mir sonderbar, da Alei sonst immer so zartfühlend, so taktvoll und
höflich war und mich niemals als erster anredete. Als ich aber
aufmerksam hinblickte, gewahrte ich soviel Kummer in seinem Gesicht,
soviel Qual der Erinnerungen, daß ich sofort erriet, warum er die Frage
gestellt hatte: weil es ihm selbst gerade in diesem Augenblick sehr
schwer zumute war. Und ich sagte ihm, was ich dachte. Er seufzte und
lächelte traurig. Ich liebte sein Lächeln, das immer zärtlich und
herzlich war. Außerdem zeigte er beim Lächeln seine wundervollen Zähne,
die buchstäblich wie zwei Perlenreihen waren und um deren Schönheit ihn
die schönste Frau der Welt hätte beneiden können.
„Nun, Alei, du hast soeben sicherlich daran gedacht, wie man bei euch in
Dagestan dieses Fest feiert? Schön muß es dort sein.“
„Ja,“ antwortete er begeistert, und seine Augen leuchteten auf. „Aber
woher weißt du, daß ich daran dachte?“
„Was ist da zu wissen! Nun, ist es dort schöner als hier?“
„O, warum sagst du das! ...“
„Welch eine Blumenpracht, welch ein Paradies jetzt dort sein muß!“
„O–o! sprich lieber nicht!“
Er war mächtig erregt.
„Sag mal, Alei, hattest du nicht auch eine Schwester?“
„Ich hatte, – aber warum fragst du?“
„Dann war sie wohl eine Schönheit, wenn sie dir ähnlich sah?“
„Was mir! Sie ist so schön, daß es im ganzen Dagestan keine schönere
gibt! Ach, wenn du wüßtest, was für eine Schönheit meine Schwester ist!
Du hast eine solche noch nie gesehen! Auch meine Mutter war eine
Schönheit.“
„Und liebte dich deine Mutter?“
„Ach! wie du sprichst! Sie ist jetzt bestimmt vor Kummer um mich
gestorben. Ich war ihr Lieblingssohn. Sie liebte mich mehr als meine
Schwester, als alle ... Heute Nacht kam sie im Traume zu mir und weinte
über mich.“
Er verstummte, und an jenem Abend habe ich kein Wort mehr von ihm
gehört. Seit diesem Gespräch aber suchte er immer mit mir zu sprechen,
wenn auch seine Ehrfurcht vor mir ihm nach wie vor verbot, mich als
erster anzureden. Um so freudiger war er überrascht, wenn ich selbst
mich an ihn wandte. Ich fragte ihn über den Kaukasus aus und sein
früheres Leben. Seine Brüder verboten ihm nicht, mit mir zu reden, es
schien ihnen sogar angenehm zu sein, daß er es tat. Und als sie sahen,
daß ich ihren Alei immer lieber gewann, da wurden auch sie viel
freundlicher zu mir.
Alei half mir bei der Arbeit, half mir, womit er nur konnte, auch in der
Kaserne, und man sah es ihm an, daß es ihm angenehm war, mir gefällig
zu sein, und in seinen Bemühungen lag nicht die geringste
Selbsterniedrigung oder gar ein Suchen nach einem Vorteil, sondern nur
ein warmes, freundschaftliches Gefühl, das er denn auch nicht mehr vor
mir verbarg. Unter anderem hatte er auch viel Geschick für technische
Arbeiten: er lernte gut Wäsche nähen, Stiefel auszubessern und zum
Schluß erlernte er noch, soweit es ging, das Tischlerhandwerk. Seine
Brüder lobten ihn und waren stolz auf ihren Jüngsten.
„Hör mal, Alei,“ sagte ich eines Tages zu ihm, „warum lernst du nicht
russisch lesen und schreiben? Weißt du denn nicht, wie sehr dir das
späterhin hier in Sibirien zustatten kommen könnte?“
„Ich will es sehr gern. Aber bei wem soll ich es erlernen?“
„Als ob es hier wenige gäbe, die dich unterrichten könnten! Willst du,
daß ich es tue?“
„Ach, tu’s, bitte!“ und er stand sogleich von der Pritsche auf, faltete
bittend die Hände vor mir und sah mich flehend an.
Wir fingen gleich am nächsten Abend an. Ich besaß die russische
Übersetzung des Neuen Testaments – ein Buch, das im Ostrogg nicht
verboten ist. Nach diesem Buch, ohne ABC-Bücher, lernte Alei binnen
weniger Wochen fließend zu lesen. Nach drei Monaten war er durchaus fest
in der Schriftsprache. Er lernte mit unermüdlichem Eifer und riesiger
Begeisterung.
Eines Abends hatten wir die ganze Bergpredigt durchgelesen. Es war mir
aufgefallen, daß er einige Stellen mit ganz besonderem Ausdruck vortrug.
Ich fragte ihn, ob es ihm gefallen habe, was er gelesen?
Er blickte schnell auf und errötete.
„Ach, ja!“ antwortete er, – „ja. Issa (Jesus) ist ein großer Prophet,
Issa hat Gottes Wort gesprochen. Wie schön er spricht!“
„Was hat dir denn am meisten daraus gefallen?“
„Ach, das, wo er sagt: ‚Liebet eure Feinde, tuet wohl denen, die euch
hassen.‘ Ach wie schön er spricht!“
Er wandte sich zu seinen Brüdern, die uns während des Gesprächs
beobachtet hatten, und begann ihnen eifrig etwas zu erzählen. Sie
sprachen lange und ernst miteinander und nickten zustimmend mit den
Köpfen. Darauf wandten sie sich mit einem ernsten, wohlwollenden, d. h.,
echt muselmännischen Lächeln (das ich über alles liebe, und zwar gerade
wegen des Ernstes) zu mir und sagten, Issa (Jesus) sei ein großer
Prophet Gottes gewesen und er habe große Wunder getan; er habe sogar aus
Lehm Vögel geformt, sie angeblasen und dieselben seien dann geflogen ...
und dieses stehe auch in ihren Büchern geschrieben. Als sie das gesagt
hatten, waren sie fest überzeugt, mir ein großes Vergnügen bereitet zu
haben, indem sie Issa lobten, und Alei war restlos glücklich darüber,
daß seine Brüder geruht hatten, mir dieses Vergnügen zu bereiten.
Auch mit dem Schreiben ging es bei uns gut vorwärts. Alei hatte sich
Papier verschafft (er gab es unter keiner Bedingung zu, daß ich es von
meinem Gelde kaufte), dazu Federn, Tinte, und in kaum zwei Monaten hatte
er vorzüglich das Schreiben erlernt. Das setzte sogar seine Brüder in
Erstaunen. Ihr Stolz und ihre Freude kannten keine Grenzen und sie
wußten nicht, wie sie es mir danken sollten. Bei der Arbeit, wenn wir
einmal zusammen in einem Trupp abgeschickt waren, halfen sie mir
wetteifernd und schätzten sich noch glücklich, wenn sie mir helfen
konnten. Von Alei selbst lohnt es sich gar nicht zu reden. Er liebte
mich vielleicht ebenso sehr, wie seine Brüder. Niemals werde ich
vergessen, wie er den Ostrogg verließ. Er führte mich hinter die
Kaserne, warf sich dort an meinen Hals und schluchzte. Niemals früher
hatte er mich geküßt und noch niemals hatte ich ihn weinen gesehen.
„Du hast soviel für mich getan, soviel getan,“ sagte er, „wie selbst
mein Vater und meine Mutter nicht getan haben: du hast mich zum Menschen
gemacht. Gott wird es dir lohnen, ich aber werde dich nie vergessen!
...“
Wo mag er jetzt sein, mein lieber, guter, herzensguter Alei?
Außer den Tscherkessen und Tataren gab es in unserer Kaserne noch eine
ganze Gesellschaft Polen, die vollständig eine Familie für sich
darstellten und mit den übrigen Arrestanten fast überhaupt nicht
sprachen. Ich sagte schon, daß sie für ihre Absonderung, für ihren Haß
auf die gefangenen Russen sich wiederum den Haß aller anderen zuzogen.
Es waren ihrer im ganzen sechs, kranke, ausgemergelte Geschöpfe. Einige
von ihnen waren Gebildete; von denen werde ich in der Folge noch
besonders und ausführlich zu berichten haben. Von ihnen erhielt ich in
den letzten Jahren meines Ostrogglebens einige Bücher. Das erste Buch,
das ich nach so langer Zeit las, machte einen mächtigen und eigenartigen
Eindruck auf mich. Auch von diesen Eindrücken werde ich noch
ausführlicher sprechen. Für mich waren sie gar zu interessant, doch bin
ich überzeugt, daß sie vielen ganz unverständlich sein werden. Ohne
eigene Erfahrung kann man über gar manche Dinge nicht urteilen. Ich will
vorläufig nur sagen, daß geistige Entbehrungen, sittliche Einbußen
schwerer zu ertragen sind, als alle physischen Qualen. Der einfache
Mensch, der in die Kátorga kommt, findet dort seine Gesellschaft vor,
vielleicht sogar eine noch viel entwickeltere. Selbstverständlich hat er
viel verloren, Heimat, Familie, alles was sein war, aber das Milieu ist
für ihn dasselbe geblieben. Der Gebildete dagegen, der nach dem Gesetz
derselben Strafe unterliegt, wie der Einfache, verliert häufig
unvergleichlich mehr als dieser. Er muß alle vornehmeren Bedürfnisse,
alle Angewohnheiten in sich unterdrücken, er muß in einer Umgebung
leben, die tief unter ihm steht, er muß sich daran gewöhnen, andere Luft
zu atmen ... Er ist wie ein Fisch, den man aus dem Wasser auf den Sand
gezogen hat ... Und häufig wird für ihn die dem Gesetz nach gleiche
Strafe zu einer zehnmal qualvolleren. Das ist Tatsache ... selbst wenn
es sich nur um materielle Angewohnheiten, die man opfern muß, handelte.
Die Polen bildeten eine besondere abgeschlossene Klique. Es waren ihrer
sechs und sie hielten alle zusammen.
Von allen übrigen Sträflingen mochten sie nur einen Juden leiden, und
vielleicht einzig aus dem Grunde, weil er sie belustigte. Dieses Jüdchen
wurde übrigens auch von den anderen Sträflingen gern gesehen, wenn sie
auch alle ohne Ausnahme über ihn lachten. Er war bei uns der einzige
Jude und auch jetzt noch überkommt mich das Lachen, wenn ich an ihn
denke. Jedesmal wenn ich ihn ansah, mußte ich immer an Gogols Jankel aus
seinem „Taras Bulba“ denken, der, wenn er sich zur Nacht entkleidete, um
sich mit seiner Jüdin in eine gewisse Kommode zu begeben, sogleich einem
gerupften Kücken auffallend ähnlich wurde. Issai Fomitsch Bummstein, so
hieß unser Jüdchen, glich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen, einem
gerupften halberwachsenen Hühnertier. Er war nicht mehr jung, etwa
fünfzigjährig, klein von Wuchs und äußerst schwächlich, schlau und
gleichzeitig absolut dumm. Er war frech und anmaßend, dabei aber
entsetzlich feig. Sein ganzes Gesicht bestand aus Runzeln und auf der
Stirn und den Wangen war er gebrandmarkt, was auf dem Schafott geschehen
war, nachdem er sechzig Peitschenhiebe erhalten hatte. Noch jetzt
verstehe ich nicht, wie er so viel auszuhalten vermocht hat. Er war
wegen Mordes verschickt worden. Sorgfältig bewahrte er ein Rezept auf,
das seine Glaubensgenossen von einem Doktor verschafft und ihm bald
nachher zugestellt hatten. Nach diesem Rezept konnte man eine Salbe
zubereiten, von der die Brandmale binnen zwei Wochen vergingen. Im
Ostrogg wagte er natürlich nicht, diese Salbe anzuwenden, wartete aber
sehnsüchtig auf den Ablauf seiner zwölfjährigen Frist, um sie dann, wenn
er zur Ansiedlung weitergeschickt werden würde, sofort zu benutzen.
„Denn anders kann ich nich aheiraten,“ sagte er mir einmal, „ich aber
will aheiraten bestimmt.“ Wir beide verstanden uns sehr gut. Er war
beständig in der besten Laune und er hatte ein leichtes Leben in der
Kátorga: er war von Beruf Juwelier und mit Arbeiten aus der Stadt
überhäuft, da es dort keinen Juwelier gab, und so befreite er sich von
der schweren Zwangsarbeit. Außerdem war er, versteht sich, noch Wucherer
und versah für hohe Prozente den ganzen Ostrogg mit Geld. Er war schon
vor mir angekommen und einer der Polen beschrieb mir ausführlich seine
Ankunft. Es ist das eine höchst amüsante Geschichte, die ich späterhin
noch zum besten geben will, denn von unserem Issai Fomitsch Bummstein
werde ich noch mehr als einmal zu erzählen haben.
Das übrige Volk in unserer Kaserne bestand aus vier Altgläubigen, alles
alte und bibelkundige Leute, zu denen auch der Greis aus Starodubowo
gehörte; aus zwei oder drei Kleinrussen, finsteren Menschen, aus einem
jungen Sträfling mit einem schmalen Gesichtchen und feinen Näschen, im
Alter von erst dreiundzwanzig Jahren, der indessen schon acht Menschen
umgebracht hatte; aus einer kleinen Gesellschaft Falschmünzer, von denen
einer der Spaßvogel der ganzen Kaserne war, und endlich aus mehreren
düsteren, mürrischen und verunstalteten, schweigsamen und neidischen,
alle Welt mißtrauisch ansehenden Individuen, die allem Anschein nach die
Absicht hatten, noch lange Jahre so darein zu sehen, mürrisch zu sein,
zu schweigen und zu hassen – so lange wie sie in der Kátorga bleiben
mußten.
Alle diese Gestalten sah ich an jenem ersten freudlosen Abend meines
neuen Lebens nur wie durch einen Nebel – inmitten der von Rauch und Ruß
und anderen Dünsten geschwängerten nicht atembaren Luft, unter Geschimpf
und unbeschreiblichen Witzen, unter Kettengeklirr und -gerassel, unter
Flüchen und schamlosem Gelächter. Ich legte mich auf die unbedeckte
Pritsche, schob meine Kleider unter den Kopf – ein Kissen hatte ich noch
nicht – und deckte mich mit meinem Pelz zu. Aber lange noch konnte ich
nicht einschlafen, obwohl ich völlig erschöpft und ganz gebrochen war
von all den ungeheuerlichen und unerwarteten Eindrücken dieses ersten
Tages. Mein neues Leben begann ja erst. Vieles noch stand mir bevor, was
ich nie gedacht, was ich noch nie geahnt hatte ...
V.
Der erste Monat
Am vierten Tage nach meiner Ankunft im Ostrogg wurde ich zur Arbeit
befohlen. Dieser erste Arbeitstag ist mir noch deutlich in der
Erinnerung, wenn auch im Verlauf gerade dieses Tages nichts gar zu
Ungewöhnliches mit mir geschah – abgesehen von dem ohnehin schon
Ungewöhnlichen meiner Lage. Aber die Zwangsarbeit war doch etwas neues
für mich und ich blickte immer noch mit der größten Neugier um mich.
Diese ersten drei Tage hatte ich mit den schwersten Empfindungen
verbracht. „Das ist jetzt das Ende meines Lebens: ich bin im Ostrogg!“
dachte ich immer und immer wieder, „das ist nun mein Hafen für viele
lange Jahre, mein Winkel, den ich mit so mißtrauischem, krankhaftem
Empfinden betrete ... Doch wer weiß? Vielleicht werde ich, wenn ich ihn
nach vielen Jahren verlasse, noch mit Bedauern von ihm scheiden? ...“
fügte ich hinzu, nicht ohne eine Beimischung jenes Gefühls der
Schadenfreude, das zuweilen zu dem Bedürfnis wird, absichtlich in seiner
Wunde zu wühlen, ganz als wollte man sich an seinem Schmerz ergötzen,
ganz als wäre in der Erkenntnis der ganzen Größe des Unglücks
tatsächlich ein Genuß. Der Gedanke, daß ich einmal mit Bedauern diesen
Winkel verlassen könnte, erfüllte mich mit Entsetzen: schon damals
fühlte ich voraus, bis zu welch einer Ungeheuerlichkeit der Mensch sich
an alles gewöhnen kann. Aber all das lag noch in der Zukunft, vorläufig
war alles um mich herum fremd, feindlich und – furchtbar ... oder wenn
auch nicht alles so war, so mußte mir doch selbstverständlich alles so
erscheinen. Diese gierige Neugier, mit der mich meine neuen
Lebensgefährten betrachteten, ihre doppelte Kälte zu dem Neuling aus dem
Adelstande, der plötzlich in ihre Gemeinschaft eindrang, diese sichtbare
Abneigung, die mitunter fast an Haß grenzte, – all das quälte mich
dermaßen, daß ich selbst so bald als möglich zur Arbeit geschickt zu
werden wünschte, nur um schneller mein ganzes Elend ermessen zu können,
nur um dasselbe Leben zu führen, das sie alle führten, um möglichst bald
mit den anderen am gleichen Strang zu ziehen.
Natürlich bemerkte und vermutete ich damals vieles nicht, was dicht vor
meinen Augen lag: unter dem Feindlichen hatte ich das Freundliche noch
nicht entdeckt. Übrigens richteten mich schon die wenigen freundlichen,
zutraulichen Menschen, die mir in diesen drei Tagen entgegengetreten
waren, bedeutend auf. Am freundlichsten und wohlwollendsten zu mir war
Akim Akimytsch. Ich konnte nicht umhin, unter den übrigen düsteren und
gehässigen Gesichtern der Sträflinge auch einige gute und heitere
wahrzunehmen.
„Überall gibt es schlechte Menschen, und unter den schlechten auch
gute,“ beeilte ich mich zu meiner Beruhigung zu denken, – „und, wer
weiß, diese Menschen sind vielleicht gar nicht so viel schlechter als
jene, die _übrigen_, die dort _zurückgeblieben_ sind, hinter den
Palissaden.“
Und während ich das dachte, schüttelte ich selbst mein Haupt ob meines
Gedankens, und doch, – mein Gott! – wenn ich damals nur geahnt hätte,
wie, wie richtig dieser Gedanke war!
Da habe ich zum Beispiel einen Menschen, der während der ganzen Zeit
meiner Kátorga beständig bei mir war, erst nach vielen, vielen Jahren
völlig kennen gelernt. Das war der Arrestant Ssuschiloff. Als ich soeben
von den Arrestanten sprach, die _nicht schlechter_ wären, als die
anderen Menschen, tauchte er unwillkürlich sofort wieder in meiner
Erinnerung auf. Er bediente mich. Aber außer ihm hatte ich noch einen
anderen Diener. Akim Akimytsch hatte mir gleich in den ersten Tagen
einen Arrestanten, Ossip mit Namen, ganz besonders empfohlen, und
gesagt, er würde mir für dreißig Kopeken Monatsgehalt täglich besonderes
Essen zubereiten, falls mir die Staatskost so zuwider sei und ich die
Mittel zu diesem Luxus hätte. Ossip war einer von den vier Köchen, die
von den Arrestanten für unsere zwei Küchen gewählt wurden, wobei es
diesen vollkommen frei stand, die Wahl anzunehmen oder nicht; und hatte
man sie angenommen, so konnte man, wenn man wollte, schon am nächsten
Tage sein Amt und seine Würde wieder niederlegen. Die Köche gingen nicht
zur Zwangsarbeit und ihre ganze Aufgabe bestand darin, daß sie Brot
backten und die Kohlsuppe kochten. Sie wurden aber nicht Köche genannt,
sondern weiblich – Köchinnen, doch geschah das nicht etwa aus Verachtung
zu ihnen – um so weniger, als für die Küche geschickte und nach
Möglichkeit ehrliche Leute gewählt wurden, – sondern einfach nur so zum
Scherz, was unsere Köche denn auch durchaus nicht übel nahmen. Ossip
wurde bei jeder neuen Wahl wiedergewählt, er war mehrere Jahre lang
Köchin und sagte sich nur bisweilen auf kurze Zeit vom Amte los, wenn
ihn die Sehnsucht gar zu sehr ergriff und er die Lust zu schmuggeln
nicht mehr bewältigen konnte. Er war ein selten ehrlicher und sanfter
Mensch, war aber wegen Schmuggel verurteilt worden. Dieser Ossip war
jener große, gesunde, leidenschaftliche Kontrabandist, von dem ich
bereits gesprochen habe, ein Hasenfuß in jeder Beziehung, besonders was
Ruten anbelangt, sonst aber, friedsam, und widerspruchslos und
freundlich gegen jedermann, hatte er noch niemals mit einem anderen
einen Streit gehabt. Aber trotz seiner ganzen Ehrlichkeit und
Ängstlichkeit konnte er sich doch nicht bezwingen, zu schmuggeln, – das
war seine Leidenschaft. Er handelte, wie’s auch die übrigen „Köchinnen“
taten, mit Branntwein, allerdings nicht in dem Maßstabe, wie zum
Beispiel Gasin, denn er hatte nicht den Mut, so viel zu wagen.
Mit diesem Ossip stand ich mich immer sehr gut. Was jedoch die Mittel
zur eigenen Beköstigung betrifft, so brauchte man dazu nur sehr wenig.
Ich irre nicht, wenn ich sage, daß meine Beköstigung mir monatlich nur
auf einen Rubel Silber zu stehen kam, ohne Brot natürlich, das zur
Staatskost gehörte und von dem jeder nach Herzenslust essen konnte, und
hin und wieder eine Portion Kohlsuppe, die ich trotz meines Widerwillens
– der übrigens mit der Zeit ganz verging – zuweilen aß, wenn ich gar zu
hungrig war. Gewöhnlich ließ ich mir ein Stück Rindfleisch kaufen, pro
Tag ein Pfund, das im Winter nur zwei Kopeken kostete. Nach dem
Rindfleisch ging täglich einer der Invaliden auf den Markt. Diese
Invaliden lebten zu je einem in jeder Kaserne und hatten nach der
Ordnung zu sehen. Sie nahmen es freiwillig auf sich, täglich auf den
Markt zu gehen und die nötigen Einkäufe für die Sträflinge zu besorgen,
wofür sie jedoch keinerlei Entschädigung oder Zahlung annahmen,
abgesehen vielleicht von irgend welchen Kleinigkeiten. Sie taten es um
ihrer eigenen Ruhe willen, denn anders wäre es ihnen schwer gefallen,
sich im Ostrogg mit den Arrestanten einzuleben. Und so brachten sie denn
Rindfleisch, Tabak, Tee, Kalatschen usw., nur Branntwein besorgten sie
nicht. Aber darum bat man sie auch gar nicht, wohl aber bot man ihnen
bisweilen welchen an. Ossip briet mir mehrere Jahre lang immer ein und
dasselbe Stück Rindfleisch. Wie er es briet, das ist eine andere Frage,
aber das war ja auch nebensächlich. Auffallend ist dabei nur, daß ich im
Verlauf von mehreren Jahren mit meiner Köchin Ossip kaum ein paar Worte
gewechselt habe. Oft machte ich den Versuch, mit ihm ein Gespräch
anzuknüpfen, aber kein einziges Mal gelang es mir, eine eingehendere
Antwort von ihm zu erhalten: er lächelte, sagte je nach der Frage „nein“
oder „ja“, und das war denn auch alles. Mitunter war es ganz sonderbar,
diesen anscheinend siebenjährigen Herkules anzusehen.
Doch außer Ossip bediente mich noch Ssuschiloff. Ich hatte ihn weder
darum gebeten noch überhaupt einen solchen Diener gesucht. Er hatte mich
gewissermaßen selbst gefunden und war ungefragt in meinen Dienst
getreten. Ich entsinne mich heute nicht einmal mehr, wie es damals kam.
Ich glaube, zuerst fing er an, meine Wäsche zu waschen. Hinter den
Kasernen war zu diesem Zweck eine große Waschgrube und über dieser Grube
wurde in großen Trögen, die der Regierung gehörten, die Wäsche der
Sträflinge gewaschen. Außerdem erfand er selbst noch tausend andere
kleine Pflichten, um sich mir nützlich zu machen: er setzte meinen Tee
auf, erfüllte verschiedene kleine Aufträge, suchte etwas für mich auf,
trug meine Jacke zum Schneider, um sie ausbessern zu lassen, schmierte
meine Stiefel etwa viermal im Monat. Alles tat er geschäftig und
gewissenhaft, ganz als hätten auf ihm weiß Gott was für Pflichten
gelegen. Kurz, er verknüpfte seine ganze Existenz mit der meinigen und
nahm alle meine Obliegenheiten auf sich. Zum Beispiel sagte er niemals:
„Sie haben so und soviel Hemden, Ihre Jacke ist zerrissen,“ und
ähnliches mehr, sondern stets: „_Wir_ haben so und soviel Hemden,
_unsere_ Jacke ist zerrissen.“ Er sah mir dabei stramm in die Augen, und
nahm, glaube ich, diesen Dienst für die Hauptbestimmung seines Lebens.
Ein Handwerk, oder wie die Arrestanten sagten, eine Werkschaft, hatte er
nicht und so verdiente er sich nur von mir allein ein paar Kopeken. Ich
zahlte ihm, wieviel ich konnte, d. h. nur einige Kopeken, und er war
jedesmal widerspruchslos mit allem zufrieden, was ich ihm gab. Er konnte
einfach nicht anders, er mußte jemandem dienen und allem Anschein nach
hatte er mich nur deshalb erwählt, weil ich umgänglicher war als die
anderen und ehrlicher im Zahlen. Er gehörte zu denen, die nie reich
werden oder sich emporarbeiten konnten, und die von den Kartenspielern
gemietet wurden, um für fünf Kopeken in Silber fast die ganze Nacht im
Flur bei der größten Kälte auf Posten zu stehen, auf jedes Geräusch zu
achten, und wenn sie sich dennoch vom Platzmajor überraschen ließen,
nichts bezahlt, wohl aber ungezählte Hiebe zu erhalten. Ich habe schon
von ihnen gesprochen. Die Charakteristik dieser Menschen ist – die
eigene Persönlichkeit immer, überall und fast vor einem jeden zu
erniedrigen und in gemeinsamen Angelegenheiten eine Rolle nicht nur
zweiten, sondern dritten Ranges zu spielen. Das ist bei ihnen schon von
Natur so eingerichtet.