fressen begann, aber niemals fraß er etwas aus
unserer Hand, oder wenn jemand in der Nähe war. Ich habe ihn oft aus der
Ferne beobachtet: glaubte er sich ganz allein und unbeobachtet, so
entschloß er sich zuweilen, seine Ecke zu verlassen und humpelte dann am
Zaun entlang, vielleicht zwölf Schritt weit aus seiner Ecke, worauf er
wieder umkehrte und dann von neuem dieselbe Strecke zurücklegte,
augenscheinlich um sich Bewegung zu machen. Erblickte er mich, so
humpelte und hopste er so schnell er nur konnte in die Ecke, warf den
Kopf zurück, sperrte den Schnabel halb auf und bereitete sich mit
gesträubten Federn zum Kampfe vor. Er ließ sich durch nichts
besänftigen, keine Freundlichkeit, kein Streicheln half: er hackte und
schlug, nahm von mir keinen einzigen Bissen Rindfleisch aus der Hand,
und wenn ich vor ihm stand, sah er mir nur mit seinem bösen,
durchdringenden Blick aufmerksam in die Augen. Einsam und unnahbar
erwartete er seinen Tod, mit niemand vertraut, mit niemand versöhnt. Da
erinnerten sich die Sträflinge ganz plötzlich seiner, während sie in den
letzten zwei Monaten ihn gänzlich vergessen hatten: und plötzlich
empfand man Mitleid mit ihm. Man sprach davon, daß man ihn aus dem
Ostrogg hinausbringen müsse.
„Mag er krepieren, aber nur nicht im Ostrogg,“ sagten sie.
„Ja, nur nicht hier, er ist ein freier Vogel, der wird sich nicht an den
Ostrogg gewöhnen!“ meinten einige beipflichtend.
„Er ist doch sozusagen anders als wir,“ fügte noch einer hinzu.
„Noch was! – er ist ein Vogel und wir sind doch immerhin Menschen.“
„Der Adler, Brüder, ist der König der Wälder ...“ begann Skuratoff, doch
wollte man ihm diesmal nicht zuhören.
Und nach dem Mittagessen, als die Trommel wieder zur Arbeit rief, nahm
man den Adler, indem man ihm den Schnabel mit der Hand zuhielt, da er
wie besessen um sich hackte, und trug ihn hinaus aus dem Ostrogg. Man
kam bis zum Wall. Einige zwölf Mann, die zu diesem Trupp gehörten,
wollten neugierig sehen, wohin der Adler sich entfernen würde, und
seltsam – alle befanden sich in einer gewissermaßen zufriedenen
Stimmung, ganz als sollten sie selbst in die Freiheit entlassen werden.
„Sieh doch einer das Hundevieh: ich tue ihm Gutes, er aber beißt mich!“
sagte der Arrestant, der den Adler hielt, während er das böse Tier fast
mit Liebe betrachtete.
„Laß ihn los, Mikitka!“
„Der kann, wie man sieht, nicht hinter Schloß und Riegel leben. Dem muß
man Freiheit geben, wahrhaftige freie Freiheit!“
Man warf den Adler vom Wall in die Steppe hinab. Es war im Spätherbst,
an einem kalten und trüben Tage. Der Wind pfiff über die kahle Steppe
und rauschte im gelben, dürren Steppengras, dessen Büschel sich
knisternd bogen. Der Adler entfernte sich geradeaus, humpelnd und
springend, und schlug mit dem gesunden Flügel, während der kranke
nachschleifte – es war, als beeile er sich, so schnell als möglich von
uns fortzukommen.
Die Blicke der Sträflinge folgten ihm neugierig, solange sein Kopf noch
über dem Grase zu sehen war.
„Sieh mal an!“ sagte einer von ihnen gedankenvoll vor sich hin.
„Und sieht sich nicht einmal um!“ sagt ein anderer. „Kein einziges Mal,
Brüder, hat er sich umgesehen, er läuft nur!“
„Glaubtest du denn, daß er noch zurückkommen würde, um sich zu
bedanken?“ fragt ein dritter.
„Das ist so eine Sache mit der Freiheit: der hat sie jetzt gerochen.“
„Ja, das Freisein, wie man sagt.“
„Den werden wir nicht wiedersehen, Brüder ...“
„Was steht ihr da! Marsch, vorwärts!“ schrie in diesem Augenblick ein
Aufseher und trieb die Plaudernden fort.
VII.
Der Streik
Vor dem Beginn dieses Kapitels hält es der Herausgeber der
Aufzeichnungen des verstorbenen Alexander Petrowitsch Goräntschikoff für
seine Pflicht, den Lesern folgende Mitteilung zu machen.
Im ersten Kapitel der „Aufzeichnungen“: „Aus einem Totenhause“ ist unter
anderem auch von einem Vatermörder, einem der vier russischen Adligen,
die Rede. Der Verfasser stellt ihn als Beispiel dafür hin, mit welchem
Gleichmut die Sträflinge zuweilen von ihren Mordtaten erzählen konnten.
Es heißt dort ferner, daß dieser Vatermörder seine Schuld nicht
gestanden habe, daß aber nach den Erzählungen einiger Sträflinge aus
seiner Stadt, die alle Einzelheiten des Falles kannten, die Tatsachen
dermaßen überzeugend gewesen waren, daß man unmöglich an seiner
Täterschaft habe zweifeln können. Dieselben Leute hatten dem Verfasser
der „Aufzeichnungen“ erzählt, daß der Mörder ein zügelloses Leben
geführt, Schulden gemacht und seinen Vater nur um der Erbschaft willen
ermordet habe. Übrigens erzählte die ganze Stadt, in der er früher
gelebt hatte, die Geschichte seines Verbrechens durchaus
übereinstimmend, wovon der Verfasser aus zuverlässiger Quelle
unterrichtet ist. In jenem Kapitel der Aufzeichnungen ist noch gesagt,
daß der Mörder im Ostrogg sich beständig in der besten und heitersten
Gemütsstimmung befunden habe: daß er ein unvernünftiger, leichtsinniger,
verdrehter, aber durchaus kein dummer Mensch gewesen sei, und daß der
Verfasser niemals eine besondere Grausamkeit an ihm habe wahrnehmen
können. Zum Schluß jedoch sind noch die Worte hinzugefügt: „Zuerst
glaubte ich es nämlich nicht, daß er ihn ermordet habe.“
Nun hat der Herausgeber dieser „Aufzeichnungen“: „Aus einem Totenhause“
vor kurzem die Nachricht aus Sibirien erhalten, daß der junge Sträfling
tatsächlich unschuldig gewesen sei und zehn Jahre umsonst in der Kátorga
verbracht habe; seine Schuldlosigkeit soll vom Gericht offiziell
anerkannt worden sein, da man die wahren Schuldigen entdeckt habe und
sie ein volles Geständnis abgelegt hätten. Jedenfalls ist der
Unglückliche aus dem Ostrogg bereits entlassen. Der Herausgeber vermag
an der Richtigkeit dieser Nachricht nicht zu zweifeln ...
Es dürfte wohl weiter nichts hinzuzufügen sein. Was könnte man auch über
die ganze Tiefe der Tragik dieses unter so grauenvoller Anklage
vernichteten jungen Lebens sagen ... Es liegt ja alles auf der Hand und
spricht laut genug für sich selbst.
Auch glauben wir, daß, wenn eine solche Tatsache möglich gewesen ist,
diese Möglichkeit allein schon einen neuen und deutlich hervortretenden
Pinselstrich zur Vollendung und Charakteristik des Bildes vom Totenhause
darstellt.
Fahren wir jetzt fort.
* * * * *