untersuchte ihn ernst und äußerst gewissenhaft, richtete verschiedene
Fragen an ihn, verschrieb die Medizin, bestimmte das Essen, die Portion.
Zuweilen bemerkte er sehr gut, daß dem angeblich „Kranken“ überhaupt
nichts fehlte, da aber der betreffende Arrestant gekommen war, um sich
von der schweren Arbeit zu erholen oder einige Zeit in einem weichen
Bett zu liegen, anstatt auf nackten Pritschenbrettern, oder immerhin in
einem warmen Zimmer und nicht im feuchten Haftlokal der Hauptwache, wo
in engem Raum die bleichen, elenden Untersuchungsgefangenen – die fast
immer bleich und elend sind (ein Zeichen, daß ihre Verpflegung schlecht
und ihr Seelenzustand bedrückter ist, als der der bereits Verurteilten)
– in dichten Haufen zusammengepfercht gehalten werden, so schrieb er auf
seinen Krankenzettel irgend ein ^febris catarrhalis^ und ließ ihn nicht
selten eine ganze Woche liegen. Über ^febris catarrhalis^ lachten wir
alle. Man wußte ja schon, daß es die in beiderseitigem Einverständnis
zwischen dem Arzt und dem Kranken gewählte Formel für Faulfieber oder
für eine vorgetäuschte Krankheit war, oder „vorrätiges Bauchgrimmen“,
wie die Arrestanten ^febris catarrhalis^ frei nach ihrer Auffassung
übersetzten. Natürlich kam es auch vor, daß der Kranke die Güte des
Arztes ausnutzte und so lange liegen blieb, bis er mit Gewalt
fortgeschickt werden mußte. Dann hätte man unsern jungen Arzt sehen
sollen: er schien ganz zaghaft zu werden, schien sich förmlich zu
schämen, dem „Kranken“ zu sagen, daß er gesund sei und sich bald
ausschreiben lassen müsse, obgleich er doch als Arzt das volle Recht
hatte, ihn ohne alle Redewendungen und Versuche einfach zu
verabschieden, indem er auf sein Krankenzeugnis nur „geheilt“ zu
schreiben brauchte. Er deutete ihm zuerst nur an, dann versuchte er ihn
zu überreden oder gar zu bitten: „hm, so und so, was meinst du, wird es
nicht bald Zeit sein? Du bist ja doch schon gesund, hier ist es jetzt
sehr eng“ usw., usw., bis dem Sträfling schließlich doch das Gewissen
schlug und er selbst um seine Entlassung bat. Der Oberarzt dagegen war,
wenn auch ein nicht minder menschenfreundlicher und ehrenhafter alter
Herr – die Kranken liebten ihn gleichfalls sehr – in dieser Beziehung
unvergleichlich strenger und entschlossener, ja er konnte sogar
unerbittlich streng sein, und gerade deswegen wurde er bei uns ganz
besonders geachtet. Er erschien bald nach dem Abteilungsarzt, begleitet
von allen anderen Ärzten des Hospitals, untersuchte gleichfalls jeden
einzeln, namentlich die Schwerkranken, wußte ihnen stets etwas Gutes,
Ermunterndes zu sagen, häufig sogar ein herzliches Wort, und überhaupt
machte er einen guten Eindruck. Die Patienten mit „vorrätigem
Bauchgrimmen“ wies er nie zurück, nur wenn der Bursche gar nicht wieder
fortgehen wollte, so ließ er ihn ohne viel zu fragen „ausschreiben“.
„Nun, wie steht’s, mein Junge, hast genug gelegen und dich ausgeruht,
geh mal jetzt, ein Mensch muß Ehre im Leibe haben.“ Diese nicht
freiwillig Gehenden waren in der Regel die Faulen, die sich in der
Arbeitszeit, also im Sommer, gern um die Arbeit drückten, oder die eines
Vergehens Schuldigen, die einer Bestrafung entgegensahen. Ich entsinne
mich noch, wie man gegen einen von ihnen zu einem ganz besonders
strengen, ja sogar grausamen Mittel griff, um ihn zum Fortgehen zu
bewegen. Er war mit einer Augenkrankheit gekommen: seine Augen waren rot
und er klagte über starken, stechenden Schmerz in ihnen. Man behandelte
ihn mit spanischen Fliegen, Blutegeln, mit Einspritzungen einer
besonderen Flüssigkeit in die Augen und noch verschiedenen anderen
Mitteln, doch die Krankheit wurde nicht gehoben, die Augen waren und
blieben entzündet. Allmählich aber errieten die Ärzte, daß die Krankheit
nicht echt war: die Entzündung war nicht gerade sehr stark, wurde weder
schlimmer noch besser, – sie blieb immer im selben Stadium. Das war
verdächtig. Die Sträflinge wußten schon lange, daß der Betreffende die
Ärzte betrog, obwohl er es ihnen nicht verraten hatte. Er war ein noch
junger Bursche, sogar hübsch zu nennen, machte aber auf uns alle einen
recht unangenehmen Eindruck: er war verschlossen, mißtrauisch, mürrisch,
sprach mit keinem ein Wort, blickte unter der Stirn hervor, zog sich von
allen zurück, ganz als hätte er einen jeden schlimmer Absichten
verdächtigt. Ich weiß noch, einige befürchteten ernstlich, daß er irgend
etwas Schlimmes anstiften könnte. Er war Soldat aus der Strafkompagnie,
hatte viel gestohlen, war ertappt und zu tausend Stockschlägen und zur
Zwangsarbeit verurteilt worden. Ich habe schon gesagt, daß die
Verurteilten sich bisweilen zu den schlimmsten Ausfällen entschließen,
nur um den Augenblick der Strafe hinauszuschieben: sie werfen sich mit
dem Messer auf einen Offizier oder einen ihrer Schicksalsgenossen, sie
kommen von neuem in Untersuchungshaft, ein neues Verfahren wird gegen
sie eingeleitet und die erste Strafe vorläufig noch hinausgeschoben,
nicht selten auf ganze zwei Monate – das aber ist alles, was sie wollen.
Der Betreffende denkt nicht daran, daß man ihn nach zwei Monaten
zweimal, dreimal so streng bestrafen wird: wenn nur der grauenvolle
Augenblick nicht gleich kam, wenn man ihn nur noch auf ein paar Tage
hinausschieben konnte, mag dann kommen, was kommt! – so mutlos sind
zuweilen diese Unglücklichen. Einige flüsterten sogar unter sich, daß
man sich in acht nehmen müsse, er könne einen in der Nacht noch
erstechen. Übrigens wurde nur so gesprochen, wirkliche Vorkehrungen traf
niemand, selbst die nicht, deren Bett dem seinen zunächst stand. Man
hatte schon bemerkt, daß er in der Nacht seine Augen mit einem Stückchen
Kalk von dem Stück Stubenwand und noch irgend etwas anderem rieb, damit
sie am nächsten Morgen wieder rot wären. Endlich drohte ihm der Oberarzt
ein schmerzhaftes Verfahren an: das Haarseil. Bei hartnäckiger
Augenkrankheit, die lange andauert und durch alle anderen medizinischen
Mittel nicht gehoben werden kann, entschließen sich die Ärzte, um dem
Kranken die Sehkraft zu erhalten, zu einem starken und qualvollen Mittel
zu greifen: sie ziehen ihm einen – Leinwandstreifen durch die Haut, als
wäre er ein Pferd. Unserer nun konnte sich selbst jetzt noch nicht
entschließen, gesund zu werden. Ich weiß nicht, was in diesem Menschen
größer war: Eigensinn oder Feigheit. Zwar war das „Haarseil“ nicht
Stockschläge, doch viel stand es ihnen in der Qual nicht nach. Dem
Kranken wurde hinten am Halse soviel Haut, wieviel man mit der Hand nur
fassen konnte, zusammengenommen; durch diese Haut wurde ein Messer
durchgestochen, wodurch eine breite und lange Wunde über den ganzen
Nacken entstand, und durch diese Wunde wurde dann ein Leinwandstreifen
etwa von der Breite eines Fingers durchgezogen. Nun wurde dieser
Leinwandstreifen täglich hin und her gezogen und folglich die Wunde
immer von neuem wieder aufgerissen, damit sie beständig eitere. Der arme
Teufel ertrug auch diese Marter unter den größten Qualen eigensinnig
noch mehrere Tage, bis er sich dann doch endlich entschloß, die Sache
aufzugeben. Seine Augen wurden an einem Tage vollkommen gesund, und
nachdem auch sein Hals geheilt war, ging er auf die Hauptwache, um die
tausend Stockschläge zu erhalten.
Natürlich ist der Augenblick vor der Bestrafung schwer, dermaßen schwer,
daß ich vielleicht unrecht tue, wenn ich diese Angst vor ihr Kleinmut
und Feigheit nenne. Muß sie denn nicht tatsächlich furchtbar sein, wenn
man eine doppelte, dreifache Bestrafung heraufbeschwört, nur um diesen
Augenblick um ein weniges hinauszuschieben! Aber es gibt auch andere –
von denen ich übrigens auch schon gesprochen habe, – die sich mit noch
nicht ganz geheiltem Rücken bereits ausschreiben lassen, nur um
schneller auch den Rest der Strafe zu empfangen und so bald als möglich
das Haftlokal verlassen zu können, denn das Leben auf der Hauptwache ist
natürlich unvergleichlich langweiliger als jede Zwangsarbeit. Doch außer
dem Unterschied in den Temperamenten spielte in der Entschlossenheit
oder Unentschlossenheit die Gewohnheit an Schläge und Strafen eine große
Rolle. Ein oft Geschlagener festigt sich gleichsam geistig wie
körperlich und sieht schließlich ziemlich skeptisch auf die Strafen,
beinahe wie auf eine nur kleine Unannehmlichkeit, die er kaum noch
fürchtet! Im allgemeinen gesprochen, ist das durchaus wahr. So erzählte
mir einer der Sträflinge aus der besonderen Abteilung, es war ein
getaufter Kalmück, Alexander – oder Alexandra, wie er bei uns genannt
wurde, ein eigenartiges, durchtriebenes, furchtbares Männlein, das
gleichzeitig überaus gutherzig war – wie er viertausend Schläge erhalten
hatte, erzählte es lachend und scherzend, schwor aber gleich darauf, daß
er, wenn er nicht von Kindheit auf, schon vom zartesten Alter an, nur
unter der Knute ausgewachsen wäre, von der sein Rücken während seines
ganzen Lebens in der Horde buchstäblich nie ohne Schorfstreifen gewesen
sei, diese viertausend Hiebe in keinem Fall überlebt hätte. Während er
es mir erzählte, schien er seine Erziehung unter der Knute geradezu zu
segnen.
„Ich wurde für alles geprügelt, Alexander Petrowitsch,“ sagte er einmal
zu mir, als er am Abend, noch bevor das Nachtlicht angezündet wurde, auf
meinem Bettrand saß. „Für alles und jedes, für was es auch sein mochte,
runde fünfzehn Jahre, schon seit jenem ersten Tage, dessen ich mich nach
meiner Geburt erinnern kann, und jeden Tag ein paarmal. Nur wer grad
keine Lust dazu hatte, der schlug mich nicht. So kam’s, daß ich mich zum
Schluß ganz und gar daran gewöhnt hatte.“
Wie er unter die Soldaten gekommen war, weiß ich nicht. Vielleicht hat
er es mir auch erzählt, dann habe ich es aber vergessen. Er war ein
echter Landstreicher und Nomade. Ich erinnere mich nur noch einer
Erzählung, wie ihn entsetzliche Angst erfaßt hatte, als er wegen der
Ermordung seines Vorgesetzten zu viertausend Hieben verurteilt worden
war.
„Ich wußte,“ erzählte er, „daß man mich hart bestrafen und mich, kann
sein, überhaupt nicht mit dem Leben davonkommen lassen würde, wenn ich
auch von Jugend auf an Hiebe gewöhnt war, aber viertausend Hiebe, das
ist doch, hn, – Spaß! Und dazu waren noch alle Vorgesetzten wütend auf
mich! Ich wußte, wußte ganz genau, daß ich nicht durchkommen würde, daß
man mich nicht lebendig wieder losließ. Ich versuchte es zuerst mit der
Taufe, dachte, was kann man wissen, vielleicht vergibt man mir, und
obschon mir die Meinigen genug sagten, daß deswegen nichts davon
geschehen werde, nichts von verzeihen, so dachte ich doch bei mir: ich
will’s doch versuchen, schaden kann’s ja nicht und ihnen wird es doch um
einen Getauften etwas mehr leid tun. Und ich wurde auch wirklich getauft
und bei der heiligen Taufe erhielt ich den Namen Alexander. Nun, aber
die Viertausend blieben immer Viertausend. Wenn man mir auch nur einen
einzigen Hieb abgelassen hätte! Ich fühlte mich wirklich gekränkt. Da
denke ich so bei mir: also so, na wartet, ich werde euch jetzt alle samt
und sonders betrügen! Und was glaubt Ihr, Alexander Petrowitsch, ich
habe sie doch wirklich betrogen! Ich verstand es mehr als fein, mich so
zu stellen, als wäre ich tot, das heißt, nicht ganz fertig, aber immer
so, daß nur noch ein Zipfelchen von der Seele im Körper drin ist und
auch dieses noch jeden Augenblick hinausgehen kann. Man führte mich;
erstes Tausend: brennt wie Feuer, ich schreie; zweites Tausend, – nun,
denke ich, jetzt ist mein Ende gekommen, die Füße trugen nicht mehr,
Verstand zum Teufel. Ich schnell entschlossen – plumps, falle hin, auf
die Erde, mache tote Augen, mein Gesicht wird blau, Atem stockt, Schaum
vor dem Munde. Der Arzt kommt: ‚Wird sogleich,‘ sagt er, ‚sterben.‘ Man
trug mich ins Hospital, ich aber wurde im Handumdrehen wieder lebendig.
So wurde ich dann noch zweimal hinausgeführt, aber erbittert waren sie
auf mich, das waren sie, ich aber betrog sie noch ganze zwei Mal. Als
ich das zweitemal vorkam, nahm ich nur ein Tausend hin, das dritte an
der Zahl, – starb. Als aber das vierte an die Reihe kam, da ging mir
jeder Hieb wie ’n Messer übers Herz, da zählte jeder Hieb für drei, so
schmerzhaft schlugen sie! Sie waren aber auch wütend auf mich! Dieses
verfluchte letzte Tausend – das es der! ... – war all die anderen drei
wert, und wenn ich nicht kurz vor Schluß gestorben wäre – nur
zweihundert blieben noch – so hätten sie mich wahrhaftig mausetot
geprügelt, nun, ich aber gab mich nicht dazu her: ich pfiff ihnen was
und starb wieder. Wieder glaubten sie, und wie sollten sie denn nicht:
der Arzt glaubte doch! Aber bei den letzten zweihundert, da rissen sie,
was sie nur reißen konnten, aus voller Wut, so daß ein andermal selbst
zweitausend leichter sind, aber tot kriegten sie mich doch nicht, da
konnten sie sich die Nase abwischen! Und warum hatten sie mich nicht
totgekriegt? Weil ich eben von Kindesbeinen an unter der Knute
aufgewachsen war. Darum lebe ich auch heute noch. Ja, ich sag wohl, was
man mich geschlagen hat in meinem Leben, was man mich geschlagen hat!“
fügte er zum Schluß der Erzählung hinzu, wie in ernstes Nachdenken
versunken, als bemühe er sich, ungefähr zu berechnen, wieviel Mal und
wie stark man ihn wohl geschlagen haben mochte. „Ach was,“ sagte er dann
nach kurzem Schweigen, „wo soll das einer auszählen, soviel Zahlen gibt
es ja überhaupt nicht!“
Er sah mich an und lachte, aber so gutmütig, daß auch ich nicht ernst
bleiben konnte und ihm als Antwort zulächelte.
„Aber wißt Ihr auch, Alexander Petrowitsch, daß ich, wenn mir nachts
manchmal träumt, dann nichts anderes sehe, als daß ich geprügelt werde.
Andere Träume habe ich überhaupt nicht.“
Er schrie allerdings nicht selten in der Nacht aus voller Kehle, sodaß
ihn die anderen Sträflinge mit Püffen zur Besinnung brachten: „Na,
Teufel, was schreist du denn!“ Er war ein gesunder Bursch, nicht groß
von Wuchs, ein unruhiger Geist, von Charakter äußerst heiter,
fünfundvierzig Jahre alt, stand mit allen auf gutem Fuß, und wenn er
auch eine große Vorliebe für das Stehlen hatte und von den anderen sehr
oft dafür verprügelt wurde, so war das schließlich nichts
Ungewöhnliches, denn wer stahl bei uns nicht und wer wurde nicht dafür
verprügelt?
Hier muß ich noch eines hinzufügen: ich habe mich oft gewundert über die
ungewöhnliche Gutmütigkeit und Arglosigkeit, mit der alle diese
Gezüchtigten von der Züchtigung und von denen, die sie gezüchtigt
hatten, erzählten. Häufig habe ich nicht einmal eine Spur von Groll oder
Haß in einer solchen Erzählung entdecken können, bei der mir nicht
selten das Herz stehen blieb oder laut und stark klopfte. Sie aber
erzählten ganz gleichmütig und lachten wie Kinder. Nur M–tzkij war eine
Ausnahme, er war nicht adlig und man hatte ihn zu fünfhundert
verurteilt. Ich erfuhr es von anderen und fragte ihn einmal, ob es wahr
sei, und wie er es ausgehalten habe. Er antwortete mir merkwürdig kurz –
wie unter einem inneren Schmerz – und bemühte sich, mich nicht
anzusehen, sein Gesicht aber wurde auffallend rot. Erst nach einer
halben Minute sah er mich wieder an und in seinen Augen glühte Haß,
seine Lippen zitterten vor Unwillen. Da fühlte ich, daß er niemals diese
Stunde aus seiner Vergangenheit würde vergessen können. Von den übrigen
jedoch sahen alle – ich bürge allerdings nicht dafür, daß es keine
Ausnahmen gab, – sahen alle ganz anders auf die Sache. Es kann doch
nicht sein, dachte ich zuweilen, daß sie sich für schuldig und ihre
Strafe für durchaus verdient halten, besonders noch wenn sie sich nicht
gegen die ihrigen, sondern gegen ihre Feinde, die Vorgesetzten,
vergangen haben? Die Mehrzahl von ihnen klagte sich niemals an. Ich habe
schon gesagt, daß ich Gewissensbisse nie gesehen, selbst dann nicht,
wenn das Verbrechen an einem aus ihrer eigenen Gesellschaftsklasse
begangen war, von den Verbrechen an den Vorgesetzten ganz zu schweigen.
Ja es schien mir, daß in diesem Falle die vollendete Tatsache mit einem
ganz besonderen, sozusagen praktischen Blick betrachtet wurde: man
dachte an die Macht des Schicksals, an das Unabänderliche des
Geschehenen, – tat es aber nicht etwa aus Berechnung, sondern gleichsam
unbewußt, wie in einem einmal angenommenen alten Glauben. Wenn aber der
Arrestant geneigt ist, sich in seinen Vergehen gegen die Vorgesetzten
für durchaus gerechtfertigt zu halten, ja, diese Frage für ihn überhaupt
nicht existiert, so erkennt er praktisch doch vollkommen an, daß die
Vorgesetzten mit einem ganz anderen Blick auf sein Verbrechen sehen, und
ihn folglich bestrafen mußten. Hier war es ein richtiger Kampf. Der
Verbrecher weiß und zweifelt nicht daran, daß das Urteil seiner
Umgebung, seiner Gesellschaftsklasse ihn freispricht, dasselbe einfache
Volk, unter dem er aufgewachsen ist, das ihn niemals – und das weiß er
ebenso gut – niemals endgültig verurteilen wird, meistenteils ihn aber
vollkommen freispricht, wenn nur das Verbrechen nicht an den eigenen, an
seinen Brüdern, an den ihm Verwandtesten des Volkes begangen ist. Sein
_Gewissen_ ist ruhig, hierin ist er stark, und niemals wird er sich
sittlich verwirren lassen, das aber ist die Hauptsache. Er fühlt
gewissermaßen, daß er etwas hat, worauf er sich stützen kann, und darum
haßt er nicht, sondern faßt das mit ihm Geschehene als ein Ergebnis der
unvermeidlichen Tatsache auf, die nicht durch ihn eingeführt ist und
auch nicht durch ihn beendet werden kann, und noch lange, lange
fortdauern wird in dem nun einmal bestehenden passiven, doch
hartnäckigen Kampfe. Welch ein Soldat wird im Kriege den Feind, den
einzelnen Soldaten des Feindes persönlich hassen? Und doch kann jener
nach ihm schießen, ihn niederschlagen, ihn erstechen ...
Übrigens waren nicht alle Erzählungen so kaltblütig und gleichmütig. Von
dem Leutnant Sherebätnikoff zum Beispiel erzählte man sogar mit einem
gewissen Unwillen, der aber übrigens bei vielen nicht sehr groß war.
Diesen Leutnant Sherebätnikoff lernte ich schon in den ersten Tagen, die
ich im Lazarett verbrachte, kennen – natürlich nicht persönlich, sondern
nur aus den Erzählungen der Sträflinge. Später sah ich ihn einmal auch
in Wirklichkeit, als er gerade auf der Wache war. Er war ein Mann von
nahezu dreißig Jahren, groß, dick, beinahe fett, mit roten, dicken
Wangen, mit weißen Zähnen, und einem Lachen, wie Gogol es zuweilen
schildert. Seinem Gesicht sah man es sofort an, daß er der
unbedachtsamste Mensch der Welt war. Seine Liebe zum Bestrafen und
Peitschenlassen, wenn er einmal zum Exekutor bestimmt wurde, grenzte
förmlich an Leidenschaft. Ich muß vorausschicken, daß ich diesen
Leutnant schon damals für ein Ungeheuer unter seinesgleichen hielt, und
ungefähr ebenso sahen auch die anderen Sträflinge auf ihn. Es gab auch
außer ihm Exekutoren, in alten Zeiten, versteht sich, – d. h., in jenen
jüngst vergangenen Zeiten, die „kaum vorüber und doch kaum glaublich
sind,“ wie Gribojedoff sagt – Exekutoren, die ihre Pflicht in dieser
Sache peinlich genau und mit Eifer zu erfüllen pflegten. Gewöhnlich aber
ging die Bestrafung von Seiten des dazu abkommandierten Leutnants ganz
naiv und ohne jede besondere Begeisterung vor sich. Sherebätnikoff
dagegen war in dieser Beziehung von der Art eines raffinierten
Gastronomen. Er liebte, liebte leidenschaftlich die Kunst des
Bestrafens, und liebte sie nur um der Kunst willen. Er fand einen Genuß
darin und gleich einem in Genüssen gar zu verwöhnten, blasierten
Patrizier des römischen Imperiums erfand er noch verschiedene
Verfeinerungen, sogar die widernatürlichsten, um seine in Fett
erstickende Seele noch ein wenig angenehm zu kitzeln und zu erregen.
Man führt einen Verurteilten zur Bestrafung, Sherebätnikoff ist zur
Leitung der Exekution kommandiert. Allein schon der Anblick der langen
Reihe Soldaten mit den dicken Stöcken begeistert ihn. Zufrieden
schreitet er die Front ab und schärft den Leuten nachdrücklich ein, daß
ein jeder gut und gewissenhaft seine Pflicht erfüllen soll, sonst ...
Die Soldaten wissen schon, was dieses „sonst“ bedeutet. Da wird der
Verbrecher herangeführt, und hat er ihn bisher noch nicht kennen gelernt
und noch nichts näheres über ihn gehört, so konnte Sherebätnikoff mit
ihm zum Beispiel folgendes Stückchen spielen. – Doch ist
selbstverständlich dieses, das ich hier anführe, nur eines von
hunderten, denn der Leutnant war unerschöpflich in solchen Erfindungen.
Jeder Verurteilte wird in dem Augenblick, wenn man seinen Oberkörper
entblößt und seine Hände an die Gewehrkolben gebunden hat, um an ihnen
von den Unteroffizieren durch die ganze „grüne Gasse“ gezogen zu werden,
– in dem Augenblick wird jeder Arrestant, der Sitte getreu, mit
weinerlicher, kläglicher Stimme den Leiter der Exekution zu bitten
anfangen, ihn nicht gar so hart bestrafen zu lassen, wenigstens nicht
mit übermäßiger Strenge.
„Euer Gnaden,“ fleht der Unglückliche, „erbarmt Euch, seid wie unser
himmlischer Vater, tut, daß ewig für Euer Wohlergehen gebetet werde,
bringt mich nicht um, erbarmt Euch!“
Sherebätnikoff hat nur darauf gewartet: er hält sogleich den Vorgang auf
und beginnt – gleichfalls mit gerührter Stimme – folgendes Gespräch:
„Aber, mein Freund,“ sagt er, „was soll ich denn mit dir anfangen! Nicht
ich bestrafe dich, sondern das Gesetz!“
„Euer Gnaden, alles ist in Euren Händen, wolltet Ihr Euch nur erbarmen!“
„Glaubst du denn, daß du mir nicht leid tust? Du glaubst wohl, daß es
mir Vergnügen macht, zu sehen, wie man dich schlägt? Ich bin doch auch
ein Mensch! Bin ich ein Mensch oder nicht, deiner Meinung nach?“
„Ach, Euer Gnaden, wir wissen doch, – Ihr seid unsere Väter und wir Eure
Kinder. Handelt an mir wie ein leiblicher Vater!“ bittet der Arrestant,
der schon zu hoffen anfängt.
„Aber, mein Freund, bedenke doch selbst, du hast doch einen Verstand,
kannst doch selbst urteilen: ich weiß es doch selbst, daß ich aus
Menschlichkeit auch auf dich Sünder nachsichtig und barmherzig blicken
soll ...“
„Ach, Euer Gnaden sagt die reinste Wahrheit!“
„Ja, barmherzig blicken soll, wie sündig du auch bist. Aber hier handelt
es sich doch nicht um mich, sondern um das Gesetz! Denk doch nur nach!
Ich diene doch Gott und dem Vaterlande! Ich nehme doch eine schwere
Sünde auf mich, wenn ich das Gesetz abschwäche, bedenke doch nur das!“
„Euer Gnaden!“
„Nun, aber was! Mag es denn so sein, für dich! Ich weiß, daß ich
sündige, aber mag es denn sein ... Ich werde diesmal noch Gnade vor
Recht walten lassen, werde dich nur leicht bestrafen. Aber wie, wenn ich
dir damit nur schade? Lasse ich dich jetzt nur leicht bestrafen, so
hoffst du, daß es das nächste Mal ebenso sein werde und wirst wieder ein
Verbrechen begehen, – was dann? Ruht doch auf mir, auf meiner Seele die
...“
„Euer Gnaden! Freund und Feind sollen es wissen! Wie vor dem
Richterstuhle des himmlischen Schöpfers ...“
„Nun, schon gut, schon gut! Aber wirst du mir schwören, daß du dich
hinfort gut aufführen willst?“
„Daß mich der Herr zermalme, daß ich in jener Welt ...“
„Schwöre nicht, das ist Sünde. Ich werde auch deinem Wort glauben, –
versprichst du es mir?“
„Euer Gnaden!!!“
„Nun, dann höre mich: ich habe nur wegen deiner Waisentränen Mitleid mit
dir ... Du bist doch Waise?“
„Waise, Euer Gnaden, einsam wie ein Daumen, weder Vater noch Mutter ...“
„Nun, also dann um deiner Waisentränen willen, – aber sieh dich vor, es
ist zum letztenmal ... Führt ihn,“ fügt er mit einer so milden Stimme
hinzu, daß der Arrestant kaum weiß, mit welchen Gebeten er Gott für
einen so barmherzigen Menschen danken soll.
Man führt ihn hin, der Trommelwirbel ertönt, die ersten Stöcke heben
sich.
„Zieht ihn!“ schreit plötzlich aus vollem Halse Sherebätnikoff. „Schlagt
zu, schlagt zu! Prügelt ihn! Noch mehr, noch mehr! Stärker der Waise,
stärker dem Spitzbuben! Tränkt es ihm ein, kräftig, schlagt zu!“
Und die Soldaten schlagen zu aus aller Kraft, Funken sprühen aus den
Augen des Armen, er sperrt den Mund auf und schreit. Sherebätnikoff aber
läuft die Front entlang und lacht, lacht, hält sich die Seiten vor
Lachen, kann sich nicht gerade halten, kann sich nicht aufrichten vor
Lachen, so daß der Herzensjunge einem zum Schluß geradezu leid tut. Und
er freut sich und es amüsiert ihn, und nur von Zeit zu Zeit unterbricht
er sein helles, gesundes Lachen und dann hört man wieder:
„Schlagt zu, schlagt zu! Gebt’s dem Spitzbuben, gebt’s der Waise! ...“
Oder er ersann ein anderes amüsantes Verfahren: man bringt den
Verurteilten, der legt sich wieder auf das Bitten. Sherebätnikoff
verstellt sich diesmal nicht, er spielt den Aufrichtigen.
„Hör mal, mein Lieber,“ sagt er, „ich werde dich wie es sich gehört
bestrafen, denn das hast du verdient. Aber eines kann ich für dich in
Gottes Namen noch tun: ich werde dich nicht an die Gewehrkolben anbinden
lassen. Du wirst allein gehen, aber nach einer neuen Art. Lauf selbst so
schnell du kannst durch die ganze Gasse! Wenn auch jeder Stock dich
deswegen nicht minder trifft, so wird die Sache doch kürzer sein, was
meinst du? Willst du es versuchen?“
Der Sträfling hört ihn verwundert an, mißtrauisch, denkt aber nach:
„Was kann man wissen,“ meint er bei sich selbst, „vielleicht werde ich
dabei tatsächlich besser abschneiden: ich laufe was ich laufen kann, und
die Sache ist fünfmal schneller abgetan, und vielleicht wird nicht
einmal jeder Stock treffen.“
„Gut, Euer Gnaden, ich bin einverstanden.“
„Nun, ich gleichfalls. Los! Gebt acht, aufgepaßt!“ schreit er den
Soldaten zu, da er schon weiß, daß kein einziger Stock den schuldigen
Rücken verfehlen wird, denn auch der fehlschlagende Soldat weiß nur zu
gut, was ihm bevorsteht.
Der Sträfling läuft so schnell er kann, durch die „grüne Gasse“, kommt
aber natürlich kaum bis zum fünfzehnten: die Stöcke fallen wie Blitze,
wie ein Trommelwirbel, von beiden Seiten gleichzeitig auf ihn nieder,
und der Arme stürzt wie gemäht, wie von einer Kugel getroffen zu Boden.
„Nein, Euer Gnaden, lieber schon nach dem Gesetz,“ sagte er, langsam von
der Erde sich erhebend, bleich und erschrocken.
Sherebätnikoff aber, der den Verlauf der Sache schon im Voraus gewußt
hat, schüttelt sich vor Lachen. Doch ich kann ja nicht alle seine
Erfindungen wiedergeben und alles, was man sonst noch über ihn bei uns
erzählte ...