gewesen. Alle Lomoffs hatten zusammengelebt, wie eine einzige Familie:
der alte Vater, seine drei Söhne und deren Onkel, gleichfalls ein
Lomoff. Sie waren reiche Bauern gewesen; man hatte im ganzen
Gouvernement davon gesprochen, daß sie an dreihunderttausend Rubel in
Papieren besaßen. Sie hatten Ackerbau getrieben, Felle bearbeitet,
gehandelt, doch die Haupteinnahme soll ihnen ihr Wuchergeschäft, ferner
das Verstecken und Verhehlen von gestohlenem Eigentum eingetragen haben.
Ungefähr die Hälfte der Bauern des ganzen Kreises schuldete ihnen und
war von ihnen abhängig. Sie waren als kluge und schlaue Leute bekannt,
schließlich aber wurden sie hochmütig, besonders nachdem eine daselbst
sehr angesehene, hochgestellte Persönlichkeit auf der Reise bei ihnen
abgestiegen, mit dem Alten persönlich bekannt geworden war und wegen
seines Scharfsinns und seines Verständnisses für Alles Gefallen an ihm
gefunden hatte. Da glaubten sie plötzlich, daß ihnen niemand mehr etwas
anhaben könne und wagten immer mehr in ihren verschiedenen,
gesetzwidrigen Unternehmungen. Alle murrten über sie und wünschten, daß
sie von ihrer Höhe herabstürzten, sie aber trugen ihre Nasen immer noch
höher. Kreisrichter und Assessoren wurden von ihnen bald überhaupt nicht
mehr angesehen. Endlich aber kam es doch zum Sturz, doch nicht wegen
ihrer heimlichen Gesetzwidrigkeiten, sondern wegen einer Sache, an der
sie völlig unschuldig waren. Zehn Werst von ihrem Dorf besaßen sie einen
großen Meierhof und dort lebten einmal im Herbst ihre sechs kirgisischen
Arbeiter, denen sie noch den Lohn schuldeten. In einer Nacht nun waren
alle sechs Kirgisen erdrosselt worden. Jetzt begann die Untersuchung,
die sich lange hinzog, und im Verlauf derselben wurden noch viele
schlimme Sachen aufgedeckt. Man klagte die Lomoffs der Ermordung ihrer
sechs Arbeiter an. So erzählten es die Lomoffs selbst und der ganze
Ostrogg wußte es schon. Es lag der Verdacht vor, daß sie ihren Arbeitern
eine gar zu große Summe schuldig gewesen waren: und bei ihrem Geiz und
ihrer Geldgier – zwei Dinge, die man ihnen trotz ihres großen Vermögens
mit Recht vorwerfen konnte – hätten sie die Kirgisen beseitigt, um den
Arbeitslohn zu sparen. Während ihrer Untersuchungshaft verloren sie ihr
ganzes Vermögen. Der Alte starb, die Söhne wurden verschickt. Der eine
Sohn und der Onkel waren auf zwölf Jahre in unseren Ostrogg gekommen.
Was aber stellte sich schließlich heraus? Sie waren am Tode der Kirgisen
vollkommen unschuldig. Hier bei uns nämlich gab es einen Gawrilka, einen
bekannten Spitzbuben und Landstreicher – er war ein gewandter, lustiger
Bursch –, der ruhig seine Täterschaft eingestand. Übrigens weiß ich
nicht, ob er es wirklich selbst einmal zugegeben, jedenfalls aber war
der ganze Ostrogg fest überzeugt, daß er die Kirgisen auf dem Gewissen
hatte. Gawrilka war bereits als Landstreicher auf die Lomoffs nicht gut
zu sprechen gewesen, und später war er nur auf kurze Zeit in den Ostrogg
gekommen, als entlaufener Soldat und Vagabund. Die sechs Kirgisen hatte
er in Gemeinschaft mit drei anderen Landstreichern umgebracht. Sie
hatten gehofft, auf dem Meierhof gut leben und viel rauben zu können.
Die Lomoffs wurden bei uns nicht geliebt; einen Grund hierfür vermag ich
nicht anzugeben. Der eine von ihnen war ein kluger junger Bursche mit
gutem Charakter, sein Onkel aber, der den Gawrilka mit dem Pfriem
gestochen hatte, war ein dummer und einfältiger Bauer. Er hatte schon
oft mit anderen Streit gehabt und man hatte ihn auch genug dafür
geprügelt. Gawrilka dagegen hatten alle wegen seines heiteren und
ausgeglichenen Charakters gern. Zwar wußten die Lomoffs, daß sie für
sein Verbrechen verurteilt waren, lebten aber trotzdem in Frieden mit
ihm. Freilich kamen sie nicht viel in Berührung miteinander. Gawrilka
aber beachtete sie gar nicht. Und da war es nun plötzlich zwischen ihm
und dem Onkel Lomoff wegen eines äußerst widerlichen Mädchens zu einem
Streit gekommen. Gawrilka hatte sich mit ihrer Gunst gebrüstet, der Alte
war eifersüchtig geworden und an einem wunderschönen Tage um die
Mittagszeit stach er ihn mit dem Pfriem.
Obschon die Lomoffs während des Prozesses ihr Vermögen verloren hatten,
lebten sie im Ostrogg doch als reiche Leute. Sie hatten offenbar Geld,
besaßen einen Ssamowar, tranken Tee. Unser Major wußte, daß sie Mittel
hatten, und haßte sie über alle Maßen. Es fiel allen auf, daß er ihnen
bei jeder Gelegenheit etwas anzuhaken suchte und sie gern auf einem
Vergehen ertappt hätte, was die Lomoffs damit erklärten, daß er von
ihnen Geld zur Beschwichtigung erwarte, sie aber ihm nichts gaben.
Hätte Lomoff den Pfriem tief hineingestoßen, so wäre Gawrilka gestorben,
so aber hatte er ihn nur leicht verletzt, es war nur eine kleine
Schramme zu sehen. Der Major wurde benachrichtigt. Ich entsinne mich
noch, wie erregt und sichtlich erfreut er angefahren kam. Er wandte sich
ungemein freundlich an Gawrilka, fast als wäre dieser sein leiblicher
Sohn gewesen.
„Nun, mein Lieber, kannst du dich noch zu Fuß ins Lazarett begeben, oder
geht’s nicht? Nein, nein, wir wollen lieber das Pferd anspannen lassen.
– Sofort das Pferd anspannen!“ schrie er voll Eifer dem Unteroffizier
zu.
„Aber ich, Euer Gnaden, ich fühle ja nichts. Er hat ja nur ein wenig
gekratzt, Euer Gnaden.“
„Das weißt du nicht, das kannst du selbst nicht beurteilen, mein Lieber,
du wirst schon sehen ... Es ist eine sehr gefährliche Stelle, und alles
hängt von der Stelle ab ... Gerade in das Herz hat er gestochen, der
Räuber! Dich aber, dich,“ brüllte er plötzlich wild den alten Lomoff an,
„dich habe ich jetzt endlich! ... Auf die Wache mit ihm!“
Und er rächte sich tatsächlich! Lomoff wurde, obgleich die Verletzung
nur eine ganz ungefährliche Stichwunde war, auf Grund der „bösen
Absicht“ zu längerer Zwangsarbeit und zu tausend Spießruten verurteilt.
Dem Major war das Urteil eine große Genugtuung.
Endlich traf der Revisor ein.
Am zweiten Tage nach seiner Ankunft in der Stadt – es war gerade ein
Feiertag – kam er auch zu uns in den Ostrogg. Schon mehrere Tage vorher
war bei uns alles reingewaschen und reingefegt worden, alle Sträflinge
waren frisch rasiert, alle staken in weißen, reinen Anzügen. Im Sommer
gingen vorschriftsmäßig alle in Leinwandjacken und ebensolchen
Beinkleidern. Auf dem Rücken eines jeden war ein schwarzer Kreis von
ungefähr zehn Zentimeter im Durchmesser eingenäht. Eine ganze Stunde
wurden die Sträflinge unterrichtet, wie sie zu antworten hatten, falls
der hohe Gast sie anreden sollte. Das Beigebrachte wurde solange
wiederholt, bis alle die Antwort auswendig kannten. Der Major war wie
besessen vor Aufregung. Eine Stunde vor dem Erscheinen des Generals
standen sämtliche Sträflinge wie Götzenbilder in einer Front und hielten
stramm die Hände an den Hosennähten. Endlich, um ein Uhr mittags,
erschien der General. Er war ein großes Tier und in Petersburg so
einflußreich, daß die Herzen aller Vorgesetzten in ganz West-Sibirien
bei seiner Ankunft erzittern mußten. Er trat mit strenger, ernster Miene
ein. Ihm folgte eine zahlreiche Suite, die zum größten Teil aus den
höheren Persönlichkeiten der Stadt, sowie mehreren Obersten und
Generälen bestand. Unter ihnen fiel besonders ein Herr in eleganter
Zivilkleidung auf, eine vorzügliche Erscheinung im Frack und in
Halbstiefeln, der gleichfalls aus Petersburg gekommen war und ein
ungewöhnlich sicheres, weltmännisches Auftreten hatte. Der General
wandte sich sehr oft und sehr höflich an ihn, was die Sträflinge ganz
besonders interessierte: ein Herr, der nicht Militär war, und dem wurde
solche Ehre erwiesen und noch dazu von einem solchen General! Späterhin
erfuhren sie auch seinen Familiennamen und wer er war, doch wurden
vorher unendlich viele Mutmaßungen über ihn geäußert. Unser Major, der
eingeschnürt, in orangegelbem Uniformkragen, mit roten Augen und
himbeerfarbenem, finnigem Gesicht wie ein Pfosten dastand, schien auf
den General keinen besonders angenehmen Eindruck zu machen. Aus
besonderer Ehrerbietung vor dem hohen Besuch trug er keine Brille. Er
stand etwas abseits, stand wie auf Draht gezogen, und schien mit seiner
ganzen Seele fieberhaft nur den einen Augenblick zu erwarten, in dem er
sich nützlich machen könnte, um dann den Wunsch Seiner Exzellenz in
einer Sekunde zu erfüllen. Leider aber kam man ohne ihn aus. Schweigend
schritt der General durch die Kasernen, warf auch einen Blick in die
Küche, und kostete sogar, wenn ich nicht irre, die Kohlsuppe. Da machte
man ihn auf mich aufmerksam: so und so, ein ehemaliger Adliger.
„Ah! Und wie führt er sich jetzt?“ erkundigte sich der General.
„Bisher befriedigend, Ew. Exzellenz,“ war die Antwort.
Der General nickte mit dem Kopfe, und nach zwei Minuten verließ er den
Ostrogg. Die Sträflinge waren natürlich völlig geblendet und verblüfft,
gleichzeitig aber doch auch nicht wenig enttäuscht: von einem „Ansprüche
zu erheben“, wie sie sagten, konnte selbstverständlich nicht die Rede
sein, was der Major auch schon im voraus gewußt zu haben schien.
VI.
Die Tiere unseres Ostrogg
Der Ankauf eines braunen Pferdes, das bei uns nach seiner Farbe nur
Gnjedko genannt wurde, beschäftigte und zerstreute die Sträflinge in
weit angenehmerer Weise als der hohe Besuch. Im Ostrogg wurde beständig
ein Pferd zum Wasserführen, zur Abfuhr des Unrats und zu verschiedenen
anderen Zwecken gehalten. Zur Wartung des Pferdes wurde ein Sträfling
bestimmt, der mit ihm fuhr und dies und jenes zu fahren hatte, natürlich
immer unter Eskorte – es gab genug Arbeit für beide. Unser Brauner hatte
schon sehr lange im Ostrogg gedient, war sonst ein gutes Tier, nur mit
den Jahren etwas alt und steif geworden. Und eines Morgens kurz vor dem
St. Petritage fiel unser Brauner, nachdem er kaum mit dem Wasservorrat
für den Abendbedarf angekommen war, vor seinem Wagen um und verschied
nach wenigen Minuten. Man beklagte ihn aufrichtig, alles versammelte
sich im Kreise um ihn, sprach hin und her, stritt sogar. Unsere
ehemaligen Kavalleristen, Zigeuner und sogenannten „Tierärzte“ legten
bei der Gelegenheit viel Kenntnisse in der Pferdebranche an den Tag, ja
sie schimpften sich sogar untereinander, doch der Braune machte deswegen
nicht Miene, von den Toten aufzuerstehen. Er war und blieb tot, lag auf
dem Sande mit geblähtem Leibe, auf den ein jeder mit dem Finger zu
tippen offenbar für seine Pflicht hielt. Dem Major wurde der
eingetroffene Beschluß Gottes gemeldet und er befahl sofort, daß ein
neues Pferd gekauft werde. Am St. Peterstage kamen bald nach dem
Frühgottesdienst, als im Ostrogg alle vollzählig versammelt waren, die
Händler mit ihren Pferden an, um sie anzubieten. Es versteht sich von
selbst, daß die Wahl den Sträflingen überlassen werden mußte. Bei uns
gab es gute Pferdekenner und so wäre es wohl schwer gewesen,
zweihundertundfünfzig Menschen, von denen sich die meisten viel mit
Pferden beschäftigt hatten, über das Ohr zu hauen. Da kamen nun
Pferdehändler, Kirgisen, Zigeuner, Bauern. Die Sträflinge erwarteten mit
Ungeduld das Erscheinen jedes neuen Pferdes. Sie waren lustig und guter
Dinge, wie Kinder, die sich über etwas freuen. Am meisten behagte ihnen,
daß sie, sie selbst, ganz als wären sie freie Herren, als kauften sie es
für _ihr_ Geld und _für sich_, nun das volle Recht hatten, das Pferd
nach _eigenem_ Gutdünken zu kaufen. Drei Pferde wurden hereingeführt und
wieder hinausgeführt, bis der Kauf schließlich beim vierten zustande
kam. Die eintretenden Pferdeverkäufer schauten sich bald mit einer
gewissen Verwunderung, aus der zuerst ein gelinder Schreck
hervorblitzte, und mit einer gewissen kleinlauten Schüchternheit um –
namentlich immer wieder nach den Wachen, die sie hereingeführt hatten.
Die zweihundertköpfige Schar einer solchen Räuberbande, jeder einzelne
mit zur Hälfte abrasiertem Schädel und die meisten mit gebrandmarktem
Gesicht, in Ketten eingeschmiedet, die bei jeder Bewegung klirren, dazu
noch bei sich zu Hause, in der eigenen Räuberhöhle, über deren Schwelle
kein Fremder treten durfte, – die erweckte in ihnen unwillkürlich einen
Respekt besonderer Art. Die Sträflinge aber überboten sich gegenseitig
in der Prüfung jedes vorgeführten Pferdes. Wohin schauten sie ihm nicht,
was befühlten sie nicht alles an ihm, und dabei taten sie es noch mit so
sachlichen, ernsten und besorgt interessierten Mienen, als wenn von
diesem Kauf das Wohlergehen des ganzen Ostrogg abhing. Die Tscherkessen
schwangen sich sogar auf jedes Pferd hinauf und saßen eine Weile
rittlings auf dem Tiere: ihre Augen blitzten und sie schwatzten lebhaft
in ihrer unverständlichen Sprache, wobei ihre weißen Zähne glänzten und
sie mit ihren braunen Köpfen und den Hakennasen nickten. Manch einer von
den Russen verfolgte ihr Gespräch mit einer Aufmerksamkeit, als wolle er
ihnen in die Augen springen. Da er die Worte nicht verstand, so wollte
er wenigstens am Ausdruck ihrer Augen erraten, was ihre Meinung war, ob
das Pferd etwas taugte oder nicht. Einem unbeteiligten Beobachter würde
eine so krampfhafte Neugier geradezu unbegreiflich erscheinen. Was ging
denn das schließlich diesen Sträfling an, sollte man meinen, nicht
selten sogar einen Sträfling, der vor einem anderen keinen Ton zu sagen
wagte, stets verschüchtert, still, gleichsam „verprügelt“ war. Ganz als
hätte er das Pferd für sich gekauft, als wäre es ihm tatsächlich nicht
gleichgültig gewesen, welches Pferd nun gekauft werden würde. Außer den
Tscherkessen zeichneten sich vor allen anderen die Zigeuner und
ehemaligen Pferdehändler durch ihre Kenntnisse aus: ihnen wurde auch das
erste Wort überlassen. Bei dieser Gelegenheit kam es sogar zu einer Art
von Zweikampf zwischen zwei „Kennern“: zwischen dem Sträfling Kulikoff,
der von Geburt halbwegs Zigeuner und in seinem Leben Pferdedieb und
-verkäufer gewesen war, und dem „Tierarzt“ Jolkin, einem schlauen
sibirischen Bauern, der erst seit kurzem im Ostrogg war, dennoch aber
dem Kulikoff die ganze Kundschaft in der Stadt abspenstig gemacht hatte.
Unsere „Tierärzte“ wurden nämlich in der ganzen Stadt sehr hochgeschätzt
und es wandten sich nicht nur Bauern und Kaufleute, sondern sogar die
höchsten Würdenträger an sie, sobald ihre Pferde erkrankten, obschon es
auch Veterinäre in der Stadt gab. Kulikoff hatte bis zur Ankunft Jolkins
keinen Konkurrenten gehabt, sich einer großen Praxis erfreut und viel
klingenden Dank erhalten. Er verstand es nach Zigeunerart vorzüglich,
die Leute zu beschwindeln und sie glauben zu machen, daß er viel mehr
wisse, als es in der Tat der Fall war. Dank seiner guten Einnahmen war
er ein Aristokrat unter uns Sträflingen, und schon lange war es ihm
gelungen, durch seine Gewandtheit und Klugheit, seine Kühnheit und
Entschlossenheit unwillkürlich die Achtung aller Ostroggbewohner zu
erwerben. Jedenfalls hörte man bei uns auf ihn und gehorchte ihm sogar.
Er sprach aber nur wenig: jedes seiner Worte war wie gesagt ein
Geschenk, das er nur in den wichtigsten Fällen gab. Sonst war er ein
ausgesprochener Geck, doch besaß er nicht wenig echte, unverfälschte
Energie, und war zwar nicht mehr jung, dafür aber sehr hübsch und sehr
klug. Mit uns Adligen verkehrte er auffallend höflich, mit einer
Höflichkeit, die sogar eine gewisse Schulung besaß, und dabei doch mit
ungewöhnlicher Wahrung der eigenen Würde. Ich glaube sogar, hätte man
ihn elegant angekleidet und unter dem Namen irgend eines Grafen in einen
vornehmen Residenzklub eingeführt, so würde er sich auch hier
zurechtgefunden haben, er hätte eine Partie Whist gespielt, hätte sich
vorzüglich unterhalten, nicht viel, aber ernst und durchdacht
gesprochen, was jedem seiner Worte ein gewisses Gewicht verlieh, und
wahrscheinlich würde man während des ganzen Abends nicht erraten haben,
daß er kein Graf, sondern ein Landstreicher war. Ich sage das in vollem
Ernst: so klug, so scharfsinnig und gewandt war er in seinen
Kombinationen. Zudem hatte er vorzügliche, wirklich tadellose Manieren.
Offenbar hatte er viel in seinem Leben gesehen. Übrigens war seine
Vergangenheit allen unbekannt; bei uns gehörte er zur besonderen
Abteilung. Mit der Ankunft Jolkins aber, der zwar nur ein Bauer, dafür
aber der schlaueste in seiner Art war, ein Altgläubiger von etwa fünfzig
Jahren, ging es mit dem Ruhm Kulikoffs als Tierarzt merklich zurück und
bald war er fast gänzlich in den Schatten gestellt: in kaum zwei Monaten
hatte ihm Jolkin seine ganze Praxis in der Stadt abspenstig gemacht. Er
heilte und sogar mit Leichtigkeit selbst solche Pferde, die Kulikoff
schon vor langer Zeit als unheilbar aufgegeben hatte, ja sogar solche,
die von den städtischen Tierärzten, den studierten, als unrettbar
verloren hingestellt waren. Dieser Bauer war zusammen mit anderen wegen
Falschmünzerei in den Ostrogg gekommen. Weiß Gott, was ihn geplagt
hatte, sich in seinen alten Tagen noch auf so etwas einzulassen! Einmal
erzählte er uns lachend, wie bei ihnen aus drei echten Goldmünzen nur
eine einzige falsche entstanden sei, – ein etwas unvorteilhaftes
Ergebnis ihrer Experimente. Kulikoff nun fühlte sich nicht wenig
gekränkt durch die Erfolge des anderen, namentlich da sein Ruhm auch
unter den Sträflingen merklich zurückging. Er unterhielt eine Geliebte
in der Vorstadt, ging in einer faltigen Bluse, trug einen silbernen
Fingerring und einen Ohrring, sowie eigene Stiefel mit farbiger
Einfassung, und nun mußte er wegen mangelnder Einkünfte
Branntweinhändler im Ostrogg werden. So erwarteten denn alle, daß es
jetzt bei Gelegenheit des Pferdekaufes zwischen den beiden Feinden noch
zu einer Schlägerei kommen würde. Man beobachtete sie neugierig: ein
jeder von ihnen hatte seine Partei und die Führer derselben waren schon
aufgeregt und begannen bereits, die ersten Schimpfwörter zu wechseln.
Jolkin selbst hatte sein schlaues Gesicht zum sarkastischen Lächeln
verzogen. Doch siehe, es kam anders: Kulikoff fiel es nicht ein, zu
schimpfen, er rächte sich auch ohne Geschimpf meisterhaft. Er begann mit
ruhigem, fast respektvollem Anhören der kritischen Meinungsäußerungen
seines Gegners, bis er ihn plötzlich auf einer einzigen falschen
Bemerkung ertappte und ihn sofort in höflichem, aber bestimmtem Tone
darauf aufmerksam machte, daß er sich irre, und noch bevor Jolkin sich
besinnen und seine Worte zurücknehmen konnte, erklärte er ruhig, daß der
Irrtum gerade in dem und dem bestände. Kurz, Jolkin war höchst
unerwartet und sehr geschickt in allen Punkten geschlagen, und wenn er
auch schließlich immer noch der bessere Kenner blieb, so war doch auch
die Partei Kulikoffs durchaus befriedigt.
„Nein, Kinder, den schlägt man nicht so leicht, der steht seinen Mann!
Den wirft man nicht um!“ meinten die einen.
„Jolkin weiß aber mehr!“ meinten die anderen, doch waren sie plötzlich
ganz friedlich gesinnt. Überhaupt redeten beide Parteien mit einem Mal
in sehr nachgiebigem Tone.
„Nicht daß er gerade mehr weiß, er hat nur eine glücklichere Hand. In
der Viehbehandlung aber, da braucht auch Kulikoff nicht den Mut zu
verlieren!“
„Nein, da braucht auch Kulikoff nicht den Mut zu verlieren!“
„Ja, das ist wahr: da braucht auch Kulikoff nicht den Mut zu verlieren!
...“
Endlich hatte man sich für ein neues Pferd entschieden. Es war ein
junges, hübsches, kräftiges Tier von brauner Farbe mit einem lieben,
lustigen Gesichtsausdruck, wenn man so sagen darf. Selbstverständlich
war es in jeder Beziehung tadellos. Nachdem alles festgestellt war,
begann man zu handeln: man forderte dreißig Rubel, die Sträflinge boten
fünfundzwanzig. Man redete lange hin und her, man legte zu, und man ließ
ab, bis ihnen das Handeln selbst lächerlich wurde.
„Wirst du denn aus deinem Beutel bezahlen?“ fragten die einen, „wozu
handelst du dann?“
„Sollen wir denn noch den Vorgesetzten zu sparen helfen?“ schrien
andere.
„Aber, Brüder, es ist doch immer sozusagen für uns verausgabtes Geld
...“
„Für uns! Da sieht man, Freund, daß die Dummheit nicht gesät wird,
sondern von selber auf die Welt kommt ...“
Schließlich wurde das Pferd für achtundzwanzig Rubel gekauft, der Major
wurde benachrichtigt und das Geld ausgezahlt. Natürlich brachte man
sogleich Salz und Brot und der neue Braune hielt nach allen Ehrungen
seinen Einzug in den Ostrogg. Ich glaube, es gab keinen einzigen
Sträfling, der ihm bei dieser Gelegenheit nicht den Hals geklopft oder
das Maul gestreichelt hätte. Noch am selben Tage wurde der Braune
angeschirrt, um das Wasser herbeizuschleppen, und alles wartete und sah
interessiert zu, wie der neue Braune seine Tonne ziehen würde. Unser
Wasserführer Roman betrachtete sein neues Pferd mit ungemein behaglicher
Zufriedenheit. Er war ein gesetzter Mann von fünfzig Jahren, schweigsam
und von rechtschaffenem Charakter. Überhaupt sind alle russischen
Kutscher sehr gesetzt und schweigsam, als ob es tatsächlich wahr wäre,
daß der beständige Umgang mit Pferden dem Menschen eine gewisse Ruhe und
sogar Vornehmheit verleihe.
Unser Roman war still, freundlich gegen jedermann, schnupfte Tabak und
war schon seit undenklichen Zeiten zum „Pferdedienst“ bestimmt. Der
neugekaufte Braune war bereits das dritte Pferd, und bei uns waren alle
der Meinung, daß die braune Farbe gut zum Ostrogg passe, was auch von
Roman bestätigt wurde. Ein scheckiges Pferd zum Beispiel hätte man unter
keinen Umständen gekauft. Das Wasserführen blieb ewig Roman zugewiesen,
ganz als hätte er darauf ein Recht gehabt, das kein einziger von uns ihm
streitig zu machen gedachte. Als der alte Gnjedko verschied, fiel es
nicht einmal dem Major ein, Roman einen Vorwurf zu machen, ihm eine
Schuld daran beizumessen: das war Gottes Wille und weiter nichts, Roman
aber war ein guter Kutscher. Der neue Gnjedko war bald der Liebling des
ganzen Ostrogg. Die Sträflinge sind sonst ein rüdes Volk, doch zum
Pferde traten sie sehr oft, um es zu streicheln und ihm den Hals zu
klopfen. Zuweilen wenn Roman nach der Rückkehr vom Fluß das Tor schloß,
das ihm vom Unteroffizier aufgemacht wurde, stand Gnjedko solange mit
seiner Wassertonne, wartete auf ihn und sah ihn von der Seite an.
„Geh allein!“ rief ihm dann Roman bisweilen zu – und Gnjedko zog seine
Tonne sofort weiter, zog sie bis zur Küche und blieb dort stehen, um die
„Köchinnen“ und die Sträflinge, die in die Kasernen das Wasser zu tragen
hatten – zu erwarten.
„Bravo, Gnjedko!“ rief man ihm zu, „bist ganz allein gekommen! ...
Verstehst zu gehorchen!“
„Ja, es ist schon wahr, das muß man sagen: ist doch nur ein Vieh,
versteht aber, was man spricht!“
„Das hast du brav gemacht, Gnjedko!“
Und Gnjedko nickt mit dem Kopf und schnauft, ganz als begreife er
wirklich, was man sagt, und als freue er sich über das Lob. Dann bringt
ihm unfehlbar jemand ein Stück Brot mit Salz aus der Küche: Gnjedko
frißt es auf und nickt wieder mit dem Kopfe, als wolle er sagen: „Ich
kenne dich, jawohl, und ich bin ein liebes Pferdchen und du bist ein
guter Mensch!“
Auch ich gab gern unserem Gnjedko ein Stück Brot: es war so angenehm,
seine hübsche Schnauze zu betrachten und seine weichen, warmen Lippen
auf der Handfläche zu fühlen, die geschäftig die Gabe aufsammelten.
Im allgemeinen kann man sagen, daß unsere Sträflinge Tiere sehr gern
hatten, und wenn es nur erlaubt gewesen wäre, so hätten sie sicherlich
eine ganze Menagerie im Ostrogg gegründet, und alle Haustiere und alle
Geflügelsorten eingeführt. Und was könnte wohl den rohen Charakter der
Arrestanten leichter erweichen und veredeln, als ein solcher Umgang mit
Tieren? Doch es war nicht gestattet, Tiere im Ostrogg zu halten: weder
unsere Gefängnisordnung noch der Raum hätten es erlaubt.
Dennoch gab es während meiner ganzen Strafzeit beständig einige Tiere im
Ostrogg: außer dem Braunen waren bei uns noch Hunde, Gänse, der
Ziegenbock Wasjka und eine Zeitlang sogar ein Adler.