von den Gästen fort, obschon ich betrunken war – riß mich aber los und
lief. ‚Gebt ihn her, den Taugenichts Filka Morosoff, gebt ihn nur her,
den Schuft!‘ so schrie ich, – schrie es auf dem Markt, mußt du wissen.
Nun, ich war ja auch noch betrunken; da wurde ich denn nicht weit von
Wlassoffs eingefangen und mit Gewalt von drei Mann nach Haus gebracht.
Im ganzen Ort aber weiß man’s schon. Die Mädchen und Weiber auf dem
Markt stecken die Köpfe zusammen: ‚Wißt ihr es schon, habt ihr es schon
gehört? Die Akulka ist ja ganz unschuldig gewesen!‘ Filka aber sagte mir
kurz darauf in Gegenwart von anderen, und sagt mir so: ‚Verkauf deine
Frau, – wirst betrunken sein. Bei uns,‘ sagt er, ‚hatte der Soldat
Jaschka nur deswegen geheiratet: bei seinem Weibe hat er nie geschlafen,
dafür aber war er drei Jahre lang betrunken.‘ Ich sage ihm: ‚Du bist ein
Schurke!‘
‚Du aber bist ein Dummkopf,‘ sagt er. ‚Man hat dich doch in betrunkenem
Zustande verheiratet, was konntest du dann da beurteilen?‘
Ich kam nach Haus und schrie: ‚Ihr,‘ sage ich, ‚ihr habt mich betrunken
mit ihr verheiratet!‘ Die Mutter wollte mich wohl noch bereden, ich aber
sagte: ‚Dir sind die Ohren mit Gold vollgestopft, du hörst nichts
anderes. Gib mal die Akulka her!‘ Nun, und dann fing das Prügeln an. Ich
prügelte sie, mußt du wissen, ich prügelte sie zwei Stunden, bis ich
selbst umfiel. Drei Wochen lag sie im Bett, ohne aufzustehen.“
„Es ist ja wahr,“ meinte Tscherewin phlegmatisch, „schlägst du sie
nicht, so ... Hattest du sie denn mit einem Liebhaber überrascht?“
„Nein, das nicht,“ sagte nach einigem Schweigen und gleichsam sich
überwindend Schischkoff. „Es kränkte mich aber doch gar zu sehr, daß die
Menschen mich so beleidigen durften, und der Anstifter von allem war
natürlich der Filka. ‚Deine Frau,‘ sagt er, ‚ist für dich nur ein
Modell,‘ sagt er, ‚damit die Leute sie ansehen.‘ Und einmal feierte er
wieder ein großes Fest und hatte auch mich zu Gast geladen, und da sagte
er: ‚Seine Frau,‘ sagt er, ‚ist edelmütig und ehrerbietig, ist hübsch
und freundlich, und jedermann beneidet ihn jetzt! Aber hast du schon
vergessen, Bursche, wie du selbst ihre Tür mit Pech beschmiert hast?‘
Ich saß dort betrunken auf dem Stuhl, da faßte er mich an den Haaren und
schüttelte mich und drückte mich nieder. ‚Tanz,‘ sagt er ‚Akulinas Mann,
ich werde dich so an den Haaren halten, du aber tanz zu meiner
Belustigung!‘
‚Ein Schurke bist du!‘ schreie ich.
Er aber sagt zu mir: ‚Ich werde mit meiner ganzen Horde zu Akulka
fahren, zu deiner Frau, und sie in deiner Gegenwart mit Ruten prügeln,
soviel ich will.‘ So fürchtete ich denn, glaub oder glaub mir nicht,
einen ganzen Monat, das Haus zu verlassen: wenn er inzwischen kommt,
dachte ich, und ihr und meinem Hause die Schande antut, – was dann? Und
da fing ich denn an, sie zu prügeln ...“
„Wozu da prügeln! Hände kann man binden, von Zungen aber bindest du
keine einzige. Viel schlagen taugt auch nicht. Bestrafe, belehre, dann
aber sei auch wieder gut zu ihr. Dafür ist sie doch Weib.“
Schischkoff schwieg eine Zeitlang.
„Es kränkte mich,“ begann er dann von neuem, „und da wurde mir das
Prügeln zur Gewohnheit: manchen Tag prügelte ich sie vom Morgen bis zum
Abend. Schlage ich sie nicht, so ist es langweilig. Sie saß gewöhnlich
am Fenster, sieht hinaus, schweigt, weint ... Immer weinte sie, sie tat
mir wirklich leid, aber ich schlug sie. Meine Mutter schalt mich oft
genug ihretwegen: ‚Ein Elender bist du,‘ sagt sie, ‚ein
Zuchthausknecht!‘ – Ich aber schreie: ‚Ich werde sie totschlagen! und
daß mir jetzt niemand was zu sagen wagt, denn man hat mich mit Betrug
verheiratet!‘
Zuerst kam noch der alte Ankudim selbst: ‚Du bist doch nicht weiß Gott
was für eine Persönlichkeit, daß man mit dir nicht fertig werden könnte,
ich werde schon einen Richter finden, der dir anderes beibringen wird!‘
Dann aber ließ er es bleiben und kam nicht wieder. Marja Stepanowna aber
war ganz still geworden. Einmal kam sie und bittet unter Tränen: ‚Ich
bin mit einer Belästigung zu dir gekommen, Iwan Ssemjonytsch, sie ist
nicht groß, aber die Bitte ist um so größer. Schenk uns Sonnenlicht und
Freude,‘ sagt sie, verbeugt sich tief vor mir, ‚besänftige dich,
verzeihe du ihr! Böse Menschen haben unsere einzige Tochter verleumdet,
du aber weißt doch selbst, daß du ein unschuldiges Mädchen zum Weibe
bekommen hast ...‘ Und sie verbeugt sich bis zur Erde vor mir, weint.
Ich aber mache mich stolz: ‚Ich will euch alle überhaupt nicht anhören!
Werde jetzt mit euch allen machen, was ich will, denn ich kann mich
jetzt nicht beherrschen. Filka Morosoff aber,‘ sage ich, ‚ist mein
Kamerad und bester Freund ...‘“
„Gingt also wieder beide durch?“
„Wo! Bei dem konnte man überhaupt nicht mehr ankommen! Sein eigen Hab
und Gut hatte er bis aufs Letzte verpraßt und dann hatte er sich einem
reichen Kleinbürger verkauft, um für dessen ältesten Sohn unter die
Soldaten zu gehen. In unserer Gegend aber ist ein solcher bis zu dem
Tage, wo er fortgeführt wird, der erste Herr im Hause dessen, für den er
geht, dann muß dort alles vor ihm im Staube liegen, er aber ist
unumschränkter Herr im Hause. Geld erhält er eine Menge, bis zum Abgang
aber lebt er im Hause, lebt dort ein halbes Jahr womöglich, und wie er
dann die Besitzer behandelt, das ist gar nicht auszureden, – bring nur
die Heiligen hinaus! ‚Ich,‘ sagt er, ‚gehe, mußt du wissen, für deinen
Sohn unter die Soldaten, folglich müßt ihr mich alle achten, oder sonst
sage ich ab!‘ Und so lebte denn auch Filka großartig, schläft mit der
Tochter, zieht den Hausherrn jeden Tag nach dem Essen am Bart, – alles
nur zu seinem Vergnügen. Jeden Tag muß für ihn die Badestube geheizt
werden und für den Dampf muß auf die heißen Ofensteine nicht Wasser,
sondern Branntwein gegossen werden, und viel fehlte nicht, so hätte er
noch verlangt, von den Badeweibern auf den Händen hineingetragen zu
werden. Kommt er von einer Spazierfahrt zurück, so bleibt er auf der
Straße stehen: ‚Ich will nicht durch das Hoftor, reißt den Zaun nieder!‘
sagt er, und so wird neben dem Hoftor der Zaun niedergerissen und dann
erst spaziert er hinein. Endlich war die Zeit vorüber, er mußte unter
die Soldaten. Eine Menge Volks begleitet ihn, die ganze Straße ist voll
Menschen: Filka Morosoff fährt fort! Er aber grüßt nach allen Seiten.
Akulka aber kam gerade aus dem Gemüsegarten zurück. Wie Filka sie
erblickt – es war dicht vor unserem Hoftor, – da schreit er: ‚Halt!‘
springt aus dem Wagen, geht geradenwegs auf sie zu und verbeugt sich bis
zur Erde vor ihr! ‚Du meine Seele,‘ sagt er, ‚mein Licht, zwei Jahre
liebte ich dich, jetzt aber führt man mich mit Musik zu den Soldaten.
Vergib mir,‘ sagt er, ‚du ehrenhafte Tochter eines ehrenhaften Vaters,
denn ich Elender bin sündig vor dir, ich allein trage an allem die
Schuld!‘ Und er verbeugt sich zum zweitenmal bis zur Erde vor ihr. Die
Akulka aber stand zuerst ganz wie erstarrt, dann aber verneigte sie sich
tief vor ihm und sagte: ‚Verzeih auch du mir, kühner Jüngling, doch habe
ich nichts Böses von dir erfahren.‘
Ich ging ihr nach ins Haus: ‚Was hast du ihm gesagt, du Hündin?‘ Sie
aber, glaub oder glaub mir nicht, sie sah mich nur an und sagte: ‚Ich
liebe ihn jetzt mehr als mein Leben!‘“
„Sieh mal an! ...“
„Ich sprach an diesem Tage kein Wort zu ihr ... Erst am Abend sagte ich:
‚Akulka! Jetzt werde ich dich totschlagen,‘ sagte ich. In der Nacht fand
ich keinen Schlaf, ging in den Flur und trank etwas Kwas. Es zeigte sich
schon die Morgenröte am Himmel. Ich ging in die Stube zurück. ‚Akulka,‘
sage ich, ‚steh auf, wir müssen auf das Feld hinaus fahren.‘ Ich hatte
auch früher schon davon gesprochen, daß ich hinfahren würde, die Mutter
wußte es schon. ‚Das ist gut,‘ hatte sie gesagt, ‚jetzt ist Arbeitszeit,
der Knecht aber soll dort schon den dritten Tag faulenzen.‘ Ich schirrte
schweigend das Pferd an, sage kein Wort. Wenn man aus unserem Städtchen
hinausfährt, so beginnt sogleich ein Fichtenwald, auf fünfzehn Werst
zieht er sich hin, und hinter dem Walde lag unser Acker. Als wir so an
drei Werst durch den Wald gefahren waren, hielt ich das Pferd an: ‚Steh
auf, Akulina,‘ sage ich, ‚dein Ende ist gekommen.‘ Sie sah mich an und
erschrak, stieg aus dem Wagen, steht, schweigt. ‚Ich habe dich satt,‘
sage ich, ‚bet zu Gott!‘ Und wie ich sie dann so an den Haaren erfaßte –
ihre Zöpfe waren so lang und dick, wickelte sie mir um die Hand, –
drückte sie hinterrücks nieder und klemmte sie zwischen die Knie, riß
mein Messer hervor, bog ihr den Kopf zurück, und stieß ihr das Messer in
die Kehle ... Wie sie da aufschrie und das Blut spritzte, da warf ich
das Messer fort, umfing sie mit beiden Armen von vorn, warf mich mit ihr
zur Erde, umklammerte sie und schrie über ihr, schrie und schrie; und
sie schreit und ich schreie. Sie zittert und schlägt um sich, will sich
von meinen Armen befreien, das Blut aber, das Blut – strömt mir über das
Gesicht, über die Hände, es sprudelt nur so hervor, sprudelt nur so. Da
überkam mich plötzlich Angst, ich ließ sie liegen, ließ das Pferd
stehen, selbst aber lief ich, was ich laufen konnte, lief und lief,
hinter den Gemüsegarten vorbei, und lief in unsere Badestube, wir hatten
noch so eine alte, die nicht mehr benutzt wurde, die stand da am Hause:
ich verkroch mich unter die Schwitzbänke und sitze da in einer Ecke. Bis
zur Nacht saß ich dort.“
„Und die Akulka? Wie blieb’s denn mit der?“
„Sie aber muß wohl nach mir aufgestanden sein, um gleichfalls nach Haus
zu gehen. Wenigstens hat man sie so hundert Schritt von jenem Ort
gefunden.“
„Also hattest du nicht ganz durchgeschnitten.“
„Ja ...“ Schischkoff stockte einen Augenblick.
„Da ist so eine Ader,“ bemerkte Tscherewin, „wenn du sie, diese selbe
Ader, nicht mit dem ersten Hieb durchschneidest, so lebt der Mensch
immer noch weiter, und wieviel Blut auch herausfließt, der Mensch stirbt
nicht.“
„Aber sie starb doch. Tot hatte man sie am Abend gefunden. Man machte
sofort Anzeige davon, man fing an, mich zu suchen und fand mich noch vor
der Nacht in der Badestube ... Jetzt ist es schon das vierte Jahr, daß
ich hier lebe,“ fügte er nach kurzem Schweigen hinzu.
„Hm ... Es ist ja ... wahr: schlägt man nicht, – dann kommt auch nichts
Gutes heraus,“ meinte ruhig und methodisch Tscherewin, indem er wieder
das Horn hervorzog. Langsam und teilweise mit Unterbrechungen begann er
seinen Tabak zu schnupfen. „Und andererseits wiederum,“ fuhr er fort,
„bist du dabei doch ein großer Dummkopf gewesen, was man dir auch jetzt
noch ansieht. Ich traf auch einmal mein Weib mit einem Liebhaber an. Da
führte ich sie denn in den Schuppen, legte die Pferdeleine doppelt.
‚Wem,‘ fragte ich, ‚schwörst du nun Treue? Wem?‘ Und dann prügelte ich
sie, prügelte, prügelte, mit der Pferdeleine nämlich, anderthalb
Stunden, sie aber schrie: ‚Werde deine Füße waschen,‘ schrie sie, ‚und
das Wasser nachher trinken.‘ Awdotja hieß sie.“
V.
Die Sommerzeit
Doch schon ist es Frühling, wir sind im April und Ostern steht vor der
Tür. Allmählich beginnen auch die Sommerarbeiten. Die Sonne wird mit
jedem Tage wärmer und heller, die Luft duftet nach Frühling und hat eine
starke Wirkung auf Körper und Seele. Die anbrechenden schönen Tage
erregen auch den gefesselten Menschen und erwecken in ihm ein Wünschen,
Streben und Sehnen. Ich glaube, bei hellem Sonnenschein verlangt es den
Menschen noch viel mehr nach Freiheit, als an einem trüben Winter- oder
Herbsttage, er trauert viel tiefer um das Verlorene: das ist mir an
allen Gefangenen aufgefallen. Es ist, als freuten sie sich über die
hellen Tage, gleichzeitig aber verstärkt sich in ihnen auch eine gewisse
Ungeduld und Reizbarkeit. Ich habe bemerkt, daß es im Frühling viel
öfter Streit im Ostrogg gab. Häufig hörte man Geschrei, Lärm, Gejohle,
viel öfter kam es zu ausgelassenen Jugendstreichen. Dann aber bemerkte
man bisweilen bei der Arbeit einen nachdenklichen, unverwandten Blick in
die bläuliche Ferne, hinüber zum anderen Ufer des Irtysch, wo sich wie
ein ausgebreitetes Tuch die freie kirgisische Steppe auf
anderthalbtausend Werst hinzog; dann hörte man, wie jemand aufseufzte,
tief, aus voller Brust, ganz als ziehe es ihn unwiderstehlich, diese
ferne, freie Luft einzuatmen und dadurch seine bedrückte, gefesselte
Seele zu erleichtern.
„Ach!“ seufzt dann plötzlich der Arrestant und macht sich, als hätte er
mit einem energischen Entschluß das Träumen und Sehnen abgeschüttelt,
ungeduldig und mürrisch wieder an die Arbeit, greift nach dem Spaten
oder nach den Ziegeln, die von dem einen Ort nach dem andern zu tragen
sind. Nach einer Minute hat er seine plötzliche Empfindung schon
vergessen und lacht oder schimpft bereits, je nach seinem Charakter;
oder er macht sich plötzlich mit ungewöhnlichem, ganz unpassendem Eifer
an seine Arbeitsaufgabe, wenn er eine solche erhalten hat, und arbeitet
mit Anstrengung aller Kräfte, ganz als wolle er durch die schwere Arbeit
irgend etwas in sich erdrücken, was ihn von innen quält und beengt.
Dieses ganze gefesselte, starke Volk stand größtenteils in der Blüte
seiner Jahre und Kräfte ... Schwer sind die Fesseln in dieser Zeit! Ich
will nichts übertreiben, ich will nur die Wahrheit sagen. Ganz abgesehen
davon, daß in der Wärme, in der sonnigen Frühlingsluft – wenn man mit
ganzer Seele, mit seinem ganzen Wesen die rings um einen mit
unermeßlicher Kraft auferstehende Natur fühlt und sieht – das
verschlossene Gefängnis, die ewige Eskorte und das beständige Leben nach
fremdem Willen noch viel schwerer zu ertragen sind, – ganz abgesehen
davon, beginnt doch in dieser Frühlingszeit schon mit der ersten Lerche
in ganz Sibirien und ganz Rußland das Vagabundieren: dann entflieht auch
so manch einer aus den Gefängnissen und flüchtet in den Wald. Dann
schweifen sie, nach den dumpfen, engen Stuben, nach Strafen, Ketten und
Stöcken, in der größten Freiheit überall umher, wo es ihnen besser
gefällt und wo das Leben angenehmer ist. Sie essen und trinken, was sich
gerade findet, was Gott schickt, und in der Nacht schlafen sie zufrieden
irgendwo im Walde ein, oder auf freiem Felde, sorglos, frei, ohne die
quälende Sehnsucht des Gefangenen, – wie die Waldvögel, nachdem sie nur
den Sternen des Himmels gute Nacht gesagt haben, während Gottes Auge
allein über sie wacht. Gewiß hat es mitunter auch sein Unangenehmes, bei
„General Kukuschkin zu dienen“, da heißt es oft Hunger und Müdigkeit
ertragen, oft sieht man in ganzen vierundzwanzig Stunden nichts Eßbares,
vor jedem Menschen muß man sich verstecken, man muß stehlen und plündern
und mitunter auch ermorden. „Der Ansiedler ist wie ein Kind, was er nur
sieht, das nimmt er,“ sagt man in Sibirien. Dasselbe Sprichwort kann
auch auf den Landstreicher angewandt werden. Selten ist er kein Räuber
und fast immer ein Dieb. Allerdings stiehlt er mehr aus Notwendigkeit,
als aus Beruf. Es gibt geradezu eingefleischte Landstreicher. Manch
einer entläuft noch als Kolonist, wenn er die Ostroggjahre schon hinter
sich hat. Man sollte meinen, er sei zufrieden und sichergestellt als
Kolonist, aber nein! – es zieht ihn irgendwohin, es ruft ihn fort. Das
Leben in den Wäldern, das arm und schwer, dafür aber frei und voll
Abenteuer ist, hat etwas Bezauberndes, einen gleichsam geheimnisvollen
Reiz für diejenigen, die ihn einmal empfunden haben. Und plötzlich ist
ein Mensch fortgelaufen, nicht selten ein bescheidener, gewissenhafter
Mann, der ein guter ansässiger Bürger und ein tüchtiger Arbeitsmann zu
werden versprach. Manch einer heiratet sogar und zeugt Kinder, lebt
seine fünf Jahre ruhig an ein und demselben Ort, bis er eines schönen
Morgens, ganz plötzlich, verschwunden ist, Weib, Kinder und die ganze
Gemeinde in Staunen und Verwunderung versetzend. Im Ostrogg machte man
mich auf einen ähnlichen Flüchtling aufmerksam. Er hatte kein einziges
namhaftes Verbrechen begangen, wenigstens hatte nie jemand etwas
derartiges von ihm gehört, er war aber sein ganzes Leben lang
Landstreicher gewesen. Er hatte im Süden Rußlands gelebt, war bis zur
Donau gekommen, war im Kaukasus, in der kirgisischen Steppe und im Osten
Sibiriens gewesen – überall. Wer weiß, vielleicht wäre aus ihm unter
anderen Verhältnissen bei seiner Abenteuerlust ein zweiter Robinson
Crusoe geworden. Übrigens wurde alles das von anderen über ihn erzählt,
er selbst aber sprach wenig im Ostrogg, eigentlich nur das durchaus
Notwendige. Es war das ein äußerst kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren,
mit friedlichem Charakter, ungewöhnlich ruhigem und sogar stumpfem
Gesichtsausdruck – stumpf bis zur Idiotie. Im Sommer saß er mit Vorliebe
in der Sonne, um sich braten zu lassen, und unfehlbar summte er dann ein
Liedchen vor sich hin, gewöhnlich aber so leise, daß es auf fünf Schritt
nicht mehr zu hören war. Seine Gesichtszüge waren gleichsam hölzern, er
aß wenig und fast nur Brot. Niemals kaufte er sich einen Kalatsch oder
einen Schluck Branntwein, aber es ist auch kaum anzunehmen, daß er
jemals Geld besaß und kaum dürfte er verstanden haben, zu zählen. Zu
allem verhielt er sich unerschütterlich ruhig. Die kleinen Ostrogghunde
fütterte er zuweilen aus der Hand, was sonst niemand bei uns tat ...
Denn der Russe liebt es nicht, Hunde aus der Hand zu füttern. Es hieß,
daß er verheiratet gewesen sei, sogar zweimal, daß er irgendwo auch
Kinder habe ... Für welches Vergehen er in unseren Ostrogg gekommen war,
vermag ich nicht zu sagen. Die anderen Sträflinge erwarteten immer, daß
er entfliehen würde, aber entweder war seine Zeit noch nicht gekommen,
oder er war schon zu alt geworden; jedenfalls lebte er beschaulich
dahin, und verhielt sich etwas stumpf zu dieser ganzen sonderbaren
Umgebung, in die er hineingeraten war. Übrigens kann man nicht dafür
bürgen, daß er im Ostrogg blieb, obschon, sollte man meinen, keinerlei
Berechnung für ihn darin gelegen hätte, zu entfliehen. Dennoch ist, im
großen ganzen genommen, das freie Vagabundenleben im Walde und auf
Wiesen im Vergleich zum Ostroggleben ein Paradies. Der Unterschied liegt
ja so auf der Hand, daß von einem Vergleich überhaupt keine Rede sein
kann. Wenn dieses Leben auch noch so schwer ist, so lebt der Mensch doch
nach seinem eigenen freien Willen. Daher kommt es, daß in Rußland jeder
Gefangene, wo er auch sein mag, im Frühling, sobald die ersten Lerchen
erscheinen und die Tage wärmer werden, unruhig wird. Wenn auch längst
nicht jeder von ihnen zu entfliehen beabsichtigt – ja man kann wohl
sagen, daß infolge der vielen Schwierigkeiten und Gefahren nur einer vom
Hundert sich dazu entschließt – so werden die neunundneunzig andern doch
wenigstens davon träumen, wie und wohin man wohl entfliehen könnte, und
sie trösten sich mit dem Wunsch, mit der bloßen Vorstellung der
Möglichkeit. Manch einer erinnert sich vielleicht auch nur einer früher
von ihm ausgeführten Flucht ... Ich rede jetzt nur von den bereits
Verurteilten; die noch unter Anklage Stehenden entschließen sich viel
eher, zu entfliehen, – die auf bestimmte Zeit Verurteilten dagegen
höchstens zu Anfang ihrer Strafzeit. Denn hat der Arrestant schon zwei
bis drei Jahre abgedient, so beschließt er bei sich, doch lieber die
Strafzeit „gesetzlich abzuleben“ und zu den Ansiedlern geschickt zu
werden, als daß er sich zu einem solchen Wagnis entschließt; er weiß,
daß es ihm, wenn die Flucht mißlingt, bitter schlecht ergeht. Und das
Mißlingen ist so leicht möglich. Höchstens einem von zehn gelingt es
tatsächlich, „sein Schicksal zu wechseln“. Auch von den zu festgesetzter
Strafzeit Verurteilten entschließen sich am ehesten diejenigen dazu,
denen eine gar zu lange Strafzeit bevorsteht. Fünfzehn bis zwanzig Jahre
erscheinen als Ewigkeit und daher ist der Betreffende immer geneigt, an
eine Veränderung seines Geschickes zu denken, selbst wenn er auch schon
zehn Jahre in der Kátorga gewesen ist und ihm nur noch die kleinere
Hälfte bevorsteht. Hinzu kommt, daß auch die Brandmäler die Flucht
teilweise noch aussichtsloser machen. Der technische Ausdruck für Flucht
ist: „sein Schicksal wechseln“. So antwortet auch der auf der Flucht
wieder eingefangene Sträfling, – daß er nur sein Schicksal habe wechseln
wollen. Dieser etwas literarische Ausdruck ist tatsächlich die stehende
Bezeichnung dafür. Jeder Flüchtling hat nicht so sehr im Auge, sich
vollständig zu befreien – er weiß sehr wohl, daß das nicht so leicht ist
–, als eben nur eine Veränderung seines Lebens herbeizuführen,
gleichviel, ob er in ein anderes Gefängnis kommt, oder zu den
Kolonisten, oder ob er wegen eines neuen Verbrechens – das er während
des Vagabundierens begangen hat – von neuem verurteilt wird. Mit einem
Wort: gleichviel wohin, nur fort aus dem Alten, Überdrüssigen, nur fort
aus _diesem_ Ostrogg.
Alle diese Flüchtlinge erscheinen, wenn sie im Laufe des Sommers nicht
irgend einen geeigneten Aufenthaltsort zum Überwintern finden – wenn sie
zum Beispiel nicht auf Jemanden stoßen, der einen Vorteil darin findet,
sie zu beherbergen, oder schließlich, wenn sie sich keinen Paß
verschaffen können, was nicht selten durch Mord geschieht – alle diese
Entlaufenen erscheinen dann im Herbst, wenn sie nicht schon früher
eingefangen sind, gewöhnlich in ganzen Scharen als Landstreicher in den
Städten oder Festungen und Gefängnissen und kommen zum Überwintern in
den Ostrogg, selbstverständlich in der Hoffnung, im Frühling wieder
entfliehen zu können.
Der Frühling hatte auch auf mich seinen Einfluß. Ich weiß noch, wie
sehnsüchtig ich durch die Spalten des Palissadenzaunes spähte und lange
Zeit so stand, die Stirn an einen Pfahl gepreßt, und unverwandt,
unersättlich auf unseren Festungswall schaute, wie dort das Gras grünte
und wie der weite, weite Himmel mit jedem Tage ein tieferes Blau zeigte.
Unruhe und Sehnen wuchs mit jedem neuen Tage in meiner Brust und der
Ostrogg wurde mir immer verhaßter. Die Feindseligkeit der anderen, die
ich als Adliger in diesen ersten Jahren ununterbrochen fühlen mußte,
wurde mir unerträglich, sie vergiftete geradezu mein Leben. In diesen
ersten Jahren ging ich oft, ohne krank zu sein, ins Lazarett, nur um
nicht im Ostrogg zu bleiben, nur um mich von dieser ewigen, durch nichts
aufzuhebenden allgemeinen Feindschaft zu erlösen. „Ihr Geier, ihr habt
uns totgehackt,“ sagten die Arrestanten zu uns. Wie beneidete ich
oftmals die Verbrecher aus dem Volke, die in den Ostrogg kamen! Diese
waren im Augenblick mit allen befreundet. Und darum machte mich der
Frühling traurig und reizbar.
Kurz vor Ostern – ich glaube, es war in der sechsten Fastenwoche – nahm
ich das Abendmahl. Zu Beginn der Fasten war der ganze Ostrogg vom
älteren Unteroffizier in sieben Abteilungen geteilt worden, nach der
Zahl der Fastenwochen. In jeder Abteilung waren etwa dreißig Menschen.
Die sechste Woche, in der ich zum Abendmahl ging, gefiel mir sehr. Die
ganze Abteilung war dann von der Arbeit befreit, und wir gingen täglich
zwei- oder dreimal in die Kirche, die nicht sehr weit vom Ostrogg lag.
Lange war ich nicht mehr in einer Kirche gewesen. Der feierliche
Gottesdienst, der einem noch aus der fernen Kindheit im Elternhause so
gut erinnerlich war, die ernsten Gebete, die Hinknieenden, – alles das
rief in meiner Seele längst, längst Vergangenes wach, erinnerte mich an
Eindrücke der Kinderjahre, und ich weiß noch, wie wir uns freuten, wenn
wir unter Eskorte mit geladenem Gewehr am Morgen über den vom Nachtfrost
hartgefrorenen Boden ins Gotteshaus gingen. Die Eskorte ging übrigens
nicht mit in die Kirche. Wir standen dort zusammengedrängt dicht bei der
Tür, auf dem letzten Platz, von wo aus man nur die tiefe Stimme des
Diakons hörte und hin und wieder den schwarzen Talar und das Silberhaar
des Geistlichen sah. Ich dachte daran, wie ich früher als Kind zuweilen
auf das am Eingang der Kirche zusammengedrängte Volk geschaut hatte, das
vor dicken Epauletten zur Seite trat, oder vor einem wohlgenährten Herrn
oder einer aufgeputzten, doch sehr frommen Dame, die alle unbedingt zur
ersten Reihe strebten und auch dort noch jeden Augenblick bereit waren,
um einen besseren Platz zu streiten. Damals hatte es mir geschienen, daß
dort am Eingang anders gebetet wurde, als bei uns: dort betete man so
still und andächtig, mit so aufrichtiger innerer Demut.