Fühlte sich einer der Arrestanten nicht wohl, so ging er – gewöhnlich

früh am Morgen – zum Unteroffizier und meldete sich krank. Er wurde

sofort ins Krankenbuch eingeschrieben und mit diesem Buch unter Eskorte

ins Lazarett geschickt. Dort untersuchte der Arzt alle Neueingetroffenen

aus sämtlichen Militärkommandos, die in der Festung lagen, schrieb

jeden, den er für tatsächlich krank befand, ins Lazarettbuch ein und

schickte ihn in den Krankensaal seiner Abteilung. Auch ich wurde von dem

Unteroffizier in das Buch eingetragen und um zwei Uhr nachmittags, als

die anderen schon zur Arbeit abmarschiert waren, ging ich ins Lazarett.

Der erkrankte Arrestant nahm in der Regel noch so viel Geld mit, wieviel

er nur hatte, außerdem Brot, da er an diesem Tage im Lazarett kein

Mittagessen mehr erwarten konnte, und wenn er Raucher war, noch eine

möglichst kleine Pfeife, Tabak, Feuerstein und Zündbüchse. Diese

letzteren Gegenstände wurden sorgfältig in den Stiefeln verborgen. Ich

betrat den Lazaretthof, nicht ohne ein gewisses neugieriges Interesse

für diese mir noch unbekannte Abwechselung unseres Arrestantenlebens.

Es war ein warmer, trüber, trauriger Tag – einer jener Tage, an denen

Gebäude wie Krankenhäuser immer einen traurigen und griesgrämigen

Eindruck machen. Ich trat zusammen mit dem Soldaten in das

Empfangszimmer, in dem zwei kupferne Wannen standen und bereits zwei

Kranke, unter Anklage Stehende, mit ihren Begleitssoldaten warteten.

Der Feldscher trat ein, besah uns mit Faulheit verratendem

Vorgesetztenhochmut und begab sich darauf mit noch größerer Faulheit zum

diensttuenden Arzt. Dieser erschien sehr bald, untersuchte uns, ging

sehr freundlich mit uns um, und stellte einem jeden den Krankenbericht

aus. Die weitere Untersuchung, die Bestimmung der Arznei, der Kost usw.

war Sache des Arztes, der die Arrestanten-Abteilung unter sich hatte.

Ich hatte schon gehört, daß die Sträflinge ihre Ärzte nicht genug loben

konnten. „Wie Väter!“ sagten sie mir auf meine Fragen vor meinem Abgang

ins Lazarett. Wir kleideten uns um. Die Wäsche und die Kleider, in denen

wir gekommen waren, wurden uns abgenommen. Wir erhielten Hospitalwäsche,

lange Strümpfe, Pantoffeln, Schlafmützen und Schlafröcke aus dickem,

braunem Tuch, die mit einem halb leinwand-, halb pflasterartigen Zeuge

gefüttert waren. Der ganze Rock war äußerst schmutzig, doch das bemerkte

ich erst, als ich schon in ihm stak. Nach dem Kleiderwechsel wurden wir

in die Krankensäle der Arrestantenabteilung geführt, die ganz am Ende

eines überaus langen, hohen und sauberen Korridors lagen. Die äußere

Sauberkeit war überall sehr zufriedenstellend: alles, was uns auf den

ersten Blick ins Auge fiel, glänzte geradezu vor Sauberkeit. Übrigens

konnte es mir auch nur so scheinen nach den Kasernen im Ostrogg. Die

beiden unter Anklage Stehenden kamen in die Arrestantenkrankenstube

links, ich in die Stube rechts. Vor der Tür, die durch einen eisernen

Bolzen zugehalten wurde, stand eine Schildwache mit geladenem Gewehr und

neben ihm ein anderer Soldat, die Nebenwache, die die Schildwache im

Notfall abzulösen hat. Der jüngere Unteroffizier der Lazarettwache

befahl, mich in die Stube zu lassen. Ich trat in ein langes und schmales

Zimmer, in dem an beiden Längswänden die Betten standen, ich glaube,

zweiundzwanzig an der Zahl, und von denen nur drei oder vier nicht

besetzt waren. Die Betten waren von Holz, grün angestrichen, Betten, die

in Rußland allen und jedem nur zu gut bekannt sind, da sie infolge einer

gewissen Vorherbestimmung nie und nimmer ohne Wanzen sind. Ich wählte

mir ein Bett in der Ecke an der Wand, in der die Fenster waren.

Wie ich schon bemerkt habe, lagen hier unter den Kranken auch Sträflinge

aus unserem Ostrogg. Einige von ihnen kannten mich bereits oder hatten

mich wenigstens gesehen. Die Mehrzahl aber bestand aus Gefangenen, denen

eine Strafe bevorstand, und aus Soldaten der Strafkompagnie.

Schwerkranke oder solche, die das Bett nicht verlassen konnten, gab es

nicht viel. Die anderen, nur leicht Erkrankten und die Rekonvaleszenten

saßen entweder auf ihren Bettstellen oder sie gingen im Zimmer auf und

ab, in dem schmalen Gang zwischen den Bettreihen, der aber noch breit

genug zum Durchgehen war. Es war eine drückende, schwüle

Krankenzimmerluft im Raum, geschwängert von allen nur möglichen

unangenehmen Ausdünstungen der Kranken und den verschiedenen Arzneien,

zumal der Ofen in der einen Ecke den ganzen Tag geheizt wurde. Auf

meinem Lager war ein gestreifter Überzug, den ich abnahm. Unter dem

Überzug war eine Bettdecke von Tuch mit Leinwand gefüttert und

Bettwäsche von grober Leinwand und sehr zweifelhafter Sauberkeit. Neben

jedem Lager stand ein kleiner Tisch, auf dem sich ein Krug und eine

zinnerne Tasse befanden, die beide mit einem ziemlich kleinen Handtuch,

das man auch mir ausgehändigt hatte, der Sauberkeit halber überdeckt

werden mußten. Unten hatte der Tisch noch ein Brett, auf das die

Teetrinker ihre Teekessel, andere wieder Holzkannen mit Kwas und noch

verschiedenes Gerät stellten; doch gab es unter den Kranken nur sehr

wenige, die Tee tranken. Die Pfeifen und Tabaksbeutel dagegen, die fast

ein jeder bei sich hatte, selbst die Schwindsüchtigen nicht ausgenommen,

wurden unter den Matratzen versteckt. Die Ärzte und die Krankenwärter

durchsuchten dieselben nie nach verbotenen Sachen, und überraschten sie

einmal einen mit der Pfeife, so taten sie, als bemerkten sie nichts.

Aber auch die Kranken waren immer sehr vorsichtig mit dem Rauchen und

gingen dann immer zum Ofen. Höchstens in der Nacht wurde auf den Betten

liegend geraucht, aber nachts kam niemand in die Krankenstuben, außer

dem wachhabenden Offizier der Hospitalwache, der jedoch nur einmal die

Runde machte.

Ich hatte bis dahin noch nie in einem Hospital gelegen und so war mir

die ganze Umgebung, die Einrichtung, die Disziplin neu. Auch fiel mir

auf, daß ich die Neugier der anderen erregte. Man hatte von mir schon

gehört und betrachtete mich sehr ungeniert, sogar mit einer gewissen

Überlegenheit, wie in der Schule ein Neueingetretener oder im

Sitzungssaal ein Bittsteller betrachtet wird.

Rechts von mir lag ein Schreiber, der uneheliche Sohn eines

verabschiedeten Hauptmanns. Er war Falschmünzer gewesen und lag schon

ein Jahr lang im Lazarett, ohne, wie ich glaube, überhaupt krank zu

sein, doch hatte er den Ärzten versichert, er leide an den Nerven und

damit das Gewünschte erreicht: die Zwangsarbeit und die körperliche

Züchtigung blieben ihm erspart und nach Verlauf eines weiteren Jahres

wurde er nach T–k geschickt, um dort in einem Hospital als Aufwärter

untergebracht zu werden. Er war ein vierschrötiger, kräftiger Bursche

von achtundzwanzig Jahren, ein großer Spitzbube und Rechtsverdreher vor

dem Herrn, nichts weniger als dumm, sehr unterhaltsam und selbstbewußt,

und krankhaft selbstgefällig. Er hatte sich allen Ernstes versichert,

daß er der ehrlichste und wahrheitsliebendste Mensch der Welt und

vollständig unschuldig sei, und in diesem Glauben verblieb er bis an

sein Ende in unerschütterlicher Überzeugung. Er war der erste, der ein

Gespräch mit mir anknüpfte, mich neugierig auszuforschen suchte und mich

ziemlich ausführlich über die äußeren Ordnungsregeln des Hospitals

aufklärte. Selbstverständlich hatte er mir schon vorher mitgeteilt, daß

er der Sohn eines Hauptmanns sei. Er wollte ungeheuer gern zu den

Adligen gezählt werden oder doch wenigstens zu den „Besseren“. Nachdem

er verstummt war, kam einer aus der Strafkompagnie zu mir, setzte sich

hin und begann zu erzählen, daß er viele von den früher verschickten

Adligen gekannt habe, und er nannte sie alle mit dem Taufnamen. Er war

ein bereits ergrauter Soldat, auf dessen Gesicht es förmlich geschrieben

stand, daß er alles log. Er hieß Tschekunoff. Offenbar wollte er sich

bei mir einschmeicheln, da er wahrscheinlich Geld bei mir vermutete. Als

er darauf in der Tat bemerkte, daß ich ein Päckchen Tee und Zucker bei

mir hatte, bot er mir sofort seine Dienste an: einen Teekessel zu

verschaffen und den Tee aufzusetzen. Nun hatte mir aber schon M–tzkij

versprochen, am nächsten Tage durch die Arrestanten, die auf den

Lazaretthof arbeiteten, aus dem Ostrogg einen Teekessel zu schicken.

Doch ungeachtet meiner Einwendung, besorgte Tschekunoff in kürzester

Zeit alles, was nötig war. Er brachte ein gußeisernes Gefäß, sogar eine

Tasse, ließ das Wasser aufkochen und goß es über die Teeblätter, – kurz,

er bediente mich mit ungewöhnlichem Eifer, was ihm sogleich von einem

anderen Kranken einige beißend spöttische Bemerkungen eintrug. Dieser

Kranke war ein Schwindsüchtiger, der mir gegenüber an der anderen Wand

lag, Ustjänzeff mit Namen, ein Soldat – er war derselbe, der in der

Angst vor der bevorstehenden Körperstrafe einen Liter Branntwein mit

Tabak ausgetrunken und sich durch diesen Trank sein Lungenleiden

zugezogen haben sollte. Bis jetzt hatte er schweigend und schweratmend

dagelegen, mich unverwandt und mit ernstem Blick beobachtet und unwillig

jede Bewegung Tschekunoffs verfolgt. Sein ungeheurer, galliger Ernst

verlieh seinem Unwillen etwas überaus Komisches. Endlich hielt er es

nicht mehr aus:

„Sieh doch einer diesen Knecht! Da hat er jetzt glücklich einen Herrn

gefunden!“ sagte er langsam mit Zwischenpausen und mit einer Stimme, die

vor Erregung atemlos zu sein schien. Seine Tage waren bereits gezählt.

Tschekunoff wandte sich unwillig zu ihm.

„Wer ist hier ein Knecht?“ fragte er mit verächtlichem Blick auf ihn.

„Du natürlich!“ antwortete dieser in so überzeugtem Ton, als hätte er

das volle Recht gehabt, Tschekunoff zu schimpfen, ja als wäre er einzig

zu diesem Zweck angestellt.

„Ich ein Knecht?“

„Gerade du. Hört doch, Kinder, er glaubt’s nicht einmal! Wundert sich

noch!“

„Was geht das dich an! Siehst doch, daß er allein ist und sich nicht

selbst bedienen kann – und daß er nicht gewohnt ist, ohne Diener zu

sein, das weiß man doch! Weshalb soll ich ihm da nicht gefällig sein, du

borstige Schnauze!“

„Wer ist eine borstige Schnauze?“

„Du, natürlich!“

„Ich soll eine borstige Schnauze sein?“

„Selbstverständlich du.“

„Und du bist wohl eine Schönheit? Hast selber ein Gesicht wie ein

Krähenei ... wenn ich eine borstige Schnauze sein soll.“

„Sei getrost, die bist du! Da hatte ihn doch Gott schon halbtot gemacht.

Aber nein, da muß er wieder schwatzen! Was machst du dich denn so

breit?“

„Breit! Nein, ich, wißt ihr, verbeuge mich lieber vor einem Stiefel als

vor einem Bastschuh. Mein Vater hat es auch nicht getan und auch mir

befohlen ... ich ... ich ...“

Er wollte noch mehr sagen, begann aber entsetzlich zu husten. Der

Hustenanfall dauerte mehrere Minuten lang an. Er spie sogar Blut. Bald

trat auch kalter, quälender Schweiß auf seiner schmalen Stirn hervor.

Diese Hustenanfälle verhinderten ihn zu sprechen, sonst würde er

ununterbrochen gesprochen haben; man sah es deutlich seinen Augen an,

daß er noch gern den anderen geschimpft hätte, aber in der

Kraftlosigkeit konnte er nur noch mit der Hand einmal abwinken – doch

Tschekunoff hatte ihn fast schon vergessen.

Mein Gefühl sagte mir, daß die Wut des Schwindsüchtigen eher auf mich

gerichtet war, als auf Tschekunoff, denn wegen seines Wunsches, mir

gefällig zu sein, um eine Kopeke zu verdienen, hätte sich niemand über

ihn geärgert oder ihn mit Verachtung behandelt. Und zudem sah doch ein

jeder, daß er es nur um des Geldes willen tat. In dieser Hinsicht ist

das einfache Volk durchaus nicht so pedantisch und versteht es sehr

fein, die Sache vom gesunden Standpunkt aufzufassen. Was Ustjänzeff

mißfiel, das war ich, ich und mein Tee, und daß ich selbst in Fesseln

als Herr auftrat, der nicht ohne Bedienung auskommen kann, obgleich ich

gar nicht um Bedienung gebeten oder überhaupt welche auch nur gewünscht

hatte. In der Tat, ich wollte immer alles selbst machen und besonders

bemühte ich mich, mir niemals den Anschein zu geben, daß ich ein

verzärtelter, anspruchsvoller „Herrensohn“ sei. Darin bestand teilweise

sogar mein ganzer Ehrgeiz, was ich ruhig gestehen will, da hier einmal

die Rede davon ist. Dennoch konnte ich niemals – ich weiß wirklich

nicht, wie das kam – die verschiedenen Dienstgefälligen und Diener, die

sich mir ungebeten aufdrängten, ablehnen, und so wurde ich zuguterletzt

immer von ihnen beherrscht, anstatt daß ich sie beherrschte – so daß in

Wirklichkeit sie meine Herren und ich ihr Diener war. Äußerlich aber

hatte es den Anschein, als könne ich nicht ohne Bedienung auskommen, und

wolle auch hier, in Ketten, den Herrn spielen. Das war mir natürlich

sehr unangenehm. Ustjänzeff aber war ein schwindsüchtiger, reizbarer

Mensch, die übrigen Kranken wahrten dabei durchaus den Anschein des

Gleichmuts, dem sogar gewisses Gepräge von Hochmut nicht fehlte. Ich

entsinne mich noch, daß sie damals alle ein besonderer Umstand

beschäftigte: wie ich aus ihren Gesprächen erfuhr, sollte man noch am

selben Abend einen bringen, den man gerade jetzt mit Spießruten

bestrafte. Die Kranken erwarteten den Betreffenden nicht ohne eine

gewisse Neugier. Übrigens sagten sie, daß die Strafe eine geringe sei:

im ganzen nur fünfhundert Hiebe.

Inzwischen hielt ich ein wenig Umschau. Soviel ich erkennen konnte,

waren die meisten Skorbut- und Augenkranke, – das waren die beiden

vorherrschenden Krankheiten in jener Gegend. Von den anderen wirklich

Kranken lagen fast alle an Influenza, Fieber, Brustleiden darnieder.

Hier in unserer Abteilung war es nicht so wie in den anderen

Krankenräumen, hier waren alle Krankheiten in einem Zimmer zusammen,

sogar die venerischen. Ich habe „von den _wirklich_ Kranken“ gesagt, da

es unter den Kranken auch einige gab, die ohne krank zu sein gekommen

waren – einfach um sich zu „erholen“. Die Ärzte ließen sie aus Mitleid

gern zu, besonders wenn viele Betten leer standen. In der Strafkompagnie

und im Ostrogg war die Verpflegung im Vergleich zum Lazarett so

schlecht, daß viele mit Vergnügen kamen und hier lagen, trotz der

abgeschlossenen Luft und der Unmöglichkeit, das Zimmer zu verlassen. Es

gab sogar besondere Liebhaber des Liegens und überhaupt des

Lazarettlebens, die meisten allerdings aus der Strafkompagnie.

Neugierig betrachtete ich meine neuen Kameraden und, ich weiß noch, das

größte Interesse erregte in mir ein Schwindsüchtiger aus unserem

Ostrogg, der bereits in den letzten Zügen lag, – im zweiten Bett neben

Ustjänzeff, also mir fast gegenüber. Er hieß Michailoff und ich hatte

ihn noch vor zwei Wochen im Ostrogg gesehen. Er war schon lange krank

und hätte schon längst ins Lazarett gehen müssen, er aber bezwang sich

mit einer geradezu eigensinnigen und doch völlig nutzlosen Energie, nahm

jedenfalls alle seine Kräfte zusammen und ging erst zum Weihnachtsfest

ins Lazarett, um dann nach drei Wochen an der Schwindsucht zu sterben.

Mir fiel sein entsetzlich verändertes Gesicht auf, – ein Gesicht, das

mir bei meinem Eintritt in den Ostrogg als eines der ersten aufgefallen

war; ich weiß noch, es stach mir damals geradezu ins Auge. Neben ihm lag

ein Soldat aus der Strafkompagnie, ein schon alter Mann, ein

grauenvoller, ekelerregender Schmutzfink ... Aber ich kann ja

schließlich nicht alle Kranken aufzählen ... Ich habe dieses Alten

einzig aus dem Grunde Erwähnung getan, weil er damals einen nicht

geringen Eindruck auf mich machte und mir in kürzester Zeit eine

recht anschauliche Vorstellung von gewissen Eigenheiten des

Arrestantenlazaretts gab. Dieser Alte hatte gerade den stärksten

Schnupfen. Er nieste fortwährend, nieste eine ganze Woche hindurch, und

sogar im Schlaf in förmlichen Salven fünf bis sechsmal nacheinander,

wozu er jedesmal gewissenhaft sagte: „Gott, daß es auch solche Strafen

gibt!“ Er saß auf seinem Bett und stopfte sich eifrig die ganze Nase mit

Tabak voll, den er einer Papierdüte entnahm, um gründlicher und

regelmäßiger niesen zu können. Er nieste in ein karriertes, baumwollenes

Schnupftuch – das sein persönliches, schon hundertmal gewaschenes,

gänzlich ausgeblichenes Eigentum war, – wobei sich seine kleine Nase

eigentümlich kraus zog, in unzählige, feine Runzeln, und die Stummeln

seiner schwarzgewordenen, alten Zähne mitsamt dem roten, schleimigen

Zahnfleisch sichtbar wurden. Hatte er sich dann ausgeniest und

ausgeschnaubt, so breitete er sofort das Tuch auseinander, besah

aufmerksam die darin reichlich angesammelte Feuchtigkeit, die er dann an

seinem braunen Lazarettschlafrock abwischte, so daß die ganze

Feuchtigkeit am „Staatseigentum“ kleben blieb, sein eigenes Taschentuch

aber nur feucht wurde. Dasselbe tat er ununterbrochen die ganze Woche,

so lange wie sein Schnupfen währte. Dieses mehr als geizige Schonen des

eigenen Schnupftuchs zum Nachteil des von der Regierung gelieferten

Krankenschlafrocks rief in den übrigen Kranken nicht den geringsten

Protest hervor, obgleich doch auch von ihnen jemand in der Folge diesen

Rock erhalten konnte. Aber unser einfaches Volk ist eben sehr genügsam

und bis zur Sonderbarkeit ekelfrei. Mich aber überlief ein Gruseln in

jenem Augenblick, und unwillkürlich begann ich voll Angst, Abscheu und

Neugier den soeben von mir angezogenen Schlafrock zu betrachten. Da erst

wurde ich gewahr, daß er schon seit längerer Zeit durch seinen ziemlich

starken Geruch meine Aufmerksamkeit reizte – ohne daß es mir jedoch zum

Bewußtsein gekommen wäre. Er war auf mir inzwischen warm geworden und so

roch er immer stärker nach Arzneien, Pflastern und, wie mir schien,

einer gewissen Fäulnis, was ja schließlich ganz erklärlich erschien, da

er sicherlich seit undenklichen Zeiten von den Schultern der Kranken

nicht heruntergekommen war. Vielleicht war das leinwandartige

Rückenfutter auch einmal gewaschen worden, genau aber ließ sich so etwas

nicht feststellen. Jedenfalls war dieses Futter von allen nur denkbaren

unangenehmen Säften durchtränkt, von dem Wasser, das Kompressen,

spanischen Fliegen und anderen Umschlägen entfließt. Zudem kamen in

diese Arrestantenabteilung des Militärlazaretts sehr oft Bestrafte,

deren Rücken von Spießrutenstreichen und Stockschlägen wund waren. Sie

wurden mit Kompressen behandelt und daher konnte auch der Schlafrock,

der direkt auf das nasse Hemd kam, nicht trocken bleiben, und alle

Feuchtigkeit, die er aufsog, trocknete allmählich in ihn hinein. So ist

es wohl begreiflich, daß ich jedesmal, wenn ich in all diesen Jahren ins

Lazarett kam – und ich kam ziemlich oft dorthin – mit ängstlichem

Mißtrauen den Schlafrock in Empfang nahm. Doch am wenigsten gefielen mir

die in diesen Schlafröcken sich mitunter vorfindenden Läuse von ganz

besonderer Größe und Wohlgenährtheit. Die Arrestanten akzeptierten sie

mit schadenfrohem Hochgenuß, und wenn unter dem harten, plumpen Nagel

des Arrestantenfingers eines dieser gefangenen Tiere mit einem Knall

sein Leben aufgab, so ließ sich sogar am Gesichtsausdruck des Henkers

die ganze Größe der von ihm empfundenen Genugtuung ermessen. Ebenso

wurden bei uns auch die Wanzen gehaßt, und es kam nicht selten vor, daß

an einem langen, langweiligen Winterabend die ganze Mannschaft sich zu

einem Vernichtungskampf gegen dieses Ungeziefer zusammentat. Mit einem

Wort, äußerlich war im Zimmer alles – abgesehen von der schweren Luft –

nach Möglichkeit sauber und gut – nur daß mit der Sauberkeit des

Unterfutters, wie gesagt, leider kein Luxus getrieben wurde. Die Kranken

hatten sich daran gewöhnt und glaubten wahrscheinlich, daß es gerade so

sein müsse, und überdies waren auch keine besonderen Vorkehrungen zur

Erhaltung der Sauberkeit getroffen. Doch davon später.

Kaum hatte mir Tschekunoff den Tee gebracht – zu dem er, nebenbei

bemerkt, das Wasser aus dem Vorrat unserer Krankenstube genommen hatte,

Wasser, das nur einmal in ganzen vierundzwanzig Stunden gebracht wurde

und in der stickigen Luft bald verdarb, – als sich mit einem gewissen

Geräusch die Tür öffnete und ein soeben mit Spießruten gezüchtigter

Soldat unter verstärkter Eskorte hereingeführt wurde. Da sah ich zum

erstenmal einen in dieser Weise Bestraften. Sie wurden im allgemeinen

sehr oft gebracht oder hereingetragen, wenn es Schwerbestrafte waren,

und die Ankunft eines solchen war für die Kranken stets eine große

Zerstreuung. Nichtsdestoweniger wurden sie mit sehr strenger Miene und

mit einem, ich möchte sagen, forzierten Ernst empfangen. Übrigens hing

der Empfang bis zu einem gewissen Grade von der Größe des Vergehens und

folglich auch von der Größe der Strafe ab. Ein schwer Bestrafter und

seinem Ruf nach großer Verbrecher genoß auch größere Hochachtung und

größere Aufmerksamkeit, als irgend so ein entflohener Soldat, wie zum

Beispiel der, den man in jenem Augenblick hereinführte. Doch wurden

weder in diesem noch in einem anderen Fall mitleidige Worte oder sonst

welche diesbezügliche Bemerkungen geäußert. Schweigend halfen sie dem

Armen und pflegten ihn, namentlich wenn er nicht ohne Hilfe auskommen

konnte. Auch die Feldscher schienen schon zu wissen, daß sie den

Gezüchtigten geübten und geschickten Händen übergaben.

Diese Hilfe bestand gewöhnlich in der ziemlich oft erforderlichen

Erneuerung der Kompressen, einem Bettuch oder Hemde, das in kaltes

Wasser getaucht, nur ein wenig ausgewrungen und auf den zerfleischten

Rücken gelegt wurde, wenn der Bestrafte selbst nicht mehr imstande war,

auf das Trockenwerden derselben zu achten, – und ferner im geschickten

Herausziehen der Splitter aus dem Schorf der Wunden. Diese Splitter

rührten von den Stöcken her, die auf dem Rücken des Betreffenden beim

Schlage zerbrochen waren. Das Herausziehen derselben ist dem Kranken

gewöhnlich sehr unangenehm, doch hat mich immer die ungewöhnliche

Standhaftigkeit im Ertragen eines physischen Schmerzes, wie ich sie bei

diesen Arrestanten sah, nicht wenig gewundert. Ich habe ihrer viele,

sogar grausam Geschlagene gesehen, doch fast kein einziger von ihnen hat

gestöhnt. Nur ihr Gesicht sieht dann ganz verändert aus, ist sehr

bleich, die Augen brennen wie im Fieber, der Blick ist zerstreut,

unruhig, die Lippen zittern, so daß der Arme sie unwillkürlich und nicht

selten blutig beißt.

Der hereingeführte Soldat war ein Bursche von dreiundzwanzig Jahren,

stark und muskulös gebaut, hoch und schön gewachsen, mit einem hübschen

Gesicht und von gebräunter Hautfarbe. Sein Rücken war völlig

wundgeschlagen und bis zum Gürtel entblößt. Um die Schultern hatte man

ihm ein zusammengefaltetes nasses Bettuch gelegt, das bis zum Kreuz

herabreichte und unter dem er an allen Gliedern wie im Fieber zitterte.

Anderthalb Stunden ging er ununterbrochen im Zimmer umher. Ich sah ihm

ins Gesicht: er schien im Augenblick nichts zu denken, er schaute nur

wild und eigentümlich drein, mit unstetem Blick, dem es offenbar schwer

fiel, auf einem Gegenstande aufmerksamer haften zu bleiben. Da schien es

mir, daß er einmal starr auf meinen Tee geblickt hatte. Der Tee war

heiß: der Dampf stieg noch aus der Tasse empor, und der arme Junge

zitterte vor Kälte. Ich forderte ihn auf, zu trinken. Schweigend und

kurz wandte er sich zu mir, nahm die Tasse, trank sie stehend und ohne

Zucker aus, wobei er sich sehr beeilte, und sich augenscheinlich

bemühte, mich nicht anzusehen. Nachdem er getrunken hatte, setzte er die

Tasse schweigend wieder hin und ging, ohne zu danken oder auch nur mit

dem Kopf zu nicken, wieder in den mittleren Gang zurück, um von neuem

hin- und herzugehen. Es war ihm nicht um Dankbarkeit und Kopfnicken zu

tun! Was aber das Verhalten der übrigen zu ihm anbetrifft, so fiel mir

eines auf: sie vermieden sichtlich jedes Gespräch mit ihm. Ja, es

wunderte mich sogar, daß sie nach den ersten Hilfeleistungen ihm

geradezu absichtlich nicht die geringste Aufmerksamkeit mehr schenkten.

Vielleicht taten sie es in dem Wunsch, ihn möglichst in Ruhe zu lassen

und ihm nicht mit Ausfragen und „Teilnahme“ lästig zu werden, womit er

vollkommen zufrieden zu sein schien.

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