man ja noch seine Ketten klirren und da kommt er nun im Überzieher, im
runden Hut und im Mantel! – wie ein Staatsrat! Hat sich sogar einen
Schnurrbart angeklebt und Haar auf den halben Kopf! Sieh, da hat er noch
ein rotes Schnupftuch aus der Tasche hervorgezogen! – sieh, wie er sich
zufächelt und den Herrn spielt, ganz als wäre er ohne weiteres selber
einer!“ Und alle sind entzückt.
Der „wohltätige Gutsbesitzer“ erschien im Uniformrock mit
Achselschnüren, und in einer Mütze, auf der man eine Kokarde befestigt
hatte, und machte einen vortrefflichen Eindruck. Daß alles alt und
abgetragen war, tat absolut nichts zur Sache. Für diese Rolle hatte es
zwei Liebhaber gegeben und – wird man es glauben? – beide hatten sich
deswegen wie die kleinen Kinder gestritten, wer sie spielen sollte:
beide wollten sich gar zu gern im Offiziersrock mit Achselschnüren
zeigen! Da waren denn die anderen Schauspieler gezwungen gewesen,
einzugreifen und dem Streit ein Ende zu machen: die Stimmenmehrheit
hatte die Rolle Nezwetajeff zugesprochen, und zwar nicht etwa, weil
dieser hübscher und stattlicher gewesen wäre als der andere und daher
den Herrn besser darstellen konnte, sondern weil Nezwetajeff allen
versichert hatte, daß er mit einem Spazierstöckchen erscheinen und
dasselbe so geschickt schwingen würde, wie ein wirklicher Herr und
erstklassiger Modekenner, was Wanjka Otpetyj nie und nimmer
fertigstellen könne, da er wirkliche Herren überhaupt noch nicht gesehen
habe. Und in der Tat: als Nezwetajeff mit seiner wohltätigen
Gutsbesitzerin auftrat, tat er nichts anderes, als daß er gewandt das
Stöckchen, das er sich weiß Gott woher verschafft hatte, in der Luft
schwang oder Figuren auf den Fußboden zeichnete. Offenbar sah er darin
alle Anzeichen der größten Vornehmheit und der feinsten
Stutzerhaftigkeit. Wahrscheinlich hatte er einmal in jungen Jahren, als
er noch barfüßig auf dem Gutshof umherlief, einen gutgekleideten Herrn
mit einem spanischen Rohrstock gesehen und war von dessen
Geschicklichkeit, mit dem Stöckchen zu spielen, dermaßen gefesselt
worden, daß der Eindruck sich auf ewig, unauslöschlich in seine Seele
eingegraben hatte, und er sich noch nach dreißig Jahren des Verfahrens
zur Bezauberung und zum Entzücken des ganzen Ostrogg entsann.
Nezwetajeff war in seine Beschäftigung dermaßen vertieft, daß er
überhaupt niemand und nichts mehr ansah, ja selbst seine Antworten gab
er, ohne die Augen zu erheben, er zeichnete nur und zeichnete und sein
Blick schien an das Ende seines Stöckchens gleichsam angebunden zu sein.
Die wohltätige Gutsbesitzerin war in ihrer Art nicht weniger
bemerkenswert: sie erschien in einem alten, abgetragenen Musselinkleide,
das einem Scheuerlappen nicht unähnlich war, mit nackten Armen und
nacktem Hals, mit entsetzlich gepudertem und geschminktem Gesicht, mit
einer weißen Nachthaube auf dem Kopf, die unter dem Kinn zugebunden war,
mit einem Sonnenschirm in der einen, und einem Fächer aus bemaltem
Papier, mit dem sie fortwährend fächelte, in der anderen Hand. Eine
Lachsalve begrüßte sie. Aber auch die Dame konnte sich nicht ganz
beherrschen und platzte mehrmals aus. Der Arrestant Iwanoff spielte
diese Rolle. Ssirotkin, den man als Mädchen verkleidet hatte, war
allerliebst. Die Couplets waren vorzüglich. Kurz, das Stück war für alle
ein wahrer Hochgenuß. Eine Kritik gab es nicht und konnte es auch gar
nicht geben.
Hierauf spielte man nochmals die Ouvertüre und der Vorhang erhob sich
von neuem. Jetzt kam „Kedrill der Vielfraß“ an die Reihe.
Kedrill scheint eine Abart vom Don Juan zu sein, wenigstens wird sowohl
der Herr wie der Diener zum Schluß des Stückes von Teufeln in die Hölle
geschleppt. Von dem ganzen Lustspiel wurde aber nur ein Aufzug gespielt,
offenbar ein Bruchstück, denn ein Anfang und ein Ende fehlten, – die
waren verloren. Die Handlung spielt in Rußland, irgendwo auf einer
Poststation. Der Wirt führt einen Herrn in einem Mantel und einem
runden, mit Beulen versehenen Hut ins Zimmer. Ihm folgt sein Diener
Kedrill mit dem Reisekoffer und einem, in blaues Papier eingewickelten,
gebratenen Huhn. Kedrill ist im Halbpelz und hat nur eine Lakaienmütze
auf dem Kopf. Er ist der Vielfraß. Der Arrestant Pozeikin, der Gegner
Bakluschins, spielt ihn; den Herrn spielt derselbe Iwanoff, der im
ersten Stück die wohltätige Gutsbesitzerin dargestellt hatte. Der Wirt,
Nezwetajeff, fühlt sich aber verpflichtet, dem Herrn mitzuteilen, daß es
im Zimmer böse Geister gäbe, worauf er sich zurückzieht. Der Herr, der
finster und besorgt ist, brummt vor sich hin, daß er es schon lange
wisse, und befiehlt seinem Diener Kedrill, die Sachen auszupacken und
das Abendessen herzurichten. Kedrill ist ein Feigling und Vielfraß
zugleich: wie er von den bösen Geistern hört, erbleicht und zittert er
wie ein Espenblatt; er würde gern fortlaufen, fürchtet aber den Herrn.
Und hinzu kommt noch, daß er Hunger hat und essen will. Er ist ein
Leckermaul, ist dumm und schlau in seiner Art, betrügt seinen Herrn auf
Schritt und Tritt und hat doch Angst vor ihm. Er ist ein vorzüglicher
Dienertyp, in dem sich entfernt und etwas undeutlich Züge von Leporello
wiederfinden, und wird von Pozeikin vorzüglich wiedergegeben. Pozeikin
hat entschieden ein großes Talent und ist, meiner Ansicht nach, ein noch
besserer Schauspieler als Bakluschin. Als ich am nächsten Tage
Bakluschin traf, sagte ich ihm natürlich nicht ganz rückhaltlos meine
Meinung: ich hätte ihn gar zu sehr betrübt. Der Arrestant, der den Herrn
darstellte, war gleichfalls kein schlechter Spieler. Er sprach den
größten Unsinn zusammen, doch war seine Diktion richtig und gewandt, die
Gesten dementsprechend. Während Kedrill mit dem Koffer beschäftigt ist,
geht der Herr in tiefen Gedanken hin und her, und spricht vor sich hin –
laut genug, um von allen gehört zu werden –, daß an diesem Abend alle
seine Irrfahrten ihr Ende erreicht hätten. Kedrill horcht interessiert
auf, hört zu, schneidet Gesichter, spricht beiseite und bringt mit jeder
Bemerkung die Zuschauer zum Lachen. Ihm tut der Herr nicht leid, aber er
hat etwas von den bösen Geistern gehört und er will nun herausbekommen,
was man sich darunter zu denken habe. Er fragt seinen Herrn und es
entspinnt sich ein Gespräch. Schließlich erklärt ihm der Herr, daß er
einmal im Augenblick einer großen Gefahr die Hölle um Hilfe angerufen
habe und die Teufel ihm daraufhin geholfen hätten; heute aber sei die
Frist um und vielleicht würden sie, eingedenk der Abmachung, heute noch
kommen, um seine Seele abzuholen. Kedrill fällt sogleich das Herz in die
Hosen. Sein Herr jedoch verliert den Mut nicht und befiehlt ihm, das
Abendessen herzurichten. Bei dem Wort Abendessen belebt sich Kedrill, er
entnimmt das Huhn den Papierhüllen, dem Reisekoffer eine Flasche Wein –
und, und – eh er sich’s versieht – hat er selbst schon ein Stück vom
Huhn in den Mund geschoben und hinuntergeschluckt. Das Publikum lacht.
Da kreischt die Tür ein wenig und der Wind rüttelt an den Fensterläden.
Kedrill erzittert und schiebt, halb unbewußt, ein zweites Stück Fleisch
in den Mund, diesmal ein so großes, daß er fast daran erstickt. Wiederum
Gelächter. „Ist es fertig?“ fragt der Herr, der immer noch auf- und
abgeht. „Sofort, Herr ... ich will es Euch nur ... zubereiten,“
antwortet Kedrill, setzt sich selbst an den Tisch und schickt sich an,
das Essen seines Herrn zu verschlingen. Das Publikum freut sich über die
Schlauheit und Geschicklichkeit des Dieners, sowie auch darüber, daß der
Herr der Dumme ist. Ich muß gestehen, daß auch Pozeikins meisterhafte
Darstellung viel zur Komik beitrug: Die Worte: „Sofort, Herr ... ich
will es Euch nur ... zubereiten,“ sagte er unübertrefflich. Nachdem er
sich also an den Tisch gesetzt hat, macht er sich gierig ans Essen,
zuckt aber bei jedem Schritt des Herrn zusammen, in der Angst, jener
könne plötzlich aufblicken und ihn bemerken. Kaum hat sich jener
umgedreht, da kriecht er auch schon unter den Tisch und vergißt nicht,
das Huhn mitzunehmen. Endlich hat er seinen größten Heißhunger gestillt
und es wird Zeit, auch an den Herrn zu denken.
„Kedrill, bist du noch immer nicht fertig?“ schreit der Herr.
„Bin fertig!“ ist Kedrills prompte Antwort, da er plötzlich gewahr wird,
daß für den Herrn fast nichts mehr übriggeblieben ist. Auf dem Teller
liegt nur noch ein Hühnerbein. Der Herr setzt sich finster und besorgt
an den Tisch und bemerkt natürlich nichts. Kedrill steht mit der
Serviette hinter seinem Tisch. Jedes Wort, jede Handbewegung, jede
Grimasse Kedrills, wenn er, zum Publikum gewandt, mit dem Kopf auf den
dummen Herren weist, ruft bei den Zuschauern unbändiges Gelächter
hervor. Doch siehe, kaum will der Herr zu essen anfangen, da erscheinen
die bösen Geister auf der Bildfläche. Von hier an wird die Sache
unverständlich, und auch die Geister erscheinen nicht in der Gestalt,
wie das Volk sie sich vorstellt: in der Seitenkulisse öffnet sich eine
Tür und es erscheint eine weiße Gestalt, die an Stelle des Kopfes eine
Laterne mit einem Talglicht hat. Ein zweites Phantom, gleichfalls mit
einer Laterne als Kopf, hat eine Sense in der Hand. Warum die Laterne,
warum die Sense und warum sind die Geister in Weiß? Das kann sich
niemand erklären. Übrigens denkt aber auch niemand lange darüber nach.
Es muß wahrscheinlich wohl so sein, wenn es so ist. Der Herr wendet sich
ziemlich mutig gegen die Gespenster und schreit ihnen zu, daß er bereit
sei: sie sollten ihn nur nehmen. Kedrill aber ist erschrocken wie ein
Hase: er kriecht unter den Tisch, doch siehe da, wie groß sein Schreck
auch ist, er vergißt doch nicht, die Flasche vom Tisch mitzunehmen. Die
Geister verschwinden auf ein Weilchen; Kedrill kriecht unter dem Tisch
hervor, doch kaum hat sich der Herr wieder hingesetzt, da kommen
plötzlich wieder drei weiße Gestalten, die den Herrn hinterrücks
ergreifen und in die Hölle schleppen.
„Kedrill! Rette mich!“ schreit der Herr. Aber Kedrill ist es nicht um
ihn zu tun. Diesmal hat er sowohl die Flasche als den Teller mit dem
Hühnerbein und sogar das Brot mit unter den Tisch genommen. Jetzt ist er
allein, die Teufel sind fort, der Herr gleichfalls. Kedrill kriecht
unter dem Tisch hervor, besieht sich und ein Lächeln breitet sich über
sein Angesicht. Er blinzelt verschmitzt, setzt sich auf den Platz des
Herrn und sagt, dem Publikum zunickend, halblaut:
„Jetzt bin ich allein ... ohne Herrn! ...“
Alles lacht darüber, daß er ohne Herrn ist – er aber fügt noch flüsternd
hinzu, vertrauensvoll sich an die Zuschauer wendend und indem er immer
lustiger mit dem einen Auge blinzelt:
„Den Herrn haben ja die Teufel fortgeschleppt! ...“
Das Entzücken der Zuschauer ist grenzenlos! Ganz abgesehen davon, daß
den Herrn die Teufel fortgeschleppt haben, war das von Kedrill so
gesagt, mit einer so verschlagenen, höhnisch-triumphierenden Grimasse,
daß es in der Tat unmöglich war, nicht zu applaudieren. Doch das Glück
Kedrills währt nicht lange. Kaum hat er die Flasche entkorkt, sich
eingeschenkt und das Glas an die Lippen gesetzt, da kehren die Teufel
plötzlich zurück, schleichen sich leise an ihn heran und packen ihn
eins, zwei, drei um den Leib. Kedrill schreit aus voller Kehle, wagt
aber in der Angst nicht, sich auch nur einmal umzusehen. Verteidigen
kann er sich auch nicht: in seinen Armen hält er krampfhaft die Flasche
und das Glas, von denen er sich nicht zu trennen vermag. Mund und Augen
vor Entsetzen weit aufgerissen, sitzt und starrt er mit einem so maßlos
komischen Ausdruck feiger Angst ins Publikum, daß man ihn am liebsten
gemalt hätte, um diesen Gesichtsausdruck festzuhalten. Endlich wird er
hinausgeschleppt, mitsamt der Flasche und dem Glas: er zappelt mit den
Beinen und schreit, was er nur schreien kann. Sein Geschrei tönt auch
noch hinter der Kulisse fort. Doch der Vorhang fällt und alles lacht,
lacht, alle sind hingerissen ... Das Orchester setzt von neuem ein und
spielt jetzt die Kamarinskaja. Leise, kaum hörbar, beginnt die Musik,
dann aber wird sie immer lauter, das Tempo verschnellert sich,
rhythmisch und flott klingen die Schläge auf den Deckel der Balalaiken
dazwischen ... Das ist die Kamarinskaja mit ihrem ganzen Temperament,
und es wäre wirklich gut, wenn Glinka sie zufällig einmal bei uns im
Ostrogg gehört hätte.
Jetzt beginnt die Pantomime ... die Kamarinskaja wird weitergespielt,
denn es ist ja „Pantomime mit Musik“.
Die Bühne stellt das Innere einer Bauernwohnung dar. Auf der Szene sitzt
ein Müller mit seiner Frau. Der Müller sitzt in der einen Ecke und setzt
das Pferdegeschirr instand, das Weib sitzt in der anderen Ecke und
spinnt Flachs. Das Weib spielt Ssirotkin, den Mann Nezwetajeff.
Ich muß bemerken, daß unsere Dekorationen sehr dürftig waren. In diesem
wie auch in den beiden vorhergehenden Stücken mußte man sich mehr
hinzudenken, als man mit den Augen sah. Die Rückwand bildete eine Art
Teppich oder Pferdedecke, die rechte Seitenwand wurde durch einen alten
Bettschirm ersetzt. Links ist nichts vorgebaut, so daß man die
Kasernenwand und die Pritschen sieht. Aber die Zuschauer sind nicht
anspruchsvoll und gern bereit, die Wirklichkeit mit ihrer
Einbildungskraft zu vervollständigen, um so mehr, als die Arrestanten
äußerst fähig dazu sind. „Hat man dir gesagt, daß es ein Garten ist, so
hast du es für einen Garten zu halten, soll es ein Zimmer sein, dann ist
es eben ein Zimmer, eine Hütte, dann eine Hütte, – das bleibt sich ja
doch ganz gleich und viel gefragt wird nicht.“
Ssirotkin sieht in dem Kostüm des jungen Weibes ganz vorzüglich aus.
Unter den Zuschauern werden einige halblaute Komplimente an seine
Adresse laut. Der Müller hat seine Arbeit beendet, nimmt seine Mütze vom
Nagel, nimmt seine Peitsche, tritt zu seinem Weibe und gibt ihr durch
Zeichen zu verstehen, daß er jetzt gehen müsse, falls aber sie in seiner
Abwesenheit sich einfallen ließe, jemand zu empfangen, so – er zeigt ihr
vielsagend die Peitsche. Das Weib hört ihm aufmerksam zu und nickt
verständnisinnig mit dem Kopf: sie scheint die Peitsche bereits zu
kennen – ist sie doch schon des öfteren auf Abwege geraten. Der Mann
geht fort. Kaum hat sich die Tür hinter ihm geschlossen, so droht sie
ihm auch schon mit der Faust nach. Es vergeht eine Weile, – da wird
plötzlich leise geklopft: die Tür öffnet sich und herein tritt der
Nachbar, ein Mann in einem Kittel und mit langem Bart. In der Hand hat
er ein Geschenk: ein rotes Tuch. Das Weib lächelt erfreut. Doch bevor
noch der Nachbar sie umarmen kann, wird von neuem an die Tür geklopft.
Wohin mit ihm? Sie schiebt ihn eilig unter den Tisch und setzt sich
schnell an ihr Spinnrad. Ein zweiter Verehrer erscheint: er ist
Schreiber und steckt in einem Uniformrock. Bis dahin war die Pantomime
tadellos gewesen, jede Bewegung bis ins kleinste richtig. Man konnte
sich wirklich nur wundern, wenn man auf diese improvisierten Künstler
sah, und unwillkürlich dachte man: wieviel Kraft und Talent geht bei uns
in Rußland nutzlos verloren und wieviel Menschen gehen unter in
Unfreiheit und Zwangsarbeit! ... Doch der Arrestant, der den Schreiber
spielte, hatte wahrscheinlich ein Provinz- oder Liebhabertheater
gesehen, und so war er wohl der Meinung, daß alle unsere Schauspieler
von der ganzen Kunst nichts verstünden und nicht so gingen, wie man auf
der Bühne gehen müsse. Und da trat er nun selbst auf und schritt einher,
wie, nach dem Hörensagen, in alten Zeiten die klassischen Helden über
die Bühne geschritten sind: er macht einen langen Schritt und bleibt
stehen, noch bevor er das andere Bein aufhebt, wirft er den Kopf zurück,
biegt die Brust heraus, umfaßt, was im Halbkreise vor ihm ist, mit
stolzem Blick, und – macht den zweiten Schritt. Ist eine solche Gangart
schon bei dem klassischen Helden auf einer klassischen Bühne lächerlich,
um wieviel mehr war sie es dann bei einem Militärschreiberlein in einer
Pantomime. Unser Publikum jedoch glaubte, daß es sicherlich so sein
müsse und nahm die langen Schritte des Schreibers mit vollem Ernst auf,
ohne an eine Kritik auch nur zu denken. Doch noch war der Schreiber
nicht bis zur Mitte des Zimmers gekommen, da hört man schon wieder
klopfen. Die Müllerin ist völlig ratlos. Wohin mit dem Schreiber? –
Schnell in die Truhe, die zum Glück nicht verschlossen ist. Der
Schreiber kriecht in die Truhe und sie drückt den Deckel zu. Diesmal
erscheint ein besonderer Gast, der zwar gleichfalls verliebt ist, aber
sich doch von den anderen unterscheidet: es ist ein Brahmine und er
erscheint sogar in einem echten Kostüm. Unbändiges Gelächter begrüßt ihn
von Seiten der Zuschauer. Den Brahminen spielt der Arrestant Koschkin,
und er spielt ihn vortrefflich. Er hat ein echtes Brahminengesicht.
Mittels verschiedener Gesten erklärt er ihr den Grad seiner
Verliebtheit: er erhebt die Hände zum Himmel, preßt sie auf die Brust,
auf das Herz: doch kaum ist er so recht zärtlich geworden, – da ertönt
ein starker Schlag gegen die Tür. Bereits am Schlage hört man, daß es
der Hausherr ist. Die entsetzte Müllerin verliert vor Schreck gänzlich
den Kopf, und der Brahmine ringt jetzt vor Verzweiflung die Hände, läuft
im Kreise herum und fleht, ihn zu verstecken. Sie schiebt ihn schnell
hinter den Schrank und eilt dann selbst, ohne die Tür zu öffnen, wieder
zu ihrem Spinnrocken und spinnt und spinnt, ohne auf die Schläge ihres
Mannes gegen die Tür zu achten, und in der Aufregung spinnt sie einen
Faden, den sie gar nicht in der Hand hat, und dreht die Spindel, die sie
vom Fußboden aufzuheben vergißt. Ssirotkin wußte den Schreck und die
Kopflosigkeit vorzüglich darzustellen.
Doch da schlägt der Mann die Tür mit dem Fuß ein und tritt mit der Knute
in der Faust zu seiner Frau. Er weiß alles, denn er ist die ganze Zeit
auf der Lauer gewesen, und zeigt ihr mit den Fingern, daß drei bei ihr
versteckt sind. Nun beginnt das Suchen nach den Versteckten. Zuerst
findet er den Nachbar, den er mit Püffen zur Tür hinausstößt. Der
erschrockene Schreiber würde gern entfliehen, hebt aber, um Ausschau zu
halten, zu früh den Kopf und mit ihm den Deckel auf und verrät sich auf
diese Weise selbst. Der Hausherr peitscht ihn tüchtig mit der Knute und
diesmal springt der verliebte Schreiber durchaus nicht mehr klassisch
umher. Jetzt bleibt noch der Brahmine. Der Hausherr sucht ihn lange, bis
er ihn schließlich hinter der Schrankecke entdeckt: er macht ihm zuerst
eine höfliche Verbeugung, erfaßt dann seinen Bart und zieht ihn bis in
die Mitte der Stube. Der Brahmine versucht sich zu verteidigen, schreit:
„Du Verfluchter, du Verfluchter!“ (die einzigen Worte, die in der ganzen
Pantomime gesagt werden), aber der Müller achtet nicht darauf und
verfährt mit ihm nach eigenem Gutdünken. Die Müllerin, die da sieht, daß
nun die Reihe an sie kommt, läßt ihre Arbeit im Stich und läuft fort:
der Spinnrocken fällt polternd hin, die Spindel rollt über den Fußboden
und die Zuschauer wiehern vor Vergnügen. Alei zerrt mich an der Hand und
ruft mir, ohne mich anzusehen, begeistert zu: „Sieh, der Brahmine, der
Brahmine!“ kann sich aber selbst vor Lachen kaum halten. Der Vorhang
fällt. Eine neue Pantomime beginnt.
Doch wozu alle Szenen beschreiben. Es gab ihrer noch zwei oder drei,
alle von unverfälschter Komik und vorzüglich gespielt. Wenn die
Arrestanten sie auch nicht selbst erfunden hatten, so legten sie doch in
jedes Stück einen Teil von sich hinein. Jeder einzelne Schauspieler
improvisierte noch von sich aus hinzu, und so wurde ein und dieselbe
Rolle an jedem Abend anders gespielt. Die letzte Pantomime, mehr
phantastischen Inhalts, endete mit einem Ballett, das zugleich den
Abschluß der ganzen Theateraufführung bildete. Ein Toter sollte begraben
werden. Der Brahmine macht mit zahlreicher Dienerschaft verschiedene
Gesten über dem Sarge, um den Toten zu erwecken, aber es hilft nichts.
Endlich ertönt der Ruf: „Die Sonne geht unter!“ und siehe da, der Tote
erwacht und die Leidtragenden fangen vor Freude an zu tanzen. Der
Brahmine tanzt mit der Leiche und zwar auf ganz besondere Art, nämlich
brahminisch. Und damit schließt das Theater bis zum nächsten Abend. Die
Zuschauer gingen lachend und vollauf befriedigt auseinander, lobten die
Schauspieler und dankten dem Offizier. Von Streit oder Wortwechsel ist
nichts zu hören. Alle sind ganz ungewöhnlich zufrieden, ja sie scheinen
sogar glücklich zu sein und sie schlafen auch ganz anders ein, als
sonst, als wäre ihr unruhiger Geist diesmal beruhigt. Und was war die
Veranlassung dazu? Es ist kein eingebildeter Trugschluß von mir, sondern
volle Wahrheit, wenn ich sage: weil man diesen armen Menschen einmal
nach ihrer Art zu leben erlaubt hatte, einmal sich menschlich des Lebens
zu freuen, einmal, und wenn’s auch nur eine Stunde lang war, nicht nach
der Ostroggvorschrift leben zu müssen – der ganze Mensch veränderte sich
sichtlich, wenn diese Veränderung auch nur von kurzer Dauer war ...
Inzwischen ist es schon Nacht geworden, Mitternacht. Ich zucke zusammen
und erwache zufällig: der Alte betet immer noch auf dem Ofen und wird
wohl noch bis zum Morgenrot beten. Alei schläft still und ruhig neben
mir. Ich denke daran, wie er noch vor dem Einschlafen lachte und mit den
Brüdern über das Theater sprach, und ich betrachtete unwillkürlich sein
liebes Kindergesicht. Allmählich steigen in mir die Bilder der jüngst
vergangenen Zeit auf: der letzte Tag, das Weihnachtsfest, dieser ganze
Monat ... erschrocken hebe ich den Kopf und betrachte beim trüben,
zitternden Schein der Talgkerze meine schlafenden Genossen. Ich sehe
ihre armen Gesichter, sehe ihre armseligen Lagerstätten, sehe diese
ganze trostlose Armut und Nacktheit – ich sehe und sehe, als wollte ich
mich überzeugen, daß es nicht nur die Fortsetzung eines greulichen
Traumes ist, sondern Wahrheit, Wirklichkeit. Aber es ist, es ist
Wahrheit! Da höre ich ein Stöhnen im Schlaf; dort hat einer den Arm
schwer hinter den Kopf geworfen, die Kette klirrt. Ein anderer zuckt im
Schlaf zusammen und phantasiert ein paar Worte. Der Greis aber auf dem
Ofen betet für alle rechtgläubigen Christen, und ich vernehme wieder
sein gleichmäßiges, ruhiges, stilles: „Herr Jesus Christ, erbarme dich
unser! ...“
„Aber ich bin ja doch nicht auf ewig hier, ich bin hier ja nur auf ein
paar Jahre!“ denke ich und mein Kopf sinkt wieder auf das Kissen zurück.
Zweiter Teil
I.
Das Lazarett.
Bald nach dem Weihnachtsfest erkrankte ich und kam in unser
Militärlazarett. Dasselbe lag ganz einsam draußen im Felde, eine halbe
Werst von der Festung entfernt. Es war ein langgestrecktes einstöckiges
Gebäude, von außen mit gelber Farbe angestrichen; wenn im Sommer die
Anstricharbeit vorgenommen wurde, ging viel Ocker zum Anstrich auf. Auf
dem großen Lazaretthof lagen die Wirtschaftsgebäude, die Dienstwohnungen
für die Medizinalbehörde und ähnliche nützliche Baulichkeiten. In dem
Hauptgebäude befanden sich aber nur die Krankensäle. Dieser Säle gab es
im ganzen sehr viele, doch waren von ihnen nur zwei für die Arrestanten
abgeteilt, die das ganze Jahr und namentlich im Sommer sehr voll lagen,
so daß man nicht selten die Betten zusammenrücken mußte.
Diese beiden Krankensäle der Arrestantenabteilung wurden von aller Art
„unglücklichem Volke“ heimgesucht. Es kamen dorthin die erkrankten
Sträflinge aus dem Ostrogg, Soldaten, die unter Anklage standen, zu
einer Körperstrafe Verurteilte oder bereits Bestrafte, sowie unterwegs
Erkrankte, die noch weiter marschieren mußten; ferner gab es dort auch
welche aus der Strafkompagnie, aus diesem sonderbaren Institut, in das
die nicht ganz zuverlässigen Soldaten zur Besserung hineingesteckt
werden und aus dem sie nach Verlauf von zwei oder mehr Jahren gewöhnlich
als solche Taugenichtse zurückkehren, wie man sie nur selten findet.