Als wir die Tür zur eigentlichen Badestube aufmachten, glaubte ich, die

Hölle vor mir zu sehen. Man stelle sich eine Stube von ungefähr zwölf

Schritt Länge und gleicher Breite vor, in der vielleicht an hundert

Menschen eingesperrt sind, oder doch mindestens achtzig, denn wir waren

nur in zwei Abteilungen geschieden worden, im ganzen aber waren wir an

zweihundert Mann ins Bad gezogen. Ein Dampf war in dem Raume, daß es

einem dunkel vor den Augen ward, dazu Qualm, Schmutz und eine Enge, die

keinen Fuß breit Platz zeigte, wo man hätte hintreten können. Ich

erschrak und wollte zurück, doch Petroff ermutigte mich und zog mich

schnell hinein. Ich weiß selbst nicht wie, aber jedenfalls mit den

größten Schwierigkeiten gelangten wir endlich zu den Bänken, nachdem wir

über unzählige Köpfe der auf dem Boden Sitzenden hinübergetreten waren,

immer wieder mit der Bitte, sich ein wenig zu beugen, damit wir mit

unseren Ketten bequemer hinüberkönnten. Auf den Bänken waren alle Plätze

besetzt. Petroff erklärte mir, daß ich einen Platz kaufen müsse und trat

für mich sofort in Unterhandlung mit einem, der sich am Fenster

niedergelassen hatte. Der Sträfling überließ mir für eine Kopeke seinen

Platz, erhielt von Petroff das Geld, – das dieser vorsorglich

mitgenommen hatte und die ganze Zeit in der Hand hielt – und tauchte

ohne weiteres unter die Bank, gerade unter meinen Platz, wo es dunkel

und schmutzig war und eine glatte Feuchtigkeit fast einen halben Finger

dick auf dem Boden lag. Doch selbst diese Plätze unter den Bänken waren

alle besetzt, auch dort wimmelte es von nackten Körpern und Gliedern.

Auf dem ganzen Fußboden gab es auch nicht eine Hand breit freien Platz,

überall saßen gekrümmt und sich reibend die Arrestanten und begossen

sich mit dem Wasser aus ihren Waschschalen. Andere standen aufrecht

zwischen ihnen und wuschen sich stehend, während das schmutzige Wasser

auf die halbrasierten Köpfe der am Boden Sitzenden herabfloß. Auf der

Schwitzbank und auf allen Stufen, die zu ihr emporführten, saßen

gekrümmt und gedrängt, fast einer auf dem anderen, sich waschende

Gestalten. Genau genommen wuschen sie sich nicht allzu sehr. Die

einfachen Leute waschen sich nur ein wenig mit Seife und heißem Wasser,

sie lassen aber gehörig Dampf geben und schwitzen, was sie nur schwitzen

können, um sich dann mit kaltem Wasser zu übergießen, – das ist ihr

ganzes Bad. Wohl mit fünfzig Badequästen wurde oben auf der Schwitzbank

gedroschen: alle quästeten sich bis zur Bewußtlosigkeit. Dampf wurde

allaugenblicklich von neuem gegeben. Das war nicht mehr Hitze, sondern

Glut. Und alles schrie dazu, gröhlte und schnatterte beim Klirren von

hundert Ketten, die auf dem Boden herumgeschleift wurden ... Viele, die

sich irgend wohin durchdrängen wollten, verwickelten sich in fremden

Ketten oder zogen mit ihren eigenen Ketten die Köpfe der unter ihnen

Sitzenden mit, stolperten, fielen, schimpften oder schleiften die

anderen nach. Von allen Seiten floß schmutziges Wasser herab. Alle waren

wie halbtrunken und dabei ungewöhnlich erregt: sie kreischten und

schrieen, wie ich es noch nie zuvor gehört hatte. Das Fenster, durch

welches man aus dem Vorraum das Wasser hereinreichte, wurde von einem

drängendem schimpfenden, sich raufenden und stoßenden Haufen belagert.

Das erhaltene heiße Wasser wurde über den Köpfen der anderen früher

verspritzt, bevor es an seinem Bestimmungsort ankam. Hin und wieder

erschien auf eine Sekunde in der offenen Tür oder im Fenster neben einem

Bajonett das schnauzbärtige Gesicht eines Unteroffiziers oder eines

Soldaten, um nach der Ordnung zu sehen. Die halbrasierten Köpfe und die

von der Hitze geröteten Körper erschienen mir noch entsetzlicher als

sonst. Auf den gequollenen Rücken zeichneten sich jetzt deutlich die

Narben der früher einmal erhaltenen Spießruten oder Stockhiebe ab, so

daß alle diese dunkelrot gestreiften Rücken aufs neue wundgepeitscht

aussahen. Grauenvoll waren diese Narben! Mich überlief es kalt, als ich

sie sah. Wieder wird Wasser auf die glühenden Steine im heißen Ofen

geworfen und wieder steigt aus der oberen Ofentür eine heiße,

undurchdringliche Dampfwolke empor und erfüllt den ganzen Raum – alles

schnattert und schreit. Allmählich sieht man dann wieder in der

grauweißen Dampfwolke die zerhauenen Rücken, die halbrasierten Schädel,

die gekrümmten Beine und Arme, und zur Vollendung des ganzen singt oben

auf der höchsten Schwitzbank Issai Fomitsch aus voller Kehle. Er läßt

sich bis zur Bewußtlosigkeit dämpfen, doch ist ihm, wie es scheint,

keine einzige Glut heiß genug: für eine Kopeke dingt er einen Bader

unter den Arrestanten, doch selbst dieser hält es schließlich nicht mehr

aus: er wirft den Quast hin und läuft fort, um sich mit kaltem Wasser zu

begießen. Aber Issai Fomitsch dingt einen zweiten, einen dritten Bader,

– er hat beschlossen, die Gelegenheit zu benutzen und diesmal nicht an

die Ausgaben zu denken, und überlebt noch einen vierten und fünften

Bader, die es alle nicht aushalten und fortstürzen.

„Tut nichts, ein Dampfbad ist gesund, bravo, Issai Fomitsch!“ schreien

ihm von weitem die Arrestanten zu. Issai Fomitsch fühlt, daß er in

diesem Augenblick alle überragt, – er triumphiert und singt mit

schriller, irrsinniger Stimme seine Arie: lä lä lä lä lä, die alle

anderen Stimmen übertönt. Mir kam unwillkürlich der Gedanke, daß, wenn

wir einmal alle zusammen irgendwo in einer Hölle sein sollten, sie

dieser Badestube auffallend ähnlich sein müsse. Ich konnte es nicht

unterlassen, meinen Gedanken Petroff mitzuteilen: er blickte sich nur

einmal um, sagte aber nichts.

Ich wollte ihm gleichfalls einen Platz neben mir kaufen, er aber setzte

sich schnell zu meinen Füßen nieder und behauptete, er habe es sehr

bequem. Bakluschin kaufte und brachte uns das Wasser, sobald wir wieder

welches brauchten. Petroff erklärte ohne weiteres, daß er mich vom

Hacken bis zum Nacken reinwaschen würde, „so daß Sie dann ganz sauber

sein werden,“ und beredete mich eifrig zu einem „Dampfbad“, was ich aber

doch nicht zu versuchen wagte. Petroff seifte mich sorgfältig ein.

„Und jetzt werde ich Ihnen noch Ihre _Füßchen_ waschen,“ erklärte er zu

guterletzt. Ich wollte protestieren und sagen, meine Füße könne ich

selbst waschen, aber ich sah ein, daß es besser war, ihm nicht zu

widersprechen und ihm seinen Willen zu lassen. In dem Diminutiv

„Füßchen“ lag übrigens nicht der leiseste Schimmer von einem

Schmeichelnwollen oder von knechtischer Ergebenheit. Petroff konnte

wahrscheinlich meine Füße deswegen nicht „Füße“ nennen, weil die

anderen, wirklichen Menschen Füße hatten, ich aber eben nur erst

Füßchen.

Nachdem er mich dann „ganz sauber“ gewaschen hatte, führte er mich unter

denselben Zeremonien, d. h. indem er mich stützte und warnte und alle

möglichen Vorsichtsmaßregeln ergriff – ganz als wäre ich aus Porzellan

gewesen – wieder in die Vorstube zurück, und half mir wieder in die

Wäsche, und erst hierauf, als er mit mir fertig geworden war, ging er

eilig zurück ins Bad, um nun selbst noch zu schwitzen.

Als wir wieder im Ostrogg waren, bot ich ihm ein Glas Tee an. Er wies es

nicht zurück, trank es gern und dankte mir. Da kam es mir in den Sinn,

meinen Beutel aufzutun und ihm einen Viertelliter Branntwein zu

spendieren. Branntwein fand sich, wie immer, in der Kaserne. Petroff war

sehr zufrieden, stürzte ihn hinab, krächzte einmal, und ging, nachdem er

mir gesagt, ich hätte ihn wieder neubelebt, eilig in die Küche, als

könne man dort ohne ihn ganz unmöglich über irgend etwas ins reine

kommen. An seiner Stelle kam darauf mein anderer Freund, Bakluschin, der

„Pionier“, zu mir, den ich schon im Bade zu einem Glas Tee aufgefordert

hatte.

Ich kenne keinen Charakter, der liebenswürdiger gewesen wäre, als

derjenige Bakluschins. Gewiß stritt er sogar sehr oft, gab den anderen

nichts nach und litt es nicht, daß man sich in seine Angelegenheiten

einmischte, – kurz, er verstand es, seinen Mann zu stehen. Aber sein

Streiten dauerte nie lange, nie trug er etwas nach oder hegte er Groll,

und ich glaube, alle hatten ihn gern. Wohin er auch gehen mochte,

überall war er gern gesehen und man freute sich über ihn. Sogar in der

Stadt war er als der lustigste Mensch der Welt, der nie seinen Humor

verlor, bekannt. Er war ein hochgewachsener Bursche von ungefähr dreißig

Jahren, mit einem lebhaften und gutmütigen, recht hübschen Gesicht, auf

dem noch eine Warze saß. Dieses Gesicht konnte er zuweilen so urkomisch

verziehen, und mit ihm konnte er jeden beliebigen so nachahmen, daß die

ganze Umgebung unmöglich ernst zu bleiben vermochte: man mußte lachen,

ob man wollte oder nicht. Er gehörte gleichfalls zu den Spaßmachern,

doch machte er unseren mürrischen Feinden des Frohsinns keine

Konzession, so daß diese ihn niemals einen „leeren und unnützen“

Menschen schalten. Er war voll Feuer und Leben. Bereits in den ersten

Tagen machte er sich mit mir bekannt und erzählte mir, daß er vormals

Bediensteter gewesen sei, darauf als Pionier gedient habe und sogar von

einigen höheren Offizieren bemerkt und gern gesehen worden sei, worauf

er noch in der Erinnerung sehr stolz war. Mich begann er ohne weiteres

über Petersburg auszufragen. Er hatte sogar Bücher gelesen.

Als er zu mir zum Tee kam, erheiterte er sofort die ganze Kaserne, indem

er nachmachte, wie der Leutnant Sch. unseren Platzmajor am Morgen

„abgeblitzt“ hatte. Hierauf setzte er sich zu mir und teilte mir höchst

zufrieden mit, daß die Theatervorstellung diesmal aller

Wahrscheinlichkeit nach zustande kommen würde. Im Ostrogg wurde nämlich

an den Festtagen Theater gespielt. Die Schauspieler wurden gewählt und

allmählich auch die Dekorationen angeschafft. Aus der Stadt hatten

einige versprochen, Kleider, sogar Frauenkleider für die Mimen zu

verschaffen; ja man hoffte sogar, durch einen Burschen eine

Offiziersuniform mit Achselschnüren zu erhalten. Wenn es nur dem

Platzmajor nicht wieder einfiel, das Schauspiel zu verbieten, wie er es

im vorhergehenden Jahre getan hatte! Doch damals war er gerade zum

Weihnachtsfest sehr schlechter Laune gewesen: hatte im Kartenspiel

verloren und außerdem hatte man sich auch im Ostrogg nicht zum besten

aufgeführt – und so hatte er denn einfach verboten. Diesmal aber würde

er wohl nicht die Freude verderben!? Mit einem Wort, Bakluschin befand

sich in sehr angeregter Stimmung. Man sah ihm sofort an, daß er einer

der Hauptbeteiligten war, und ich gab ihm mein Wort, unbedingt der

Vorstellung beiwohnen zu wollen. Die kindliche Freude Bakluschins am

Zustandekommen der Aufführung hatte sofort mein Herz gewonnen. Ein Wort

gab das andere und wir gerieten in ein Gespräch. Unter anderem erzählte

er mir auch, daß er nicht die ganze Zeit in Petersburg gedient hatte:

daß er sich dort etwas habe zuschulden kommen lassen und nach R. als

Unteroffizier in ein Garnisonbataillon versetzt worden sei.

„Und erst von dort wurde ich hierher geschickt,“ bemerkte er zum Schluß.

„Aber weshalb denn das?“ fragte ich.

„Weshalb? Was glauben Sie wohl, Alexander Petrowitsch, weshalb? –

Einfach weil ich mich verliebt hatte!“

„Nun, deshalb wird man doch noch nicht nach Sibirien verschickt,“

entgegnete ich lachend.

„Das ist ja wahr,“ meinte Bakluschin, „aber ich hatte bei der

Gelegenheit einen dort ansässigen Deutschen mit der Pistole erschossen.

Aber, sagen Sie doch selbst, lohnt es sich denn, einen wegen eines

Deutschen in die Kátorga zu schicken!“

„Wie ging denn das zu? Erzählen Sie doch, es interessiert mich.“

„Das war eine sehr spaßige Geschichte, Alexander Petrowitsch.“

„Um so besser. Erzählen Sie nur.“

„Soll ich wirklich? Na, dann hören Sie zu ...“

Ich vernahm eine, wenn auch nicht spaßige, so doch recht eigenartige

Geschichte eines Mordes ...

„Die Sache war nämlich die ...“ hub Bakluschin an. – „Als man mich nach

R. versetzt hatte, war ja alles ganz wunderschön, sehe – es ist eine

schöne Stadt, groß, nur viel Deutsche waren da. Nun, ich, versteht sich,

war noch ein junger Mensch, bei den Vorgesetzten gut angeschrieben,

gehe, die Mütze schief auf einem Ohr, zum Zeitvertreib, wie man sagt, in

der Stadt spazieren. Nun, kommt einem so ein deutsches Mädchen entgegen,

versteht sich, Blicke hin, Blicke her ... Da gefiel mir eine ganz

besonders, Luisa hieß sie. Beide waren sie Wäscherinnen, für die feinste

Wäsche, die man sich nur denken kann, sie und ihre Tante. Die Tante war

schon alt, so eine richtige Harke, lebten aber dabei ganz gut. Anfangs

pendelte ich nur vor den Fenstern auf und ab, dann aber schloß ich eine

richtige Freundschaft mit ihr. Luisa sprach gut russisch, nur schnarrte

sie ein wenig, – so ein, nun ja, herziges Ding war sie, wie ich noch

keine gesehen. Nun, versteht sich, anfangs redete ich so und so, sie

aber sagte mir sofort: ‚Nein, Ssascha, das sollst du nicht, denn ich

will meine ganze Unschuld bewahren, um dir ein würdiges Weib zu sein,‘

und schmeichelt nur so, und lacht so hell ... Ja, so ein sauberes

Geschöpfchen war sie, ich habe nie wieder so eine gesehen. Selbst

beredete ich mich, sie zu heiraten. Nun, wie sollte ich denn nicht

heiraten, bedenken Sie doch nur! Und so bereitete ich mich denn auch

schon vor, mit meinem Heiratsgesuch zum Oberstleutnant zu gehen ...

Plötzlich, was sehe ich – Luisa kommt nicht zum Stelldichein, zum

zweitenmal wieder nicht, zum dritten wieder nicht ... Ich schreibe einen

Brief: keine Antwort. Was soll denn das bedeuten, denke ich! Sollte sie

mich betrügen wollen, so würde sie geantwortet haben und wäre auch zum

Stelldichein gekommen, – mit einem Wort, sie hätte sich verstellt. Sie

aber verstand nicht, zu lügen, sie hatte kurz und einfach abgebrochen.

Dahinter steckt die Tante, denke ich. Zur Tante durfte ich nicht gehen;

wenn sie es auch wußte, so sahen wir uns doch nur heimlich. Ich gehe wie

ein Halbwahnsinniger umher – schließlich schreibe ich ihr den letzten

Brief: ‚kommst du nicht, so gehe ich zur Tante.‘ Sie erschrak, kam.

Weinte, sagte, ein Deutscher, Schulz, ihr entfernter Verwandter, ein

Uhrmacher, ein reicher und schon bejahrter Mann, habe den Wunsch

ausgesprochen, sie zu heiraten, – um mich, sagte sie, glücklich zu

machen und selbst im Alter nicht ohne Frau zu bleiben; und er liebt mich

auch, sagt sie, und hat schon lange die Absicht gehabt, mich zu

heiraten, hat aber vorläufig noch geschwiegen und sich vorbereitet. –

‚Nun sieh, Ssascha,‘ sagt sie, ‚er ist reich und das ist doch mein

Glück; willst du mir nun mein Glück nicht gönnen?‘ Ich sehe sie an: sie

weint, umarmt mich ... Was, denke ich, es ist ja wahr, was sie sagt! Was

hat es denn für einen Sinn, mich, einen Soldaten, zu heiraten, selbst

wenn ich auch Unteroffizier bin? – ‚Nun dann, Luisa,‘ sage ich, ‚leb

wohl, Gott behüt dich, warum sollte ich dein Glück zerstören? Aber wie

ist er, – ist er hübsch?‘ – ‚Nein,‘ sagt sie, ‚er ist schon alt und hat

eine so lange Nase ...‘ und sie lacht sogar. Ich ging. Nun was, denke

ich, es ist mir nicht bestimmt. Am nächsten Morgen begab ich mich zu

seinem Uhrgeschäft, sie hatte mir die Straße genannt. Ich sehe durch das

Fenster hinein: da sitzt ein Deutscher, tiftelt an einer Uhr, hat

reichlich seine fünfundvierzig auf dem Buckel, die Nase lang, die Augen

stehen hervor, dabei sitzt er im alten Gehrock und im Stehkragen, in

solch einem Vatermörder mit langen Enden, macht so eine wichtige Miene.

Ich spie nur aus. Wollte ihm schon seine ganze Fensterscheibe

einschlagen ... Doch wozu, denke ich, ist es verloren, so ist es

verloren. In der Dämmerung kehrte ich in die Kaserne zurück, legte mich

auf mein Lager hin und da, – glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht,

Alexander Petrowitsch – ich weinte wie ein Kind ...

„Nun, es vergeht ein Tag, noch ein Tag und noch einer. Luisa sah ich

nicht mehr. Inzwischen aber erfuhr ich durch eine Gevatterin – ein altes

Weib, gleichfalls Wäscherin, zu der Luisa zuweilen ging –, durch die nun

erfuhr ich, daß der Deutsche um unsere Liebe wisse und aus diesem Grunde

sich auch entschlossen habe, schneller anzusprechen. Sonst hätte er noch

ganze zwei Jahre gewartet. Luisa aber soll er, so sagt sie, den Schwur

abgenommen haben, daß sie mich nicht mehr kennen werde, und daß er sie

beide, die Tante und Luisa, vorläufig noch arg unter dem Daumen halte

und daß er sich vielleicht noch anders bedenken würde, also noch immer

nicht ganz entschlossen sei. Zum Schluß erzählte sie mir noch, daß er

sie beide zu übermorgen, zum Sonntag vormittag, zum Kaffee eingeladen

habe und daß außer ihnen noch ein Verwandter zu ihm kommen würde, ein

alter Mann, der früher Kaufmann gewesen, jetzt aber bettelarm sei und

irgendwo in einem Kellerlager als Aufseher sein Brot verdiene. Als ich

erfuhr, daß sie am Sonntag vielleicht alles beschließen würden, da

packte mich die Wut, so daß ich mich kaum noch beherrschen konnte. Und

an diesem ganzen Tage und auch am folgenden Tage war alles, was ich tat,

daß ich beständig an diese eine Möglichkeit dachte. Ich glaube, ich

hätte diesen Deutschen aufgefressen, wenn er mir nur zwischen die Zähne

gekommen wäre.

„Noch am Sonntag morgen wußte ich nichts und hatte mir auch nichts

vorgenommen, als aber der Frühgottesdienst beendet war und wir wieder in

der Kaserne saßen, – da sprang ich plötzlich auf, ergriff meinen Mantel

und begab mich zum Deutschen. Ich hoffte, sie alle bei ihm anzutreffen.

Aber warum ich ging und was ich dort sagen wollte – das wußte ich selbst

nicht. Doch steckte ich für alle Fälle eine Pistole in die Tasche. Es

war ein altes Ding mit einem altmodischen Schloß; schon als Knabe hatte

ich aus ihr geschossen. Eigentlich konnte man aus ihr überhaupt nicht

mehr schießen. Aber ich lud sie trotzdem mit einer Kugel und denke noch

so im stillen: wollen sie mich vor die Tür setzen oder kommen sie mir

grob, so werde ich die Pistole hervorziehen und ihnen allen einen

Schrecken einjagen. Ich komme also hin. In der Werkstatt ist niemand zu

sehen, alle sitzen im hinteren Zimmer. Außer ihnen ist keine Seele im

ganzen Hause. Von Dienstboten hatte er nur eine Deutsche, die ihm auch

das Essen kochte. Ich gehe durch den Laden, sehe, die Tür ins andere

Zimmer ist verschlossen, so eine alte Tür mit einer Fallklinke. Mein

Herz klopft, ich warte, lausche: sie sprechen deutsch. Wie ich da einmal

mit dem Fuß an die Tür schlug, sprang sie sofort auf. Was sehe ich: der

Tisch ist gedeckt. Auf dem Tisch steht eine große Kaffeemaschine und der

Kaffee kocht auf Spiritus. Daneben Zwieback; auf einem anderen

Untersetzer eine Karaffe mit Branntwein, Hering und Wurst und dann noch

eine Flasche mit irgend welchem Wein. Luisa und die Tante saßen, beide

aufgeputzt, auf dem Sofa. Ihnen gegenüber auf einem Stuhl der Deutsche,

der Bräutigam, im Gehrock und Vatermörder, dessen Enden wie die Hörner

vorstehen. An der einen Seite des Tisches sitzt noch ein Deutscher, ein

alter, dicker, schon ergrauter, und schweigt. Wie ich eintrat, war Luisa

plötzlich erblaßt. Die Tante sprang auf, sank aber wieder zurück, und

der Deutsche verfinsterte sich. So böse sah er aus, stand auf und trat

mir entgegen.

‚Was wünschen Sie?‘ fragt er.

Ich war schon im Begriff, mich verwirren zu lassen, aber da geriet ich

wieder in Wut.

‚Was ich wünsche!‘ sage ich. ‚Empfange deinen Gast, bewirte ihn mit

Branntwein. Ich bin zu dir zu Gast gekommen.‘

Der Deutsche überlegte einen Augenblick.

‚Setzen Sie sich,‘ sagte er.

Ich setzte mich.

‚Gib doch,‘ sage ich, ‚Branntwein her.‘

‚Da ist Branntwein,‘ sagt er, ‚trinken Sie, wenn Sie wollen.‘

‚Gib mir guten Branntwein,‘ sage ich. Die Wut, wie man sagt, ergriff

mich schon gar zu heiß.

‚Das ist guter Branntwein.‘

Es kränkte mich, daß er mich so niedrig stellte. Am meisten aber, daß

Luisa alles sah. Ich trank also und darauf sagte ich:

‚Warum bist du denn so grob zu mir, Deutscher! Du solltest dich mit mir

anfreunden. Ich bin in aller Freundschaft zu dir gekommen.‘

‚Ich kann nicht Ihr Freund sein,‘ sagt er, ‚Sie sind ein einfacher

Soldat.‘

Nun, da geriet ich aber in Wut.

‚Du Erbsenscheuche,‘ sage ich, ‚du Wurstmacher! Weißt du auch, daß ich

alles mit dir machen kann, was ich will? Wenn du willst, schieße ich

dich einfach mausetot!‘

Ich zog meine Pistole hervor, stand auf und hielt ihm die Mündung direkt

vor den Kopf. Jene saßen mehr tot als lebendig, wagten keinen Laut zu

sagen. Der Alte, der ehemalige Kaufmann, zittert wie ein Espenblatt,

schweigt, ist kreideweiß.

Der Deutsche erschrak zuerst, besann sich aber bald.

‚Ich fürchte Sie nicht,‘ sagt er, ‚und bitte Sie, als anständigen

Menschen, Ihren Scherz sofort zu unterlassen, aber ich fürchte Sie

nicht.‘

‚Oho,‘ sage ich, ‚du lügst, du fürchtest dich! Seht doch! Er wagt ja

nicht einmal, den Kopf fortzukehren, sitzt wie angewurzelt!‘

‚Nein,‘ sagt er, ‚Sie dürfen so etwas auf keine Weise ...‘

‚So–o, warum darf ich es denn nicht?‘

‚Ganz einfach,‘ sagt er, ‚weil Ihnen so etwas strengstens verboten ist

und Sie streng bestraft werden würden.‘

Der Teufel sollte klug werden aus diesem deutschen Dummkopf! Hätte er

mich damals nicht selbst aufgereizt, so würde er heute noch leben. Nur

der Streit war an allem schuld.

‚Also, ich darf es nicht,‘ sage ich, ‚deiner Meinung nach?‘

‚Nein!‘

‚Nicht?‘

‚Nein, das dürfen Sie in keinem Fall mit mir ...‘

‚Da hast du’s, alte Wurst!‘ und wie ich abdrücke, da fällt er auch schon

vom Stuhl. Jene schrieen natürlich auf.

Ich steckte meine Pistole in die Tasche und eilte hinaus, als ich aber

am Tor unserer Festung anlangte, zog ich meine Pistole wieder hervor und

warf sie in die Nesseln am Grabenrand.

Ich ging in die Kaserne, legte mich auf mein Lager hin und denke: jetzt

wird man sofort kommen und dich verhaften. Eine Stunde vergeht, noch

eine – man kommt nicht. Und so, kurz vor der Dämmerung, da überkam mich

eine solche Seelenangst; ich ging wieder hinaus; ich wollte unbedingt

Luisa sehen. Ich ging wieder an dem Uhrgeschäft vorüber: viel Volks,

Polizei. Ich zur Gevatterin: ‚Ruf Luisa her!‘ Ich wartete kaum einen

Augenblick, da sehe ich: Luisa kommt schon herausgelaufen; sie fällt mir

um den Hals und weint: ‚Ich allein bin an allem schuld,‘ sagt sie, ‚weil

ich darauf gehört habe, was die Tante sagte.‘ Und sie erzählte mir, daß

die Tante sofort nach Hause zurückgekehrt und vor Angst erkrankt sei,

sie würde nichts verraten: selbst fürchte sie sich, etwas zu sagen und

auch ihr, Luisa, habe sie verboten, irgend etwas über den Täter

verlauten zu lassen: sie fürchte sich – möge man dort machen, was man

will. ‚Niemand hat uns vorhin gesehen,‘ sagte Luisa. Er hätte auch seine

Dienstmagd fortgeschickt, da er Angst vor ihr habe. Die würde ihm die

Augen ausgekratzt haben, wenn sie erfahren hätte, daß er heiraten wolle.

Von den Gesellen sei auch niemand im Hause gewesen, er habe sie alle zu

entfernen gewußt. Den Kaffee habe er selbst zubereitet und eigenhändig

den Tisch gedeckt. Der Verwandte aber habe schon sein ganzes Leben lang

geschwiegen, und als die Sache geschehen war, habe er seine Mütze

genommen und sei als erster aus der Wohnung gegangen. Und in Zukunft

würde er sicherlich ebenso schweigen, sagte Luisa. So war es auch. Zwei

Wochen lang kam niemand, um mich zu verhaften, und es ruhte nicht der

geringste Verdacht auf mir. In diesen zwei Wochen aber, glauben Sie mir

oder glauben Sie nicht, Alexander Petrowitsch, – in diesen zwei Wochen

habe ich mein ganzes Glück durchlebt. Jeden Tag war ich mit Luisa

zusammen und wie, wie hat sie mich geliebt! Weinte, sagte: ‚Ich werde

mit dir gehen, wohin man dich auch verschicken sollte, alles werde ich

für dich verlassen!‘ Ich glaubte zu vergehen, so hatte sie mich gerührt.

Nun, und nach zwei Wochen kamen sie dann und nahmen mich. Der Alte und

die Tante waren überein gekommen und hatten mich angezeigt.“

„Aber wie,“ unterbrach ich Bakluschin, „dafür hätte man Sie doch nur zu

zehn Jahren verurteilen können, höchstens zu zwölf, und zu unserer

Abteilung, Sie aber sind doch in der besonderen. Wie ist das möglich

gewesen?“

„Ja, sehen Sie,“ sagte Bakluschin, „es kam noch eine andere Sache hinzu.

Als man mich vor die Kriminalkommission brachte, da fing der Hauptmann

an, mich vor dem ganzen Gericht mit schändlichen Worten zu schimpfen. Da

hielt ich es nicht aus: ‚Was schimpfst du,‘ sagte ich, ‚siehst du denn

nicht, Elender, daß du vor einem Spiegel sitzt?‘ Nun, hierauf nahm die

Sache einen anderen Gang, ich kam vor ein anderes Gericht und wurde für

alles zusammen verurteilt: viertausend und dann hierher in die besondere

Abteilung. Als man mich aber zur Bestrafung führte, führte man auch den

Hauptmann ab: mich durch die grüne Gasse, ihn aber aller Titel beraubt

in den Kaukasus als einfachen Soldaten ... Auf Wiedersehen, Alexander

Petrowitsch. Kommen Sie aber auch bestimmt zu unserer Aufführung.“

X.

Das Weihnachtsfest

Endlich kam das Fest heran. Schon am Weihnachtstage wurde kaum mehr

gearbeitet. Nur in die Schneiderstuben und in die Werkstätten wurde ein

Teil der Sträflinge geschickt, die übrigen gingen wohl auch angeblich

zur Arbeit, doch kamen sie alle, einzeln oder in kleinen Trupps, sehr

bald wieder zurück, und nach dem Mittagessen verließ niemand mehr den

Ostrogg. Auch am Morgen war man mehr in eigenen Angelegenheiten

ausgezogen, als zur Zwangsarbeit: die einen um Branntwein

durchzuschmuggeln und neuen zu bestellen, andere um ihre Freunde und

Freundinnen zu besuchen oder das Ausstehende für früher gelieferte

Arbeiten zum Feste einzutreiben; Bakluschin und die übrigen in der

Ausführung mitwirkenden Schauspieler, um einige Bekannte, vornehmlich

aus der Zunft der Offiziersburschen, aufzusuchen und die nötigen Kostüme

zu erlangen. Einige gingen wiederum nur deshalb mit besorgter und

beschäftigter Miene umher, weil auch die anderen geschäftig und in

Anspruch genommen waren. Und wieder andere, die, zum Beispiel, von

niemand Geld zu erwarten hatten, sahen dabei doch aus, als würden auch

sie unfehlbar welches erhalten. Mit einem Wort, alles erwartete für den

nächsten Tag irgend eine Veränderung, irgend etwas Ungewöhnliches. Am

Abend brachten die Invaliden, die von den Arrestanten auf den Markt

geschickt worden waren, eine Menge Eßbares in den Ostrogg: Rindfleisch,

Spanferkel, sogar Gänse. Viele Arrestanten, selbst die genügsamsten und

geizigsten, die das ganze runde Jahr hindurch jede Kopeke sparten,

hielten es für ihre Pflicht, ihren Beutel aufzutun und in angemessener

Weise den ersten Fleischtag nach ihrer langen Fastenzeit zu feiern. Der

fünfundzwanzigste Dezember war auch für den Arrestanten ein echter

rechter Feiertag, den ihm niemand nehmen konnte, da er ihm durch das

Gesetz formell zuerkannt wurde. An diesem Tage durfte der Arrestant

nicht zur Arbeit geschickt werden, und solcher Tage gab es im Jahr nur

drei.

Und schließlich, wer weiß, wieviel Erinnerungen in den Seelen dieser

Ausgestoßenen beim Herannahen dieses Tages wieder erwachten! Dem

Gedächtnis des einfachen Volkes prägen sich die hohen Festtage viel

schärfer ein, als demjenigen der reichen Leute. Es sind die Tage der

Erholung, die Tage, an denen die ganze Familie versammelt ist. Im

Ostrogg nun mußten sie sich unwillkürlich mit Qual und Sehnsucht ihrer

erinnern. Die Achtung vor dem großen Festtage schien in ihnen ein

gewisses Pflichtgefühl zu erwecken: nur sehr wenige waren müßig, alle

waren ernst und scheinbar sehr beschäftigt, obgleich viele überhaupt

nichts zu tun hatten. Doch sowohl die Müßigen als die Geschäftigen waren

bemüht, eine gewisse Würde zu bewahren ... Das Lachen schien förmlich

verboten zu sein. Überhaupt grenzte die Stimmung geradezu an kleinliche

und reizbare Unduldsamkeit, und wer diese allgemeine Stimmung störte,

wenn es auch ganz unbeabsichtigt geschah, der wurde barsch zur Ruhe

verwiesen und man ärgerte sich über ihn, als hätte er den Feiertag

selbst nicht geachtet. Diese Stimmung der Arrestanten war wirklich

auffallend und rührend. Außer der angeborenen Hochachtung vor dem großen

Tage, empfand der Ausgestoßene unbewußt, daß er durch diese Hochhaltung

des Festes gewissermaßen mit der ganzen Welt dort draußen in Berührung

kam, daß er folglich nicht ein gänzlich Ausgestoßener, Verlorener war,

ein abgeschnittenes und fortgeworfenes Stück Leben; er sagte sich, daß

auch im Ostrogg dasselbe gilt, was draußen bei den Menschen gefeiert

wird. So fühlten sie alle; das sah und verstand man sofort.

Sämtliche Werke 18 · 第 15 / 35 段