„Mein Mutterchen hat mich wohl sehr geliebt, das ist wahr. Als ich unter

die Rekruten ging, da hat sie sich hingelegt und wie ich gehört, ist sie

nicht mehr aufgestanden ... Bitter wurde es mir zum Schluß bei den

Rekruten. Der Kommandeur liebte mich nicht, für alles bestrafte er, –

und für was? Ich gehorchte allen, lebte akkurat, trank kein Gläschen,

eignete mir nichts Fremdes an, denn das ist eine schlimme Sache,

Alexander Petrowitsch, wenn der Mensch etwas Anstößiges tut. Alle um

mich herum sind solche Hartherzige, – nirgend etwas, wo man hätte weinen

können. Dann geht man einmal hinter eine Ecke und weint sich da aus ...

Und einmal stand ich Wache. Es war schon Nacht. Ich hatte den anderen

Posten abgelöst und stand neben dem Schildwachhäuschen. Der Wind ging:

es war Herbst und die Nacht war so finster, daß du dir die Augen

zerreißen konntest, und doch nichts gesehen hättest. Und da wurde mir so

traurig ums Herz! Da nahm ich mein Gewehr, nahm das Bajonett ab, legte

es neben mich; zog den rechten Stiefel aus, setzte das Gewehr gerade vor

mich hin, beugte mich mit der Brust auf die Mündung und drückte mit der

großen Zehe auf den Hahn. Was aber sehe ich? – ich bin nicht erschossen!

Das Gewehr hat versagt. Ich untersuchte alles ganz genau, reinigte das

Zündloch, schüttete neues Pulver dazu, schlug den Feuerstein etwas ab,

und setzte die Mündung wieder auf die Brust. Aber was? Das Pulver

flammte auf, aber der Schuß versagte wieder! Was ist das, denke ich!

Nahm und zog mir den Stiefel an, setzte wieder das Bajonett auf,

schweige und gehe wieder auf und ab. Und da beschloß ich denn: einerlei

wohin, aber nur heraus aus den Rekruten. Nach einer halben Stunde kommt

der Kommandeur; er machte die Runde. Er kommt gerade auf mich zu: ‚Steht

man so auf Posten?‘ schreit er. Da nahm ich das Gewehr und stieß ihm das

Bajonett bis an den Lauf in die Brust ... Viertausend Spießruten und

dann hierher, in die besondere Abteilung ...“

Er log nicht. Aus welchem Grunde wäre er auch sonst in der besonderen

Abteilung gewesen? Gewöhnliche Verbrecher werden nicht so schwer

bestraft. Ssirotkin war übrigens der einzige unter seinen

Schicksalsgenossen, der so hübsch war. Die übrigen, etwa fünfzehn an der

Zahl, – die anzusehen war geradezu sonderbar: nur zwei oder drei

Gesichter waren erträglich; die anderen dagegen alle so unansehnlich,

häßlich, schmutzig; einige unter ihnen waren schon ergraut. Wenn es die

Umstände erlauben, werde ich noch einmal bei Gelegenheit ausführlicher

auf diese Schar zu sprechen kommen. Ssirotkin stand sich oft sehr gut

mit Gasin, – von dem ich zu Anfang dieses Kapitels erzählte, wie er

betrunken in die Küche gestürzt kam, was meine anfängliche Vorstellung

vom sibirischen Sträflingsleben so gänzlich verwirrte.

Dieser Gasin war eine grauenvolle Kreatur. Auf alle machte er einen

entsetzlichen, quälenden Eindruck. Es schien mir immer, daß es nichts

geben könne, das tierischer, monströser wäre, als er. Ich habe in

Tobolsk den berüchtigten Verbrecher Kamenjeff gesehen und später den

entlaufenen Soldaten und Raubmörder Ssokoloff, doch keiner von ihnen hat

einen so abstoßenden Eindruck auf mich gemacht, wie Gasin. Es schien mir

zuweilen, wenn ich ihn sah, als hätte ich vor mir eine ungeheure

Riesenspinne, ein Insekt von Menschengröße.

Er war Tatar, war unheimlich stark, der stärkste von allen im Ostrogg;

mittelgroß, von herkulischer Gestalt mit einem scheußlichen,

unproportional großen Kopf; er ging gekrümmt und blickte absonderlich

unter der Stirn hervor, durch die struppigen Augenbrauen. Im Ostrogg

erzählte man seltsame Geschichten über ihn: man wußte, daß er früher

Soldat gewesen war, doch die Sträflinge sprachen untereinander – ich

weiß nicht, ob es wahr ist –, er sei ein Entsprungener aus Nertschinsk;

nach Sibirien sei er nicht nur einmal verschickt worden, entsprungen sei

er gleichfalls nicht nur einmal, seinen Namen habe er schon oft

gewechselt und zum Schluß war er in unseren Ostrogg, in die besondere

Abteilung gekommen, – das war Tatsache. Außerdem erzählte man sich noch,

daß er früher mit besonderer Vorliebe kleine Kinder erdrosselt habe,

einzig zu seinem Vergnügen: er habe das Kind irgendwohin an einen

passenden Ort gelockt, habe es zuerst geängstigt, gequält und erst dann,

nachdem er sich genügend an dem Entsetzen und den Qualen seines armen

kleinen Opfers geweidet, habe er es ruhig, langsam und mit Hochgenuß

ermordet. Ich weiß nicht, ob alle diese Erzählungen auf Wahrheit

beruhten oder im Ostrogg unter dem schweren, unheimlichen Eindruck, den

er auf alle und jeden machte, erfunden worden waren, jedenfalls aber

paßten sie zu ihm und schienen glaubwürdig, wenn man ihn und sein

Gesicht kannte. Indessen führte er sich im Ostrogg, wenn er nicht

betrunken war, also an allen Tagen mit Ausnahme seiner Trinkzeit oder

seines Festes, sehr vernünftig auf. Er war immer sehr still, schimpfte

niemals und vermied jeden Streit, tat dies aber gleichsam aus Verachtung

der anderen, weil er sich für höher hielt, als alle. Und auch seine

Schweigsamkeit war gleichsam vorsätzlich, er schien mit Absicht

unmitteilsam zu sein. Alle seine Bewegungen waren langsam, ruhig,

selbstbewußt. An seinen Augen sah man, daß er nichts weniger als dumm

und obendrein noch ungewöhnlich schlau war; doch stets lag etwas

hochmütig Spöttisches und Grausames in seinem Gesicht und in seinem

Lächeln. Er handelte mit Branntwein und war einer der reichsten

„Schenkwirte“ im Ostrogg. Doch zweimal im Jahre pflegte er sich selbst

zu betrinken, und dann erst, wenn er betrunken war, zeigte sich die

ganze Bestialität seiner Natur. Sein Rausch nahm nur langsam zu, und das

erste war dann, daß er die anderen zu necken anfing, und zwar nach und

nach mit den boshaftesten Spötteleien, die alle wohl erwogen und

gleichsam schon vorher von ihm erdacht worden waren. Mit der Zeit aber

geriet er in furchtbare Wut, die sich mit der zunehmenden Trunkenheit

soweit steigerte, daß er plötzlich sein Messer hervorzog und sich auf

die Menschen stürzte. Die anderen, die seine ungeheure Kraft kannten,

liefen vor ihm fort und versteckten sich, denn er stürzte sich auf

jeden, der ihm entgegenkam. Bald aber fand man ein Verfahren, ihn zu

bewältigen. Ungefähr zehn Mann stürzten sich alle mit einemmal auf ihn

und begannen ihn mit den Fäusten zu bearbeiten. Grausameres als diese

Schläge kann man sich nicht gut denken: man schlug ihn auf die Brust,

den Kopf, den Magen, in die Herzgrube, man schlug lange und mit aller

Kraft und hörte nicht vorher auf, bis er bewußtlos wurde und wie ein

Toter am Boden lag. Einen anderen Menschen würde man niemals gewagt

haben, so zu schlagen, denn das wäre gleichbedeutend mit totschlagen

gewesen – nur bei Gasin war es das nicht. Hatte man es endlich so weit

mit ihm gebracht, daß er bewußtlos war, so wurde er in seinen Halbpelz

eingewickelt und auf seine Pritsche getragen. – „Wird sich schon

ausliegen,“ hieß es, d. h., durch das Liegen wieder erholen. Und in der

Tat, am nächsten Morgen erhob er sich so gut wie gesund und begab sich

wieder schweigend und mürrisch zur Arbeit. Und jedesmal, wenn Gasin sich

betrank, wußte der ganze Ostrogg, daß der Tag für ihn mit Schlägen enden

würde. Das wußte er übrigens auch selbst, aber trotzdem betrank er sich.

So vergingen mehrere Jahre; schließlich bemerkte man, daß Gasin etwas

zusammensank. Bald klagte er auch über verschiedene Schmerzen und

magerte sichtlich ab; immer häufiger kam er ins Lazarett ... „Hat sich

endlich ergeben,“ sagten die Arrestanten unter sich.

Jetzt also trat er in die Küche, begleitet von jenem kleinen häßlichen

Polen, der von ihm als „Musikkapelle“ gemietet war, um noch das Seine

zur Fülle des Genusses beizutragen, – trat ein und blieb mitten in der

Küche stehen, während er stumm und aufmerksam alle Anwesenden musterte.

Alles verstummte. Da erblickte er mich und meinen Kameraden: er sah uns

gehässig und spöttisch an, lächelte selbstzufrieden, schien so etwas wie

zu überlegen und plötzlich trat er stark wankend an unseren Tisch:

„Darf ich fragen,“ begann er, – er sprach russisch und sogar gutes

Russisch, obgleich er Tatar war – „welche Einkünfte es euch gestatten,

hier Tee zu trinken?“

Ich tauschte mit meinem Kameraden schweigend einen Blick aus und

verstand ihn sofort: daß es am ratsamsten war, zu schweigen und ihm

nichts zu antworten. Schon das erste Wort hätte ihn rasend gemacht.

„Also habt ihr Geld?“ fuhr er fort zu fragen. „Also einen ganzen Haufen

Geld – wie? Seid ihr also deswegen in die Kátorga gekommen, um hier Tee

zu schlemmen? Ihr seid also nur zum Teetrinken hergekommen? So antwortet

doch, daß euch der! ...“

Als er aber begriff, daß wir uns entschlossen hatten, zu schweigen und

ihn nicht zu bemerken, wurde er rot vor Wut und erbebte am ganzen

Körper. Nicht weit von ihm stand in der Ecke ein großer Brotkasten, etwa

in der Form eines Troges, in den das ganze aufgeschnittene Brot für das

Mittag- oder Abendessen der Sträflinge hineinkam. Er war so groß, daß

das Brot für den halben Ostrogg in ihn hineinpaßte, war aber in dem

Augenblick leer. Diesen Kasten ergriff nun Gasin mit beiden Händen und

erhob ihn über uns – noch ein Augenblick, und er hätte uns die Schädel

zerschmettert.

Doch ungeachtet dessen, daß ein Totschlag, oder der Versuch eines

solchen für den ganzen Ostrogg sehr unangenehme Folgen hatte, –

Untersuchungen, Durchsuchungen, strengere Aufsicht usw. – und es im

Interesse eines jeden lag, ähnliches zu verhüten, blieben diesmal alle

stumm und rührten sich nicht. Kein Wort zu unserer Verteidigung! Kein

Ruf an Gasin! – so groß war ihr Haß gegen uns. Unsere gefährliche

Situation war ihnen offenbar sehr angenehm ... Aber die drohende Gefahr

ging noch glücklich vorüber: im Augenblick, da er den Kasten auf uns

niederschleudern wollte, schrie plötzlich jemand aus dem Flur ihm zu:

„Gasin! Dein Branntwein ist gestohlen!“

Er schleuderte den Kasten zu Boden und stürzte wie ein Irrsinniger

hinaus.

„Nun, diesmal hat Gott selbst euch gerettet!“ sagten die Sträflinge.

Und noch lange sagten sie es immer wieder.

Leider konnte ich es nicht erfahren, ob diese Nachricht von dem

gestohlenen Branntwein auf Tatsache beruhte oder rechtzeitig zu unserer

Rettung erfunden worden war.

Am Abend, als es bereits dunkel war, ging ich noch, kurz bevor die

Kasernen zugeschlossen wurden, am Palissadenzaun umher und eine tiefe

Schwermut legte sich auf meine Seele. Niemals wieder habe ich während

meines ganzen Gefängnislebens eine so große Schwermut empfunden. Der

erste Tag der Gefangenschaft ist überall schwer: gleichviel ob im

Ostrogg, in der Kasematte oder in der Kátorga ... Aber – ich erinnere

mich – mehr als alles andere beschäftigte mich ein Gedanke, der mich

auch später während der ganzen Zeit im Ostrogg unablässig verfolgt hat,

– eine teilweise unlösbare Frage, die auch jetzt noch für mich unlösbar

ist, und die doch einmal Wirklichkeit werden muß: das ist die notwendige

Ungleichheit der Strafen für ein und dasselbe Verbrechen.

In der Regel läßt sich kein einziges Verbrechen mit einem anderen

vergleichen, nicht einmal annähernd. Zum Beispiel: dieser und jener

haben einen Menschen ermordet; alle Umstände beider Verbrechen sind

erwogen worden; und für dieses wie jenes Verbrechen wird fast dieselbe

Strafe auferlegt. Indessen aber – sehe man doch nur genauer hin, welch

ein Unterschied zwischen diesem und jenem Verbrechen ist. Der eine zum

Beispiel hat einen Menschen um nichts und wieder nichts ermordet, sagen

wir, um eine Zwiebel: er ging auf die Landstraße, ermordete einen

vorüberfahrenden Bauer, der aber hatte im ganzen nur eine Zwiebel bei

sich.

„Was nun, Väterchen,“ sagt der Verbrecher zum Geistlichen, „du hast mich

zum Erwerb ausgesandt, da habe ich nun einen Bauer erschlagen und dafür

nur eine Zwiebel gefunden.“ – „Dummkopf! Eine Zwiebel ist eine Kopeke,

hundert Seelen machen hundert Zwiebeln aus – da hast du einen Rubel

weg.“ (Eine Ostrogglegende.)

Der andere aber hat gemordet, um die Ehre seiner Braut, seiner Schwester

oder seiner Tochter vor einem wollüstigen Schurken zu schützen. Ein

dritter hat als Vagabund erschlagen, verfolgt von einer ganzen Schar von

Häschern, hat erschlagen, um seine Freiheit, sein Leben zu verteidigen,

nicht selten angesichts des Hungertodes. Und ein vierter mordet kleine

Kinder aus bloßer Lust am Morden, um ihr warmes Blut über seine Hände

fließen zu fühlen, um sich an ihrer Angst, an ihrem Zittern unter dem

Messer – zu ergötzen. Und? Dieser wie jener kommen in dieselbe Kátorga.

Allerdings: es gibt Unterschiede in der Zeit der Strafe. Aber diese

Unterschiede sind verhältnismäßig gering, – bei ein und derselben Art

von Verbrechen dagegen ist der Unterschied oft so groß, daß man sie

überhaupt nicht miteinander vergleichen kann. Jeder Charakter enthält

schon den Unterschied. Doch nehmen wir an, daß es unmöglich wäre, diesen

Unterschied auszugleichen, daß dieser Unterschied in seiner Art eine

ebenso unlösbare Aufgabe sei, wie die Quadratur des Kreises – nehmen wir

an, daß es so ist. Aber selbst wenn es diesen Unterschied nicht gäbe, –

so betrachte man doch den anderen Unterschied – den in den Folgen der

auferlegten Strafe ...

Da haben wir einen Menschen, der in der Kátorga hinsiecht, der geradezu

wie ein Licht verbrennt; und da haben wir einen anderen, der vor seinem

Eintritt in die Kátorga überhaupt nicht gewußt hat, daß es in der Welt

ein so lustiges Leben, einen so angenehmen Klub verwegener Gesellen

gibt. Ja, auch solche kommen in den Ostrogg ... Da haben wir zum

Beispiel einen gebildeten Menschen mit entwickeltem Bewußtsein, Herzen

und Gewissen. Schon der Schmerz seines eigenen Herzens bringt ihn

bereits vor jeder Strafe durch seine Qualen um. Er wird sich für seine

Verbrechen schonungsloser, unbarmherziger selbst verurteilen, als es

jedes strafende Gesetz tun könnte. Und neben ihm ein anderer, der

während seiner ganzen Zwangsarbeit auch nicht ein einziges Mal an den

von ihm begangenen Mord denkt. Er hält sich womöglich noch für völlig

schuldlos. Und es gibt auch solche, die absichtlich Verbrechen begehen,

nur um in einen Ostrogg zu gelangen, und auf diese Weise von der

verhältnismäßig viel größeren Zwangsarbeit in der Freiheit erlöst zu

sein. Dort hat er in der größten Erniedrigung gelebt, nie sich sattessen

gekonnt und für seinen Arbeitgeber vom Morgen bis zum Abend gearbeitet;

im Ostrogg aber ist die Arbeit leichter, zu essen hat er soviel er will,

und noch dazu ein Essen, wie er es früher nie gesehen hat; an Feiertagen

Rindfleisch, milde Gaben und außerdem die Möglichkeit, sich immer noch

ein paar Kopeken zu verdienen.

Und die Gesellschaft, in die er kommt? Ein in allem beschlagenes,

gewandtes, alles kennendes und könnendes Volk: er sieht mit der

respektvollsten Verwunderung zu seiner neuen Umgebung empor; er hält sie

für die allerhöchste Gesellschaft, die es in der Welt nur geben kann!

Sollte nun wirklich die Bestrafung für diese zwei Menschen in gleichem

Maße fühlbar sein?

Doch übrigens, wozu sich mit unlösbaren Fragen abgeben! Die Trommel

ertönt, es ist Zeit, in die Kaserne zu gehen.

IV.

Die ersten Eindrücke, Fortsetzung

Die letzte Revision. Dann geht es in die Kasernen. Jede Tür hat ein

besonderes Schloß und die Arrestanten sind bis zum nächsten Morgenrot

eingeschlossen.

Die Revision wird von einem Unteroffizier und zwei Soldaten vorgenommen.

Zuweilen wurden alle Arrestanten auf dem Hof aufgestellt und dann wohnte

der wachhabende Offizier der Zählung bei. Größtenteils aber wurde diese

Zeremonie unzeremonieller erledigt: man revidierte jede Kaserne einzeln.

So war es auch an jenem Tage. Die Soldaten verzählten sich mehr als

einmal, gingen und kehrten von neuem zurück. Endlich, nachdem sie die

gewünschte Anzahl zusammengezählt hatten, wurde die Kaserne

verschlossen. In ihr blieben an dreißig Menschen, die alle ziemlich eng

auf der langen Pritsche zusammengepfercht waren. Zum Schlafen war es

noch zu früh. So mußte sich ein jeder mit irgend etwas beschäftigen.

Von Beamten oder Wachen blieb in der Kaserne nur ein Invalide zurück.

Außerdem gab es in jeder Kaserne noch einen Ältesten von den

Arrestanten, der von dem Platzmajor persönlich eingesetzt war,

selbstverständlich als Belohnung für gute Aufführung. Es kam aber nicht

selten vor, daß auch die Ältesten an gefährlichen Streichen mitbeteiligt

waren; dann wurden sie geknutet, ohne weiteres zu Gemeinen degradiert

und durch andere, würdigere ersetzt.

In unserer Kaserne war der Älteste Akim Akimytsch, der zu meiner nicht

geringen Verwunderung von Zeit zu Zeit die Sträflinge zur Ruhe verwies,

wofür jene ihn in der Regel mit spöttischen Bemerkungen bedachten. Der

Invalide war klüger als er und mischte sich in nichts ein, kam es aber

einmal dazu, daß er seine Zunge in Bewegung setzte, so sagte er

gewissermaßen nur anstandshalber ein paar Worte, um vor seinem Gewissen

seine Pflicht zu erfüllen. Schweigend saß er sonst auf seinem Lager und

nähte an einem Stiefel.

An jenem ersten Tage meines Ostrogglebens machte ich eine Beobachtung,

von deren Richtigkeit, mich völlig zu überzeugen, ich späterhin Zeit und

Gelegenheit hatte. Nämlich: daß alle Nichtarrestanten, wer sie auch sein

mögen, angefangen selbst von denen, die mit den Arrestanten in

unmittelbarer Verbindung stehen (wie zum Beispiel die Eskortesoldaten,

die Wachen und Schildwachen), bis zu allen, die nur irgend welche

Beziehungen zum Ostroggleben haben – daß alle übertrieben mißtrauisch

auf die Arrestanten sehen, ganz als erwarteten sie jeden Augenblick, daß

der Arrestant sich sogleich mit einem Messer auf einen von ihnen stürzen

werde. Doch das bemerkenswerteste dabei war – die Arrestanten wußten es

selbst – daß man sie fürchtete, und dieses Bewußtsein verlieh ihnen so

etwas wie größeren Mut. Indessen ist der beste Kommandeur für sie gerade

ein solcher, der sie nicht fürchtet. Ja, und überhaupt ist es ihnen viel

angenehmer, wenn man Zutrauen zu ihnen hat – sogar trotz des wachsenden

Mutes im anderen Fall. Damit kann man sogar ihre Neigung erwerben.

Es kam zuweilen auch zu meiner Zeit vor, wenn auch nur sehr selten, daß

einer der Offiziere den Ostrogg ohne Begleitmannschaft betrat. Da hätte

man sehen sollen, wie das den Arrestanten imponierte, wie verwundert sie

zuerst waren, und einen wie guten Eindruck es auf sie machte. Ein solch

furchtloser Besucher erweckte stets Achtung für sich, und selbst wenn

etwas Schlimmes sich hätte ereignen können – in seiner Gegenwart wäre es

nicht geschehen. Die Arrestanten flößen überall Angst ein, wo sie auch

sein mögen, und ich weiß wirklich nicht, was im Grunde die Veranlassung

dazu gibt. Natürlich liegt einige Veranlassung dazu schon allein in der

äußeren Erscheinung des gekennzeichneten Verbrechers. Außerdem fühlt ein

jeder, der sich dem Ostrogg nähert, daß dieser ganze Menschenhaufe nicht

aus eigenem Willen an diesem Ort zusammenlebt, und daß man einen

lebendigen Menschen ungeachtet aller Vorkehrungen und Gewalt nicht zu

einem lebenden Leichnam machen kann: er behält trotz allem Gefühle,

Rachedurst und Lebensdurst, und Leidenschaften und mit diesen auch das

Bedürfnis, sie zu befriedigen. Aber nichtsdestoweniger bin ich

überzeugt, daß man die Arrestanten ganz grundlos fürchtet. Der Mensch

wirft sich nicht so leicht und so schnell mit einem Messer auf einen

anderen Menschen. Mit einem Wort, selbst wenn auch Gefahr vorhanden

wäre, selbst wenn sie mitunter auch in der Tat vorhanden ist, so kann

man doch bereits aus der Seltenheit solcher Vorfälle ersehen, wie gering

sie in Wirklichkeit ist. Versteht sich, ich rede hier nur von

verurteilten Arrestanten, von denen viele sogar froh sind, daß sie

endlich in den Ostrogg hineingelangt – so schön ist bisweilen ein neues

Leben! – und folglich ruhig und friedlich zu leben geneigt sind; und

außerdem würden sie auch den wirklich unruhigen Elementen unter sich

nicht gar zu viel Sprünge erlauben. Jeder Zwangsarbeiter fürchtet die

Gesamtheit – gleichviel, wie furchtlos und unbekümmert um die anderen er

auch sein mag. Der unter Anklage stehende Sträfling dagegen ist eine

ganz andere Sache. Dieser ist tatsächlich fähig, sich auf einen Menschen

zu stürzen, der ihm nichts getan hat, und zwar einzig aus dem Grunde,

weil er morgen für irgend ein Vergehen bestraft werden soll, der neue

Frevel aber die Strafe hinausschiebt, bis die Sache untersucht ist. Hier

aber gibt es doch immerhin eine Ursache und einen Zweck, warum er einen

anderen anfällt, – das ist: „sein Schicksal zu verändern,“ wie sie

sagen, was es auch koste, und zwar möglichst schnell. Ich selbst

erinnere mich eines psychologisch sehr seltsamen Vorfalls in dieser Art.

In der Militärabteilung unseres Ostrogg gab es einen Arrestanten, einen

von den Soldaten, der nicht seiner bürgerlichen Rechte beraubt und nur

auf zwei Jahre verschickt war – ein entsetzlicher Prahler und ein

bemerkenswerter Feigling. Im allgemeinen trifft man Prahlsucht und

Feigheit äußerst selten beim russischen Soldaten. Unser Soldat sieht

immer so beschäftigt aus, daß er, selbst wenn er prahlen wollte, keine

Zeit dazu hätte. Ist er aber einmal ein Prahler, so ist er sicherlich

auch faul und feige.

Dutoff – so hieß der Arrestant – hatte endlich seine kurze Strafzeit

„abgelebt“ und war darauf wieder in sein Linienbataillon zurückgekehrt.

Da aber alle gleich ihm in den Ostrogg zur Besserung geschickten

Soldaten in der Gefangenschaft endgültig verderben, so kommt es

gewöhnlich so, daß sie nach zwei bis drei Wochen in der Freiheit für ein

neues Vergehen wiederum verurteilt werden und wieder in den Ostrogg

zurückkehren, nur mit dem Unterschiede, daß sie dann nicht auf zwei oder

drei Jahre, sondern in die „ewige“ Abteilung, auf fünfzehn bis zwanzig

Jahre kommen.

So geschah es auch hier.

In der dritten Woche nach seinem Austritt aus dem Ostrogg hatte Dutoff

einen Diebstahl begangen; außerdem hatte er einem Offizier grob

geantwortet und in der Kaserne Unfug getrieben. Er kam vors Gericht und

wurde zu einer schweren Strafe verurteilt. Die bevorstehenden Spießruten

flößten ihm aber einen solchen Schrecken ein, er fürchtete sich wie der

letzte Feigling dermaßen vor ihnen, daß er sich am Tage vor dem

Spießrutenlaufen mit einem Messer auf den die Strafkammer betretenden

wachhabenden Offizier stürzte. Natürlich wußte er sehr gut, daß man für

ein solches Vergehen seine Strafe um ein Bedeutendes erschweren und die

Dauer seiner Zwangsarbeit verlängern würde. Aber seine ganze Berechnung

bestand darin, wie er den furchtbaren Augenblick der Spießrutenstrafe

wenigstens auf ein paar Tage, oder auch nur auf ein paar Stunden

hinausschieben könnte! Er war dermaßen feige, daß er den Offizier nicht

einmal mit dem Messer verletzte, sondern den ganzen Überfall nur ^pro

forma^ machte, nur zu dem Zweck, um eines neuen Vergehens schuldig zu

sein, für das man ihn vorläufig in strenge Untersuchungshaft nehmen

würde, durch die dann die andere Strafe noch hinausgeschoben werden

mußte.

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