Mit der Zeit wurde es unerträglich und ekelhaft in den Kasernen.

Natürlich gab es auch viel Spaßiges, aber diese armen Menschen taten mir

– ich weiß nicht warum – doch alle leid, und es war mir unter ihnen

schwer und traurig zumute. Dort streiten sich zwei über das Problem, wer

den anderen bewirten soll. Man sieht es ihnen an, daß sie schon lange

streiten und sich auch schon mehrmals deswegen entzweit haben. Der eine

besonders scheint den anderen schon von früher her auf dem Kerbholz zu

haben. Er klagt ihn an und bemüht sich, mit merklich steifer Zunge zu

beweisen, daß jener unrecht an ihm gehandelt habe: es war irgend einmal

ein Halbpelz verkauft und irgend einmal irgend welches Geld

unterschlagen worden, und alles in allem war es im letzten Jahr in der

Butterwoche geschehen. Außerdem hatte es noch etwas zwischen ihnen

gegeben ... Kurz, es war ihm Unrecht getan worden. Der Ankläger ist ein

großer, stämmiger Bursche, nicht dumm, kein Raufbold, doch wenn er

betrunken ist, hat er das Verlangen, Freundschaft zu schließen und dem

Freunde sein Leid zu klagen. Wohl schilt er den anderen, gleichzeitig

aber sieht man es ihm doch an, daß er es nur aus dem Wunsche heraus tut,

nachher noch festere Freundschaft mit dem Feinde zu schließen.

Der andere ist untersetzt und mittelgroß mit einem runden Gesicht,

schlau und hinterlistig. Er hat vielleicht mehr als sein Freund

getrunken, hat aber nur einen leichten Rausch. Er ist ein Mann von

Charakter und gilt für reich, doch scheint es ihm aus unbekanntem Grunde

diesmal vorteilhaft, seinen mitteilsamen Freund nicht zu reizen, und er

führt ihn zum Branntweinhändler. Der Freund behauptet, daß jener ihn

freihalten müsse, – „wenn du nur ein ehrlicher Mensch bist.“

Der Branntweinverkäufer holt mit einer gewissen Hochachtung vor dem

Käufer und einem Schimmer von Verachtung für dessen mitteilsamen Freund

– da dieser nicht für sein eigenes Geld trinkt, sondern freigehalten

wird – seinen Branntweinschlauch hervor und schenkt ein.

„Nein, Stepka, das bist du mir schuldig,“ sagt der mitteilsame Freund,

„denn sieh, das bist du mir schuldig!“

„Schwatz nicht so viel dummes Zeug! Ich werd mir deinethalben auch keine

Hühneraugen an die Zunge reden!“ ist Stepkas Antwort.

„Nein, Stepka, das lügst du,“ behauptet der erste und empfängt die

Branntweintasse, „denn du bist mir Geld schuldig, Gewissen hast du nicht

und deine Augen gehören ja gar nicht dir, die hast du einfach gestohlen!

Ein Gauner bist du, Stepka, damit du’s weißt, ein echter Gauner, das

sage ich dir rund!“

„Was plärrst du, sieh, daß du den Branntwein nicht verschülperst! Tut

man dir die Ehre an, dir Branntwein zu kaufen, so trink!“ schreit der

„Schenkwirt“ den mitteilsamen Freund an, „oder soll ich bis morgen auf

meine Tasse warten?“

„Ich ... ich trink’ doch schon, was schreist du! Prost Fest, Stepan

Dorofejitsch!“ wandte er sich plötzlich, die Tasse in der Hand, höflich

und mit leichter Verbeugung zu Stepka, den er noch vor einer halben

Minute einen Gauner genannt hatte. „Bleib gesund auf hundert Jahr, – was

du schon verlebt hast, zählt nicht mit!“ Er trank, räusperte sich und

wischte sich mit dem Handrücken den Mund. „Früher, Freunde, konnte ich

viel Branntwein saufen, o–ohne was zu merken,“ fuhr er mit ernster

Wichtigkeit fort, diesmal gleichsam an alle sich wendend, „jetzt aber

ist die Zeit für mich schon vorüber. Ich danke, Stepan Dorofejitsch!“

„Keine Veranlassung.“

„Und so werde ich dir, Stepka, immer dasselbe sagen und außerdem noch,

daß du vor mir als großer Gauner dastehst, das sage ich dir noch

außerdem ...“

„Ich aber werde dir, besoffene Fratze, noch etwas anderes sagen,“

unterbricht ihn Stepka, den die Geduld verläßt. „Höre und behalte jedes

meiner Worte: da hast du die halbe Welt, wir teilen sie uns mitten

durch, dir die eine Hälfte, mir die andere. Und jetzt mach, daß du mir

nicht mehr unter die Augen kommst! Hab dich satt!“

„Du gibst mir also das Geld nicht zurück?“

„Was für ein Geld willst du noch haben, du besoffene Unke?“

„Wart, in jener Welt wirst du von selber kommen, um es mir abzugeben –

werd aber dann nicht nehmen! Unser Geld ist schwer verdient, an ihm sind

Schweiß und Schwielen. Wirst dort noch um meinen Fünfer vor Schulden

umkommen, in jener Welt, meine ich.“

„Hol dich der Teufel, fahr ab zu ihr!“

„Wohin treibst du mich, ich bin doch kein Pferd.“

„Mach, daß du fortkommst! Pack dich!“

„Gauner!“

„Zuchthäusler!“

Und das Schimpfen hub von neuem an, diesmal noch stärker als vor der

spendierten Tasse Branntwein.

Dort sitzen auf der Pritsche ganz abgesondert zwei Freunde: der eine

groß, stark, fleischig, dick, so ein echter Fleischer mit rotem Gesicht:

er ist den Tränen nahe, denn er ist sehr gerührt. Der andere ein

schwächliches, hageres, mageres Kerlchen mit einer langen, spitzen Nase,

an der beständig ein Tropfen hängt und manchmal auch niederfällt, mit

kleinen Schweinsaugen, die zu Boden blicken. Das ist ein aufgeklärter

und gebildeter Mensch, der einmal Schreiber gewesen ist und seinen

Freund ein wenig von obenherab behandelt, was diesem im geheimen sehr

unangenehm ist. Sie haben den ganzen Tag zusammen getrunken.

„Er hat sich unterstanden!“ schreit der fleischige Freund und schüttelt

kräftig den Schreiber, den er mit der linken Tatze um die Schultern

gefaßt hat, sodaß dessen Kopf lose hin und her pendelt. „Er hat sich

unterstanden“ bedeutet „Er hat mich geschlagen“. Der fleischige Freund,

der selbst ehemaliger Unteroffizier ist, beneidet im Geheimen mächtig

seinen hageren Freund um dessen Bildung, und so geben sie sich beide

große Mühe, nur in gewähltem Stil zu einander zu reden.

„Ich aber sage dir, daß du im Unrecht bist,“ beginnt dogmatisch der

Schreiber, der hartnäckig seine Augen nicht zum anderen erhebt und

wichtig fortfährt, den Boden zu fixieren.

„Er hat sich unterstanden! – hörst du, was ich sage!“ unterbricht ihn

der Dicke und schüttelt seinen lieben Freund noch heftiger. „Du allein

bist mir jetzt noch in der ganzen Welt geblieben – hörst du, was ich

sage! Darum sage ich dir das eine: er hat sich unterstanden! ...“

„Und ich sage dir wiederum: eine so saure Rechtfertigung, teurer Freund,

macht deinem Gehirn nur Schande,“ entgegnet mit dünnem und geschütteltem

Stimmchen der Schreiber, „also gib lieber zu, teurer Freund, daß diese

ganze Trunkenheit nur eine Folge deiner Unbeständigkeit ist.“

Der Oberkörper des teuren Freundes wankt etwas zurück, stumpf blickt er

mit seinen betrunkenen Augen auf das zufriedene Schreiberlein, und

plötzlich, ganz unerwartet, knallt er ihm aus aller Kraft mit seiner

riesigen Tatze eine schallende Ohrfeige auf die kleine Backe. Und damit

hat ihre Freundschaft für diesen Tag aufgehört. Der liebe Freund fliegt

besinnungslos unter die Pritschen ...

Da tritt in unsere Kaserne einer meiner Bekannten aus der besonderen

Abteilung ein – ein unendlich gutmütiger und lustiger Bursch, nicht

gerade dumm, unverletzend spottlustig und von Ansehen ungemein

gewöhnlich. Es ist derselbe, der am ersten Tage nach meiner Ankunft in

der Küche den „reichen Mann“ gesucht und schließlich von mir ein Glas

Tee angenommen hatte. Er ist vierzig Jahre alt, hat eine ungewöhnlich

dicke Unterlippe und eine fleischige Nase, die mit Hitzbläschen und

Finnen übersät ist. Er hat eine Balalaika, auf der er nachlässig mit den

Fingern hin und wieder ein paar Töne spielt. Ihm folgt, als wäre er am

Schlepptau, ein kleiner Arrestant mit einem großen Kopf, den ich bis

dahin nur flüchtig gekannt hatte. Ihm wurde übrigens auch von niemand

besondere Beachtung geschenkt. Er war etwas absonderlich, mißtrauisch,

ewig schweigsam und sehr ernst. Er arbeitete in der Schneiderstube und

war sichtlich bemüht, als Sonderling zu leben und niemandem

näherzutreten. Jetzt aber, in der Trunkenheit, hatte er sich wie ein

Schatten an Warlamoff geheftet. Er folgte ihm in unglaublicher Erregung,

fuchtelte mit den Armen, schlug mit der Faust an die Wand, auf die

Pritsche, und es fehlte nicht viel, so hätte er geweint. Warlamoff

schenkte ihm, wie es wohl scheinen konnte, nicht die geringste

Beachtung, als wäre er überhaupt nicht dagewesen. Bemerkenswert ist

ferner, daß diese zwei früher so gut wie nie miteinander in Berührung

gekommen waren. Sie hatten weder in der Beschäftigung noch im Charakter

etwas Gemeinsames. Sie gehörten sogar verschiedenen Abteilungen an und

wohnten in verschiedenen Kasernen. Der Kleine mit dem großen Kopf hieß

Bulkin.

Als Warlamoff mich erblickte, lächelte er übers ganze Gesicht. Ich saß

auf meinem Pritschenplatz am Ofen. Er blieb nicht weit von der Tür

stehen, schien etwas zu überlegen, wankte dann und kam mit

ungleichmäßigen Schritten auf mich zu, um sich breitbeinig und

eigenartig keck mit seinem schweren Körper vor mir aufzupflanzen. Nach

einem leichten Schlag über die Saiten begann er ein Rezitativ, zu dem er

kaum merklich mit der Stiefelspitze den Takt schlug:

„Blondlockig, rotwangig,

Singt wie die Nachtigall

Meine Herzliebste:

Ist in dem prachtvoll

Bestickten Atlaskleid

Die Allerschönste.“

Dieses Lied machte auf Bulkin, wie es schien, einen solchen Eindruck,

daß er außer sich geriet: er fuchtelte mit den Armen und schrie uns

allen zu:

„Alles lügt er, Brüder, alles lügt er! Nicht ein Wort kann er in

Wahrheit sagen, alles lügt er!“

„Dem alten Alexander Petrowitsch!“ grüßte Warlamoff, mit verschmitztem

Lächeln, mir in die Augen blickend, und womöglich geneigt, mich

abzuküssen. Er hatte einen guten Rausch. Der Ausdruck „dem Alten“ – d.

h. „dem Alten so und so mein Gruß“ – wird in ganz Sibirien von dem

einfachen Volke gebraucht, selbst einem Zwanzigjährigen gegenüber. Das

Wort „der Alte“ hat etwas Ehrwürdiges, Ehrfürchtiges, sogar

Schmeichelhaftes.

„Nun, Warlamoff, wie geht’s?“

„Immer von einem Tage zum andern. Aber wer sich über den Feiertag freut,

der ist seit dem Morgen berauscht. Ihr müßt mich schon entschuldigen!“

Warlamoff sprach ein wenig gedehnt.

„Und immer, immer muß er wieder lügen!“ schrie Bulkin und hämmerte

geradezu verzweifelt mit der Hand auf die Pritschen. Warlamoff aber

schien sich geschworen zu haben, dem anderen nicht die geringste

Beachtung zu schenken, und darin lag eine unbeschreibliche Komik, denn

Bulkin hatte sich dem Warlamoff seit dem Morgen ohne jede Veranlassung

angehängt, – vielleicht, weil Warlamoff „alles lügt“, wie es ihm

plötzlich aus irgend einem Grunde schien. Er folgte ihm wie ein

Schatten, fiel über jedes seiner Worte her, rang die Hände, hämmerte sie

an den Wänden und Pritschen fast blutig und litt, litt aufrichtig unter

der Überzeugung, daß Warlamoff „alles lügt“! Hätte er Haare auf dem Kopf

gehabt, ich glaube, er hätte sie sich ausgerauft vor lauter

Verzweiflung. Es war, als hätte er es auf sich genommen, für jedes Wort

Warlamoffs zu verantworten, als lägen alle Mängel Warlamoffs auf seinem

Gewissen. Und zu alledem kam noch, daß jener ihn nicht einmal ansah! Das

war entschieden zu viel.

„Alles lügt er, alles lügt er, alles lügt er! Kein einziges Wort ist

wahr, alles lügt er!“ schrie Bulkin.

„Was geht denn dich das an?“ fragten lachend die anderen.

„Ich werde Euch, Alexander Petrowitsch, gehorsamst vermelden, daß ich

von mir aus einmal sehr hübsch war und die Mädels mich sehr geliebt

haben ...“ begann plötzlich Warlamoff, ohne jede Veranlassung zu diesem

Bekenntnis.

„Er lügt! Lügt schon wieder!“ schreit Bulkin in heller Verzweiflung.

Alles lacht.

„Ich aber mache mich rar. Habe ein rotes Hemd und weite Pluderhosen;

liege lang ausgestreckt wie so ’n Graf Butylkin, das heißt, voll wie ein

Schwede, mit einem Wort – was will man mehr!“

„Er lügt!“ bestätigte Bulkin überzeugt.

„Dazumal aber besaß ich noch ein zweistöckiges Haus von meinem Vater,

ein steinernes. Na ja, in zwei Jahren war ich mit zwei Stockwerken

fertig, es blieb mir nur noch das Hoftor, die Pfosten abgerechnet. Was,

Geld! Geld ist wie – Tauben: es kommt angeflogen und fliegt wieder weg!

Wisch noch den Mund ab, wenn du willst.“

„Er lügt!“ bestätigte Bulkin noch beharrlicher.

„Und so schickte ich denn neulich meinen Anverwandten von hier aus einen

Tränenbrief: was kann man wissen, vielleicht schicken sie mir etwas. Sie

sagten zwar immer, ich sei gegen meine Eltern gewesen, unehrerbietig,

sozusagen. Jetzt werden es schon sieben Jahre her sein, als ich

schickte.“

„Wie, und noch keine Antwort erhalten?“ fragte ich lachend.

„Na ja, selbstverständlich keine!“ antwortete er und lachte dann selbst

mit, näherte aber seine Nase immer mehr meinem Gesicht. „Aber dafür habe

ich hier, Alexander Petrowitsch, eine Geliebte ...“

„Ihr? Eine Geliebte?“

„Onufrijeff sagte mir noch vorhin, mag die Meine auch pockennarbig sein,

so hat sie doch viel Kleider, deine aber ist wohl hübsch, dafür aber

bettelarm, geht wie eine Maus im Sack.“

„Ist denn das wahr?“

„Wahrhaftig bettelarm!“ beteuerte er und brach in lautloses Lachen aus.

Die anderen lachten gleichfalls. Alle wußten, daß er tatsächlich mit

einer ganz Armen angebändelt und ihr in einem halben Jahre nur zehn

Kopeken gegeben hatte.

„Nun und was weiter?“ fragte ich mit dem Wunsch, ihn loszuwerden.

Er schwieg, blickte mich gerührt an und sagte schließlich geradezu

zärtlich:

„Würdet Ihr mich denn nicht im Hinblick auf diese Tatsache mit einem

Viertelliter Branntwein beglücken? Ich habe doch, glaubt mir, Alexander

Petrowitsch, heut den ganzen Tag nur Tee und immer wieder Tee gesoffen,“

fügte er melancholisch hinzu, indem er das Geld empfing, „und davon bin

ich jetzt so voll, daß ich gar nicht mehr atmen kann, und im Magen

schaukelt’s, wie in einer Flasche ...“

Während er nun das Geld nahm, erreichte die sittliche Entrüstung Bulkins

ihre letzte Grenze. Er gestikulierte wie ein Verzweifelter und war dem

Weinen beängstigend nahe.

„Kinder Gottes!“ schrie er wie wahnsinnig, sich an alle wendend, „seht

ihn an! Alles lügt er! Was er auch sagt, alles, alles, alles, aber auch

alles lügt er!“

„Aber was geht denn dich das an?“ rufen ihm die Arrestanten von allen

Seiten zu, erstaunt über seinen Eifer. „Dummer Kerl!“

„Ich lasse nich lügen!“ schreit Bulkin mit blitzenden Augen und schlägt

aus aller Kraft mit der Faust auf die Pritschen, – „ich will nicht, daß

er lügt!“

Alles lacht. Warlamoff nimmt das Geld, dankt, verbeugt sich vor mir und

verläßt darauf die Kaserne, selbstverständlich um zu einem

Branntweinverkäufer zu gehen. Und da erst scheint er Bulkin zu bemerken.

„Na, gehen wir!“ sagt er zu ihm, auf der Schwelle stehen bleibend, ganz

als hätte er jenen wirklich zu irgend etwas nötig. „So’n Stockknopf!“

fügt er hinzu, während er mit verächtlicher Miene den betrübten Bulkin

zuerst über die Schwelle treten läßt und von neuem anfängt, auf der

Balalaika zu spielen.

Doch wozu soll ich noch weiter dieses Treiben schildern! Endlich ist

dieser bedrückende Tag zu Ende. Schwer schlafen sie alle auf den

Pritschen ein. Im Traum sprechen und phantasieren sie noch mehr als

sonst. Hier und da sitzen noch ein paar Kartenspieler. Der langersehnte

Tag ist vorüber. Morgen beginnt wieder das alte Leben, wieder die alte

Arbeit.

XI.

Die Theateraufführung

Am dritten Tage des Weihnachtsfestes kam endlich auch die erwartete

Aufführung auf unserem Theater zustande. Der Vorbereitungen hatte es

wahrscheinlich eine Unmenge gegeben, doch die Schauspieler hatten alles

auf sich genommen, so daß wir übrigen nicht einmal wußten, wie die Sache

stand, was getan wurde, ja nicht einmal genau, was denn eigentlich

aufgeführt werden würde. Die Spieler hatten sich in all den drei Tagen

beim Hinausgehen zur Arbeit redlich bemüht, möglichst viel Kleider zu

verschaffen. Wenn Bakluschin mir begegnete, so schnippte er nur mit den

Fingern vor lauter Vergnügen. Wie es schien, war auch der Platzmajor bei

guter Laune. Übrigens konnten wir auf keine Weise in Erfahrung bringen,

ob er etwas von dem Theater wußte, und falls er wußte, ob er es dann

formell erlaubt oder sich nur entschlossen hatte, zu schweigen –

gleichsam über den tollen Einfall der Zwangsarbeiter mit der Hand

abwinkend, als wollte er sagen: tut was ihr wollt! – bloß mit dem

Nachsatz, daß keine Unordnung geschehen dürfe. Doch wie gesagt, darüber

wußten wir nichts Genaues. Ich aber glaube, daß er um das Theater sehr

wohl wußte, denn wie hätte er es nicht wissen sollen? Nur wollte er sich

nicht einmischen, da er wohl einsah, daß ein Verbot schlimmer sein

würde: die Sträflinge würden sich rächen, trinken, raufen, so daß es

weit besser war, sie beschäftigten sich mit irgend etwas. Übrigens setze

ich diese Auffassung der Sache bei dem Platzmajor nur deshalb voraus,

weil sie die natürlichste, richtigste und vernünftigste ist. Ja, man

kann sogar sagen: hätten die Arrestanten sich in den Festtagen kein

Theater oder irgend eine Zerstreuung ausgedacht, so wäre es die Pflicht

der Vorgesetzten gewesen, etwas derartiges für sie zu ersinnen. Da aber

unser Platzmajor sich durch eine in allen Dingen vollkommen umgekehrte

Denkweise von der übrigen Menschheit unterschied, so ist es sehr unklug

von mir, daß ich eine so große Verantwortung auf mich lade: so ohne jede

Handhabe anzunehmen, daß er um das Theater wußte. Ein Mensch wie unser

Major mußte unbedingt jemand unterdrücken, irgend etwas fortnehmen,

irgendwen eines Rechtes berauben, mit einem Wort – irgendwo den Frieden

stören. In dieser Beziehung war er in der ganzen Stadt bekannt. Was ging

es ihn an, daß es gerade infolge seiner Unterdrückungen zu

Ungezogenheiten im Ostrogg kam! Für Ungezogenheiten sind die

Bestrafungen da, denken Leute wie unser Major, und bei solchen

Spitzbuben von Arrestanten ist Strenge und buchstäbliche Erfüllung des

Gesetzes alles, was nötig ist!

Diese beschränkten Vollstrecker des Gesetzes begreifen tatsächlich

nicht, und sind auch überhaupt nicht fähig, zu begreifen, daß allein die

buchstäbliche Erfüllung des Gesetzes ohne Sinn, ohne Verständnis seines

Geistes, der geradeste Weg zu Unordnung und Empörung ist und auch noch

niemals zu anderem geführt hat.

„Es steht im Gesetz, was will man noch mehr?“ denken und sagen sie, und

sind aufrichtig erstaunt darüber, daß man von ihnen noch als Zugabe zu

den Gesetzen gesunden Verstand und einen nüchternen Kopf verlangt.

Letzteres erscheint vielen von ihnen als völlig überflüssiger und

empörender Luxus, als Unterdrückung ihrer Persönlichkeit und als

Intoleranz.

Doch wie dem auch war, jedenfalls erhob der älteste Unteroffizier keinen

Einspruch, und das war schließlich alles, was die Arrestanten brauchten.

Ich behaupte dreist, daß das Theater und die Dankbarkeit für die

Erlaubnis desselben der einzige Grund waren, warum während der Festtage

keine einzige ernste Unordnung im Ostrogg vorkam, kein einziger böser

Streit, kein einziger Diebstahl. Ich war selbst Zeuge, wie Streitende

oder Betrunkene von den anderen auseinander gebracht und ernüchtert

wurden, einzig mit der Drohung, daß sonst das Theater verboten werden

würde. Der Unteroffizier nahm den Arrestanten das Wort ab, daß alles der

Ordnung gemäß sein werde und sie sich in dieser Zeit tadellos aufführen

würden. Freudig wurde es versprochen und gewissenhaft das Wort gehalten.

Auch schmeichelte es ihnen sehr, daß man ihrem Worte glaubte. Übrigens

kostete ja die Erlaubnis zur Theateraufführung den Vorgesetzten

keinerlei Opfer. Die ganze Bühne wurde in kaum fünfzehn Minuten

aufgebaut und nach der Vorstellung wieder beseitigt, so daß weder ein

besonderer Raum abgegrenzt, noch ein Teil einer Kaserne beständig in

Anspruch genommen war; die Aufführung dauerte nur anderthalb Stunden.

Und selbst wenn plötzlich von oben der Befehl gekommen wäre, die

Aufführung abzubrechen, – so wäre alles im Augenblick beseitigt gewesen.

Die Kostüme wurden in den verschließbaren Kästen der Arrestanten

aufbewahrt. Doch bevor ich mit der Schilderung des Theaters beginne,

will ich noch einiges über das Programm der Aufführung sagen.

Einen richtigen, geschriebenen Theaterzettel gab es nicht. Erst zur

zweiten oder dritten Aufführung erschien ein einziger, den Bakluschin

für die Herren Offiziere und die hohen Gäste, die unser Theater mit

ihrem Besuch beehrten, eigenhändig geschrieben hatte. Diese hohen Gäste

waren folgende: gewöhnlich der wachhabende Offizier, und einmal erschien

sogar der Offizier ^du jour^, der die wachhabenden kontrollierte, und

einmal auch ein Verwaltungsbeamter. Für diese Herren nun war der schöne

Theaterzettel geschrieben worden. Man setzte voraus, daß der Ruhm des

Theaters weit über die Festung hinaus, sogar in der ganzen Stadt seine

Verbreitung finden würde, umsomehr, als es dort kein Theater gab. Es

hieß nur, daß Liebhaber sich zu einer einzigen Aufführung zusammengetan

hätten, aber das war auch alles.

Die Arrestanten freuten sich wie Kinder über den geringsten Erfolg, und

waren sehr stolz auf ihn.

„Wer kann denn wissen,“ dachten und sagten sie, „vielleicht wird es auch

die höchste Obrigkeit erfahren, herkommen und sehen, was wir eigentlich

sind! Das ist keine gewöhnliche Soldatenvorstellung mit Vogelscheuchen,

schwimmenden Kähnen, gehenden Bären und Ziegen! Hier sind es immer

Schauspieler, richtige Schauspieler, die herrschaftliche Komödie

spielen! Ein solches Theater gibt es ja in der ganzen Stadt nicht! Bei

dem General Abrossimoff soll einmal, sagt man, eine Theateraufführung

gewesen sein, und es soll dort noch einmal gespielt werden. Nun, in den

Kostümen werden sie uns vielleicht schlagen, aber im _Gespräch_ da sind

wir ihnen _weit_ über! Es wird noch bis zum Gouverneur dringen und – wer

weiß – womit spaßt der Teufel nicht? – vielleicht bekommt er selber

Lust, zuzusehen? In der Stadt gibt es kein Theater ...“

Kurz, die Phantasie der Arrestanten kannte während der Festtage, und

besonders nach dem ersten Erfolge, keine Grenzen, ja sie verstieg sich

sogar bis zu Belohnungen und zur Verminderung der Strafzeit, wenn die

Sträflinge auch im selben Augenblick gutmütig über sich selbst lachten.

Mit einem Wort, sie waren wie Kinder, wie die richtigen Kinder, obgleich

einige dieser Kinder schon vierzig Jahre zählten. Doch ungeachtet

dessen, daß es keine Theaterzettel gab, kannte ich bereits, wenigstens

in den Hauptzügen, die ganze Zusammenstellung der Aufführung.

Das erste Stück hieß: „Filatka und Miroschka, die Nebenbuhler“.

Bakluschin hatte mir schon vor einer Woche stolz mitgeteilt, daß der

Filatka, dessen Rolle er selbst übernommen hatte, so gespielt werden

würde, wie man es nicht einmal im Sankt Petersburger kaiserlichen

Theater besser sehen könne. Er ging von einer Kaserne zur anderen,

rühmte sich unbarmherzig und unverschämt, gleichzeitig aber auch

vollkommen gutmütig, bis er plötzlich etwas „thieatralisches“ zum Besten

gab, d. h. ein paar Sätze aus der eigenen Rolle, und alle lachten –

gleichviel ob es zum Lachen war oder nicht, was er gesagt hatte. Doch

muß ich bemerken, daß die Sträflinge sich auch hierin zu beherrschen und

ihre Würde zu wahren wußten: die Erzählungen Bakluschins und seine

Schilderungen der bevorstehenden Aufführung entzückten nur die Jüngsten,

die sogenannten Grünschnäbel, die noch keine Selbstbeherrschung kannten,

oder nur die bedeutendsten Persönlichkeiten, deren Autorität bereits so

unerschütterlich war, daß sie weiter nichts zu fürchten brauchten, wenn

sie ihren Gefühlen, gleichviel welchen, und wären es auch die naivsten –

d. h. nach Ostroggbegriffen die unanständigsten – freien Ausdruck

gewährten. Die übrigen aber hörten den Schwätzereien schweigend zu.

Freilich verboten sie dem Schwätzer weder das Wort noch tadelten sie

ihn, aber sie bemühten sich aus allen Kräften, sich möglichst

gleichgültig und teilweise sogar hochmütig diesen Berichten gegenüber zu

verhalten. Erst am letzten Tage wurde das Interesse allgemein: „Wie wird

es denn sein? Was machen die Unsrigen? Was sagt der Major? Wird es auch

ebenso gelingen, wie vor zwei Jahren?“ usw. Bakluschin versicherte mir,

daß die Rollen vorzüglich verteilt seien, ein jeder sei „wie geboren“ zu

der seinen. Ferner, daß sie sogar einen Vorhang hätten und daß die Braut

Filatkas von Ssirotkin dargestellt werden würde – „und wie der in

Weiberkleidern aussieht! – na, Sie werden ja mit eigenen Augen sehen!“

meinte er stolz und schnalzte vor Vergnügen. Die wohltätige

Gutsbesitzerin sollte in einem Falbelkleide und einer Pelerine und einem

Sonnenschirm erscheinen, und der wohltätige Gutsbesitzer in einem

Offiziersrock mit Achselschnüren und einem Rohrstock.

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