Das Geld selbst hatte dort, wie ich schon mehrmals erwähnt habe, eine

ungeheure Bedeutung, ja sogar Macht. Man kann ohne weiteres behaupten,

daß ein Sträfling, der Geld hatte – und wenn es auch noch so wenig war –

zehnmal weniger litt, als einer, der gar keines besaß, obwohl auch für

diesen vom Staat gesorgt wurde. Wozu braucht ein Sträfling Geld? Das war

etwas, was unsere „Obrigkeit“ nicht begreifen konnte. Ich aber sage

nochmals: hätten die Sträflinge keine Möglichkeit gehabt, ihr eigenes

Geld zu besitzen, so wären sie entweder irrsinnig geworden, oder sie

wären wie die Fliegen gestorben – ungeachtet dessen, daß für sie in

allem gesorgt war – oder, schließlich, sie hätten unerhörte Verbrechen

begangen, die einen aus Sehnsucht, die anderen, um irgendwie so schnell

als möglich vernichtet, hingerichtet zu werden, oder einfach irgendwie

„sein Schicksal zu verändern“, wie der technische Ausdruck lautete. Wenn

nun der Arrestant die Kopeken, die er im Schweiße seines Angesichts

erworben hat, oder zu deren Erwerb er sich das Schlaueste ersonnen, was

zugleich mit Diebstahl und Schurkereien verknüpft ist, wenn er sich für

dieses Geld in die größte Gefahr begeben hat, dann aber dieses sauer

erworbene Geld in einem Augenblick und so unklug, mit solchem kindischen

Leichtsinn verschleudert, so beweist das noch lange nicht, daß er das

Geld nicht schätzte, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint.

Geldgierig ist er bis zur Krampfhaftigkeit, bis zum vollkommenen Verlust

jeglicher Vernunft, und wenn er es beim „Durchgehen“ auch tausendmal wie

Hobelspäne verschleudert, so verschleudert er es doch nur für das, was

er noch höher hält als das Geld.

Was aber ist denn für den gefesselten Arrestanten noch höher als Geld?

Die Freiheit oder auch nur ein Traum, eine Vortäuschung von Freiheit.

Die sibirischen Zwangsarbeiter sind große Träumer. Doch davon werde ich

später erzählen. Nur will ich, da ich soeben darauf zu sprechen gekommen

bin, noch ein Beispiel anführen, ich weiß aber nicht, ob man es mir

glauben wird: ich habe von den schwersten Verbrechern, die zu _zwanzig_

Jahren verurteilt waren, gehört – sie haben es mir selbst gesagt: „Nur

ein bißchen Geduld, wenn Gott will, erledige ich hier noch meine

Strafzeit, und dann ...“

Die ganze Bedeutung des Wortes „Arrestant“ bezeichnet einen Menschen

ohne Willen, verschwendet er aber Geld, so handelt er nach _eigenem

Willen_. Ungeachtet aller Brandmale, Ketten und des verhaßten

Palissadenzauns, der ihm Gottes Welt abschließt, und ihn wie ein Tier im

Käfige gefangen hält – kann er sich doch Branntwein verschaffen, d. h.

soviel wie einen strengstens verbotenen Genuß, für Geld kann er sogar

Frauenzimmer besuchen, kann er zuweilen sogar – wenn auch nur sehr

selten – seine nächsten Vorgesetzten bestechen, die Invaliden und selbst

den Unteroffizier, die dann ein Auge halb zudrücken, wenn er gegen das

Gesetz und die Disziplin verstößt und ihm in manchen Dingen durch die

Finger sehen, und obendrein kann er sich sogar ihnen gegenüber in die

Brust werfen – das aber tut er ganz außerordentlich gern, – kann er sich

vor den Kameraden den Anschein geben und sogar sich selbst überzeugen –

wenn auch nur _auf kurze Zeit_, – daß er weit mehr Willen und Macht

besitze, als es scheine. Mit einem Wort, er kann prassen und Lärm

schlagen, kann sogar einen anderen unter die Füße treten und ihm

beweisen, daß er alles das wirklich _kann_, daß es _in seiner Macht_

liegt, d. h., er kann sich im Besitz einer Sache glauben, an die der

arme Teufel nicht einmal denken darf. Vielleicht ist das auch der Grund,

warum man bei den Arrestanten, selbst wenn sie nüchtern sind, eine so

allgemeine Neigung zur Prahlerei findet, zu mutigem Auftreten, zu einer

oft lächerlichen und naiven Erhebung der eigenen Persönlichkeit, wenn

auch nur einer scheinbaren. Endlich kommt noch hinzu, daß diese ganze

Prasserei nicht so ungefährlich ist, – folglich ist das Ganze immerhin

eine gewisse Lebensvortäuschung, ein gewisser Schimmer von Freiheit. Und

was gibt man nicht für die Freiheit! Welcher Millionär würde nicht, wenn

der Strang seinen Hals schon schnürte, alle seine Millionen für einen

einzigen Atemzug hingeben?

Da wundern sich zuweilen die Vorgesetzten, daß ein Arrestant, der lange

Jahre so musterhaft sich aufgeführt hat, und womöglich zum Aufseher

erhoben worden ist, ganz plötzlich und ohne jede Veranlassung – als wäre

er rein des Teufels geworden – es plötzlich so toll treibt, wie man es

von ihm nie und nimmer erwartet hätte, mitunter läßt er es sogar auf ein

Kriminalverbrechen ankommen, oder er zeigt sich offenkundig

unehrerbietig gegen die höchsten Vorgesetzten, oder er erschlägt oder

überfällt irgend einen. Man sieht ihn an und wundert sich. Indessen ist

die ganze Ursache dieses plötzlichen Ausbruchs in dem bis dahin

friedlichsten Menschen, von dem man Ähnliches nie erwartet hätte – der

plötzliche Durchbruch der Persönlichkeit, die instinktive Sehnsucht nach

seinem eigenen Menschen, das Verlangen, diesen Menschen zu beweisen,

seine erniedrigte Persönlichkeit hervorzukehren, und dieses Bedürfnis

erwacht nun plötzlich mit einer Wucht in ihm, die zur Raserei, zur

Tollwut, zu völliger Besinnungslosigkeit, zu einem Anfall, einem Krampf

wird. So mag vielleicht ein lebendig Begrabener, wenn er unter der Erde

erwacht, an seinen Sargdeckel schlagen und sich anstrengen, ihn

aufzubrechen, obgleich ihm doch seine Vernunft sagen müßte, daß alle

seine Anstrengungen vergeblich sind. Aber das ist es ja eben, daß es

sich hier nicht um Vernunft handelt, sondern gewissermaßen um – Krämpfe.

Jetzt bedenke man noch, daß jede eigenwillige Äußerung der

Persönlichkeit beim Arrestanten für Verbrechen angesehen wird, in dem

Falle aber ist es ihm natürlich gleichgültig, ob es ein größerer oder

kleinerer Ausbruch ist. Geht er durch, dann geht er durch, wagt er

einmal, dann wagt er eben – dann kommt es ihm auch auf einen Totschlag

nicht an. Und die Hauptsache ist ja nur der Anfang: ist er erst einmal

betrunken, dann läßt er sich nicht mehr halten. Daher ist es wohl

besser, es nicht so weit kommen zu lassen. Alle hätten es besser.

Ja, aber wie läßt sich das machen?

VI.

Der erste Monat, Fortsetzung

Bei meinem Eintritt in den Ostrogg besaß ich einiges Geld; bei mir aber,

in der Tasche, hatte ich nur wenig, aus Furcht, es könnte mir abgenommen

werden, doch auf alle Fälle waren im Einband meiner Bibel einige Rubel

verborgen, d. h. einfach eingeklebt. Dieses Buch mit dem eingeklebten

Gelde war mir in Tobolsk von Leuten geschenkt worden, die gleichfalls in

der Verbannung litten, die bereits seit Jahrzehnten dort leben mußten

und die schon längst in jedem Unglücklichen einen Bruder zu sehen

gewohnt waren. Es gibt dort in Sibirien fast überall solche Menschen,

die, wie es scheint, ihre Lebensaufgabe darin sehen, den „Unglücklichen“

brüderliche Pflege angedeihen zu lassen, mit ihnen zu leiden und sie wie

eigene Kinder zu lieben – mit einer uneigennützigen, heiligen Liebe.

Ich kann es nicht unterlassen, von einer Begegnung zu erzählen, die

jetzt wieder so deutlich vor mir steht, als hätte sie erst gestern

stattgefunden.

In der Stadt, in der sich unser Ostrogg befand, lebte eine Witwe,

Nastaßja Iwanowna. Natürlich konnte niemand von uns, solange wir im

Ostrogg waren, persönlich mit ihr bekannt werden. Sie hatte es sich zu

ihrer Lebensaufgabe gemacht, für die Verschickten zu sorgen, doch am

meisten sorgte sie für uns. Vielleicht war in ihrer Familie ein

ähnliches Unglück vorgekommen, oder es hatte ein Mensch, der ihrem

Herzen besonders teuer gewesen und nahegestanden, unter demselben

Schicksal zu leiden gehabt – das weiß ich nicht. Jedenfalls aber war sie

glücklich, alles für uns zu tun, was sie nur konnte. Viel tun konnte sie

freilich nicht, denn sie war selbst sehr arm. Wir aber, die wir im

Ostrogg saßen, fühlten und wußten, daß wir dort jenseits der Palissaden

einen treuen Freund hatten. Unter anderem ließ sie uns oft Nachrichten

zukommen, nach denen wir uns fast krank sehnten. Als ich dann den

Ostrogg verließ und in eine andere Stadt zur Ansiedlung geschickt wurde,

fand ich noch Gelegenheit, zu ihr zu gehen und sie persönlich kennen zu

lernen. Sie lebte bei einem ihrer nahen Verwandten. Sie war weder alt

noch jung, weder hübsch noch häßlich; ja man konnte nicht einmal

feststellen, ob sie klug, ob sie gebildet war? Man sah in ihr nur auf

jedem Schritt und Tritt eine unendliche Güte, den unbezwingbaren Wunsch

zu helfen, zu erleichtern, einem etwas Angenehmes zu tun. Alle ihre

Gefühle lagen in ihrem stillen, guten Blick. Ich verbrachte zusammen mit

einem meiner Ostroggkameraden einen ganzen Abend bei ihr. Sie sah uns

nur an, lachte, wenn wir lachten, beeilte sich, allem zuzustimmen, was

wir auch sagen mochten. Sie bewirtete uns, womit sie nur konnte: sie

reichte Tee, einen kleinen Imbiß, eingemachte Früchte, und wenn sie

Tausende besessen hätte – sie würde sich über das Geld nur aus dem einen

Grunde gefreut haben, weil sie dann uns und unseren im Ostrogg

zurückgebliebenen Kameraden noch mehr hätte helfen können. Beim Abschied

brachte sie noch mir und meinem Kameraden je ein Zigarettenetui zum

Andenken. Diese Etuis klebte sie eigenhändig für uns – Gott weiß, wie

sie geklebt waren! Sie bestanden aus Pappe und waren mit buntem

Glanzpapier überzogen, genau demselben, in das die kurzgefaßten

Rechenbücher der kleinen Schulen eingebunden sind (vielleicht bestanden

sie auch tatsächlich aus den Deckeln eines solchen Arithmetikbuches). An

den Rändern aber waren beide Hälften des Etuis zur Verzierung mit einer

schmalen Bordüre von Goldpapier eingefaßt, die sie wahrscheinlich lange

in den Läden gesucht hatte.

„Sie rauchen doch Zigaretten, vielleicht können Sie dann dieses hier

gebrauchen,“ sagte sie schüchtern, als wolle sie sich ihres Geschenkes

wegen entschuldigen.

Es gibt Menschen, die da sagen – ich selbst habe es gehört und gelesen,

– daß die größte Liebe zum Nächsten zu gleicher Zeit der größte Egoismus

sei. Worin nun hier Egoismus gewesen sein sollte, werde ich nie

verstehen.

Wenn ich nun auch bei meinem Eintritt in den Ostrogg durchaus nicht viel

Geld besaß, so vermochte ich es doch nicht, über jene ungehalten zu

sein, die schon in den ersten Stunden von mir Geld geborgt und mich

natürlich betrogen hatten, und dann höchst naiv zum zweiten, dritten und

sogar fünften Male zu mir kamen, um noch weiteres Geld zu borgen. Eines

aber muß ich ganz offen gestehen: es ärgerte mich nicht wenig, daß alle

diese Banditen mit ihrer naiven Schlauheit mich unbedingt, wie es mir

schien, für einen echten rechten Einfaltspinsel, für einen dummen Jungen

hielten und sich über mich lustig machten, weil ich ihnen auch zum

fünften Male das Geld gab. So mußte es ihnen unbedingt scheinen, daß ich

mich von ihrer Schlauheit und Gewandtheit betrügen ließ, während sie,

wenn ich ihnen nichts gegeben und sie fortgejagt hätte, – davon war ich

überzeugt – mich unvergleichlich mehr geachtet haben würden. Aber wie

sehr ich mich auch ärgerte, abschlagen konnte ich es ihnen doch nicht.

Und ich ärgerte mich, weil ich in diesen ersten Tagen ernstlich und

besorgt darüber nachdachte, wie ich mich im Ostrogg verhalten, oder

richtiger, auf welchen Fuß ich mich mit ihnen stellen sollte. Ich fühlte

und begriff, daß diese ganze Umgebung für mich völlig neu war, daß ich

völlig im Dunkel saß, in demselben aber unmöglich so lange Jahre sitzen

bleiben konnte. Folglich hieß es, sich vorbereiten. Versteht sich, ich

kam mit mir überein, daß man vor allen Dingen offen sein und offen

handeln müsse, wie es das innere Gefühl und das Gewissen befahlen.

Andererseits aber wußte ich, daß dieses nur Theorie war und vor mir

jedenfalls noch die unerwartetste Praxis erscheinen würde.

Und darum quälte mich, ungeachtet all der kleinen Sorgen um meine

Einrichtung in der Kaserne (von denen ich schon erzählt habe und in die

mich der vorsorgliche Akim Akimytsch hineinzog) und ungeachtet dessen,

daß sie mich immerhin ein wenig zerstreuten, – trotzdem quälte mich eine

nagende Sehnsucht immer unerträglicher.

„Ein Totenhaus!“ sagte ich zu mir, wenn ich zuweilen in der Dämmerung

von der kleinen Treppe unserer Kaserne auf die Arrestanten blickte, die

schon von der Arbeit heimkehrten und faul über den Hof in die Küchen

schlenderten und aus den Küchen wieder zurück in die Kasernen. Ich

betrachtete sie, betrachtete jeden einzelnen, und bemühte mich, an ihren

Gesichtern und ihren Bewegungen zu erkennen, was für Menschen sie waren

und was für Charaktere sie hatten. Sie aber schlenderten vor mir mit

finster gerunzelten Stirnen, oder aber in sorgloser Heiterkeit – diese

beiden Erscheinungen trifft man am häufigsten, sie sind zugleich die

Charakteristik der Kátorga, – sie schimpften sich gegenseitig oder sie

sprachen ganz gewöhnlich miteinander, oder sie gingen einzeln umher,

gleichsam in Gedanken versunken, langsam, gleichmütig, einige müde und

teilnahmslos, andere wiederum – selbst hier! – mit einem Ausdruck

anmaßender Überlegenheit, die Mützen auf einem Ohr, die Halbpelze nur

über die Schultern geworfen, mit frechem, listigem Blick und frechem,

spöttischem Lächeln.

„Das ist jetzt meine Umgebung, meine neue Welt,“ dachte ich, „in der

ich, ob ich will oder nicht, leben muß ...“

Ich machte auch wiederholt den Versuch, von Akim Akimytsch etwas über

sie zu erfahren, wenn ich mit ihm Tee trank, um nicht allein trinken zu

müssen. Tee war in dieser ersten Zeit so gut wie meine einzige Nahrung.

Akim Akimytsch sagte nie ab, wenn ich ihn aufforderte, was ich gerne

tat, und stellte selbst unseren, d. h. von M. geliehenen

selbstverfertigten kleinen Blechssamowar auf, der spaßig anzusehen war.

Akim Akimytsch trank nie mehr als ein Glas, – er besaß sogar Gläser –

trank schweigend und würdevoll, reichte es mir mit einem Dank zurück und

machte sich dann sofort an meine Schlafdecke, die er, wie ich schon

sagte, aus alten Zeugstücken zusammennähte. Das aber, was ich von ihm

erfahren wollte, – das erfuhr ich nicht, ja er schien es nicht einmal

begreifen zu können, weshalb ich mich so besonders für die Charaktere

der uns umgebenden und am nächsten stehenden Sträflinge interessierte.

Er hörte mir nur mit einem seltsam schlauen, verschlagenen Lächeln zu,

das ich noch lebhaft vor mir sehe. Nein, wie man sieht, muß man hier

selbst alles erfahren und nicht durch andere zu erfahren suchen, dachte

ich bei mir.

Am Morgen des vierten Tages stellten sich die Arrestanten wieder so auf,

wie damals, als ich mit ihnen zur Schmiede gegangen war: auf dem Platz

vor der Wache in zwei Reihen. An der Spitze, mit dem Gesicht zu ihnen,

und hinter ihnen standen die Soldaten mit geladenem Gewehr und

aufgepflanztem Bajonett. Der Soldat hat das Recht, auf den Gefangenen zu

schießen, wenn dieser den Versuch macht, seiner Eskorte zu entfliehen;

andererseits aber ist er auch verantwortlich für den Schuß, wenn er ihn

nicht im äußersten Notfall abgefeuert hat; dasselbe galt auch für den

Fall einer allgemeinen Empörung der Gefangenen. Aber wem wäre es wohl

eingefallen, an eine offene Flucht zu denken!

Darauf kamen ein Offizier, die Unteroffiziere, Soldaten und die

Arbeitsaufseher. Alle Namen wurden aufgerufen. Der Teil der Arrestanten,

der in den Schneiderwerkstätten arbeitete, ging ganz zuerst ab; dieser

hatte mit den Aufsehern nichts zu tun. Dort wurde hauptsächlich für den

Ostrogg gearbeitet, für den die verschiedenen Kleidungsstücke

herzustellen waren. Dann ging ein Teil in die anderen Werkstätten ab,

und dann erst kamen die sogenannten „Schwarzarbeiter“ an die Reihe, die

für die gewöhnlichen schweren Arbeiten bestimmt waren. Mit etwa zwanzig

anderen marschierte auch ich ab.

Hinter der Festung lagen am Ufer des zugefrorenen Flusses zwei

alte Barken, beide Staatseigentum, die wegen Untauglichkeit

auseinandergenommen werden sollten, damit wenigstens das Holz nicht

unnütz verfaulte. Übrigens war dieses ganze alte Material nur sehr wenig

wert, vielleicht überhaupt nichts, denn Holz wurde in der Stadt

spottbillig verkauft, da es Wald ringsum ungeheuer viel gab. Die

Arrestanten wurden aber hingeschickt, damit sie eine Arbeit hatten, was

sie natürlich selbst sehr gut begriffen. An eine solche Arbeit machten

sie sich denn auch faul und ungern, während es etwas ganz anderes war,

wenn sie eine zweckmäßige und interessante Arbeit bekamen, und besonders

wenn sie sich eine „Aufgabe“ ausbitten konnten. Dann waren sie plötzlich

alle wie begeistert und wenn sie auch selbst nichts davon hatten, so

plagten sie sich doch im Schweiße ihres Angesichts und mit wahrhaft

erstaunlichem Eifer, um sie so schnell und so gut als möglich zu beenden

– dann war gleichsam ihr Ehrgeiz mit im Spiel. Bei einer solchen Arbeit

dagegen, wie diese Barken abzubrechen, die mehr nur ^pro forma^ gemacht

werden mußte, als aus Notwendigkeit, war es schwer, eine „Aufgabe“ zu

erbitten, da mußte man bis zum Trommelschlage arbeiten, der um elf Uhr

vormittags zur Heimkehr rief.

Es war ein warmer, nebliger Wintertag, es fehlte nicht viel, und wir

hätten Tauwetter gehabt. Unsere ganze Abteilung begab sich hinter die

Festung zum Ufer, leise mit den Ketten klirrend, die, obwohl sie unter

den Kleidern verborgen waren, dennoch bei jedem Schritt einen feinen,

hellen metallischen Klang gaben. Zwei oder drei von uns wurden ins

Zeughaus nach den erforderlichen Werkzeugen geschickt. Ich ging mit den

anderen weiter, während ich mich innerlich gewissermaßen belebte: ich

sollte sehen und erfahren, was unsere Arbeit sein würde. Worin bestand

die sibirische Zwangsarbeit? Und wie würde ich selbst zum erstenmal in

meinem Leben arbeiten?

Ich erinnere mich noch des ganzen Tages bis in die kleinsten

Einzelheiten.

Unterwegs begegnete uns ein bärtiger Kleinbürger: er blieb stehen und

schob die Hand in die Tasche. Aus unserem Trupp löste sich sogleich ein

Arrestant, trat ihm entgegen, nahm die Mütze ab, empfing ein Almosen, –

fünf Kopeken, und kehrte schnell wieder zurück. Diese fünf Kopeken

wurden noch am selben Morgen in Kalatschen verzehrt, die für alle in

gleiche Stücke geteilt wurden.

In diesem ganzen Trupp waren einige wie gewöhnlich düster und

schweigsam, andere teilnahmslos und trüge, und wieder gab es einige, die

eigentlich nur aus Gewohnheit schwatzten. Einer von ihnen war ganz

besonders guter Laune, er sang und hätte unterwegs beinahe getanzt,

jedenfalls hopste er hin und her, wozu seine Ketten lauter klirrten. Das

war jener selbe mittelgroße, etwas dicke Arrestant, der am ersten Morgen

nach meiner Ankunft mit dem Hochgewachsenen beim Wassereimer gestritten

hatte, weil jener von sich ohne Bedenken zu behaupten gewagt hatte, er

sei ein Reiher. Dieser kleine lustige Bursche hieß Skuratoff. Jetzt

stimmte er plötzlich ein loses Lied an, von dem ich nur noch einen

Refrain behalten habe:

„Ohne mich ward ich vermählt

Mit der schönen Müllerin!“

Es fehlte nur noch eine Balalaika dazu.

Seine ungewöhnlich heitere Gemütsverfassung erweckte selbstverständlich

in einigen anderen ernsten Unwillen, ja sie faßten seine Heiterkeit fast

als persönliche Beleidigung auf.

„Da brüllt er nun!“ brummte unwirsch einer, den die Sache übrigens

nichts anging.

„Tas war ein Walfslied, tu aber hast’s umketreht, Grützkopf!“ bemerkte

einer der Mürrischen mit starkem kleinrussischen Akzent.

„Gut, ich bin meinetwegen auch ein Grützkopf, ihr aber habt euch dort in

Poltawa alle mit euren Mehlklümpchen ‚umkepracht‘ und seid Mehlwürmer

geworden,“ foppte Skuratoff nicht maulfaul.

„Tu lügst! Was hast tu selbst gefressen? Hast mit deinen Beinen Kohl

gelöffelt.“

„Und hier scheint ihn der Teufel mit Kanonenkugeln zu stopfen,“ bemerkte

ein anderer.

„Ja, es ist wahr, Bruderherz, ich bin ein verzärtelter Mensch,“

antwortete Skuratoff mit einem leichten Seufzer, ganz als bereue er die

nicht zu verändernde Tatsache, doch sprach er es mehr zu allen gewandt,

als zu einem einzigen. „Von Kindesbeinen an bin ich mit schwarzen

Pflaumen und weißen Semmeln aufgereckt worden“ (d. h. aufgezogen.

Skuratoff verdrehte die Worte absichtlich). „Meine leiblichen Brüder

haben auch jetzt noch in Moskau ihre Handlung, sie handeln nämlich in

der Durchgangsstraße mit Wind, sind die reichsten Kaufleute.“

„Und womit hast du gehandelt?“

„Hm, auch ich bin aus verschiedenen Eigenschaften hervorgegangen. Und

damals, Freundchen, bekam ich die ersten Zweihundert ...“

„Rubel doch nicht??“ fiel hastig ein Neugieriger ein, der sich sogleich

zu beleben schien, als er von so großem Gelde hörte.

„Nein, lieber Mensch, nicht Rubel, sondern Hiebe. Luka, heda! Hör mal,

Luka!“

„Luka bin ich für manchen schon, für dich aber bin ich Luka Kusmitsch

...“ brummte unwillig ein kleiner Mann mit einem spitzen Näschen, der

gleichfalls aus Kleinrußland stammte.

„Nun, dann Luka Kusmitsch, hol dich der Teufel, mag’s denn meinetwegen

so sein.“

„Für manchen Luka Kusmitsch, für dich aber Onkelchen.“

„Ach, zum Teufel mit dir samt dem Onkelchen, so lohnt sich’s ja gar

nicht, zu reden! Wollte aber ein hübsches Geschichtchen erzählen ... Nun

und so kam’s denn, daß ich nicht lange in Moskau auflebte; man gab mir

dort noch aufs Geleit fünfzehn Hiebe und dann – adjes Madrid! Und jetzt

bin ich hier ...“

„Aber für was kriegtest du denn die fünfzehn?“ fragte einer, der

aufmerksam zuhörte.

„Für was! Geh nicht in die Quarantäne, trink nicht direkt vom Spund,

spiel nicht den Spaßvogel, – so daß ich, Freundchen, keine Zeit hatte,

in der richtigen Weise in Moskau reich zu werden. Das aber wollte ich

gewaltig, gewaltig, ganz gewaltig, sag ich dir, nämlich reich werden.

Das wollte ich aber so, daß ich es dir selbst nicht zu sagen weiß, wie.“

Man lachte. Skuratoff war offenbar einer der freiwilligen Spaßmacher,

oder richtiger, Narren, die es sich gleichsam zur Aufgabe gemacht

hatten, ihre düsteren Genossen zu erheitern, und dafür, versteht sich,

nichts als Schimpf und Spott ernteten. Er gehörte zu einem besonderen

und sogar auffallenden Typus, auf den ich vielleicht noch einmal zu

sprechen kommen werde.

„Dich kann man ja auch jetzt statt des Pöbels schlagen,“ bemerkte Luka

Kusmitsch. „Sieh mal einer, seine Kleider sind ja allein schon an

hundert Rubel wert.“

Skuratoff hatte den ältesten oder vielmehr abgetragensten Schafspelz, an

dem auf allen Seiten Flicken hingen. Aufmerksam, doch ziemlich

gleichmütig besah er sich von oben bis unten.

„Dafür ist der Kopf teuer, Freundchen, der Kopf!“ antwortete er. „Das

tröstete mich auch damals, als ich Moskau verließ, nämlich daß mein Kopf

mit mir ging. Leb wohl, Moskau, ich danke dir für das Bad, für den

freien Geist, prächtig hat man mich dort mit Streifen versehen! Aber auf

meinen Pelz, Freundchen, hast du keine Ursach zu sehen ...“

„Ich soll wohl nur nach deinem Kopf blicken?“

„Auch der Kopf gehört ihm ja gar nicht mehr,“ mischte sich wieder Luka

ein, „der ist nur noch eine milde Gabe, die man ihm unterwegs um Christi

willen geschenkt hat, als er mit seinem Trupp durchzog.“

„Du, Skuratoff, du hast doch sicher auch ein Handwerk gelernt?“

„Was Handwerk! Führer war er ... hat bei ihnen Kieselsteine geschleppt,“

meinte einer der Mürrischen, „das ist sein ganzes Handwerk!“

„Ich habe einmal vorversucht, Stiebel zusammenzunähen,“ sagte Skuratoff,

als hätte er die spitze Bemerkung des anderen ganz überhört. „Aber es

blieb beim ersten Paar.“

„Na was, wurde es dir auch abgekauft?“

„Ja, es kam so einer, der weder Gott gefürchtet noch Vater und Mutter

geachtet hatte: da bestrafte ihn der Herr, – er kaufte das Paar.“

Alle um Skuratoff brachen in schallendes Gelächter aus: der Ton, in dem

er es sagte, war gar zu spaßig.

„Und dann habe ich noch einmal gearbeitet, das war aber schon hier,“

fuhr Skuratoff mit merkwürdiger Kaltblütigkeit fort, „für den Leutnant

Stepan Fedorowitsch Pomorzeff ein Paar Stiefel vorgeschuht.“

„Und war er zufrieden?“

Sämtliche Werke 18 · 第 10 / 35 段