finden sich – allerdings nur im Keim – fast in jedem Menschen unserer
Zeit, doch entwickeln sich diese tierischen Eigenschaften nicht in allen
gleich stark. Wenn sie in einem Menschen alle seine anderen
Eigenschaften mit ihrer Entwicklung ersticken, so wird derselbe
natürlich zu einem Ungeheuer. Es gibt zwei Arten von Henkern: die einen
sind freiwillige, die anderen unfreiwillige, verpflichtete. Der
freiwillige Henker steht selbstverständlich in jeder Beziehung noch
tiefer als der unfreiwillige, den jedoch das Volk bis zum Entsetzen
verabscheut, bis zum Ekel, bis zur sinnlosen, beinahe schon mystischen
Angst. Woher kommt nun diese abergläubische Angst vor dem einen Henker
und dieser Gleichmut, dieses Gutheißen, möchte man fast sagen, dem
anderen gegenüber? Es gibt wirklich sonderbare Beispiele hierfür: ich
habe Menschen gekannt, die gut und ehrenhaft und geachtet waren, und
dabei konnten sie es nicht ruhig ertragen, wenn der Gezüchtigte unter
den Rutenstreichen nicht schrie, nicht um Vergebung, um Erbarmen flehte:
er mußte unbedingt schreien und betteln, so war es einmal angenommen, so
mußte es sein. Das galt für notwendig und „anständig“, und als das Opfer
einmal nicht schreien wollte, da hielt sich der Befehlshaber, den ich
persönlich kannte und der sonst zu den, nun ja, zu den guten Menschen
gerechnet werden konnte, fast für persönlich beleidigt. Er hatte anfangs
beabsichtigt, nur leicht zu bestrafen, als er aber das übliche „Euer
Gnaden, unser Vater, erbarmt Euch, laßt mich ewig Gott für Euch bitten,“
und ähnliches nicht vernahm, da geriet er förmlich in Wut und ließ noch
fünfzig überflüssige Streiche hinzugeben, nur um ihn doch noch zum
Schreien und Bitten zu bringen – was ihm dann auch glücklich gelang.
„Das darf man nicht zulassen, es ist eine Frechheit von ihm,“ antwortete
er mir durchaus ernst. Was nun den anderen Henker anbetrifft, den
unfreiwilligen, verpflichteten, so weiß man ja, wer er ist: ein zur
Zwangsarbeit verurteilter Verbrecher, der zum Henkerdienst begnadigt
worden ist, und der, nachdem er zuerst bei einem anderen Henker das
Handwerk erlernt hat, auf Lebenszeit in einem Ostrogg untergebracht
wird. Dort hat er, abgesondert von den anderen, sein eigenes Zimmer,
sogar seine eigene Wirtschaft, befindet sich jedoch stets unter
Aufsicht. Ein lebender Mensch ist natürlich keine Maschine: freilich
schlägt der Henker, nur weil er dazu verpflichtet ist, aber zuweilen
gerät er doch in Eifer; doch wenn er auch nicht ohne eigenes Vergnügen
schlägt, so hat er doch nicht den geringsten persönlichen Haß gegen sein
Opfer. Die Sicherheit des Schlages, die Kenntnis seiner Kunst, der
Wunsch, sich vor seinen Genossen und dem Volke zu zeigen, spornt seinen
Ehrgeiz an. Es ist ihm nur um die Kunst zu tun. Außerdem weiß er, daß er
ein von allen Ausgestoßener ist, daß ihn eine abergläubische Angst
überall empfängt und begleitet, und wer kann es wissen, ob dieses
Bewußtsein keinen Einfluß auf ihn hat, seinen Eifer, seine tierischen
Neigungen nicht anfacht. Sogar jedes Kind weiß, daß Vater und Mutter
sich von ihm lossagen. Eigentümlich, soviel ich Henker zu sehen
Gelegenheit gehabt habe, waren sie ausnahmslos entwickelte Leute,
verständig und klug, und es steckte ungewöhnliche Eigenliebe, sogar
offenbar Stolz in ihnen. Möglich, daß dieser Stolz sich in ihnen als
Gegengewicht zur allgemeinen Verachtung herausbildet, im Bewußtsein des
Entsetzens, das sie ihrem Opfer einflößen, und aus dem Gefühl der
Herrschaft über ihn, – ich weiß es nicht. Vielleicht trug auch das ganze
schauspielhafte Drum und Dran, mit dem er vor dem Volke erscheint, zur
Entwicklung eines gewissen Hochmuts bei. Ich hatte eine Zeitlang
Gelegenheit, oft und aus der nächsten Nähe einem Henker zu begegnen und
ihn zu beobachten. Er war mittelgroß, muskulös, dabei aber hager,
vierzig Jahre alt, mit einem recht sympathischen, klugen Gesicht und
lockigem Haar. Er war stets ungewöhnlich vornehm, ruhig; äußerlich hielt
er sich wie ein Gentleman, antwortete immer kurz, verständig und sogar
freundlich, aber doch etwas hochmütig freundlich, als wäre er wirklich
stolz gewesen. Die wachhabenden Offiziere redeten ihn nicht selten an
und – mein Wort! – sie taten es mit einer gewissen Achtung seiner
Person. Er aber merkte dies sehr wohl, und verdoppelte im Gespräch mit
Vorgesetzten absichtlich seine Höflichkeit, Trockenheit und die eigene
Würde. Je freundlicher der Vorgesetzte mit ihm sprach, um so
zurückhaltender wurde er, und wenn er auch nie die feinste Höflichkeit
vergaß, so bin ich doch überzeugt, daß er sich selbst viel vornehmer
fühlte, als der mit ihm sprechende Vorgesetzte. Das stand förmlich auf
seinem Gesicht geschrieben. Es kam vor, daß er zuweilen an sehr heißen
Sommertagen mit einem sehr langen, dünnen Stock – natürlich unter
Eskorte – ausgeschickt wurde, um die herrenlosen Hunde in der Stadt zu
töten. In unserem Städtchen gab es ungeheuer viel Hunde, die absolut
niemand gehörten, und sie vermehrten sich erschreckend schnell. Im
Sommer, namentlich in der Ferienzeit, waren sie gefährlich, und so wurde
denn auf Befehl der Obrigkeit der Henker zu ihrer Vernichtung
ausgesandt. Doch selbst diese erniedrigende Tätigkeit vermochte ihn dem
Anschein nach nicht im geringsten zu erniedrigen. Man hätte sehen
müssen, mit welch einer Würde er durch die Straßen schritt, in
Begleitung des ermüdeten Soldaten, und allein schon durch sein
Erscheinen die ihn erblickenden Frauen und Kinder erschreckte, und wie
ruhig, ja sogar hochmütig er auf alle ihm Begegnenden herabsah. Übrigens
haben die Henker ein bequemes Leben. Sie haben Geld, essen gut, können
sogar Wein trinken. Das Geld erhalten sie in Gestalt von „Sporteln“, die
die Verurteilten ihnen zahlen. Jeder bürgerliche Verbrecher, dem eine
Bestrafung bevorsteht, wird dem Henker unbedingt etwas schenken, und
wenn es auch das letzte ist, was er hat. Von den Reicheren aber
verlangen sie Geld und bestimmen selbst die Höhe der Summe, entsprechend
ihren mutmaßlichen Mitteln, sogar bis zu dreißig Rubeln, zuweilen aber
noch höher. Mit sehr Reichen handeln sie lange. Natürlich kann der
Henker nicht allzu milde bestrafen, da er dafür mit dem eigenen Rücken
haftet. Doch verspricht er für eine bestimmte Entschädigung, nicht gar
zu schmerzhaft zu schlagen. Fast ausnahmslos geht man auf seinen
Vorschlag ein, denn tut man es nicht, so bestraft er allerdings
barbarisch, was ja ganz in seiner Macht liegt. Mitunter fordert er auch
von einem Unbemittelten eine hohe Summe; dann kommen die Verwandten und
versuchen mit ihm zu handeln, machen ihm viele Bücklinge, doch wehe,
wenn sie seinen Forderungen nicht nachkommen. In solchen Fällen hilft
ihm viel die abergläubische Angst, die er den Leuten einflößt. Es ist
kaum auszudenken, was von den Henkern alles erzählt wird! Übrigens
versicherten die Sträflinge, daß der Henker mit einem einzigen Schlage
einen Menschen totschlagen könne. Wann aber war das erprobt worden? Doch
schließlich, warum nicht? Man sprach davon gar zu überzeugt und der
Henker selbst bürgte mir dafür, daß er es tatsächlich könne. Auch wurde
erzählt, daß er weit ausholen und aus aller Kraft über den Rücken des
Schuldigen schlagen könne, und daß trotzdem nicht die kleinste Wunde
entstehe, nicht einmal ein roter Streifen, und der Geschlagene nicht den
geringsten Schmerz verspüre. Aber von all diesen Tricks sind ja viele
nur zu bekannt. Doch selbst wenn der Henker eine Bestechung nimmt und
milde zu strafen verspricht, so gehört der erste Schlag trotz allem
_ihm_, den gibt er stets aus voller Kraft, den schenkt er für kein Geld.
Es ist dies bei ihnen gewissermaßen schon so Sitte. Die folgenden Hiebe
mildert er, namentlich, wenn man ihm vorher gezahlt hat. Der erste
Streich aber, gleichviel ob man ihm gezahlt hat oder nicht, – der gehört
ihm. Ich weiß wirklich nicht, warum es bei ihnen so angenommen ist.
Vielleicht um das Opfer sogleich an die anderen Schläge zu gewöhnen, in
der Erwägung, daß nach einem sehr schweren Schlage die leichteren nicht
mehr so qualvoll erscheinen, oder auch nur, um dem Opfer zu imponieren,
dem Jungen Angst einzuflößen, ihn zu erschrecken, damit er begreife, mit
wem er es zu tun hat, oder einfach – um sich und seine Macht zu zeigen.
Jedenfalls befindet sich der Henker vor der Exekution in angeregter
Stimmung, er ist sich seiner Kraft und Macht bewußt, er fühlt sich als
Herrscher, er ist gleichsam Schauspieler: die ganze Volksmenge bewundert
ihn, allen flößt er Entsetzen ein, und selbstverständlich ruft er seinem
Opfer nicht ohne Genugtuung zu: „Halt dich fest, es brennt!“ – die
üblichen erschreckenden Worte bei dieser Gelegenheit. Es ist schwer,
sich vorzustellen, bis zu welchem Grade die menschliche Natur sich
entstellen läßt.
In der ersten Zeit meines Aufenthaltes im Lazarett hörte ich stets
wißbegierig diesen Erzählungen der Arrestanten zu. Das Liegen war uns
allen entsetzlich langweilig. Jeder Tag dem anderen so ähnlich! Am
Morgen zerstreute uns noch der Besuch der Ärzte und dann bald nach ihnen
das Essen. Ja, das Essen bildete in dieser Monotonie begreiflicherweise
sogar eine bedeutende Zerstreuung. Die Portionen waren sehr verschieden,
je nach der Krankheit der einzelnen. Die einen erhielten nur Suppe mit
Graupen, andere nur Brei, wieder andere nur Griesmehlbrei, für den es
sehr viele Liebhaber gab. Die Sträflinge waren vom langen Liegen
verweichlicht und liebten Leckerbissen. Die Rekonvaleszenten und auch
die erst halbwegs Gesunden erhielten ein Stück gekochtes Rindfleisch,
einen „Ochsen“, wie man bei uns sagte. Das beste Essen erhielten die
Skorbutkranken: Rindfleisch mit Zwiebeln oder mit Meerrettich und
ähnliches mehr, zuweilen sogar ein Glas Branntwein. Auch das Brot wurde
je nach der Krankheit gegeben, aus Roggenmehl oder Weizenmehl oder aus
beidem gemischt, und gut durchgebacken. Diese Bestimmung der Größe und
Art der Portionen erheiterte die Sträflinge nur. Manche Kranken mochten
nämlich nichts essen, und aßen auch nichts. Dafür aber aßen diejenigen,
die Appetit verspürten, was sie nur wollten. Viele tauschten ihre
Portionen unter einander, so daß Portionen, die nur für den einen
Kranken bestimmt waren, von einem anderen verzehrt wurden. Viele, die
Diät halten mußten, kauften Rindfleisch oder die ganze Portion eines
Skorbutkranken, tranken Kwas oder Branntwein, den sie Skorbutkranken
abkauften, für die er bestimmt war. Einige verzehrten sogar zwei
Portionen. Diese Portionen wurden für Geld gekauft und wieder verkauft.
Das Rindfleisch stand sogar ziemlich hoch im Preise: es kostete nichts
weniger als fünf Kopeken in bar. War in unserem Raum keines zu haben, so
schickte man den Wärter in den anderen Sträflingssaal, und gab es dort
auch keines, dann in die Soldatensäle, in die „freien“, wie man bei uns
sagte. Doch fand sich stets ein Verkäufer. Die Armut war natürlich
allgemein, dafür aber schickten die wenigen, die Geld besaßen, bis hin
auf den Markt nach Kalatschen, sogar nach Naschwerk und ähnlichen
Dingen. Unsere Wärter erfüllten alle diese Aufträge ohne jede
Entschädigung.
Nach dem Mittagessen begann die langweiligste Zeit: alles was getan
wurde, geschah buchstäblich nur aus Langeweile: der eine schlief, der
andere schwatzte, der dritte stritt, der vierte erzählte irgend etwas,
doch so, daß ihn alle hören konnten. Kamen keine neuen Kranken, so war
es noch langweiliger. Dagegen brachte die Ankunft eines Neuen stets
einen gewissen Eindruck hervor, namentlich wenn ihn niemand kannte. Er
wurde eingehend betrachtet, und man mühte sich, herauszubekommen, wer er
war und wie, woher, und für welches Vergehen verschickt. Am meisten
interessierte man sich für die auf dem Transport befindlichen: sie
wußten immer etwas zu erzählen, übrigens niemals von ihren persönlichen
Angelegenheiten; und wenn einer nicht unaufgefordert davon sprach, so
fiel es auch keinem ein, ihn danach zu fragen. Man erkundigte sich nur,
woher der Trupp kam, mit wem er marschiert war, wohin es ging, wie die
Wege sind, usw. Einige, die die neue Erzählung hörten, erinnerten sich
dann auch des einen oder anderen, das sie selbst auf dem Marsch gesehen
oder erlebt hatten. Die mit Spießruten Bestraften erschienen gleichfalls
um diese Zeit – gegen Abend. Sie machten gewöhnlich einen ziemlich
starken Eindruck auf uns alle, wie ich das ja schon erwähnt habe. Aber
die kamen doch nicht jeden Tag, und so war es an den Tagen, wenn niemand
kam, ganz entsetzlich langweilig: alle schienen gleichsam schlaff zu
werden, alle schienen der Gesichter der übrigen unendlich überdrüssig zu
sein, und bald kam es zu Zank und Streit. Man freute sich bei uns sogar
über die Wahnsinnigen, die zur Untersuchung zu uns gebracht wurden. Hin
und wieder stellte sich auch wohl ein Sträfling, um der Bestrafung zu
entgehen, irrsinnig; einige von ihnen wurden bald überführt, oder
richtiger, sie entschlossen sich selbst, ihre Politik zu ändern, so daß
der Sträfling, nachdem er zwei oder drei Tage lang den Verrückten
gespielt hatte, ganz plötzlich, mir nichts dir nichts, wieder vernünftig
wurde, verstummte und dann mit finsterer Miene um seine Entlassung bat.
Weder die Ärzte noch die anderen Sträflinge tadelten oder beschämten
ihn, oder erinnerten ihn an seine verdrehten Possen: schweigend wurde er
entlassen, schweigend begleitet, und nach zwei oder drei Tagen kam er
bestraft zurück. Doch solche Fälle waren im allgemeinen recht selten.
Aber die tatsächlich Verrückten – die waren eine wahrhaftige Heimsuchung
Gottes für das ganze Lazarett. Einige von ihnen, die lachend und
schreiend, tanzend und singend hereintraten, wurden von den Sträflingen
fast mit Entzücken empfangen: „Das ist doch mal eine Unterhaltung!“
meinten sie, beim Anblick eines solchen Grimassenschneiders. Mir aber
war es unsäglich schwer, diese Unglücklichen zu sehen. Ich habe es nie
vermocht, beim Anblick eines Irrsinnigen gleichmütig zu bleiben.
Gleichwohl wurden bald alle der ununterbrochenen Grimassen und des ewig
unruhigen Gebarens des anfänglich so erfreut begrüßten Irrsinnigen
entsetzlich überdrüssig und schon nach zwei Tagen waren sämtliche
Zimmergenossen um den Rest ihrer Geduld gebracht. Einmal strafte uns die
Vorsehung mit einem solchen ganze drei Wochen lang, und es war wirklich
um auf die Wände zu kriechen – hatte man bis dahin noch nie an Flucht
aus dem Lazarett gedacht, so wurde einem dieser Gedanke jetzt unheimlich
nahe gelegt. Und da schickte uns das Schicksal in derselben Zeit noch
einen zweiten Wahnsinnigen! Dieser machte auf mich einen grauenvollen
Eindruck. Es war das im dritten Jahr meines Ostrogglebens. Im ersten
Jahr, oder richtiger, in den ersten Monaten ging ich im Frühling mit
Ofensetzern als Handlanger in eine zwei Werst entfernte Ziegelbrennerei.
Die Brennöfen mußten für den Sommer, wenn das Ziegelbrennen wieder
begann, instand gesetzt werden. Am ersten Morgen machten mich M–tzkij
und B. mit dem in der Brennerei als Aufseher lebenden Unteroffizier
Ostroshskij bekannt. Er war Pole, etwa sechzig Jahre alt, groß von
Wuchs, hager, von angenehmem und sogar imponierendem Äußeren. In
Sibirien lebte er schon seit langer Zeit und wenn er auch aus dem
einfachen Volke stammte und als Soldat nicht sehr gebildet war, so wurde
er doch von M–tzkij und B. geliebt und geachtet. Er las beständig in der
katholischen Bibel. Ich unterhielt mich mit ihm und er sprach so
freundlich, verständig, wußte so interessant zu erzählen und blickte
einen so gutmütig und ehrlich an. Seit der Zeit hatte ich ihn ganze zwei
Jahre nicht gesehen, nur einmal hatte ich gehört, daß er sich in
Untersuchungshaft befinde. Und nun plötzlich wurde er als Irrsinniger zu
uns hereingeführt. Lachend, kreischend trat er ein und begann sofort mit
den unanständigsten Gesten einen Tanz, ähnlich wie die Kamarinskaja, zu
tanzen. Die Sträflinge waren entzückt, begeistert, mir aber wurde sehr
traurig zumut ... Nach drei Tagen wußten wir nicht mehr, was wir mit ihm
anfangen sollten. Er stritt, schimpfte sich mit allen und jedem herum,
raufte, schrie, gröhlte, sang Lieder, sogar in der Nacht, machte in
jedem Augenblick so ekelhafte Bewegungen, daß uns allen geradezu übel
wurde. Er fürchtete sich vor nichts und niemand. Schließlich wurde ihm
eine Zwangsjacke angezogen, zumal er ohne sie auf jeden losging und sich
mit ihm prügelte und balgte. In diesen drei Wochen erhoben sich zuweilen
alle Kranken wie ein Mann und baten den Oberarzt, unseren Friedensstörer
zum Teufel oder in den anderen Arrestantenkrankensaal überführen zu
lassen. Dort aber wurde der Arzt schon nach zwei Tagen gebeten, ihn
wieder zu uns zurückzuschicken. Da es aber zu gleicher Zeit zwei
Verrückte gab, die beide rabiate Schreihälse und Raufbolde waren, so
tauschten die Arrestantensäle immer abwechselnd mit ihren „Landplagen“.
Aber der eine war nicht besser als der andere. Alle atmeten auf, als man
sie endlich irgendwohin fortschickte ...
Auch erinnere ich mich noch eines anderen seltsamen Geisteskranken.
Einmal im Sommer brachte man einen Verurteilten, einen dem Anscheine
nach gesunden, nur etwas eigentümlichen Mann von fünfundvierzig Jahren,
mit einem von Blatternarben völlig verunstalteten Gesicht, kleinen
roten, eingekniffenen Augen und mürrischer, finsterer Miene. Ihm wurde
das Bett neben mir zugewiesen. Er war, wie sich zeigte, ein friedlicher,
ruhiger Mensch, der mit niemand sprach und beständig wie in Nachdenken
versunken dasaß. Es dunkelte bereits, – da wandte er sich plötzlich an
mich: ohne jede Einleitung begann er mir sofort zu erzählen, und zwar
mit einem Gesichtsausdruck, als teile er mir ein ungeheures Geheimnis
mit, daß er zu zweitausend Hieben verurteilt sei, doch werde ihm jetzt
nichts geschehen, da die Tochter des Obersten G. sich für ihn verwende.
Ich blickte ihn verwundert an und äußerte meine Meinung, daß in diesem
Falle die Tochter eines Obersten nichts zu tun vermöge. Ich ahnte noch
nichts, denn er war nicht als Irrsinniger, sondern als gewöhnlicher
Kranker gebracht worden. Ich fragte ihn, woran er denn leide, er aber
sagte, er wisse es selbst nicht, – daß man ihn aus irgend einem Grunde
hergeschickt habe, er aber vollkommen gesund sei, und die Tochter des
Obersten sich in ihn verliebt habe. Sie sei einmal, etwa vor einer
Woche, an der Hauptwache vorübergefahren, als er gerade zum vergitterten
Fensterchen hinausgesehen habe: sie hätte ihn erblickt und sich sofort
in ihn verliebt. Daraufhin sei sie unter verschiedenen Vorwänden bereits
dreimal auf der Hauptwache gewesen, das erstemal zusammen mit dem Vater,
um den Bruder, der dort Dienst hatte, zu sprechen, das zweitemal mit der
Mutter, um Almosen zu geben, und bei der Gelegenheit habe sie ihm im
Vorübergehen zugeflüstert, daß sie ihn liebe und die Aufhebung der
Strafe erwirken werde. Es war auffallend, mit wie feinen Einzelheiten er
mir diese ganze Ungereimtheit erzählte, die natürlich bis aufs Letzte in
seinem armen kranken Kopf entstanden war. An die Aufhebung seiner Strafe
glaubte er unerschütterlich. Von der leidenschaftlichen Liebe dieser
Dame zu ihm sprach er ruhig und überzeugt. Es war, ganz abgesehen von
der Unsinnigkeit des Ganzen, so unglaublich, eine derartig romantische
Liebesgeschichte eines jungen Mädchens von einem nahezu fünfzigjährigen
Greise zu hören, dessen Gesicht mürrisch, finster und von Blatternarben
völlig verunstaltet war. Da sieht man, was die Angst vor der Strafe mit
einer schüchternen, zaghaften Seele machen kann. Vielleicht hatte er in
dem beginnenden Irrsinn, der mit der wachsenden Angst von Stunde zu
Stunde zunahm, tatsächlich jemand durch das Fenster erblickt und – da
hatte dann seine Phantasie einen Ausweg gefunden. Dieser arme Soldat,
der wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch kein einziges Mal an
vornehme Damen gedacht, erfand plötzlich einen ganzen Roman, an den er
sich instinktiv wie an den letzten Strohhalm anklammerte. Ich hörte ihm
schweigend zu und teilte meine Vermutung den anderen Sträflingen mit.
Als aber diese ihn auszufragen suchten, da verstummte er aus
Schamgefühl. Am nächsten Tage untersuchte und befragte ihn der Oberarzt
lange Zeit, und da er ihm sagte, daß er ganz gesund sei, wie es sich
auch bei der Untersuchung gezeigt, so wurde er als gesund
ausgeschrieben, was wir jedoch erst nach dem Fortgang der Ärzte
erfuhren. So konnten wir sie denn nicht mehr über den wahren Sachverhalt
aufklären. Und zudem waren wir auch selbst noch nicht ganz sicher in
unserer Annahme. Die Schuld an dem Mißverständnis trug jedenfalls der
Vorgesetzte, vielleicht der Unteroffizier der Wache, der ihn ins
Lazarett geschickt hatte, ohne zu erklären, weswegen. Wahrscheinlich war
es eine Nachlässigkeit von ihm gewesen. Vielleicht aber hatten auch die
Absender nur mehr Irrsinn vermutet, als daß sie genau gewußt hätten, was
ihm fehlte, und ihn nur zur Untersuchung ins Lazarett geschickt. Aber
wie dem auch gewesen sein mag, jedenfalls wurde der Arme nach zwei Tagen
zur Züchtigung hinausgeführt, die ihn, wie es schien, infolge seiner
Unvorbereitetheit nicht wenig erschreckt haben mußte. Er glaubte es
nicht, daß man ihn bestrafen würde, glaubte es bis zum letzten
Augenblick nicht, und als man ihn wirklich durch die grüne Gasse zog, da
soll er nach der Polizei geschrieen haben. Im Lazarett wurde er diesmal,
da bei uns alle Betten besetzt waren, in das andere Arrestantenzimmer
gebracht. Ich erkundigte mich nach ihm und erfuhr, daß er in ganzen acht
Tagen mit keinem einzigen ein Wort gewechselt habe, anscheinend sehr
verwirrt und dabei auffallend traurig gewesen sei ... Bald darauf wurde
er irgend wohin fortgeschickt, nachdem sein Rücken zugeheilt war.
Wenigstens habe ich nie mehr etwas von ihm gehört.
Was nun die Medizin und das Einhalten der Diät anbetrifft, so befolgten,
soweit ich beobachtet habe, die Leichtkranken fast überhaupt nicht die
Anordnungen der Ärzte und nahmen gar keine Medizin ein. Die
Schwerkranken dagegen und überhaupt die wirklich Kranken liebten es
sehr, das Verordnete gewissenhaft zu erfüllen: pünktlich nahmen sie ihre
Mixturen und Pülverchen, doch zogen sie ihnen eigentlich äußere Mittel
vor. Schröpfköpfe, Blutegel, heiße Umschläge und Aderlassungen, die das
einfache Volk so gern hat und denen es so hingebend glaubt, waren eine
gern geduldete Behandlung, die ihnen sogar ein gewisses Vergnügen zu
bereiten schien. Unter anderem interessierte mich auch eine sehr
sonderbare Erscheinung. Dieselben Menschen, die im Ertragen der größten
Schmerzen von Stockhieben und Spießruten so überaus standhaft waren,
klagten nicht selten und jammerten stöhnend über irgendwelche kleinen
Schröpfköpfe. Waren sie nun durch das Liegen und das gute Essen so
verweichlicht oder stellten sie sich nur so – ich weiß es nicht zu
erklären. Freilich waren unsere Schröpfköpfe etwas anderer Art, als die
sonst üblichen. Das Instrument, mit dem die Haut zu diesem Zwecke
durchgeschnitten werden muß, hatte der Feldscher einmal, wohl schon vor
undenklichen Zeiten, verloren oder verdorben – infolgedessen war er
gezwungen, die notwendigen Einschnitte mit der Lanzette zu machen. Für
jeden Schröpfkopf sind bis zwölf solcher Einschnitte erforderlich, die
mit dem Instrument schnell und schmerzlos gemacht werden können: zwölf
kleine Messerchen schlagen alle zu gleicher Zeit ein, in einer
Viertelsekunde, und ein Schmerz ist kaum zu spüren. Die Lanzette dagegen
schneidet verhältnismäßig sehr langsam, der Schmerz wird fühlbar, und da
man zum Beispiel für zehn Schröpfköpfe hundertundzwanzig solcher
Einschnitte machen mußte, so war es alles in allem nicht angenehm. Auch
ich habe es am eigenen Körper erfahren – aber wenn es auch schmerzhaft
und nervenreizend ist, so ist es doch immerhin nicht so schmerzhaft, daß
man sich nicht hätte bezwingen können. Mitunter war es wirklich
lächerlich, zu sehen, wie so ein langer, gesunder Tölpel sich hin und
her wand und jammerte. Es erinnerte einen oft daran, wie mancher Mensch,
der in einer ernsten Angelegenheit fest und ruhig bleibt, zu Hause aber
wegen nichts und wieder nichts launisch ist, das vorgesetzte Essen nicht
anrührt, an allem mäkelt und über alles ungehalten ist: nichts ist ihm
recht, alle regen ihn auf, alle sind unhöflich zu ihm, alle quälen ihn,
– mit einem Wort, er ärgert sich vor lauter Fett, wie man zu sagen
pflegt, d. h. vor lauter Wohlergehen. Solche Menschen trifft man unter
Reichen nicht selten an, doch gibt es sie auch unter dem Volk. In
unserem Ostrogg nun waren sie, infolge des gezwungenen Zusammenlebens
mit anderen, keine Seltenheit. Zuweilen ließen die anderen es sich
angelegen sein, den verweichlichten Bauernsohn zu necken, oder der eine
oder andere schalt ihn gehörig: dann verstummte er sofort, ganz als
hätte er tatsächlich nur darauf gewartet, daß man ihn schimpfte, um dann
mit dem Jammern aufzuhören. Am wenigsten mochte Ustjänzeff dieses
Stöhnen leiden und so ließ er sich auch keine Gelegenheit entgehen, den
Betreffenden zu schimpfen. Überhaupt nahm er jede Schimpfgelegenheit
wahr. Das Schimpfen war ihm zum Vergnügen, zum Bedürfnis geworden, woran
natürlich seine Krankheit die Schuld trug, teilweise aber auch seine
Beschränktheit. Zuerst schaute er den Betreffenden ernst und aufmerksam
an, und dann erst begann er plötzlich, mit ruhiger, überzeugungsvoller
Stimme, ihm die Leviten zu lesen. Er hatte sich in alles einzumischen,
ganz als wäre er bei uns zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der
allgemeinen Sittlichkeit eingesetzt gewesen.
„Den geht alles etwas an,“ sagten die anderen lachend. Übrigens ging man
vorsichtig mit ihm um und vermied auch jeden Streit mit ihm, nur wurde
über ihn zuweilen gelacht.
„Der schwatzt dir aber was zusammen! Das können drei Fuhren nicht
fortschaffen.“
„Was, darf ich es denn nicht? Vor einem Narren zieht man nicht den Hut,
das ist doch bekannt. Warum schreit er denn unter der Lanzette? Wer
Honig liebt, darf auch über Bienenstiche nicht klagen, jetzt hast du
auszuhalten!“
„Was geht das dich an?“
„Nein, wißt ihr,“ unterbrach einer unserer Arrestanten aus dem Ostrogg,
„diese Schröpfköpfe, das ist noch nichts, – ich habe sie ausprobiert;
aber seht, der vermaledeiteste Schmerz ist, wenn einer einen lange am
Ohr zieht.“
Alle lachten.
„Hat man dich denn schon so gezogen?“
„Du dachtest wohl nicht? Selbstverständlich hat man.“
„Das merkt man. Deine Ohren stehen ja wie Scheuklappen ab.“
Der Arrestant, Schapkin hieß er, hatte allerdings sehr abstehende Ohren.
Er war ein Landstreicher, noch jung an Jahren, ein geschickter, stiller
Junge, der immer mit einem gewissen ernsten, versteckten Humor sprach,
der seinen Erzählungen viel Komik verlieh.
„Warum soll ich denn annehmen, daß man dich am Ohr gezogen hat, wie soll
ich darauf kommen, du vernagelter Mensch?“ mischte sich wieder
Ustjänzeff ein, sich unwillig an Schapkin wendend, obgleich jener
durchaus nicht zu ihm, sondern zu allen gesprochen hatte; doch Schapkin
schenkte ihm nicht einmal einen Blick.
„Aber wer hat dich denn so schmerzhaft am Ohr gezogen?“ fragte jemand.
„Wer? Das läßt sich doch wohl denken. Der Richter, natürlich. Das war
nämlich, müßt ihr wissen, wegen Landstreicherei. Wir kamen damals
selbander nach K., ich und noch ein Landstreicher, Jefins mit Namen,
aber ohne weitere Benennung. Unterwegs hatten wir im Dorfe Tolmina
unseren Besitzstand ein wenig aufgefrischt. Das war dort so ein Dorf,
Tolmina mit Namen. Nun, wir kamen also hin, sahen uns um: nicht zu
verachten. Im Felde gibt es vier Freiheiten, in der Stadt aber keine
einzige, wie bekannt. Nun, ganz zuerst ging es ins Wirtshaus, hielten
Umschau. Da kommt zu uns einer, so ’n Abgebrannter, die Ellenbogen
zerrissen, im deutschen Rock. Nun, dies und das.
‚Aber wie geht ihr denn,‘ fragt er, ‚erlaubt, daß ich mich erkundige, –
mit Dokumenten?‘[8]
‚Nein,‘ sagen wir, ‚ohne Dokumente.‘
‚So. Wir gleichfalls. Ich habe hier noch zwei Kollegen,‘ sagt er, ‚die
gleichfalls bei General Kukuschkin dienen.[9] Darf ich nun fragen, ob
ich mich zu Gaste laden kann? Ein halbes Maß werdet ihr doch für uns
haben?‘
‚Mit Vergnügen,‘ sagen wir. Nun wir tranken also. Bei der Gelegenheit
kamen wir auch auf ein Unternehmen zu sprechen, das in unser Fach
schlug. Dort außerhalb der Stadt stand ein Haus, das einem reichen
Bürger gehörte. Und so beschlossen wir, in der Nacht dort einen Besuch
zu machen. Und so kam es denn, daß wir in selbiger Nacht noch alle fünf
bei dem reichen Bürger in die Falle gingen. Man führte uns in Nummer
Sicher und von dort direkt zum Richter. ‚Ich werde sie selbst verhören,‘
sagt er. Er erscheint mit einer Pfeife, ein Glas Tee wird ihm
nachgetragen, so ein gesunder Mann mit Backenbart. Er setzte sich. Aber
da wurden noch drei außer uns hereingeführt, gleichfalls Landstreicher.
Ein ulkiger Mensch ist und bleibt doch so ein Landstreicher: nichts weiß
er, und wenn du ihm auch einen Knüppel an den Kopf schlägst, alles hat
er vergessen, nichts weiß er! Der Richter wendet sich geradeaus an mich.
‚Wer bist du?‘ brummte er mich an wie aus einer Tonne. Nun, versteht
sich, sage wie gewöhnlich: ‚Weiß nicht, Euer Gnaden, habe alles
vergessen.‘
‚Wart mal,‘ sagt er, ‚mit dir werde ich noch reden, deine Visage ist mir
schon bekannt,‘ und dabei glotzt er mich an wie ein Frosch. Ich aber
hatte ihn vorher noch nie gesehn. Darauf fragt er den anderen: ‚Wie
heißt du?‘
‚Mach dich aus dem Staube, Euer Gnaden.‘
‚Was, du heißt – Mach dich aus dem Staube?‘
‚Genau so, Euer Gnaden.‘
‚Nun gut, du heißt Mach dich aus dem Staube, aber du?‘ das fragt er den
dritten.
‚Ich Ebenso, Euer Gnaden.‘
‚Aber wie ist denn dein Name?‘
‚Das ist ja mein Name: Ich Ebenso, Euer Gnaden.‘
‚Aber wer hat dich Schuft denn so getauft?‘