Inzwischen war es dunkel geworden und man zündete die Nachtlampen an.

Einige Kranken besaßen auch ihre eigenen Lichte und Leuchter, doch waren

es nur sehr wenige. Endlich, nach dem Abendbesuch des Arztes, kam der

Unteroffizier und zählte die Kranken, worauf ein Nachtzuber

hereingebracht und unsere Arrestantenabteilung zugeschlossen wurde. Zu

meiner Verwunderung erfuhr ich, daß dieser Zuber die ganze Nacht im

Zimmer bleiben sollte, während der dazu bestimmte Ort nur zwei Schritt

von der Tür direkt am Korridor lag. Aber es war nun einmal so

eingeführt. Am Tage durfte der Sträfling zu diesem Zweck das Zimmer

verlassen, aber nur auf eine Minute; in der Nacht jedoch wurde es ihm

unter keinen Umständen gestattet. Für die Arrestantenabteilung gab es

eben eine besondere Vorschrift und ein Kranker aus dieser Abteilung

mußte selbst in der Krankheit seine Strafe tragen. Von wem diese

Anordnung zum erstenmal getroffen worden war – das weiß ich nicht; ich

weiß nur, daß sie sinnlos war und daß in keiner einzigen anderen die

ganze Nutzlosigkeit jeglichen Formalismus greifbarer hervortrat, als

gerade in dieser Vorschrift. Selbstverständlich rührte sie nicht von den

Ärzten her. Ich sage nochmals, daß die Sträflinge ihre Ärzte nicht genug

loben konnten, sie ihre Väter nannten und die größte Hochachtung für sie

empfanden. Ein jeder sah sich freundlich von ihnen behandelt, hörte ein

gutes Wort, was der Sträfling, der von allen verstoßen war, um so mehr

zu schätzen wußte, als er die Unverfälschtheit, die von Herzen kommende

Aufrichtigkeit dieses guten Wortes und dieser Freundlichkeit erkannte.

Sie hätte ja schließlich nicht zu sein brauchen, es war den Ärzten

durchaus nicht vorgeschrieben, freundlich zu sein und niemand kümmerte

sich darum, ob sie gut oder schlecht mit den kranken Sträflingen

umgingen; folglich waren sie nur aus wahrer Menschenliebe gut. Natürlich

wußten die Ärzte, daß jeder Kranke, gleichviel wer er ist, Sträfling

oder Potentat, der Sonne und Herzlichkeit bedarf. Die Kranken aus den

anderen Sälen, namentlich die Rekonvaleszenten, durften frei auf den

Korridoren umhergehen, sich mehr Bewegung machen, frischere Luft atmen,

da die Luft in den Krankenräumen abgeschlossen und von den

verschiedensten ungesunden Ausdünstungen erfüllt war. Es ist mir selbst

jetzt noch furchtbar und ekelhaft, auch nur daran zu denken, in welchem

Maße diese ohnehin schon schlechte Luft in unserem Krankenraum verpestet

wurde, wenn dieser Zuber die ganze Nacht bei der warmen Temperatur im

Zimmer stand – und noch dazu bei gewissen Krankheiten, bei denen ein

Beiseitetreten unvermeidlich ist. Wenn ich vorhin sagte, daß der

Arrestant auch während der Krankheit seine Strafe trug, so habe ich

damit natürlich nicht gemeint, und ich will es auch durchaus nicht so

hinstellen, als hätte man diese Anordnung einzig zur Strafe erdacht. Das

wäre meinerseits eine überaus sinnlose Verleumdung. Kranke braucht man

nicht mehr zu bestrafen, und daher ist es wohl anzunehmen, daß eine

unerbittliche Notwendigkeit die Vorgesetzten einmal gezwungen hatte,

diese Maßregel zu ergreifen, die in ihren Folgen so überaus verderblich

war. Aber welch eine Notwendigkeit mochte es gewesen sein? Das ist nun

das Ärgerliche, daß man die Notwendigkeit dieser, und außer ihr noch

einer Menge anderer Maßregeln auf keine Weise erklären kann, ja sie sind

sogar dermaßen unverständlich, daß man – von Erklärungen schon ganz zu

schweigen – nicht einmal eine Veranlassung erraten, sich überhaupt

nichts denken kann. Wie soll man eine so zwecklose, unnötige Grausamkeit

erklären? Etwa damit, daß der Arrestant ins Lazarett kommen, sich

absichtlich krank stellen, die Ärzte betrügen, in der Nacht – glauben

Sie das? – an den gewissen Ort gehen und, unter dem Schutz der

Dunkelheit, entfliehen könnte? Ich glaube, man kann kaum verlangen, daß

man die ganze Ungereimtheit dieser Annahme im Ernst nachweist. Wohin

soll er denn entfliehen? Wie entfliehen? Wohin entfliehen? Am Tage

werden sie nur einzeln herausgelassen, dieselbe Vorschrift könnte auch

für die Nacht gelten. Vor der Tür steht eine Schildwache mit geladenem

Gewehr. Der Abort ist von der Schildwache buchstäblich nur zwei Schritte

entfernt und außerdem wird der Kranke noch von der Nebenwache hingeführt

und während der ganzen Zeit nicht aus dem Auge gelassen. Daselbst ist

nur ein einziges kleines Fenster, Sommer und Winter mit Doppelfenstern

und mit einem eisernen Gitter versehen. Draußen unter dem Fenster des

Aborts und der ganzen Fensterreihe der Arrestantenabteilung des

Lazaretts geht wieder eine Schildwache die ganze Nacht auf und ab. Um

durch dieses Fenster zu entfliehen, muß man beide Glasscheiben

zerschlagen und das eiserne Gitter entfernen. Welche Wache wird so etwas

ruhig geschehen lassen? Oder nehmen wir an, er erschlägt vorher die

Nebenwache, und zwar so, daß der Soldat keinen Laut mehr von sich geben

kann und niemand etwas merkt. Aber selbst wenn wir diese Unmöglichkeit

als möglich zulassen, so muß er doch immer noch die Fensterrahmen und

das Gitter herausbrechen. Und nicht zu vergessen, daß dicht neben der

Schildwache die Krankenwärter schlafen und kaum zehn Schritt weiter

steht vor der Tür des anderen Arrestantensaales eine zweite Schildwache

mit geladenem Gewehr und bei ihm wiederum ein Soldat als Nebenwache, und

etwas weiter schlafen wiederum Krankenwärter. Und wohin kann man im

Winter nur in Strümpfen und Pantoffeln, im Schlafrock und in der

Nachtmütze entfliehen? Wenn aber so wenig Gefahr einer Flucht vorhanden

ist – d. h. genau genommen überhaupt keine –, wozu dann eine so unnütze

Qual der Kranken vielleicht in den letzten Tagen und Stunden ihres

Lebens, der Kranken, die der frischen Luft noch mehr bedürfen als

Gesunde? Wozu, wozu? Das habe ich nie begreifen können.

Doch da ich nun einmal diese Frage gestellt habe und auf die unnützen

Qualen zu sprechen gekommen bin, so kann ich nicht umhin, noch auf etwas

anderes hinzuweisen, das gleichfalls jahrelang als Problem vor mir

gestanden hat. Ich kann es nicht unterlassen, auch dieses zur Sprache zu

bringen, bevor ich in meiner Erzählung fortfahre. Ich meine die Fesseln,

von denen keine noch so schwere Krankheit den Arrestanten erlöst.

Ich habe Schwindsüchtige gesehen, die vor meinen Augen in den Ketten

starben und sich die ganze letzte Zeit vor dem Tode in ihnen quälen

mußten. Man schien sich aber dermaßen daran gewöhnt zu haben, daß alle

es als etwas Unabänderliches ansahen. Es ist sogar kaum anzunehmen, daß

jemand darüber auch nur nachgedacht hat, da selbst die Ärzte nicht ein

einziges Mal darauf gekommen waren, die vorgesetzte Behörde um die

Erlaubnis zur Abschmiedung eines Kranken, sagen wir eines

Schwindsüchtigen, zu bitten. Die Ketten sind ja an sich nicht weiß Gott

wie schwer, sie wiegen ungefähr acht bis zwölf Pfund, und zehn Pfund zu

tragen, macht einem gesunden Menschen nichts aus. Nun habe ich aber

gehört, daß die Füße, wenn man lange Zeit Fesseln trägt, abzehren

sollen. Ich weiß freilich nicht, ob es wahr ist, aber es hat doch einige

Wahrscheinlichkeit für sich. Jedes Gewicht, mag es auch noch so gering

sein – in diesem Fall etwa zehn Pfund –, das für immer an den Fuß

befestigt ist, vergrößert das Gewicht des Gliedes in unnatürlicher Weise

und kann daher auf die Dauer sehr wohl einen schlechten Einfluß haben

... Doch nehmen wir an, daß es einem Gesunden nichts ausmacht, so

handelt es sich doch hier um Kranke, und nicht etwa um vorübergehend

Erkrankte, sondern um Schwindsüchtige, bei denen die Arme und Beine

ohnehin schon so abgezehrt sind, daß ihnen jeder Strohhalm schwer wird.

Wahrlich, hätte die Medizinalbehörde auch nur für die Schwindsüchtigen

diese Erleichterung erwirkt, so wäre auch das schon eine große Wohltat

gewesen. Man wird vielleicht einwenden, der Arrestant sei ein

Verbrecher, ein Bösewicht, und habe Wohltaten nicht verdient. Aber sind

wir denn wirklich befugt, die Strafe eines Menschen noch zu verschärfen,

den Gottes Finger schon berührt hat? Und es ist ja auch schwer zu

glauben, daß solches um der Strafe willen geschah. Der Schwindsüchtige

darf ja auch nach dem Gesetz nicht körperlich bestraft werden. Folglich

kann man hierin wieder nur eine geheimnisvolle Maßregel auf Grund der

weisen, einzig seligmachenden Vorsicht sehen. Doch auf Grund welcher

Befürchtungen diese Vorsicht notwendig sein soll – das ist und bleibt

unverständlich. Wer wird denn, in der Tat, befürchten, daß ein

Schwindsüchtiger entfliehen könnte? Welch ein Schwindsüchtiger wird denn

die Dummheit begehen, wenn er bereits Todeskandidat ist, noch einen

Fluchtversuch zu machen, er, der sich kaum schleppen kann, und noch dazu

mit der Aussicht, sogleich erschossen zu werden oder draußen in Nacht

und Nebel, bei Hunger und Kälte wie ein Hund zu verrecken, während er im

Lazarett alles hat, was er noch braucht? Und daß einer Schwindsucht

vortäuschen, die Ärzte betrügen könnte, um vom Lazarett aus zu

entfliehen – ist ausgeschlossen. Schwindsucht ist keine Krankheit, die

sich vortäuschen läßt, dem Schwindsüchtigen sieht man seine Krankheit

schon auf den ersten Blick an. Und dann noch eines: werden denn dem

Menschen wirklich nur zu dem einen Zweck die Fesseln angeschmiedet,

damit er nicht entfliehen könne oder auch nur, um ihm die Flucht zu

erschweren? Durchaus nicht. Die Fesseln sind nichts als Entehrung,

physische wie sittliche Belastung, Schmach und Schande. Als das

wenigstens wird dieses Kennzeichen des Sträflings allgemein aufgefaßt.

Die Flucht aber können sie nie verhindern: selbst der dümmste,

ungeschickteste Arrestant wird es verstehen, ohne besondere Mühe das

Eisen zu durchfeilen oder die Niete mit einem Stein zu zerschlagen.

Nein, die Fußfesseln sind entschieden kein Hindernis. Wenn dem aber nun

einmal so ist, wenn sie dem verurteilten Zwangsarbeiter nur zur Strafe

angeschmiedet werden, so frage ich nochmals: soll man denn wirklich auch

einen Sterbenden noch bestrafen?

Während ich dieses schreibe, steht wieder deutlich das Bild eines

Sterbenden vor mir, eines Schwindsüchtigen, jenes selben Michailoff, der

mir fast gegenüberlag, nicht weit von Ustjänzeff, und der, soviel mir

erinnerlich ist, am vierten Tage nach meiner Übersiedelung ins Lazarett

starb. Vielleicht habe ich auch nur aus diesem Grunde soviel von den

Schwindsüchtigen gesprochen, weil dieses Bild unwillkürlich alle

Eindrücke und Gedanken in meiner Erinnerung wieder wachrief, die ich

damals anläßlich seines Todes hatte. Den Michailoff selbst kannte ich

nur wenig. Er war noch sehr jung, höchstens fünfundzwanzig Jahre alt,

hoch gewachsen, schlank und von auffallend edlem Äußerem. Er lebte in

der besonderen Abteilung und war bis zur Wunderlichkeit schweigsam,

geradezu lautlos und gewissermaßen „ruhig traurig“, wie die Arrestanten

sagten. Wie sie nach seinem Tode erzählten, sei er im Ostrogg förmlich

„eingetrocknet“. Sie bewahrten ihn in gutem Angedenken. Ich erinnere

mich noch, daß er wundervolle Augen hatte ... – ich weiß nicht, warum

ich mich gerade dieser Augen so deutlich entsinne ...

Er starb um drei Uhr nachmittags, an einem kalten, klaren Tage. Ich weiß

noch, durch die grünlichen, von Eisblumen glitzernden Fensterscheiben

fiel das Wintersonnenlicht in schrägen, breiten Strahlenbündeln ins

Zimmer. Ein ganzer Strom von Licht ergoß sich über den Unglücklichen. Er

war bewußtlos, atmete schwer, und es dauerte mehrere Stunden, bis er

endlich erlöst war. Schon am Morgen hatte man seinen Augen angesehen,

daß er die anderen nicht mehr erkannte: sie traten an sein Bett und

wollten ihm etwas Erleichterung schaffen, denn man sah es deutlich, wie

sehr er sich quälte: er atmete schwer, tief, röchelnd; hoch hob sich

seine Brust, als könne er nicht genug Luft einziehen. Er hatte bereits

die Bettdecke von sich geworfen, die ganze Kleidung, und nun begann er,

sein Hemd sich vom Leibe zu reißen: selbst dieses war ihm zu schwer. Man

half ihm und zog ihm auch das Hemd aus. Es war entsetzlich, diesen

langen, langen, nackten Körper zu sehen, mit den bis auf den Knochen

abgezehrten Beinen und Armen, dem eingefallenen Leib und dem gehobenen

Brustkorb mit den deutlich wie bei einem Skelett sich abzeichnenden

Rippen. Auf seinem ganzen langen Körper lag nur ein kleines Holzkreuz

und ein Amulett, und dann noch die Fesseln, durch deren Eisenring er

jetzt den abgemagerten Fuß, wie es schien, hätte durchziehen können.

Eine halbe Stunde vor seinem Tode verstummten alle oder sie sprachen

fast nur flüsternd. Wer gehen mußte, trat leise, kaum hörbar auf. Es

wurde nur wenig gesprochen, hin und wieder blickte man auf den

Sterbenden, der immer lauter röchelte. Endlich tastete er mit

unsicherer, irrender Hand nach seinem Kreuz, das er am Halse trug, und

begann es gleichfalls fortzuzerren, als wäre ihm auch dieses zu schwer

geworden, als hätte es ihn bedrückt, beunruhigt. Da nahm man ihm auch

das Kreuz ab. Nach zehn Minuten verschied er. Man klopfte an die Tür und

meldete es der Schildwache. Der Krankenwärter trat ein, sah mit stumpfen

Blicken auf den Toten und begab sich zum Feldscher. Dieser erschien

ziemlich bald; es war ein junger guter Mensch, der sich nur etwas mehr

als nötig mit seinem Äußeren beschäftigte, einem Äußeren, das übrigens

ganz glücklich war. Mit schnellen, lauten Schritten ging er durch den

stillgewordenen Raum zum Toten, erfaßte mit ganz besonders freundlicher

Miene, die er sich gleichsam speziell für diesen Fall ausgedacht hatte,

das Handgelenk, um den Puls zu fühlen, befühlte ihn auch noch hier und

da, winkte mit der Hand und ging wieder hinaus. Hierauf wurde die Wache

benachrichtigt: es war ein schwerer Verbrecher aus der besonderen

Abteilung gewesen, folglich mußte auch sein Tod mit besonderen

Zeremonien vermerkt werden. Während nun die Wache erwartet wurde,

äußerte einer der Sträflinge mit leiser Stimme den Gedanken, daß es wohl

gut wäre, dem Toten die Augen zuzudrücken. Ein anderer hörte ihm

aufmerksam zu, trat dann zum Leichnam und drückte ihm die Augen zu. Bei

der Gelegenheit bemerkte er auch das kleine Holzkreuz auf dem Kissen,

nahm es, besah es und legte es dem Toten wieder um den Hals; als es

geschehen war, bekreuzte er sich.

Inzwischen erstarrte das Gesicht des Entschlafenen; ein Sonnenstrahl

spielte auf ihm. Der Mund war halbgeöffnet: zwei Reihen weißer, junger

Zähne glänzten unter den dünnen, am Zahnfleisch klebenden Lippen.

Endlich erschien der Unteroffizier der Wache mit Seitengewehr und im

Helm, ihm folgten zwei Wärter. Er näherte sich mit immer langsamer

werdendem Schritt, mit verwundertem Blick auf die stummen, ernst und

streng ihn ansehenden Sträflinge ringsum. Als er bis auf einen Schritt

vor dem Toten angekommen, blieb er plötzlich wie erstarrt stehen: der

völlig entblößte, bis auf Haut und Knochen abgemagerte Leichnam, an dem

noch die eisernen Fesseln angeschmiedet waren, schien ihn zu

erschrecken. Doch schon im nächsten Augenblick löste er die

Schuppenkette seines Helmes, nahm den Helm ab, was durchaus nicht

notwendig war, und bekreuzte sich langsam und mit tiefer Verneigung. Es

war ein strenges Feldwebelgesicht mit einem schon grau untermischten

Schnauzbart. Ich weiß noch, im selben Augenblick stand nicht weit von

ihm Tschekunoff, ein gleichfalls schon ergrauter Mann. Die ganze Zeit

hatte er schweigend und aufmerksam in das Gesicht des Unteroffiziers

geblickt, ohne auch nur einmal den Blick abzuwenden, um mit einer ganz

eigentümlichen Aufmerksamkeit jede seiner Bewegungen zu verfolgen. Da

trafen sich ihre Blicke und bei Tschekunoff erzitterte plötzlich aus

einem unbekannten Grunde die Unterlippe: er verzog sie so eigentümlich,

öffnete den Mund und sagte, halb ohne zu wollen und mit dem Kopf auf den

Toten weisend, hastig und nicht laut zu ihm: „Hat doch auch eine Mutter

gehabt!“ und ging fort.

Ich weiß noch, diese Worte durchbohrten mich wie ein Messerstich ...

Warum nur hatte er sie gesagt und wie war er überhaupt darauf gekommen?

Da schickte man sich an, den Leichnam hinauszutragen: man hob ihn mit

dem ganzen Lager auf, das Stroh knisterte, und inmitten der allgemeinen

Stille fielen plötzlich die Ketten mit lautem Geklirr zu Boden. Sie

wurden aufgehoben ... Bald war die Leiche hinausgeschafft. Plötzlich

begannen alle laut zu sprechen. Man hörte nur noch, wie der

Unteroffizier im Korridor jemand nach dem Schmied schickte. Der Tote

mußte ausgeschmiedet werden ... Doch ich bin vom Thema abgekommen ...

II.

Das Lazarett, Fortsetzung

Der Besuch der Ärzte fand täglich am Morgen statt. Ungefähr um elf Uhr

erschienen sie alle zusammen, ihnen voran schritt der Oberarzt, und

anderthalb Stunden vor ihnen kam unser Abteilungsarzt. Damals war es ein

junger Mediziner, der seine Sache verstand, freundlich und sympathisch

im Umgang und bei den Arrestanten sehr beliebt war, doch entdeckten sie

auch an ihm einen Fehler: „Er ist doch schon gar zu gut,“ sagten sie. Er

war allerdings ein sehr guter Mensch, wenig gesprächig, schien sogar

verlegen zu sein, wenn er bei uns war, errötete beinahe, wenn man ihn um

etwas bat, änderte die Rationen womöglich schon nach der ersten Bitte

und war vielleicht sogar bereit, auch die Medizin nach dem Wunsch des

Kranken zu bestimmen. Übrigens war er wirklich ein prächtiger Junge. Man

wird mir zugeben, daß in Rußland viele Ärzte die Liebe und Achtung des

einfachen Volkes genießen – es ist Tatsache. Ich weiß, meine Worte

werden zunächst paradox erscheinen, besonders wenn man das allgemeine

Mißtrauen des russischen Volkes zu den Medizinern und den ausländischen

Arzneien in Betracht zieht. Und es ist ja wahr, der einfache Mann, der

sich mit einer Krankheit, und nicht selten einer schweren Krankheit,

womöglich jahrelang plagt, wird sich eher von einem alten Kräuterweibe

behandeln lassen, oder sich mit Hausmitteln – die durchaus nicht zu

verachten sind – zu heilen versuchen, als daß er zum Arzt geht oder ins

Hospital, um dort zu liegen. Doch gibt es hierfür einen Grund, der sogar

sehr wichtig ist, jedoch nichts mit der Medizin zu tun hat: das ist, wie

ich bereits angedeutet habe, das Mißtrauen des Volkes zu allem, was den

Stempel des Administrativen, Formellen trägt. Hinzu kommt, daß das Volk

durch verschiedene grauenvolle Geschichten, die meist frei erfunden

sind, mitunter aber zum Teil auch auf Wahrheit beruhen, ein großes

Vorurteil gegen die Hospitäler gefaßt hat und die Ärzte fürchtet. Doch

am meisten schrecken es die deutschen Einrichtungen, die fremden

Menschen ringsum während der ganzen Krankheit, die strengen Vorschriften

inbetreff des Essens, Erzählungen von Beispielen schonungsloser Roheit

der Feldscher und auch Ärzte, vom Aufschneiden der Leichen und Ausnehmen

des Eingeweides, und ähnliches mehr. Und dann denkt das Volk, da die

Ärzte doch den oberen Gesellschaftsklassen angehören: wie sollen wir uns

denn von den vornehmen Herren bedienen und kurieren lassen? Aber schon

nach etwas näherer Bekanntschaft mit den Ärzten verschwinden – Ausnahmen

natürlich zugegeben – alle diese Befürchtungen sehr schnell, was meiner

Meinung nach unseren Ärzten, namentlich den jüngeren, nur zur Ehre

gereicht. Die Mehrzahl von ihnen versteht es, sich die Achtung und sogar

die Liebe des Volkes zu erwerben. Wenigstens behaupte ich es nach dem,

was ich selbst oft genug und an verschiedenen Orten gesehen und erfahren

habe. Und ebenso habe ich keine Veranlassung, vorauszusetzen, daß es an

anderen Orten gar so oft anders sei. Gewiß gibt es in manchen Winkeln

Ärzte, die ihr Hospital nur als Kapitalanlage betrachten und die Kranken

wie die Medizin so gut wie gänzlich vergessen. Gewiß gibt es auch heute

noch solche Ärzte; ich aber rede von der Mehrzahl oder richtiger, von

der Richtung und dem Geist, der sich heute in der Medizin kundtut und

entwickelt. Jene anderen, jene Verräter der Sache, sind Wölfe in der

Schafherde, was sie auch zu ihrer Rechtfertigung vorbringen werden, wie

zum Beispiel die Ausrede von dem „Milieu“, das sie verschlungen habe, –

sie werden doch immer im Unrecht bleiben, besonders wenn sie inzwischen

auch die Nächstenliebe verloren haben. Nächstenliebe, Freundlichkeit,

brüderliches Mitleid mit dem Leidenden ist für diesen oft viel

notwendiger, als alle Arzneien. Es wäre wirklich Zeit, endlich

aufzuhören, die Schuld apathisch auf das „Milieu“ abzuwälzen, mit der

Begründung, daß es uns erstickt habe. Es ist allerdings wahr, daß es

vieles erstickt, alles aber kann es uns doch niemals nehmen. Und wie oft

hat ein geriebener und sachverständiger Schurke nicht nur seine

Schwächen, sondern selbst seine größten Gemeinheiten mit dem Einfluß des

„Milieu“ äußerst gewandt zu verdecken oder sogar zu rechtfertigen

gewußt, besonders wenn er schön zu reden und schön zu schreiben

verstand. ... Übrigens bin ich wieder vom Thema abgewichen.

Ich wollte nur sagen, daß das einfache Volk sich mehr zur medizinischen

Administration mißtrauisch verhält, als zu den Ärzten selbst. Hat es sie

einmal näher kennen gelernt und gesehen, wie sie in Wirklichkeit sind,

so verliert es schnell viele seiner Vorurteile. Die übliche Einrichtung

unserer Heilanstalten entspricht bis jetzt noch in vielen Dingen nicht

dem Volksgeist, steht mit ihren Vorschriften den Angewohnheiten des

einfachen Menschen feindlich gegenüber und kann daher auch nicht sein

volles Vertrauen und seine volle Achtung erwerben. Wenigstens will es

mir so scheinen, nach dem, was ich selbst gesehen habe und nach den

verschiedenen empfangenen Eindrücken.

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