Selbst Verbrecher, die auf unbestimmte Zeit verschickt sind, selbst die

rechnen noch darauf, daß plötzlich, sagen wir, aus Piter (Petersburg)

ein Befehl kommt: „so und so, nach Nertschinsk in die Erzgruben

überzuführen und eine Frist zu bestimmen.“ Was fehlte ihnen dann! Nach

Nertschinsk dauert der Marsch etwa ein halbes Jahr und mit einem ganzen

Trupp zu marschieren ist doch im Vergleich zum Ostrogg tausendmal

besser! Und dann in Nertschinsk die festgesetzte Strafzeit zu beenden,

um dann ...

Und so hofft ja noch manch einer mit weißem Haar!

In Tobolsk habe ich an die Wand angeschmiedete Verbrecher gesehen. Die

Ketten eines solchen sind etwa zwei Meter lang; und dort hat er auch

seine Pritsche. Angeschmiedet hat man ihn für irgend ein ganz unerhörtes

Verbrechen, das er bereits in Sibirien begangen hat. Und so sitzt er nun

fünf Jahre, sitzt sogar zehn Jahre an der Kette. Größtenteils sind es

ehemalige Räuber. Nur ein einziger schien unter denen, die ich sah,

besserer Herkunft zu sein: er war, glaube ich, einmal irgendwo ein

kleiner Beamter gewesen. Er sprach äußerst sanft, fast flüsternd, und

mit einem süßlichen Lächeln. Er zeigte uns seine Ketten und zeigte, wie

man sich am bequemsten auf die Pritsche hinlegen konnte. Er war in

seiner Art sicherlich ein ganz besonderer Vogel. Alle verhalten sie sich

dort völlig friedlich und alle scheinen sie ganz zufrieden zu sein,

trotzdem will aber ein jeder von ihnen ungeheuer gern recht bald seine

Zeit an der Wand abgesessen haben. Wozu nur, sollte man meinen? – Wozu?

Sehr einfach: er wird dann aus dem dumpfen, muffigen Raum mit den

niedrigen Backsteingewölben hinausgehen und auf dem Ostrogghof spazieren

und ... und das ist alles. Aus dem Ostrogg wird man ihn nie

hinauslassen. Er weiß es selbst sehr gut, daß die von der Wandkette

Befreiten ewig im Ostrogg bleiben müssen, bis zu ihrem Tode, und auch

die Fußketten werden ihnen nicht früher abgenommen. Er weiß alles ganz

genau und dennoch will er recht, recht bald seine Zeit an der Wand

abgesessen haben. Könnte er es denn ohne diesen Wunsch fünf oder sechs

Jahre so angeschmiedet aushalten und nicht sterben und nicht den

Verstand verlieren? Wer würde das sonst fertigbringen?

Ich fühlte, daß die Arbeit mich retten, meine Gesundheit, meinen Körper

stärken würde. Die fortwährende geistige Unruhe, die nervöse

Erschütterung die schlechte Luft in der Kaserne hätten mich gänzlich

vernichten können. „Ich muß soviel als möglich in der frischen Luft

sein, muß mich jeden Tag müde arbeiten, muß mich gewöhnen, Lasten zu

tragen – nur so werde ich mich stärken können und gesund, rüstig, stark

und nicht alt geworden in die Freiheit zurückkehren.“ Ich habe mich

nicht getäuscht: die Arbeit und die Bewegung in der frischen Luft waren

mir sehr zuträglich.

Mit wahrem Entsetzen blickte ich auf einen meiner Kameraden von den

Adligen, der im Ostrogg wie ein Licht erlosch. Er war mit mir zusammen

hingekommen, ein junger, hübscher, kräftiger Junge, und als er ihn

wieder verließ, da war er schon halbtot, ergraut, so gut wie ohne Füße

und kurzatmig. Nein, dachte ich bei seinem Anblick, ich will leben und

ich werde leben! Dafür aber hatte ich vieles von den Arrestanten

hinzunehmen, die mich für meine Liebe zur Arbeit mit Verachtung und

Spott bedachten. Doch ich machte mir nichts daraus und begab mich immer

frisch drauf los zu jeder Arbeit, und wenn es auch nur das Brennen und

Stoßen von Alabaster war – eine der ersten Arbeiten, die ich kennen

lernte. Übrigens war das die leichteste. Das Ingenieurkommando war nach

Möglichkeit bemüht, den Adligen die Arbeit zu erleichtern, was jedoch

durchaus nicht Nachsicht, sondern nur Gerechtigkeit war. Wäre es doch

sonderbar gewesen, von einem Menschen, der physisch nie gearbeitet hat,

dieselbe Arbeit zu verlangen, wie von einem dreimal so starken richtigen

Arbeiter. Doch diese Nachsicht oder „Verwöhnung“ wurde nicht immer

durchgeführt, ja es geschah gewöhnlich sogar etwas verstohlen, denn es

wurde darauf streng aufgepaßt – von anderer Seite. Sehr oft mußten wir

auch schwere Arbeit verrichten und dann hatten wir es natürlich doppelt

so schwer, wie die anderen. Zur Alabasterarbeit wurden gewöhnlich nur

drei oder vier bestimmt, Greise oder Schwächlinge, nun, und bisweilen

auch wir. Außerdem wurde noch mehrere Jahre lang immer ein und derselbe

Sträfling mitgeschickt, ein gewisser Almasoff, ein strenger, brünetter,

hagerer, nicht mehr junger Mensch, der äußerst wenig mitteilsam und sehr

eigensinnig war. Er verachtete uns tief. Übrigens war er sehr wortkarg,

was sich bei ihm sogar so weit ausdehnte, daß er selbst zum Anknurren zu

faul war.

Der Schuppen, in dem der Alabaster gebrannt und gestoßen wurde, befand

sich gleichfalls am öden und steilen Ufer des Flusses. Im Winter,

namentlich an trüben, dunklen Tagen, war es langweilig, auf den Fluß und

das gegenüberliegende Ufer zu sehen. Es lag etwas Sehnsüchtiges, das

Herz Zerreißendes in dieser wilden und öden Landschaft. Doch war es fast

noch schwerer, wenn auf der unendlichen weißen Schneedecke grell

blendender Sonnenschein lag: dann wäre man am liebsten hinübergeflogen,

dorthin in diese Steppe, die sich jenseits des Flusses wie ein einziges

großes Tuch auf anderthalbtausend Werst gegen Süden hinzog.

Almasoff machte sich gewöhnlich stumm und finster an die Arbeit. Wir

aber schämten uns gewissermaßen, weil wir ihm nicht in der

entsprechenden Weise helfen konnten; er jedoch machte alles allein und

verlangte absichtlich nicht nach unserer Hilfe, gleichsam als wolle er

uns damit unsere ganze Schuld vor ihm zu fühlen geben, auf daß wir über

die eigene Nutzlosigkeit Reue empfänden. Die ganze Arbeit bestand aber

nur darin, daß man den Ofen anheizte, um den Alabaster brennen zu

können, den wiederum wir ihm zuschleppten. Schon am nächsten Tage, wenn

der Alabaster genug gebrannt war, mußte er aus dem Ofen wieder

herausgeschafft werden. Darauf nahm jeder von uns einen schweren Hammer,

stellte seinen besonderen Kasten mit Alabaster vor sich hin und dann

begann das Zerstoßen. Das war eine herrliche Arbeit. Der körnige

Alabaster verwandelte sich schnell in weißes blitzendes Pulver, so

leicht, so schnell zerbröckelte er und ließ er sich feinstoßen. Wir

klopften lustig mit den schweren Hämmern und riefen ein solches Getöse

hervor, daß es eine wahre Freude war. Und wurden wir schließlich auch

müde, so war es uns doch leicht ums Herz: in das Gesicht kam wieder

Farbe und das Blut zirkulierte schneller. Dann sah selbst Almasoff

gnädiger auf uns herab, etwa wie man auf kleine Kinder sieht, wenn sie

eine Beschäftigung gefunden haben. Gnädig rauchte er seine Pfeife,

konnte es aber doch nicht unterlassen, uns anzuknurren, wenn er etwas

sagen mußte. Übrigens verhielt er sich gegen alle so, im Grunde aber war

er, glaube ich, ein guter Mensch.

Eine andere Arbeit, die mir auch noch zugeteilt wurde, war – in der

Werkstatt das Schleifrad zu drehen. Das Rad war groß und schwer. Da

mußte man sich nicht wenig anstrengen, besonders wenn der Drechsler –

einer der Militärhandwerker – etwa Pfosten für Treppengeländer

drechselte, oder große Tischfüße für das Meublement irgend eines

Beamten, das die Regierung diesem freistellte. Zu solchen Tischfüßen war

fast ein ganzer Balken erforderlich. Dann war das Drehen für einen zu

schwer und man bestimmte gewöhnlich zwei dazu, mich und noch einen

Adligen, B. So wurde diese Arbeit mehrere Jahre lang uns zugewiesen,

sobald es nur irgend etwas zu drechseln gab. B. war ein schwacher,

kränklicher Mensch, noch jung, aber brustleidend. Er lebte schon seit

einem ganzen Jahr im Ostrogg und war mit zwei Gefährten hingekommen: der

eine von ihnen, ein Greis, der während der ganzen Zeit seines

Ostrogglebens Tag und Nacht betete – wofür ihn die Arrestanten ungemein

achteten – starb bald nach meiner Ankunft, und der andere, ein noch sehr

junger Mensch, der frisch, gesund, stark und mutig war, hatte unterwegs

den schon nach der ersten Hälfte der Etappe völlig erschöpften B.

getragen, etwa siebenhundert Werst weit, ununterbrochen, bis zum

Ostrogg. Diese Freundschaft hätte man sehen müssen! B. hatte eine

vorzügliche Bildung genossen und hatte einen edlen, großzügigen

Charakter, doch durch die Krankheit war er reizbar und erbittert

geworden. Wir drehten zusammen das Rad und das Drehen war uns beiden

eine gute Beschäftigung, für mich besonders war sie eine vorzügliche

Bewegung nach den ruhigeren Arbeiten.

Auch das Schneeschaufeln bereitete mir viel Vergnügen, ich tat es sehr

gern. Dazu wurden wir gewöhnlich nach großen Schneestürmen

angestellt, die ja im Winter nicht selten sind. Nach so einem

vierundzwanzigstündigen Schneesturme war manches Haus bis zur halben

Fensterhöhe, manches bis zum Dach im Schnee vergraben. Dann, sobald der

Sturm aufgehört hatte und die Sonne wieder schien, wurden wir in großen

Trupps hinausgeschickt, zuweilen sogar der ganze Ostrogg, um die

Schneeberge vor den Staatsgebäuden fortzuschaufeln. Jeder erhielt eine

Schaufel und alle zusammen eine Aufgabe, die nicht selten so groß war,

daß man sich wundernd fragte, wie man damit fertig werden sollte. Aber

siehe da – es ging! Alle machten sich einmütig und flink an die Arbeit.

Der lockere, kaum erst sich lagernde und oben nur ein wenig gefrorene

Schnee ließ sich leicht auf die Schaufel nehmen, und die großen Stücke

oder loseren Haufen flogen in Bogen kreuz und quer durch die Luft und

verwandelten sich noch im Fluge in glitzernden Staub. Es war eine Lust,

die Schaufel in die weiße, im Sonnenschein blendende Masse

hineinzustechen. Bei dieser Arbeit waren die Arrestanten immer lustig

und guter Laune. Die frische Winterluft und die Bewegung erwärmten sie,

und die Munterkeit war ansteckend: Lachen ertönte, Geschrei und Witze.

Man warf sich sogar mit Schneebällen, worüber natürlich die Vernünftigen

und über die allgemeine Heiterkeit Ungehaltenen schon im nächsten

Augenblick zu schreien hatten, und so endete die anfängliche

Fröhlichkeit gewöhnlich mit Schimpf und Streit.

Mit der Zeit fing auch der Kreis meiner Bekannten an, sich zu

vergrößern. Übrigens dachte ich selbst nicht daran, neue Bekanntschaften

zu suchen, ich war immer noch unruhig, niedergeschlagen und mißtrauisch.

Aber die Bekanntschaften ergaben sich ganz von selbst.

Einer der ersten, die mich besuchten, war der Arrestant Petroff. Ich

sage „besuchten“ und will dieses Wort noch absichtlich betonen.

Petroff befand sich in der besonderen Abteilung und lebte in der

entferntesten Kaserne, die ganz im Hintergrunde des Ostrogg lag, somit

konnte es zwischen uns gar keine Berührungspunkte geben, und innerlich

Gemeinsames gab es zwischen uns gleichfalls nicht, das war ganz

ausgeschlossen. Nichtsdestoweniger schien dieser Petroff in der ersten

Zeit es nahezu für seine Pflicht zu erachten, womöglich jeden Tag zu mir

in die Kaserne zu kommen oder mich am Feierabend, wenn ich möglichst

weit von allen anderen hinter den Gebäuden am Zaun entlang spazierte,

aufzusuchen und anzureden. Anfangs war mir das recht unangenehm. Aber er

verstand es so zu machen, daß seine „Besuche“ mir bald zu einer

angenehmen Zerstreuung wurden, obgleich er durchaus nicht ein sehr

mitteilsamer oder gesprächiger Mensch war. Was sein Äußeres anbelangt,

so war er nicht hoch von Wuchs, stark gebaut, gewandt, unruhig, mit

einem ziemlich sympathischen Gesicht, etwas bleich, mit breiten

Backenknochen, dreistem Blick und weißen, dichten, schmalen Zähnen. Ewig

hatte er eine Prise Kautabak hinter der Unterlippe. Übrigens hatten

ziemlich viele Arrestanten es sich zur Angewohnheit gemacht, Tabak in

den Mund zu nehmen. Er sah jünger aus, als er war: man hielt ihn für

dreißig, während er schon vierzig zählte. Wenn er mit mir sprach, so tat

er es immer ganz ungezwungen, benahm sich wie ein völlig

Gleichstehender, das heißt soviel wie äußerst anständig und taktvoll.

Bemerkte er zum Beispiel, daß ich die Einsamkeit suchte, so sprach er

nur ein paar Worte mit mir und verließ mich sofort, nachdem er mir

jedesmal für die Aufmerksamkeit gedankt hatte, was er sonst niemals und

mit keinem einzigen in der ganzen Kátorga tat. Auch war noch eines

sonderbar, – daß diese Beziehungen zwischen uns nicht etwa nur in der

ersten Zeit, sondern mehrere Jahre lang fortdauerten, ohne daß wir uns

dabei merklich nähergetreten wären, obschon er mir tatsächlich und

aufrichtig zugetan war. Selbst jetzt vermag ich es mir noch nicht zu

erklären, was er eigentlich von mir wollte, und weswegen er jeden Tag zu

mir kam. Zwar kam es späterhin auch vor, daß er mich bestahl, doch

geschah es von ihm immer – gleichsam „aus Versehen“. Um Geld bat er mich

fast nie, folglich ist er nicht des Geldes wegen oder aus sonst einer

Berechnung gekommen.

Desgleichen vermag ich nicht zu sagen, aus welchem Grunde es mir

fortwährend schien, daß er gar nicht im Ostrogg lebte, sondern irgendwo

ganz weit von uns in einem anderen Hause, in der Stadt vielleicht, und

den Ostrogg nur im Vorübergehen besuchte, etwa um Neuigkeiten zu

erfahren, mit mir ein paar Worte zu wechseln, und so ein wenig zu sehen,

wie wir alle es eigentlich machten. Er schien es immer eilig zu haben,

ganz als hätte er jemand nur auf einen Augenblick verlassen und werde

von ihm erwartet, als wäre er irgendwo mit irgend etwas noch nicht

fertig geworden und müsse hineilen, um es zu beenden. Dabei aber schien

er sich wiederum doch nicht gar zu sehr zu beeilen. Auch sein Blick war

eigentümlich: aufmerksam, unbeweglich, mit einem Schimmer von

Dreistigkeit und etwas Spott, doch blickte er dabei, wie es schien,

gleichsam in die Ferne, gleichsam durch den Gegenstand hindurch: als

bemühte er sich, hinter dem Gegenstande, der vor ihm stand, noch einen

anderen, weiter gelegenen zu betrachten. Das verlieh ihm ein zerstreutes

Aussehen. Zuweilen gab ich absichtlich acht darauf, wohin Petroff ging,

wenn er mich verließ, und wo er denn eigentlich so erwartet wurde. Er

aber begab sich von mir eilig in irgend eine Kaserne oder in eine Küche,

setzte sich dort neben ein paar anderen hin, die sich unterhielten,

hörte ihnen aufmerksam zu, trat mitunter sogar selbst in ein Gespräch,

sprach sogar sehr eifrig, bis er dann plötzlich wieder abbrach und

verstummte. Doch ob er sprach oder ob er stillschweigend saß, man sah es

ihm immer an, daß er es nur so im Vorübergehen tat und dort irgendwo

etwas zu tun hatte und erwartet wurde. Am sonderbarsten war aber dabei,

daß er überhaupt keine Beschäftigung hatte, er lebte in vollständigem

Müßiggang – natürlich abgesehen von der Zwangsarbeit. Ein Handwerk

verstand er nicht und auch Geld besaß er fast nie. Doch machte er sich

um das Geld auch nicht viel Sorgen.

Worüber er mit mir sprach?

Die Gespräche, die er mit mir anknüpfte, waren ebenso seltsam wie er

selbst. Sah er, zum Beispiel, daß ich allein hinter den Kasernen war, so

wandte er sich plötzlich hastig zu mir um. Er ging stets schnell und

machte brüske Wendungen. Kam er auch im Schritt auf einen zu, so schien

es doch, als ob er liefe.

„Guten Tag.“

„Guten Tag.“

„Störe ich Sie nicht?“

„Nein.“

„Ich wollte Sie etwas über Napoleon fragen. Er ist doch ein Verwandter

von dem, der im Jahre zwölf in Rußland war?“

Petroff war Kantonist gewesen und hatte Lesen und Schreiben gelernt.

„Ja, er ist sein Neffe.“

„Was ist er denn da für ein Präsident?“

Er fragte immer sehr schnell und kurz, als müsse er möglichst bald das

Gewünschte erfahren, als müsse er sich in einer sehr wichtigen Sache,

die nicht den geringsten Aufschub duldet, eines besonderen Umstandes

vergewissern.

Ich erklärte es ihm, was für ein Präsident Napoleon war, und fügte noch

hinzu, daß er vielleicht bald Kaiser werden würde.

„Wie denn das?“

Ich erklärte ihm auch dies, so gut ich konnte. Petroff hörte aufmerksam

zu, begriff es vollkommen und begriff schnell, und hielt beim Zuhören

wie gewöhnlich das Ohr zu mir geneigt.

„Hm ... Ich wollte Sie, Alexander Petrowitsch, fragen, – ist es wahr,

daß es solche Affen gibt, deren Hände, wie man sagt, bis zu den Fersen

reichen und die so groß sind wie der größte Mensch?“

„Ja, es gibt solche.“

„Was sind denn das für welche?“

Ich beantwortete ihm, so gut ich konnte, auch diese Frage.

„Und wo leben sie denn?“

„In den heißen Ländern. Auf der Insel Sumatra zum Beispiel.“

„Das ist doch in Amerika, nicht wahr? Aber wie ist das, man sagt, dort

sollen die Menschen mit dem Kopf nach unten umhergehen?“

„Nicht mit dem Kopf nach unten ... Sie meinen die Antipoden.“

Ich erklärte ihm, was Amerika ist, wo es liegt und nach Möglichkeit

auch, was man unter Antipoden versteht. Er hörte wieder ungewöhnlich

aufmerksam zu, ganz als wäre er einzig wegen der Antipoden gekommen.

„Ah so! Aber da hab ich im vergangenen Jahr von der Gräfin Lavallière

gelesen, von dem Adjutanten Andrejeff hatte ich das Buch mitgebracht.

Ist das nun alles wahr, oder nur so – ausgedacht? Von Dumas

geschrieben.“

„Selbstverständlich erdacht.“

„Nun, Adieu. Besten Dank.“

Und Petroff verschwand.

Wir haben tatsächlich nie anders gesprochen, als in dieser Weise.

Ich versuchte Erkundigungen über ihn einzuziehen. Als ich M. von meiner

neuen Bekanntschaft Mitteilung machte, warnte er mich. Er sagte mir,

viele Arrestanten hätten in ihm Furcht erweckt, besonders in den ersten

Tagen nach seiner Ankunft im Ostrogg, doch kein einziger von ihnen,

nicht einmal Gasin, habe einen so entsetzlichen Eindruck auf ihn

gemacht, wie dieser Petroff.

„Er ist der Entschlossenste, der Furchtloseste von ihnen allen,“ sagte

M. „Er ist zu allem fähig; er wird vor nichts zurückschrecken, wenn er

sich einmal etwas in den Kopf setzt. Er würde auch Sie ermorden, wenn es

ihm einmal einfallen sollte, ohne jede Ursache, ganz einfach, weil er

eben ermorden will, und er wird dabei weder mit der Wimper zucken noch

nachträglich irgend welche Reue darüber empfinden. Ich glaube sogar, daß

er nicht bei vollem Verstande ist.“

Diese Auskunft erweckte noch lebhafter mein Interesse. Doch M. wußte

selbst nicht zu sagen, warum es ihm so schien. Und sonderbar: noch

mehrere Jahre sprach ich mit Petroff fast täglich, und die ganze Zeit

war er mir aufrichtig zugetan – obgleich ich entschieden nicht weiß, aus

welchem Grunde er es war – und während all dieser Jahre, in denen er

übrigens vernünftig und ruhig im Ostrogg lebte und so gut wie nichts

Schlechtes beging, überzeugte ich mich doch jedesmal, wenn ich ihn ansah

oder mit ihm sprach, daß M. recht hatte und Petroff vielleicht wirklich

der entschlossenste und furchtloseste Mensch war, der keine einzige

Schranke über sich kannte. Doch warum es mir so schien – darüber vermag

ich gleichfalls nicht Rechenschaft zu geben.

Sämtliche Werke 18 · 第 12 / 35 段