Jetzt stand ich selbst auf diesem Platze, ja nicht einmal auf diesem!

Wir waren gefesselt und gebrandmarkt, uns mieden alle, und man fürchtete

uns sogar. Jedesmal gab man uns Almosen, und ich weiß noch, wie mir das

sogar gewissermaßen angenehm war, es lag eine gewisse verfeinerte, ganz

besondere Empfindung in diesem eigenartigen Freudegefühl. „Mag es nur,

mag es denn sein, wenn es einmal so ist!“ dachte ich. Die Sträflinge

beteten andächtig und ein jeder von ihnen brachte jedesmal seine

armselige Kopeke mit, sei es für ein Licht oder sei es für die

Sammelbüchse. „Auch ich bin doch ein Mensch,“ dachte oder fühlte er

vielleicht, wenn er seine kleine Münze hineinwarf, – „vor Gott sind alle

gleich ...“ Das Abendmahl nahmen wir nach dem Frühgottesdienst. Als der

Geistliche mit dem Kelch in der Hand die Worte sprach: „... und nimm

mich auf wie den sündigen Verbrecher,“ – da knieten alle mit einemmal

nieder, während die Ketten aufklirrten, denn ein jeder schien die Worte

buchstäblich auf sich zu beziehen.

Und dann kam die heilige Osterwoche. Wir erhielten jeder ein Ei und ein

Stück Weizenbrot. Aus der Stadt wurden wieder reiche Gaben geschickt.

Wieder kam der Geistliche mit dem Kreuz, wieder erschienen die höchsten

Vorgesetzten, wieder gab es fette Kohlsuppe und nachher Schlemmerei und

Trunkenheit, ganz genau so wie am Weihnachtsfeste, nur mit dem einen

Unterschied, daß man jetzt bereits auf dem Hof spazieren und sich im

Sonnenschein wärmen konnte. Es war heller, freier, als im Winter,

gleichzeitig aber auch wehmütiger. Wenn die Sehnsucht nur nicht so

gequält hätte! Der lange, endlose Sommertag wurde als Feiertag noch ganz

besonders lang und unerträglich. An den Werktagen wurde die Zeit doch

wenigstens durch die Arbeit verkürzt.

Die Sommerarbeiten waren allerdings viel schwerer als die

Winterarbeiten. Wir waren größtenteils bei den Militärbauten

beschäftigt. Die Sträflinge bauten, gruben, mauerten; andere wiederum

erhielten die Schlosser-, Tischler- und Malerarbeiten zugewiesen, oder

was sonst bei den Aufbesserungsarbeiten erforderlich war. Wieder andere

gingen in die Ziegelbrennerei, um Ziegel zu formen. Diese letztere

Arbeit wurde bei uns für die schwerste gehalten. Die Ziegelei lag von

der Festung drei bis vier Werst entfernt. Im Sommer begab sich täglich

ein Trupp von nahe fünfzig Mann schon um sechs Uhr morgens dorthin. Zu

dieser Arbeit wurden die sogenannten „Schwarzarbeiter“ bestimmt, d. h.

die Nichthandwerker, die nicht in den Werkstätten beschäftigt waren. Sie

nahmen ihr Brot mit, da sie wegen der größeren Entfernung zum

Mittagessen nicht in den Ostrogg zurückkehrten, was einen Marsch von

acht Werst erforderte, und so erhielten sie ihr Mittagessen erst am

Abend. Die Aufgaben aber wurden für den ganzen Tag gegeben, und zwar

waren sie gewöhnlich so groß, daß der Arbeiter kaum mit ihnen fertig

werden konnte, selbst wenn er ununterbrochen arbeitete. Zuerst mußte man

den Lehm graben und aus der Grube herauskarren, dann mußte das Wasser

herangeschleppt, der Lehm getreten werden, und dann hatte ein

jeder, wenn ich nicht irre, noch ganze zweihundert oder gar

zweihundertundfünfzig Ziegel zu formen. Ich bin im Ganzen nur zweimal in

der Ziegelei gewesen. Die Ziegler kehrten erst am Abend zurück, müde,

abgequält, und den ganzen Sommer warfen sie den anderen vor, daß sie die

schwerste Arbeit hatten. Das schien noch ihr Trost zu sein und sie

einigermaßen zu beruhigen. Nichtsdestoweniger gingen viele ganz gern

dorthin: die Ziegelei lag hinter der Stadt, dicht am Irtysch, man konnte

freie Landschaft sehen, Wälder und Menschen. Es war dort doch immerhin

freundlicher, freier, – nicht ewig Festung und Beamte! Man konnte sogar

freier rauchen und schließlich auch ein halbes Stündchen liegen und sich

erholen. Ich aber wurde nach wie vor in die Werkstätten geschickt, oder

zur Alabasterhütte, oder man brauchte mich als Ziegelträger bei den

Bauten. Einmal mußten wir die Ziegel vom Ufer des Irtysch bis zu einer

Kaserne, die neu aufgebaut wurde, etwa siebzig Faden weit und dann noch

über den Festungswall schleppen, und diese Arbeit dauerte ununterbrochen

zwei ganze Monate. Mir aber gefiel sie, obgleich die fingerdicke Schnur,

mit der man die Steine trug, mir immer die Schultern wund rieb. Aber

trotzdem gefiel sie mir, denn ich fühlte, wie meine Kräfte sich

entwickelten. Zuerst konnte ich kaum acht Ziegel tragen, von denen jeder

bis zwölf Pfund wog, zuguterletzt aber trug ich zwölf bis fünfzehn

Ziegel, und das freute mich nicht wenig. In der Kátorga bedurfte man der

physischen Kraft nicht weniger als der moralischen, um alle materiellen

Unannehmlichkeiten dieses Lebens ertragen zu können.

Und ich wollte doch auch _nach_ dem Ostrogg noch leben ...

Übrigens schleppte ich die Ziegel nicht nur aus dem Grunde gern, weil

ich dadurch meinen Körper stärkte, sondern auch noch deshalb, weil man

dann an das Ufer des Irtysch kam. Ich komme so oft auf dieses Ufer zu

sprechen, weil wir einzig von ihm aus die freie Welt Gottes sehen

konnten, die reine, klare Ferne, die sauberen, freien Steppen, die durch

ihre Öde einen eigentümlichen Eindruck auf mich machten. Am Flußufer

brauchte man nur den Rücken zur Festung zu kehren, und man sah sie nicht

mehr, man konnte sie gänzlich vergessen. Alle übrigen Arbeitsplätze

lagen dagegen in der Festung oder in ihrer nächsten Nähe. Ich aber haßte

diese Festung schon vom ersten Tage an und besonders einige Gebäude. Das

Haus unseres Platzmajors schien mir geradezu verflucht und ekelhaft, und

jedesmal überkam mich wilder Haß, wenn ich an ihm vorüberging. Am

Flußufer aber konnte man die ganze Gegenwart vergessen: da bleibt man

denn zuweilen stehen und schaut in die unermeßliche Weite, und Gefühle

bewegen die Brust, wie sie nur ein Gefangener empfinden kann, der durch

das vergitterte Fenster seiner Zelle in die Freiheit hinausschaut. Hier

war mir alles teuer und lieb: die helle heiße Sonne am bodenlosen blauen

Himmel, das ferne Lied eines Kirgisen, das vom kirgisischen Ufer

herübertönt. Da sieht man dann wohl schärfer hin, bis man endlich ein

kleines, verräuchertes Nomadenzelt entdeckt, aus dem ein dünner, kaum

wahrnehmbarer Rauch emporsteigt, und neben ihm eine Kirgisin, die dort

bei ihren zwei Schafen arbeitet. Alles ist arm und wild, aber es ist

frei! Oder man erblickt einen Vogel in der blauen, klaren Luft und

lange, lange folgt mein Blick seinem Fluge: da fliegt er niedrig über

dem Wasser, da – ein paar stärkere Flügelschläge, und er schwingt sich

empor, hoch in die Luft, bald sieht man ihn nur noch wie einen Punkt am

blauen Himmel, bald verschwindet er ganz, dann ist er wieder wie ein

Punkt im Blau ... Selbst die armselige, verkümmerte Feldblume, die ich

an einem Frühlingstage in einem Spalt des steinigten Ufers fand, selbst

die erregte in fast krankhafter Weise meine Aufmerksamkeit. Die Qual des

ganzen ersten Jahres meiner Kátorga war unerträglich und wirkte

aufreibend auf Geist und Körper, – sie war zu bitter. So kam es denn

auch, daß ich in diesem ersten Jahr infolge der eigenen Schmerzen vieles

nicht wahrnahm, was um mich herum war. Ich schloß die Augen und wollte

mich nicht hineinsehen in die Dinge. Daher bemerkte ich auch unter den

bösen, gehässigen Arbeitsgenossen nicht die guten Menschen, – Menschen,

die sogar fähig waren, zu denken und zu fühlen, trotz der ganzen

abstoßenden Schale, die ihr Inneres verbarg. Unter all den boshaften

Bemerkungen überhörte ich ganz die freundlichen und guten Worte, die um

so wertvoller waren, als hier ohne alle äußeren Rücksichten gesprochen

wurde, und nicht selten direkt aus der Seele heraus, – aus einer Seele,

die vielleicht viel mehr als ich gelitten und durchgemacht hatte. Doch

wozu sich darüber so ausführlich verbreiten.

Es freute mich sehr, wenn die Arbeit mich recht müde machte: dann konnte

ich hoffen, am Abend bald einzuschlafen. Das Schlafen war im Sommer eine

wahre Qual, fast noch schlimmer, als im Winter. Die Abende waren

zuweilen wundervoll. Die Sonne, die den ganzen Tag grell auf den

Ostrogghof schien, ging dann endlich unter. Es kam die Abendkühle und

bald darauf die – im Verhältnis zum Tage – fast kalte Steppennacht. Die

Arrestanten gingen gewöhnlich, bevor sie eingeschlossen wurden, in

großen Scharen auf dem Hof umher. Die meisten wurden allerdings von der

Küche angezogen. Dort gibt es immer eine besondere, höchst aktuelle

Ostroggfrage zu besprechen, da wird über dies und jenes

diskutiert, nicht selten wird ein vages Gerücht kritisch auf seine

Wahrheitsmöglichkeit hin untersucht, wenn es auch nicht selten die

größte Ungereimtheit ist, doch nichtsdestoweniger erregt sie mächtig das

Interesse dieser von der Welt abgeschiedenen Menschen. So zum Beispiel

verbreitete sich einmal das Gerücht, daß unser Platzmajor abgesetzt

werden würde. Die Sträflinge sind natürlich leichtgläubig wie Kinder.

Sie wissen ja alle, daß die Nachricht völlig aus der Luft gegriffen, daß

sie von einem bekannten Schwätzer und „unsinnigen“ Menschen verbreitet

worden ist, – von dem Sträfling Kwassoff, dem nie mehr zu glauben man

schon nach längst gefaßtem Beschluß sich vorgenommen hat, da er außer

Lügen überhaupt nichts zu sprechen versteht. Doch ungeachtet aller guten

Vorsätze, ist doch ein jeder ganz Ohr, man spricht hin und her, meint

dieses und jenes, schmückt die Sache noch aus, – kurz, man ist damit

beschäftigt, und es endet damit, daß alle sich über sich selbst ärgern,

denn im Grunde schämt man sich, daß man dem Kwassoff doch wieder

geglaubt hat.

„Wer wird denn den fortjagen!“ meint einer, „der hat einen festen

Nacken, wird schon standhalten!“

„Als ob er nicht auch Vorgesetzte hat, die über ihm stehen!“ mischt sich

ein anderer ein, ein hitziger und nicht dummer Bursche, der in der Welt

schon etwas gesehen hat, dabei aber streitsüchtig ist, wie selten einer.

„Ein Rabe wird dem anderen nicht die Augen aushacken!“ bemerkt mürrisch,

gleichsam nur für sich, ein dritter, ein älterer, bereits ergrauter

Mann, der einsam in der Ecke seine Kohlsuppe löffelt.

„Und diese Vorgesetzten werden gerade kommen, um dich um Rat zu fragen,

ob sie ihn absetzen sollen oder nicht?“ fragt gleichmütig ein vierter

den zweiten, während er leicht mit den Fingerspitzen über die Saiten

seiner Balalaika fährt.

„Und warum sollten sie mich denn nicht fragen?“ greift hitzig der zweite

auf, „das heißt doch soviel, daß wir alle darum bitten, nur müssen dann

auch alle das Maul auftun, wenn man uns zu fragen beginnt. Gewöhnlich

wird aber bei uns nur vorher geschrien, und wenn es dann zur Tat kommt,

dann hat keiner einen Ton!“

„Was erwartest du denn eigentlich?“ fragt der Balalaikaspieler. „Dafür

sind wir hier in der Kátorga.“

„Vor kurzem aber,“ fährt der Streitsüchtige fort, ohne auf den anderen

zu hören, „vor kurzem war noch beim Brotbacken etwas Mehl nachgeblieben,

man kratzte noch alles zusammen, was hier und da verstreut war, und

schickte es fort zum Verkauf. Aber nein! Er erfuhr es, der Markthelfer

hatte es erfahren, ihm sofort hinterbracht, und das Mehl wurde

weggenommen! Das ist nun Ökonomie, wie man sagt. Ist es aber auch

Gerechtigkeit?“

„Aber bei wem willst du dich denn beklagen?“

„Bei wem? Beim Levisor selber, der da kommt!“ – Im Ostrogg sagte man

allgemein Levisor statt Revisor.

„Was für einen Levisor?“

„Ja, das ist wahr, ich habe es auch gehört, daß ein Levisor kommt,“

bemerkte ein junger aufgeweckter Bursche, der einmal „die Herzogin von

Lavallière“ oder so etwas Ähnliches gelesen hatte und früher Schreiber

gewesen war. Er ist stets heiter und ein echter Spaßvogel, und wird vor

allem wegen seiner Kenntnisse geachtet. Ohne das allgemein lebhaft

erweckte Interesse für den verheißenen Revisor auch nur im Geringsten zu

beachten, geht er seelenruhig zur Köchin, oder vielmehr zum Koch, und

sagt ihm, er möge ihm ein Stück Leber geben. Unsere Köchinnen handelten

oft mit solchen Sachen. Sie kauften für ihr Geld ein großes Stück

Fleisch oder Leber, brieten es regelrecht und verkauften es dann den

Sträflingen in kleinen Stücken.

„Für zwei oder vier Kopeken?“ fragt die Köchin.

„Schneid mal für vier: mögen einen die Leute beneiden,“ antwortet der

junge Sträfling. „Ja, was ich sagen wollte ... es kommt nämlich wirklich

ein General aus Petersburg hergefahren, der ganz Sibirien besichtigen

wird. Das ist wahr. Man sprach davon beim Kommandeur in der Vorstube,

habe selbst gehört.“

Die Nachricht verursachte ungeheuere Aufregung. Wohl eine Viertelstunde

dauert das Fragen an: wer das, was für ein General, welchen Ranges, ob

er über dem hiesigen stehe? Überhaupt sprechen die Sträflinge mit

besonderer Vorliebe über die verschiedenen Rangstufen der Vorgesetzten:

wer von ihnen der höhere ist, wer dem anderen befehlen kann, und wem er

selbst gehorchen muß, ja sie streiten sogar und beschimpfen sich

gegenseitig wegen irgend eines Generals, und viel fehlt nicht, so würden

sie sich noch seinetwegen prügeln. Man fragt sich wohl verwundert, was

sie davon haben? Nun, die Sache ist die, daß nach der Kenntnis von

Generälen und überhaupt der höheren Vorgesetzten der Bildungs- und

Verstandsgrad, sowie die ganze Bedeutung und Stellung des Menschen in

seinem früheren Leben, bevor er in den Ostrogg kam, beurteilt wird.

Tatsächlich werden im Ostrogg Gespräche über die höheren Vorgesetzten

für die vornehmste und bedeutendste Unterhaltung angesehen.

„Da seht ihr jetzt, Brüder, daß ich euch die wahrste Wahrheit gesagt

habe, daß man hergefahren kommt, um unseren Platzmajor zu wirbeln!“

triumphiert Kwassoff, ein kleines, rotwangiges, lebhaftes und äußerst

unverständiges Kerlchen.

„Der wird ihn schon mit Schmiergeldern weich schmieren, da sei du

unbesorgt!“ meint der mürrische alte Sträfling, der inzwischen seine

Kohlsuppe verzehrt hat.

„Na, versteht sich!“ meint ein anderer. „Als ob der hier wenig Geld

zusammengeräubert hätte! Als ich herkam, war er erst noch

Bataillonschef. Und vor kurzem wollte er ja noch die Tochter des Popen

heiraten.“

„Aber er hat sie doch nicht geheiratet: man hat ihn einfach vor die Tür

gesetzt – zu arm. Und was ist er denn für ein Bräutigam! Zu Ostern hat

er alles verspielt. Fedjka erzählte es selbst.“

„Ja, der Junge ist zwar kein Verschwender, aber das Geld wird doch nicht

warm bei ihm.“

„Ach, Bruder, auch ich war mal verheiratet. Schlimm genug ist es für

einen Armen, zu heiraten: eh du dich dessen versiehst, ist die Nacht

vergangen!“ mischt sich nun auch Skuratoff ein, der bis dahin nur

zugehört hat.

„Glaub’s schon! Von dir ist ja hier gerade die Rede,“ bemerkte der

lustige Bursch, der früher Schreiber gewesen war. „Du aber, Kwassoff,

bist ein großer Dummkopf, das laß dir gesagt sein. Glaubst du denn

wirklich, daß unser Major einen solchen General bestechen könnte, und

daß ein General extra deswegen herkommen wird, um unseren Major zu

wirbeln? Dumm bist du, mein Lieber.“

„Wieso? Glaubst du, daß ein General nicht mehr nimmt?“ fragt skeptisch

jemand aus der Gruppe.

„Selbstverständlich nimmt er nicht, wenn er aber nimmt, dann nimmt er

nicht wenig.“

„Na natürlich nicht wenig! Immer dem Rang gemäß.“

„Ein General nimmt immer!“ behauptet Kwassoff entschieden.

„Hast du ihm denn schon einmal was gegeben?“ fragt verächtlich der

soeben eingetretene Bakluschin. „Du hast wohl höchstwahrscheinlich einen

General überhaupt noch nicht gesehen!“

„Doch! Gewiß habe ich gesehen!“

„Das lügst du natürlich.“

„Du lügst selber.“

„Kinder, wenn er einen gesehen hat, so soll er sofort sagen, welch einen

General er gesehen hat! Nun, sag mal jetzt, denn ich kenne alle

Generäle.“

„Ich habe den General Siebert gesehen,“ antwortet Kwassoff etwas

unsicher.

„Siebert? Einen solchen General gibt es überhaupt nicht. Den hast du

wohl nur einmal von hinten gesehen, diesen Siebert, als er vielleicht

erst Oberstleutnant war, und da schien dir vor Schreck, daß es ein

General wäre.“

„Nein, ihr, hört mich an,“ schreit Skuratoff dazwischen, „denn seht, ich

bin doch ein verheirateter Mensch. Es gab nämlich wirklich solch einen

General in Moskau, Siebert, einer von den Deutschen, aber von russischer

Mutter. Der ging jedes Jahr zum russischen Popen, um seine Sünden

bezüglich der Damen zu beichten, und immer, wißt ihr, trank er Wasser,

ganz wie eine Ente. Jeden Herrgottstag vierzig Glas echtes Moskauer

Flußwasser soff er aus. Man sagte, daß er sich durch Wasser von irgend

einer Krankheit da kurierte. Sein Kammerdiener hat es mir selbst

erzählt.“

„Der hat dann wohl im Magen Karauschen in Flußwasser gezüchtet?“ meint

der Sträfling mit der Balalaika.

„Na, hört jetzt auf! Hier handelt es sich um eine ernste Sache, ihr aber

... Was ist denn das für ein Levisor, Brüder?“ fragt besorgt Martynoff,

ein alter, stets sehr beschäftigter Arrestant, – ein ehemaliger Husar.

„Weiß Gott, die Bande kann mal was zusammenlügen!“ meint ein alter

Skeptiker. „Und woher sie alles das nur nehmen, und was sie daraus

herausdrehen! Daß sie das gar nicht müde macht! – dieser ewige Unsinn!“

„Nein, diesmal ist es kein Unsinn,“ sagt dogmatisch ein gewisser

Kulikoff, der bis dahin geschwiegen hat. Er ist ein gewichtiger Mann von

nahezu fünfzig Jahren, mit einem auffallend wohlgeformten Gesicht und

einem gewissermaßen verächtlich erhabenen Auftreten, dessen er sich

vollkommen bewußt und auf das er sogar stolz ist. Er hat zum Teil

Zigeunerblut in den Adern, ist „Tierarzt“ und verdient sich als solcher

in der Stadt gutes Geld. Im Ostrogg handelt er mit Branntwein. Er ist

ein kluger Kopf und hat viel gesehen. Jedes Wort spricht er, als würde

er damit etwas Großes verschenken.

„Es ist wirklich wahr,“ fährt er ruhig fort, „ich habe es schon in der

vorigen Woche gehört: ein General kommt her, einer der höchsten, und

wird ganz Sibirien besichtigen. Gewiß wird man auch ihn bestechen, nur

wird es nicht unser Achtäugiger tun: der darf überhaupt nicht wagen, ihm

viel unter die Augen zu kommen. Aber auch zwischen General und General

ist ein Unterschied. Es gibt ihrer sehr verschiedene. Nur sage ich euch,

daß unser Major jedenfalls auf seinem Platz bleiben wird. Das ist

sicher. Wir sind ein stummgemachtes Volk und von den Vorgesetzten kann

man annehmen, daß der eine nicht den anderen angeben wird. Der Revisor

wird nur einen Blick in den Ostrogg werfen und später melden, daß alles

sehr gut gewesen sei ...“

„Das kann schon wahr sein, Brüder, denn der Major scheint Angst gekriegt

zu haben, ist seit dem Morgen besoffen.“

„Und am Abend kommt die zweite Fuhre. Fedjka sagte so vorhin.“

„Einen Mohr wirst du nicht weiß waschen. Ist es denn das erstemal, daß

er besoffen ist?“

„Nein, aber ... was soll denn das heißen, wenn auch der General nichts

kann!“ – „Nein, das müßte doch endlich aufhören, daß man ewig ihre

Dummheiten mitmacht!“ hört man die Sträflinge erregt untereinander

sprechen.

Die Nachricht von dem Revisor verbreitet sich mit Blitzesschnelle im

ganzen Ostrogg. Der Hof wimmelt von Menschen, die erregt einander die

Neuigkeit mitteilen. Andere wiederum schweigen absichtlich und bewahren

ihre Kaltblütigkeit, wodurch sie sich augenscheinlich größere Würde zu

verleihen glauben. Wieder andere verhalten sich völlig gleichgültig. Auf

den Treppenstufen vor den Kasernentüren setzen sich die Balalaikaspieler

hin. Einige fahren noch fort zu reden, einige stimmen Lieder an, doch

alle sind sie an diesem Abend in äußerst angeregter Stimmung.

Um zehn Uhr fand gewöhnlich die Zählung statt, dann wurden wir in die

Kasernen getrieben und für die Nacht eingeschlossen. Die Nächte waren

kurz: um fünf Uhr wurden wir geweckt, schliefen aber nie vor elf ein.

Bis dahin wurde immer noch gesprochen und geschwatzt und zuweilen wurde

in einer Ecke ganz wie im Winter Karten gespielt. In der Nacht nun wurde

die schwüle Hitze unerträglich. Trotz der halboffenen Fenster, durch die

die Nachtkühle hereindrang, wälzten sich doch alle schlaflos auf den

Pritschen, als hätten sie Fieber gehabt. Die Flöhe wimmelten in

Myriaden. Wir hatten sie auch im Winter gehabt, und zwar in genügender

Anzahl, seit dem Frühling aber vermehrten sie sich in einem Maße, wie

ich es trotz aller Versicherungen nicht glauben würde, wenn ich es nicht

selbst erlebt hätte. Und je mehr der Sommer vorrückte, um so schlimmer

wurde die Plage. Es ist wahr, man kann sich auch an Flöhe gewöhnen, das

habe ich an mir selbst erfahren, aber es ist doch schwer, es soweit zu

bringen. Sie können einen dermaßen peinigen, daß man schließlich wie im

Fieber liegt und fühlt, daß man ja doch nicht schläft, sondern nur

deliriert. Wenn dann endlich kurz vor Tagesanbruch die Flöhe sich etwas

beruhigen und man in der Morgenkühle, wie man meint, tatsächlich

einschläft – da ertönt dann plötzlich erbarmungslos der Trommelwirbel

vom Tore her. Mit einem Fluch hört man, sich fester in seinen Halbpelz

wickelnd, die deutlichen, fast einzelnen Schläge, ja man scheint sie

förmlich zu zählen, während noch im Halbschlaf der unerträgliche Gedanke

einem in den Sinn schleicht, daß es auch morgen und auch übermorgen, und

noch viele Jahre so sein wird, bis endlich, endlich die Freiheit kommt.

Aber wann wird das sein, denkt man unwillkürlich, wann kommt diese

Freiheit und wo ist sie? ... Doch jetzt heißt es erwachen und aufstehen!

Wieder beginnt das tägliche Gedränge, Waschen, Gehen ... Die Sträflinge

kleiden sich an, eilen zur Arbeit. Schließlich tröstet man sich damit,

daß man ja noch zur Mittagszeit etwas schlafen kann.

Was man von dem Revisor erzählt hatte, beruhte tatsächlich auf Wahrheit.

Mit jedem Tage bestätigten sich die Gerüchte immer mehr, bis man

schließlich mit Sicherheit erfuhr, daß ein „bedeutender“ General aus

Petersburg abgefahren war, um ganz Sibirien zu inspizieren, und es hieß

sogar, daß er bereits in Tobolsk angekommen sei. Täglich verbreiteten

sich neue Gerüchte im Ostrogg. So hörten wir aus der Stadt, daß

sämtliche Beamte von Furcht befallen und eifrig bemüht seien, alles in

bestem Zustande zu präsentieren. Es hieß, daß man in den höheren Kreisen

Vorbereitungen treffe zu Empfangsdiners, Bällen und Festen. Die

Sträflinge wurden in Scharen ausgesandt, um die Wege in der Festung zu

ebnen, Erdhaufen abzutragen, Zäune und Wegpfosten anzustreichen, hier

und da schadhafte Stellen auszuflicken, – mit einem Wort, man wollte

alles, was er besichtigen könnte, im Augenblick verbessern. Die

Sträflinge begriffen sehr wohl, um was es sich handelte, und

diskutierten immer eifriger und hitziger über das Bevorstehende. Ihre

Phantasie wuchs ins Kolossale. Sie beschlossen sogar „Ansprüche zu

erheben“, wie sie sagten, falls der General fragen sollte, ob sie mit

allem zufrieden wären. Sie stritten beständig unter sich und schimpften

sich gegenseitig wegen der zu erwartenden Dinge. Unser Platzmajor befand

sich in großer Aufregung. Er kam öfter in den Ostrogg, schrie noch mehr,

stürzte häufiger auf die Einzelnen los, versammelte die Sträflinge vor

der Hauptwache und hielt jetzt streng auf Sauberkeit und Ordnung.

Wie mit Absicht sollte es im Ostrogg gerade in dieser Zeit zu einem

kleinen Zwischenfall kommen, der aber den Major nicht, wie man meinen

sollte, ärgerte, sondern im Gegenteil, er schien ihm sogar ein gewisses

Vergnügen zu bereiten: Bei einer Prügelei stieß ein Sträfling dem

anderen seinen Pfriem in die Brust, ein wenig unterhalb des Herzens.

Der Sträfling, der gestochen hatte, hieß Lomoff; der Gestochene wurde

bei uns Gawrilka genannt und war ein eingefleischter Landstreicher. Ich

weiß nicht, ob er überhaupt einen Familiennamen besaß.

Sämtliche Werke 18 · 第 27 / 35 段