ausgeschimpft und mich noch von hinten getreten. Hatte sich gar zu
gewaltig geärgert. – Ach, gelogen hat mein Leben, das hat es, das
verfluchte!
Da kehrte schon nach kleiner Weile
Ak–kulinas Mann nach Haus ...,“
sang er plötzlich wieder schmetternd und begann von neuem einen
Tanzschritt im Viervierteltakt.
„Sieh einer, solch ’n blödsinniger Mensch!“ knurrte der neben mir
gehende Kleinrusse, der ihn mit boshafter Verachtung von der Seite
ansah.
„Ein unnützer Mensch!“ bemerkte ein anderer in einem so ernsten Ton, daß
jeder Widerspruch ausgeschlossen war.
Mir war es unbegreiflich, aus welchem Grunde sie sich über diesen
Skuratoff ärgerten, und überhaupt warum alle heiteren Charaktere, wie
ich schon in den ersten Tagen bemerkt hatte, gewissermaßen verachtet
wurden. Den Ärger des Kleinrussen und der anderen schrieb ich
persönlicher Abneigung zu, doch das war nicht der Grund. Sie haßten und
verachteten ihn, weil er keine Ausdauer hatte, keine äußerlich zur Schau
getragene persönliche Würde besaß, mit der der ganze Ostrogg bis zur
Pedanterie geladen war, – mit einem Wort, weil er, nach ihrem Ausdruck,
ein „nutzloser“ Mensch war. Indessen wurden nicht alle Spaßvögel so
behandelt wie Skuratoff und seinesgleichen. Es kam dabei nur darauf an,
wie ein jeder mit sich umspringen ließ: ein gutmütiger Mensch wurde,
auch ohne Spaßvogel zu sein, von den anderen erniedrigt. Das wunderte
mich anfangs nicht wenig. Es gab aber auch andere Spaßvögel, die
niemandem etwas schuldig blieben: solche wurden unwillkürlich geachtet.
Einer von dieser Sorte befand sich auch unter uns, ein Haariger, wie man
ihn nannte, der aber im Grunde genommen ein heiterer und sehr netter
Mensch war, obwohl ich ihn von dieser Seite erst viel später kennen
lernen sollte, ein hübschgewachsener Bursche mit einer großen Warze auf
der Wange und einem äußerst komischen Gesichtsausdruck, sonst aber nett
und aufgeweckt! Er wurde auch der Pionier genannt, weil er früher einmal
als Pionier gedient hatte; im Ostrogg jedoch war er in der besonderen
Abteilung. Auch von ihm werde ich noch zu berichten haben.
Übrigens waren nicht alle „Ernsten“ so streng, wie der über jede
Heiterkeit unwillige Kleinrusse. Es gab in der Kátorga gewisse Leute,
die es auf den Vorrang in jeder Beziehung abgesehen hatten: sie wollten
in allem die ersten sein, im Wissen, in der Findigkeit, im Charakter, in
der Klugheit ... Viele von ihnen waren auch tatsächlich klug, hatten
Charakter und erreichten, was sie erstrebten: Vorrang und sittlichen
Einfluß auf ihre Umgebung. Unter sich waren diese Klugen nicht selten
die größten Feinde und ein jeder von ihnen wurde von den anderen
beneidet und gehaßt. Zu den übrigen Sträflingen verhielten sie sich
würdig und herablassend, ließen sich nie in einen nutzlosen Streit ein,
mit den Vorgesetzten standen sie sich gut, bei der Arbeit waren sie
gewissermaßen die Anordner, doch keiner von ihnen hätte zum Beispiel
wegen eines Liedes so viel Aufhebens gemacht. Mit solchen Kleinigkeiten
befaßten sie sich nicht, so etwas hätte sie erniedrigt. Gegen mich waren
diese Leute während der ganzen Zeit meines Ostrogglebens auffallend
höflich, nur waren sie nicht sehr gesprächig – gewissermaßen als
verbiete es ihnen ihre persönliche Würde, zu sprechen. Auch von ihnen
werde ich noch ausführlicher erzählen müssen.
Wir kamen ans Ufer des Irtysch. Unten, auf dem Fluß, lag im Eise die
alte Barke, die wir abbrechen sollten. Jenseits des Flusses lag wie in
bläulichem Licht die Steppe: sie sah unheimlich und öde aus. Ich
erwartete, daß alle sich sofort an die Arbeit machen würden, aber daran
schien niemand zu denken. Einige setzten sich am Ufer auf verstreut
liegende Balken und fast alle zogen aus dem Stiefelschaft einen
Tabaksbeutel hervor, der einheimischen, d. h. sibirischen Tabak
enthielt, den man auf dem Markt in Blättern zu drei Kopeken das Pfund
kaufen konnte, sowie kurze Pfeifenrohre und kleine selbstgeschnitzte
Holzpfeifen. Die Pfeifen wurden angeraucht, während die Soldaten die
Kette um uns bildeten und sich mit dem gelangweiltsten Gesichtsausdruck
uns zu bewachen anschickten.
„Wer nur darauf gekommen sein mag, diese Barke abbrechen zu lassen?“
fragte einer halblaut so vor sich hin, ohne sich an jemanden zu wenden.
„Der muß wohl Späne brauchen.“
„Wer uns nicht fürchtet, der ist darauf gekommen,“ bemerkte ein anderer.
„Wo mag dort dieses Bauernpack hinwollen?“ fragte nach kurzem Schweigen
wieder der erste, der die Antwort auf seine vorhergehende Frage
selbstverständlich nicht beachtet hatte, und wies auf eine ganze Reihe
Bauern, die in der Ferne im Gänsemarsch durch den Schnee stampfte.
Die Sträflinge wandten sich auch nach jener Seite und begannen aus
Langeweile über die Bauern zu spotten. Einer der Bauern, der letzte,
ging ganz absonderlich komisch, die Arme schlenkerten weit ab vom
Körper, und auf dem Kopf, der fast zur Seite hing, saß eine hohe
Bauernmütze von der Form eines abgestumpften Kegels. Seine ganze Gestalt
hob sich deutlich vom weißen Schnee ab.
„Sieh mal an, Gevatter Petrowitsch, wie du dich aber eingemummt hast!“
sagte einer, der die Bauern mit dem Ausdruck Gevatter verspotten wollte.
Es war sogar sehr auffallend, daß die Arrestanten im allgemeinen von
oben herab auf den Bauern sahen, während doch die Hälfte von ihnen
gleichfalls aus dem Bauernstande war.
„Seht doch den letzten, Kinder, der geht ja, als wenn er Rettich
pflanzte.“
„Das ist ein harter Schädel, der hat sicherlich viel Geld,“ meinte ein
anderer.
Alle lachten, doch selbst in ihrem Lachen lag eine gewisse Faulheit.
Da kam eine Kalatschenverkäuferin, ein munteres und rüstiges Weiblein,
zu uns. Von ihr wurden für die geschenkten fünf Kopeken Kalatschen
gekauft und sogleich gewissenhaft verteilt; ein jeder erhielt sein
Stück.
Der junge Bursche, der im Ostrogg mit den Kalatschen handelte, kaufte
von ihr an zwanzig Stück, begann aber dann eifrig zu streiten, um drei,
statt der üblichen zwei Kalatschen auf den Kauf zu erhalten, aber die
Händlerin gab nicht nach.
„Nun, aber das andere – gibst du nicht?“
„Was denn noch?“
„Na das, was die Mäuse nicht fressen.“
„Ach, daß du selbst gefressen wirst!“ kreischte das Weiblein und ging
lachend fort.
Endlich erschien auch der Arbeitsaufseher, ein Unteroffizier, mit einem
Stock.
„Heda, ihr, was sitzt ihr! An die Arbeit!“
„Was, Iwan Matwejitsch, gebt uns doch eine Aufgabe,“ sagte einer der
„ersten“, indem er sich langsam erhob.
„Warum habt ihr denn neulich nicht gefragt? Schleppt die Barke
auseinander, da habt ihr eine Aufgabe.“
Man erhob sich langsam und ging zum Fluß hinunter, – kaum die Füße vom
Fleck bewegend.
Es fanden sich auch alsbald „Anordner“, wenigstens waren sie es den
großen Worten nach. Es zeigte sich, daß man die Barke nicht so
blindlings zerhauen durfte, sondern nach Möglichkeit die Balken und
namentlich die Kniehölzer heil herausnehmen mußte. Diese Kniehölzer
waren aber ihrer ganzen Länge nach mittels Holznägeln an den Boden der
Barke befestigt und diese Holznägel galt es jetzt herauszunehmen, – eine
langweilige und mühsame Arbeit.
„Da müssen wir nun ganz zuerst diesen Balken hier abkriegen. Faßt mal
an, Kinderchen!“ sagte einer, der weder „Anordner“ noch sonst ein
„erster“ war, sondern ein gewöhnlicher „Schwarzarbeiter“, ein stilles,
ruhiges Männlein, das bis dahin noch kein Wort gesprochen hatte. Er
beugte sich nieder, erfaßte einen dicken Balken und wartete auf Hilfe.
Es fiel aber keinem einzigen ein, ihm zu helfen.
„Ja, den wirst du gerade loskriegen! Da kannst du auch noch deinen
Urgroßvater, der wohl ein Bär gewesen ist, herbeiholen, so wirst du ihn
auch noch nicht loskriegen!“ brummte jemand durch die Zähne.
„Ja wie denn, wie soll man denn anfangen? Ich weiß nicht ...“ sagte der
andere etwas ratlos und richtete sich wieder auf.
„Du wirst doch nicht die ganze Arbeit allein machen ... was stopfst du
dich dann vor?“
„Der versteht nicht einmal Hühner zu füttern, hier aber will er der
erste sein ... So’n Zwerg!“
„Ich ... ich wollte nur,“ stotterte der Arme, – „nichts, ich meinte nur
so ...“
„Zum Teufel, soll ich euch, Kerls, in Futterale stecken lassen? oder für
den Winter vielleicht einsalzen?“ schrie wieder der Arbeitsaufseher, der
verwundert die zwanzigköpfige Arbeiterschar betrachtete, die die Arbeit
nicht anzufassen verstand. „Anfangen! Schneller!“
„Schneller als schnell kann man nichts machen, Iwan Matwejitsch.“
„Du machst ja sowieso nichts! He, Ssaweljeff! Petrowitsch! was stehst du
da und glotzt, als wolltest du deine Augen ausspeien! ... Anfangen, sage
ich!“
„Was kann denn ich da machen, ganz allein? ...“
„Gebt uns doch lieber eine Aufgabe, Iwan Matwejitsch.“
„Ich habe gesagt – es gibt keine! Reiß die Barke ab, und um Punkt elf
geht’s zurück. An die Arbeit! Angefangen!“
Träge, unwillig, ungeschickt machte man sich endlich an das Abreißen. Es
war fast unangenehm, diese Schar gesunder, stämmiger Arbeiter zu sehen,
die, wie es schien, absolut nicht wußten, wie sie die Arbeit anfassen
sollten. Kaum hatten sie sich daran gemacht, das erste, kleinste
Knieholz herauszunehmen – da zeigte es sich, daß das Holz zerbrach,
„ganz von selbst“, wie es dem Arbeitsaufseher zur eigenen Rechtfertigung
gemeldet wurde. Folglich konnte man so nicht ans Werk gehen, man mußte
es eben anders versuchen. Es folgte eine lange Beratung, wie es richtig
wäre und was zu tun sei. Selbstverständlich kam es bald zum Wortwechsel,
darauf folgte Geschimpf und die Sache drohte, noch weiterzugehen ... Der
Aufseher schrie sie wieder an und fuchtelte mit seinem Stock; aber auch
das zweite Knieholz brach. Es stellte sich nun heraus, daß zu wenig Äxte
da waren und daß man noch irgend ein besonderes Werkzeug bedurfte.
Sogleich wurden zwei jüngere Burschen mit einer Eskorte in die Festung
zurückgeschickt, um die nötigen Gerätschaften zu bringen, die anderen
aber setzten sich inzwischen seelenruhig auf der Barke hin, zogen ihre
Pfeifen hervor und rauchten schon wieder.
Der Beamte spie schließlich aus.
„Weiß Gott, von euch kann man wahrlich keine Arbeit erwarten! Ich hab’s
ja immer gesagt: Pack bleibt Pack!“ schimpfte er wütend, winkte mit der
Hand ab – zum Zeichen unserer Untauglichkeit – und kehrte, den Stock in
der Luft schwingend, in die Festung zurück.
Nach einer Stunde erschien der Aufseher. Ruhig hörte er die Ausführungen
der Arrestanten an und erklärte darauf ohne zu zögern, daß er als
Aufgabe gäbe, vier Kniehölzer herauszunehmen, aber nicht so, daß sie
brächen, sondern heil, und dann noch einen bedeutenden Teil der Barke
abzubrechen; wenn das aber geschehen wäre, könnten sie alle nach Hause
gehen. Die Aufgabe war groß, aber – Himmel! – wie sie sich jetzt an die
Arbeit machten! Wo war jetzt noch Faulheit oder Unwissenheit zu sehen!
Die Äxte hämmerten, die Holznägel wurden herausgedreht. Die anderen
schoben wiederum dicke Stangen unter die Kniehölzer, zwanzig Hände
stemmten sich auf die Stangen und meisterhaft gewandt wurden die
Kniehölzer herausgebrochen, die jetzt zu meiner Verwunderung sämtlich
heil blieben und unversehrt. Die Arbeit kochte geradezu. Alle waren
plötzlich auffallend klüger geworden. Weder gab es überflüssige Worte,
noch einen Streit, ein jeder wußte, was er zu sagen, zu tun, wo er zu
helfen und was er zu raten hatte.
Genau eine halbe Stunde vor dem Trommelzeichen war die vorgeschriebene
Arbeit beendet und die Arrestanten kehrten müde, doch vollkommen
zufrieden in den Ostrogg zurück, obgleich sie doch nur eine halbe Stunde
gewonnen hatten. In Bezug auf mich aber war mir etwas Eigentümliches
aufgefallen: wo und wie immer ich ihnen bei der Arbeit auch helfen
wollte, überall war ich nicht am Platz, überall störte ich, überall
wurde ich beinahe mit Geschimpf fortgeschickt.
Selbst der letzte von ihnen, der schlechteste Arbeiter, der vor den
anderen nicht mucken durfte, selbst der glaubte sich im Rechte, mich
anschreien zu dürfen, wenn ich mich neben ihn stellte, unter dem
Vorwand, ich hindere ihn bei der Arbeit.
Das sagte mir einer der Gewandten ganz offen und grob ins Gesicht:
„Wohin stopfen Sie sich wieder vor, gehn Sie zum Teufel! Wo man nicht
gebraucht wird, dorthin soll man auch nicht seine Nase stecken.“
„Der ist der richtige!“ bemerkte sofort ein anderer.
„Nimm lieber eine Blechbüchse,“ sagte ein dritter, „und ‚sammle Geld zum
Kirchenbau und der Branntweinschenken Niederhau‘, hier aber hast du
nichts zu suchen.“
So hätte ich also abseits stehen und zusehen müssen, während die anderen
arbeiteten. Zuzusehen aber schämt man sich unwillkürlich. Als ich aber
tatsächlich fortging und mich an das andere Ende der Barke stellte, da
war es ihnen wieder nicht recht:
„Schöne Arbeiter schickt man uns her!“ hieß es sofort. „Was fängt man
mit solchen Leutchen an!“
„Nichts fängt man mit ihnen an!“
Das wurde natürlich absichtlich gesagt, denn man mußte doch die
Gelegenheit benutzen, über einen ehemaligen Adligen herziehen zu können
– und man freute sich über die Gelegenheit.
Jetzt wird man auch begreifen, warum meine erste Frage nach dem Eintritt
in den Ostrogg, wie ich schon erwähnte, gerade diese war: wie ich mich
hier verhalten, wie ich mich zu diesen Menschen stellen sollte. Ich
fühlte es schon im voraus, daß ich noch oft solche Zusammenstöße mit
ihnen haben würde, wie an diesem ersten Arbeitstage. Doch ungeachtet
aller Zusammenstöße, entschloß ich mich, meinen Verhaltungsplan nicht zu
ändern, den ich mir inzwischen im großen ganzen schon ausgedacht hatte;
ich wußte, daß er richtig war. Ich hatte eingesehen, daß man sich nach
Möglichkeit natürlich und frei bewegen mußte, ohne sich besonders um
eine Annäherung zu bemühen. Andererseits aber mußte man sie auch nicht
vor den Kopf stoßen, wenn sie von sich aus eine Annäherung wünschten.
Ich beschloß, ihre Drohungen und ihren Haß nicht zu fürchten und nach
Möglichkeit mir den Anschein zu geben, als bemerke ich so etwas
überhaupt nicht. Ferner, in gewissen Dingen sie sich immer fernzuhalten
und niemals einige ihrer Angewohnheiten und Sitten zu billigen oder
gegen sie auch nur nachsichtig zu sein; mit einem Wort – nicht mich
ihnen aufzudrängen und nicht ihre intime Freundschaft zu suchen. Ich
erriet schon auf den ersten Blick, daß sie mich anfangs dafür verachten
würden, mußte ich doch gerade ihrer Meinung nach, wie ich es auch später
aus unzweifelhaften Anzeichen ersah, in erster Linie meine adlige
Herkunft wahren und hochhalten, nämlich: den Verzärtelten spielen, sie
verabscheuen, wichtig tun, bei jedem Schritt zusammenklappen und die
Hände pflegen. Das war ihre Vorstellung von einem Adligen. Sie hätten
mich deswegen natürlich verspottet, innerlich aber doch dafür geachtet.
Nein, eine solche Rolle sagte mir nicht zu. In diesem Sinne, wie sie den
Adel auffaßten, bin ich nie ein Adliger gewesen. Dafür aber gab ich mir
mein Wort, durch keine einzige Konzession weder meine Bildung noch meine
Denkweise vor ihnen zu erniedrigen. Hätte ich angefangen, um ihnen zu
gefallen, mich bei ihnen einzuschmeicheln, in allem ihrer Meinung zu
sein, familiär mit ihnen umzugehen, und ihre „Eigenschaften“ mir
anzueignen – nur um ihre Wohlgeneigtheit zu erwerben – so würden sie
sofort geglaubt haben, ich täte es aus Furcht und Feigheit und sie
hätten mich nur mit Verachtung behandelt. A–ff war kein Beispiel für das
Gegenteil: er ging zum Major und daher fürchteten sie ihn, nicht er sie.
Andererseits wollte ich mich vor ihnen auch nicht hinter kalter und
unnahbarer Höflichkeit verschanzen, wie es die Polen taten.
Ich sah es recht gut ein, daß sie mich verachteten, weil ich ebenso
arbeiten wollte, wie sie, und mich vor ihnen nicht zierte und
verstellte; und wenn ich auch genau wußte, daß sie späterhin gezwungen
sein würden, ihre Meinung über mich zu ändern, so war mir doch der
Gedanke, daß sie glauben mußten, ich wolle mich durch meine
Arbeitswilligkeit bei ihnen einschmeicheln, geradezu eine Pein.
Als ich am Abend nach Beendigung der Nachmittagsarbeit müde und
zerschlagen in den Ostrogg zurückkehrte, überkam mich wieder
unerträgliche Sehnsucht.
„Wieviel Tausende solcher Tage stehen mir noch bevor,“ dachte ich, „alle
ein und dieselben, alle ein und dieselben!“
Als die Dämmerung sich bereits dem Abend näherte, strich ich allein
hinter den Kasernen umher. Da sah ich plötzlich unseren Scharik, wie er
in gestrecktem Galopp auf mich zugerannt kam. Scharik war unser
Ostrogghund, so wie es Kompagnie-, Bataillons- und Regimentshunde gibt.
Er lebte schon seit langer, langer Zeit im Ostrogg, gehörte niemand und
allen, hielt einen jeden für seinen Herrn und nährte sich von dem, was
ihm aus der Küche zugeworfen wurde. Er war ein ziemlich großer Hund,
schwarz mit weißen Flecken, ein echter Hofhund, nicht sehr alt, mit
klugen Augen und buschiger Rute. Niemals hatte jemand das Tier
gestreichelt, niemand auch nur die geringste Beachtung dem Tiere
geschenkt. Schon am ersten Tage hatte ich Scharik gestreichelt und ihm
Brot aus der Hand zu fressen gegeben. Als ich ihn streichelte, hatte er
ganz still gestanden, freundlich mich angesehen und zum Zeichen seines
Wohlbehagens langsam mit der Rute gewedelt. Jetzt aber, nachdem er mich,
den ersten Menschen, dem es während seines ganzen Lebens eingefallen
war, ihn zu streicheln, solange nicht gesehen hatte, war er überall
herumgelaufen, um mich unter den anderen zu suchen – und als er mich nun
hinter den Kasernen gefunden hatte, kam er heulend auf mich zugerannt.
Ich weiß nicht mehr, was mit mir in jenem Augenblick geschah: ich
umfaßte seinen Kopf und küßte ihn. Er setzte seine Vorderpfoten auf
meine Schultern und leckte mir das Gesicht.
„Da habe ich jetzt einen Freund, den mir das Schicksal gesandt hat!“
dachte ich, und jedesmal, wenn ich in dieser ersten schweren Zeit von
der Arbeit zurückkehrte, eilte ich, noch bevor ich in die Küche ging,
hinter die Kasernen, um dort den an mir emporspringenden, vor Freude
heulenden Scharik zu umfassen und immer wieder seinen Kopf zu küssen,
während ein süßes und doch zugleich quälend bitteres Gefühl mein Herz
bedrückte. Und ich entsinne mich noch, es war mir sogar angenehm, zu
denken, gleichsam als wäre ich vor mir selbst auf meine Qual stolz
gewesen, daß mir in der ganzen Welt nur noch ein einziges lebendes Wesen
geblieben war, das mich liebte und mir zugetan war, – mein Freund, mein
einziger Freund, mein treuer Hund Scharik.
VII.
Neue Bekanntschaften. Petroff
Doch die Zeit verging und allmählich lebte ich mich ein. Die
alltäglichen Erscheinungen in meinem neuen Leben nahm ich mit jedem Tage
gleichmütiger hin. Die verschiedenen Ereignisse, die Umgebung, die
Menschen – alles wurde dem Auge schließlich zum Überdruß. Sich mit
diesem Leben auszusöhnen, war unmöglich, doch es als eine vollendete
Tatsache hinzunehmen, war nachgerade Zeit. Alles Nichtverstehenkönnen,
das noch in mir geblieben war, verbarg ich so tief als möglich in meinem
Innersten. Ich strich nicht mehr wie ein Verlorener im Ostrogg umher und
ich bemühte mich, durch nichts meine Qual zu verraten. Die gierig
neugierigen Blicke der Arrestanten blieben nicht mehr so oft auf mir
haften, sie folgten mir nicht mehr mit einer so absichtlich
hervorgekehrten Frechheit. Offenbar hatten auch sie sich an mich
gewöhnt, worüber ich mich aufrichtig freute. Im Ostrogg bewegte ich mich
bald wie im eigenen Hause, kannte meinen Platz auf den Pritschen und
hatte mich allem Anscheine nach selbst an solche Dinge gewöhnt, an die
mich zu gewöhnen ich anfänglich für vollkommen ausgeschlossen gehalten
hatte.
Regelmäßig einmal in der Woche ließ ich die eine Hälfte meines Kopfes
rasieren. Jeden Sonnabend in der Feierabendzeit wurden wir zu dem Zweck
der Reihe nach auf die Wachtstube gerufen. Dort seiften uns die
Regimentsbarbiere mit kaltem Seifenschaum ein und kratzten uns
erbarmungslos mit ihren Rasiermessern, die noch viel stumpfer als stumpf
waren, so daß es mir auch jetzt noch bei dem bloßen Gedanken an diese
Folter kalt über den Rücken läuft. Wer sich nicht rasieren ließ, trug
selbst die Verantwortung. Übrigens fand sich bald ein zweckmäßiges
Mittel gegen diese Qual: Akim Akimytsch empfahl mir einen Arrestanten,
einen ehemaligen Soldaten, der für eine Kopeke mit seinem eigenen
Rasiermesser barbierte und daraus ein Handwerk machte. Viele gingen zu
ihm, um nicht den Regimentsbarbieren in die Hände zu kommen, und doch
war das Volk sonst nicht verwöhnt.
Unser Arrestantenbarbier wurde „Major“ genannt, – warum, weiß ich nicht,
und was gerade an ihm dem Major gleichen sollte, weiß ich gleichfalls
nicht zu sagen. Ich erinnere mich seiner noch lebhaft: groß und lang war
er, hager, schweigsam, ziemlich dumm, ewig in seine Beschäftigung
vertieft und ewig mit dem Riemen in der Hand, auf dem er womöglich Tag
und Nacht sein ohnehin schon haarscharfes Rasiermesser strich. Wie es
schien, ging er in seiner Tätigkeit ganz und gar auf, die er offenbar
für seine ganze Lebensaufgabe hielt. Er war unsagbar zufrieden, wenn
sein Messer gut war und jemand zu ihm kam, um sich barbieren zu lassen:
sein Seifenschaum war warm, seine Hand geschickt, sein Messer wie
Sammet. Er fand wirklich Genuß an seiner Kunst und war stolz auf sein
Können. Nachlässig nahm er die verdiente Kopeke in Empfang, ganz als
hätte es sich für ihn in der Tat nur um die Kunst und nicht um das Geld
gehandelt.
A–ff war es einmal unsäglich schlecht ergangen bei unserem Platzmajor,
als er beim üblichen Hinterbringen aller Vorgänge im Ostrogg auch auf
diesen Barbier zu sprechen gekommen war und unvorsichtigerweise ihn
„Major“ genannt hatte. Der Platzmajor soll geradezu wild geworden sein.
„Schurke, du! Weißt du auch, was ein Major ist!“ soll er mit Geifer vor
dem Munde geschrieen und ihn auf seine Weise bearbeitet haben.
„Begreifst du überhaupt, was dieses Wort bedeutet! Und da wagst du,
Kerl, so ein Arrestantenvieh Major zu nennen, und noch dazu mir ins
Gesicht, in meiner Gegenwart!“
Nur ein A–ff konnte es fertigbringen, mit einem solchen Menschen
auszukommen.
Schon seit dem ersten Tage im Ostrogg begann ich, von meiner späteren
Freiheit zu träumen. Die Berechnung, wann meine Strafzeit zu Ende sein
würde, wurde in tausend verschiedenen Arten und mit ebensoviel
praktischen Bezugnahmen meine liebste Beschäftigung. An anderes konnte
ich überhaupt nicht denken, und ich bin überzeugt, daß es einem jeden so
ergeht, der für eine Zeitlang der Freiheit beraubt ist. Ich weiß nicht,
ob die anderen Zwangsarbeiter ebenso rechneten und dachten wie ich,
jedenfalls aber machte mich ihr wundernehmender Leichtsinn in dieser
Beziehung nicht wenig stutzig, und zwar schon vom ersten Augenblick an.
Die Hoffnung eines Eingekerkerten, der Freiheit Beraubten ist naturgemäß
von ganz anderer Art, als die eines frei und werktätig lebenden
Menschen. Der freie Mensch hofft natürlich gleichfalls – zum Beispiel,
auf eine Schicksalsveränderung, auf das Gelingen irgend eines
Unternehmens –, aber er lebt doch dabei ein lebendiges Leben, er ist
beschäftigt, das wirkliche Leben zieht ihn immer wieder in seinen
Strudel hinein. Der Gefangene dagegen kennt so etwas nicht. Gewiß lebt
auch er ein Leben – ein Ostrogg-, ein Zwangsarbeiterleben; aber wer er
auch sein mag, und gleichviel, ob er zu einer langen oder kurzen
Strafzeit verurteilt ist, er wird dieses Leben instinktiv und ganz
entschieden nicht für etwas Positives, Endgültiges nehmen können, für
einen Abschnitt seines wirklichen Lebens. Ein jeder Zwangsarbeiter
fühlt, daß er nicht „_bei sich zu Hause_“ ist, sondern gleichsam auf
Besuch. Auf zwanzig Jahre sieht er wie auf zwei Jahre und ist dabei fest
überzeugt, daß er mit fünfundfünfzig Jahren, bei seinem Austritt aus dem
Ostrogg, ein ebenso kräftiger, gewandter Mann sein wird, wie jetzt mit
fünfunddreißig.
„Werden schon noch mal leben!“ denkt er und verscheucht eigensinnig alle
Zweifel und anderen lästigen Gedanken.