Platzmajor hatte erstechen wollen, als er bestraft werden sollte: jener
wurde nur „durch ein Wunder“, wie die Arrestanten sagten, gerettet, da
er gerade noch vor dem kritischen Augenblick davongefahren war. Früher
einmal, noch vor der Kátorga, hatte ihn sein Oberst beim Exerzieren
geschlagen. Wahrscheinlich war er auch vorher schon geschlagen worden,
doch diesmal wollte er es sich nicht wieder gefallen lassen und erstach
seinen Oberst mit dem Bajonett, erstach ihn vor der Front, ganz offen,
mitten am Tage. Übrigens kenne ich seine ganze Geschichte nicht so
genau; er hat sie mir niemals erzählt. Doch das waren natürlich nur
kurze Ausbrüche, in denen sich plötzlich seine ganze Natur restlos
offenbarte, und diese Ausbrüche waren immerhin sehr selten. Er war sonst
wirklich ein verständiger und sogar friedsamer Mensch. Gewiß waren
Leidenschaften in ihm, und sogar mächtige, brennende; aber die glühenden
Kohlen waren beständig mit Asche bedeckt und glommen unsichtbar. Niemals
habe ich auch nur einen Schatten von Prahlerei oder Eitelkeit an ihm
wahrgenommen, wie bei den anderen. Selten nur stritt er, doch war er
auch mit niemandem besonders befreundet, allenfalls noch mit Ssirotkin,
aber auch das nur dann, wenn er seiner bedurfte. Übrigens einmal habe
ich ihn doch ernstlich erzürnt gesehen. Man wollte ihm irgend etwas
nicht geben, irgend einen Gegenstand, ich glaube, man hatte ihn
übervorteilt. Sein Gegner war einer der stärksten Arrestanten, ein
großer, händelsüchtiger Spötter und längst kein Feigling, Wassilij
Antonoff mit Namen, ein ehemaliger Kleinbürger. Sie hatten schon längere
Zeit gestritten und ich fürchtete, daß die Sache kaum mit gewöhnlichen
Faustschlägen erledigt werden würde, denn wenn Petroff auch selten
stritt und prügelte, so tat er es doch, wenn er es einmal tat, nicht wie
die anderen Arrestanten. Diesmal aber kam es anders: Petroff erbleichte
plötzlich, seine Lippen erbebten und wurden blau – er atmete schwer.
Dann erhob er sich von seinem Platz und näherte sich langsam, ganz
langsam, unhörbar mit seinen bloßen Füßen – im Sommer ging er mit
Vorliebe barfuß – seinem Widersacher. In der ganzen geräuschvollen
Kaserne wurde es still, alles verstummte; selbst das Summen einer Mücke
hätte man gehört. Alle warteten darauf, was jetzt geschehen würde. Da
sprang Antonoff von seinem Platz auf, sein Gesicht war nicht
wiederzuerkennen ... Ich hielt es nicht aus und verließ die Kaserne. Ich
glaubte, ich würde kaum über die Schwelle getreten sein ... und der
letzte Schrei eines ermordeten Menschen müßte mich erreichen. Doch es
kam nicht dazu: Antonoff hatte, noch bevor Petroff an ihn herangekommen
war, plötzlich wortlos den Gegenstand ihm zugeworfen. Es handelte sich
um ein erbärmliches Stück Zeug, um irgendwelche Fußlappen, wenn ich mich
recht entsinne. Natürlich mußte Antonoff ihn jetzt noch etwas
ausschimpfen, was er hauptsächlich zur Erleichterung seines Herzens und
des Anstandes halber tat, damit die anderen nicht etwa glauben sollten,
er habe Angst vor ihm gehabt. Doch Petroff schenkte dem Geschimpfe
überhaupt keine Beachtung, ja er antwortete jenem nicht einmal: ihm war
es nicht um das Schimpfen zu tun und außerdem war er ja der gewinnende
Teil. Er war sehr zufrieden und nahm seine alten Lumpen wieder an sich.
Nach einer Viertelstunde strich er schon wie gewöhnlich im Ostrogg
umher, mit dem Ausdruck völliger Beschäftigungslosigkeit, und als warte
er, ob nicht irgendwo von etwas Interessanterem gesprochen wurde, um
dann auch seine Nase hineinzustecken und zuzuhören. Ihn interessierte,
wie es schien, alles, doch weiß ich nicht, wie es kam, daß ihn alles im
Grunde gleichgültig ließ und er sich nur so umhertrieb, bald hierhin,
bald dorthin. Man hätte ihn mit einem Arbeiter vergleichen können, mit
einem guten Arbeiter, dem man aber vorläufig keine Arbeit gibt: und da
sitzt er denn in Erwartung derselben und spielt mit kleinen Kindern.
Auch begriff ich nicht, weshalb er im Ostrogg blieb und nicht entfloh?
Er hätte keinen Augenblick gezögert, zu entfliehen, sobald er es nur
wirklich gewollt hätte. Solche Menschen, wie Petroff, werden nur solange
von der Vernunft regiert, bis sie plötzlich irgend etwas wollen. Dann
aber kann sie nichts in der Welt mehr aufhalten. Und ich bin überzeugt,
daß er, geschickt und schlau wie er war, zu entfliehen verstanden hätte,
und daß es ihm nichts ausgemacht haben würde, eine ganze Woche ohne Brot
im Walde oder am Flußufer im Schilf zu verbringen. Augenscheinlich war
er jedoch überhaupt noch nicht auf diesen Gedanken gekommen und konnte
daher auch nicht so etwas wollen. Eine große Urteilskraft oder ein
besonderer Menschenverstand ist mir niemals an ihm aufgefallen. Diese
Menschen werden gleichsam mit einer einzigen Idee geboren, die sie ihr
ganzes Leben lang bald hierhin, bald dorthin bewegt, und so treiben sie
sich ihr ganzes Leben lang umher, bis sie eine Tätigkeit finden, die
ihnen vollständig zusagt; dann aber ist es ihnen auch um die Erhaltung
ihres Kopfes nicht mehr zu tun. Es wunderte mich, wie ein solcher
Mensch, der für gewöhnliche Schläge seinen Oberst aufgespießt hatte,
sich bei uns widerspruchslos unter die Ruten legte. Er wurde zuweilen
dazu verurteilt, wenn er beim Branntweinschmuggel abgefaßt worden war.
Wie alle beschäftigungslosen Arrestanten versuchte auch er es bisweilen,
Branntwein durchzuschmuggeln. Doch auch unter die Ruten beugte er sich
gleichsam mit seinem vollen Einverständnis, d. h. als hatte er
eingesehen, daß es recht war; anderenfalls hätte er es nie und nimmer
getan, eher hätte man ihn totschlagen können. Ebenso wunderte es mich,
wenn er mich trotz seiner ganzen aufrichtigen Zuneigung bestahl. Er war
es auch, der mir meine Bibel stahl, die ich ihm gegeben hatte, damit er
sie an ihren alten Aufbewahrungsort bringen sollte. Der Weg war nur
wenige Schritte lang, doch trotzdem war es ihm gelungen, unterwegs einen
Käufer zu finden, sie zu verkaufen und das Geld sogleich zu vertrinken.
Sicherlich muß das Verlangen zu trinken schon gar zu groß in ihm gewesen
sein, was er aber _sehr_ wollte, das _mußte_ natürlich getan werden. Ja,
das sind solche, die einen Menschen wegen fünfundzwanzig Kopeken
ermorden, um für diese Kopeken ein Maß Branntwein trinken zu können,
während er zu einer anderen Zeit sich eine Summe von Hunderttausend
entgehen läßt. Am Abend desselben Tages meldete er mir noch selbst
seinen Diebstahl, tat es aber ohne die geringste Verwirrung oder Reue,
vielmehr vollkommen freundlich, als wäre es eine ganz gewöhnliche
Mitteilung gewesen. Ich versuchte, ihn gehörig auszuschelten – auch tat
mir meine Bibel leid. Er hörte mir in aller Seelenruhe zu, saß ganz
friedlich und rührte sich nicht; er gab vollkommen zu, daß die Bibel ein
sehr nützliches Buch sei, es tat ihm auch aufrichtig leid, daß ich sie
nicht mehr besaß, doch tat es ihm dabei nicht im geringsten leid, daß
_er_ sie mir gestohlen hatte. Er sah mich mit einem solchen
Selbstbewußtsein an, daß ich sofort aufhörte, ihn zu schelten. Mein
Schelten aber nahm er ruhig hin, wahrscheinlich in der Erwägung, daß es
doch nicht gut ginge, ihn dafür nicht zu schelten: „folglich mag es nur
geschehen“ – mit anderen Worten: „kann er sich ausschimpfen, so beruhigt
er sich schneller, also mag er nur; im Grunde aber ist das ja doch nur
Unsinn, ein solcher Unsinn, daß ein ernster Mensch sich eigentlich
schämen müßte, über so etwas auch noch Worte zu verlieren.“ Ja, es will
mir sogar scheinen, daß er mich überhaupt nur für ein Kind gehalten hat,
wenn nicht gar für einen noch ganz kleinen Säugling, der nicht einmal
die einfachsten Dinge der Welt begreift. Zum Beispiel, wenn ich als
erster ihn anredete und nicht von Wissenschaft oder Büchern sprach, so
antwortete er mir zwar, doch tat er es gleichsam nur aus Höflichkeit und
beschränkte sich auf die kürzesten Erwiderungen. Oft fragte ich mich,
wozu er dieser Bücherweisheit bedurfte, in der er sich durch mich
gewöhnlich unterrichten ließ. Es kam vor, daß ich ihn während dieser
Gespräche nicht selten von der Seite ansah: wollte er sich über mich
lustig machen? Doch nein, das war es nicht. Gewöhnlich hörte er mir
ernst und aufmerksam zu, aber im Grunde doch nicht allzu aufmerksam, und
dieser letztere Umstand verdroß mich nicht selten. Seine Fragen stellte
er stets sehr genau, bestimmt, doch über die von mir erhaltene Auskunft
schien er sich weiter nicht zu wundern, ja er vernahm sie fast
zerstreut. Auch schien es mir, daß er in Bezug auf mich sich überzeugt
hatte – und zwar ohne sich lange den Kopf darüber zu zerbrechen –, daß
man mit mir nicht wie mit anderen Menschen sprechen könne, daß ich,
ausgenommen von Büchern, nichts verstehen würde, ja nicht einmal fähig
wäre, zu verstehen, und es sich folglich gar nicht lohne, mich mit
anderen Dingen zu beunruhigen.
Und doch bin ich überzeugt, daß er mich sogar wirklich gern hatte,
worüber ich nicht wenig erstaunt war. Hielt er mich etwa für einen
unausgewachsenen, nicht vollen Menschen, oder hatte er ein besonderes
Mitleid mit mir, das jedes starke Wesen instinktiv einem schwächeren
gegenüber empfindet, und hatte er mich für ein solches angesehen – ich
weiß es nicht. Und wenn ihn alle diese eventuellen Gefühle auch nicht
abhielten, mich zu bestehlen, so bin ich doch fest überzeugt, daß er,
während er stahl, mich bemitleidete.
„Ach,“ dachte er vielleicht in dem Augenblick, als er sich mein Eigentum
aneignete, „was ist denn das für ein Mensch, der nicht einmal für sein
Hab und Gut einstehen kann!“
Aber gerade deshalb hatte er mich lieb. Er sagte es mir einmal sogar
selbst – wohl halb aus Versehen –, daß ich ein „schon gar zu gutes Herz“
habe, und „Sie sind ein so treuherziger Mensch, so treuherzig, daß man
mit Ihnen wirklich nur Mitleid haben kann. Nur müssen Sie das, Alexander
Petrowitsch, nicht als Kränkung auffassen,“ fügte er nach einer Minute
hinzu, „ich habe es doch nur so gesagt, aus dem Herzen heraus.“
Mit solchen Leuten geschieht es gewöhnlich im Leben, daß sie plötzlich
scharf und groß hervortreten und im Augenblick einer großen allgemeinen
Aktion oder Revolution ihren vollen Ausdruck finden und mit einem
Schlage in ihre eigenste Tätigkeit hineinkommen. Sie sind nicht Männer
des Wortes und können nicht die Anstifter oder die Hauptführer der Sache
sein, doch dafür sind sie die Hauptvollbringer der Tat und sind die
ersten, die anfangen. Sie fangen ganz einfach an, ohne besonderes
Aufsehen zu erregen, doch sind sie die ersten, die über das größte
Hindernis ohne zu zögern und furchtlos hinübertreten, allen Gefahren
entgegen – und siehe, alle stürzen ihnen nach und folgen ihnen
blindlings, und so gehen sie bis zur letzten Grenze, bis zur letzten
Mauer ... wo sie dann gewöhnlich auch ihre Köpfe niederlegen.
Ich glaube nicht, daß Petroff gut geendet hat. Im Leben dieser Menschen
kommt gewöhnlich ein Augenblick, in dem sie mit einemmal alles beenden,
und wenn Petroff noch nicht untergegangen war, so sagte das nur, daß
sein Augenblick noch nicht gekommen war. Übrigens, was kann man wissen?
Vielleicht wird er noch bis zum Silberhaar leben und seelenruhig vor
Altersschwäche sterben, bis dahin aber immer noch ziellos hierhin und
dorthin schlendern. Aber es scheint mir doch, daß M. recht hatte, als er
sagte, Petroff sei der entschlossenste Mensch im ganzen Ostrogg.
VIII.
Entschlossene Menschen. Lutschka
Von den entschlossenen Menschen ist schwer etwas Bestimmtes zu sagen. In
der Kátorga gab es ihrer, wie überall, ziemlich wenig. Dem Ansehen nach
allerdings ist manch einer ein furchterweckender Mensch, und denkt man
daran, was von ihm erzählt wird, so geht man im Bogen um ihn herum.
Irgend ein unbestimmbares Gefühl veranlaßte mich anfänglich, diese
Menschen soviel als möglich zu meiden. Späterhin dagegen habe ich meine
Ansicht selbst über die furchtbarsten Mörder geändert. Manch einer, der
überhaupt nicht gemordet hatte, war tausendmal furchtbarer, als einer,
der wegen sechs Mordtaten verschickt war. Es gab auch Verbrechen, die
man sich überhaupt nicht erklären konnte, dermaßen seltsam waren sie.
Ich sage dieses hauptsächlich aus dem Grunde, weil bei uns unter dem
einfachen Volke viele Verbrechen aus den wunderlichsten Veranlassungen
begangen werden. So findet man zum Beispiel sehr häufig folgenden
Mördertyp: Der Mensch lebt irgendwo ganz ruhig und friedlich. Er hat es
schwer, – er leidet. Nehmen wir an, er ist ein Landbauer, oder ein
Höriger, oder ein Bürger, oder auch ein Soldat. Plötzlich ist ihm irgend
etwas in die Quere gekommen: er hat es nicht mehr ausgehalten und seinen
Feind und Bedrücker erstochen. Nun aber beginnt das Seltsame: der Mensch
scheint für eine Zeitlang völlig aus Rand und Band zu sein. Der erste,
den er ermordet hat, war sein Feind gewesen; der Mord ist, wenn auch ein
Verbrechen, so doch begreiflich, es war eine Veranlassung zu dieser Tat
vorhanden. Dann aber tötet er nicht nur seine Feinde, sondern den ersten
Besten, tötet nur zu seinem Vergnügen, tötet wegen eines groben Wortes,
wegen eines Blickes, oder einfach –: „Aus dem Wege, sollst mir nicht
entgegenkommen, ich gehe!“ Als wäre der Mensch plötzlich trunken oder
als täte er es halb bewußtlos im Fieber. Ganz als fände er, der schon
einmal über die Grenze des heiligen Gebots hinübergesprungen ist,
bereits Gefallen daran, daß es für ihn nichts Heiliges mehr gibt; ganz
als triebe es ihn, mit einemmal über alle Gesetze und alle Macht
hinwegzutreten und in der zügellosesten, unbegrenztesten Freiheit zu
schwelgen, zu schwelgen in diesem Ersterben des Herzens vor einem
Entsetzen, das er unmöglich vor sich selbst nicht empfinden kann. Zudem
weiß er nur zu gut, daß eine furchtbare Strafe ihn erwartet. Sein ganzer
Zustand ließe sich vielleicht mit demjenigen eines Menschen auf einem
hohen, hohen Turm vergleichen, der sich unwillkürlich in die Tiefe, die
er vor seinen Füßen sieht, hinabgezogen fühlt, so daß er selbst
schließlich froh wäre, sich mit dem Kopf voran hinunterstürzen zu
können: nur hinab, und dann ist es geschehen! Und das findet man sogar
bei den friedlichsten und bis dahin unauffälligsten Menschen. Einige von
ihnen brüsten sich noch in diesem Zustande: je verschüchterter er früher
war, umsomehr will er jetzt anderen Furcht einflößen. Diese Furcht der
anderen vor ihm wird ihm fast ein Genuß, und selbst den Ekel, den er in
ihnen erweckt, selbst den liebt er geradezu. Er gibt sich den Anschein
einer gewissen Tollkühnheit, doch solch ein „Tollkühner“ wünscht
mitunter selbst seine Strafe schneller herbei, wünscht, daß man ihn bald
„erledige“, denn seine vorgespielte Tollkühnheit wird ihm selbst
zuguterletzt schwer zu tragen. Interessant ist dabei gleichfalls, daß
diese ganze Großtuerei größtenteils nur genau bis zum Schafott vorhält,
dann aber ist sie plötzlich wie abgeschnitten: als wäre diese Frist
durch ihre eigenen Gesetze bestimmt. Plötzlich ist der Mensch wie
zerschmettert, wie in einen Lappen verwandelt. Auf dem Schafott greint
er und bettelt um Verzeihung. Und im Ostrogg kann man sich nur über ihn
wundern, wenn man ihn sieht: so ein kleinlautes Kerlchen mit einer
schmutzigen Nase, daß man sich ganz erstaunt fragt: „Ist denn das
wirklich derselbe, der fünf oder sechs Menschen ermordet hat?“
Natürlich, viele beruhigen sich auch im Ostrogg nicht so bald. Sie
behalten immer noch eine gewisse Prahlsucht bei; ihr Gehaben ist, als
wollten sie sagen: „Ich bin doch nicht das, was ihr glaubt, ich stehe
‚für sechse‘!“ Aber schließlich ergeben sie sich dennoch. Nur manches
Mal erfreut er sich noch an seinen tollen Streichen, am wüsten Treiben,
das „einmal in seinem Leben war“, als er noch zu den „Tollkühnen“
gehörte, und wenn er nur einen Neuling findet, erzählt er ihm gern mit
der üblichen Wichtigkeit oder Würde von seinen früheren Heldentaten und
macht sich mit Vergnügen breit vor ihm, – übrigens ohne es sich auch nur
im geringsten anmerken zu lassen, wie gern er sie erzählt. „Seht doch,
sozusagen, was ich für ein Mensch bin!“
Und mit welchem Raffinement diese eitle Vorsicht beobachtet wird, wie
nachlässig und gleichgültig zuweilen solch eine Erzählung ist! Welch
eine geschulte Geckenhaftigkeit sich in dem ganzen Ton und in jedem
kleinsten Wort des Erzählers zeigt! Und wo hat dieses Volk das gelernt?
Einmal hörte ich – es war in den ersten Tagen an einem endlosen Abend –,
als ich müßig und in quälenden Gedanken auf der Pritsche lag, eine von
solchen Erzählungen mit an, und hielt in meiner Unerfahrenheit den
Erzähler für einen außergewöhnlichen, schrecklichen Bösewicht, für einen
eisernen Charakter, und war nahe daran, in Petroff nur ein Kind im
Vergleich zu ihm zu sehen.
Das Thema der Erzählung war, wie er, Luka Kusmitsch, für Null und
Nichts, d. h. einzig zu seinem persönlichen Vergnügen, einen Major
„niedergemacht“ hatte. Dieser Luka Kusmitsch war dasselbe kleine, magere
Männlein mit der spitzen Nase, ein junger Arrestant unserer Kaserne, von
dem ich schon einmal gesprochen habe. Er war Kleinrusse, oder vielmehr
Großrusse und nur im Süden geboren, als Höriger oder Leibeigener, glaube
ich. In dem ganzen Kerlchen war etwas Spitzes, Anmaßendes: „Klein ist
das Vöglein, doch scharf sind die Krallen.“ Die Arrestanten aber
durchschauen den Menschen instinktiv. Er wurde wenig geachtet, oder wie
man in der Kátorga sagte: „Seiner wurde wenig geachtet.“ Er war
ungeheuer selbstgefällig.
An jenem Abend saß er auf der Pritsche und nähte an einem Hemd. Das
Wäschenähen war sein Handwerk. Neben ihm saß ein stumpfsinniger
beschränkter Bursche, der aber sonst ein gutmütiger und freundlicher,
großer und starker Junge war, Luka Kusmitschs Nachbar auf der Pritsche,
der Arrestant Kobylin. Infolge ihrer Nachbarschaft stritt Lutschka sehr
oft mit ihm und behandelte ihn überhaupt von oben herab, spöttisch und
despotisch, was Kobylin in seiner Einfalt teilweise überhaupt nicht
bemerkte. Er strickte einen wollenen Strumpf und hörte seinem Nachbar
Lutschka gleichmütig zu. Dieser aber erzählte ziemlich laut und
deutlich. Ersichtlich wünschte er, von allen gehört zu werden, obgleich
er sich den Anschein zu geben bemühte, als erzähle er nur seinem
Kobylin.
„So, mein Lieber, wurde ich fortgeschickt aus unserer Gegend,“ begann er
und zog seine Nähnadel durch das Zeug, „nach Tsch–ff, wegen
Landstreicherei, sozusagen.“
„Wann war denn das, – schon lange?“ fragte Kobylin.
„So wenn die Erbsen reif werden, wird es immer schon das zweite Jahr
sein ... Nu und wie wir nach K. ankamen, wurde ich auf kurze Zeit dort
selbentlich in den Ostrogg eingesperrt. Ich sehe, was sitzt denn da mit
mir? Es waren aber nur so zwölf Stück, alles Kleinrussen, groß, gesund,
kräftig, wie die Ochsen. Und dabei so artig. Das Essen war schlecht, und
ihr Major, der macht mit ihnen, was er will, wie es seiner Gnaden
_vorgefällt_ (Lutschka verdrehte das Wort mit Absicht, er wußte sehr
gut, wie es richtig war). Sitze da einen Tag, sitze noch einen, sehe:
gar keine Courage in dem Volk. – ‚Warum laßt ihr euch von diesem Esel
alles gefallen?‘ frage ich sie.
‚Geh doch du mit ihm sprechen!‘ Und sie lachen noch über mich. Ich
schweige. Unter ihnen aber war ein spaßiger Kleinrusse, – ja, von dem
muß ich euch doch noch erzählen!“ unterbrach er sich plötzlich, diesmal
an alle sich wendend, und nicht mehr wie vorher, als er scheinbar nur zu
Kobylin allein sprach. „Er erzählte uns, wie er verurteilt worden war
und wie er mit dem Gericht gesprochen hatte, selbst aber weinte er nur
so dabei; Kinder und Weib, sagte er, habe er zurückgelassen. Selbst ist
er so ein Stämmiger, ganz grau schon und dick. ‚Ich,‘ sagte er, ‚sage
ihm: nein! bin unschuldig! Er aber, das Teufelskind, er schreibt und
schreibt. Da schreie ich: daß der krepiert, bin unschuldig! Er aber
schreibt und schreibt und schreibt noch mehr! ... Und da war es aus mit
mir!‘ – Wasjka, gib mir da mal einen Faden her: diese verfluchten sind
alle verfault.“
„Vom Markt gekauft,“ brummte Wasjka und gab ihm einen Faden.
„Unser Rollgarn, das wir in der Werkstatt haben, ist viel besser. Von
hier aber wurde wieder der Nevalid geschickt, wer kann wissen, von was
für einem Schandweibe er da immer kauft!“ fuhr Lutschka fort, indem er
die Nadel gegen das Licht hielt und den Faden einzufädeln suchte.
„Bei seiner Gevatterin natürlich.“
„Natürlich bei seiner Gevatterin.“
„Aber wie blieb es denn mit dem Major?“ fragte nach einiger Zeit
Kobylin.
Darauf hatte Lutschka nur gewartet. Einstweilen aber setzte er seine
Erzählung nicht sobald fort, ja er schien Kobylin nicht einmal seiner
Beachtung zu würdigen. Ruhig machte er seinen Faden zurecht, ruhig und
gleichsam faul änderte er ein wenig die Stellung seiner Schneiderbeine
unter sich und dann erst fuhr er endlich fort:
„Es gelang mir zu guterletzt doch noch, meine Kleinrussen etwas
aufzuwiegeln, der Major wurde hinverlangt. Ich hatte mir schon am Morgen
von einem anderen ein Messer verschafft und im Stiefelschaft versteckt,
sozusagen für alle Fälle. Der Major war über unsere Forderung in helle
Wut geraten. Er kommt. Nu, sage ich, verliert nicht den Mut! Aber denen
war das Herz schon in die Hosen gefallen, sie zittern alle nur so. Da
kommt der Major hereingestürzt, betrunken, wie ich sehe, und schreit:
‚Wer ist hier! Wie ist es hier! Hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!‘
Wie er so gesagt hatte: ‚hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!‘ trat ich
etwas vor,“ fuhr Lutschka fort, „das Messer hatte ich im Ärmel.
‚Nein,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden,‘ selbst aber schiebe ich mich langsam
immer näher und näher, ‚nein, wie kann denn das sein,‘ sage ich, ‚daß
Euer Gnaden bei uns Zar und Gott sind?‘
‚Ah, so bist du es, also du bist es,‘ schrie der Major, ‚du bist der
Anstifter!‘
‚Nein,‘ sage ich und dabei komme ich ihm immer näher, ‚nein,‘ sage ich,
‚Euer Gnaden wissen doch selbst, daß unser allmächtiger und
allgegenwärtiger Gott nur einer ist,‘ sage ich. ‚Und unser einziger Zar
ist über uns alle von Gott selbst eingesetzt. Er ist, Euer Gnaden,‘ sage
ich, ‚ein Monarch. Euer Gnaden aber,‘ sage ich, ‚sind nur ein Major –
unser Vorgesetzter durch des Zaren Gnade,‘ sage ich, ‚und Eurer Gnaden
eigene Verdienste.‘
‚Was, was, was wie?‘ gackerte er nur noch, sprechen konnte er nicht
mehr, die Luft ging ihm aus. Er war doch gar zu erstaunt.
‚Ja, das ist schon so,‘ sage ich, und wie ich mich auf ihn stürzte,
stieß ich ihm das Messer gleich bis an den Griff in den Bauch. Es war
gewandt geschehen. Er fiel hin wie gemäht und zappelte nur noch einmal
mit den Beinen. Ich warf das Messer fort.
‚So,‘ sagte ich, ‚jetzt hebt ihn auf!‘“
* * * * *
Hier muß ich meinerseits eine Erklärung hinzufügen. Leider waren solche
Ausdrücke wie: „Hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!“ und noch viele
andere ähnliche in früheren Zeiten bei vielen Kommandeuren in häufigem
Gebrauch. Doch muß ich bemerken, daß es solcher Kommandeure heute nur
noch sehr wenige gibt, vielleicht sind sie auch schon alle ausgestorben.
Zudem waren die Kommandeure, die sich dieser Ausdrücke mit Vorliebe
bedienten, meistens Leute aus niedrigerem Stande und Range, die sich
später emporgedient hatten. Der Offiziersrang schien gleichsam ihren
ganzen Menschen umzukehren, den Kopf natürlich gleichfalls. Nachdem sie
lange unter der Fuchtel gedient haben, werden sie eines Tages selbst
Offiziere, Vorgesetzte, Kommandeure, sie werden geadelt, und so
vergrößern sie, da sie an eine solche Ehre gar nicht gewöhnt waren, im
ersten Rausch ganz unwillkürlich die Vorstellung von ihrer Macht und
Bedeutung, doch selbstverständlich nur in Bezug auf ihre Untergebenen.
Vor ihren Vorgesetzten sind diese Leute stets von ungewöhnlicher
Unterwürfigkeit, die jetzt durchaus nicht mehr angebracht und vielen
Kommandeuren höchst widerlich ist. Manche treiben es sogar so weit, daß
sie sich mit einer ganz besonderen Rührung beeilen, ihrem hohen
Vorgesetzten baldmöglichst zu versichern, daß sie, die ja doch aus
Subalternen hervorgegangen sind, ihren früheren Rang nicht vergessen
werden und sich auch als Offiziere nicht den anderen Offizieren
gleichstellen wollen. Anders ist ihr Verhalten zu ihren Untergebenen:
diesen gegenüber sind sie die größten Tyrannen. Doch heute gibt es, wie
gesagt, wohl kaum noch solche Kommandeure, und schwerlich dürfte sich
einer finden, der noch sagen könnte: „Ich bin Zar, ich bin Gott.“
Nichtsdestoweniger will ich doch darauf aufmerksam machen, daß nichts
einen Arrestanten oder überhaupt einen Untergebenen so reizt und empört,
wie derartige Äußerungen Vorgesetzter. Diese Unverschämtheit in der
Selbsterhöhung, diese übertriebene Meinung von seiner Unbestrafbarkeit
erweckt selbst im gefügigsten Menschen Haß und Wut und bringt ihn um
seine letzte Geduld. Zum Glück gehören diese Zustände schon der
Vergangenheit an und selbst damals sind solche Fälle streng geahndet
worden, was ich selbst früher miterlebt habe.
Überhaupt kann man sagen, daß jede verächtliche Nachlässigkeit, jede
unangebrachte Überhebung die niedrigeren Klassen viel tiefer kränkt und
viel mehr aufreizt, als man glaubt. Viele sind der Meinung, daß die
Obrigkeit, wenn sie einen Sträfling nur gut ernährt, gut hält und in
allem das Gesetz beobachtet, damit alles tut. Das ist aber ein großer
Irrtum. Ein jeder Mensch, wer er auch sei und wie tief er auch
erniedrigt wäre, verlangt doch – wenn auch instinktiv, unbewußt –
Achtung vor seiner Menschenwürde. Der Arrestant weiß es selbst, daß er
ein Arrestant ist, ein Ausgestoßener, und kennt seine Stellung seinem
Vorgesetzten gegenüber; doch gibt es weder solche Brandmale noch solche
Fesseln, mit denen man ihn vergessen machen könnte, daß er ein Mensch
ist. Und da er in der Tat ein Mensch ist, so muß man ihn auch danach
behandeln. Mein Gott! – kann man doch mit einer _menschlichen_
Behandlung auch solche noch zu Menschen machen, in denen jeder Funke
Gottes bereits längst erloschen ist. Gerade mit diesen „Unglücklichen“
muß man am menschlichsten umgehen. Das ist ihre Rettung und Freude. Ich
habe gute, edle Kommandeure gesehen, ich habe auch den Eindruck gesehen,
den sie auf diese Erniedrigten machten. Nur ein paar freundliche Worte –
und die Arrestanten waren fast wie sittlich auferstanden. Sie freuten
sich wie Kinder und wie Kinder fingen sie an zu lieben. Doch will ich
zum Schluß noch eine recht auffallende Erscheinung erwähnen: eine
familiäre, eine _allzu_ gute Behandlung seitens der Vorgesetzten gefällt
dem Arrestanten durchaus nicht. Er will seinen Vorgesetzten achten, in
diesem Falle kann er ihn aber unwillkürlich nicht mehr achten. Der
Arrestant hat es sehr gern, wenn sein Vorgesetzter Orden besitzt, wenn
er eine gute Erscheinung ist, wenn er bei einer hohen Persönlichkeit,
einem hohen Kommandierenden in Gunst steht, wenn er streng und ernst ist
und gerecht, und auch seine Würde bewahrt. Solche Vorgesetzte liebt der
Sträfling am meisten: er weiß also, was er sich schuldig ist, und hat
der andere auch ihn, den Arrestanten, nicht verletzt, so ist alles gut
und schön.
* * * * *
„Dafür haben sie dich dann auch gründlich gebraten, was?“ fragte ruhig
Kobylin.
„Hm! Gebraten ... Gebraten haben sie mich schon. Alei, gib mir mal die
Schere her! Wie kommt es denn, daß es heute keine Spielhölle gibt?“
„Sie haben heute ihr Vermögen versoffen,“ bemerkte Wassjä. „Wenn sie es
nicht versoffen hätten, dann würden sie jetzt wohl Karten klopfen.“
„Wenn! Für das ‚wenn‘ gibt man auch in Moskau hundert Rubel,“ meinte
Lutschka.
„Aber wieviel gab man denn dir, Lutschka, alles in allem?“ fragte
Kobylin, wieder auf das alte Thema zurückkommend.
„Mir gab man, lieber Freund, hundertundfünf. Und was ich euch noch sagen
wollte,“ fuhr Lutschka plötzlich wieder zu allen gewandt fort, „– man
hätte mich ja damals beinahe totgeschlagen. Nachdem ich zu den
Hundertundfünf verurteilt worden war, wurde ich in voller Parade
hingebracht. Bis dahin hatte ich aber Hiebe noch niemals kennen gelernt.
Volks war eine Menge hingelaufen, die ganze Stadt war da: ein Verbrecher
wird bestraft, ein Mörder, sozusagen. Denn wie dumm doch so’n Volk ist,
das weiß ich wirklich gar nicht mehr zu sagen. Timoschka[4] zog mir die
Kleider ab, legte mich hin, – plötzlich schreit er: ‚Halt dich fest, es
brennt.‘ Ich warte: was wird nun kommen? Wie er mir das erstemal
überzog, – ich wollte wohl schreien, ich machte wohl den Mund auf, aber
es war kein Schrei in mir drin. Die Stimme war, sozusagen, stecken
geblieben. Wie er das zweitemal überzog, nun, glaub oder glaub nicht,
aber ich hörte gar nicht mehr, wie ‚zwei‘ gezählt wurde. Als ich aber
wieder aufwachte, hörte ich, wie gezählt wird: siebzehn! Und so werde
ich viermal von der Bank heruntergenommen, auf eine halbe Stunde zur
Erholung: wurde mit Wasser begossen. Da glotzte ich sie nun alle an mit
aufgerissenen Augen und denke so: ‚jetzt stirbst du‘ ...“
„Und bist doch nicht gestorben?“ fragte Kobylin naiv.
Lutschka besah ihn sich einmal mit unbeschreiblich verächtlichem Blick.
Man lachte.
„Das war ’n Spaß!“
„In seiner Dachstube scheint’s nicht ganz richtig zu sein,“ bemerkte
Lutschka, als bereue er es, mit diesem Menschen überhaupt gesprochen zu
haben.
„Der hat eins weg,“ stimmte auch Wassjä bei.
Lutschka hatte zwar sechs Menschen umgebracht, doch im Ostrogg fürchtete
ihn niemand, obschon es vielleicht sein größter Wunsch war, als
„fürchterlicher“ Mensch zu gelten ...
IX.
Issai Fomitsch. – Das Bad. – Die Erzählung Bakluschins