den Verurteilten. Ich habe in den Jahren meines Ostrogglebens oft genug
Gelegenheit gehabt, Verurteilte am Tage vor ihrer Bestrafung zu sehen.
Und gewöhnlich traf ich mit den Bestraften im Lazarett zusammen, wenn
ich wieder einmal krank war, was ziemlich oft vorkam. In ganz Rußland
weiß jeder Arrestant, daß die mitfühlendsten Menschen für sie die Ärzte
sind. Niemals machen sie mit den Verbrechern einen Unterschied, wie es
sonst fast alle Menschen tun, ausgenommen nur das einfache Volk. Dieses
wird niemals den Arrestanten wegen seines Verbrechens tadeln, wie
entsetzlich das Begangene auch sein mag, und verzeiht ihm alles für die
empfangene Strafe und überhaupt für sein Unglück. Nicht umsonst nennt
das Volk in ganz Rußland das Verbrechen „Unglück“ und den Verbrecher
einen „Unglücklichen“. Das ist eine tiefbedeutsame Bezeichnung für seine
Auffassung des Verbrechens, und sie ist um so wichtiger, als sie ganz
unbewußt, ganz instinktiv erfolgt. Die Ärzte sind in vielen Fällen die
einzige Zuflucht der Arrestanten, besonders aber derjenigen von ihnen,
die wegen eines neuen Vergehens vor Gericht stehen und die viel strenger
gehalten werden, als die bereits Bestraften ... So ging denn der
Arrestant, wenn er den voraussichtlichen Termin des furchtbaren Tages
berechnet hatte, zum Unteroffizier und meldete sich krank, damit man ihn
ins Lazarett führte und der schwere Augenblick noch etwas
hinausgeschoben wurde, – wenn auch nur auf ein paar Tage. Ließ er sich
dann wieder ausschreiben und kehrte er in den Ostrogg zurück, so konnte
er fast mit Sicherheit annehmen, daß die verhängnisvolle Stunde ihn am
nächsten Tage erwartete, und war daher die ganze Zeit mächtig erregt. In
der Regel sind die Arrestanten bemüht, ihre Gefühle aus Stolz zu
verbergen, doch vermag ihre vorgespiegelte, peinlich erzwungene
Munterkeit keinen einzigen Kameraden zu täuschen. Diese begreifen nur zu
gut, um was es sich handelt und schweigen aus Nächstenliebe. Ich kannte
einen jungen Mörder, einen ehemaligen Soldaten, der zur vollen Anzahl
Hiebe verurteilt war. Seine Angst war aber so groß, daß er sich am Abend
vorher entschloß, einen Krug Branntwein, in den er Schnupftabak
hineingetan hatte, auszutrinken. – Übrigens muß ich hier noch bemerken,
daß der vor der Bestrafung stehende Arrestant sich unbedingt Branntwein
verschafft; er wird schon lange vor dem Termin besorgt und mit schwerem
Gelde bezahlt. Der Verurteilte würde sich eher ein halbes Jahr lang das
Allernotwendigste versagen, doch unbedingt die erforderliche Summe für
einen halben Liter Branntwein zusammensparen, um sich eine Viertelstunde
vor der Bestrafung ein wenig betrinken zu können. Die Arrestanten waren
der Meinung, daß ein Betrunkener die Knute oder den Stock nicht so
schmerzhaft fühle, wie ein Nüchterner. Der arme Teufel trank tatsächlich
seinen Krug mit Branntwein und Schnupftabak aus und wurde dann auch
richtig krank: er begann entsetzlich zu erbrechen, erbrach Blut und
Galle und wurde halb besinnungslos ins Lazarett geschafft. Dieses
Erbrechen hatte aber seine Brust so angegriffen, daß schon nach wenigen
Tagen Anzeichen einer richtigen Schwindsucht konstatiert wurden, an der
er nach sechs Monaten starb. Die Ärzte, die ihn während seiner
Schwindsucht behandelten, wußten nicht, wie er zu ihr gekommen war.
Da ich von dem so häufig bemerkten Kleinmut der Verbrecher vor der
Bestrafung schon gesprochen habe, muß ich hier noch hinzufügen, daß
andere den Beobachter wiederum durch ihre außerordentliche
Furchtlosigkeit in Erstaunen setzten. Ich entsinne mich einiger
Beispiele von Kühnheit, die geradezu an absolute Gefühllosigkeit
grenzten, und solche Beispiele waren nicht ganz selten. Besonders
erinnerlich ist mir meine Begegnung mit einem ganz berüchtigten
Verbrecher.
An einem Sommertage verbreitete sich in der Arrestantenabteilung des
Lazaretts das Gerücht, daß am Abend der „große Mörder“ Orloff, ein
entlaufener Soldat, bestraft und nachher ins Lazarett gebracht werden
würde. Die kranken Arrestanten sprachen, in der Erwartung Orloffs, viel
von ihm und waren überzeugt, daß man ihn grausam prügeln würde. Alle
waren gewissermaßen erregt und ich muß gestehen, daß auch ich dem
Erscheinen des berüchtigten Räubers mit großer Spannung entgegensah.
Lange schon hatte ich wahre Wunder von ihm erzählen gehört. Er war ein
Verbrecher, wie es deren nicht viele gibt, der kaltblütig Greise und
Kinder erdrosselte, ein Mensch von ungeheurer Willensstärke und mit
stolzem Bewußtsein seiner Kraft. Er hatte viele Morde gestanden und war
jetzt zu Spießruten verurteilt worden. Man brachte ihn erst abends. Im
Krankenraum war es bereits dunkel und man zündete das Nachtlicht an.
Orloff schien völlig bewußtlos zu sein, er sah unheimlich bleich aus. Er
hatte dichtes, ganz zerzaustes, pechschwarzes Haar. Sein Rücken war
geschwollen und war dunkelrotblau von unterlaufenem Blut. Die ganze
Nacht pflegten ihn die anderen, sie erneuerten die kalten Umschläge,
kehrten ihn von der einen Seite auf die andere, gaben ihm Medizin, ganz
als wäre er ihr Blutsverwandter gewesen oder ihr größter Wohltäter.
Schon am nächsten Tage kam er völlig zu sich, erhob sich und ging
zweimal durch den ganzen Raum! Das wunderte mich: er war gar zu
entkräftet und abgemagert ins Lazarett gebracht worden. Er hatte die
ganze Hälfte der ihm bestimmten Spießruten durchlaufen. Der Arzt hatte
erst dann Einhalt getan, als die Fortsetzung des Strafvollzuges dem
Arrestanten unvermeidlich den Tod gebracht haben würde. Außerdem war
Orloff klein von Wuchs und von schwächlicher Konstitution und hinzu kam
noch, daß die lange Untersuchungshaft ihn bedeutend entkräftet hatte.
Wer jemals in Untersuchungshaft gehaltene Arrestanten gesehn hat, wird
sich wahrscheinlich noch lange Zeit ihrer ausgemergelten, elenden,
bleichen Gesichter, ihrer fiebernden, kranken Blicke entsinnen.
Nichtsdestoweniger erholte sich Orloff sehr bald. Augenscheinlich wurde
seine Natur von seiner inneren, geistigen Energie mächtig unterstützt.
Er war in der Tat kein gewöhnlicher Mensch. Aus Neugier und auch
aufrichtigem Interesse machte ich mich näher mit ihm bekannt und
studierte ihn eine ganze Woche. Ich kann mit aller Bestimmtheit
versichern, daß ich in meinem ganzen Leben keinen Menschen mit einem
stärkeren, eiserneren Charakter gesehen habe. Ich hatte schon früher in
Tobolsk eine ähnliche Berühmtheit dieser Art gesehen, einen ehemaligen
Räuberhauptmann. Er war ein vollständig wildes Tier und man brauchte nur
neben ihm zu stehen, so fühlte man schon instinktiv, selbst wenn man
seinen Namen nicht kannte und nichts von ihm wußte, daß ein Entsetzen
erregendes Geschöpf neben einem stand. Vor allem entsetzte mich seine
geistige Stumpfheit. Die Sinnlichkeit hatte dermaßen alle seine
seelischen Eigenschaften überwuchert, daß man bereits nach dem ersten
Blick in dieses Gesicht sah, wie hier nur die eine wilde Gier nach
fleischlichen Genüssen, Wollust und sinnlicher Befriedigung vorhanden
war. Ich bin überzeugt, daß Koreneff – so hieß dieser Räuberhauptmann –
vor der Bestrafung allen Mut verloren und am ganzen Körper gezittert
haben würde, wenn er auch tausendmal fähig war, Menschen zu ermorden,
ohne mit der Wimper zu zucken. Der größte Gegensatz zu ihm war Orloff:
der war die Verkörperung der denkbar größten Selbstbeherrschung. Man sah
es ihm sofort an, daß dieser Mensch unbegrenzt über sich gebieten
konnte, daß er alle Qualen und Strafen verachtete und überhaupt nichts
fürchtete in der Welt. Man sah in ihm unbegrenzte Energie und das
unbedingte Verlangen, das ins Auge gefaßte Ziel zu erreichen. Unter
anderem setzte er mich auch durch seinen maßlosen Hochmut in Erstaunen.
Auf alles sah er bis zur Unglaublichkeit „von oben herab“, doch bemühte
er sich dabei durchaus nicht, sich gleichsam auf Stelzen zu erheben,
sondern – es geschah vollkommen natürlich von ihm. Ich glaube, es gab
kein einziges Wesen, das auf ihn mit Autorität allein einen Eindruck
hätte machen können. Auf alles pflegte er geradezu unglaublich ruhig zu
sehen, als gäbe es überhaupt nichts in der Welt, das ihn in Erstaunen
setzen könnte. Und obwohl er vollkommen begriff, daß die anderen
Arrestanten mit Achtung auf ihn sahen, so tat er doch nie groß vor
ihnen, während gerade Ruhmsucht und Eigendünkel fast allen Sträflingen
ohne Ausnahme eigen sind. Er war auffallend klug und auf eine besondere
Art aufrichtig, wenn auch durchaus nicht sehr gesprächig oder gar
schwatzhaft. Auf meine Fragen antwortete er mir ohne weiteres, daß er
nur seine Wiederherstellung abwarte, um sich so bald als möglich der
zweiten Hälfte der Strafe unterziehen zu können, und daß er zuerst, vor
dem Spießrutenlaufen, gefürchtet habe, er würde es vielleicht nicht
überleben. „Jetzt aber,“ fuhr er fort, indem er mir zublinzelte, „ist
die Sache überstanden. Ich erhalte noch die übrigen Hiebe und werde dann
mit dem nächsten Transport nach Nertschinsk abgeschickt werden,
unterwegs aber werde ich entfliehen. Das werde ich unbedingt! Wenn nur
der Rücken schneller heilte!“
Und in diesen ganzen fünf Tagen wartete er krampfhaft auf den
Augenblick, wann er sich ausschreiben lassen könnte. Inzwischen aber war
er mitunter sehr witzig und heiter. Ich versuchte mit ihm ein Gespräch
über seine Abenteuer anzuknüpfen. Er wurde etwas ungehalten bei diesem
Ausfragen, antwortete jedoch stets ganz offen. Als er aber erriet, daß
ich zu seinem Gewissen vordringen wollte und nach irgend einer, wenn
auch noch so geringen Reue forschte, da blickte er mich dermaßen
verächtlich und hochmütig an, als wäre ich in seinen Augen plötzlich zu
einem ganz kleinen dummen Knäblein geworden, mit dem man nicht wie mit
großen Menschen reden konnte. Ja, in seinem Gesicht drückte sich sogar
etwas in der Art wie Mitleid mit mir aus. Nach einem Augenblick aber
brach er in das allergutmütigste Gelächter über mich aus, ein Gelächter
ohne jegliche Ironie, und ich bin überzeugt, daß er, als er allein
zurückgeblieben war und vielleicht meiner Worte gedachte, noch mehrere
Male über mich gelacht hat. Endlich ließ er sich mit seinem noch nicht
ganz geheilten Rücken ausschreiben; auch ich wurde entlassen, und so kam
es, daß wir zusammen aus dem Lazarett zurückkehrten, – ich in den
Ostrogg, er nach der Wache neben demselben, wo er auch früher in Haft
gewesen war. Beim Abschied drückte er mir die Hand, und das war
seinerseits ein Zeichen großen Zutrauens. – Ich glaube, er tat es nur
deshalb, weil er in dem Augenblick mit sich selbst sehr zufrieden war.
Im Grunde aber konnte er mich wohl unmöglich nicht verachten, und
zweifellos mußte er auf mich wie auf ein sich unterwerfendes, schwaches,
armseliges und ein in jeder Beziehung im Vergleich zu ihm niedrigeres
Wesen herabsehen. Am nächsten Tage wurde er zum abermaligen
Spießrutenlaufen herausgeführt ...
Nachdem der Unteroffizier die Kaserne verschlossen hatte, veränderte
sich im Augenblick ihr Aussehen: sie erinnerte mit einemmal an ein Heim.
Jetzt erst konnte ich die Arrestanten, meine Kameraden, gleichsam in
ihrem Hause sehen. Tagsüber konnte der Unteroffizier, konnten die Wachen
oder der Major und die Offiziere jeden Augenblick im Ostrogg erscheinen,
und darum halten sich dann alle ganz anders, als wären sie nicht ganz
ruhig, als erwarteten sie in begreiflicher Erregung jeden Augenblick
irgend etwas Unvorhergesehenes. Kaum aber war die Tür zugeschlossen, da
machte es sich ein jeder auf seiner Pritsche bequem und fast alle hatten
dann eine eigene Arbeit. Die Kaserne wurde plötzlich hell. Jeder besaß
sein Licht und seinen Leuchter, der gewöhnlich aus Holz ist. Der eine
näht an einem Stiefel, der andere an einem Kleidungsstück. Die
verpestete Luft der Kaserne wurde mit jeder Stunde unerträglicher. Eine
kleine Gruppe Faulenzer hockte sich in einer Ecke hin, rund um einen
kleinen, auf dem Fußboden ausgebreiteten Teppich, und begann Karten zu
spielen. Fast in jeder Kaserne gab es einen Arrestanten, der einen etwa
metergroßen alten Teppich, ein Licht und ein bis zur Unkenntlichkeit
schmutziges, fettiges Spiel Karten bei sich hielt. Alles zusammen wurde
„die Spielhölle“ genannt. Der Besitzer erhielt von den Spielern fünfzehn
Kopeken für eine Nacht – das war sein Erwerb. Gespielt wurde gewöhnlich
Dreiblatt oder Gorka, jedenfalls aber nur Hazardspiele. Jeder Spieler
schüttete einen ganzen Haufen Kupfermünzen vor sich aus – sein ganzes
Kapital, – und erhob sich nicht eher, als bis er entweder alles
verspielt oder den anderen das Letzte abgerupft hatte. Das Spiel zog
sich bis in die Nacht hinein oder dauerte bis zum nächsten Morgen, nicht
selten bis zu dem Augenblick, wenn die Kaserne wieder aufgeschlossen
wurde.
In unserer wie in jeder anderen Kaserne gab es beständig Bettelarme, die
entweder alles verspielt und vertrunken hatten, oder die einfach von
Natur Bettler waren. Ich sage „von Natur“ und betone besonders dieses
Wort. In der Tat gibt es überall in unserem Volke, gleichviel in welcher
Umgebung, unter welchen Verhältnissen, gewisse sonderbare Menschen, die
gewöhnlich äußerst friedlich und nicht selten durchaus nicht faul sind,
denen es aber vom Schicksal vorher bestimmt zu sein scheint, ewig
Bettler zu bleiben. Sie sind immer „obdachlos“, sie sind immer
schmutzig, sie sehen immer verschüchtert und etwas blöde aus, durch
irgend etwas niedergedrückt, und ewig sind sie bei irgend jemand
Laufbursche, gewöhnlich bei den Prassern und Faulenzern oder auch bei
einem plötzlich Reichgewordenen und Emporgestiegenen. Jede Beachtung
oder gar Ehrenbezeugung, jede Initiative – ist für sie Leid und Plage.
Sie sind gleichsam mit der Bedingung geboren, daß sie selbst nichts
anfangen dürfen, sondern nur gehorchen, nur dienen, nicht nach eigenem
Willen leben, sondern nach fremder Pfeife tanzen, – kurz, ihre
Bestimmung ist: nur für andere zu leben. Und zur Vollendung des Ganzen
kommt noch hinzu, daß keine einzige Schicksalsveränderung sie reich
machen kann. Sie sind und bleiben immer Bettler. Ich habe aber bemerkt,
daß es solche Menschen nicht nur im einfachen Volk allein, sondern in
allen Gesellschaftsschichten, Ständen, und überhaupt bei Menschen aller
Richtungen gibt. So war es auch in jeder Kaserne, in jedem Ostrogg, und
kaum erschien die Spielhölle, da erschien auch schon einer von diesen
Leuten, um sich zu einem Dienst verwenden zu lassen. Und überhaupt
konnte ohne einen solchen Menschen kein Spielchen gemacht werden. Er
wurde gewöhnlich von den Spielern gemeinsam für die ganze Nacht gemietet
und erhielt fünf Kopeken in Silber. Seine Hauptpflicht war, die ganze
Nacht Wache zu stehen. Größtenteils fror er sechs bis sieben Stunden
lang draußen im Flur bei einer Kälte von dreißig Grad Réaumur und
lauschte auf jedes Geräusch, jeden Ton, jeden Schritt auf dem Hofe. Der
Platzmajor oder die Wachhabenden kamen zuweilen noch sehr spät in den
Ostrogg, traten leise ein und überraschten dann Spielende, Arbeitende
und die überzähligen Lichte, die man schon vom Hofe aus bemerken konnte.
Jedenfalls war es, wenn plötzlich das Türschloß kreischte, schon zu
spät, die Lichte auszulöschen, die Karten zu verstecken und sich auf den
Pritschen in Schlaf zu versenken. Da es aber in solchen Fällen dem
gemieteten Wächter von Seiten der ganzen „Spielhölle“ sehr schlecht
erging, so kamen sie auch nur sehr selten vor. Fünf Kopeken für das
Aufpassen war natürlich eine lächerlich geringe Zahlung – selbst für
einen Ostrogg; aber mich frappierte dort immer die Strenge und
Unbarmherzigkeit derjenigen, die einen anderen für Geld zu etwas
angestellt hatten. „Hast Geld genommen, so diene jetzt!“ Das war ein
Argument, das keinen Widerspruch zuließ. Für die ausgezahlten Kopeken
wurde vom anderen alles herausgeschlagen, was nur herauszuschlagen war,
wenn möglich, auch noch so und so viel auf den Kauf, und dabei glaubte
man noch, daß man dem anderen eine große Gnade erwies. Der betrunkene
Prasser, der sein Geld nach allen Seiten ungezählt verschleuderte,
nutzte seinen Mietling für weniges Geld bis aufs letzte aus und
feilschte noch bei der Bezahlung. Diesen Charakterzug habe ich aber
nicht nur im Ostrogg und nicht nur bei den Spielern daselbst
wahrgenommen.
Ich sagte schon, daß fast die ganze Kaserne sich abends mit eigener
Arbeit beschäftigte: außer den Spielern waren an jenem Abend nur noch
fünf unbeschäftigt: das waren die einzigen, die sich sogleich hinlegten
und einschliefen. Mein Platz auf der Pritsche war an der Tür. Auf der
anderen Seite der Pritsche, Kopf an Kopf mit mir, war Akim Akimytschs
Platz. Er arbeitete regelmäßig bis zehn oder elf Uhr nachts; er klebte
aus buntem Papier eine chinesische Laterne, die man in der Stadt für
recht gute Bezahlung bei ihm bestellt hatte. Solche Laternen verfertigte
er meisterhaft, und er arbeitete ohne Unterlaß. War die Arbeit beendet,
so räumte er sorgfältig alles auf, breitete seine kleine Matratze aus,
betete zu Gott und legte sich artig auf sein Bett. Wohlanständigkeit und
Ordnung trieb er, wie man sah, bis zur kleinlichsten Pedanterie.
Ersichtlich hielt er sich für einen außerordentlich klugen Menschen, wie
das ja schließlich alle stumpfen und beschränkten Leute tun. Schon von
diesem ersten Tage an gefiel er mir nicht, obgleich ich – dessen
entsinne ich mich noch – an diesem Tage viel über ihn nachdachte und
mich am meisten darüber wunderte, daß ein solcher Mensch, anstatt im
Leben Karriere zu machen, in den Ostrogg geraten war. Ich werde hier
noch des öftern auf Akim Akimytsch zu sprechen kommen.
Doch jetzt will ich in aller Kürze die ganze Einwohnerschaft unserer
Kaserne schildern. Viele Jahre mußte ich dort leben und alle diese
Menschen waren in Zukunft meine Hausgenossen und Kameraden. So wird man
wohl auch die gespannte Neugier begreifen, mit der ich jeden einzelnen
von ihnen anblickte und beobachtete.
Links von meinem Pritschenplatz befand sich eine Gruppe Kaukasier, die
alle verschiedenen kaukasischen Bergvölkern angehörten, und größtenteils
wegen Diebstahls zu mehr oder weniger Jahren Zwangsarbeit verurteilt
worden waren. Es waren zwei Lesghier, ein Tschetschenze und drei
Dagestanische Tataren. Der Tschetschenze war ein finsterer, mürrischer
Mensch, der fast nie sprach und beständig unter der Stirn hervor
haßerfüllt auf seine Umgebung sah und dazu widerlich boshaft und
höhnisch lächelte. Der eine von den Lesghiern war schon ein alter Mann,
hatte eine lange, dünne Nase und war dem Aussehen nach ein typischer
Räuber. Dafür machte der andere, Nurra, schon am ersten Tage einen ganz
prächtigen Eindruck auf mich. Nurra war noch nicht alt, nicht groß,
gebaut wie ein Athlet, hochblond mit hellblauen Augen, einer
Habichtsnase, mit der Gesichtsform eines Finnen, und da er von Jugend
auf nur auf dem Pferde gesessen hatte, waren seine Beine krumm gebogen.
Sein ganzer Körper war zerhauen, von Bajonetten und Kugeln verwundet. Im
Kaukasus hatte er zu den Botmäßigen gehört, die sich Rußland unterworfen
hatten, war aber immer wieder heimlich zu den aufständischen Bergvölkern
geritten und hatte an ihren Angriffen auf die russischen Truppen
teilgenommen. Im Ostrogg wurde er von allen geliebt. Er war immer
heiter, zu jedermann freundlich, arbeitete still, war ruhig und
wohlgemut, obgleich er oft mit Unwillen auf die Schändlichkeit und den
Schmutz des Arrestantenlebens blickte, und über jeden Diebstahl, jede
Schurkerei und jeden Betrunkenen in rasende Wut geraten konnte, sowie
über alles, was unehrenhaft war, doch stiftete er nie Streit an, sondern
wandte sich stets ab. Er selbst hat nie etwas gestohlen und während
seines ganzen Aufenthaltes im Ostrogg hat er nie etwas Schlechtes getan.
Er war ungewöhnlich fromm, und seine Gebete verrichtete er streng nach
der Vorschrift. In der Fastenzeit vor den mohammedanischen Festtagen
fastete er fanatisch und verbrachte ganze Nächte im Gebet. Alle liebten
ihn und glaubten an seine Ehrlichkeit. „Nurra ist ein Löwe,“ sagten die
Arrestanten und so wurde er später nur noch der Löwe genannt. Er war
fest überzeugt, daß er nach Ablauf seiner Strafzeit wieder nach Haus, in
den Kaukasus geschickt werden würde, und lebte nur in dieser Hoffnung.
Ich glaube, er wäre gestorben, hätte man sie ihm genommen. Am ersten
Tage im Ostrogg war er mir sehr angenehm aufgefallen. Es wäre aber auch
unmöglich gewesen, sein gutes, sympathisches Gesicht unter all den
bösen, finsteren und höhnischen Gesichtern der anderen gebrandmarkten
Sträflinge nicht zu bemerken. In der ersten halben Stunde nach meinem
Eintritt in den Ostrogg klopfte er mich im Vorübergehen auf die
Schulter, und blickte mir gutmütig in die Augen. Zuerst konnte ich nicht
begreifen, was das zu bedeuten hatte. Russisch sprach er nur sehr
schlecht. Bald darauf kam er wieder auf mich zu, lächelte mich an und
klopfte mir nochmals freundlich auf die Schulter. Und dasselbe
wiederholte er in den ersten drei Tagen unzählige Mal. Das bedeutete
seinerseits, wie ich später erriet und auch erfuhr, daß ich ihm leid
täte, daß er fühle, wie schwer es mir werde, mich im Ostrogg einzuleben,
daß er mir seine Freundschaft beweisen, mich ermuntern und seiner
Protektion versichern wolle. Guter, treuherziger Nurra!
Die drei dagestanischen Tataren waren leibliche Brüder. Zwei von ihnen
waren schon bejahrt, aber der dritte, Alei, war erst zweiundzwanzig
Jahre alt, und sah dabei noch jünger aus. Sein Pritschenplatz war neben
mir. Sein schönes, offenes, kluges und gleichzeitig gutherzig naives
Gesicht eroberte sich sofort mein Herz, und ich freute mich, daß das
Schicksal gerade ihn und nicht einen anderen mir zum Nachbar gegeben
hatte. Seine ganze Seele sah man sich widerspiegeln auf seinem hübschen,
ja sogar schönen Gesicht. Sein Lächeln war so zutraulich, so kindlich
gutmütig, seine großen dunklen Augen waren so ... ich möchte sagen –
weich, so freundlich, daß sein Anblick mir ein ganz besonderes
Vergnügen, sogar eine Erleichterung in den Stunden der Sehnsucht und
Trauer war. Ich sage es ohne jede Übertreibung. In der Heimat hatte sein
ältester Bruder – er hatte fünf ältere Brüder, von denen zwei in ein
Hüttenwerk gekommen waren – ihm eines Tages befohlen, seine Flinte zu
nehmen und sich aufs Pferd zu setzen, um mit den anderen irgendeine
Expedition mitzumachen. Die Ehrfurcht vor dem Älteren ist bei jenen
Bergvölkern so groß, daß der Jüngling nicht etwa keinen Mut gehabt, zu
fragen, wohin es denn gehe, sondern nicht einmal an die Möglichkeit
einer ähnlichen Frage gedacht hatte. Die anderen aber hatten es nicht
für notwendig befunden, ihn über das Reiseziel aufzuklären. Sie zogen
auf Raub aus, und hatten es auf einen reichen armenischen Kaufmann
abgesehen. Und richtig, sie hatten ihn überfallen, ihn und die
Begleitmannschaft umgebracht und die Ware geraubt. Die Sache war aber
herausgekommen: alle sechs wurden sie verhaftet, verurteilt und nach
Sibirien verschickt. Für Alei bestand die ganze Milderung seiner Strafe
nur darin, daß er auf eine kürzere Zeit zur Zwangsarbeit verurteilt
wurde: _nur_ auf vier Jahre. Seine Brüder liebten ihn sehr, und zwar
eher mit einer väterlichen als brüderlichen Liebe. Er war ihr Trost in
der Verbannung und sie, die sonst stets finster und verdrießlich waren,
lächelten ihm jedesmal zu, wenn sie ihn nur sahen; und wenn sie ihn
anredeten – was nur äußerst selten geschah, ganz als wenn sie ihn immer
noch für einen kleinen Knaben gehalten hätten, mit dem man doch
eigentlich nichts Ernstes reden könne – so glätteten sich ihre
mürrischen harten Gesichter und ich erriet, daß sie etwas Scherzhaftes,
fast Kindisches mit ihm sprachen, wenigstens tauschten die Älteren
untereinander lächelnde Blicke aus und lachten gutmütig, wenn sie seine
Antwort anhörten. Alei dagegen wagte so gut wie überhaupt nicht, seine
älteren Brüder als erster anzureden: so groß war seine Ehrfurcht vor
ihnen. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie dieser Junge es fertig
brachte, während der ganzen Zeit seiner Kátorga seine ganze
Herzensweichheit zu erhalten, eine so strenge Ehrlichkeit in sich zu
entwickeln, eine solche Herzlichkeit, so viel Sympathisches zu bewahren
und nicht zu verrohen, nicht zu verderben. Übrigens war er eine starke
und aufrechte Natur, trotz seiner ganzen scheinbaren Weichheit.
Späterhin lernte ich ihn näher kennen und durchschaute ihn ganz. Er war
keusch wie ein unberührtes Mädchen und jede gemeine, zynische,
schmutzige und jede ungerechte, gewalttätige Handlung im Ostrogg ließ
seine schönen Augen vor Unwillen erglühen, wodurch sie noch schöner
wurden. Aber auch er mischte sich nicht in das Geschimpfe ein und
vermied jeden Streit, wenn er auch nicht zu jenen gehörte, die sich
ungestraft beleidigen ließen. Im Gegenteil, er verstand es sogar sehr
gut, seinen Mann zu stehn. Aber es kam nie zu einem Streit zwischen ihm
und irgend einem anderen Sträfling: ihn hatten alle gern und von allen
wurde er verhätschelt. Anfangs war er zu mir nur sehr höflich. Mit der
Zeit aber fing ich an, mit ihm zu sprechen und in drei Monaten hatte er
schon fließend russisch zu sprechen gelernt, wozu es seine Brüder in
ihrer ganzen Strafzeit nicht zu bringen vermochten. Er schien mir ein
ungewöhnlich kluger Junge zu sein, sehr bescheiden und zartfühlend, und
schien sogar schon viel nachgedacht zu haben. Überhaupt muß ich eines
vorausschicken: ich halte Alei für ein durchaus ungewöhnliches Wesen und
denke an seine Begegnung als an eine der besten und schönsten in meinem
Leben zurück. Es gibt Charaktere, die von Natur so schön, die von Gott
so beschenkt sind, daß allein die bloße Vorstellung, er könnte sich zum
Schlechten verändern, einem ganz unmöglich scheint. Ihretwegen braucht
man sich keine Sorge zu machen, wie auch ich mir wegen Alei keine Sorge
mache. Wo mag er jetzt wohl sein? ...
Einmal, es war schon längere Zeit nach meiner Ankunft im Ostrogg, lag
ich auf der Pritsche und dachte an eine sehr drückende Erinnerung. Alei,
der sonst immer fleißig war und arbeitete, war gerade unbeschäftigt,
obwohl es noch zu früh war zum Schlafen. Sie hatten ihren
mohammedanischen Festtag und arbeiteten daher nicht. Er lag auf dem
Rücken, hatte die Hände unter den Kopf geschoben und schien in Gedanken
versunken zu sein. Plötzlich fragte er mich:
„Was, dir ist es jetzt wohl sehr schwer zumute?“