Ssuschiloff war ein armer kleiner Teufel, vollkommen wortverschüchtert

und erniedrigt, sogar verprügelt, wenn man will, obgleich er bei uns

niemals geschlagen wurde, sondern einfach „von Natur“ verprügelt. Er tat

mir immer sehr leid. Ich konnte ihn nicht einmal ansehen ohne Mitleid,

warum aber nicht, – das hätte ich selbst nicht zu sagen gewußt.

Unterhalten konnte man sich mit ihm ebensowenig wie mit Ossip: er

verstand nicht zu sprechen und man sah es ihm an, daß das Sprechen ihm

eine Qual war, und er belebte sich erst dann, wenn man ihm, um das

Gespräch abzubrechen, irgend einen Auftrag gab. Zuletzt überzeugte ich

mich, daß ich ihm mit dieser Beschäftigung sogar ein Vergnügen

bereitete. Er war weder groß noch klein von Wuchs, weder hübsch noch

häßlich, weder dumm noch klug, weder alt noch jung, ein wenig

pockennarbig und von Haar blond zu nennen. Gar zu viel Bezeichnendes

kann man von ihm in keiner Beziehung sagen. Ach doch, eines, aber das

ist auch das einzige: wie es mir schien und nach dem, was ich selbst

erraten habe, gehörte er zur selben Gesellschaft, zu der auch Ssirotkin

gehörte, und zwar einzig wegen seiner Schutzlosigkeit und

Schüchternheit. Die anderen Arrestanten lachten zuweilen über ihn, doch

hauptsächlich taten sie es, weil er unterwegs _getauscht_ hatte, und

zwar im ganzen für einen Rubel Silber und ein rotes Hemd. Wegen dieses

geringen Preises wurde er denn auch ausgelacht. Dieses „Tauschen“

bedeutet, mit einem anderen Sträfling in seinem Trupp den Namen und

folglich auch die Strafe tauschen. Wie sonderbar einem das auch scheinen

mag, so ist es doch Tatsache; und zu meiner Zeit stand diese Art

Tauschhandel unter den Gefangenen auf dem Transport nach Sibirien in

voller Blüte, und war durch die Überlieferung und gewisse Formalitäten

sogar geheiligt. Anfangs konnte ich es unmöglich glauben, später aber

mußte ich es wohl oder übel, da ich es selbst miterlebte.

Das „Tauschen“ geschieht folgendermaßen:

Es wird zum Beispiel ein Trupp Gefangener nach Sibirien transportiert.

Unter ihnen gibt es verschieden Verurteilte: die einen zur Zwangsarbeit,

die anderen in ein Hüttenwerk, die dritten zur Ansiedlung; alle

marschieren zusammen. Irgendwo nun unterwegs, sagen wir im Permschen

Gouvernement, wünscht einer der Gefangenen, mit einem anderen zu

tauschen. Nehmen wir ein Beispiel: irgend ein Michailoff, der wegen

Mordes oder sonst eines schweren Verbrechens verurteilt ist, findet es

nicht vorteilhaft für sich, auf lange Jahre in die Zwangsarbeit zu

marschieren. Nehmen wir an, er ist ein schlauer, geriebener Junge, der

eine Sache richtig anzufassen weiß. Und so sucht er sich denn einen aus

seinen Marschgenossen aus, der möglichst schüchtern, harmlos, schutzlos

und ahnungslos ist und im Vergleich zu ihm einer leichten Strafe

entgegengeht: entweder auf kurze Zeit in ein Hüttenwerk, oder zur

Ansiedlung, oder selbst in die Kátorga, aber nur auf kürzere Zeit als

er. Endlich findet er einen Ssuschiloff. Dieser ist ein gewöhnlicher

Gutsbauer und nur zur Ansiedlung verschickt. Er hat schon an

tausendfünfhundert Werst abmarschiert, natürlich ohne eine Kopeke in der

Tasche, denn Ssuschiloff kann nie Geld haben, – er schleppt sich aber

weiter, ausgehungert, müde, nur in den vom Staat gelieferten Kleidern,

nährt sich nur von der Staatskost, ohne jeden schmackhaften Bissen, – so

gut es eben schmecken will –, dient allen anderen für armselige Kopeken.

Da kommt nun Michailoff und redet den Ssuschiloff an, spricht mit ihm

des öfteren, schließt sogar Freundschaft mit ihm, und eines Tages, auf

irgend einer Etappe, setzt er ihm Branntwein vor. Dann erst rückt er mit

seinem Plan heraus: er schlägt dem anderen vor, mit ihm zu tauschen. So

und so, ich, Michailoff, gehe in die Kátorga, aber andererseits auch

wieder nicht in die Kátorga, sondern in eine gewisse „besondere

Abteilung“. Wenn das auch Kátorga ist, so ist es doch immerhin eine

besondere, d. h. so viel wie in eine bessere. – Von dieser besonderen

Abteilung wußten zur Zeit ihres Bestehens selbst die zugehörigen

Beamten, sagen wir, in Petersburg, kaum etwas. Das war ein so

abgesonderter, weltferner Winkel in einem der Winkel Sibiriens, und

überdies so wenig bevölkert – zu meiner Zeit gab es in ihm nicht mehr

als etwa siebzehn Menschen –, daß es nicht jedermanns Sache und außerdem

sehr schwer war, auf seine Spur zu kommen. In meinem späteren Leben habe

ich Menschen getroffen, die in Sibirien lange Jahre gedient hatten und

Sibirien kannten, von dieser besonderen Abteilung aber zum ersten Mal

von mir hörten. Im Gesetzbuch steht über dieselbe nur eine Bemerkung von

vier Zeilen:

„Bei dem und dem Ostrogg wird eine besondere Abteilung für die

schwersten Verbrecher eingerichtet, bis zur Einführung der schwersten

Zwangsarbeit in Sibirien.“

Selbst die Sträflinge dieser „Abteilung“ wußten nicht, ob sie auf ewig

dort waren oder nur für eine bestimmte Zeit.

Auch im Gesetzbuch war kein Termin vorgesehen, es hieß nur: „bis zur

Einführung der schwersten Zwangsarbeit“, und das war alles; – folglich

„ewig in der Kátorga“, wie die Zwangsarbeiter sagten. So ist es denn

auch nicht weiter wunderlich, wenn weder ein Ssuschiloff noch sonst

jemand von den mit ihm marschierenden Gefangenen etwas davon weiß,

selbst Michailoff nicht ausgenommen, der sich aber von der „besonderen

Abteilung“ nur insofern eine zutreffendere Vorstellung macht, als er

nach seinem schweren Verbrechen, für das er schon seine drei- bis

viertausend Hiebe erhalten hat, urteilen kann, daß man ihn nicht gerade

nach einem angenehmen Ort schickt.

Ssuschiloff dagegen ist zur Ansiedlung verschickt: was ist nun besser? –

„Willst du nicht mit mir tauschen?“ – Ssuschiloff ist halbbetrunken, ist

eine einfache Seele, ist seinem Gönner Michailoff voll Dankbarkeit

ergeben und so wagt er nicht recht abzuschlagen. Hinzu kommt, daß er

unterwegs von solchen Tauschgeschäften schon gehört hat, daß andere es

gleichfalls tun, und folglich nichts Unerhörtes dabei ist. Man einigt

sich. Der gewissenlose Michailoff benutzt die gutherzige Einfalt

Ssuschiloffs und kauft ihm seinen Namen für ein rotes Hemd und einen

Silberrubel ab, was er ihm sogleich in Gegenwart von Zeugen einhändigt.

Am nächsten Tage ist Ssuschiloff nicht mehr betrunken, er wird aber von

neuem bewirtet, und dann, nun ja, jetzt geht es nicht mehr gut, noch

abzusagen: der erhaltene Silberrubel ist schon vertrunken, das rote Hemd

nach einiger Zeit – gleichfalls. Willst du nicht, so gib das Geld und

das Hemd zurück. Wo aber soll ein Ssuschiloff einen ganzen Silberrubel

hernehmen? Und gibt er ihn nicht zurück, so wird ihn die

Sträflingsgenossenschaft dazu zwingen, seinen Namen dem anderen

abzutreten: darauf wird streng geachtet. Zudem, hast du versprochen, so

erfülle auch – das ist die Moral der Genossenschaft. Sonst wird er

aufgefressen. Man verprügelt ihn unendlich oder schlägt ihn einfach tot,

oder wenigstens wird er damit geschreckt.

In der Tat, würde die Genossenschaft nur in einem einzigen Fall

Nachsicht üben, so wäre der Handel mit dem Namentausch ein- für allemal

beendet. Wenn man sich von dem Versprechen lossagen und einen

abgeschlossenen Handel rückgängig machen kann, nachdem man das Geld

schon genommen hat, und ohne das Geld zurückzugeben – wer wird dann noch

so dumm sein und noch einmal auf diesen Handel eingehen? Mit einem Wort,

so etwas geht die ganze Genossenschaft an und darum ist sie unerbittlich

in diesen Dingen. Schließlich sieht denn auch Ssuschiloff ein, daß ihm

kein Beten und Singen mehr hilft und fügt sich stillschweigend endgültig

drein. Sofort wird es dem ganzen Trupp mitgeteilt, und wenn’s nötig ist,

wird noch diesem und jenem guten Freunde Branntwein oder ein Geschenk

gegeben. Jenen ist es im Grunde natürlich völlig gleichgültig, ob

Michailoff oder Ssuschiloff in des Teufels Horn kriecht, der Branntwein

ist aber ausgetrunken: sie sind doch bewirtet worden, und so halten sie

reinen Mund. Auf der nächsten Etappe werden die Gefangenen revidiert.

Die Namen werden nach dem Alphabet ausgerufen, man kommt zu M. –

„Michailoff!“ – „Hier!“ antwortet Ssuschiloff. Man kommt zu S. –

„Ssuschiloff!“ – „Hier!“ schreit wiederum Michailoff, und so geht man

weiter. Niemand verliert darüber noch ein Wort. In Tobolsk werden die

Gefangenen sortiert: Michailoff kommt zu den Ansiedlern und Ssuschiloff

wandert unter doppelter Eskorte in die „besondere Abteilung“. Weiterhin

ist jeder Protest unmöglich. Und wie sollte man es beweisen? Durch

wieviel Jahre würde sich die Untersuchung hinschleppen? Und was kann es

dafür noch alles setzen? Und dann – wo sind die Zeugen? Selbst wenn man

sie zur Hand hätte, sie würden ja doch die Tatsache leugnen. Und somit

ist das Resultat, daß Ssuschiloff für einen Silberrubel und ein rotes

Hemd in die „besondere Abteilung“ gerät.

Die Arrestanten lachten über Ssuschiloff, – nicht seines Tausches wegen,

obgleich man auf jeden, der eine leichtere Arbeit gegen eine schwerere

eingetauscht hat, mit einer gewissen Verachtung herabsieht, wie eben auf

einen hereingefallenen Dummkopf, sondern weil er dafür nur ein rotes

Hemd und einen einzigen Silberrubel genommen hatte. Das war denn doch

ein gar zu geringer Preis. Gewöhnlich tauscht man nur für große Summen,

im Verhältnis gesprochen. Man nimmt etwa mehrere Zehnrubelscheine dafür.

Ssuschiloff war aber so schutzlos, so hilflos, so unterwürfig und so

armselig, daß man eigentlich kaum noch über ihn lachen wollte.

Es vergingen die Jahre und Ssuschiloff diente mir gewissenhaft. Mit der

Zeit wurde er mir sehr zugetan, was ich zu bemerken nicht umhin konnte;

und auch ich hatte mich sehr an ihn gewöhnt. Einmal aber – das werde ich

mir nie verzeihen – hatte er irgend etwas, um das ich ihn gebeten, nicht

getan, kurz vorher aber hatte er noch von mir Geld geborgt, und ich war

so grausam, zu ihm zu sagen: „Seht mal, Ssuschiloff, Geld versteht Ihr

zu nehmen, aber um was man Euch bittet, versteht Ihr nicht auszuführen.“

Ssuschiloff sagte kein Wort, lief sofort hin und verrichtete die Sache,

wurde aber seit dem Augenblick immer trauriger. Es vergingen zwei Tage.

Ich dachte: es kann doch nicht sein, daß er wegen dieser Worte so

traurig ist? Ich wußte, daß ihn ein Arrestant, Anton Wassiljeff,

beständig wegen einer kleinen Kopekenschuld plagte. Sicherlich hat er

kein Geld, dachte ich, und nun fürchtet er sich, von mir welches zu

erbitten. Am dritten Tage sagte ich zu ihm: „Ssuschiloff, Ihr wolltet

mich, glaube ich, um Geld bitten, um Eure Schuld an Anton Wassiljeff zu

bezahlen? Da habt Ihr.“ Ich saß damals auf der Pritsche; Ssuschiloff

stand vor mir. Er war, wie es schien, sehr erschrocken, denn das hatte

er offenbar nicht erwartet, daß ich ihm ungefragt Geld anbieten und ihn

an seine mißliche Lage erinnern könnte, umsoweniger, als er in der

letzten Zeit seiner Meinung nach schon gar zu viel von mir bekommen

hatte und folglich kaum darauf hoffen konnte, noch welches zu erhalten.

Er sah das Geld an, sah mich an, drehte sich plötzlich um und ging

hinaus. Das wunderte mich. Ich ging ihm nach und fand ihn hinter den

Kasernen. Er stand am Palissadenzaun und hatte den Kopf an einen Pfahl

gestützt.

„Ssuschiloff, was ist mit Euch?“ fragte ich ihn.

Er sah mich nicht an, doch gewahrte ich zu meinem größten Erstaunen, daß

er bereit war, in Tränen auszubrechen.

„Ihr Alexander Petrowitsch ... denkt ...“ begann er mit versagender

Stimme und krampfhaft nur zur Seite gewandtem Blick, „daß ich Euch ...

für Geld ... ich aber ... ich! ...“ Und er wandte sich wieder zu den

Palissaden, so daß er bei der plötzlichen Bewegung mit der Stirn sogar

heftig anstieß, – und schluchzte! ... Es war das erste Mal, daß ich im

Ostrogg einen weinenden Menschen sah. Nur mit Mühe gelang es mir, ihn zu

trösten, und wenn er auch seit dem Tage womöglich noch eifriger mir zu

dienen und zu „gehorchen“ suchte, so bemerkte ich dennoch an einigen

fast unmerklichen, unerhaschbaren Anzeichen, daß er im Herzen mir doch

niemals meinen Vorwurf verzeihen konnte. Die anderen aber lachten

fortwährend über ihn, zogen ihn bei jeder passenden Gelegenheit

unbarmherzig auf, schimpften ihn sogar unbeschreiblich, – er jedoch nahm

jenen nie etwas übel und lebte friedlich und in gutem Einvernehmen mit

ihnen.

Ja, es ist sehr schwer, einen Menschen von Grund auf kennen zu lernen,

selbst lange Jahre beständigen Zusammenseins genügen nicht einmal!

Das war auch der Grund, warum mir der ganze Ostrogg in der ersten Zeit

nicht so erschien, wie in der letzten. Und so kam es denn auch, daß ich,

wie ich schon sagte, trotz meiner ganzen Neugier und verdoppelten

Aufmerksamkeit, doch vieles nicht sah, was dicht vor meinen Augen

geschah. Natürlich waren es anfangs nur die auffallenden, grell

beleuchteten Erscheinungen, die ich bemerkte, aber auch diese faßte ich

falsch auf und sie hinterließen in meiner Seele nur einen schweren,

hoffnungslos traurigen Eindruck. Viel trug dazu auch noch meine

Begegnung mit A–ff bei, einem Sträfling, der gleichfalls kurz vor mir in

den Ostrogg gekommen war und mich in den ersten Tagen durch seinen

besonders qualvollen Eindruck peinigte. Übrigens hatte ich schon vorher

erfahren, daß ich ihn im Ostrogg vorfinden würde. Er vergiftete mir

geradezu diese erste schwere Zeit und machte meine seelischen Qualen

nahezu unerträglich. Ich kann es nicht unterlassen, auch von ihm Näheres

zu erzählen:

Er war das widerlichste Beispiel dafür, bis zu welchem Grade der Mensch

sich erniedrigen und sinken, in welchem Maße er jedes sittliche Gefühl

in sich ertöten kann, ohne daß es ihm Mühe oder Reue kostet.

A–ff war ein junger Mensch aus dem Adelsstande. Ich habe hier schon

einmal von ihm gesprochen: ich sagte, daß er unserem Platzmajor alles

hinterbrachte, was im Ostrogg geschah, und daß er sich mit dessen

Burschen Fedjka angefreundet hatte.

Seine Lebensgeschichte ist kurz folgende: Ohne auch nur eine einzige

Lehranstalt zu absolvieren, war er, nachdem er sich in Moskau mit seinen

Verwandten entzweit hatte – er hatte sie durch sein ausschweifendes

Leben nicht wenig bekümmert, – nach Petersburg gegangen, wo er sich um

des Geldes willen zu einem niederträchtigen Verrat entschlossen hatte:

er überantwortete zehn Menschen dem Tode, nur um seinen rohen und

verderbten Leidenschaften frönen zu können – so daß er denn, da ihm

Petersburg, seine Lokale und großen Straßen zu Kopf gestiegen waren,

obgleich er sonst kein dummer Mensch war, sich auf ein so sinnloses und

häßliches Unternehmen einließ. Er wurde aber bald überführt: er hatte

unschuldige Menschen angegeben, hatte viele betrogen, und war dafür nach

Sibirien in unseren Ostrogg auf zehn Jahre verschickt worden. Er war

noch sehr jung, sein Leben hatte erst begonnen. Man sollte meinen, daß

eine so furchtbare Veränderung seines Schicksals ihn zum Nachdenken

hätte bringen, seine Natur zu einem Widerstand hätte zusammenreißen

müssen. Doch es war nichts davon geschehen. Er nahm sein neues Leben

ohne die geringste Verwirrung entgegen, ohne den geringsten Ekel, er

fühlte sich nicht einmal sittlich davon abgestoßen, es schreckte ihn

nichts ab, außer vielleicht die Notwendigkeit zu arbeiten und Petersburg

mit allem für ihn Schönen zu verlassen. Es hatte sogar den Anschein, als

habe der Rang eines sibirischen Sträflings ihm erst recht die Hände

befreit, als sei er jetzt seiner Meinung nach zu noch größeren

Gemeinheiten und Schändlichkeiten berechtigt: „Ist man Sträfling, dann

muß man eben Sträfling sein; ist man Sträfling, so kann man alles

begehen, es wird nicht schändlich sein.“ Das war buchstäblich seine

Meinung. Ich erinnere mich dieser scheußlichen Kreatur geradezu wie

eines Phänomens. Ich habe lange Jahre unter Mördern, Wollüstlingen und

den abgefeimtesten Spitzbuben gelebt, doch kann ich ruhig sagen, daß ich

eine so absolute sittliche Verkommenheit, eine so scheußliche Verderbnis

und so niedrige Gemeinheit wie bei A–ff niemals angetroffen habe. Bei

uns im Ostrogg gab es noch einen Vatermörder, gleichfalls adliger

Herkunft – es ist einmal schon von ihm die Rede gewesen –, doch konnte

ich mich an vielen Dingen überzeugen, daß selbst dieser unvergleichlich

menschlicher und edler war als A–ff. In meinen Augen war A–ff während

der ganzen Zeit meines Ostrogglebens ein Stück Fleisch mit Zähnen und

einem Magen und mit unstillbarem Verlangen nach rohesten, tierischsten

physischen Genüssen, und für die Befriedigung selbst der kleinsten

dieser Verlangen wäre er fähig gewesen, in der kaltblütigsten Weise zu

ermorden, zu erdrosseln, mit einem Wort, zu allem, vorausgesetzt nur,

daß die Sache nicht herauskäme und er keine Strafe zu fürchten hatte.

Ich übertreibe durchaus nicht, ich habe ihn nur zu gut erkannt. Er war

ein Beispiel dafür, wie weit die physische Seite des Menschen, sobald

sie innerlich von keiner Norm, keinem Gesetz zusammengehalten wird,

sinken kann. Und wie ekelhaft war es mir, sein ewig höhnisches Lächeln

zu sehen. Er war ein Monstrum, ein sittliches Ungeheuer. Dazu war er

noch schlau und klug, hübsch, sogar gewissermaßen gebildet, nicht

unbegabt. Nein, dann wäre es doch besser, eine Feuersbrunst käme über

die Welt, oder Pest und Hungersnot, als daß solch ein Mensch in der

Gesellschaft bliebe!

Ich habe schon davon gesprochen, daß im Ostrogg alles so verrottet war,

daß Spionage und heimliche Anzeigen geradezu blühten, die Arrestanten

aber über die Spione oder Hinterbringer nicht den geringsten Unwillen

bekundeten. Im Gegenteil, mit A–ff z. B. standen sie sich sogar sehr gut

und verkehrten mit ihm unvergleichlich freundschaftlicher als mit uns

übrigen. Das Wohlwollen, das unser Major in trunkenem Zustande für ihn

an den Tag legte, gab ihm in den Augen der anderen Bedeutung und

Gewicht. Unter anderem hatte er auch den Major versichert, daß er

Porträts malen könne – den Arrestanten hatte er gesagt, er sei

Gardeleutnant gewesen –, worauf jener ihn zu sich ins Haus zur Arbeit

kommen ließ, um ihn, den Major, zu porträtieren. Bei der Gelegenheit war

er denn auch mit Fedjka zusammengekommen, der auf seinen Herrn und

folglich auch auf alle und alles im Ostrogg einen großen Einfluß hatte.

A–ff spionierte im Ostrogg auf Verlangen des Majors, dieser aber

schimpfte ihn deswegen, wenn er ihm in betrunkenem Zustande Ohrfeigen

gab, nannte ihn einen Ohrenbläser, gemeinen Hinterbringer und Spion. Es

kam vor, und sogar sehr oft, daß der Major sich im nächsten Augenblick

nach den Ohrfeigen wieder auf seinen Stuhl setzte und ihm weiterzumalen

befahl. Unser Major schien in der Tat zu glauben, daß A–ff ein

bedeutender Künstler sei, womöglich ein zweiter Brüloff, von dem auch er

einmal gehört haben mochte, doch ungeachtet aller Genialität, glaubte

er, der Major, sich doch berechtigt, den anderen links und rechts zu

schlagen, denn wenn jener auch ein noch so großer Künstler und selbst

ein doppelter Brüloff gewesen wäre, so war er, der Major, ihm doch noch

über, nämlich als sein Vorgesetzter, und folglich konnte er mit jenem

machen, was er wollte. Übrigens ließ er sich von A–ff auch die Stiefeln

ausziehen, verschiedene Gefäße aus dem Schlafzimmer hinaustragen, konnte

sich aber trotz allem lange Zeit noch nicht von dem Gedanken lossagen,

daß A–ff ein großer Künstler sei. Mit dem Porträtieren ging es unendlich

langsam vorwärts, fast ein ganzes Jahr lang zog sich das Malen hin, bis

der Major dann doch endlich erriet, daß er betrogen worden war. Da sah

er denn auch bald ein, daß das Bild ihm mit jedem Tage unähnlicher wurde

und seine Vollendung noch weit im Felde lag: er verprügelte den Künstler

und schickte ihn zur Strafe in den Ostrogg zur schwersten Arbeit. A–ff

bedauerte diese Schicksalswendung natürlich sehr, und es fiel ihm

schwer, auf die schönen müßigen Tage, die Abfälle von der Majorstafel,

seinen Freund Fedjka und auf alle schönen Dinge, die sie sich in der

Küche zu bereiten gewußt hatten, ein für allemal Verzicht zu leisten.

Jedenfalls hörte der Major nach der Entfernung A–ffs auf, einen gewissen

M. zu verfolgen, einen Sträfling, den A–ff unaufhörlich bei ihm

verleumdet hatte, und zwar aus folgendem Grunde: Dieser M. war vor der

Ankunft A–ffs im Ostrogg völlig allein gewesen. Er hatte große Sehnsucht

nach einem Menschen, mit dem er hätte sprechen können, hatte aber für

die übrigen Arrestanten nur Entsetzen und Widerwillen übrig, und

bemerkte natürlich nichts von all dem, was ihn hätte aussöhnen und sie

ihm näherbringen können. Die Arrestanten zahlten ihm mit derselben Münze

heim. Überhaupt ist im Ostrogg die Stellung solcher Leute wie M. einfach

grauenvoll. Der Grund, warum man A–ff verschickt hatte, war ihm

unbekannt. A–ff dagegen, der bald erriet, mit wem er es zu tun hatte,

versicherte ihn, er, A–ff, sei so gut wie für das Gegenteil einer

Denunziation verschickt worden, also fast für dasselbe Vergehen,

aufgrund dessen auch M. in den Ostrogg gekommen war. M. war glückselig

über den Schicksalsgenossen und Freund, pflegte, tröstete ihn in den

ersten Tagen, da er glaubte, jener müsse sehr leiden, gab ihm sein

letztes Geld, gab ihm zu essen, teilte mit ihm seine ganze Habe. A–ff

aber fing sofort an, ihn zu hassen, vor allem deshalb, weil jener ein

edler Mensch war und mit solchem Entsetzen auf jede niedrige Handlung

sah, und hauptsächlich, weil er selbst diesem M. so unähnlich war. Und

schon bei der ersten Gelegenheit beeilte sich A–ff, alles dem Major

mitzuteilen, was M. ihm in den Gesprächen über den Ostrogg und den Major

gesagt hatte.

Der Major schwor dafür Rache, haßte M. und versuchte ihm zu schaden, wo

er nur konnte, und wenn nicht der Kommandeur noch mit seiner Autorität

dagewesen wäre, hätte der Major es richtig noch zu etwas Schlimmerem

gebracht. Doch all das verwirrte A–ff nicht im geringsten, als M. von

seiner Schändlichkeit erfuhr; es behagte ihm sogar, jenem zu begegnen

und ihn mit höhnischem Lächeln anzusehen. Das schien ihm geradezu ein

Genuß zu sein. M. wies mich mehr als einmal selbst darauf hin. Dieses

verkommene Subjekt floh später mit einem anderen Arrestanten und einem

Eskortesoldaten, aber von dieser Flucht werde ich später ausführlicher

erzählen. Anfangs versuchte er, auch bei mir sich einzuschmeicheln, da

er im Glauben war, ich wüßte nichts von seiner Vergangenheit. Ich

wiederhole es, dieses Subjekt machte mir die erste Zeit im Ostrogg noch

schwerer, als sie ohnehin gewesen wäre. Mich entsetzte diese furchtbare

Gemeinheit und Niedrigkeit, in die ich mich mitten hineinversetzt sah,

als ich wieder zu mir kam und erwachte. Ich glaubte, daß hier im Ostrogg

alle so schändlich und gemein wären. Aber ich hatte mich getäuscht: ich

hatte nach A–ff auf alle geschlossen.

In diesen drei arbeitslosen Tagen schlenderte ich in meiner gedrückten,

qualvollen Stimmung im Ostrogg umher, lag auf der Pritsche und gab einem

zuverlässigen Arrestanten, den Akim Akimytsch mir empfohlen hatte, die

mir ausgelieferte Leinwand ab, um mir Hemden nähen zu lassen, –

natürlich für Bezahlung, das Hemd kostete nur wenige Kopeken –, schaffte

mir auf den dringenden Rat Akim Akimytschs hin eine zusammenlegbare

Matratze an, die aus Filz bestand, mit Leinwand überzogen und dünn wie

ein Pfannenkuchen war, und außerdem noch ein Kopfkissen, das mit Wolle

ausgestopft war und mir entsetzlich hart vorkam, da ich mich an so etwas

noch nicht gewöhnt hatte. Akim Akimytsch bemühte sich eifrig um die

Herstellung all dieser Sachen und nähte mir noch eigenhändig eine Decke

aus alten Tuchstücken, alten Beinkleidern und Jacken, die ich von den

anderen Arrestanten aufgekauft hatte.

Die ausgelieferten Kleidungsstücke wurden, wenn sie ihre

vorschriftsmäßige Zeit vorgehalten hatten, Eigentum des Arrestanten, der

sie dann sofort verkaufte; wie abgetragen das Ding auch sein mochte – im

Ostrogg hatte es immer noch einen Wert. Überhaupt kam ich anfangs aus

der Verwunderung gar nicht heraus; war es doch meine erste unmittelbare

Berührung mit dem Volke. Ich selbst wurde plötzlich ganz ebenso Volk,

ebenso ein sibirischer Arrestant, wie sie. Ihre Angewohnheiten,

Begriffe, Meinungen, Sitten – wurden gleichsam auch die meinen,

wenigstens der Form, dem Gesetz nach, wenn es auch in Wirklichkeit nicht

der Fall war. Ich war erstaunt und verwirrt, als hätte ich vorher noch

nichts von alledem geahnt oder gehört, obgleich ich schon vieles gewußt

und gehört hatte. Aber die Wirklichkeit bringt immer einen ganz anderen

Eindruck hervor, als das Wissen und Hören. Wie hätte ich zum Beispiel

früher denken können, daß solche Sachen, solche Lumpen auch noch als

Gegenstände oder gar als kaufkräftige Ware angesehen werden könnten. –

Und da nähte ich mir nun aus ihnen noch eine Schlafdecke! Auch ist es

schwer, sich vorzustellen, von welcher Art der Stoff war, der dem

Arrestanten für die Kleider ausgeliefert wurde. Dem Ansehen nach schien

er tatsächlich dickes Militärtuch zu sein; kaum aber war er getragen, so

verwandelte er sich förmlich in ein Netz und zerriß empörend leicht.

Übrigens mußte man mit dem Tuchanzug nur ein Jahr auskommen, aber selbst

das war schwer. Ein Zwangsarbeiter muß naturgemäß arbeiten, er muß

schwere Lasten tragen; seine Kleider werden abgerieben und zerreißen

bald. Mit dem Pelze dagegen mußte man drei Jahre lang auskommen und

diese Pelze dienten in der Regel noch als Schlafdecken und als

Unterlage, da nur wenige Matratzen besaßen. Doch die Pelze sind stark.

Trotzdem aber sah man nicht selten jemand, dessen Pelz zu Ende

des dritten Jahres mit gewöhnlicher Leinwand geflickt war.

Nichtsdestoweniger wurden sie, wenn sie auch noch so abgetragen waren,

nach Ablauf der Tragefrist für fünfzig Kopeken in Silber verkauft. Für

besser erhaltene wurden sogar sechzig bis siebzig Kopeken gezahlt, das

aber ist in der Kátorga viel Geld.

Sämtliche Werke 18 · 第 9 / 35 段