gute Menschen, Euer Gnaden.‘
‚Wer aber sind denn diese guten Menschen gewesen?‘
‚Das habe ich nicht behalten, Euer Gnaden werden es mir schon gnädig
verzeihen müssen.‘
‚Hast du alle vergessen?‘
‚Alle vergessen, Euer Gnaden.‘
‚Aber du hast doch Vater und Mutter gehabt? ... Dieser entsinnst du dich
doch noch?‘
‚Es ist wohl anzunehmen, Euer Gnaden, daß ich welche gehabt habe, aber
auch ihrer erinnere ich mich nicht mehr, Euer Gnaden.‘
‚Aber wo hast du denn bis jetzt gelebt?‘
‚Im Walde, Euer Gnaden.‘
‚Immer im Walde?‘
‚Immer im Walde.‘
‚Nun, aber im Winter?‘
‚Den Winter habe ich nicht gesehen, Euer Gnaden.‘
‚Nun, und du, wie heißt du?‘
‚Beil, Euer Gnaden.‘
‚Und du?‘
‚Friß und gähne nicht, Euer Gnaden.‘
‚Und du?‘
‚Sei nachsichtig, Euer Gnaden.‘
‚Und alle könnt ihr euch nicht mehr eurer Namen entsinnen?‘
‚Nein, Euer Gnaden.‘
Da steht er, lacht, und die anderen lächeln gleichfalls. Nun, aber ein
andermal schlägt er einem auch mit der Faust zwischen die Zähne, wenn
das Lachen ihm ungelegen ist: ‚Die Burschen alle so gesund,
wohlgenährt,‘ sagt er ...
‚Führt sie ins Gefängnis,‘ sagt er, ‚ich werde noch später mit ihnen
reden. Du aber bleib hier‘ – das sagt er also zu mir. ‚Komm her, setz
dich!‘
Was sehe ich: vor mir steht ein Tisch mit Tinte, Feder und Papier. Ich
denke: was wird er nun mit mir anfangen?
‚Setz dich,‘ sagt er, ‚auf den Stuhl, nimm die Feder, schreibe!‘ Selbst
aber erfaßt er mein Ohr und zieht es auch schon. Ich sehe ihn an wie der
Teufel den Pastor. ‚Verstehe nicht,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden.‘
‚Schreib!‘
‚Erbarmen, Euer Gnaden!‘
‚Schreib! Schreib wie du es verstehst!‘ Selbst aber zieht er mich dabei
immer am Ohr, zieht und zieht, und wie er es dabei noch drehte! Nein,
Brüder, ich sage euch, mir wären dreihundert Hiebe lieber gewesen, als
dieses ‚schreib!‘ und weiter nicht als ‚schreib!‘ Von dem mir grün und
blau vor den Augen wurde.“
„Was war denn mit ihm los? – übergeschnappt?“
„Fiel ihm nicht ein. Aber in T–sk hatte ein Schreiberlein vor kurzer
Zeit ein Stückchen losgeschossen: hatte die Kasse unterschlagen und sich
mit dem Inhalt aus dem Staube gemacht, und der hatte gleichfalls
abstehende Ohren gehabt. Nun, es war überall hin gemeldet worden. Ich
aber war den Anzeichen nach so wie er, und da fühlte er mir auf den
Zahn: verstand ich zu schreiben? und wie?“
„So ein Pech! Schmerzte es?“
„Das habe ich dir doch schon gesagt: sogar verteufelt!“
Alles lachte.
„Na, und hast du denn geschrieben?“
„Was geschrieben! Fing wohl an, die Feder zu führen, zu führen, führte,
führte, auf dem Papier nämlich, – da gab er’s auf. Gab mir noch so an
zehn Ohrfeigen mit auf den Weg und damit entließ er mich dann, wollte
sagen, in den Ostrogg.“
„Aber verstehst du denn zu schreiben?“
„Früher verstand ich’s, seitdem man aber mit den Federn schreibt, habe
ich es verlernt ...“
Mit derartigen Erzählungen oder, richtiger gesagt, Schwätzereien wurde
die langweilige Zeit totgeschlagen. Herrgott, war das eine Langeweile!
Die Tage so lang, so lang, so schwül, der eine bis aufs Tüttelchen genau
so wie der andere. Wenn man doch wenigstens irgend ein Buch gehabt
hätte! Und dabei ging ich, namentlich in der ersten Zeit, oft ins
Lazarett, zuweilen weil ich krank war, zuweilen nur, um dort zu liegen.
Nur fort aus dem Ostrogg! Schwer war es im Ostrogg, noch schwerer als
hier: moralisch schwerer. Die Bosheit, Feindschaft, der Neid, Hader, die
fortwährenden Angriffe auf uns Edelleute, die bösen, drohenden
Gesichter! Hier dagegen, im Lazarett, waren alle mehr gleichgestellt,
und lebten freundschaftlicher. Die bedrückendsten Stunden im Laufe des
ganzen Tages kamen abends, wenn das Licht schon angezündet war, und zu
Anfang der Nacht. Früh schon ging man zur Ruh. Das trübe Nachtlicht
leuchtet fern an der Tür als einziger heller Punkt; in unserer Ecke, in
unserer ganzen Hälfte herrscht Halbdunkel. Die Zimmerluft ist schwül und
voll Gestank. Manch einer findet keinen Schlaf, er erhebt sich und sitzt
wohl anderthalb Stunden auf dem Bett, den Kopf mit der Nachtmütze
gesenkt, als dächte er über etwas nach. Da sieht man eine ganze Stunde
zu ihm hinüber und bemüht sich, zu erraten, was er denkt, nur um
gleichfalls auf irgend eine Weise die Zeit totzuschlagen. Oder man
ergibt sich dem Träumen, erinnert sich des Vergangenen, große, helle
Bilder malt die Phantasie. Man erinnert sich so kleiner Einzelheiten, an
die man sonst nie denken und die man wohl nie so durchfühlen würde, wie
hier im Arrestantenlazarett. Oder man denkt an die Zukunft: wie wird es
sein, wenn du aus dem Ostrogg entlassen wirst? Wohin wirst du dann
gehen? Wann wird das sein? Wirst du überhaupt jemals in die Heimat
zurückkehren? Und du denkst und denkst und Hoffnung rührt sich in deiner
Seele ... Ein anderes Mal beginnt man einfach zu zählen: eins, zwei,
drei, vier usw., nur um während des Zählens einzuschlafen. Ich zählte
oft bis dreitausend und schlief doch nicht ein. Dort dreht sich einer
auf die andere Seite, der Strohsack knistert. Ustjänzeff hustet seinen
trockenen, schwindsüchtigen Husten und stöhnt dann schwach, worauf er
jedesmal vor sich hin murmelt: „Gott, ich habe gesündigt!“ So sonderbar
klingt diese kranke, gesprungene, gequälte Stimme inmitten der tiefen
Stille und Nacht ringsum. Auch dort irgendwo in der Ecke schläft man
nicht und es sprechen zwei miteinander von Bett zu Bett. Der eine
erzählt etwas von seinem Leben, von längst, längst Vergangenem,
Vergessenem, von Landstreicherei, von seinen Kindern, seinem Weibe, von
früheren Verhältnissen. Allein schon aus dem fernen, undeutlichen,
murmelnden Geflüster fühlt man, daß alles, wovon er erzählt, niemals
mehr zu ihm wiederkehren wird, und daß er selbst, der Erzähler, nichts
als ein abgeschnittenes, fortgeworfenes Stück von dem Übrigen ist. Der
andere hört zu. Zu mir dringt nur ein ruhiges, gleichmäßiges Gemurmel,
gleich wie wenn fallendes Wasser erzählte, irgendwo fern ... Ich
entsinne mich noch, wie ich einmal in einer langen Winternacht eine
solche Erzählung mit anhörte. Zuerst glaubte ich fast, daß sie mein
eigener Fiebertraum war, und es schien mir, als vernahm und sah ich
alles nur in meiner kranken Phantasie ...
VI.
Der Mann der Akulka
(Eine Erzählung)
Es war schon spät in der Nacht, wohl in der zwölften Stunde. Ich war
schon eingeschlafen, – da erwachte ich plötzlich. Der trübe Schein des
fernen Nachtlichts erhellte kaum die nächsten Lagerstätten ... Fast alle
schliefen. Sogar Ustjänzeff schlief, und in der Stille hörte man, wie
schwer er atmete und wie der Schleim in seinem Halse bei jedem Atemzuge
brodelte. Da ertönten draußen auf dem Flur die schweren Schritte der
nahenden Ablösung. Ein Gewehrkolben stieß schwer auf den Boden. Die Tür
des Krankenzimmers öffnete sich: der Gefreite trat leise ein und zählte
die Kranken. Nach einer Minute war die Tür wieder verschlossen, die neue
Wache trat an, die Schritte des Wachkommandos entfernten sich, und
wieder trat die Stille ein. Nun erst bemerkte ich, daß nicht weit von
mir, links von meinem Bett, zweie nicht schliefen und miteinander zu
flüstern schienen. Das kam zuweilen vor: es lagen manche monatlang
nebeneinander, ohne daß je ein Wort zwischen ihnen gewechselt wurde, und
dann plötzlich in einer Nacht, in einer schweren Stunde, fängt der eine
zu sprechen an und breitet vor dem anderen, lauschenden, seine ganze
Vergangenheit aus.
Offenbar flüsterten sie schon lange miteinander. Den Anfang hatte ich
nicht gehört, und auch jetzt konnte ich nicht alles vernehmen, doch
allmählich gewöhnte sich mein Ohr daran und so vernahm ich bald auch die
einzelnen Worte. Ich konnte nicht schlafen: was sollte ich tun, wenn ich
nicht zuhörte? ...
Der eine erzählte, halbliegend im Bett, den Kopf erhoben und
vorgestreckt, damit ihn der Genosse besser höre. Augenscheinlich war er
erregt, es quälte ihn etwas und er wollte erzählen. Sein Zuhörer saß
finster und gleichmütig auf seinem Lager, die Füße ausgestreckt, hin und
wieder brummte er etwas als Antwort oder zum Zeichen seines Interesses,
was er aber mehr anstandshalber als aus wirklicher Teilnahme zu tun
schien, und stopfte fortwährend aus einem Horn Tabak in die Nase. Er war
ein Soldat aus der Strafkompagnie, Tscherewin hieß er, ein Mann von
ungefähr fünfzig Jahren, ein mürrischer Pedant, ein kalter Raisonneur
und selbstgefälliger Dummkopf. Der Erzähler, Schischkoff, war ein
junger, noch nicht dreißigjähriger Arrestant unserer Zivilabteilung, der
in der Schneiderwerkstätte arbeitete. Bis dahin hatte ich ihm wenig
Beachtung geschenkt; und auch später, solange ich im Ostrogg lebte, zog
es mich nicht zu ihm. Er war ein leerer, unverständiger Mensch. Zuweilen
schwieg er lange Zeit, war mürrisch, unfreundlich, sprach wochenlang
kein Wort. Zuweilen aber mischte er sich in Dinge ein, die ihn nichts
angingen, verbreitete Klatschgeschichten, regte sich wegen der
nichtigsten Sachen auf, trieb sich in allen Kasernen umher, redete
unendlich, schien aus der Haut zu fahren. Verprügelte man ihn, so
schwieg er wieder. Er war feig und geizig. Alle mißachteten ihn und
behandelten ihn auch darnach. Er war klein von Wuchs und mager, mit bald
seltsam unruhigem, bald wieder stumpf brütendem Blick. Hatte er etwas zu
erzählen, so begann er eifrig und erregt, sogar mit lebhaften Gesten –
bis er plötzlich abbrach, oder auf anderes überging, sich von neuen
Einzelheiten hinreißen ließ und ganz vergaß, wovon er zuerst gesprochen
hatte. Er stritt sehr oft mit den anderen, und wenn er es tat, so warf
er dem Gegner unbedingt etwas vor, etwa wie sehr jener ihm Unrecht getan
habe und wie groß seine Schuld vor ihm sei, und er sprach mit Gefühl und
war sogar den Tränen nahe ... Er spielte nicht schlecht die Balalaika
und er spielte sie gern, und an Feiertagen tanzte er sogar, und tanzte
gut, wenn man ihn, was auch vorkam, dazu veranlaßte ... Es war sehr
leicht, ihn zu etwas zu veranlassen ... Nicht, daß er so gehorsam
gewesen wäre, aber er schloß gern Freundschaft und tat dann alles, um
dem neuen Freunde gefällig zu sein.
Es dauerte ziemlich lange, bis ich begriff, wovon sie sprachen. Auch
schien es mir zuerst, daß er immer abwich vom eigentlichen Thema und
sich von Nebensächlichem ablenken ließ. Vielleicht entging es ihm auch
nicht, daß Tscherewin für seine ganze Erzählung überhaupt kein Interesse
übrig hatte, doch wollte er sich, glaube ich, absichtlich einreden, daß
sein Zuhörer ganz Ohr sei. Vielleicht wäre es ihm auch sehr schmerzlich
gewesen, sich vom Gegenteil zu überzeugen.
„... Kam er so auf den Markt,“ erzählte er jetzt weiter, „dann grüßten
ihn alle, sie fühlten sozusagen, das ist ein Reicher!“
„Er handelte, sagst du?“
„Nun, ja, gewiß doch. Unter den Kleinbürgern bei uns war die Armut groß.
Das reine Elend. Die Weiber trugen das Wasser aus dem Fluß das steile
Ufer hinauf, um dort die Gemüsegärten zu begießen, im Herbst aber hatten
sie für die ganze Plage nicht einmal Kohl zur Suppe. Nichts zu wollen.
Nun, er aber hatte ein großes Stück Land, ließ das Feld von Knechten
bearbeiten, hielt ihrer ganze drei, und dann hatte er noch einen ganzen
Bienengarten, handelte mit Honig und auch mit Vieh, und doch war er in
unserem Ort sehr geachtet, mußt du wissen. Alt war er auch schon, an die
siebenzig Jahr, die Knochen wurden ihm schon steif, hatte einen grauen
langen Bart, war ein großer Mann. Kam er so im Fuchspelz auf den Markt,
da wurde er von allen Seiten gegrüßt. Sehr ehrerbietig. – ‚Guten Tag,
Väterchen Ankudim Trofimytsch!‘
‚Hab auch du einen guten Tag,‘ sagt er. Keinen, wie du siehst,
verachtete er.
‚Laßt’s Euch wohlgehen, Ankudim Trofimytsch!‘
‚Danke, wie geht es Euch?‘ fragt er.
‚Ach, unsere Geschäfte sind weiß wie Ruß,[10] wie aber geht es Euch,
Väterchen?‘
‚Auch wir leben,‘ sagt er, ‚trotz unserer Sünden.‘
‚So laßt’s Euch denn wohlgehen, Ankudim Trofimytsch!‘ Niemand also wird
von ihm verachtet, und spricht er, so ist jedes Wort einen Rubel wert.
Er war auch sehr bibelkundig, verstand zu lesen und zu schreiben, er las
aber nur die heilige Schrift. Dann setzte er die Alte, sein Weib, vor
sich hin: ‚Jetzt höre, Weib, und begreife!‘ sagt er, und dann fängt er
an, auszulegen und alles zu erklären, wie das da gemeint ist. Aber seine
Alte war noch gar nicht alt, sie war seine zweite Frau, die er sozusagen
der Kinder wegen geheiratet hatte, denn von der ersten hatte er keine.
Nun, aber von der zweiten, der Maria Stepanowna, hatte er zwei noch
unerwachsene Söhne, von denen der jüngere, Wassjä, ihm noch mit sechzig
Jahren geboren worden war, und außerdem hatte er noch eine Tochter,
Akulka, das war die älteste und damals achtzehn Jahre alt.“
„Und das war sie, deine Frau?“
„Wart, zuerst kommt noch Filka Morosoff. Du, sagt der Filka dem Ankudim,
zahl mir mal jetzt das Geld aus; gib mir alle vierhundert her. Ich will
nicht mit dir handeln und deine Akulka, sagt er, will ich auch nicht.
Jetzt, sagt er, lebe ich blau. Meine Eltern, sagt er, sind jetzt
gestorben, daher werde ich jetzt mein Geld versaufen und dann gehe ich
unter die Soldaten und komme nach zehn Jahren als Feldmarschall wieder.
Ankudim gab ihm auch richtig das Geld ab, denn sein Vater und Ankudim
hatten mit gemeinschaftlichem Kapital gehandelt. – ‚Ein verlorener
Mensch bist du,‘ sagt ihm der Alte. Er aber antwortet ihm: ‚Nun, noch
weiß man nicht, ob ich verloren bin, bei dir aber, du Graubart, kann man
ja nur lernen, mit dem Pfriem Milch zu löffeln. Du,‘ sagt er, ‚willst
mit jeder Kopeke reich werden, sammelst noch jeden Schmutz, weil er sich
vielleicht doch noch zur Kohlsuppe eignet. Ich aber spucke darauf. Du
sammelst und sammelst, bis du des Teufels bist. Ich aber,‘ sagte er,
‚ich habe Charakter! Deine Akulka aber nehme ich trotzdem nicht; ich
habe,‘ sagte er, ‚sowieso schon mit ihr geschlafen ...‘
‚Was!‘ schreit Ankudim, ‚wie wagst du es, eines ehrenhaften Vaters
ehrenhafte Tochter zu beschimpfen! Wann hast du mit ihr geschlafen, du
Schlangenbrut, du Hechtsblut!‘ Und selbst bebt er am ganzen Körper. So
erzählte Filka später.
‚Haha, nicht nur keinen Filka Morosoff wird sie jetzt bekommen,‘ sagt
er, ‚ich werde dafür sorgen, daß Eure Akulka überhaupt keiner mehr
nehmen wird, auch der Mikita Grigorjitsch nicht, denn sie ist ja doch
ehrlos. Schon seit dem Herbst haben wir zusammengelebt, jetzt aber gehe
ich für keine hundert Krebse mehr darauf ein. Versuch doch: leg mir
gleich hundert auf den Tisch, da wirst du sehen, daß ich nicht
einwillige ...‘
Und da hub dann das Prassen an, das war was! Die ganze Erde drehte er
um, durch die ganze Stadt hörte man seine Gelage. Er hatte sich noch
Freunde ausgesucht, einen Haufen Geld besaß er, drei Monate lang wurde
gepraßt, bis alles aus war. ‚Ich werde,‘ sagte er bisweilen, ‚wenn das
Geld alle ist, das Haus verkaufen, alles verkaufen, und dann gehe ich
unter die Landstreicher oder unter die Soldaten!‘ Vom Morgen bis zum
Abend praßte er und fuhr mit einem schellengeschmückten Zweispänner
durch die Stadt. Aber die Mädels liebten ihn wie keinen anderen, so
etwas sieht man gar nicht wieder. Auch verstand er gut zu spielen, und
er spielte auf allen Instrumenten.“
„Dann hatte er also mit der Akulka schon vorher die Sache gehabt?“
„Wart nur. Ich hatte damals auch gerade meinen Vater beerdigt, und meine
Mutter backte Pfefferkuchen, arbeitete also auch für Ankudim, und davon
lebten wir. Wir hatten aber ein schlechtes Leben. Nun, wir hatten auch
unser Landstück hinter dem Walde, säten auch unser Korn, aber nach dem
Tode des Vaters war es doch aus mit der Herrlichkeit, denn auch ich
lebte blau, mußt du wissen. Von der Mutter holte ich das Geld mit
Schlägen heraus ...“
„Das ist nicht gut, wenn du sie geschlagen hast. Das ist eine große
Sünde.“
„Ich war aber, mußt du wissen, vom Morgen früh bis Abend spät besoffen.
Unser Häuschen ging noch an, nichts zu sagen, war es auch verfault, so
gehörte es doch uns, aber innen drin da war nichts zu beißen. Da saßen
wir denn ohne Essen und kauten manche Woche am Hungertuch. Die Mutter
schilt mich, aber was mache ich mir draus! ... Ich, mußt du wissen, wich
damals keinen Schritt von Filka Morosoff. Vom Morgen bis zum Abend war
ich bei ihm. ‚Spiel,‘ sagte er, ‚auf der Gitarre und tanz, ich aber
werde liegen und Geld auf dich werfen, denn ich bin der reichste
Mensch.‘ Und was er nicht alles tat! Nur Gestohlenes nahm er nicht. ‚Ich
bin kein Dieb,‘ sagt er, ‚sondern ein ehrlicher Mensch.‘ – Und eines
Tages sagte er: ‚Kommt, gehen wir und streichen wir der Akulka die
Haustür mit Pech an, denn ich will nicht, daß sie Mikita Grigorjitsch
heiratet. Das ist mir jetzt wichtiger als alles andere,‘ sagt er.
Ankudim aber hatte schon früher die Absicht gehabt, das Mädchen dem
Mikita Grigorjitsch zu geben. Mikita war auch schon alt, ein Witwer mit
einer Brille auf der Nase, und er handelte gleichfalls. Als der nun
hörte, was für Gerüchte über Akulka umgingen, da sagte er natürlich ab.
‚Mir, Ankudim Trofimytsch,‘ sagt er, ‚mir würde es zur großen Unehre
gereichen, und auch will ich in meinen alten Jahren überhaupt nicht mehr
heiraten.‘
Und so gingen wir und strichen Akulkas Tür mit Pech an. Sie aber wurde
dafür geprügelt, unaufhörlich geprügelt ... Marja Stepanowna schreit:
‚Das überlebe ich nicht!‘ und der Alte sagt: ‚In alter Zeit und unter
ehrsamen Patriarchen würde ich sie,‘ sagt er, ‚an dem Scheiterhaufen
totgeprügelt haben, heutzutage aber,‘ sagt er, ‚ist in der Welt nichts
als Finsternis und Fäulnis.‘ Die Nachbarn in der ganzen Straße hatten
die Akulka schreien gehört: sie wurde vom Morgen bis zum Abend
geschlagen. Filka aber sagt auf dem Markt, daß es alle hören: ‚Ein
prächtiges Mädchen ist die Akulka, meine Freundin. Hübsch gewachsen,
rein gekleidet, fragt mal, wen sie liebt! Ich,‘ sagt er, ‚ich habe ihnen
dort eins auf die Nase gegeben, das werden sie nicht sobald vergessen.‘
Da traf auch ich einmal die Akulka, als sie mit Wassereimern ging, ich
aber schrie ihr nach: ‚Guten Tag, Akulina Kudimowna! ich grüße Euer
Gnaden! Sauber bist du, woher kommt das, sag mal, wen du liebst!‘ Sie
aber blickte mich nur einmal an, so große Augen hatte sie, selbst aber
war sie so mager geworden wie ein Holzspan. Als sie mich anblickte,
glaubte ihre Mutter, daß sie mir zulachte, und schrie ihr vom Hoftor zu:
‚Lachst du schon wieder, du Schamlose!‘ Und so wurde sie an diesem Tage
wieder geprügelt. Eine ganze geschlagene Stunde. ‚Ich werde sie noch
totprügeln, sie ist nicht mehr meine Tochter,‘ schrie die Mutter.“
„Sie war also eine Herumtreiberin?“
„Nein, du, höre nur zu, Freundchen. Als wir so immer noch fortfahren,
Filka und ich, zu trinken, da kam eines Tages meine Mutter zu mir, ich
aber lag auf dem Rücken. ‚Was liegst du, Elender,‘ sagt sie, ‚du Räuber,
du Tagedieb!‘ Schimpft mich also. ‚Heirate doch,‘ sagt sie, ‚die Akulka
ist jetzt zu haben, heirate sie. Die Alten werden froh sein, wenn sie
noch einen wie du für sie bekommen. Und dreihundert Rubel geben sie
allein in barem Geld.‘ Ich aber sage: ‚Aber sie ist doch jetzt,‘ sage
ich, ‚vor der ganzen Welt entehrt!‘ – ‚Du Dummkopf,‘ sagt sie, ‚mit dem
Kranz ist alles gutgemacht, und für dich ist es doch um so besser, wenn
sie schuldig vor dir ist: Wir aber werden das Geld brauchen können. Ich
habe schon,‘ sagt sie, ‚mit Marja Stepanowna gesprochen. Sie hörte mir
sehr aufmerksam zu.‘ Ich aber sage: ‚Geld, zwanzig Rubel in Silber auf
den Tisch, dann heirate ich.‘ – Und was glaubst du wohl: ich war in
einem Strich bis zur Hochzeit besoffen. Und da kam noch Filka Morosoff
mit seinen Drohungen:
‚Ich werde dir,‘ sagte er, ‚als Akulinas Mann, alle Rippen eindrücken
und mit deinem Weibe, wenn ich nur will, jede Nacht zusammenschlafen.‘
Ich aber sage ihm: ‚Das lügst du, du Hund!‘ Da aber hat er mir auf
offener Straße solche Schmach angetan, daß ich nach Hause ging und
sagte: ‚Ich will nicht heiraten, wenn man mir nicht sofort noch fünfzig
Rubel auf den Tisch legt!‘“
„Und man gab sie dir auch wirklich zum Weibe?“
„Mir? Weshalb sollte man nicht? Wir waren doch keine ehrlosen Leute.
Mein Vater hatte erst in der letzten Zeit durch eine Feuersbrunst alles
verloren, früher aber hatten wir noch reicher als sie gelebt. Ankudim
sagte wohl: ‚Du hast nichts.‘ – Ich aber antwortete ihm: ‚Das schon,
aber bei Euch hat man die Türpfosten mit Pech beschmiert.‘ – Er aber
sagt: ‚Willst du jetzt noch großtun? Beweise du zuerst, daß sie
unehrlich ist, allen Menschen kann man nicht den Mund zubinden. Hier ist
Gott und dort ist die Tür,‘ sagt er, ‚du brauchst das Geld nicht zu
nehmen. Nur mußt du das erhaltene zurückgeben.‘ Da machte ich denn mit
Filka Morosoff ein Ende: ich ließ ihm durch Mitrij Bykoff sagen, daß ich
ihn jetzt vor der ganzen Welt ehrlos machen würde, aber bis zur
Hochzeit, mußt du wissen, war ich in einem Strich besoffen. Erst vor der
Trauung erwachte ich. Als wir dann aus der Kirche wieder zurückgekommen
waren und man uns hingesetzt hatte, da sagte Mitrofan Stepanytsch, also
der Onkel:
‚Wenn es auch nicht ehrenhaft ist, so ist es doch fest, die Sache ist
jetzt gemacht, vollzogen, und damit abgetan.‘
Der Alte, der Ankudim, war gleichfalls betrunken und weinte, saß auf
seinem Stuhl, und die Tränen rollten ihm über die Backen in den Bart.
Nun, ich aber, Freundchen, machte es damals so: ich steckte eine Knute
in die Tasche, die ich schon vor der Trauung bereitgelegt hatte, und so
beschloß ich denn, mich an der Akulka zu rächen, damit sie wußte, was
das heißt, durch ehrlosen Betrug einen Mann zu bekommen, und damit auch
die anderen erführen, daß ich sie nicht als Narr geheiratet hatte ...“
„Ganz recht! Damit sie es sich für nächstens merkt ...“
„Nein, Freundchen, du wart noch etwas und hör mich an. In unserer Gegend
ist es Sitte, daß man sogleich von der Trauung ins Hochzeitsgemach geht,
die anderen aber trinken inzwischen ruhig weiter. Und so ließ man denn
uns beide allein im Hochzeitsgemach. Sie sitzt so bleich auf dem
Bettrand, kein Blutstropfen im Gesicht. Das war die Angst, mußt du
wissen. Ihr Haar war auch ganz wie Flachs so hell. Und ihre Augen waren
blau und groß. Und immer schwieg sie, nie hörte man sie, ganz wie eine
Stumme im Hause. Ganz wunderbar war sie. Aber was meinst du wohl,
Freundchen, kannst du dir das denken: ich hatte doch schon die Knute
vorbereitet und hier gleich neben dem Bett hingelegt, sie aber war,
Freundchen, sie aber war, wie sich zeigte – vollkommen unschuldig vor
mir.“
„Was!?“
„Ganz und gar. Wie jede andere Ehrenwerte aus ehrenwertem Hause. Aber
nun sag du mir doch, Freundchen, wofür hatte sie nun nach alledem diese
Qualen erduldet! Warum hatte denn der Filka Morosoff sie vor der ganzen
Welt entehrt?“
„Hm, ja ...“
„Da kniete ich denn vor ihr nieder, gleich dort vor dem Bett, faltete
die Hände: ‚Täubchen,‘ sage ich, ‚Akulina Kudimowna, verzeih mir dummen
Menschen, daß ich dich auch für so eine gehalten habe. Verzeih mir,‘
sage ich, ‚mir Elendem!‘ Sie aber sitzt vor mir auf dem Bett, sieht mich
an, legt mir beide Hände auf die Schultern, lacht, aber dabei rollen ihr
die Tränen über die Wangen; sie lacht und weint ... Wie ich da zu den
anderen wieder hinausging, da sagte ich: ‚Begegnet mir jetzt noch einmal
Filka Morosoff, so hat er zum längsten auf der Welt gelebt!‘ Die Alten
aber wußten gar nicht mehr, wie sie noch beten sollten: die Mutter fiel
ihr zu Füßen und schrie fast vor Schluchzen. Der Alte aber sagte:
‚Hätten wir es nur gewußt oder geahnt, so hätten wir dir, meine geliebte
Tochter, einen ganz anderen Mann ausgesucht.‘ Und wie wir am nächsten
Sonntag in die Kirche gingen, da trug ich eine schmucke Fellmütze, einen
Rock aus feinem Tuch und Beinkleider in reichen Falten. Sie trug einen
neuen Hasenpelz und ein seidenes Tüchlein. Siehst du, so gingen wir. Die
Leute hatten ihre Freude an uns ...“
„Nun, schön.“