Vielfraß“. Dieser Titel erweckte sogleich mein Interesse, aber wie sehr
ich mich auch bemühte, ich konnte doch nichts Genaues über das Stück
erfahren. Man wußte nur, daß es nicht aus einem Buche stamme, sondern
aus einer Abschrift, und erhalten hatte man es von einem ehemaligen
Unteroffizier aus der Vorstadt, der vielleicht selbst einmal an einer
Soldatenaufführung dieses Stückes teilgenommen hatte. Bei uns in Rußland
haben sich in entlegenen Städten und Gouvernements tatsächlich noch alte
Theaterstücke erhalten, die, wie es scheint, keinem einzigen Literaten
bekannt und vielleicht kein einziges Mal gedruckt worden sind, die ganz
von selbst aufgetaucht zu sein scheinen, Dichtungen, die den Grundstock
eines jeden „Volkstheaters“ darstellen. Es wäre wohl sehr, sehr zu
wünschen, daß jemand von unseren Forschern und Sammlern sich mit etwas
gründlicheren Nachforschungen abgeben würde, als sie bis jetzt unserem
Volkstheater gewidmet worden sind. Denn ein Volkstheater haben wir
sowohl früher gehabt, wie wir es auch jetzt noch haben, und ich glaube
annehmen zu dürfen, daß es durchaus nicht so unbedeutend ist. Ich kann
es nicht glauben, daß alles, was ich in unserem Ostroggtheater gesehen
habe, von unseren Arrestanten „frei aus der Luft“ ersonnen gewesen sei.
Hier handelte es sich vielmehr um ein altes Erbe aus der Überlieferung,
um einmal angenommene Bräuche und Begriffe, wie sie sich von Geschlecht
zu Geschlecht fortpflanzen. Suchen und nachforschen müßte man bei
Soldaten, Fabrikarbeitern, in Fabrikstädten und auch in manchen
entlegenen Städtchen bei den Bürgern. Auch auf Gütern, unter dem Gesinde
der großen Gutsbesitzer haben sie sich erhalten und sind durch diese bis
in die Gouvernementsstädte gedrungen. Ich glaube sogar, daß viele alte
Dichtungen sich nur dank der Abschriften der Gutsdienerschaft vermehrt
und erhalten haben. Hatten doch früher in alten Zeiten die reichen
Gutsherren und die Moskauer Großen eigene Theater auf ihren Gütern,
während die Schauspieler ihre Leibeigenen waren. Diese Theater nun sind
die Grundlage unserer Volksdramatik, wofür wir unzweifelhafte Anzeichen
haben. Was nun den „Vielfraß Kedrill“ anbelangt, so konnte ich vorläufig
nichts erfahren, ausgenommen das eine, daß auf der Szene böse Geister
erscheinen und den Vielfraß Kedrill in die Hölle schleppen würden. Was
aber der Name Kedrill bedeutete und schließlich warum Kedrill und nicht
Kyrill – das vermochte mir niemand zu sagen, und ebensowenig, ob es ein
echt russisches Stück war, oder einem ausländischen entlehnt. Und zum
Schluß, hieß es, werde eine „Pantomime mit Musik“ aufgeführt werden. Das
war natürlich alles sehr interessant.
Der Schauspieler gab es etwa fünfzehn, – ein flottes und geschicktes
Volk. Sie saßen keinen Augenblick still, veranstalteten Proben hinter
den Kasernen, steckten die Köpfe zusammen und tuschelten, versteckten
sich und taten überaus geheimnisvoll. Kurz, sie wollten uns alle mit
etwas Ungewöhnlichem und Ungeahntem überraschen.
An den Arbeitstagen wurde der Ostrogg früh geschlossen, sobald es
dunkelte. Während des Weihnachtsfestes aber wurde eine Ausnahme gemacht:
man schloß nicht vor dem Zapfenstreich, was eine Vergünstigung für die
Theateraufführungen war. Während der ganzen Festwoche wurde täglich vor
dem Abend aus dem Ostrogg eine „Gesandtschaft“ zum wachhabenden Offizier
abgesandt, mit der Bitte, die Aufführung zu erlauben und den Ostrogg
etwas später zu schließen, mit dem Nachsatz, daß auch gestern gespielt
und der Ostrogg später geschlossen worden sei, Unordnungen aber nicht
vorgekommen wären. Der Wachhabende denkt nun wohl folgendes: „Unordnung
hat es gestern allerdings nicht gegeben und wenn sie selbst versprechen,
daß auch heute keine vorkommen wird, so werden sie selbst auf sich acht
haben, das aber ist das Sicherste, was man sich denken kann. Hinzu kommt
jetzt, daß sie, falls ich das Spiel verbiete, womöglich – wer kann denn
sicher sein bei dieser Räuberbande! – mit Absicht irgend etwas
losschießen und noch die Wache hineinziehen. Schließlich kommt noch
hinzu, daß auf Wache sein äußerst langweilig ist, dort aber Theater
gespielt werden soll, und zwar nicht von gewöhnlichen Soldaten, sondern
von Arrestanten – diese aber sind eine ‚interessante Bande‘ und es wäre
doch nicht übel, selbst mal zuzusehen.“ Dazu aber hat der wachhabende
Offizier immer das Recht, und so erlaubt er die Aufführung. Sollte nun
aber ein böser Geist den Offizier ^du jour^ ihm auf den Hals schicken
und dieser fragen: „Wo ist der wachhabende Offizier?“ so ist ein
„Gehorsamst zu melden: sind zur Revision in den Ostrogg gegangen,“ die
klare Antwort und volle Rechtfertigung zugleich.
So kam es denn, daß während der ganzen Festwoche von Seiten des
Wachhabenden jeden Abend die Aufführung erlaubt und der Ostrogg nicht
vor dem Zapfenstreich geschlossen wurde. Die Arrestanten wußten schon
aus alter Erfahrung, daß sie von den Wachhabenden nichts zu befürchten
hatten und machten sich deswegen keine Sorgen.
Am Tage der ersten Aufführung kam Petroff zu mir, um mich abzuholen, wie
er sagte, und wir begaben uns ins „Theater“. Aus unserer Kaserne gingen
alle außer dem Altgläubigen und den Polen. Die Polen entschlossen sich
erst kurz vor der letzten Aufführung, am vierten Januar, das Theater zu
besuchen, und auch das erst nach langen Versicherungen, daß es dort
sowohl gut wie lustig und ungefährlich sei. Der Hochmut der Polen reizte
die Arrestanten nicht wenig, doch als sie endlich am vierten Januar
erschienen, wurden sie sehr höflich empfangen und man ließ sie sogar
nach vorn zu den besseren Plätzen. Was nun die Tscherkessen und im
besonderen Issai Fomitsch anbetrifft, so war unser Theater für sie ein
wahrer Hochgenuß. Issai Fomitsch gab jedesmal drei Kopeken, doch das
letzte Mal legte er ganze zehn Kopeken auf den Teller, während sein
Gesicht in dem Augenblick die Seligkeit selbst war. Die Schauspieler
hatten beschlossen, von den Anwesenden soviel zu sammeln, wieviel ein
jeder geben wollte, in erster Linie, um die Unkosten bestreiten zu
können und in zweiter zur eigenen „Stärkung“.
Petroff versicherte mir, daß man mich auf einen der ersten Plätze
durchlassen würde, wie gepfropft voll auch der ganze Raum und wie schwer
auch das Durchdringen sein sollte, und zwar würde man es aus dem Grunde
tun, weil ich, der ich reicher war als die anderen, wahrscheinlich auch
mehr geben würde, und außerdem verstände ich auch mehr als sie von
solchen Sachen. Petroff hatte recht: es geschah, was er gesagt hatte.
Doch vorher muß ich noch den „Saal“ und die „Bühne“ beschreiben.
Unsere Militärkaserne, in der die Aufführung stattfand, war ungefähr
fünfzehn Schritt lang. Vom Hof trat man zuerst auf die Treppe, von der
Treppe in den Flur und aus dem Flur in die Kaserne. Dieser längliche
Raum war, wie ich schon erwähnte, anders eingerichtet, als die übrigen
Kasernen: die Pritschen waren direkt an den Wänden angebracht, so daß
die Mitte des Raumes frei blieb. Die Hälfte dieser Kaserne, die dem
Eingang und dem Flur zunächst lag, war den Zuschauern überlassen; die
andere Hälfte, die mit der zweiten Kaserne in Verbindung stand, war von
der Bühne eingenommen. Mein erstes Staunen erregte vor allen anderen
Dingen – der Vorhang. Er zog sich, etwa zehn Schritt lang, quer durch
die ganze Kaserne hin. Ja, dieser Vorhang war so wundervoll, daß man
wirklich Ursache hatte, erstaunt zu sein. Ganz abgesehen davon, daß er
mit richtiger Ölfarbe gemalt war, sah man auf ihm noch so etwas wie
Bäume, Lauben, Teiche und Sterne dargestellt. Er bestand aus alten und
neueren Leinwandstücken, soviel wie ein jeder gegeben und gestiftet
hatte, aus alten Fußlappen und Hemden der Arrestanten, die irgendwie zu
einem großen Ganzen zusammengenäht waren, und außerdem bestand noch ein
Teil desselben, zu dem das Zeug nicht mehr gereicht hatte, einfach aus
Papier, das gleichfalls, blatt- und bogenweise, in allen nur möglichen
Kanzleien und Schreiberstuben, erbettelt worden war. Unsere Maler aber,
unter denen sich auch A–ff, unser Brüloff 2, auszeichnete, hatten das
Meisterwerk der Bemalung übernommen. Die Wirkung war erstaunlich. Eine
solche Pracht freute selbst unsere düstersten und pedantischsten
Misanthropen, die aber sonderbarerweise, als es nun zur Aufführung kam,
sich ausnahmslos als dieselben kleinen Kinder zeigten, wie die Jüngsten
und Ungeduldigsten. Alle waren ungemein zufrieden mit dem ersten
Eindruck, sogar ungeheuer, sogar bis zum Eigendünkel zufrieden. Die
Beleuchtung bestand aus Talglichten, die in Stücke geschnitten waren.
Vor dem Vorhang standen zwei Bänke aus der Küche und vor diesen Bänken
noch drei oder vier Stühle, die man in der Stube des Unteroffiziers
gefunden hatte. Die Stühle waren für den Fall hingestellt, daß die
höchsten Gäste erschienen, wie zum Beispiel der Wachhabende, einer der
Verwaltungsbeamten, und vielleicht noch andere desselben Ranges. Die
Bänke aber waren für die Unteroffiziere bestimmt, für die Schreiber der
Verwaltungsstube, die Aufseher und die übrigen Beamten, die wohl noch zu
den Vorgesetzten gehörten, doch nicht etwa von Offiziersrang waren – für
den Fall, daß auch sie zufällig in den Ostrogg kämen. Und so war es
auch: zu keiner Aufführung fehlte es uns an fremden Besuchern, an einem
Abend kamen mehr, am anderen weniger, doch zur letzten Aufführung war
tatsächlich kein einziger Platz auf den Bänken unbesetzt. Hinter den
Bänken endlich kamen die Arrestanten, alle stehend und aus Achtung vor
den Gästen ohne Kopfbedeckung, in Joppen oder Halbpelzen, trotz der
drückenden, schwülen Luft in der Kaserne. Natürlich war dieser Raum für
die ganze Masse der Arrestanten gar zu eng bemessen, denn obschon der
eine buchstäblich auf dem anderen saß, namentlich in den letzten Reihen,
waren auch noch alle Pritschen besetzt, alle Kulissen, und schließlich
fanden sich noch Liebhaber, die beständig hinter die Bühne gingen, in
den anstoßenden Kasernenraum, und von dort aus, also hinter den Kulissen
hervor, zusahen. Die Enge in der vorderen Hälfte der Kaserne war
unbeschreiblich, ähnlich wie ich sie vorher nur einmal in der Badestube
erlebt hatte. Die Tür zum Flur stand weit offen; im Flur, wo eine Kälte
von 20 Grad herrschte, drängten sich gleichfalls Kopf an und über Kopf
die Zuschauer. Wir beide, Petroff und ich, wurden aber sofort
durchgelassen, fast bis dicht an die Bänke, wo man natürlich viel besser
sehen und hören konnte, als in den hinteren Reihen. In mir sah man
gewissermaßen einen Kenner und Kritikfähigen, der schon ganz andere
Aufführungen gesehen hatte. Sie wußten, daß Bakluschin mich mehr als
einmal um Rat gefragt hatte und sich stets ehrerbietig zu mir verhielt,
folglich gebührte mir jetzt Ehre und ein guter Platz. Die Arrestanten
waren gewiß ein ruhmsüchtiges und im höchsten Grade eingebildetes Volk,
– aber das war doch nur äußerlich. Sie konnten wohl über mich lachen,
wenn ich ihnen bei der Arbeit nur schlecht zu helfen vermochte, Almasoff
konnte auf uns Adlige mit Verachtung herabblicken, weil wir nicht
Alabaster zu brennen verstanden, doch zu all ihren Spötteleien und ihrer
ganzen Verachtung gesellte sich doch noch etwas anderes: wir waren
einmal Adlige gewesen, wir hatten einmal zu der Klasse ihrer früheren
Herren gehört, die ihnen vielleicht Unrecht getan und an die sie nicht
mit guten Gefühlen zurückdenken konnten. Hier aber, im Theater, machten
sie mir freiwillig Platz. Sie erkannten es an, daß ich davon mehr
verstand, als sie, daß ich mehr gesehen und besser zu urteilen
vermochte. Selbst diejenigen, die mir am wenigsten gewogen waren – das
wußte ich sehr wohl, – hätten jetzt gern von mir ein Lob ihres Theaters
gehört und gaben mir ohne jede Selbsterniedrigung den guten Platz. So
urteile ich jetzt darüber in der Erinnerung an meinen damaligen
Eindruck. Und es schien mir auch an jenem ersten Theaterabend – dessen
entsinne ich mich genau –, daß in ihrem richtigen Urteil über sich nicht
etwa eine Selbsterniedrigung, sondern nur das Gefühl der eigenen Würde
lag. Der größte und schärfste Charakterzug unseres Volkes ist das Gefühl
für die Gerechtigkeit und das unbedingte Verlangen nach derselben. Das
Großsprechen und Großtun und _um jeden Preis_ immer auf dem ersten Platz
sein wollen, gleichviel, ob er es wert ist oder nicht – das wird man in
unserem Volk nie finden. Man braucht nur die äußere, oft nur angenommene
Schale zu entfernen und den Kern sich etwas aufmerksamer anzusehen,
etwas näher und vorurteilsloser, und man wird in dem Volke Dinge
entdecken, von denen man sich auch nicht einmal hat träumen lassen. Ja,
unsere Gelehrten können unser Volk nur noch sehr weniges lehren. Und ich
sage sogar mit voller Überzeugung – im Gegenteil: sie müssen selbst noch
von ihm lernen.
Petroff hatte mir ganz naiv gesagt, noch bevor wir uns aufgemacht
hatten, man würde mich auch noch aus dem anderen Grunde, weil ich mehr
zahlen würde, nach vorn lassen. Einen festen Preis gab es nicht: ein
jeder gab, wieviel er konnte und wollte. Fast alle gaben etwas, wenn es
auch nur ein Zweikopekenstück war, als man mit dem Teller einsammelte.
Doch wenn man mich zum Teil auch des Geldes wegen nach vorn ließ, in der
Voraussetzung, daß ich mehr geben würde, als die anderen – so lag doch
auch darin wiederum das Gefühl der eigenen Würde, das sie so handeln
ließ. „Du bist reicher als ich, geh du nach vorn, wenn wir hier auch
alle gleich sind, aber du wirst mehr geben und daher ist ein Gast wie du
den Schauspielern angenehmer, – folglich gebührt dir auch der bessere
Platz, denn wir alle sind hier nicht für Geld, sondern aus Achtung vor
etwas Höherem, daher müssen wir uns schon selbst die richtigen Plätze
anweisen.“ Wieviel echter, edler Stolz doch darin liegt! Das ist nicht
Achtung vor dem Gelde, sondern Achtung vor sich selbst. Überhaupt hatte
man im Ostrogg vor dem Gelde, dem Reichtum keine große Achtung,
besonders wenn man die Arrestanten als Masse nimmt. Ja, selbst wenn man
sie einzeln nehmen wollte, so kann ich mich wirklich nicht eines
einzigen entsinnen, der sich im Ernst für Geld erniedrigt hätte. Wohl
gab es welche, die von einem jeden, auch von mir, beständig Geld
borgten, doch dieses Betteln war mehr Unart, Mutwille, Schlauheit, als
gerade Bettelei, – es war mehr Humor, mehr Naivität. Ich weiß nicht, ob
ich mich verständlich ausdrücke ... Aber ich habe ja ganz das Theater
vergessen! Also zur Sache.
Bis zum Aufgang des Vorhangs bot der Anblick des ganzen Raumes ein
seltsames und belebtes Bild. Die ganze große Schar der halbwegs schon
plattgedrückten, von allen Seiten erbarmungslos eingeengten Zuschauer
erwartete mit wahrer Seligkeit in den Gesichtern den Anfang der
wunderbaren Dinge, die da kommen sollten. In den hinteren Reihen hockte
der eine auf dem anderen. Viele hatten sich aus der Küche Holzscheite
mitgebracht. Diese wurden an der Wand aufgestellt und dann kletterte
sein Besitzer, so gut es ging, mit den Beinen auf sie hinauf, oder auch
nur mit den Knieen, stemmte sich mit beiden Händen auf die Schultern des
vor ihm Stehenden und verharrte in dieser Stellung, ohne sich zu rühren,
geschlagene zwei Stunden in unerschütterlicher Zufriedenheit mit sich
und seinem Platz. Andere hatten sich, weiß Gott wie, mit den Beinen auf
die unteren Abstufungen des Ofens erhoben und standen gleichfalls die
ganze Zeit auf den Vordermann gestützt. Das war in den letzten Reihen
ganz an der Wand. An der einen Seitenwand stand eine ganze Mauer auf den
Pritschen, dicht neben den Musikanten. Das waren gute Plätze. Fünf Mann
hatten sich ganz nach oben auf den Ofen begeben, und schauten, platt auf
dem Bauch liegend, lächelnd nach unten. Wer deren Seligkeit
nachempfinden könnte! Auf den Fensterbrettern an der anderen Wand
türmten sich gleichfalls ganze Berge von zu spät Gekommenen oder
solchen, die eben keinen besseren Platz gefunden hatten. Alle verhielten
sich ruhig und sittsam. Alle wollten sich dem hohen Besuch, ihren
Vorgesetzten, von der besten Seite zeigen. Auf allen Gesichtern drückte
sich die naivste Erwartung aus. Alle Gesichter waren rot und von der
Hitze schweißbedeckt. Welch ein seltsamer Widerschein kindlicher Freude,
reinen, erquickenden Vergnügens glänzte auf diesen verunstalteten,
gebrandmarkten Stirnen und Wangen, in diesen Blicken bisher mürrischer,
finsterer Menschen, in diesen Augen, in denen ein so unheimliches Feuer
aufblitzen konnte! Alle hatten ihre Mützen abgenommen, und sah man sie
von der rechten Seite, so erschienen alle Köpfe rasiert. Da hört man von
der Bühne her verschiedene Geräusche, Schritte, Stuhlrücken ... Sogleich
muß der Vorhang sich erheben. Da setzt schon das Orchester ein ...
Dieses Orchester verdient wahrlich, gleichfalls erwähnt zu werden.
Seitlich, auf den Pritschen, hatten sich acht Musikanten niedergelassen:
zwei Geigen – die eine aus dem Ostrogg, die andere hatte man aus der
Festung geliehen, der dazugehörige Künstler fand sich aber unter uns –,
drei Balalaiken, alle selbstgefertigte, zwei Gitarren, und anstatt eines
Kontrabasses eine Handtrommel. Die Geigen wimmerten nur und krietschten,
die Gitarren taugten nicht viel, dafür aber waren die Balalaiken einfach
großartig. Die Fingergewandtheit in der Behandlung der Saiten kam
entschieden dem größten Taschenspielerkunststück gleich. Es wurden nur
Tanzstücke gespielt, und bei den temperamentvollsten Stellen schlugen
die Künstler mit den Fingerknöcheln auf die Decke der Balalaika: der
ganze Ton, der Geschmack, der Rhythmus, der Vortrag, die Behandlung des
Instruments, der ganze Charakter der Wiedergabe des Motivs – alles war
eigen, originell, von den Arrestanten selbst erfunden. Auch einer der
Gitarrespieler spielte sein Instrument vorzüglich. Das war jener Adlige,
der seinen Vater erschlagen hatte. Was nun den Handtrommelschläger
betrifft, so tat er einfach Wunder: bald machte er eine Pirouette mit
einem einzigen Finger, bald fuhr er mit dem Daumen wie Donnergrollen
über das Trommelfell; bald hörte man, einzeln aufeinanderfolgend, laute,
klare, volle Töne, bald wiederum zerstäubte dieser Ton in einem wahren
Erbsenhagel unzähliger feiner, kleiner, fast trillernder, heller
Perlentöne. Und dazu kam noch eine Harmonika, und zum Schluß noch eine
zweite. Mein Ehrenwort, ich hatte bis dahin keine Ahnung davon gehabt,
was man aus ganz einfachen Volksinstrumenten hervorholen konnte. Die
Harmonie, der Rhythmus, das Spiel, und vor allem der Geist, der
Charakter der Auffassung und Wiedergabe des Motivs, verdienten wirklich
Bewunderung. An jenem Abend begriff ich zum erstenmal vollkommen, was
das eigentlich grenzenlos Unbändige und Kühne in den unbändigen und
kühnen russischen Tanzweisen ist.
Da, endlich, ging der Vorhang auf. Alles rührte sich, alle traten von
einem Fuß auf den anderen, in den hinteren Reihen hob man sich auf die
Fußspitzen, einer fiel von seinem Holzscheit herunter, alle bis auf den
letzten sperrten die Mäuler auf und starrten mit weit aufgerissenen
Augen auf die Bühne, und vollständige Stille trat ein ... Die
Vorstellung begann.
Neben mir stand Alei in einer Gruppe mit seinen Brüdern und den
Tscherkessen. Sie alle hingen leidenschaftlich am Theater und besuchten
es später jeden Abend. Alle Muselmänner, Tataren u. s. w. sind, wie ich
mehr als einmal bemerkt habe, leidenschaftliche Liebhaber für alles, was
Schaustück ist. Neben ihnen hatte sich Issai Fomitsch hingehockt, der,
wie es schien, seit dem Augenblick, in dem der Vorhang aufging, sich in
nichts als Gehör und Sehkraft verwandelt hatte und in gierige Erwartung
aller Wunder und Genüsse. Er hätte einem sogar aufrichtig leid getan,
wenn er in seinen Erwartungen enttäuscht worden wäre. Aleis liebes
Gesicht strahlte in so herzerquickender kindlicher Freude, daß es mir –
ich muß gestehen – ein großes Vergnügen bereitete, ihn anzusehen, und
ich weiß noch, wie ich mich jedesmal nach einem spaßigen ‚Stichwort‘ auf
der Bühne, dem gewöhnlich eine Lachsalve folgte, sogleich zu Alei
wandte, um sein Gesicht zu sehen. Er sah mich nicht – oh, ihm war es
jetzt nicht um mich zu tun! Nicht weit von mir, auf der linken Seite,
stand ein älterer, immer finsterer, unzufriedener und brummiger
Arrestant: ihm war Alei gleichfalls aufgefallen, und wie ich bemerkte,
wandte auch er sich ein paar Mal mit einem halben Lächeln zu ihm, um ihn
anzusehen, – er war gar zu reizend. „Alei Ssemjonytsch“ nannte er ihn,
warum „Ssemjonytsch“, das weiß ich nicht.
Man begann mit „Filatka und Miroschka“. Filatka, den Bakluschin mimte,
war einfach großartig! Er spielte seine Rolle erstaunlich naturgetreu.
Man sah sofort, daß er sich in jeden Satz, in jede seiner Bewegungen
hineingedacht hatte. Jedem nichtssagenden Wort, jeder Geste wußte er
Sinn und Bedeutung zu verleihen, die dem Charakter seiner Rolle
vollkommen entsprachen. Jetzt stelle man sich noch vor, daß zu seinem
ganzen Aufgehen in der Rolle und seinem ganzen Verständnis für sie eine
bewundernswerte, angeborene Heiterkeit, Natürlichkeit und sein ganzer
Mutterwitz hinzukamen. Ich glaube, ein jeder, der Bakluschin gesehen
hätte, würde unbedingt zugegeben haben, daß er ein echter, ein geborener
und hochtalentvoller Schauspieler war. Den Filatka habe ich oft genug in
Moskauer und Petersburger Theatern gesehen, doch kann ich mit voller
Überzeugung sagen: die großstädtischen Schauspieler spielten ihn
schlechter als Bakluschin. Im Vergleich zu ihm waren sie Paysans, aber
keine echten Bauern. Sie wollten zu sehr den Bauer spielen. Hinzu kam
außerdem noch, daß Bakluschin durch die Konkurrenz angefeuert wurde:
alle wußten, daß im zweiten Stück die Rolle des Kedrill der Arrestant
Pozeikin spielen würde, der von allen aus irgend einem Grunde für
talentvoller als Bakluschin gehalten wurde, Bakluschin aber litt
darunter wie ein Kind. Wie oft war er in den letzten Tagen zu mir
gekommen, um sein Herz auszuschütten. Zwei Stunden vor der Aufführung
hatte er geradezu Lampenfieber. Wenn das Publikum nun lachte und man ihm
zuschrie: „Bravo, Bakluschin! Bist ’n Deuwelskerl!“ – so strahlte sein
ganzes Gesicht vor Glück und mitreißende Begeisterung blitzte aus seinen
Augen. Die Kußszene Miroschkas mit der Braut (Ssirotkin), in der Filatka
ihm vorher zuschreit: „Wisch dir den Mund ab!“ und dabei sich selbst den
Mund abwischt, war zum Sterben komisch. Alles wälzte sich vor Lachen.
Aber am interessantesten waren für mich doch die Zuschauer. Niemand
dachte mehr an „Anstand“, alle gaben sie sich, ohne Schranken zu kennen,
ihrem Entzücken hin. Die Beifallsrufe ertönten immer häufiger. Hier
versetzt ein Freund dem anderen einen leichten Rippenstoß und teilt ihm
eilig flüsternd seine Eindrücke mit, ohne sich darum zu kümmern oder
auch nur zu bemerken, wer neben ihm steht; dort wendet sich plötzlich
ein anderer nach einer komischen Szene begeistert an die Menge mit einem
Blick, als wolle er alle auffordern, zu lachen, schüttelt einmal kurz
den Kopf und winkt mit der Hand ab („was soll man da noch reden!“), um
sich sofort wieder gierig der Szene zuzuwenden. Ein dritter schnalzt nur
mit der Zunge und schnippt mit den Fingern vor Begeisterung, und da er
sonst keine Bewegungsmöglichkeit hat, tritt er nur von einem Fuß auf den
anderen. Zum Schluß des Stückes hatte die Begeisterung den höchsten Grad
erreicht. Ich will nichts übertreiben. Man denke sich jedoch nur den
Ostrogg, die Ketten an den Füßen, die Unfreiheit, die langen trostlosen
Jahre, die noch vor einem liegen, das ewig einförmige Leben, in dem
jeder Tag dem nächsten wie an trüben Spätherbsttagen ein Regentropfen
dem anderen gleicht, – und nun plötzlich wird allen diesen unterdrückten
und gefangenen Arrestanten erlaubt, eine Stunde lang sich zu freuen,
sich unbeengt zu fühlen, sich frei zu glauben und den schweren Traum zu
vergessen, ein ganzes Theater aufzuführen, – und dazu noch was für
eines! – zum eigenen Stolz und zur Verwunderung der ganzen Stadt: seht,
was wir Arrestanten können! Sie waren natürlich für alles begeistert.
Auch die Kostüme beschäftigten sie sehr. Es war ihnen ungeheuer
interessant, zum Beispiel einen Wanjka Otpetyj, oder einen Nezwetajeff
oder Bakluschin in ganz anderen Kleidern zu sehen, als in dem üblichen
Arrestantenkostüm, in dem sie ihn schon soviel Jahre jeden Tag gesehen
hatten.