Akim Akimytsch traf gleichfalls seine Vorbereitungen zum Fest. Für ihn

gab es weder Familienerinnerungen, denn er war als Waisenkind bei

fremden Leuten aufgewachsen und schon mit fünfzehn Jahren in schweren

Dienst getreten, – noch hatte es in seinem Leben besondere Freuden

gegeben, denn sein ganzes Leben hatte er regelmäßig, einförmig und in

der beständigen Furcht verbracht, vielleicht doch irgendwie aus Versehen

über die ihm auferlegten Verpflichtungen auch nur um Haaresbreite

hinauszugehen. Er war auch nicht besonders religiös, da seine

Sittsamkeit, wie es schien, alle übrigen menschlichen Gaben und

Eigenheiten in ihm verschlungen hatte, alle Leidenschaften und Wünsche,

sowohl die guten wie die schlechten. Infolge dessen schickte er sich an,

den feierlichen Tag ohne alle Sorgen und Aufregungen zu verbringen, ohne

sich von traurigen und völlig nutzlosen Erinnerungen verwirren zu

lassen, sondern in ruhiger, methodischer Sittsamkeit, von der er genau

soviel besaß, wieviel zur Erfüllung der Pflichten und des ein für

allemal vorgeschriebenen Ritus gerade erforderlich ist. Und überhaupt

war Nachdenken nicht gerade seine Liebhaberei. Die Bedeutung eines

Faktums schien ihn niemals etwas anzugehen, dafür aber erfüllte er die

ihm einmal vorgeschriebenen Gesetze mit heiliger Gewissenhaftigkeit.

Hätte man ihm am nächsten Tage befohlen, etwas dem direkt

Entgegengesetztes zu tun, was er Tags zuvor getan, – er hätte auch

dieses mit ganz derselben Gehorsamkeit und Sorgfalt verrichtet, wie das

andere. Einmal, nur ein einziges Mal im Leben hatte er versucht, nach

seinem Verstande zu handeln und – kam dafür in die Kátorga. Die Lehre

war für ihn nicht umsonst gewesen. Und wenn es ihm auch vom Schicksal

nicht bestimmt war, jemals zu begreifen, worin sein Vergehen „eigentlich

und im Grunde“ bestanden hatte, so zog er doch aus seinem Erlebnis die

heilsame Folgerung, die er fortan zum Grundsatz erhob: niemals und unter

keinen Umständen selbst zu denken, da das Denken nun einmal „nicht seine

Verstandessache war“, wie die Arrestanten unter sich sagten. Blind dem

Brauch ergeben, sah er sogar auf sein Spanferkel, das er – da er

natürlich auch zu kochen verstand – eigenhändig mit Brei zubereitete,

mit einer gewissen Hochachtung, ganz als wäre es nicht ein gewöhnliches

Spanferkel gewesen, das man zu jeder Zeit kaufen und braten kann,

sondern ein ganz besonderes, festtägliches. Vielleicht war er von

Kindheit an gewöhnt, an diesem Tage ein gebratenes Spanferkel auf dem

Tisch zu sehen, und so folgerte er, daß ein Spanferkel zum Feiertage

unerläßlich sei. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß er, falls er an

diesem Tage keinen Ferkelbraten gegessen hätte, sein ganzes Leben lang

von Gewissensbissen wegen der unerfüllten Pflicht gemartert worden wäre.

Bis zum Feiertage ging er in seiner alten Jacke und in alten

Beinkleidern, die zwar tadellos gemacht, gestopft und geflickt waren,

doch trotzdem recht abgetragen aussahen. Jetzt zeigte es sich, daß er

den neuen Anzug, den er schon vor vier Monaten erhalten hatte,

sorgfältig in seinem Kasten aufbewahrte, ohne ihn ein einziges Mal

hervorzuholen, und sich mit schmunzelndem Gedanken vorbereitete, seine

Kleider erst am Festtage zu wechseln. So tat er denn auch. Am Abend

vorher holte er sie hervor, breitete sie aus, besah sie, glättete sie

mit der Hand, zupfte hie und da ein Fädchen ab, beblies sie, und nachdem

er das alles getan, zog er sie zur Probe an. Die Hose wie die Jacke

saßen tadellos; alles war gut genäht, ließ sich bis oben zuknöpfen und

der Kragen stützte wie ein Karton das Kinn; in der Taille zeigte sich

noch obendrein so etwas, wie ein militärischer Schnitt. Akim Akimytsch

lächelte vor Wonne und drehte sich nicht ohne ein gewisses

Selbstbewußtsein vor seinem kleinen Spiegel, den er in einer freien

Stunde mit einer Bordüre von Goldpapier beklebt hatte. Nur ein einziges

kleines Häkchen oben am Kragen der Jacke schien nicht ganz richtig zu

sitzen. Nachdem Akim Akimytsch das eingesehen hatte, beschloß er, den

Haken umzunähen: und kaum gedacht, war’s auch schon getan. Dann machte

er noch einmal eine Anprobe und siehe, es war alles gut. Hierauf faltete

er den ganzen Anzug kunstgerecht zusammen und bettete ihn für die Nacht

vollbefriedigt wieder in seinen kleinen Kleiderkasten. Am nächsten

Morgen sollte er nagelneu angezogen werden. Sein Haar war

vorschriftsmäßig und vor kurzem erst rasiert: doch das Ergebnis einer

längeren Untersuchung vor dem Spiegel war, daß sein Kopf ihm doch noch

nicht so ganz glatt erschien, denn es waren bereits kaum sichtbare

Spitzen neuer Sprößlinge zu sehen. Er begab sich daher unverzüglich zum

„Major“, um sich tadellos rasieren zu lassen, obgleich es morgen niemand

einfallen würde, seinen Kopf unter die Lupe zu nehmen, – einzig zur

Beruhigung seines Gewissens, um in Anbetracht des hohen Festtages alle

seine Pflichten erfüllt zu haben. Seine Andacht vor jedem Knopf, jeder

Hakenöse, jedem Knopfloch hatte schon in der Kindheit einen Einfluß auf

seinen Charakter gehabt und war seinem Verstande als unumstrittene

Pflicht, seinem Herzen als letzte Schönheit erschienen, die ein

anständiger Mensch nur erreichen kann. Als er endlich alles Persönliche

erledigt hatte, ordnete er als Kasernenältester an, Heu hereinzubringen,

und überwachte gewissenhaft, wie es auf dem Fußboden der Kaserne

ausgebreitet wurde. Dasselbe geschah auch in den übrigen Kasernen. Ich

weiß nicht, warum, aber zu Weihnachten wurde bei uns immer Heu auf den

Fußboden gestreut. Nachdem nun Akim Akimytsch alle seine Pflichten

erfüllt hatte, betete er zu Gott, legte sich auf die Pritsche hin und

schlief im Augenblick den Schlaf eines unschuldigen Kindleins, um dann

am nächsten Morgen möglichst früh aufzustehen. Das taten übrigens auch

alle anderen. In allen Kasernen ging man viel früher zur Ruh, als es

sonst üblich war. Die Abendarbeit war ganz vergessen und von Spielhöllen

konnte überhaupt nicht die Rede sein. Alles erwartete den nächsten

Morgen.

Endlich brach er an. Schon früh, noch vor Sonnenaufgang, wurde die

Reveille getrommelt, wurde die Kaserne aufgeschlossen und der

wachhabende Unteroffizier, der zum Nachzählen der Arrestanten eintrat,

beglückwünschte uns zum Feste. Man wünschte ihm gleichfalls alles Gute

und sagte es höflich und freundlich. Nach einem kurzen Gebet ging Akim

Akimytsch, und gingen noch viele andere, die ihre Gänse und Spanferkel

in der Küche hatten, eilig hinaus, um nachzusehen, was mit ihnen

inzwischen geschehen war, wie sie gebraten wurden, wie es mit diesem,

jenem und sonst noch etwas stand, u. a. m. Durch die kleinen, von Schnee

und Eis blinden Fensterscheiben unserer Kaserne konnte man in der

Dunkelheit erkennen, daß in beiden Küchen, in allen sechs Öfen, helles

Feuer lohte, das schon vor Tagesanbruch angemacht worden war. Über den

Hof gingen bereits die Arrestanten hin und her, alle in ihren

Halbpelzen, die teils ganz angezogen, teils nur über die Schultern

geworfen waren: ein jeder strebte zur Küche. Einige aber, übrigens nur

sehr wenige, hatten schon die Branntweinhändler aufgesucht. Das waren

die Ungeduldigsten, die niemals warten konnten. Im allgemeinen aber

führten sich alle sehr anständig auf, ruhig und ganz ungewöhnlich

würdig. Von den sonst üblichen Schimpfereien und Streitigkeiten war

nichts zu hören und zu sehen. Alle begriffen und fühlten, daß es ein

großer Tag, ein hohes Fest war. Es gab auch manche, die in die anderen

Kasernen gingen, um diesen oder jenen von ihren näheren Bekannten zum

Fest zu beglückwünschen. Es zeigte sich bei allen so etwas wie

Freundschaft. Hier muß ich bemerken, daß man unter den Arrestanten sonst

fast überhaupt nichts von Freundschaft sah – ich rede nicht von

allgemeiner Kameradschaft, die war sogar in hohem Maße vorhanden,

sondern von Freundschaft zwischen zwei einzelnen. So etwas gab es so gut

wie überhaupt nicht. Alle waren im Verkehr miteinander trocken und hart,

abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen, und das war ein formell

anerkannter, einmal eingeführter und angenommener Ton.

Ich trat gleichfalls aus der Kaserne hinaus, es begann kaum, kaum zu

tagen, die Sterne flimmerten noch am Himmel, ein kalter, feiner Dampf

erhob sich langsam von der Erde und verschwand. Aus den

Küchenschornsteinen wälzte sich der Rauch in dicken Säulen. Einige mir

begegnende Arrestanten beglückwünschten mich aus eigenem Antriebe

freundlich zum Fest. Ich dankte ihnen und antwortete ebenso. Mit manchen

von ihnen hatte ich in diesem ganzen Monat noch kein Wort gesprochen.

Wenige Schritt vor der Küche holte mich plötzlich ein Arrestant aus der

Militärkaserne ein, der seinen Halbpelz sich nur über die Schultern

geworfen hatte. Schon von weitem hatte er mich erblickt und über den

halben Hof angerufen: „Alexander Petrowitsch! Alexander Petrowitsch!“

und er eilte mir nach zur Küche hin. Ich blieb stehen und erwartete ihn.

Es war ein junger Bursche mit rundem Gesicht, mit stillem Ausdruck in

den Augen, sehr wenig gesprächig: mit mir hatte er noch kein Wort

gewechselt und meiner Person bis dahin überhaupt noch keine

Aufmerksamkeit geschenkt. Ich wußte nicht einmal, wie er hieß. Er kam

ganz atemlos herangelaufen, blieb direkt vor mir stehen und starrte mich

mit eigentümlich stumpfem, gleichzeitig aber auch seligem Lächeln an.

„Was wünscht Ihr von mir?“ fragte ich ihn nicht ganz ohne Verwunderung,

als ich sah, daß er nur lächelte, stand und mich groß ansah, ein

Gespräch aber nicht begann.

„Ja, wie denn, es ist doch Feiertag ...“ murmelte er verdutzt, und da er

selbst gewahr wurde, daß er sonst nichts zu sagen hatte, verließ er mich

und trat eiligst in die Küche. Ich will hier gleich bemerken, daß wir

auch nachher nie miteinander ein Wort gewechselt haben, so lange wie ich

im Ostrogg blieb.

In der Küche ging es lebhaft zu: ein ganzer Haufe drängte, stieß und

quetschte sich vor den glühend heißen Backöfen. Ein jeder wollte sein

Eigentum bewachen und dessen Kochprozeß beobachten. Die „Köchinnen“

schickten sich bereits an, die Herstellung der Staatskost in Angriff zu

nehmen, da das Essen an diesem Tage früher angesagt war. Übrigens begann

noch niemand zu essen, obgleich nicht wenige große Lust dazu verspürten,

doch wahrten sie heldenmütig den Anstand. Man erwartete den Geistlichen

und erst nachher sollte das Fleischessen nach der Fastenzeit beginnen.

Inzwischen begannen – noch war es kaum Tag geworden – von der Wache her

die Rufe zu erschallen: „Köche her!“ – die sich im Laufe von mindestens

zwei Stunden fast in jeder Minute wiederholten. Der Gefreite rief die

Köche, damit sie die Spenden, die von allen Enden der Stadt dargebracht

wurden, entgegennahmen. Sie bestanden in ungeheuren Mengen von

Kalatschen, Broten, Käsekuchen, Pfannkuchen, süßen Broten, – kurz, in

allen Sorten des Festtagsgebäcks. Ich glaube, es gab da wohl keine

einzige Hausfrau in den Kaufmanns- und Bürgerkreisen, die nicht etwas

aus ihrer Küche geschickt hätte, um den „Unglücklichen“ zum Feste eine

Freude zu machen. Es gab viel reiche Spenden, schönes Gebäck von

Butterteig, vom feinsten Mehl und in großen Mengen geschickt; es gab

aber auch sehr arme Gaben – irgend ein Kalatsch zu zwei Kopeken und zwei

gewöhnliche, kaum sichtbar mit Sahne bestrichene Pfannkuchen: das war

eine Gabe des Armen an den Armen, vom wenigen, das er selbst besaß.

Alles wurde mit gleicher Dankbarkeit entgegengenommen: nicht der

geringste Unterschied wurde zwischen den Gaben und den Gebern gemacht.

Die in Empfang nehmenden Arrestanten nahmen ihre Mützen ab, verbeugten

sich, dankten, beglückwünschten zum Fest, und trugen dann das Geschenk

in die Küche. Als sich nach einiger Zeit ganze Berge von solchen Broten

angehäuft hatten, wurden die Ältesten jeder Kaserne gerufen und sie

teilten dann das ganze in gleiche Teile. Es gab weder Streit noch

Schelten: alles wurde ehrlich und gewissenhaft geteilt. Was unserer

Kaserne zufiel, wurde dann bei uns verteilt. Akim Akimytsch und noch ein

anderer Arrestant besorgten das: sie zerschnitten das Gebäck eigenhändig

und reichten eigenhändig einem jeden, was ihm zukam. Nicht der geringste

Einspruch wurde laut, nicht der geringste Neid machte sich bemerkbar:

alle waren mit dem zufrieden, was sie erhielten; es war nicht einmal ein

Schimmer von einem Verdacht zu bemerken, daß die Gaben unterschlagen

oder ungerecht verteilt werden könnten.

Nachdem Akim Akimytsch seine Arbeit in der Küche beendet hatte, kleidete

er sich mit allem Anstand und aller Feierlichkeit an, vergaß kein

einziges noch so kleines Häkchen, und nachdem er damit fertig war,

schritt er unverzüglich zum Gebet. Er betete ziemlich lange. Außer ihm

beteten noch viele andere, doch waren es meistens bejahrtere Männer. Die

jungen dachten kaum daran, höchstens daß einer sich beim Aufstehen

flüchtig bekreuzigte. Nach dem Gebet trat Akim Akimytsch auf mich zu und

beglückwünschte mich nicht ohne Feierlichkeit zum Fest. Ich lud ihn

sogleich zu meinem Tee ein und er darauf mich zu seinem Ferkelbraten.

Kurz darauf kam Petroff, um mir gleichfalls Glück zu wünschen. Wie mir

schien, hatte er bereits ein wenig getrunken und obschon er sehr eilig

gekommen war, so hatte er doch nicht viel zu sagen, sondern stand nur

kurze Zeit gewissermaßen erwartungsvoll vor mir und eilte dann bald

wieder in die Küche.

Inzwischen war in der Militärkaserne alles Nötige zum Empfang des

Geistlichen vorbereitet worden. Diese Kaserne war nicht so eingerichtet,

wie die anderen: in ihr zogen sich die Pritschen an den Wänden hin und

nicht in der Mitte des Zimmers, so daß sie im ganzen Ostrogg der einzige

Raum war, in dem man, falls nötig, die Arrestanten versammeln konnte.

Wahrscheinlich war sie sogar gerade zu diesem Zweck so gebaut worden. In

die Mitte der Kaserne hatte man einen kleinen Tisch hingestellt, mit

einem reinen Handtuch bedeckt, ein Heiligenbild aufgestellt und das

Lämpchen davor angezündet. Endlich kam auch der Geistliche mit einem

Kreuz und dem Weihwasser. Nachdem er vor dem Heiligenbilde gebetet und

gesungen hatte, stellte er sich vor die versammelten Arrestanten hin,

die dann in aufrichtiger Andacht einzeln zu ihm traten und das Kreuz

küßten. Hierauf ging der Geistliche in alle Kasernen und besprengte sie

mit Weihwasser. In der Küche segnete und lobte er auch unser

Ostroggbrot, das wegen seiner Schmackhaftigkeit in der ganzen Stadt

bekannt war, und die Arrestanten beschlossen sofort, ihm zwei frische,

soeben aus dem Ofen gekommene Brote zu schicken, die ohne weiteres einem

Invaliden eingehändigt wurden, damit er sie in die Wohnung des

Geistlichen trug. Das Kreuz wurde mit derselben Ehrfurcht begleitet, wie

es zuerst empfangen worden war, und gleich darauf kamen der Platzmajor

und der Kommandeur angefahren. Letzterer wurde bei uns sehr geachtet und

sogar geliebt. Er durchschritt in Begleitung des Platzmajors sämtliche

Kasernen und beglückwünschte uns alle zum Feste. Hierauf begab er sich

auch in die Küche, wo er die Festtagskohlsuppe kostete, die diesmal

vorzüglich zubereitet war: es war für jeden Sträfling ungefähr ein Pfund

Rindfleisch mitgekocht worden. Außerdem gab es noch Grützbrei, zu dem

man nach Herzenslust Butter hinzutun durfte. Der Platzmajor begleitete

den Kommandeur zum Wagen und dann befahl er, daß mit dem Essen begonnen

werde. Die Arrestanten bemühten sich, ihm nicht unter die Augen zu

kommen. Man haßte bei uns seinen bösen Blick hinter den Brillengläsern

hervor, mit dem er auch jetzt noch nach links und rechts ausschaute, ob

er nicht irgendwo Unordnung entdecken, irgendwo einen Sündenbock finden

könne.

Dann kam das Essen. Akim Akimytsch hatte sein Spanferkel vorzüglich

zubereitet. Doch eines vermag ich nicht zu erklären, wie das kam: kaum

war der Platzmajor fortgefahren, als sich schon sehr viel angeheitertes

Volk zeigte, während noch vor kaum fünf Minuten alle nüchtern gewesen

waren. Man sah überall bereits sich rötende und strahlende Gesichter,

und bald waren auch Balalaiken zur Stelle. Der kleine Pole folgte schon

mit seiner Geige irgend einem „Feiernden“, der ihn für den ganzen Tag

gemietet hatte, und spielte und fiedelte ihm lustige Tänze vor. Die

Unterhaltung wurde lauter, wurde trunken und geräuschvoll. Doch das

Essen verlief noch ohne große Störungen. Alle waren satt. Viele von den

Älteren und Soliden begaben sich sofort nach dem Mahl in ihre Kasernen

und machten ein Schläfchen, was auch Akim Akimytsch tat, da er

wahrscheinlich der Meinung war, daß man an einem Feiertage nach dem

Mittag unbedingt schlafen müsse. Der altgläubige Greis aus Starodubowo

kroch, nachdem er eine Zeitlang gestumpft hatte, auf den Ofen, schlug

sein Buch auf und betete, so gut wie ohne jede Unterbrechung bis tief in

die Nacht hinein. Es war ihm schwer, diese „Schmachhaftigkeit“, wie er

sagte, mit anzusehen. Die Tscherkessen hatten sich auf die kleine

Treppenstufe vor der Tür hingesetzt und blickten neugierig und doch mit

einem gewissen Ekel auf das betrunkene Volk. Zufällig begegnete mir

Nurra: „Jamán, jamán!“[6] sagte er kopfschüttelnd und mit ehrlichem

Unwillen, „ach, jamán! Allah wird bös sein!“ Issai Fomitsch zündete

eigensinnig und hochmütig seine Kerze an und machte sich an eine Arbeit,

augenscheinlich in der Absicht, zu zeigen, daß er diesen Feiertag

überhaupt nicht achte. Hier und da in den Ecken gab’s schon Spielhöllen.

Die Invaliden fürchtete man nicht und für den Unteroffizier, der sich

übrigens selbst bemühte, nichts zu bemerken, wurden Wächter aufgestellt.

Der wachhabende Offizier steckte im Verlauf des Tages dreimal seine Nase

in den Ostrogg, doch die Spielhöllen, und die Betrunkenen verschwanden

noch eh man’s gedacht mit wundernehmender Geschwindigkeit, und auch er

schien sich entschlossen zu haben, kleine Unordnungen diesmal nicht zu

beachten. Zu diesen kleinen Unordnungen gehörten auch die Angeheiterten.

Allmählich aber wurde man freier, berauschter, und es begannen Hader und

Streit. Doch die Nüchternen waren in der Überzahl, so daß es immer noch

welche gab, die die anderen bewachen konnten. Dafür aber tranken die

„Feiernden“ diesmal ohne jedes Maß. Gasin triumphierte. Vor seinem Platz

auf der Pritsche spazierte er hin und her, und war mit sich und mit der

Welt zufrieden. Seinen Branntweinvorrat, der von ihm sonst draußen

hinter den Kasernen irgendwo im Schnee verborgen gehalten wurde, hatte

er dreist unter die Pritsche geschoben. Er lächelte verschlagen, wenn

ein Käufer zu ihm kam. Selbst war er vollkommen nüchtern und trank

keinen Tropfen. Er beabsichtigte, erst nach den Feiertagen zu schlemmen,

wenn er den übrigen bereits alles aus der Tasche geholt hatte. In den

Kasernen ertönten Lieder, doch die Trunkenheit wurde bei einzelnen mit

der Zeit zu einer Betäubung, wie von Kohlendunst, und von den Liedern

war es nicht weit bis zu den Tränen. Mehrere gingen mit

selbstgefertigten Balalaiken, den Halbpelz über die Schultern geworfen,

in fideler Stimmung umher und strichen gewandt und sicher mit den

Fingerspitzen über die Saiten. In der „besonderen Abteilung“ hatte sich

sogar ein Chor gebildet aus acht Mann, die prächtig zur Begleitung von

Balalaiken und Gitarren sangen. Rein volkliche Lieder wurden wenig

gesungen. Ich entsinne mich nur noch des einen munter vorgetragenen

Liedes:

Als ich jung war, ging ich abends

Wohl zu manchem heitren Fest ...

Und hier hörte ich auch eine neue Variante dieses Liedes, die ich früher

noch nicht gekannt hatte. Zum Schluß des Liedes wurden noch einige

Strophen hinzugefügt, die die Tätigkeit der jungen Frau schilderten.

Gewöhnlich aber wurden bei uns die sogenannten Arrestantenlieder

gesungen, die ja wohl alle bekannt sind. Nur eines von ihnen, ein

humoristisches, war mir neu. Es beschrieb in heiterem Ton, wie ein

Mensch früher als Herr in der Freiheit vergnügt gelebt hatte, jetzt aber

im Ostrogg die Ketten schleppen mußte. Es hieß, früher habe er

Champagner getrunken und Süßes gegessen, jetzt aber müsse er mit

schlechter Kohlsuppe zufrieden sein,

„Und gibt man auch nur Kraut in heißem Wasser,

Ich fresse alles auf mit Haut und Haar.“

Sehr beliebt war auch der bekannte Gassenhauer:

„Einstmals lebt’ ich, ein Knabe, flott und fröhlich,

Und sogar ein Kapital war mein.

Doch das Kapital, mein Knabe, ging zum Teufel

Und ich kam in den Ostrogg hinein.“

Nur wurde bei uns nicht „Kapital“ gesagt, sondern „Kapetal“.

Auch wurden oft melancholische und ernste Lieder gesungen. Eines war ein

echtes Kátorgalied, das wohl gleichfalls bekannt sein dürfte:

„Steigt die Morgenröte erst empor,

Hört man schon den Trommelwirbel rufen ...“

usw. Ferner das bekannte:

„Wer aber weiß dort in der großen Welt,

Wie wir hinter unsren Wänden hausen ...“

Ein anderes Lied war noch melancholischer und hatte eine wundervolle

Melodie. Wahrscheinlich war das Lied von einem Arrestanten gedichtet.

Ich entsinne mich nur noch einiger Strophen aus demselben:

„Nie mehr sieht mein Auge jenes Land,

Das mir Heimat war.

Schuldlos muß ich Qualen leiden

Wohl an tausend Jahr.

Auf dem Dach der Uhu schreit zur Nacht,

Weithin tönt es durch den Wald.

Sehnsucht will das Herz mir brechen ...

Nie mehr sieht mein Auge jenes Land.“

Dieses Lied wurde oft bei uns gesungen, aber nicht im Chor. Es ging

bisweilen einer zur Feierabendzeit zufällig hinaus in die Dämmerung,

setzte sich auf die kleine Treppenstufe vor der Kasernentür, stützte

gedankenverloren die Wange in die Hand und sang es zuerst nur leise,

dann immer lauter mit hoher Stimme. Man hörte zu und das Herz fing an zu

schlagen. Wir hatten gute Stimmen im Ostrogg.

Inzwischen begann es zu dunkeln. Trauer, Sehnsucht und dumpfe Gefühle

blickten schwer durch die Trunkenheit und das Gejohle hindurch. Manch

einer, der noch vor einer Stunde gelacht hatte, weinte bereits in irgend

einer Ecke, maßlos betrunken. Andere hatten schon mehr als einmal zu

raufen begonnen. Wieder andere wankten, bleich und kaum auf den Füßen

sich haltend, durch die Kasernen und stifteten Streit. Manche, die der

Rausch nicht händelsüchtig machte, suchten vergeblich Freunde, denen sie

ihr Herz hätten ausschütten können, um bei der Gelegenheit auch ihr

trunkenes Leid auszuweinen. Dieses ganze arme Volk hatte fröhlich und

heiter den großen Festtag verbringen wollen – und nun, mein Gott! – wie

schwer und traurig war dieser Tag fast für einen jeden. Ein jeder

verbrachte ihn mit einem Gefühl, als hätte er in einer großen Hoffnung

eine große Enttäuschung erfahren. Petroff kam im ganzen zweimal zu mir.

Er hatte nur sehr wenig getrunken und war fast ganz nüchtern. Aber er

erwartete noch bis zum letzten Augenblick irgend etwas, das seiner

Meinung nach unbedingt geschehen mußte, etwas Ungewöhnliches,

Festtägliches, Belustigendes. Wenn er es auch nicht aussprach, so sah

man es doch deutlich seinen Augen an. Er strich unermüdlich umher, aus

einer Kaserne in die andere. Doch es geschah nichts Besonderes und er

fand nichts, als betrunkene Gestalten, sinnlos trunkenes Gerede,

Geschimpf und im Rausch gerötete Gesichter. Ssirotkin schlenderte

gleichfalls umher, sah in seinem neuen roten Hemd, reingewaschen und

glatt gekämmt, allerliebst aus, ging durch alle Kasernen und schien

gleichfalls, still und naiv, irgend etwas zu erwarten.

Sämtliche Werke 18 · 第 16 / 35 段